Die im Dunkeln tappen

Die europäischen Spitzenpolitiker (womit ihr Rang, nicht ihre Qualität gemeint ist) kritisieren die widersprüchlichen Signale der aktuellen US-amerikanischen Politik. Und merken nicht einmal, was für eine ausdrucksstarke Projektion der eigenen Planlosigkeit sie abgeben.


Für das aufmerksame Publikum, auch und gerade hier in Deutschland, ist es die blanke Offenbarung, was die politischen Eliten Europas zur Zeit abziehen. 

Nach dem sie sich monatelang an der Politik der neuen US-Regierung unter Donald Trump abgearbeitet hatten, statt Schnittmengen zu suchen und mit Realitätssinn auf die veränderten Rahmenbedingungen in den Beziehungen zu den USA einzugehen, gab es ein wahres Feuerwerk des Lobes, als Trump den Befehl gab, mehrere Dutzend Tomahawks auf Syrien abzufeuern.

Sprechen wir an dieser Stelle nicht viel über die geostrategischen Aspekte welche hinter diesem Völkerrechtsbruch stehen, einschließlich des als Teil der Inszenierung (da bin ich mir sehr, sehr sicher) zu sehenden Zusammenhangs mit dem Tage zuvor statt gefundenen False Flag mit Giftgas in Khan Sheikhoun, in der syrischen Provinz Idlib.

Sprechen wir lieber darüber, wie vor allem deutsche, französische und auch britische Regierungspolitik seit anderthalb Jahren immer öfter und immer blamabler die Hosen runter lässt – und mit ihr die an den gleichen Strippen hängenden Massenmedien.

Gerade der Vorfall in Khan Sheikhoun dürfte für weitere zehntausende Menschen, und auch da bin ich mir sicher, ein Augenöffner gewesen sein. Nicht das (inszenierte) Ereignis, sondern die darauf folgende Reaktion von Medien und Politik.

Alle kamen sie wie Kai aus der Kiste aus ihren Löchern und hoben zum großen Jammern über den blutigen Diktator Assad an, dessen Entmachtung das große Ziel sein müsste. Monatelang hatten sie sich dezent zurück gehalten zum syrischen Drama. Dabei gab es in all diesen Monaten genug zu berichten.

Das täglich nicht nur Soldaten und „Aufständische“ in Syrien sterben, sondern viele, viele Zivilisten war jetzt nicht so der Brüller, dass man darüber in eine moralisch getönte Kackophonie ausbrechen musste. Lag es daran, dass die Täter aus den eigenen Reihen kommen? Aus den eigenen Reihen müssen sie doch sein, wie anders ist zu erklären, dass der tagtägliche islamistische Terror gegen Zivilisten in Syrien herunter gespielt wird?

Man berichtete also davon nichts. Was nicht berichtet wird, hat es nicht gegeben. Propaganda bestimmt, was Realität ist. Und durch das Weglassen des alltäglichen Terrors in Syrien, konnte man so richtig die Keule raus holen, als die Trigger signalisierten, dass man sich wieder empören darf. Schauen Sie sich mal vier der ersten fünf außenpolitisch wichtigsten Nachrichten an, welche die tagesschau ihrem Publikum am frühen Montag-nachmittag (10.4.17) präsentierte [b1]:

Was sie alle nicht erkennen, transatlantische Politik und Medien, ist, wie sie sich dadurch erkennbar geben, als Macht suchende wie gleichermaßen Vasallen der Macht seiende. Sie machen damit den Menschen hier ein veritables Angebot, das Treiben hinter den Kulissen zu erkennen. Die investigative Tätigkeit unzähliger Menschen in den vergangenen Jahren hat sich gelohnt. Ein respektabler Teil der Bevölkerung empfand die wider allen zutage getretenen Wahrheiten vorgenommene Ehrung der Weißhelme mit dem (alternativen) Friedens-Nobelpreis und indirekt mit dem Oscar für den Film über sie nur noch lächerlich. [1] Und stellte sich folgerichtig nicht nur Fragen über die Geehrten sondern vor allem auch die Ehrenden.

Dass man jetzt die Weißhelme erneut für ein „Verbrechen Assads“ engagierte, war gleichbedeutend mit einem geplanten ins Messer laufen lassen für deren Förderer und Finanziers. Und man schien sich sehr sicher, dass diese Leute den verlockenden Happen schlucken würden. Nur wenige Tage später wurden die Lügen offenbar, während die gespurten Medien und Politiker weiter tapfer ihr Lied von den weißhelmigen Lebensrettern sangen. Merken die nicht, wie sie sich Zug um Zug der Lächerlichkeit preis geben? Hier ein paar Grüße von den Weißhelmen aus Idlib bei ihrem heldenhaften Einsatz:

Die Neocons um McCain und Clinton kämpfen erbittert um ihren Einfluss in Washington, doch ihre Gegner sind mindestens ebenso mächtig. Und sie scheinen nicht pathologisch zu sein, womit ich nicht sage, dass sie dem Hort des Guten entstiegen wären. Nicht pathologisches Handeln gibt allerdings dem Akteur bedeutend mehr Möglichkeiten. Er ist in der Lage komplexer und langfristiger zu handeln. Und mir scheint dieser Vorteil aufzugehen, denn die Riege hinter Trump spielt ein feines Spiel mit den Necocons, was diese zur Raserei treibt und – aus meiner Sicht – einen strategischen Fehler nach dem anderen machen lässt.

Es ist doch interessant, wie Medien und Politik hier in Deutschland sich seit über einem Jahr wie ein Terrier an Trump fest bissen. Und wissen Sie was? So hatten das die Spieler hinter Trump auch voraus gesehen. Und exakt deshalb ist es Trump, der diese US-Regierung führt. Er ist kein Politiker und auffällig wenig erpressbar. Er steht zu seinen Affären, kümmert sich nicht darum, ob die Worte die er sagt, politisch korrekt sind oder jemanden beleidigen könnten.

An Trump perlt das alles ab, was zum Beispiel Obama domestiziert hat. Der Mann hat kein Benehmen und sagt exakt das, was er wirklich denkt. Merken Sie auf?

Etablierte Politik hat (allerdings zunehmend weniger) Benehmen und sagt niemals wirklich das, was sie denkt.

Trump bestätigt nicht das Erfolgsmodell des (US-)amerikanischen Traums vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur wer legt das fest? Bei den Menschen in den USA ist dieser Traum fest verankert, für sie ist es ein Symbol der Einzigartigkeit ihrer Nation. Und für sie ist Trump (gerade außerhalb der großen Metropolen) „einer von uns“. Trump wurde gerade auch deshalb in Macht gebracht und wenn das möglich ist, zeigt das nur, wie zerbrechlich die Macht geworden ist, welche die Clique um PNAC und AIPAC über die vergangenen Jahrzehnte aufgebaut hatte.

Diese Clique arbeitet strategisch eindimensional. Sie versucht alle ihre Opponenten in der neuen US-Regierung auszuschalten. Dazu greift sie diese persönlich an und nutzt dabei die Machtstrukturen der Geheimdienste, auf die sie großen Einfluss hat. Aber die neuen Eliten schwächt sie damit nicht wirklich, weil jene einfach Rochaden betreiben. Das heißt nicht, dass die aus ihren Ämtern weichenden Leute (z.B. Flynn und Puzder) [2] raus aus dem politischen Spiel wären.  Und damit kommen die schlechten Verlierer der Clinton-Truppe gar nicht zurecht.

Aber was machen die Politiker und (Leit-)medien hier in Europa, besonders in Deutschland? Einerseits sind gerade diese in Deutschland zunehmend offen machtgierig und stellen ihre kleine Hegomonialrolle in Europa selbstbewusst zur Schau. Andererseits aber hängen sie in den Seilen eines über Jahrzehnte fest gezurrten transatlantischen Netzwerkes; erzogen, indoktriniert, gebrieft, unselbständig. Und fragen ihre Herren und Meister, die in Übersee gerade so richtig die Masken fallen lassen, was sie denn nun tun sollen. Schauen Sie mal, das z.B. ist eine Nachricht vom Meister, das erkennen Sie schlicht daran, dass es keine Befürworter des Rauswurfs von Soros aus seinem Heimatland zu geben scheint – scheint, so ist es aber nicht! Also hier; Propaganda der tagesschau für einen Hedgefonds-Milliardär, der sich auch seit Jahren in der Ukraine und Syrien „engagierte“ und die Politik Deutschlands beeinflusst [b2]:

Der in deutschen Medien gern zum „Philanthropen“ gekürte George Soros macht sich selbst nicht die Hände schmutzig, er finanziert einfach die Kriegstreiber über seine Netzwerke. Wie das aussieht? Willkommen bei den Freundinnen und Freunden von Avaaz [b4]:

Die Verfasser dieses Schreibens meint man, wünschten sich wahrscheinlich früher heute als morgen den wütenden Mob auf der Straße. Krieg in die Köpfe prügeln – so wird das gemacht. 

Man ahnt hier in Europa, dass in den USA eine Epoche zu Ende geht, die Epoche eines weltumspannenden Hegemons. Und man lauert, wie stark dessen Machtträger wirklich sind. Darf man gegen sie opponieren? Gewinnen sie vielleicht wieder die Oberhand in Washington? Wenn das passiert, was wird dann aus uns (Politikern und Nutznießern des transatlantischen Systems)? Dürfen wir es wagen?

Es ist ein erbärmliches Spiel innerhalb der Machtpyramide, ein Spiel aus Angst und Gier, ein Spiel von Konkurrenten. Ja selbst die deutsche Regierung ist ein Konkurrent ihrer Ziehväter in den USA und würde diese ohne Weiteres verraten, wenn die Machtverhältnisse es zulassen würden. Aber so weit ist es noch nicht.

Und daher ist der False Flag von Khan Sheikhoun aus meiner Sicht gar nicht so erhellend, weil wieder einmal die „Lebensretter“ der Weißhelme ihr schmutziges Spiel abzogen. [3] Nein, die Reaktion von Politik und Medien zeigte, um was es wirklich geht. Sie sind nämlich parteiische Teilnehmer des Machtkampfes in den USA und die Seite auf der sie stehen, sollte klar sein.

Meiner Ansicht nach ist der besprochene False Flag dermaßen plump, dass jedes nur halbwegs unabhängige Medium dieses Ding nicht mal mit der Kohlenzange angefasst hätte. Denn es ist klar, dass dieser Betrug sehr viel schneller offen gelegt werden wird, als das Verbrechen von Ghouta im Jahre 2013. Die transatlantischen Diener betrachteten es aber aus einer ganz anderen Warte, die da hieß: „Wir sind wieder obenauf. Es läuft weiter nach bewährtem Muster.“

Und der Triumph war unüberhörbar, als Trump den Befehl zum Luftangriff auf den syrischen Stützpunkt gab. Ungeniert freute man sich darüber, dass „Amerika Stärke zeigte“. Nur: Das bewährte Muster funktioniert eben nicht mehr! In ihrer Blindheit merken das unsere jubelnden Politiker allerdings gar nicht und beginnen zu klüngeln, wie man Assad doch noch stürzen könnte. Und merken weiterhin nicht, wie offen und dreist sie ihr undemokratisches Handeln aller Welt preis geben.

Vor drei Jahren hätte eine „Bestrafung des Diktators“ durch die Weltmacht noch ganz anders ausgesehen, man braucht nur mal zu recherchieren, welche monströsen Pläne die US-Militärs für Syrien in der Schublade hatten. [4] Merken das Politiker und Gazetten nicht, was da auf dem kleinen syrischen Stützpunkt passiert ist? Ich bin wirklich auf die Berichterstattung in den kommenden Wochen gespannt. Was denken diese Leute!?: „Kommen jetzt noch mehr Schläge gegen Assad? Was sollen wir jetzt tun? Dürfen wir mehr gegen Assad hetzen oder lieber weniger? Sollen wir gar nichts berichten? Wir wissen nicht was wir machen sollen?!“ Oder gewinnen endlich die Leute in den Redaktionsstuben und politischen Ämtern die Oberhand, welche ihre Angst überwinden können und den (vermeintlichen) journalistischen bzw. politischen Absturz nicht scheuen und das schreiben, was sie durchaus wissen? 

Mehr noch aber nimmt sich die europäische Politik im Nahen Osten jeden Tag ein Stück ihrer Chancen für die Zukunft. Wer will mit solch einem „Partner“, der unverhohlen egoistisch, arrogant und interventionistisch agiert, denn wirklich kooperieren? [5] Und es ist nicht so, dass es keine Alternativen gäbe … 

Wird dann europäische Politik und Wirtschaft den afrikanischen Kontinent kapern? Was glauben die Strategen in Berlin, die sich in schwülstigen Worten über die Rettung Afrikas aus der Armut auslassen? Auch da könnte es ein böses Erwachen geben – das für Afrika und auch für uns im Sinne einer neuen friedlichen Politik nur gut wäre.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Ereignisse in Jugoslawien, Afghanistan, dem Irak, Libyen, Jemen, Syrien haben unzählige Menschen motiviert, die Wahrheit hinter den erfundenen Geschichten zu suchen. Als Jugoslawien bombardiert und der Kosovo „befreit“ wurde, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Wissen über politische Ereignisse in ihrer ganzen Komplexität zu erlangen, war enorm aufwändig. Banal ist das natürlich auch heute nicht, was aber inzwischen auch geschehen ist: Es gibt eine unglaubliche Wissensbasis.

Die Lügen und Verdrehungen, die Doppelmoral, die Völkerrechtsverletzungen; sie sind bekannt. Und engagierte Menschen, mit dem erlangten Wissen, können viel, viel schneller reagieren und auf Lügen aufmerksam machen. Die Wahrheit kommt umgehend ans Licht – und macht weitere Menschen stutzig und neugierig. Dieser Prozess ist aus meiner Sicht nicht mehr aufzuhalten. Das wird auch keine Zensur im Netz mehr rückgängig machen. Die alten, statischen Werkzeuge zur Kontrolle der Menschen werden ins Leere laufen. Gegen Kreativität und Kooperation haben sie auf Dauer keine Chance.

Das alles ist ein kollektiver Prozess, in den alle Schichten einbezogen sind, auch Politiker und Medienschaffende. Und das ergibt eine Riesenmöglichkeit aus der Zwangsjacke, die uns über die pathologische Strategie des Teile und Herrsche über gezogen wurde, heraus zu kommen. Weil wir damit nämlich tatsächlich handlungsfähig würden.

Das Konglomerat aus Politik und Medien, gefangen in den Netzwerken von Politik und global operierenden Konzernen ist fleißig dabei, das was seine Macht im Grunde sichert, zu verlieren: Glaubwürdigkeit. Möge es fleißig weiter seine Macht begraben. Um so rascher können wir uns daran machen, die Probleme derer es zu Hauf in unserem Land gibt, an zu gehen.

Bleiben Sie auch weiterhin schön aufmerksam.


Quellen

[1] 9.3.2017; https://de.sott.net/article/28566-Schwedische-Arzte-Aktionen-der-Weihelme-kontraproduktiv-und-gefahrlich

[2] 17.2.2017; http://www.deutschlandfunk.de/usa-trump-verliert-seinen-arbeitsminister-kandidaten.1818.de.html?dram:article_id=379086

[3] https://nocheinparteibuch.wordpress.com/2017/04/09/nicht-oscarreif

[4] https://www.wsws.org/de/articles/2014/04/09/syri-a09.html

[5] 6.4.2017; https://www.wko.at/service/aussenwirtschaft/Aktueller_Stand_der_Sanktionen_gegen_Syrien.html

Bilder

[b1] Screenshot außenpolitischer Teil der Tagesschau vom 10.4.2017, 14:29 Uhr; http://www.tagesschau.de/ausland/

[b2] 4.4.2017; Weißhelme in der Nähe von Khan Sheikhoun; https://de.sott.net/article/29020-Gespenstische-Inszenierung-Giftgasangriff-in-Syrien-ist-erstunken-und-erlogen-Sprungbrett-der-Elite

[b3] Screenshot außenpolitischer Teil der Tagesschau vom 10.4.2017, 14:57 Uhr; http://www.tagesschau.de/ausland/

[b4] Rundmail von Avaaz am 6.4.2017; Alice Jay – Sie greifen Kinder mit Giftgas an; Screenshot

[Titelbild] Name: View of the North Portico and North Lawn of the White House, residence of the President of the United States; Autor: Ed Brown (2005); Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:White_House_North_side?uselang=de#/media/File:White_House.jpg; Lizenz: Gemeinfrei; Bildausschnitt erstellt durch Peds Ansichten

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2 Kommentare zu Die im Dunkeln tappen

  1. Wiwaldi sagt:

    Vielen Dank fuer all die Muehe und die sorgfaeltig recherchierten Artikel Ped. Du und analitik gehoeren zu den besten Websites die ich kenne, gerade der Optimismus beim erkennen der Hintergruende tut einfach gut. Grosses Lob an Euch und weiter so, auf das viele Menschen lesen, lernen und aufwachen!

    • Ped sagt:

      @Wiwaldi

      Vielen Dank auch an Sie! So etwas motiviert mich, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Auch Ihnen alles Gute.

      Herzliche Grüße, Ped

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