Die langen Schatten des Greater Middle East

Die Hegemonial-Stellung der Vereinigten Staaten von Amerika bröckelt an allen Ecken und Enden. Auch wenn es die Sprache der seit Januar 2017 amtierenden US-Regierung nicht unbedingt vermuten lässt, berücksichtigt diese in ihrem praktischen Tun durchaus die geänderten Kräfteverhältnisse. Das zeigt auch deren offizielle Politik in Syrien. Damit jedoch ist die Maschine des Projekts für das neue (US-)amerikanische Jahrhundert mitnichten stillgelegt. Die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten zeigen es auf.


Das Project for the New American Century (PNAC) war eine neokonservative Denkfabrik, die bereits zu Zeiten der Regierung Bill Clinton ins Leben gerufen wurde. Sie campierte im Gebäude des American Enterprise Institute, einer weiteren konservativen Denkfabrik mit großem Einfluss auf die Politik der USA. [1][2][3]

Hinter dem PNAC standen Leute wie Dick Cheney, Richard Perle und Donald Rumsfeld (mit später höchsten Ämtern in der Bush Junior-Regierung), Francis Fukujama, Steve Forbes, Eliot Abrams, William Kristol und Robert Kagan. Letztere schufen nach Auflösung des PNAC im Jahre 2006 die Foreign Policy Initiative (auch PNAC 2.0 genannt), welche das Konzept von PNAC weiterführte. Weisen wir noch darauf hin, dass William Kristol einer der führenden Journalisten beim Weekly Standard ist, zugehörig  dem Medien-Giganten Fox News des Milliardärs Ruppert Murdoch. [4][5]

PNAC wie Foreign Policy führten einen Begriff in den politischen Sprachgebrauch ein, der den territorialen Rahmen für eine Neugestaltung des Nahen- und Mittleren Ostens wie des nordafrikanischen Raumes vorgab: Greater Middle East. [6]

Dazu verfasste die der deutschen Regierung nahe stehende Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) im Jahre 2005 einen Beitrag, der erstaunlich deutlich den wahren Zweck des Projekts offen legte:

„Die US-Regierung präsentierte ihr Drei-Säulen-Modell während des G-8 Gipfels von Sea Island im Juni 2004. Doch neben dieser Demokratisierungsabsicht verfolgt die US-Regierung mit großem finanziellen und personellen Aufwand ein anderes Greater Middle East-Projekt mit unverkennbar hegemonialpolitischen Zielen […]“ [7]

Im Einzelnen sah das so aus:

„[…] erstens: die Beseitigung der „Schurkenstaaten“ in Afghanistan und im Irak, anschließend die Etablierung von neuen, in den USA ausgebildeten und neoliberal geschulten Führungseliten und die Durchführung von Wahlen […]“ [8]

Die Umsetzung dieser wahnwitzigen Ideen war im Jahre 2005 bereits in vollem Gange; die Folgen für die beiden betroffenen Staaten katastrophal.

„[…] zweitens: das unter der Bezeichnung Partnership for Peace formulierte bilaterale Abkommen zur Einrichtung von möglichst vielen militärischen Stützpunkten wie in Afghanistan, Irak, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan und in den Ölscheichtümern am Persischen Golf […]“ [9]

Die Bindung ehemaliger sowjetischer Teilrepubliken an die US-Militärmacht ist teilweise erfolgt. Über sie wurde der Sanitare Cordon zu Russland an deren südwestlichen Grenzen vollzogen. In diesen Prozess lassen sich auch die Ereignisse des Jahres 2008 in Georgien einordnen. [10] Das entspricht gänzlich den geostrategischen Vorstellungen, welche Zbigniew Brzezinski in seinem kurz vor der Gründung des PNAC verfassten Buch „The Great Chessboard“ formulierte.

Doch in diesem Artikel soll es (erneut) speziell um Syrien gehen und da lesen wir im Jahre 2005(!):

„und drittens: Kooperation mittels Geld und Waffen mit allen den USA freundlich gesinnten Staaten. In der Logik dieser Programmatik ist kurz- oder mittelfristig auch ein Regimewechsel in Syrien und vor allem im Iran nicht ausgeschlossen.“ [11]

Ein Jahr später sprach die US-Außenministerin Condoleeza Rice von einem (leider erforderlichen) „Kreativen Chaos“ und verkündete die „Geburtswehen eines Neuen Nahen Osten“ und dieser Begriff wurde von Denkfabriken (auch in Deutschland) wie Medien beständig verbreitet. [12][13] Sie tat das bei der Eröffnung eines neuen Ölhafens an der türkischen Küste, „zufälligerweise“ jenes Hafens über den acht Jahre später das durch den IS geraubte syrische Öl abgefertigt wurde. [14] Das Konzept des Neuen Nahen Osten geht eng mit den Planungen des Greater Middle East zusammen. Die schlimmen Ergebnisse dürfen wir heute genau im abgesteckten Gebiet des Greater Middle East betrachten.

Daher ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen:

Erstens war der versuchte Sturz der Regierung Assad nachweislich kein Ergebnis eines spontanen Volksaufstandes. Und zweitens bekommen die Aktivitäten der westlichen Militärs im Irak und Syrien den richtigen Kontext – und der heißt NICHT Kampf gegen Terroristen, sondern KAMPF MITTELS TERRORISTEN. Was die deutsche Beteiligung am Syrien-Krieg betrifft, heißt das nämlich, dass Deutschland auch militärisch ganz klar auf der Seite von Terroristen steht! Das wollen wir im Folgenden noch etwas mehr herausarbeiten.

Das schwarze Loch al-Tanf

Der russische Außenminister Sergej Lawrow wird nicht müde, der US-geführten Koalition, die in Syrien und dem Irak unter dem Namen Inherent Resolve operiert, eine koordinierte Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Islamischen Staat anzubieten:

„We would like the United States and the coalition it leads to feel free to coordinate its operations with the Syrian army and the Russian aerospace group.“ [15]

Auch dieses am 4.Oktober 2017 unterbreitete Angebot Russlands lehnte die US-Regierung nicht ab. Doch gleichermaßen windet sie sich um eine explizite Zusage; seit Monaten. Sie glauben der US-Präsident hätte die Macht, einfach die Segel in Syrien neu zu setzen? Genau dieses Maß an Macht wird – aus meiner Sicht – bei Trump und seiner Regierung zu hoch angesetzt. Er muss taktieren – und die Fraktion, welche das Greater Middle East und damit die Dinge in Syrien in Fluss brachte, tut das (als mehr oder weniger Gegenspieler) auch.

Der südostliche Teil Syriens stellte sich militärisch gesehen am 12.Oktober 2017 so dar. Uns wird im Weiteren (wieder einmal) der grün dargestellte Bereich im unteren Bildteil beschäftigen. Dort positionieren sich noch immer Militärs verschiedener NATO-Staaten um den Stützpunkt al-Tanf [b1]:

Rot unterlegt sind die unter Kontrolle der syrischen Armee stehenden Gebiet, grün die der sogenannten moderaten Opposition bzw. der Dschihadisten von al-Nusra und Co., schwarz kennzeichnet vom IS besetzte Gebiete.

Im August 2017 – das war gerade mal ein viertel Jahr zuvor – stellte sich das noch so dar (Quelle southfront.org) [b2]:

Sie sehen, dass – wie auch die Gebiete des IS – das Gebiet um al-Tanf stark geschrumpft aber existent ist. Die syrische Armee konnte großflächige Gebietsgewinne im Osten des Landes machen, die Belagerung Deir-ez-Zors beenden und machte auch weitere Fortschritte bei der Kontrolle ihrer südlichen Grenze zu Jordanien. Von dort strömte bislang ein beträchtlicher Teil von Waffen, Ausrüstung und terroristischen Kämpfern nach Syrien. Was nun nicht mehr möglich ist. Die USA argumentierten mit der Bekämpfung des IS, als sie sich, jedem Völkerrecht widersprechend, mit Unterstützung britischer und norwegischer Spezialkräfte im Süden Syriens breitmachten. [16]

Man könnte daher meinen, dass durch Jordanien eine Versorgung der Terroristen in Syrien nicht mehr möglich ist. Das ist es jedoch sehr wohl! Der Sprecher des russischen Verteidigungs-Ministeriums sagte dazu:

„Aus al-Tanf ist ein 100 Kilometer langes ‚schwarzes Loch‘ an der syrisch-jordanischen Staatsgrenze geworden. Und anstelle von der Freien Syrischen Armee, spuckt dieses Loch mobile IS-Gruppen aus, die von dort terroristische Operationen gegen syrische Truppen und Zivilisten unternehmen.“ [17]

Es scheint mir sinnvoll, noch einmal daran zu erinnern, dass britische Spezialkräfte bereits vor Jahren in den schwarzen Uniformen des IS und dessen Fahnen schwenkend, auf syrischem Territorium operierten, um Angriffe auf die syrische Armee durchzuführen. Das entsprach ganz den zur Zerschlagung Syriens entwickelten Strategieplänen der Brooking Institution, einer der einflussreichsten Denkfabriken der USA. Wie die Kämpfer von Daesh operierten die Militärs mit Pickups und führten Drohnen zur Geländeaufklärung mit. Da hatten also die bewaffneten Kräfte der westlichen Interventionisten schon mal die tatsächlich passende Uniform an … [18][19]

Die Steuerung dieser westlichen Militärs erfolgt(e) von der Türkei aus und die praktische Unterstützung übernahm der Conflict, Security Stability Fund (CSSF). Dieser CSSF wird von 40 Staaten finanziert und sponsort seinerseits unter anderem auch die berüchtigte Weißhelm-Truppe in Syrien. Die genaue Finanzierung (woher und wohin) wird jedoch (selbst vor dem britischen Parlament) unter Verschluss gehalten. [20][21]

Am 28.September 2017 überfiel Daesh (Islamischer Staat = IS) in einer Breite von über 150 Kilometern zwischen Deir ez-Zor am Euphrat und Palmyra in Zentralsyrien mehrere Positionen der SAA von Süden her. Dort verläuft auch die wichtigste Versorgungs-Route für die Zivilbevölkerung in Deir-ez-Zor (M20-Highway aus Richtung Palmyra) und die in der Gegend im Kampf gegen den IS stehenden Einheiten der SAA und ihrer Verbündeten (Republikanische Garden, Hisbollah und weitere). [22]

Anfang Oktober griffen hunderte IS-Terroristen eben diese wichtige Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Deir-ez-Zor erneut an. Sie waren mit ihren Dutzenden Pickups zuvor „unbemerkt“ über das von den US-Amerikanern kontrollierte Gebiet bei al-Tanf (wahrscheinlich aus Jordanien kommend) eingedrungen. [23]

Zur gleichen Zeit geschah aber auch Folgendes. Sowohl die halboffizielle Nachrichten-Agentur des IS, Amaq, als auch das russische Verteidigungs-Ministerium berichteten von erfolgreichen Operationen des Islamischen Staates in der Gegend wie auch der Stadt al-Qarayatayn. Diese bis zum Krieg christlich geprägte Stadt liegt weitab der aktuellen syrischen Frontlinien südöstlich der Großstadt Homs. [24][25]

Die russische Aufklärung konnte die Bewegung von 300 IS-Kämpfern und ihren Pickups wiederum aus al-Tanf feststellen. Doch viel brisanter ist, wo die Islamisten ihrerseits die Aufklärungsdaten her hatten, die es ihnen ermöglichten, alle Kontrollpunkte der syrischen Armee (in dem dünn besiedelten Gebiet) zu umgehen. Russische Medien führten den Begriff „Schwarzes Loch“ ein, das Gebiet kennzeichnend, aus dem, „wie Kai aus der Kiste“, unversehens immer aufs Neue IS-Kämpfer ausschwärmten, um die Armee bzw. die Zivilbevölkerung anzugreifen. [26]

Ebenfalls zu jener Zeit überfiel der IS zwei Hilfstransporte mit Lebensmitteln und medizinischen Gütern. Das geschah wiederum aus dem Gebiet heraus, dessen Zugang der Syrischen Armee durch US-Militärs gewaltsam verwehrt wird. [27] Es handelt sich eben um jenes mehrfach thematisierte al-Tanf. Der dortige Militärstützpunkt befindet sich etwa 30 Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt (siehe Karte oben) und dazu unmittelbar neben einem großen Flüchtlingslager. Dort, in Rubkan, campieren etwa 60.000 Menschen (überwiegend Frauen und Kinder).

Die russische Führung warf den US-Militärs nun zum wiederholten Male vor, die Bewohner des Flüchtlingslagers als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Die syrisch-russische Aufklärung aus der Luft – da muss man sich keinen Illusionen hingeben – ist nicht schlechter als die der USA und ihrer Verbündeten. Deswegen konnte sich Igor Konaschenkow (Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums) auch solch eine Aussage leisten:

„From October 2 to 3, about 600 militants stationed at the Rukban refugee camp in the US-controlled At Tanf area have departed westward in an orderly manner in off-road vehicles […]“  [28]

600 Militante hielten sich also unbehelligt im Rubkan-Flüchtlingslager auf und konnten sich ebenso frei, ungestört von den westlichen Militärs, mit ihren Pickups im Gebiet von al-Tanf westwärts Richtung einer der in Astana vereinbarten Deeskalations-Zonen bewegen. Konaschenkow hat übrigens den USA versichert, das Aufklärungsmaterial gegebenenfalls gern zu veröffentlichen.

Da passen die Operationen der sogenannten SDF nur zu gut ins Bild. Während wirkliche Auseinandersetzungen mit dem Islamischen Staat im Distrikt Deir-ez-Zor offenbar nicht stattfinden, müssen die Syrische Arabische Armee (SAA) und ihre Verbündeten erbittert kämpfen, um die Terroristen Stück für Stück zurück drängen zu können.

Der Ton russischer Diplomaten und Militärs wird ob des zunehmend entlarvten – und längst nicht erst seit Kurzem – betriebenen Doppelspiels, der von den US-Amerikanern ausgerüsteten „Oppositionellen“ wie der unter ihrer Führung stattfindenden Mission Inherent Resolve hörbar schärfer. Oleg Syromolotow, der Gesandte des russischen Außenministeriums, betonte bereits Ende September 2017, dass Syrien und Russland eine eventuell von US-amerikanischen Miltärs gezogene rote Linie östlich des Euphrat unter keinen Umständen akzeptieren werde. Zumal sich diese Militärs völkerrechtswidrig, also illegal auf syrischem Staatsgebiet aufhalten. [29][30]

Außerdem nimmt die Frequenz zu, in der Syrien und Russland die westlichen Interventionisten, ganz speziell im Süden Syriens, unmissverständlich auffordern, umgehend das Land zu verlassen. Es war ein langer Weg, bis man sich betreffs Syrien so gegenüber der „Wertegemeinschaft“ artikulieren konnte. Das unter anderem sind sie, die klaren Zeichen einer neuen multipolaren Weltordnung:

„Wenn die Vereinigten Staaten solche Operationen als unvorhergesehene ‚Zufälle‘ betrachten, dann ist die russische Luftwaffe in Syrien bereit, mit der vollständigen Zerstörung all dieser ‚Zufälle‘ in den Gebieten unter ihrer Kontrolle zu beginnen.“ [31]

Russland geht sehr bedacht vor. Keiner muss glauben, die Erkenntnisse seiner Aufklärung und Geheimdienste wären neu. Das alles war der russischen Führung selbstredend schon im Jahre 2015 bekannt. Damals ging es jedoch um das schlichte Überleben des syrischen Staates und der Schwerpunkt der politischen wie militärischen Aktivitäten konzentrierte sich auf den bevölkerungsreichen Westen des Landes. Eine Eskalation durch Zusammenstöße mit den Militärs der NATO-Staaten, die mittels Inherent Resolve auch in und über Syrien operierten, sollte auf jeden Fall vermieden werden. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Die westliche Tradition des Bombenkrieges

Noch etwas muss zur Sprache kommen. Die Bombardements von Inherent Resolve mögen nicht vorsätzlich den Tod von Zivilisten beabsichtigen. Aber er wird billigend mit zynischer Logik in Kauf genommen. Es wurde von Anfang an auch nicht gebombt, um den IS oder andere Nuancen islamistischer terroristischer Gruppierungen entscheidend zu schwächen. Vielmehr geht es um eine sehr planvolle Zerstörung der Infrastruktur in Syrien und dem Irak.

Das damit verbundene Kalkül ist es, die Lebensbedingungen in den angegriffenen Staaten unerträglich zu machen, Fluchtbewegungen aus den Ländern heraus zu initialisieren und aufrecht zu erhalten. Was die gesellschaftlichen Strukturen dort weiter nachhaltig schwächt, Menschen entsozialisiert und so Konflikte für die Zukunft „sichert“. Hier werden – beachten Sie den Eingangstext – pathologische Allmachtsgedanken des Greater Middle East praktisch umgesetzt, welche spätestens mit PNAC ihre praktische Umsetzung nahmen.

Völlig zu recht sagte daher auch der syrische Außenminister Wallid Muallen:

„As an example, I would like to cite the US-led coalition, which, in reality, is systematically destroying anything but ISIL [ISIS]. Thousands of Syrian citizens, not only men but also women and children in the Raqqa and Deir ez-Zor provinces, have become victims of US airstrikes. The American coalition is systematically destroying the economic infrastructure, so we will strongly demand that it this coalition is disbanded,” Muallem said adding that the US uses the war on ISIS as a pretext for destroying Syria and prolonging the hostilities in the country.“ [32]

Muallen beschuldigt die US-geführte Koalition, dass sie in Wirklichkeit alles Mögliche zerstört, nur nicht ISIS (IS, Daesh). Viele tausend Menschen in den Provinzen Raqqua und Deir-ez-Zor sind Opfer der US-Luftangriffe. Die Koalition zerstört systematisch die ökonomische Infrastruktur. […] Der Krieg gegen ISIS wird von den USA vorgeschoben, um Syrien zu zerstören und den Krieg zu verlängern. [sinng. Übers. PA]

Bei dieser Sauerei macht Deutschland mit. Die politischen Spieler, welche diese Sauerei zu verantworten haben, wurden im September 2017 von der deutschen Bevölkerung quasi in ihrem Amt bestätigt. Das ist eine Schande für unser Land!

Nicht müde wurden die Massenmedien in den vergangenen Jahren, Syrien und Russland einen barbarischen Bombenkrieg gegen die syrische Zivilbevölkerung zu unterstellen. Belege dafür wurden nie vorgelegt. Dabei ist es ein grundlegendes viele Jahrzehnte altes Konzept westlicher Militärs, seinerseits Kriege durch massiven Bombenterror für sich zu entscheiden. Das beruht auf den Ideen des Italieners Giulio Douhet, der sein Buch „Luftherrschaft“ erstmals im Jahre 1921 veröffentlichte und danach bis zu seinem Tod im Jahre 1930 immer wieder aktualisierte. Von Douhet stammt auch das Zitat:

„Ich halte es sogar für erlaubt und verdienstvoll, bewohnte Städte mit Giftgasbomben zu belegen – und zwar nicht, weil ich einen sadistischen Spaß am Massenmord habe, sondern weil dieser Angriff durch seine materielle und moralische Wirkung für einen Sieg entscheidend ist […]“ [33] 

US-Militärs die gegen Ende des Ersten Weltkrieges nach Europa reisten, um Strategien des dort geführten Luftkrieges zu studieren, waren von den Ideen Douhets sehr angetan. Vor allem das Konzept der Präventivschläge und eines uneingeschränkten Bombenkrieges gegen das Hinterland des Gegner floss in die künftige Rolle der US- und britischen Luftwaffe ein. [34] Genau in diesem Sinne führten diese Nationen ihren Bombenkrieg gegen das faschistische Deutschland, Japan, Nordkorea, Vietnam, Libyen, Irak, Syrien …

Wie von Douhet oben zitiert, wurde all das legitimiert mit „der Zweck heiligt die Mittel“. Es ist das (selbstredend nicht unser) Opfer, welches für eine bessere Welt gebracht werden muss. Man kann es natürlich auch anders nennen: Bekehrung durch Terror. Dafür klärt heute über Syrien die deutsche Luftwaffe auf und betankt die bombenden Kampfjets. 

Das ist mir wichtig: Krieg bedeutet immer Tod. Es geht jedoch, was den Bombenkrieg betrifft, um ein strategisches Konzept zur siegreichen Gestaltung von Kriegen. Da haben moralische Begrifflichkeiten nur insofern Platz, als das man zuvor den Gegner entmenschte (sonst könnte Mensch den Menschen nicht töten). Die russische Luftkriegsdoktrin ist also damit nicht moralisch besser als die der USA oder Großbritanniens.

Aber rein sachlich bleibt festzuhalten: Seit ihrer Erstellung in den 1930ger Jahren war sie (die Doktrin) grundlegend anders aufgestellt. Terror gegen die Zivilbevölkerung betrachtete die Militärführung immer als untauglich, um die Kriegsziele zu erreichen. Und so ist es kein Wunder, dass deren Bomberverbände niemals die Bedeutung der westlicher Armeen erreichten. Geplant durchgeführte Flächenbombardements der russischen (sowjetischen) Luftstreitkräfte auf zivile Einrichtungen sind daher niemals Teil der Kriegsführung sowjetischer und russischer Militärs gewesen. [35]

Spurensuche – oder Verwischung?

Und unsere Medien? Dezent decken sie den Mantel des Schweigens über das Unrecht, dass unser Land (unter anderem in Syrien) zu verantworten hat. Nur manchmal blitzt sie auf, die Nachricht hinter der Nachricht:

„Um zu verhindern, dass sich Kämpfer des IS unerkannt absetzen, suchen Militärs und Geheimdienste im Kriegsgebiet [in Syrien!] nach den Hinterlassenschaften der Terrororganisation. Auch Deutschland ist Teil dieser Geheimdienstallianz.“ [36]

Ach schau. Suchen unsere Geheimdienste dort unsere verlorenen Söhne? Oder geht es vielleicht eher darum, schmutzige Spuren zu beseitigen? Man spricht von fast eintausend Deutschen, die im Nahen Osten gestorben sind. Für den IS oder andere Dschihadisten? Sie selbst mögen das gedacht haben. Aber sie starben für den Wahnwitz des Greater Middle East. So eine Wahrheit aber ist nicht Sache der Tagesschau. Auch nicht die Frage, auf welche Weise viele hundert (wenn nicht tausende) Deutsche den Weg nach Syrien und den Irak fanden. [37][38][39]

Der Tagesschau ist dabei nicht einmal bewusst, dass sie gerade wieder die demokratische Fassade des westlichen Wertesystems herunter gerissen hat. Denn mit welchem Mandat operieren westliche Geheimdienste (einschließlich des deutschen) in Syrien!? Das Spiel des Greater Middle East ist noch lange nicht zu Ende. Es ist wichtig, dass all diese Wahrheiten den Menschen bekannt gemacht werden. Verzagen Sie nicht – auch wenn Ihnen der Wind entgegen bläst, das Notwendige auszusprechen.

Und bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Quellen

[1] 25.2.2003; http://www.informationclearinghouse.info/article1665.htm

[2] 2.3.2015; Robert Zion; https://www.heise.de/tp/features/Die-Gruenen-Parteiferne-Anstiftung-3370415.html

[3] 5.11.2003; Alexandra Homular-Riechmann; http://www.bpb.de/apuz/27287/pax-americana-und-gewaltsame-demokratisierung?p=all

[4] 7.10.2017; https://www.sourcewatch.org/index.php/The_Foreign_Policy_Initiative

[5] 7.10.2017; https://www.sourcewatch.org/index.php/Project_for_the_New_American_Century

[6] 7.10.2017; http://www.foreignpolicyi.org/search/node/%22Greater%20Middle%20East%22

[7][8][9][11] Demokratisierung eines Greater Middle East; Mohssen Massarrat; 2.11.2005; http://www.bpb.de/apuz/28717/demokratisierung-des-greater-middle-east?p=all

[10] 8.10.2009; Niall Green; https://www.wsws.org/de/articles/2009/10/geor-o08.html

[12] 21.9.2006; https://www.swp-berlin.org/publikation/der-unilateralismus-ist-definitiv-gescheitert/

[13] 12.6.2015; Sebastian Runge; https://www.hintergrund.de/globales/kriege/zerfall-und-neuordnung-im-nahen-osten/

[14] 4.12.2015; Florian Rötzer; https://www.heise.de/tp/features/Die-Tuerkei-und-das-IS-Oel-3377017.html

[15] 4.10.2017; http://www.mid.ru/de/foreign_policy/news/-/asset_publisher/cKNonkJE02Bw/content/id/2886718

[16] 9.10.2017; http://www.english.iswnews.com/661/the-latest-situation-of-contact-lines-around-the-al-tanf-border-crossing/

[17][31] 6.10.2017; https://deutsch.rt.com/der-nahe-osten/58591-moskau-usa-benutzen-fluechtlinge-als-menschliche-schutzschilde/

[18] 2.8.2015; http://www.express.co.uk/news/uk/595439/SAS-ISIS-fighter-Jihadis

[19] 26.3.2016; http://noch.info/2016/03/perverses-doppelspiel-nato-spezialkraefte-kaempfen-als-is-terroristen-verkleidet-in-syrien/

[20] 9.9.2016; https://www.wsws.org/de/articles/2016/09/09/brit-s09.html

[21] 6.3.2017; https://www.theguardian.com/politics/2017/mar/06/amber-rudd-secret-billion-pound-conflict-stability-security-fund

[22] 2.10.2017; https://flutterbareer.wordpress.com/2017/10/02/is-schlaeferzellen-erobern-stadt-von-der-syrischen-armee/

[23][28] 11.10.2017; http://tass.com/defense/969978

[24][25][26] 5.10.2017; http://tass.com/defense/969330

[27] 13.10.2017; https://de.sputniknews.com/zeitungen/20171013317853949-treubruechige-uebereinstmmung-russland-beschwert-sich-ueber-us-handlungen-in-syrien/

[29] 29.9.2017; https://southfront.org/russia-will-not-allow-united-states-limit-area-syrian-army-operations-deir-ezzor-diplomat/

[30] 29.9.2017; https://vz.ru/news/2017/9/29/889029.html

[32] 12.10.2017; https://southfront.org/syrian-foreign-minister-us-led-coalition-destroying-anything-but-isis-in-syria/

[33][35] Geschichte des Luftkriegs 1910 – 1981; Olaf Groehler; 1981; S.115, Allgemein; Militärverlag der DDR; Originalquelle: Die Luftherrschaft; Guliot Douhet; 1921 (1930)

[34] 14.10.2017; 16:45 Uhr; https://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%A4chenbombardement

[36] 12.10.2017; https://www.tagesschau.de/ausland/is-geheimdienste-101.html

[37] 6.3.2015; http://www.sueddeutsche.de/politik/is-kaempfer-deutsche-dschihadisten-werden-regelrecht-verheizt-1.2380615

[38] 23.8.2015; http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-08/islamischer-staat-deutsche-kaempfer-tote

[39] 15.9.2017; https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten-islamismus/zuf-is-reisebewegungen-in-richtung-syrien-irak

[b1] Militärische Lage in Syrien am 12.10.2017; Screenshot bei Southfront.org; Quelle: https://southfront.org/military-situation-in-syria-on-october-12-2017-map-update/

[b2] Militärische Lage in Syrien und dem Irak am 17.8.2017; Screenshot bei Southfront.org; https://southfront.org/military-situation-in-syria-on-august-18-2017-map-update/

[Titelbild] Datei: krak-of-chevaliers-1078528_960_720.jpg; Quelle: https://pixabay.com; Lizenz: CC0 Public Domain

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Ein Kommentar zu Die langen Schatten des Greater Middle East

  1. eudlinks sagt:

    Danke für die Aufklärung und für Deine Arbeit. Peds Ansichten sind ein wichtiger Mosaikstein der Gegenöffentlichkeit, ich verfolge Deine Beiträge regelmäßig. Neben Propagandaschau, Nachdenkseiten, Rationalgalerie, Blauer Bote, Spiegelkabinett, Gert Ewen Ungar, Hinter der Fichte und was man noch so findet.
    Die etablierten Medien werden so nachhaltig entlarvt und entwaffnet.

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