Das deutsche Entwicklungshilfeministerium und die Agenda 2030

Kennen Sie die Agenda 2030? Damit beschäftigte sich Ende November 2016 der Bundestag. Es geht um hehre Ziele, welche sich die Völkergemeinschaft im Rahmen der UNO gestellt hat. Manch Mitglied auch des deutschen Bundestages mag das ehrlich glauben. Allein, dieser Glaube ist geboren aus Unwissenheit und Indoktrination.


Der deutsche Bundestag informierte und mich würde es eingangs interessieren, was Sie als Leser bei der Lektüre empfinden:

Gespräch über globale Entwicklungsziele

Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung/Antwort – 25.11.2016 (hib 693/2016)

Berlin: (hib/JOH) Der Stand der Umsetzung der Agenda 2030 und der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) auf nationaler und internationaler Ebene ist am Mittwoch, 30. November 2016, Thema einer öffentlichen Anhörung im Entwicklungsausschuss. Von den Experten wollen die Abgeordneten unter anderem erfahren, wie die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie auf Entwicklungsländer wirkt und welche rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Veränderungen es in Deutschland braucht, um die SDGs national, regional und lokal umzusetzen. [1]

Mein Verdacht ist: 99 Prozent der Bürger dieses Landes lesen das nicht vollständig durch und hängen bleibt schon gar nichts. Die verwendete Semantik klingt fremd.  Dem „normal Sterblichen“ sagt dieser Text:

„Lassen Sie’s, viel zu kompliziert. Sie haben davon eh keine Ahnung. Das machen hier Experten. Der Terminus verspricht Ihnen ja, dass Sie diesen „Eingeweihten“ hundert prozentig vertrauen können. Diese „Eingeweihten“ sind Tag für Tag, ohne dass Sie sich engagieren müssen, beschäftigt, um die Welt glücklicher zu machen.“

Was ist eine Nachhaltigkeitsstrategie?

Zum Inhalt der Verlautbarung in der von einer deutschen Nachhaltigkeitsstrategie gesprochen wird. Was ist das? Wurde sie jemals konkret umgesetzt? Hatte sie Erfolg und wenn, Erfolg für wen? Der Begriff erschien im Bericht einer UN-Kommission (Brundtland-Kommission) des Jahres 1987, bekannt geworden als Brundtland-Report. Dieser Bericht beschreibt offen und kritisch die Symptome und Auswirkungen der damals wie heute praktizierten gesellschaftlichen Prozesse. Er erkennt den Raubbau an der Natur, die Umweltverschmutzung, die sozialen Verwerfungen und ruft zur Entwicklung von Konzepten auf. Der Report fordert einen grundlegenden Wandel der Gesellschaften (Meta-Ebene), betrachtet allerdings nicht die dafür notwendigen individuellen Veränderungen der Menschen (Mikro-Ebene). Er mahnt den Wandel unter Berücksichtigung dieser Aspekte im Kapitel 2 (Towards Sustainable Development = Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung) an:

„The world must quickly design strategies that will allow nations to move from their present, often destructive, processes of growth and development onto sustainable development paths. This will require policy changes in all countries, with respect both to their own development and to their impacts on other nations‘ development possibilities.“ [2]

zu deutsch:

„Die Welt muss rasch Strategien entwerfen, die es den Ländern erlauben, aus ihren gegenwärtigen, oft destruktiven Wachstums- und Entwicklungsprozessen zu nachhaltigen Entwicklungswegen zu wechseln. Das erfordert Politik-Änderungen in allen Staaten, unter Respektierung sowohl der (eigenen) Entwicklung als auch der möglichen Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Nationen.[Übers. Peds Ansichten]

Das von mir fett hervor Gehobene weist darauf hin, dass ein solcher Wechsel kein einseitiger Prozess sein kann und dem Konsens verpflichtet sein muss. Welche Änderungen vorgenommen werden, wird klugerweise nicht definiert, sondern in die Verantwortung der Gesellschaften gelegt. Das beißt sich grundlegend (wie wir w.u. sehen werden) mit dem, was Politiker und Experten hierzulande unter deutscher Nachhaltigkeitsstrategie verstehen.

Der Brundtland-Report wurde Basis der Agenda 21 der Vereinten Nationen, in der grundlegende strategische Schritte zur Umsetzung von Nachhaltigkeit auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen beschlossen wurden. Aber bereits diese Agenda aus dem Jahre 1992 vermeidet einen grundlegenden Wechsel, insbesondere bekennt sie sich zum dauerhaften Wachstum von Volkswirtschaften und konterkariert damit die im Brundtland-Report geforderte Nachhaltigkeitsstrategie. [3] Nachfolger der Agenda 21 ist die am 1.Januar 2016 beschlossene Agenda 2030 der UN (siehe Logo), die in ihrer Präambel sagt:

2016_sustainable_development_goals_logoDiese Agenda ist ein Aktionsplan für die Menschen, den Planeten und den Wohlstand. Sie will außerdem den universellen Frieden in größerer Freiheit festigen. Wir sind uns dessen bewusst, dass die Beseitigung der Armut in allen ihren Formen und Dimensionen, einschließlich der extremen Armut, die größte globale Herausforderung und eine unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung ist. Alle Länder und alle Interessenträger werden diesen Plan in kooperativer Partnerschaft umsetzen. Wir sind entschlossen, die Menschheit von der Tyrannei der Armut und der Not zu befreien und unseren Planeten zu heilen und zu schützen. Wir sind entschlossen, die kühnen und transformativen Schritte zu unternehmen, die dringend notwendig sind, um die Welt auf den Pfad der Nachhaltigkeit und der Widerstandsfähigkeit zu bringen. Wir versprechen, auf dieser gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zurückzulassen. [4]

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat sich die Agenda 2030 auf die Fahne geschrieben und äußert sich auf seiner Internet-Präsenz so – und das können wir doch alle locker unterschreiben, oder?

„Die Bundesregierung engagiert sich in enger Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft für die Bekämpfung der Armut, für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, für eine faire Gestaltung der Globalisierung und für den Erhalt der Umwelt und der natürlichen Ressourcen.“ [5]

Vielleicht doch nicht? Der Titel über diesen gut bekannten Formulierungen lautet nämlich:

„Deutschland übernimmt Verantwortung.“

und zwar eben für:

„Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“

und

„faire Gestaltung der Globalisierung“

Um Letzteres geht es tatsächlich, denn die Globalisierung wird von den sogenannten Global Players voran getrieben. Man betont auch sehr gern: „Die Märkte benötigten die Globalisierung“. Wir können aber auch sagen: Der Imperialismus im Großen und die Gier im Kleinen, wobei das Eine der Zerrspiegel des Anderen ist, sind die Antreiber einer ideologischen – und wirtschaftlichen Globalisierung.

Diese im Übermaß genutzte Terminologie lässt die Alarmglocken läuten. Denn immer dann, wenn die Apologeten „deutscher Verantwortungsübernahme“ auf diese Weise laut wurden und „Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ einforderten, meinten sie in Wirklichkeit „robuste Mandate“, um „deutsche Interessen“ im Ausland zu vertreten.

Wir wollen wissen, wie das BMZ sich die konkrete Ausgestaltung der Agenda 2030 vorstellt und schnell ist die Katze aus dem Sack:

„Gerechtigkeit und Solidarität sind Grundwerte des menschlichen Lebens: Keiner darf wegsehen, wenn in einem anderen Land unmenschliche Verhältnisse herrschen. Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Unsere Kultur basiert auf dem Ideal, dass die Starken die Schwachen unterstützen. […]“ [6]

Ironie:

Ja, liebe deutsche Bürger, da können Sie doch nicht weg sehen, wenn anderswo brutale Dikatoren ihr eigenes Volk knechten. Wollen Sie sich mit schuldig machen an den vielen, vielen armen Opfern? Wir sind verpflichtet, wir müssen handeln. Leider in letzter Konsequenz mit Gewalt, auch wenn wir das natürlich gar nicht wollen. Aber wir können nicht anders.

Wir müssen leider Krieg und immer wieder und immer auf’s Neue Krieg führen. Leider, leider, leider.

Wir müssen leider tausende Menschen sterben lassen, denn es ist für eine gute Sache. Das müssen die Überlebenden, die Verkrüppelten, die Waisen doch verstehen. Es ist nur zu ihrem Besten. Wir schicken Euch Freiheitskämpfer, die ordentlich aufräumen, damit dann die Demokratie auf gereinigtem Boden sprießen kann. Und die lieben Opfer werden dann, missioniert und mit verklärtem Blick, zu den ausländischen Helfern, die mit einer humanitären Intervention die Fackel der Freiheit in’s Land brachten, dankbar aufschauen.

Wer ein Diktator ist und welches Land unser Eingreifen benötigt, das entscheiden WIR, denn wir sind die Guten. SIE müssen über Staaten, denen wir verpflichtet sind, zu helfen, nichts weiter wissen. WAS Sie wissen müssen, sagen wir Ihnen, wenn es notwendig ist. Noch einmal: SIE müssen sich um fremde Gesellschaften nicht kümmern, SIE müssen von ihnen nichts weiter wissen, als das, was WIR Ihnen zu vermitteln haben. SIE brauchen sich nicht anstrengen, WIR sind die Experten. Lehnen SIE sich bequem zurück und bewerten sie in vermeintlich freier Entscheidung nach den Ihnen indoktrinierten Bildern.

Was ich hier ironisiere, vertritt jedoch ein großer Teil der deutschen Gesellschaft (und nicht nur der) mit vollem Ernst! Immer und überall wird es angemahnt: Die Pflicht zu schützen (Responsible to Protect = R2P). Das ist derzeit eine der stärksten Waffen von Propaganda, um Menschen in Kriege zu führen! Pflicht zum Krieg heißt das, daher kommt auch der Ausdruck „befrieden“; das leere wie verlogene Versprechen, durch einen (natürlich sauberen, kurzen, gerechten, humanitären) Krieg Frieden schaffen zu wollen. Und achten Sie darauf, wer das schreibt, also:

Wie heißt das Ministerium?

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Der Name steht im Widerspruch zum Tun, denn Einbinden tut sich dieses Ministerium in eine ganz andere Agenda, nämlich die bedingungslos freier Märkte. Natürlich immer unter den gleichen gesalbten Worten, noch einmal stellt es das BMZ auf seiner Webseite heraus:

Die großen Probleme der Gegenwart machen nicht an nationalen Grenzen halt. Terrorismus, Kriege und Bürgerkriege wirken grenzüberschreitend. Konflikte in anderen Ländern gefährden auch die Sicherheit der Menschen in Deutschland. Wer Sicherheit will, muss sich um weltweiten Frieden bemühen. Entwicklungszusammenarbeit hilft, Krisen zu verhindern und Konflikte zu bewältigen.“ [7]

So steht es in den Massenblättern der Meinung bildenden Medien und genau so tönt die Politik. Ein ganz bemerkenswerter Gleichklang. Die meisten Bürger unseres Landes sind Konsumenten von Politik und Medien. Sie haben ein festes Bild von Terrorismus, sie glauben an die „Bürgerkriege“, von denen ihnen erzählt wird. Sie verstehen nicht, dass es das eigene System ist, welches die Sicherheit untergräbt und dass der Terrorismus in Europa ein (noch immer sehr milder) Re-Import ist, von dem, was westliche Staaten in Afrika, dem Nahen – und Mittleren Osten angerichtet haben.

Fallbeispiel – „Entwicklungshilfe“ für Syrien

Kann es sein, dass die Entwicklungsländer zur Zusammenarbeit gezwungen werden? Dass Entwicklungs-Zusammenarbeit Voraussetzung ist, um als „geachteter“ Partner behandelt zu werden? Syrien jedenfalls geriet in eine große soziale Schieflage, als es begann neoliberale Maßnahmen um zu setzen, die als Voraussetzung für das Inkrafttreten des EU-Assoziierungsabkommens aus dem Jahre 2004 gefordert wurden. Diese Verwerfungen, welche mit der Vernichtung kleiner auf Handwerk basierender Unternehmen und einer Verarmung der Landbevölkerung verbunden waren, haben entscheidend die Radikalsierung gerade auf dem Lande voran getrieben, was die Eskalation des Krieges gegen die Assad-Regierung  ermöglichte. [8] Und was die EU damals mit Macht voran trieb, waren in erster Linie wirtschaftliche „Transformationen“, weniger politische Forderungen.

Im Widerspruch zu den Empfehlungen des Brundtland-Reports sind die Maßnahmen der „Zusammenarbeit“ (hier beispielhaft zwischen Deutschland und Syrien) auch völlig einseitig definiert. Nichts ist da mit Hilfe. Es werden unverblümt, wenn auch in feiner Beamtensprache, Forderungen gestellt. Und es läuft auf ein Geschäft hinaus, bei dem der Stärkere den Schwächeren übervorteilt. In diesem Zusammenhang sehe ich eine kritische Bewertung der Politik seitens der Regierung von Baschar al-Assad vor allem im Bereich der mit der EU ausgehandelten und umgesetzten „Reformen“ in Syrien!

Hier ist auch sehr gut erkennbar, dass die Begehrlichkeiten und Interessen in Bezug auf Syrien nicht nur aus den USA gesteuert wurden. Die EU hat längst die Rolle auch eines Konkurrenten der US-Amerikaner eingenommen und verfolgt unabhängig von jenen ihre ganz eigenen Ziele. Dazu gehören auch die Wirtschaftssanktionen gegen Syrien, um es gefügig für politische Veränderungen im Sinne der EU-Eliten zu machen. Und die EU-Ziele sind gar nicht so edel. In Syrien forderte und erhielt sie: Aufweichung der Souveränität der Zentralbank über das Geldwesen, Freigabe von Preisen, Privatisierungen im Gesundheitswesen, Senkung von Einfuhrzöllen, Wegfall von Subventionen im Energiesektor und bei Düngemitteln, Aufweichung des Miet- und Immobilien-Gesetzes. [9] All das führte zum Scheitern von Existenzen, wachsender Arbeitslosigkeit und sozialen Unfrieden. Und wer betreute diese Maßnahmen von deutscher Seite aus? 

Das sogenannte Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit

Wer definiert überhaupt, was ein Entwicklungsland ist? Wer hat das Recht, ein solches Land zu entwickeln? Entwicklungshilfe wie auch Entwicklungs-Zusammenarbeit sind ganz und gar nicht das, was drauf steht. Sie sind Werkzeuge neoliberaler Agenden. Und unser absurdes Wirtschaftssystem (basierend auf einem absurden Gesellschaftskonzept) ist darauf auch angewiesen. Erkennen Sie sofort, was die Kernaussage des Folgenden ist (wieder vom BMZ entnommen)?

„Durch die enge Verflechtung des Weltwirtschaftssystems bleibt keine Volkswirtschaft unberührt von den Krisen anderer Länder und Regionen. Eine wichtige Basis der deutschen Wirtschaft ist das Exportgeschäft, das von einer stabilen Weltwirtschaft abhängt. Finanz- und Wirtschaftskrisen in Afrika, Asien oder Südamerika führen auch in Deutschland zum Verlust von Arbeitsplätzen. Entwicklungszusammenarbeit, die darauf ausgerichtet ist, die Volkswirtschaften in den Kooperationsländern zu stabilisieren, stärkt auch die Wirtschaft in Deutschland und in den anderen Geberländern.“ [9]

Drei Viertel dieser Aussage sind Propaganda! Nämlich Dinge tun zu müssen, weil es sonst zum Verlust von Arbeitsplätzen, zum Verlust Ihres Arbeitsplatzes führen könnte. Kooperation, Verflechtung, Weltwirtschaftssystem, Finanz- und Wirtschaftskrisen in Afrika, Asien oder Südamerika. Es wird Ihnen Alternativlosigkeit suggeriert, die inzwischen gängige Floskel der Politik. Aber all das ist Propaganda, also Vorspielung falscher Tatsachen, Senden von Angst-Triggern, selektive Informationsverbreitung, Benutzen von Begriffen in Umkehrung ihrer wahren Bedeutung.

Was völlig falsch dargestellt und an dieser Stelle richtig gestellt wird :

Nicht die Finanz- und Wirtschaftskrisen in Afrika, Asien oder Südamerika sind das Problem. Das Hauptproblem ist die Krise des westlichen Wirtschafts- und Finanzsystems, das seine Probleme auf Kosten von Staaten in anderen Regionen beheben will (was übrigens eine Illusion ist).

Und? Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit müsste eigentlich ein Schmelztiegel von hochkarätigem Wirtschafts- und Gesellschafts-Verständnis sein. Eine große Gruppe kritischer Geister, die auf Risiken mit Kreativität reagieren und Risiken natürlich zuerst über die Analyse eigener Methodiken und Strukturen erforschen. Allein, es ist ein Wunschtraum.

Das BMZ ist ein Diener des alternativlosen Globalismus und in dem muss die deutsche Wirtschaft auf Teufel komm raus Eines tun: Exportieren! Und zwar viel, viel mehr exportieren, als Deutschland einführt. Was lasen wir am Anfang des Artikels? Nachhaltigkeit. Deutschland will „Entwicklungsländern helfen, nachhaltig zu wirtschaften? Das ist ein Witz. Deutschland produziert, bis der Arzt kommt und braucht für seine Produkte Märkte; freie Märkte, unbegrenzte Märkte. Mit solch einem Konzept ist Nachhaltigkeit niemals zu erreichen.

Wirtschaft ist nicht so schwierig, wie Sie möglicherweise glauben.

Eines dieser Märchen, die sich fest in der Gesellschaft manifestiert haben, hat das BMZ als Argumentationshilfe für seine „Entwicklungshilfe“ anzubieten:

„Deutschland war selbst einmal Empfängerland internationaler Hilfsprogramme. Unser im Zweiten Weltkrieg stark zerstörtes Land erhielt zum Beispiel durch den Marshallplan Unterstützung in Milliardenhöhe aus den USA. Die Deutschen erlebten damals, wie wichtig und erfolgreich Hilfe sein kann. Den Wohlstand und die Werteordnung, die unser Land heute kennzeichnen, verdanken wir auch dieser vorausschauenden Nachkriegspolitik, die langfristige Entwicklung und Partnerschaft zur Grundlage hatte.“ [10]

Schauen Sie, was den Marshallplan betrifft, am besten mal hier. Nur so viel. Dieser Plan hatte mit Hilfe (im wirklichen Sinne des Wortes) nichts zu tun. Hilfe war die propagandistische Aufwertung eines Konjunktur-Programms für die USA. Mit „Werteordnung“, mehr noch mit „Wohlstand“ wurden die Menschen geistig eingefangen. Es handelte sich jedoch um Kredite, die zu Zeiten als es die Bundesrepublik Deutschland schon gab, nur mit ausschließlicher Genehmigung der US-Besatzungsmacht geschöpft werden durften. Ihre Verwendung war gebunden an den ausschließlichen Bezug von Wirtschaftsgütern in den USA.

Die Vereinigten Staaten von Amerika zementierten ihren Weltmacht-Status erst, als die zerstörten Nationen der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg eben bei ihnen Waren und Leistungen für den Wiederaufbau bezogen und dies über Kredite von US-Banken bzw. internationalen US-kontrollierten Finanzinstituten wie Weltbank und IWF (Internationaler Währungsfonds) finanzierten.

Wenn Vertreter aller Nationen sich für ein würdevolles Miteinander aller Bewohner des Planeten einsetzen, für eine schonende Behandlung dessen begrenzter Ressourcen, für die Versorgung aller Menschen mit dem Notwendigen, dann ist das selbstredend eine gute Sache. Aber erstens ist dies ein Lippenbekenntnis, dass es so schon immer gegeben hat. Schließlich ist die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen im Jahre 1948 verabschiedet worden. [11]

Es ist aber weiterhin auch in den Inhalten teilweise fragwürdig. Das BMZ konnte sich bei oben kritisierten Punkten vor allem auf Punkt 8 der Agenda 2030 beziehen. Die sagt nämlich auch:

Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern“ [12][13]

Sind auch Sie dieser Meinung? Denken auch Sie, dass Wirtschaftswachstum und Arbeit für alle, die universellen Prinzipien des Zusammenlebens menschlicher Individuen und Kollektive sind?

Die in den Köpfen der Menschen manifestierte Matrix ist von einer bedenklichen Festigkeit. Sie beruht auf Prinzipien, deren langfristige Folgen zu einer Gefahr für die weitere Existenz der Menschheit geraten und trotzdem werden diese Prinzipien weiter gelebt. Unbeirrt wird also das als gut für die Menschheit postuliert:

„dauerhaftes […] und nachhaltiges Wirtschaftswachstum“

Beachten Sie, welche Dimension hinter diesem Bekenntnis steht. Die Weltgemeinschaft hat sich verständigt, dass dauerhaftes Wachstum für alle gut ist und sich weiterhin dazu bekannt, alles mögliche zu tun, um es um zu setzen.

Was mich beunruhigt, ist die kritiklose Weiterführung eines Kriege und Leid verursachenden Gesellschaftskonzepts. Wo doch jeder Mensch befähigt ist, das Grundproblem dieses Konzepts für unser Zusammenleben zu erkennen. Und dieses Grundproblem ist die Unmöglichkeit, ja Absurdität dauerhaften Wachstums. Warum nicken alle Vertreter der Staatengemeinschaft ein solches Konzept bei den Vereinten Nationen trotzdem durch?

Und gerade weil dieses Grundproblem so offensichtlich ist, fällt doch auf: Die Vereinten Nationen stehen nicht als Instanz der Gerechtigkeit über den Dingen. In ihr sitzen Menschen wie Sie und ich. Menschen mit allen Stärken aber auch Makeln, die nun mal Menschen prägen. Es ist eine Illusion, die UN als über parteilich, rein dem Konsens verpflichtet und vor allem unabhängig zu betrachten. Ganz im Gegenteil sind die Vereinten Nationen eine Institution, über die Macht ausgeübt wird. Sie ist ein gnadenloser Spiegel der (anerkannt!) Mächtigen dieser Welt und des von jenen favorisierten neoliberalen Gesellschaftsmodells.


Diese Teilnehmer wurden durch den Bundestag zur Anhörung Im Kontext Agenda 2030 (Schwerpunkt: Umsetzung durch Deutschland) eingeladen:

  • Professor Jutta Allmendinger (Präsidentin beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)
  • Tobias Hauschild (Ko-Sprecher der AG Globale Strukturpolitik beim Verband für Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe, VENRO, und Referent EZ und Soziale Grunddienste bei Oxfam)
  • Udo Schlüter (Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Eine-Welt-Landesnetzwerke Ashok-Alexander Sridharan und Oberbürgermeister der Bundesstadt Bonn)
  • Jennifer Howe (Referentin für die Bereiche Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit beim Bund der Deutschen Industrie, BDI)
  • Peter Altmaier (Bundesminister und Chef des Kanzleramts)
  • Imme Scholz (Stellvertretende Direktorin beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, DIE)
  • Frank Zach (Abteilung Internationale und Europäische Gewerkschaftspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund, DGB)
  • Jens Martens (Direktor des Global Policy Forums, GPF, und Mitglied der Global Reflection Group on the 2030 Agenda for Sustainable Development)
  • Norbert Kloppenburg (Mitglied des Vorstands bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW).

Was mich nun interessiert, ist, ob der Inhalt der eingangs zitierten Verlautbarung von den Bundestags-Abgeordneten auch wahr genommen wurde. Stand doch dort:

„Von den Experten wollen die Abgeordneten unter anderem erfahren, wie die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie auf Entwicklungsländer wirkt […]“ [14]

Richtig, diese Frage müsste mal offen und kritisch beantwortet werden. Im Kleinen nennt man das Selbstreflexion, was unbedingte Voraussetzung ist, um positive Veränderungen herbei zu führen. Und an dieser Stelle kommen wir zu einem grundlegenden Problem unserer Gesellschaft, dass sie sich eben dieser Reflexion verwehrt und dafür lieber die manifestierten,  bequemen Narrative pflegt.


Quellen

[1][15] https://www.bundestag.de/hib#url=L3ByZXNzZS9oaWIvMjAxNjExLy0vNDgxOTg0&mod=mod454590

[2] https://en.wikisource.org/wiki/Brundtland_Report/Chapter_2._Towards_Sustainable_Development

[3] Umweltschutz von unten – Kritik an Agenda 21; Jörg Bergstedt; 3.9.2000; http://www.opentheory.org/uvuagenda/text.phtml

[4][13] Vereinte Nationen – Generalversammlung; 70.Tagung; Tagesordnungspunkte 15 und 116; 18.9.2015; http://www.un.org/depts/german/gv-70/a70-l1.pdf

[8-9] http://www.imi-online.de/download/IMI-Studie2012-12_web.pdf

[5-7][10-11] http://www.bmz.de/de/ministerium/ziele/grundsaetze/index.html

[12] https://www.menschenrechtserklaerung.de/historie/

[14] S.68; https://www.globalpolicy.org/images/pdfs/GPFEurope/Agenda_2030_online.pdf

[Titelbild] Titel: Industrial Smoke; Autor: unbekannt; Quelle: https://pixabay.com/en/sunset-sky-industrial-smoke-692298/; Lizenz: CC0 Public Domain; Bild geschnitten durch Peds-Ansichten

[b1] Logo der Agenda 2030; Datei: Sustainable Development Goals Logo.jpg; Quelle: http://www.un.org/sustainabledevelopment/news/communications-material/; Lizenz: Gemeinfrei

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