Der Iran und die Besorgten

Das alte Lied wird wieder einmal neu aufgelegt. Die Komposition ist simpel und sie ist eingängig. Das Lied bedient die eingetrichterten Vorurteile und beruhigt das schlechte Gewissen. Ja, und natürlich sind wir, die Guten besorgt. Dabei wissen die Besorgten so ziemlich nichts über den Iran. Das müssen sie auch nicht, denn das alte Lied erzählt eine weitere B-Geschichte.


Erinnern Sie sich? Die B-Geschichte ist eine Formulierung, welche der australische Publizist Tim Anderson in seinem Buch „Der schmutzige Krieg gegen Syrien“ verwendete.(1) Während die Drahtzieher von Regime Changes, auch Farbrevolutionen genannt, ihre A-Geschichte durchziehen, präsentieren sie dem konsumierenden Publikum eine B-Geschichte. Diese schildert märchenhaft den Aufstand der Guten gegen das Böse und die Verpflichtung der freien Welt, den Bedrängten zu helfen, also zu intervenieren. Ein Netzwerk, welches durch Geld und psychischen Druck Opportunismus, Korruptheit und Überhebung füttert, betreibt beide Welten; die handfeste wie blutige Umsetzung der A-Geschichte und die virtuelle, schlicht gestrickte und leicht konsumierbare B-Geschichte.

Die B-Geschichte wird vor allem durch Propaganda unter die Leute gebracht, wozu ein umfangreiches Netzwerk von Denkfabriken, Nichtregierungs-Organisationen (NRO), Stiftungen, Medien und politischen – wie wirtschaftlichen Verflechtungen, bis hin zu internationalen Organisationen der Staatengemeinschaft aufgebaut wird. Denn schließlich sind die Ziele, welche in der A-Geschichte angestrebt werden, konkret, egoistisch und herrschaftsdienlich.

Das Lied von der B-Geschichte ist nun so oft angestimmt worden, dass man meinen könnte, kein vernünftiger Mensch würde mehr in dieses Lied einstimmen. Nicht mehr heute, nachdem die Lügen, welche solche Geschichten transportieren, zu Hauf entlarvt wurden. Doch ist dem nicht so, denn die Empfänglichkeit für Propaganda ist keine Frage der Intelligenz sondern unserer Egos. Umgekehrt ist das Wissen, wie Propaganda eigentlich funktioniert, eine große Hilfe, um B-Geschichten als solche zu entlarven. Denn der Getäuschte glaubt ja bis dahin fest, die A-Geschichte zu hören!

Wie schon gesagt, wissen die meisten Menschen, die über den Iran urteilen und seine politische Führung verurteilen reinweg gar nichts. Ein kleiner Teil besitzt rudimentäre Kenntnisse und zählt sich damit schon als Kenner. Manche kennen Iraner, die ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen verließen und projizieren deren persönliches Schicksal auf ein ganzes Land. Damit meinen sie, zu den Experten zu gehören und sich erst recht ein Urteil erlauben zu dürfen.

Die vorurteilende, ja vorverurteilende Überhebung über eine fremde, komplexe Gesellschaft mit einzigartiger Geschichte ist die scheunentorgroße Einladung, in die B-Geschichte einzustimmen. Sie ist arrogant, oberflächlich und empathielos; schert sie doch auch mit gekonnt systemischer Sicht, nach Schubladen geordnet, die dortigen gesellschaftlichen Akteure über einen Kamm.

Das ist ein richtig großes Problem. Das Denken in Schubladen und das Werten nach diesen Schubladen ist ein universell gelebtes Prinzip in unserer Gesellschaft. Es beschreibt das verhaftet sein in Ideologien. Es wird im politischen Diskurs der gesellschaftlichen Gruppen hier in Deutschland offen und zunehmend radikal gelebt. Wie es auch gegenüber anderen Gesellschaften und Staaten unverschämt ausgelebt wird. Und zwar immer dann, wenn diese vom alternativlosen Normalen – was selbstredend die westliche Wertegemeinschaft vorgibt – wagen, abzuweichen.

Schauen wir uns also nachfolgend mal dieses universell gelebte Prinzip der sogenannten freiheitlichen Demokratien an – und – vergleichen das mit Fällen aus der Vergangenheit. (b1)



Die hier von der ARD-Tagesschau angebotene Analyse vermittelt bereits in der Überschrift die komplette B-Geschichte. Und diese B-Geschichte ist eine komplette Lüge! Wie das?

Wie kann ich behaupten, dass das eine Lüge ist? Das Folgende ist noch keine Antwort – hilft aber bei der Findung: (b2)



Das war exakt sechs Jahre vor dem „Wutausbruch“ im Iran. Zwei Meldungen, jeweils Teil von B-Geschichten und mit sinngemäß gleicher Überschrift. Die emotionale Botschaft ist eingängig und wird dankbar geschluckt: Die Guten stehen auf gegen das Böse, schließt Euch an, schließen SIE sich an. In beiden Fällen steht das Volk gegen die Diktatur auf. Zur Erinnerung und zur Erhärtung des Verdachts, dass da Spin-Doktoren am Werk waren und sind. Der Beginn des „Volksaufstandes“ in Libyen am 17.Februar 2011 nannte sich ebenfalls: Tag des Zorns.

Aber warum sollen das Lügen sein?


Weil hier jeweils Nachrichten verkauft wurden, die keine Nachrichten sind. In beiden Meldungen werden statt sachlicher Information gezielt Ihre Emotionen, vor allem Ihr emphatischer Nerv angesprochen. Sie werden emotional verstrickt und gezwungen, Partei zu ergreifen. Mehr noch werden Sie aufgefordert, Gewalt zu fordern! Die Lüge steckt also bereits in der Art, wie Sie die Information erhielten, denn Sie werden getäuscht. Das sind KEINE Nachrichten, das ist Propaganda. So sind B-Geschichten aufgebaut.


Sobald Sie eine „Nachricht“ lesen, sehen oder hören, die emotional aufgebauscht ist, zielt die „Nachricht“ auf Ihr Unterbewusstes und versucht Sie auf diese Weise zu manipulieren. Die Verfasser der „Nachricht“ sind sich dessen – davon bin ich ziemlich überzeugt – in den meisten Fällen gar nicht bewusst.

Für uns ist es von unschätzbaren Wert zu erkennen, wann „Nachrichten“ gar keine sind, sondern schlichte Manipulation. Das hilft uns vor allem dort, wo uns Wissen fehlt. Wissen über Land und Leute, Wissen über Hintergründe und Geschichte. Das emotionale Anstreichen einer Meldung hat immer den Vorsatz, Ihre Meinung zu bilden, bevor Sie sich diese Ihre Meinung überhaupt selbst bilden konnten.

Das Wissen um einen grundsätzlichen Wesenszug von Propaganda, nämlich die emotional eingefärbte und Sie lenken wollende Überschrift gibt uns nun Freiheitsgrade. Aufgrund der drastisch gesunkenen Glaubwürdigkeit der Nachricht steigen wir einfach aus dem Spiel aus und setzen uns dem Angriff auf unser Unterbewusstes nicht weiter unnötig aus. Im Nachgang befassen wir uns mit Dingen, die für uns wirklich wichtig und möglichst positiv gerichtet sind.

Es ist aber – wenn auch nicht prinzipiell – durchaus sinnvoll, danach die Probe aufs Exempel zu machen. Das bedeutet, wir schauen ganz bewusst hinter die erkannte B-Geschichte und versuchen die A-Geschichte zu entdecken. Da Propaganda in ihrer Emotionalität kein Problem hat, sich gleichzeitig völlig irrational zu verhalten, finden wir dann oft schon in ihr selbst, zwischen Lügen und Weglassen, Fragmente der A-Geschichte. Die ARD-Tagesschau hilft uns dabei:

„Die Proteste im Iran haben weitere Todesopfer gefordert: In der vergangenen Nacht kamen bei den gewaltsamen, landesweiten Unruhen weitere neun Menschen ums Leben, wie das staatliche Fernsehen berichtete. Sechs Demonstranten seien getötet worden, als sie in der Provinz Isfahan rund 350 Kilometer von Teheran entfernt eine Polizeistation attackierten.“(2)

Das sind reichlich Informationen! „Proteste“ ganz am Anfang ist Propaganda, denn die Proteste haben eben KEINE Todesopfer gefordert. Und es waren sicher nicht Unruhen, durch die gewissermaßen, im allgemeinen Aufruhr Menschen versehentlich getötet wurden. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen fanden nachts statt, eine sehr gute Tarnung für die Täter. Sechs der Toten griffen vor ihrem Ableben eine Polizeistation an. Die Unruhen wurden außerdem landesweit gemeldet. Spontane landesweite nächtliche Gewalt im Iran; wenn ich das höre, werde ich stutzig.

Moment mal, reden wir hier wirklich von friedlichen Demonstrationen? Das sollen Proteste sein? Reisen wir doch mal kurz in die Vergangenheit – Achtung: B-Geschichte:

„Am vergangenen Freitag waren in der Stadt [Daraa] Proteste ausgebrochen, weil die Behörden mehrere Schulkinder verhaftet hatten. Die sieben bis elf Jahre alten Kinder hatten freiheitliche Parolen an Häuserwände gesprüht. Der Versuch, die Demonstrationen gewaltsam zu beenden, trieb jedoch täglich mehr Leute auf die Straße. Nach Angaben des Damascus Centers for Human Rights Studies waren allein bis Mittwoch in Daraa 36 Menschen getötet worden.“(3)

Natürlich wurde Ihnen damals nicht gesagt, dass das Damascus Centers for Human Rights Studies (DCHRS) NICHT in der syrischen Hauptstadt Damaskus beheimatet ist. Das hätte die Nachricht viel zu tendenziös klingen lassen. Es sitzt in Washington, um von den USA aus – kleiner notwendiger Umweg – aus Syrien zu berichten.(4) Die Information war geboren und konnte nun ausgeschlachtet werden. Die Rolle von Human Rights Watch (HRW) und deren Scharfmacher Kenneth Roth bei der Gestaltung von B-Geschichten ist inzwischen legendär. Sie gerierten sich auch hier umgehend als Anwalt der Guten und erhöhten den Druck vor allem auf die Bürger in den westlichen Staaten:

„In einer Protesterklärung führt die Menschenrechtsorganisation die bislang bekannten Opfer namentlich auf. In der Nacht auf Mittwoch verschärften die Sicherheitskräfte demnach ihr Vorgehen. Auf ihrer Webpage zitiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Bewohner der Stadt, der von kriegsähnlichen Zuständen spricht: „Ich habe wirklich Angst vor einem Massaker.“ Auf dem Videokanal Youtube finden sich zudem zahlreiche Filme, die Opfer mit Schusswunden zeigen.“(5)

Es gab keine verlässlichen und geprüften Quellen, doch die Nachricht war geboren, erfunden. Das Narrativ von Daraa hatte das Licht der Welt erblickt, die Mär vom Bürgerkrieg in Syrien konnte ihren Lauf nehmen. Ein Märchen – ein reines Fantasieprodukt wurde zum singulären Ereignis für das Medienpublikum in den westlichen Demokratien. Nie hat jemals ein Mensch die jugendlichen Graffiti-Künstler von Daraa ausfindig machen können; weder sie noch ihre Eltern. 

Baschar al-Assad: Zunächst einmal hat es die ganze Geschichte gar nicht gegeben. Sie ist einfach nicht passiert, sondern war reine Propaganda. Wir haben davon gehört, aber nie auch nur eines dieser Kinder gesehen, die ins Gefängnis gekommen sind. Es war eine Lügengeschichte. […]  Also – geschehen ist das Erwähnte nicht, wäre es jedoch geschehen, so wäre es kein Vorwand für irgendjemanden, sich zu bewaffnen, gegen die Regierung zu kämpfen und unschuldige Zivilisten zu töten. (5)

Der syrische Präsident machte diese bemerkenswerten Äußerungen in einem Interview der ARD. Eine Gegendarstellung durch den deutschen Bezahlsender wurde nicht einmal versucht – warum wohl? Es wurde auch nicht weiter die Logik untersucht, warum der „Aufstand“ eigentlich in Daraa, einer kleinen Provinzstadt nahe der jordanischen Grenze ausgebrochen sein sollte. Merken wir uns mal „kleine Stadt“ (Hervorh. PA):

„Die Proteste im Iran sollen gestern Abend vor allem in der kleinen Stadt Iseh heftig gewesen sein. Es gibt Berichte von mehreren Toten, auch von Schüssen auf Demonstranten. Das Staatsfernsehen meldete am Morgen zehn Tote bei den gestrigen Auseinandersetzungen in verschiedenen Städten des Landes. Dabei hätten einige bewaffnete Demonstranten versucht, Polizeiwachen und Militärstützpunkte zu erobern, seien dabei aber auf Widerstand der Sicherheitskräfte gestoßen.“(6) 

Nochmal: DEMONSTRANTEN versuchen Militärstützpunkte und Polizeiwachen zu erobern? Ersetzen Sie Demonstranten durch (mit Geld oder Ideologie) gekaufte Provokateure und schon haben Sie die A-Geschichte. Friedliche Demonstranten stürmen keine Militärstützpunkte – oder würden Sie als friedlich Demonstrierender auf solch ein Idee kommen?

Weiter oben habe ich also Zweifel ob der friedlichen Proteste angedeutet und Parallelen zu Syrien aufgezeigt. Ein friedlicher Volksaufstand wird brutal niedergeschlagen und die Völkergemeinschaft (also der freie Westen) schreit empört auf – ob des Frevels. Damals geschehen in Syrien und in Libyen, mit HRW und Kenneth Roth und heute? (b3)

Hier erfand Kenneth Roth eine Demonstration des aufbegehrenden iranischen Volkes. Dabei entging ihm, dass auf den Plakaten auch die Konterfeis der geistlichen iranischen Führung abgebildet waren, es sich also um eine Pro-Regierungs-Demonstration handelte. Klammheimlich ist dieser Tweet inzwischen wieder gelöscht wurden. Das sieht dieser Tage etwas überhastet aus, wie versucht wird, innere Probleme eines Landes (natürlich hat auch der Iran solche) zu einem Regime Change hochzukochen.(7)

Doch emotional aufrüttelndes Bildmaterial ist dringend notwendig, um die Menschen hier(!) auf bewährte Weise verführen zu können. Bezeichnend, dass diese Kampagne über Internet-Dienste auch von Saudi-Arabien aus geführt wird. Ein solches Vorgehen als Teil einer geplanten Strategie für einen Regime Change im Iran seitens der erzkonservativen Ölmonarchie war schon vor Jahren über Wiki Leaks offen gelegt wurden.(8) Wie auch bekannt ist, dass Israel und die USA seit Längerem die terroristische MEK fördern, welche mit Terror und gezielten Mordanschlägen im Iran auf sich aufmerksam macht.(9,10,a1) Die Saudis und Israel sind übrigens derzeit ziemlich beste Freunde – eine aufschlussreiche Symbiose von Demokratie und mittelalterlich anmutender Diktatur. Nach dem gleichen Muster wie bei der Berichterstattung in Syrien (SOHR und Aktivisten von Syria Campaign) dient nun MEK im Falle des Iran, um von Protesten zu berichten – und zwar für die deutschen Massenmedien.(11)

Auch die FAZ war sich nicht zu blöd, eine große Demonstration für die iranische Regierung in eine Gegendemonstration zu verzaubern. Und auch sie tauschte irgendwann das Bild klammheimlich aus.(12,13) Weitere Beispiele der groben Vernachlässigung journalistischer Sorgfaltspflicht im Dienste der Predigt für die B-Geschichte eines „Volksaufstandes“ im Iran finden Sie hier. Und dieses Blog hat in seinem Beitrag etwas auf den Punkt gebracht, auf das ich an der Stelle explizit hinweisen möchte:

„Warum werden die Fotos von den Demonstrationszügen so oft verwechselt? Weil es nur von einer Seite Demonstrationszüge gibt. Von den gewalttätigen Protestlern gibt es kaum bessere Fotos als dieses hier:“(14)

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Zurück zum Tagesschau-Bericht in dem wir noch etwas Interessantes erfahren:

„Das Internet im Iran wird weiterhin stark gedrosselt oder blockiert – wichtige Plattformen und Kommunikationswege bleiben abgeschaltet.“(15)

Im Duktus der B-Geschichte ist es eine Zwangsmaßnahme des Unrechtsstaates, in dem der A-Geschichte jedoch ist es eine Abwehrmaßnahme um die „völlig spontan“ über das Land verteilten Aufstände  „friedlicher Demonstranten“ zu beenden.(16) Denn wer glaubt, dass diese Gewalt „einfach so“ entstand, ist – mit Verlaub – naiv. Das war nicht so im Iran der letzten Tage und das war es auch nicht in Venezuela und auch nicht in Syrien und Libyen, nicht in Hongkong und der Türkei – und natürlich auch nicht in der Ukraine. Wer braucht also die Herz zerreißende B-Geschichte, um erneut knallhart die nächste desaströse A-Geschichte zu schreiben? Die Scharfmacher aus den USA, wie deren UN-Botschafterin Nikki Haley melden sich schon zu Wort:

„Die Demonstrationen sind komplett spontan. Sie finden in nahezu jeder Stadt im Iran statt“, sagte Haley. Es sei ein Bild eines „lang unterdrückten Volkes, das sich gegen seine Diktatoren aufbäumt.“(17)

Was Sie hier erfahren sind altbekannte Konzepte, ausgearbeitet von den einflussreichsten westlichen Denkfabriken, wie dem Brookings Institute, welches bei der Bilderberg-Konferenz regelmäßig vertreten wird. Eben Jenes hatte bereits die Zerschlagung des Irak (Bosnien-Option) konzeptionell beschrieben(18) und war im Jahre 2009, was den Iran betrifft, ziemlich konkret geworden.(19) Im Jahre 2017 stattete einer der mächtigsten Politiker der USA, der Führer der Republikaner im US-Senat, der albanischen Hauptstadt Tirana einen Besuch ab. Der weiter oben erwähnten Terrororganisation MEK galt dort seine höchste Wertschätzung. Haleys Worte oben und McCains lobende Worte an die MEK bei diesem Treffen führen die B-Geschichte auf die A-Geschichte zurück. (20,b4)


US-Senator John McCain trifft sich am 14.April 2017 mit der Führerin der terroristischen MEK, Maryam Rajavi, in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Es scheint da einige „Weltverbesserer“ zu geben, die eine Chance zur Destabilisierung des Iran sehen, da es durchaus signifikante Meinungsverschiedenheiten innerhalb der iranischen Führungsspitze gibt – was mit den Vorgängen um den Internetdienst Telegram korelliert:

„Während bei den letzten großen Protesten 2009 nur über Twitter Informationen zirkulierten und Austausch erfolgte, haben inzwischen über 24 Millionen Iraner Zugang zum Kommunikationsdienst Telegram. Die Justiz hat immer wieder versucht, diese App wie Facebook und Twitter zu verbieten, doch ist sie damit zuletzt nicht durchgekommen – aufgrund der Intervention von Präsident Rouhani. Denn diese App wird auch von ihm genutzt. Telegram ist für ihn überlebenswichtig, denn die staatlichen Medien stehen nicht auf seiner Seite.“(21)

Auch das gehört zur A-Geschichte. In Libyen war die sogenannte westliche Wertegemeinschaft in ihrer Zerschlagung des afrikanischen Staates erfolgreich, als sie dessen Konflikt in der politischen Spitze für sich ausnutzte. Der Iran, den ich als Staat und Gesellschaft für bedeutend geschlossener und gefestigter halte, sollte trotzdem wachsam sein und sich nicht auf dieser Ebene spalten lassen.


Doch fassen wir noch einmal zusammen. Wenn Bewaffnete landesweit, offenbar koordiniert und im Schutze der Nacht Polizei- und Militäreinrichtungen angreifen und somit Chaos und Gewalt provozieren, dann sind das mit Sicherheit nicht friedliche Demonstranten. (a2)


Und die Besorgten? Da sind sie wieder:

„Ich bin sehr besorgt angesichts der jüngsten Entwicklungen in Iran und der Meldungen über weitere getötete Demonstranten und zahlreiche Verhaftungen. Wir appellieren an die iranische Regierung, die Rechte der Demonstranten zu respektieren, sich zu versammeln und frei und friedlich ihre Stimme zu erheben.“(22)

Wie war das nochmal im vergangenen Jahr beim G20-Gipfel in Hamburg? Haben da die führenden deutschen Politiker auch so vehement das Demonstrationsrecht verteidigt? Mir klingt ständig in den Ohren, dass Sicherheitskräfte hierzulande viel stärker durchgreifen müssten – wegen unserer Sicherheit.(23) Bei den zurückgebliebenen Mullahs da unten im Iran ist das natürlich völlig anders zu sehen. 

Beim amtierenden deutschen Außenminister bin ich mir nicht sicher, warum er so spricht. Der Mann gehört – meiner Ansicht nach – zu denen, die ganz genau wissen, was da im Iran geschieht und trotzdem „besorgt“ sind, natürlich ob des „Regimes“. Warum sagt Sigmar Gabriel so etwas, warum macht er sich so zum Büttel der Macht? Hat er Angst? Ich werden ihn darauf noch persönlich ansprechen.(a3) Denn wenn Politiker aus Angst gegen ihre eigenen ethischen Normen verstoßen, schaden sie eben nicht nur sich selbst.

Übrigens kann man mit „Aufständen gegen ein Regime“ noch ganz andere Dinge tun. Man kann damit die „Märkte“ – also die an „die Märkte“ Glaubenden verunsichern und so am Ölpreis rumspielen. Das ist beispielsweise eine schöne Sache für Hedgefonds, um das Geschäft anzukurbeln.(24) Wie wir sehen, ist und bleibt die A-Geschichte komplex. Verabschieden wir uns also damit von der allzu einfach gestrickten B-Geschichte.

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Nachtrag

Auch Philip Klaus hat in seinem Blog Flutterbareer einen sehr informativen Beitrag zu den aktuellen Ereignissen im Iran erarbeitet, den ich hiermit allen Lesern wärmstens empfehle.

Anmerkungen

(a1) Es ist doch interessant, wie immer wieder nach dem gleichen Muster eine zukünftige „Opposition“ in der westlichen Hemisphäre „geparkt“ wird. Im Falle der MEK und in Zusammenarbeit zwischen den USA und dem UN-Flüchtlingswerk (man beachte erneut, wie die UN hier „mitspielt“) wurden in einem „humanitären Akt“ im Jahre 2016 etwa 2.000 Mitglieder der MEK nach Albanien evakuiert.(25) Dort wo ganz in der Nähe die US-Militärs mit dem riesigen Stützpunkt Camp Bondsteel sich häuslich eingerichtet haben.

(a2) Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass es im Iran ein Demonstrationsrecht gibt, dass auch für oppositionelle Bewegungen gilt und in den vergangenen Monaten im Iran fleißig genutzt wurde.

(a3) Eh warte ich noch auf eine Antwort des deutschen Außenministers, deren Ausbleiben ich nicht ignorieren und per Brief wie gehabt transparent machen werde.

Quellen

(Allgemein)

Weitere Informationen zu den aktuellen Ereignissen im Iran bei nocheinparteibuch: https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2018/01/01/bewaffnete-demonstranten-versuchen-im-iran-polizeiwachen-und-militaerstuetzpunkte-zu-erobern/

Interview bei RT-deutsch mit dem gebürtigen Iraner und Professor für Interkulturelle Philosophie, Dr. Hamid Reza Yousefi: https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/63170-im-gesprach-iran-proteste-yousefi/ 

10.1.2018; Jens Bernert; https://www.rubikon.news/artikel/us-gesteuerte-proteste-im-iran

(1) Der schmutzige Krieg gegen Syrien, Washington, Regime Change und Widerstand; Tim Anderson; 2016; Liepsen Verlag, Marburg; ISBN 978-3-9812703-9-6; Übersetzung aus dem Englischen: Jochen Mitschka, Hermann Ploppa; S.7 und weitere

(2) 2.1.2018; https://www.tagesschau.de/ausland/iran-449.html

(3, 5) 24.3.2011; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/massaker-in-daraa-syrien-erklaert-demonstranten-den-krieg-12711.html

(4) 2.1.2018; http://dchrs.org/?page_id=8

(5) Interview der ARD mit Baschar al-Assad; Transskript: ARD; https://www.tagesschau.de/ausland/assad-interview-101.html

(6,15,21) 1.1.2018; https://www.tagesschau.de/ausland/iran-427.html

(7) 1.1.2018; http://www.muslim-markt-forum.de/t1471f2-Was-ist-los-im-Iran-und-was-in-Israel.html

(8) 26.6.2015; https://deutsch.rt.com/24055/international/wikileaks-saudi-arabien-wollte-aktiv-den-iran-destabilisieren/

(9) 4.1.2018; https://en.wikipedia.org/wiki/People’s_Mujahedin_of_Iran

(10) 5.4.2012; https://www.newyorker.com/news/news-desk/our-men-in-iran

(11) 4.1.2018; http://blauerbote.com/2018/01/04/mek-die-kaempfer-der-usa-im-iran/

(12) 2.1.2018; http://www.muslim-markt-forum.de/t1471f2-Was-ist-los-im-Iran-und-was-in-Israel.html#msg4471

(13) 3.1.2018; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/iran-die-proteste-sind-nicht-mehr-zu-stoppen-15369374.html

(14) 3.1.2018; https://offenkundiges.de/pro-oder-kontra-islamische-republik-deutsche-journalisten-verwechseln-demonstrationen-im-iran/

(16) 2.1.2018; https://www.br.de/nachrichten/tagesschau/demonstrant-erschiesst-polizisten100.html

(17) 2.1.2018; http://www.kleinezeitung.at/service/newsticker/5346624/Khamenei-spricht-von-auslaendischer-Verschwoerung-im-Iran

(18) 2.9.2007; https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2016/06/pascual_pollack200709.pdf

(19) 31.12.2017; http://www.moonofalabama.org/2017/12/iran-early-us-support-for-rioters-hints-at-a-larger-plan.html

(20) 15.4.2017; http://www.presstv.com/Detail/2017/04/15/518163/US-John-McCain-MaryamRajavi-MKO-Albania-Tirana

(22) 2.1.2018; https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/demonstrationen-iran/1052002

(23) 1.9.2017; http://www.taz.de/!5441150/

(24) 2.1.2018; http://www.wiwo.de/finanzen/boerse/iran-aufstaende-die-den-oelpreis-treiben/20806728.html

(25) 9.9.2016; https://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-iraq-iran/iranian-opposition-group-in-iraq-resettled-to-albania-idUSKCN11F2DB

(b1) ARD-Tagesschau; 3012.2017; 20:23 Uhr; Screenshot; Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/iran-proteste-101~_origin-4b78c50f-0821-46b5-a534-4617c0e451c9.html

(b2) Demonstrationen in Syrien; Spiegel Online; 30.12.2017; http://www.spiegel.de/politik/ausland/massenproteste-gegen-assad-tag-des-zorns-in-syrien-a-806487.html

(b3) 1.1.2018; https://twitter.com/samirhaidari/status/947457086413262850/photo/1

(b4 ) 14.4.2017; McCain trifft MEK-Führer in Tirana; Quelle: http://www.presstv.com/Detail/2017/04/15/518163/US-John-McCain-MaryamRajavi-MKO-Albania-Tirana; Lizenz: k.A.

(Titelbild) Teheran; Autor: Frank497 (Pixabay); 2009; Quelle: https://pixabay.com/en/tehran-iran-persia-landscape-642743/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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