Prangerjustiz

Um auf Andere zu zeigen und zeigen zu lassen, wurden sie früher öffentlich fixiert.


Stigmatisierung und Ausgrenzung ist kein neues Phänomen. In vergangenen Jahrhunderten kam es allerdings weniger subtil daher. “Hexenjagden” und “an den Pranger stellen” zeigen aber auch heute in ihrer Symbolik, um was es geht, wenn man Unbotmäßige zu domestizieren gedenkt. Das passiert auch im Alltag häufiger, als man so glaubt. Carsten Holzmüller von der Mahnwache für Frieden in Dresden erläutert uns das etwas genauer.


An einem Pranger wurde in der mittelalterlichen Gesellschaft ein Verurteilter festgebunden, um ihn Schaulustigen vorzuführen. Diese konnten sich auch aktiv an der Bestrafung beteiligen, indem sie mit allerlei Wurfgeschossen auf den Wehrlosen zielten.

Doch das Mittelalter ist längst vorbei und unsere aufgeklärte Gesellschaft würde sich niemals solcher primitiven Mittel bedienen, oder? Die Pranger-Strafe wurde doch aus unseren Gesetzesbüchern getilgt und wir haben ein Justizsystem, mit ehrenwerten Grundsätzen wie beispielsweise der Unschuldsvermutung (und damit der Beweispflicht für den Ankläger), einem Gleichbehandlungsgrundsatz, einer Möglichkeit sich zu verteidigen oder auch einer Verjährung bei geringen Vergehen.

Neben diesem eigentlichen Justizsystem hat sich jedoch ein weiteres entwickelt, welches man vor allem in den traditionellen aber auch in den sozialen Medien beobachten kann. Es findet Anklang in allen Gesellschaftsbereichen, von politischen Parteien bis hin zur örtlichen Dorfclique. Menschen, deren Meinung oder Verhalten von den Vorstellungen der Gruppenführung abweicht, werden bloß gestellt und gedemütigt. Äußerungen werden aus dem Kontext gerissen, Gesinnungen werden unterstellt, Belastendes wird übertrieben, Entlastendes wird verschwiegen. Die Betroffenen haben keine oder keine faire Möglichkeit sich zu verteidigen. Sie sind am Pranger.

Mit der publizistischen Macht wächst auch die Effizienz eines solchen Prangers. Ja, er kann sich sogar verselbständigen. Kleinere Zeitungen schreiben von größeren ab. Die Kollegen erzählen es am Mittagstisch und man selbst erzählt es dem Nachbarn. Man weiß gar nicht mehr, was oder wer der Ursprung des Ganzen war und das Urteil über die Person wird zur allgemein bekannten Wahrheit. Dazu kommt, dass nur wenige ein Problem damit haben, einer einmal unliebsamen Person weiteres Fehlverhalten zuzutrauen.

Haben Menschen eine solche publizistische Macht, so neigt ein erheblicher Teil von ihnen dazu, derartige Methoden ganz von allein anzuwenden. Nicht selten in selbstgerechten Eifer. Ein zielgerichtetes Propagandasystem müsste somit lediglich dafür sorgen, dass diejenigen, mit den richtigen Ansichten, in die richtigen Positionen kommen und eine möglichst einheitliche Front bilden. Die Anprangerung von unerwünschten Individuen erfolgt danach quasi vollautomatisch. Aber auch ohne eine solche Steuerung kann es durch die ähnliche Sozialisierung der Publizisten zu derartigen Effekten kommen.

Ein besonderes Gesetz, dass die Pranger-Justiz kennt, ist die Kontaktschuld.

  • Man hat mit dem Feind geredet.
  • Man hat sich dort geäußert, wo auch der Feind seine Ansichten vertritt.
  • Man vertritt Standpunkte, die auch vom Feind vertreten werden.
  • Man bekommt Beifall von Feind.

Der Angeprangerte wird nun selbst dem Feind zugeordnet und alle Anderen haben den Kontakt zukünftig zu meiden.

Dies wirkt vor allem auf Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wie Schauspieler, Komiker, Sportler, Musiker oder Fernsehmoderatoren. Ihr Lebensstandard ist im hohen Maß von ihrem Erscheinungsbild abhängig. Der geächtete Sportler kommt schlechter an Werbeverträge und einen Musiker lädt man gar nicht erst zum Konzert. Aber auch einfache Angestellte können plötzlich schlecht für das Image der Firma sein und das nicht ohne Grund, denn das Unternehmen braucht sein Image, um Aufträge zu bekommen oder Produkte abzusetzen. Dies kann in Extremfällen zu einem de facto Berufsverbot führen.

Der Einzelne ist sich dieser Konsequenzen wohl bewusst und hält somit häufig unaufgefordert das Kontaktschuldgesetz ein. Die Kontaktschuld ist aber nicht nur auf Personen beschränkt, auch Organisationen können damit in Verruf gebracht werden.

Die Konsequenzen für unsere Gesellschaft sind fatal. Abweichende Meinungen behält man für sich. Dadurch werden sie weder Gegenargumenten ausgesetzt, noch können sie die gesellschaftliche Debatte bereichern. Noch fataler ist, dass man diejenigen bestraft, die versuchen, einer anderen Gruppe ihre eigenen Argumente zugänglich zu machen. Gerade das ist für einen gesellschaftlichen Dialog doch so wichtig!

Stattdessen entsteht eine scheinbare Konsensmeinung, die jedoch nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Als ob das nicht schon genug wäre, besteht die Gefahr, dass eifrige Selbstjustizler diese Situation ausnutzen. Die Angeprangerten können damit zur Zielscheibe von Vandalismus, Pöbeleien oder persönlichen Einschüchterungen, bis hin zu körperlichen Angriffen werden. Sie bilden mein letztes Puzzlestück für die Parallele zum Mittelalter.

Was also tun? Seien Sie, vorsichtig bevor sie werten. Wenn es möglich ist, prüfen Sie die Originalquelle. Danach können Sie sich ein besseres Urteil über den Angeprangerten, aber auch über den Pranger bilden. Wenn Ihnen per Hörensagen Gerüchte zugetragen werden, fragen Sie nach dem Ursprung und verbreiten Sie Unzuverlässiges nicht weiter. Machen Sie auf die Systematik der Pranger-Justiz aufmerksam. Sie können natürlich auch versuchen, gezielt gegenzusteuern, um geächtete Personen und Gruppen wieder zu etablieren. Dies ist allerdings sehr schwierig, denn Sie wissen ja, es herrscht Kontaktschuld!


Nachwort von Peds Ansichten

Wenn ich Carsten richtig verstanden habe, sind wir vom Pranger in doppelter Hinsicht betroffen. Während wir uns mehr oder weniger dessen schmerzhaft bewusst werden, wenn wir angeprangert werden, sind wir selbst oft genug – dann allerdings, ohne uns dessen bewusst zu sein – anderen gegenüber aktiv dabei, auszugrenzen und abzuwerten. Achtsamkeit wie Mut gehört dazu, sowohl dem Einen als auch dem Anderen zu widerstehen. Es liegt an uns, beides zu beweisen und sich über diesen Versuch, uns selbst oder Mitmenschen mundtot zu machen, hinwegzusetzen.

Bleiben Sie in diesem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkung

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen, einschließlich der Nennung des Autors Carsten Holzmüller, kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

Quellen

Carsten Holzmüller; Mahnwache für Frieden Dresden; 13.10.2018; http://mahnwache.wordpress.com/

(Titelbild) Pranger; Auto: James DeMers (Pixabay); Datum: 6.7.2012; Quelle: https://pixabay.com/de/pranger-ger%C3%A4t-strafe-gefangener-51540/; Lizenz: CC0 Creative Commons