Walter Lippmann, Joseph Goebbels und Edward Bernays – Schnittmengen

Die Politik der repräsentativen Demokratien – zu denen auch Deutschland zählt – hält sich an universelle Regeln der Propaganda. Das erwächst aus einem Elitendenken (sich selbst so sehender) weiser politischer Führer und Ideologen. Zu diesem Thema habe ich eine – so hoffe ich – reizvolle Aufgabe für Sie.


Beginnen wir mit einem doch ziemlich bekannten Zitat:

„Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen.“ [1]

Man könnte meinen, diese Aussage käme von Edward Bernays, dem Gottvater der Propaganda und der Public Relations (zu deutsch Öffentlichkeitsarbeit). Das wäre ein Irrtum, denn die Aussage ist von Joseph Goebbels. Und – ist das auch von Goebbels?

„Wenn es im Krieg gelingt, die Massen vom Gefühl und nicht vom Verstand her zu gewinnen, warum soll man das nicht auch in Friedenszeiten nutzen?“ [2]

Nein, das ist nun tatsächlich von Edward Bernays.

Walter Lippmann wiederum war der Ansicht:

„,dass das gemeine Volk gar nicht interessiert sei an einer qualifizierten Mitsprache an gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine handverlesene Elite „Weiser Männer“ müsse alle schwierigen Themen in der Politik so vorkauen, dass das Volk nur noch die Option besitzt, auf vorgefertigte Fragen mit „ja“ oder „nein“ zu antworten.“ [3]

Ihm war wichtig, dass das Volk nicht selbst Fragen entwickelt und formuliert, sondern vorgefertigte Fragen weiterverbreitet und versucht zu beantworten. Damit war eine scheinbare Freiheit der Diskussion nach außen darstellbar, gleichzeitig die beabsichtigte Einschränkung im Thema garantiert.

Walter Lippmann war Journalist und Sozialtheoretiker. Er war aber auch einer der Direktoren des Council on Foreign Relations, einer der bis heute einflussreichsten US-amerikanischen Denkfabriken. Nach Ende seiner Amtszeit gelang dem Council ab 1939 der entscheidende Schritt in die US-Politik.

Die Feststellungen Lippmann’s beruhten auf den Erfahrungen, in welcher Art und Weise das Volk in der Vergangenheit gesellschaftliche Entwicklungen angenommen und in Handlungen umgesetzt hatte. Seine Beobachtungen stützten sein Menschenbild.

Medien waren für Lippmann ein Schlüsselelement zur Steuerung der Massen. Massen, die sich auch selbst so verstanden und entsprechend dachten und handelten; es bis heute tun. Eine subtil verabreichte Einheitsmeinung hielt Lippmann für unerlässlich. Dafür mussten auch die Menschen in den Medien die entsprechende Konditionierung aufweisen. „Gleichgeschaltete Journalisten“, dieser Begriff kommt nicht etwa aus einer sogenannten verschwörungstheoretischen Ecke sondern eben von Walter Lippmann, einem einflussreichen Vertreter hinter der US-Politik im vergangenen Jahrhundert [4]:

“Indem die Auswahlregeln der gleichgeschalteten Journalisten weitgehend übereinstimmen, kommt so eine Konsonanz der Berichterstattung zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkt (alle sagen es, also muss es stimmen) und jene oben beschriebene Stereotypen-gestützte Pseudoumwelt in den Köpfen des Publikums installiert.“ [5]

Wenn wir heute Geschichte betrachten, sollten wir uns bewusst sein, dass Geschichte geschrieben wird; geschrieben von Siegern. Lippmann war auf der Seite der Sieger und sagte also:

„Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Einzug gefunden hat in die Geschichtsbücher der Besiegten und von der nachfolgenden Generation geglaubt wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden.“ [6]

In einer Serie von Artikeln im Jahre 1947 ist übrigens auch „Der Kalte Krieg“ als politische Kategorie durch Walter Lippmann in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeflossen. [7]

Edward Bernays verstand sich – wie Lippmann – als Teil der Elite. Er beriet Politiker wie Unternehmen. Gegen und nach Ende des Ersten Weltkrieges war er gemeinsam mit Walter Lippmann und John Foster Dulles (Gründer des US-Auslandsgeheimdienstes CIA) Berater des US-Präsidenten Woodrow Wilson. [8][9][10] Ihre Beratungen ermöglichten den zweifelhaften Erfolg der Operationen jener Eliten – bis hin zu kompletten Umstürzen politischer Systeme. Bernays Menschenbild bestätigte sich durch die gewollten und dann so erlebten Ereignisse und so sagte er:

„Wenn wir die Mechanismen und Motive des Gruppendenkens verstehen, ist es dann nicht möglich, die Massen zu steuern und zu reglementieren, entsprechend unserem Willen, und zwar ohne daß sie es wissen? … Zumindest gehen Theorie und Praxis so weit erfolgreich zusammen … daß wir in gewissen Fällen einen Umschwung in der öffentlichen Meinung erreichen, und das mit einem ausreichenden Maß an Genauigkeit durch gewisse Mechanismen. Gerade so, wie der Autofahrer die Geschwindigkeit seines Autos bestimmen kann durch die Zufuhr von Benzin.“ [11]

Stimmt dieses Bild oder stimmt es nicht? Man mag Bernays Sichten arrogant bezeichnen, weil er sich über diese Öffentlichkeit (die Massen) stellt. Doch aus der Sicht von Macht ist das Bild absolut stimmig. Wenn Menschen zur Macht aufschauen, projizieren sie die eigene Unterwerfung. Dazu kommt die Scheu vor der Reflexion der eigenen Rolle, was Bernays sagen lässt:

„Menschen sind sich selten der tatsächlichen Gründe bewußt, die ihre Tätigkeiten antreiben.“ [12]

Was nützt es uns, Bernays für sein Menschenbild zu verurteilen, wenn wir es doch leben! Menschen, die das mühselige Reflektieren ihres Wirkens in der Gesellschaft, was sehr viel mit Empathie zu tun hat, konsequent meiden, können auch genauso konsequent ausgenutzt werden, wenn sie an Machtbewusste geraten.

Walter Lippmann meinte deshalb auch, dass Eliten schlicht notwendig seien und:

„dass nur die spezialisierte Klasse für die „Herausbildung einer gesunden öffentlichen Meinung“ Sorge tragen dürfe, weil die Öffentlichkeit lediglich aus „unwissenden und zudringlichen Außenseitern“ bestehe.“ [13]

Schauen Sie, wie die Gesellschaft funktioniert; sie bestätigt Lippmanns Thesen. Man nimmt sie hin. Die selbsternannten Eliten fühlen sich – mit (subjektiv) vollem Recht – durch das gesellschaftliche Verhalten bestätigt. Denn das Volk (da unten) akzeptiert und respektiert dieses Rollenverständnis.

Ich wiederhole noch einmal das Zitat von Doktor Joseph Goebbels [a1]:

„Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. […] Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen.“ [14]

So deutlich wird das nicht immer ausgedrückt; eleganter klingt es aus dem Munde eines ehemaligen Beraters des US-amerikanischen Präsidenten so:

„Eine demokratische Rhetorik „hilft uns, die Kluft zu überbrücken zwischen unseren fundamentalen geopolitischen und strategischen Interessen und der Notwendigkeit, unsere Sicherheitsinteressen in eine moralistische Sprache zu kleiden. Die demokratische Agenda stellt, kurz gesagt, eine Art von Legitimitätshülle für unsere grundlegenderen strategischen Ziele dar.“ [15]

„Demokratische Rhetorik“ ist nichts anderes als Propaganda; die von Edward Bernays so umfassend Beschriebene und von den Eliten für „ihr“ Volk benutzte:

„Das ist das Geheimnis der Propaganda; den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne dass er überhaupt merkt, dass er durchtränkt wird.“ [16]

Nein, von Bernays ist das Zitat natürlich nicht; vielmehr ist es wiederum von Joseph Goebbels.

Politiker der deutschen Gegenwart sagen es etwas anders; der deutsche Bundesjustizminister meinte 2015:

„Unsere Zensurpolitik im Internet ist keineswegs gegen die Meinungsfreiheit gerichtet, sondern sie dient lediglich dazu, die Bürger dazu zu erziehen, dass diese ihre Gedankengänge in die Richtung projizieren, welche auch den staatlichen Richtlinien entspricht.“ [17]

Ist aufgefallen, dass sich die grundsätzliche Ausrichtung zwischen Repräsentanten von Dikaturen und der von repräsentativen Demokratien, was ihre Aussagen betrifft, gelegentlich kaum unterscheiden lässt? Nein, in Deutschland herrscht kein Faschismus. Doch die Bedingungen um unser Land dahin zu bringen, sind allemal gegeben. Wir alle haben es in der Hand, es nicht dazu kommen zu lassen.

Einer der geistigen Vorbilder Edward Bernays war ein gewisser Gustave Le Bon. Ob Sie in dessen Menschenbild passen, hängt einzig von Ihnen ab:

„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“ [18]

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Waren Sie es in diesem Artikel?

Glauben Sie, dass alle Zitate in diesem Artikel glaubwürdig sind? Welche nicht!? Es ist gut möglich, dass Sie der einen oder anderen Falschinformation aufgesessen sind, weil sie eben sehr gut in die Intention des Artikels passte.


Anmerkung

[a1] Ganz bewusst habe ich hier Dissonanz herausgefordert, in dem ich nicht „Goebbels“ schrieb sondern „Dr. Joseph Goebbels“.

Quellen

[1] http://tage-und-begegnungen.julianevieregge.de/2017/04/13/goebbels-und-goerings-grosse-luege/

[2][3][8] https://zeitgeist-online.de/exklusivonline/interviews-und-portraets/1031-der-neffe-freuds-oder-wie-edward-bernays-lernte-die-massen-zu-lenken.html; Originalquelle zum Interview mit Bernays: https://www.youtube.com/watch?v=5dtg-qFPYDE

[4] 18.10.2017, 13:54 Uhr; https://de.wikipedia.org/wiki/Gatekeeper_(Nachrichtenforschung)

[5] https://www.zeitenschrift.com/artikel/rand-corporation-operation-globale-manipulation

[6] http://www.nur-zitate.com/autor/Walter_Lippmann; Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Propyläen: Frankfurt, 1978, S. 9810, 11, 12; zitiert in „Deutscher Anzeiger“, 15. 6. 1970; auch zitiert in die „Die Welt“, 20.11.1982 (http://www.mental-ray.de/Deutsches_Reich/Level1/13/132.pdf)

[7] The Cold War; Walter Lippmann; 1947; https://www.learner.org/workshops/primarysources/coldwar/docs/lippman.html

[9][13] 16.10.2017; 15:20 Uhr; https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Lippmann

[10] 29.4.1994; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46174564.html

[11][12] http://www.thefalseflag.com/2016/12/11/tff-buechertipp-edward-bernays-propaganda-gratis-pdf-download/

[14] http://magazin.cultura21.de/_data/magazin-cultura21-de_addwp/2010/10/200705_Medienmacht_Hamm.pdf

[15] The Democratic Revolution in Latin America; Howard Wiarda; 1990; aus: Die Angst der Machteliten vor dem Volk; Rainer Mausfeld; https://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Die_Angst_der_Machteliten_vor_dem_Volk.pdf

[16] Zitat von Joseph Goebbels, 1933; entnommen bei: Ein Volk. Ein Reich. Ein Rundfunk. Aus der Dramaturgie der Propaganda im Dritten Reich, Begleitheft zum Tonband 185 des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, Grünwald 1973, S. 82; http://www.wir-rheinlaender.lvr.de/ausstellung/szenen/39_ns_hilft.htm

[17] Heiko Maas, 16.9.2015 in Berlin; http://www.spiegel.de/forum/politik/terror-frankreich-sie-werden-diesen-kampf-verlieren-thread-381529-16.html

[18] Psychologie der Massen; Gustave Le Bon; 1895; http://www.epochtimes.de/wissen/gesellschaft/warum-die-aufklaerung-scheitern-musste-ein-schluessel-zum-verstaendnis-psychologie-der-massen-a2158303.html

[Titelbild] Lautsprecher; Autor: TimHaynes; Datum: 2016-04-17; Quelle: flickr.com_Lizenz: CreativeCommons; Bearb. d. Peds Ansichten

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5 Kommentare zu Walter Lippmann, Joseph Goebbels und Edward Bernays – Schnittmengen

  1. Henrike Schmidt sagt:

    Sehr geehrter Herr Ped,

    der Artikel war sehr interessant, bis zudem Zitat von Heiko Maas.

    Leider konnte ich es nirgends finden. Die angegeene Quelle, ist lediglich ein Kommentar eines anonymen Nutzers mit der Behauptung, dass Heiko Maas das gesagt hätte.

    Wenn Sie im Internet nach dem Zitat suchen, z.B. die Passage „Unsere Zensurpolitik im Internet ist keineswegs gegen die Meinungsfreiheit gerichtet“ in eine Suchmaschine einegeben, gibt es nur anonyme Kommentare unter Artikeln dazu. Keine originäre Quelle. Jetzt meine Deutung: es sieht also weniger echt so aus, als ob jemand das absichtlich verbreitet – und weniger echt. Wäre das Zitat echt, wäre es ein echter Skandal, so nimmt es ihrem Text leider einen Teil der Glaubwürdigkeit.

    Es gibt eine Rede vom 14.09.2015, von ihm (https://www.youtube.com/watch?v=y5Oi0z7sUVo)

    Denn wäre er unecht, wäre es Propaganda (vielleicht mit guter Absicht), doch auch Propaganda mit guter Absicht ist schädlich.

    Ich hoffe ich konnte Ihnen und den anderen Lesern mit dem Hinweis helfen.

    Henrike

    • Ped sagt:

      Sehr gut, Henrike!
      Das war die „weicheste“ Stelle im Artikel und so wollte ich meine Schlussbemerkung verstanden wissen:

      Glauben Sie, dass alle Zitate in diesem Artikel glaubwürdig sind? Welche nicht!? …

      Vielen Dank an Sie.
      Vielleicht gibt es ja noch mehr? Wenn es auch nicht ganz so offensichtlich ist wie beim (höchstwahrscheinlichen) Nicht-Zitat von Heiko Maas?

      Herzliche Grüße, Ped

      • Henrike Schmidt sagt:

        Oh, diese Passage hatte ich überlesen.

        Lieber Herr Ped,

        ich bitte ich Sie um Entschuldigung, wenn der Artikel absichtlich als Übung gemeint war, dann hatte ich es nicht erkannt. Schäme mich ein wenig.

        Vielen Danke für Ihre Arbeit!
        Henrike

      • Ped sagt:

        Nö, nö; es gibt nichts zu entschuldigen und schon gar nicht zu schämen. Sie haben kritisch und achtungsvoll geschrieben und sind sogar ohne meine subtile Aufforderung am Ende des Artikels auf dessen große (eingebaute) Schwachstelle gestoßen.
        Herzlichen Dank nochmal an Sie!
        VG von Ped

  2. Lateralus sagt:

    Erneut ein äußerst erhellender Artikel, Ped. Der allerletzte Satz von Le Bon beschreibt es schockierend präzise: Den Schafen zu erklären sie würden bald auf die Schlachtbank geführt werden würde für allerlei Gelächter und Ablehnung sorgen, jedoch sobald ihnen jemand auch nur ansatzweise verspricht sie zu verschonen ist der Glaube daran absolut unumstößlich. Man kennt es selbstverständlich aus privaten Diskussionen. Wer auch nur ansatzweise diverse gesellschafts- bzw. sozialkritische Themen anspricht wird umgehend von der dogmatischen Meinungshoheit geradezu erschlagen. Und dass obwohl, wie in diesem Artikel beschrieben, die elitedemokratischen Auswüchse wissenschaftlich absolut standfest sind. Was bleibt ist trotz aller Bemühungen gewiss ein Stück von Ohnmacht, die nicht gegebene Möglichkeit Leute wenigstens zu einer pragmatischen Diskussion zu bewegen.

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