Flüchtlingsursache Deutschland

Es gibt kein Einwanderungsproblem in Europa.


Doch gibt es zweifellos massenhafte Flüchtlingsbewegungen, die warnende Symptome von Problemen sind, die durch ein „Grenzen dicht machen“ nicht gelöst werden. Wenn etwas erkrankt – Menschen, Organismen, Gesellschaften – dann ist, neben der Akutbehandlung, die Ursachenforschung unumgänglich. Sodass man nämlich die wirklichen Probleme erkennen und lösen (a1) kann.


In den westlichen Gesellschaften wurde von der Meinungsführerschaft das Symptom „Flüchtlinge“ zu einem „Migrationsproblem“ oder „Einwanderungsproblem“ oder auch „Integrationsproblem“ umgetauft. Das führte umgehend dazu, dass man sich an diesen thematisierten Problemen abarbeitete – und zwar hauptsächlich auf Kosten der Flüchtlinge. Die beständige, sehr geschickte Hinführung der Aufmerksamkeit auf zum Beispiel – zweifellos auch existierende – Probleme mit kriminell werdenden Migranten, schafft es immer aufs Neue, abzulenken von den ursächlichen Problemen.

Die findet man aber nicht bei marokkanischen Drogen-Dealern und auch nicht bei „im Chaos versinkenden Staaten“ oder „Diktatoren, die ihr eigenes Volk abschlachten“, sondern in unserem eigenen Land, der Art und Weise des Wirtschaftens und Verbrauchens von Ressourcen wie Produkten sowie der Einstellung zum tatsächlich Wertvollen. Es gilt deshalb den Zusammenhang sowie Ursache und Wirkung sichtbar zu machen, der zwischen den Fluchtbewegungen in Richtung Europa und westlicher Politik, in Bezug auf die Ursprungsstaaten der Flüchtlinge, besteht. 

Es genügt dabei nicht, die trockenen Zahlen zu verstehen. Wir dürfen uns vielmehr emotional vor Augen führen, was Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat treibt. Flucht führt uns weg von dem, was uns vertraut ist und dem was wir lieben – Menschen, Natur, Geschichte, Kultur. Es ist der Höhepunkt von Entwurzelung und in der Regel ein traumatisches Ereignis.

Wir dürfen uns auch nicht von eindimensionalen Geschichten abspeisen lassen, in welchen jeder Kontext samt darin handelnder Akteure verschwindet. In denen unsere Emotionalität in einem schmalen Fenster auf ganz bestimmte Aspekte des Flüchtlingsdramas gelenkt wird. Das Leiden in Ländern wie Afghanistan, dem Irak und Syrien müssen wir fühlen – und zwar dort, wo es entsteht. Solange das nicht passiert, können wir nicht verstehen, was es eigentlich bedeutet, in eine solch dramatische Situation zu geraten, dass man sich zur Flucht entschließt.

Es gibt Singularitäten, wann, warum und durch wen die Katastrophen in diesen Regionen angestoßen wurden. Wenn wir für dieses Forschen ehrlich und mutig genug sind, werden wir erkennen, dass wir verdammt viel mit dem Leid unzähliger Menschen, fernab unserer Komfortzone, zu tun haben.

Wir sollten bei all dem auch ein wenig die Verhältnisse gerade rücken. In welchen Dimensionen sich Flüchtlingsbewegungen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika ereignen, davon haben die meisten Zeitgenossen hierzulande leider keinen blassen Schimmer. Zum Beispiel trägt Syrien selbst, damit meine ich den Staat Syrien mit der Regierung von Baschar al-Assad, samt seiner Bevölkerung, die in diesem Zusammenhang größten Belastungen (1). Wofür es von der deutschen Regierung nicht einen Cent erhält. Die Menschen in Syrien selbst, das syrische Volk, sind der pragmatischen, an Eigeninteressen orientierten westlichen Politik einen Dreck wert. Syrien nahm – das sei noch angemerkt – bevor es selbst in den Krieg gezogen wurde, Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland Irak auf (2).

Wir dürfen daher erneut fragen: Wem und zu welchem Zweck kommen die milliardenschweren „Syrien-Hilfen“ der deutschen Regierung tatsächlich zugute?

Um echte, aus Reflexion geborene Empathie entwickeln zu können, muss man den Menschen ein Gesicht geben. Aus der Perspektive einer gesichtslosen und damit bedrohlichen Masse dürfen wir wechseln zu der von Menschen aus Fleisch und Blut – mit einer Identität. Diese Identität beschreibt sich wesentlich auch aus der Herkunft eines Menschen.

Aus welchen Staaten beantrag(t)en Menschen Asyl in Deutschland? Im Jahre 2017 sah das so aus (b1):



Nebenbei können wir uns fragen, wer und warum seit 2016 aus der Türkei kommend, in Deutschland um Asyl bat. Ein Jahr zuvor geht man von dieser Zahl an Menschen aus, die um Asyl in Deutschland ersuchten (b2):



Zusammengezählt kommen die meisten Flüchtlinge – und ich führe hier keine akademische Diskussion darüber, wer von diesen Menschen vielleicht den Status eines Flüchtlings nicht „verdient“ – aus folgenden Ländern: Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Eritrea.

Wenn ich ernsthaft versuche, ein Problem zu lösen, dann ist es immer eine gute Methode, als erstes zu prüfen, ob das Problem etwas mit mir selbst zu tun hat. Das gilt im Kleinen wie im Großen und das funktioniert natürlich nur dann, wenn man es sich selbst nicht allzu bequem macht. Weil man ja dann umgehend Wege finden würde, laut auf die Anderen als „Schuldige“ hinzuweisen.

Prüfen wir also, was Deutschland mit diesen fünf Ländern zu tun hat.

In Afghanistan stehen seit dem Jahr 2002 deutsche Truppen, um an einer „Friedensmission“ teilzuhaben (3). Ich erlaube mir, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Afghanis keinesfalls zu blöd sind, ihre Brunnen selbst zu bohren, überhaupt ihre Infrastruktur wieder aufzubauen, wie auch immer. Das wie geht uns nichts an, es ist nicht unser Land.

In Syrien und vor Syrien operier(t)en deutsche Geheimdienste, über Syrien fliegt deutsches Militär. Gegen Syrien laufen von Deutschland beförderte Wirtschaftssanktionen, wie sie kein Land jemals zuvor erdulden musste. Alles wegen dem „bösen Assad, den Fassbomben und dem vielen Giftgas“ – was als schmutzige Lügen längst enttarnt wurde. Dabei ginge selbst das – so brutal es auch im ersten Moment klingen mag – uns nichts an, es sei denn, wir wären ehrliche Makler und auf Ausgleich bedacht. Das sind wir aber nicht.

Im Irak trainiert Deutschlands Militär sowohl irakische Soldaten als auch kurdische Separatisten der Peshmerga, die angelegentlich daran interessiert sind, die Einheit des Irak zu zerschlagen (3). Ansonsten „engagiert“ sich die deutsche Bundeswehr im Irak wie auch in Syrien (4) in einem sogenannten Krieg gegen den Terror (5).

Gegen Eritrea laufen seit Jahren drastische Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union, deren stärkstes Mitglied Deutschland ist. Gegen den Iran liefen seit Jahren ebenfalls drastische Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union, die – wie gesagt – in erster Linie durch Deutschland dominiert wird. Die Flüchtlingszahlen aus den beiden letztgenannten Staaten fallen trotzdem gegenüber Syrien, Irak und Afghanistan deutlich ab.

Deutschland interveniert also in diesen Ländern, es mischt sich auf verschiedenen Ebenen in deren Belange ein. Jedes dieser fünf Länder hat seine spezifischen Verhältnisse. Ungeachtet dessen fliehen die Menschen – trotz (auch) deutschen „Engagements“ – aus ihrer Heimat. Alles wegen der Demokratie, die in diesen Ländern aufgebaut werden muss. Oder wie es die Regierungs-Technokraten auch gern zu sagen pflegen, um „Good Governance“ bei den „Barbaren“ einzuführen, um die Gesellschaften zu „transformieren“.

Sie meinen, das klingt zu überspitzt?

Ein weiteres Mal stelle ich Ihnen an dieser Stelle den Demokraten Herfried Münkler vor. Wer dessen Sichten über ein künftiges internationales „Sicherheitssystem“ studiert, könnte natürlich auch auf andere Gedanken kommen. Ich meine, Herfried Münkler, anerkannter Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und bezahlter Berater der deutschen Regierung, verbreitete neokoloniales, rassistisches, ja faschistisches Gedankengut. Oder, was meinen Sie (Hervorhebung Peds Ansichten)?

Der Zwang zu einer zunehmenden Politik der Intervention ist auch die Reaktion auf  die Konsequenzen der Globalisierung an der Peripherie. Es bleibt die Frage, ob es gelingt, die zentralen Bereiche in die Wohlstandszonen zu inkludieren, also in der Fläche Ordnung herzustellen und den Rest zu inkludieren. Es steht aber außer Frage, dass an diesen neuen imperialen Barbarengrenzen der Krieg endemisch wird, nämlich in Form von Pazifizierungskrieg aus dem Zentrum in die Peripherie hinein und in Form von Verwüstungskrieg aus der Peripherie ins Zentrum.“(6)


2004 – aus jenem Jahr stammt das Zitat – wurden die Konzepte für Interventionen, mitsamt ihren Begründungen, erarbeitet. Heute sind wir in der Umsetzung. Und aus „der Peripherie“ strömen nun die „Barbaren“ in die „Wohlstandszonen“ und drohen mit „Verwüstungskrieg“. Das nennt man dann „Einwanderungsproblem„. Daher sind wir „gezwungen“ in einen „Pazifizierungskrieg“ zu treten, auch genannt „Friedensmission“. Das ist Herrschaftssprache allererster Güte.


Wie es auch die Verkehrung von Ursache und Wirkung darstellt. Das dann (unter anderem) deutsche „Engagement“, ferne Staaten zu „befrieden“ und mit alternativloser Demokratie zu segnen – wieviel Frieden hat es denn nun gebracht? Gar keinen und wenn wir uns vergegenwärtigen, dass deutsche Politik nicht die notwendige Folge sondern Verursacher ist, dann lässt sich das rasch erfassen.

Es gibt Untersuchungen, welche die Gewalt in den Staaten dieser Welt in der Art eines Indexes berechneten. Bei aller Vorsicht, die ich angesichts von Analysen, welche von Eliten westlicher Staaten verbreitet werden, walten lasse (a2), ist diese zweifelhafte „Bestenliste“ der gewalttätigsten Länder auf unserem Planeten (Global Peace Index) durchaus als glaubwürdig zu betrachten (b3):



Im Jahre 2010, vor dem Ausbrechen des „Volksaufstandes“, lag Syrien, ebenfalls ersichtlich im „Friedensindex“, noch auf Platz 33! Zwei der fünf weiter oben benannten Staaten fehlen allerdings an der Spitze dieser „Hitliste“. Fällt Ihnen etwas auf?

Nicht aufgeführt sind der Iran und Eritrea, die beiden Staaten, auf deren Territorium Deutschland – wie auch die anderen westlichen Staaten – NICHT militärisch Krieg führen. Das sind die beiden Staaten, in denen das Gemeinwesen – bei allen Schwächen und Unrecht – funktioniert, in denen es ein souveränes Staatswesen auf dem gesamten Territorium gibt.

Noch einmal: Dort wo die massivsten militärischen Interventionen des Westens laufen, wo das Völkerrecht seit Jahrzehnten Tag für Tag auf schlimmste Weise gebrochen wird, dort ist die Gewalt am Größten. Und verwechseln wir nicht Ursache und Wirkung. Niemals zuvor in der jüngeren Geschichte dieser drei Staaten, haben die Menschen dort derartige Not und Gewalt erlebt. Sie kam mit den verdeckten und unverhüllten Interventionen.

Das impliziert eine recht einfache Logik. Wenn ich gewalttätig in ein System eingreife, wird dieses System selbst gewalttätig. Das kann ungewollt oder aber auch sehr berechnend geschehen. Aber Eines ist doch klar. Wenn ich an einer Friedenslösung interessiert bin, werde ich den Gewaltfaktor, für den ich höchst selbst verantwortlich bin, aus dem Prozess herausnehmen.

Die große Frage, die sich nun stellt ist:

Sind wir tatsächlich an einer Friedenslösung interessiert oder geben wir das nur vor? Ein einfaches Lippenbekenntnis genügt nicht, an den Taten soll man uns erkennen. Und was sind unsere Taten?

Kriegslösungen.

Einmischung, Erpressung, Sanktionierung, Gewalt – das sind „Lösungsansätze“ westlicher Demokratien. Allesamt sind es Mittel der Kriegführung, die das Leben in den „befriedeten“ Gebieten unerträglich werden lassen. Es führt dazu, dass sich Menschen auf eine lange, gefährliche Reise begeben. Wir reden an dieser Stelle noch nicht einmal davon, warum überhaupt westliche Demokratien Krieg in diesen Ländern führen und dabei aber ständig von Frieden reden. Konzentrieren wir uns darauf, DASS unsere Gesellschaften diese Kriege verantworten und das dadurch – und in dieser Dimension tatsächlich auch nur dadurch – Menschen massenweise ihre Heimat verlassen.

Die „Lösungsansätze“ westlicher Demokratien, unredlich als „Friedensmissionen“ deklariert, haben zum Beispiel im Irak seit dem Jahr 2003 Folgendes gebracht:

  • Die schier unfassbare Zahl von 1,5 Millionen Toten, wovon etwa 200.000 im Einzelnen dokumentiert werden konnten (7). Einer der schwerwiegendsten Gründe für Flucht ist die permanente und schiere Todesangst; die Angst, zu jeder Tages- und Nachtzeit überfallen, gebombt, erschossen, gekidnappt, vergewaltigt zu werden oder zu sehen, wie die eigenen Angehörigen, Frau und Kinder teilweise bestialisch zu Tode kommen. Diese Angst wird ständig bestätigt, sehen doch die so Terrorisierten wiederholt die an anderen Menschen verübte Gewalt, sehen bombardierte Dörfer und Städte, misshandelte und tote Menschen.

Daher ganz und gar nicht erstaunlich – ich wiederhole mich – gibt es diese unfassbare Gewalt erst, seitdem der Sendbote der Demokratie schlechthin, sein Projekt des Greater Middle East in den Irak brachte. Ein Projekt, bei dem er im Jahre 2003 von der damaligen Oppositionsführerin in Deutschland – einer gewissen Angela Merkel – vehement unterstützt wurde (8). Die Gewalt ist in erster Linie kein Phänomen unzivilisierter Araber, die radikalen religiösen Strömungen anhängen, sondern Teil der westlichen Interventionen in diesen Ländern.

Wie groß ist denn nun das Engagement deutscher Politik – und nicht nur der – die Gewalt im Irak, in Afghanistan und in Syrien zu beenden; und zwar durch einen raschen Abgang aus den Regionen? Zu dem natürlich auch die Beendigung einer Unterstützung jedweder Opposition – sei es eine „moderate“ oder auch eine wirkliche Opposition – in den betroffenen Staaten gehört, was man auch als Prinzip der Nichteinmischung bezeichnet. Was den Menschen hierzulande eben auch verschwiegen wird – diese aber selbst erfahren können – ist, dass Staatsterrorismus erst den Terrorismus gebiert. Es gab eben kein al-Qaida oder einen Islamischen Staat, weder im Irak noch in Syrien, bevor die bewaffneten Missionare des Wertewestens und ihre Söldner in diese Länder einfielen.

Es genügt auch nicht, zu erkennen, dass westliche Politik erst die Barbarei in diesen Staaten ermöglicht hätte. Nein, sie schleppte gar die Barbarei mit ihren Armeen und Proxies erst in die betroffenen Länder ein (9). Die pure Machtdemonstration, brutale Unterdrückung, willkürliche Tötung und Misshandlung von Menschen, die vollständige Entmündigung, ja Entwurzelung ganzer Gesellschaften, entsozialisierte und radikalisierte erst die Menschen. Sagen wir es klipp und klar: Hinter dem edlen Antlitz des demokratischen Wertewestens verbirgt sich eine hässliche Fratze von Macht und Herrschaft.

Diese Fratze wollen aber die Menschen nicht sehen. Einfacher ist es, gefährliche „Migranten“, „Zuwanderer“ oder „Asylbewerber“ zu sehen. Dafür pickt man sich die schwarzen Schafe heraus, um das Bild der Gefahr lebendig zu halten – und selbst so weitermachen zu können wie bisher. Ganz so, wie es auch die deutsche Politik tut.

Für Flucht gibt es  – neben der Todesangst – natürlich noch weitere, sehr triftige Gründe. Man kann Menschen auf alle erdenkliche Weise das Leben vor Ort zur Hölle machen. Genau das tut deutsche Politik. Es gibt leider nur eine begrenzte Anzahl von Zeitgenossen, die das hier in Deutschland stört. Weil man nicht wagt oder zu bequem ist, sich vorzustellen, was es bedeutet, wenn einfachste Dinge nicht mehr zur Verfügung stehen.

Syrien, wie der Irak hatten ihre hausgemachten Konflikte auf diversen Ebenen, aber die Menschen waren in der Lage, menschenwürdig zu leben. Ein Drittel der Syrer geht heute regelmäßig hungrig schlafen. Weil fremde Söldner seit Jahren in vielen Gebieten eine Bestellung der Felder verhinderten oder die Ernte raubten, während zur gleichen Zeit die Europäische Union Düngemittel und landwirtschaftliche Produktionsmittel auf die Sanktionsliste setzte (10).

Krankenhäuser in Syrien können nicht etwa deshalb nur unzureichend betrieben werden, weil „Fassbomben des Regimes“ sie zerstört hätten, sondern weil es an einfachsten Dingen fehlt. Wie fänden Sie es, liebe Leser, wenn Sie erfuhren, dass ein Krankenhaus in ihrer Nähe keine ordentliche Energieversorgung, keine Notstromversorgung, kein sauberes Wasser, keine Medikamente, keine funktionierenden medizinischen Apparaturen und nicht genügend ärztliches Personal hat? All das, weil Sanktionslisten der EU die entsprechenden Geräte und Hilfsstoffe beinhalten (11).

Wen stört das, diese unerhörte Repression gegen eine Gesellschaft, deren Führung dem Wertewesten nicht genehm ist? Wieso bewegen oder stören – je nachdem, welche Position wir einzunehmen gedenken – erst Flüchtlinge, wenn sie auf dem Mittelmeer oder gar an unseren Grenzen sind? Was ist mit dem davor? Das davor sind drei Finger, die auf uns selbst zeigen.

Wen stört es, dass die Europäische Union im Jahre 2013 ihr Sanktions-Management insoweit änderte, dass ab diesem Zeitpunkt Rebellen – genauer gesagt, islamistische Gruppen aus dem Dunstfeld von al-Qaida bis hin zum Islamischen Staat – geraubtes syrisches Öl im EU-Raum verkaufen konnten (12,13). All das stört nicht.

Syrien hat genug Öl und Gas, um den eigenen Bedarf zu decken, kann es aber nicht fördern und verarbeiten, aufgrund der Präsenz vom Westen finanzierter und ausgerüsteter Extremisten und parallel laufender Embargos von Ausrüstungen für die Förderung und Verarbeitung. Wer ist sich im Klaren, was das für einschneidende Änderungen im Alltag zur Folge hat? Wenn der geringste Wille fehlt, dieses Unrecht fühlbar werden zu lassen, werden die Opfer unserer Politik (a3) auch weiterhin an unserer Tür anklopfen – und zwar mit vollem Recht! Weil ohne diesen Willen auch kein Wille zur Veränderung erwächst.

Deutsche Politiker und Medien schwadronieren von Entwicklungshilfe, um den Raubzug in wirtschaftlich und politisch schwächeren Staaten zu kaschieren. Wen stören solche Lügen?

„Angesichts der anhaltenden Repressionen gegen die Zivilbevölkerung in Syrien beschloss die EU, ihre restriktiven Maßnahmen gegen das syrische Regime und seine Unterstützer im Einklang mit der EU-Strategie für Syrien aufrecht zu erhalten.“ (14)

Erkennen Sie den verlogenen Altruismus?

Es sind widerwärtige Repressionen gegen das syrische Volk – und zwar das, was die EU-Bürokraten in politischer Korrektheit „restriktive Maßnahmen gegen das syrische Regime“ bezeichnen! Wir dürfen lernen, mehr zu fühlen.

Zu noch schlimmeren katastrophalen Verwerfungen hat die jahrelange Missionstätigkeit des Wertewestens im Irak geführt. Während Öl- und Technologiekonzerne dort ihren Reibach machen, fehlt es den Irakis an allem. Millionen Menschen sind weiterhin auf der Flucht, die Infrastruktur ist, trotz „Milliardenhilfen“ des Westens – übrigens ganz genau wie in Syrien und Afghanistan – völlig am Boden. Denn die Bevölkerung sieht von diesen „Hilfen“ schlichtweg gar nichts. Die Kindersterblichkeit ist horrend und Menschen leiden an Mangelerkrankungen (15).

Wer kann die Biografie eines Irakis einschätzen, der als Flüchtling nach Deutschland kommt? Wie ehrlich ist die moralische Entrüstung über junge Männer aus diesen Regionen, denen man unterstellt, egoistisch und herzlos zu handeln? Über die Hälfte der städtischen Bevölkerung des Iraks lebt inzwischen in Slums. In den vergangenen 15 Jahren hat es parallel dazu einen beispiellosen Raubzug von westlichen Konzernen gegeben, welche sich quasi zum Nulltarif an den Reichtümern des Landes bedienten (16) – von denen indirekt die Konsumenten der Ersten Welt profitierten. Dazu gehören auch wir.

Sind wir so zynisch und sagen, die sind selbst Schuld und sollen das gefälligst auch selbst wieder in Ordnung bringen? Glauben wir wirklich, wir hätten einen besseren Charakter als diese Menschen? Wir können uns nicht hinter der US-Politik verstecken, welche die Kriegspolitik im Nahen Osten maßgeblich vorantreibt. Wir sind Mittäter.



Denken Sie, dass Afghanistan tatsächlich ein sicheres Herkunftsland ist (b4)? Dort sind allein bis 2013 etwa 200.000 Menschen infolge des Krieges gestorben, davon mindestens zur Hälfte Zivilisten (17). Und das Morden geht weiter (18). Zehn Prozent des afghanischen Territoriums wird inzwischen vom Islamischen Staat kontrolliert (19). Wird der IS derzeit einfach nur aus dem Irak und Syrien nach Afghanistan umgezogen (20,21)? Fragen wir uns, was die westlichen Truppen wirklich in Afghanistan treiben. Wir könnten auf den Trichter kommen, dass wir dort alles (mit)tun, damit der Terrorismus als Schreckgespenst erhalten bleibt – indem wir weiterhin Staatsterrorismus betreiben.

Wir haben ein Einwanderungsproblem?

Nein, wir haben das Problem einer aggressiven, anmaßenden, interventionistischen Außenpolitik, der von Seiten der Bevölkerung kein nennenswerter Widerstand entgegengesetzt wird. Inzwischen sind es 3.500 deutsche Soldaten, die dauerhaft im Auslandseinsatz sind und die Kriege ihrer westlichen Partner begleiten. Die Flüchtlinge an unseren Grenzen – und in ihrer übergroßen Mehrzahl sind es eben Flüchtlinge und nicht nur so einfach Migranten oder Einwanderer – verdienen erstens jede erdenkliche Hilfe und zweitens sind sie eine Hilfe, denn sie weisen auf die wunden Punkte unserer Gesellschaft hin, denen wir alle uns mal so langsam zuwenden dürfen.

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

(a1) Am Anfang wählte ich den Begriff „Lösen“ von Problemen – nicht „Bekämpfen“; und das aus gutem Grund. Denn, wenn wir selbst mit unserem Handeln Teil des Problems sind, müssten wir uns damit selbst bekämpfen. Das halte ich für keine gute Lösung, denn damit beginnt ja erneut das alte Spiel, auf die anderen zu zeigen.

(a2) Der globale Friedensindex wird unter anderem durch solche mit „Bilderbergern“ durchsetzte Institutionen wie dem britischen Medienimperium des Economist und dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) erarbeitet.

(a3) „Unsere Politik“ ist unser aller Politik, denn die schweigende Mehrheit, sie vor allem trägt diese Politik durch ihr Nichtstun.

Quellen

(1) Mai 2018; https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/nothilfe/syrien/

(2) 3.12.2008; http://www.taz.de/!5171764/

(3) 2.10.2018; https://www.bmvg.de/de/aktuelles/einsatz-counter-daesh-capacity-building-irak-soll-weitergehen-28138

(4) 1.9.2015; https://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/start/einsaetze/afghanistan/rueckblick/chronik/!ut/p/z1/hY_LCoMwEEX_yEkivpaKbbGIqH2aTQkmWItNJKTSRT–kYI76SwuzJw7dxigcAUq2dR3zPRKssH2DfVvSZgfcxIR4hHXQ_EJV_uoyly08-EMl38WajFaqRjBgQtobEawmhFaE1CgXDitksLMaoQ0vdVOM6O0Mypthpm8tLbE6Tk0CKcJDpZT-BOV5YbWOCBpltRz4INN7L3ssnZ-Gpo7k3wQpWrj32B8bsOi8LovUFJZfA!!/dz/d5/L2dBISEvZ0FBIS9nQSEh/#Z7_B8LTL292252350AU1QJ9QI3080

(5) 5.7.2018; http://www.einsatz.bundeswehr.de/portal/a/einsatzbw/start/aktuelle_einsaetze/irak/hintergrund/!ut/p/z1/04_Sj9CPykssy0xPLMnMz0vMAfIjo8zinSx8QnyMLI2MXNzNjQ0cAy2CHc1cjA0MLA30wwkpiAJKG-AAjgb6wSmp-pFAM8xxm2GqH6wfpR-VlViWWKFXkF9UkpNaopeYDHKhfmRGYl5KTmpAfrIjRKAgN6LcoNxREQB2FqPX/dz/d5/L2dBISEvZ0FBIS9nQSEh/#Z7_B8LTL2922DG730AQ8SA6D30095

(6) 5.10.2018; http://www.inherentresolve.mil/

(7) http://www.imi-online.de/download/IMI-Analyse-2004-038JWDefencePaper.pdf; Originalquelle: Herfried Münkler; 29.10.2004; Die Welt

(8) 5.10.2018; https://www.iraqbodycount.org/database/

(9) 31.3.2003; https://www.deutschlandfunk.de/haltung-der-union-zum-irak-krieg.694.de.html?dram:article_id=58915

(10) 20.3.2013; https://medienschafe.wordpress.com/2013/03/20/der-amerikanische-irak-blut-und-ehre-unter-wolfen/

(11) 1.5.2017; https://www.heise.de/tp/features/Wie-die-syrische-Zivilbevoelkerung-unter-den-EU-Sanktionen-leidet-3695626.html?seite=all

(12) 28.9.2016; https://theintercept.com/2016/09/28/u-s-sanctions-are-punishing-ordinary-syrians-and-crippling-aid-work-u-n-report-reveals/

(13) November 2013; http://www.epc.eu/documents/uploads/pub_3928_epc_issue_paper_76_-_the_effectiveness_of_eu_sanctions.pdf

(14) 22.4.2013; https://www.bbc.com/news/world-middle-east-22254996

(15) 28.5.2018; https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2018/05/28/syria-eu-extends-sanctions-against-the-regime-by-one-year/?utm_source=dsms-auto&utm_medium=email&utm_campaign=Syrien%3a+EU+verl%c3%a4ngert+Sanktionen+gegen+das+Regime+um+ein+Jahr

(16) 23.5.2014; https://www.counterpunch.org/2014/05/23/iraq-the-biggest-petroleum-heist-in-history/

(17) 12.3.2016; https://medienschafe.wordpress.com/2016/03/12/the-wilderness-of-pain/

(18) März 2015; http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_first_international_edition_2015_final.pdf

(19) 31.7.2018; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/gewalt-in-afghanistan-zivilisten-durch-bombe-getoetet-15716044.html

(20) 31.10.2016; https://www.tagesspiegel.de/politik/afghanistan-neue-hochburg-fuer-den-is/14759408.html

(21) 25.2.2014; https://www.bbc.com/news/world-asia-39031000

(b1,b2) 1.10.2018; Bildschirmausschnitte; Bundeszentrale für Politische Bildung; Quelle: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Registrierungen

(b3) 04.10.2018; Bildschirmausschnitt; Globaler Friedensindex; https://de.wikipedia.or/wiki/Global_Peace_Index#Global_Peace_Index_(Rangfolge)

(b4) Bundeswehr-Soldat in Afghanistan, Bild entnommen aus IPPNW-Bericht 2015 zu Afghanistan; Quelle: http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_first_international_edition_2015_final.pdf; S.78

(Titelbild) US-Soldaten bei Gefechtsübungen nahe des widerrechtlich okkupierten syrischen al-Tanf; 7.9.2018; Centcom; Autor: Carlos Lopez; Quelle: http://www.centcom.mil/MEDIA/IMAGERY/igphoto/2001966289/

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