Schuld und Eigentum im Soll und Haben

Karl Marx hat in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine brillante Analyse des kapitalistischen Systems geliefert. Die Würdigung möchte aber nicht den Blick dafür verstellen, dass diese Analyse eine rein Ökonomische war. Aus stark selektiver Betrachtung heraus neue Gesellschafts-Modelle in Angriff zu nehmen, halte ich allerdings für gewagt, ja unverantwortlich. Doch genau das wird immer auf’s Neue versucht. Ideologen und Umsetzer solcher Entwürfe sind sich nicht bewusst, dass sie sich im Rahmen einer Matrix bewegen, die das System faktisch immer wieder aus sich selbst heraus neu erfindet. Schuld und Eigentum spielen dabei eine bedeutende Rolle.


Über diesen Ansatz erscheint es mir logisch, warum alle großen Gesellschaftsentwürfe, die sich eine – aus ihrer Sicht – bessere Welt erhofften, scheitern mussten und auch in Zukunft scheitern werden. Denn immer wurden diese Entwürfe nur „halb“ gedacht. Die selbstredend notwendige Analyse großer Strukturen blieb und bleibt an einem gewissen Grad von Erkenntnis stehen und zieht vorzeitig Schlussfolgerungen für komplett umgebaute oder neu geschaffene Gesellschaften, ohne die unendliche Vielfalt von Natur und Mensch auch nur annähernd zu berücksichtigen. Dabei geht sie von einer ehern manifestierten Überzeugung im ICH aus, DIE (einzig wahre) Lösung gefunden zu haben. Sie bleibt jedoch bei der Betrachtung der großen Strukturen, abstrahiert unzulässig und lässt somit die notwendige Menschlichkeit (das Kleine, Einzigartige und unschätzbar Wertvolle), worauf stabile kollektive Gemeinschaften von Menschen angewiesen sind, außen vor.

Auf diese Weise vernachlässigt ein solches Herangehen – für mich sträflich – uns über Jahrtausende eingebrannte Denkmodelle und Verhaltensmuster, welche schließlich ursächlich zu den uns heute bekannten Gesellschaftssystemen geführt haben. Einen dieser Aspekte – unser (so wie ich es sehe) gestörtes Verhältnis zu Quantitäten und Qualitäten untersuchte ich bereits in einem früheren Beitrag. In diesem argumentierte ich auch, dass einem solchen Denken das Streben hin zu totalitären Systemen, zum Faschismus innewohnt. Doch noch etwas ist Teil der Matrix; nämlich die Einstellung zum Eigentum.

Bevor es weitergeht noch eine kleine Anmerkung:

Um hier nicht in eine emotionale Falle zu geraten, halte ich es an dieser Stelle für sinnvoll, wenn wir bei der Betrachtung solcher Begriffe wie Eigentum, Gier, Macht und Herrschaft, SOLL und HABEN versuchen, uns einer ethisch-moralischen Bewertung zu entziehen.

Die Dialektik des Marxismus

Die Marx’sche Kapitalismus-Betrachtung ist eine konsequent dialektisch Materialistische und bewegt sich damit auch im reinen Bereich der Quantitäten, um gesellschaftliche Prozesse zu erklären. [a1] Dass die Menschen im System so handeln, wie sie handeln, wird als gegeben vorausgesetzt. So sehr ein Karl Marx von der Befreiung der Menschen aus Ausbeutung und Unterdrückung träumte, so sehr war er auch ganz offenbar von der Selbstverständlichkeit des menschlichen Wesens als dem eines homo oeconomicus gefangen. Auch er bewegte sich in der Alternativlosigkeit einer Matrix, in der alles berechenbar, kalkulierbar, messbar, quantitativ bewertbar erscheint. In der die Zukunft auf Basis von Algorithmen durchgeplant werden kann.

Menschen mit dem Glauben an eine Reformierbarkeit des kapitalistischen Systems, das die sozialen Aspekte der Menschen berücksichtigt und Jedermann ein menschenwürdiges Leben mit gleichberechtigter Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht, bewegen sich dabei durchaus in Nähe der Auffassungen von Vertretern der marxistisch-leninistischen Weltanschauung. Sowohl die Einen als auch die Anderen argumentieren in Richtung einer gerechteren Welt mittels NEUVERTEILUNG VON EIGENTUM. Zwar unterscheiden sie sich in der Art der Umsetzung, also WIE diese Neuverteilung erreicht werden soll. Aber Eigentum gilt als selbstverständlich notwendige Komponente unseres (Zusammen-)Lebens und wird nicht in Frage gestellt.

Als untrennbares Phänomen schafft außerdem eine bestimmte menschliche Eigenschaft – so sie gesellschaftlich durch Verbreitung einer Ideologie akzeptiert ist – den Kapitalismus; während Jener diese wieder befördert. Wir pflegen quasi das System durch beständige Anwendung in unseren Köpfen. Damit festigen wir Handlungsmuster und betoniert wie sie sind, werden sie – alternativlos. Gefangen in ihnen können wir uns Lösungen AUßERHALB dieser überhaupt nicht mehr vorstellen. Es ist eine Matrix und in ihr ist es die GIER, die den – für mich fragwürdigen – gesellschaftlichen Fortschritt antreibt.

Karl Marx analysierte in beeindruckender Weise Teilnehmer und Wirken des kapitalistischen Systems. Er hat betont, darüber hinaus nicht den Anspruch zu erheben, (fertige) Konzepte anzubieten, WIE genau nun eine neue bessere Welt – auch deren ökonomische Basis – aussehen sollte. Er formulierte einzig die dann für ihn verbindlichen universellen Prinzipien menschlichen Zusammenlebens:

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ [1]

Aber woran machte er das damalige (und heutige) Übel fest? Er reduzierte die Menschen auf Produktivkräfte und Eigentümer von Produktionsmitteln.  Eigentum selbst nahm er als Naturrecht hin. Dessen Wert sah er konsequent als berechenbare Größe. Er erkannte Eigentum im Kontext des WIE und WEM und reduzierte es damit auf eine Verteilungsfrage.

So aber vermeiden wir jede Betrachtung, warum wir EIGENTUM überhaupt BRAUCHEN.

Zweifelhafter gesellschaftlicher Fortschritt

Bis in die Gegenwart populär ist, dass über personelle Veränderungen innerhalb der Machtstrukturen oder auch durch Neuorganisation von Machtstrukturen ein (sogenannter) gesellschaftlicher Fortschritt erreicht werden kann. Dass dadurch Kriege und Unrecht ein Ende finden, weil Menschen Platz in einem „besseren“ System finden. Man entwickelt „Fortschrittsgedanken“ und glaubt Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die den „gesellschaftlichen Fortschritt“ unabwendbar machen. Es ist nebenbei gesagt auch eine hochinteressante Frage, woran wir Fortschritt festmachen; wer die Kriterien dafür meint festlegen zu können.

Menschen glauben, den Kapitalismus „da draußen irgendwie“ überwinden zu können. Wobei sie an Strukturen basteln, aber die Menschen selbst außen vor lassen. Der Leninismus meinte in seiner Ideologie dieses Problem durch einen „neuen Menschen“ lösen zu können. Immerhin erkannte er, dass Systeme durch das Denken und Handeln der (einzelnen) Menschen gestaltet werden.

Leider war sein Lösungsansatz – so sehe ich es – UNMENSCHLICH. Er glaubte, in einem „großen Wurf“, der einen hohen Preis rechtfertigte (Aufgabe von Achtung vor der Würde und Unversehrtheit des Menschen), GEWALTSAM (im Kampf) eine bessere Welt erschaffen zu DÜRFEN. Er meinte, durch eine „gute“ Macht das Böse besiegen zu können. Die Folgen waren disaströs.

Dabei ist Streben nach Eigentum ohne Zweifel ein Trigger, um Kriege zu führen („DIE wollen uns etwas wegnehmen“, „WIR BRAUCHEN das“) und es wird zudem in moralisch positiver Weise eingefärbt („die Kommunisten wollen uns UNSER RECHTMÄßIGES(!) EIGENTUM wegnehmen“). Der Anspruch wird legitimiert („Wir haben ein RECHT auf Zugang zu freien Märkten.“). Eigentum schafft Neid, Konflikte, Konkurrenz! Eigentum ist ein Wachstums-Treiber.

Wir lassen bis heute EIGENTUM als Grundlage menschlichen Zusammenlebens unangetastet. Was aber, wenn genau das ein fundamental falscher Grundansatz für dauerhaft friedliches Zusammenleben von Menschen und das im Einklang mit der Natur ist?

Nicht nur, dass immer wieder das Bestreben von Menschen und Menschengruppen sichtbar wird, zur Veränderung von Gesellschaften am ganz großen Rad zu drehen. Man verwendet dazu auch noch fehlerhafte Eingangsparameter!

Ein verändertes System aber unveränderte Menschen? Was ist mit den Entmachteten, was mit den zu Macht Gekommenen; was mit den Enteigneten und was mit den nun mit nennenswertem Eigentum Ausgestatteten? Wie ist das, wenn man plötzlich auf der anderen Seite der Macht und des Eigentums steht und die Matrix im Kopf die Gleiche geblieben ist?

Eigentum – von der Psychologie zum System

Ist die Verteilung von Eigentum gar nicht unser primäres Problem?

Eigentum ist ein Begriff des HABENs. Das Streben nach Besitz stellt sich in den Büchern als SOLL, als Schuld dar. Es ist Zeichen eines sehr natürlichen psychologischen Musters, kurz zusammengefasst der GIER. Das Haben gibt uns Freiheiten, das Soll unterwirft uns den Habenden. Es gibt Auffassungen, dass die ersten Bücher der Welt tatsächlich Geschäftsbücher waren. Es wurde Buch über Einnahmen (erworbenes Eigentum) geführt und die Erzählung in den Büchern behandelte die (Auf)zählung des Eigentums und der Schulden. Es begann die Dokumentation von Machtverhältnissen. [2]

Achten wir erneut darauf, nicht moralisch zu bewerten, zu verurteilen oder einen Angriff (auf gängige Denkweisen) zu sehen; also:

Was halten Sie von dieser These?

Angewandte Gier ist die Grundlage des Kreditwesens.

Mehr noch:

Ohne Kredit gibt es keinen Kapitalismus!

Hierzu präsentiere ich Ihnen einmal die folgende Kausalkette:

Gier > Soll > Haben > Kredit >

Eigentum > kurzzeitige glücklich machende Befriedigung >

Versiegen der Befriedigung > Angst vor Verlust >

Beschaffen von Sicherheiten >

Gier > …

Während in gängiger Betrachtung der Kredit ein wichtiges Werkzeug zur Aufrechterhaltung einer Wirtschaftstätigkeit ist, sehe ich den Kredit als ausdrucksstarken psychologischen Spiegel!

So wie alle Objekte und Prozesse lässt sich auch der Begriff KREDIT auf vielfältige (natürlich immer irgendwo subjektive) Weise beschreiben. Hier eine (weitere) Sicht von mir:

Ein Kredit ist ein aus dem Nichts geschöpfter, subjektiver und willkürlicher (Geld)wert, geboren aus Gier und Erwartungshaltungen. Die Gier hofft, über die Zinsen oder anderweitige Verwertung des Kredits, einen Gewinn, einen Zuwachs an Eigentum befriedigen zu können. Kreditvergabe erfolgt daher primär(!) NICHT, um natürliche Bedürfnisse des Menschen zu bedienen.

Angst treibt Gier an. Unsere Gesellschaft ist voll von Ängsten, welche durch die Art der Nachrichten und durch Werbung (wobei das Eine immer schwieriger vom Anderen zu unterscheiden ist) erhalten und bestärkt wird. Die naturgemäß mehr oder weniger subjektiv gefühlten, die eigene Existenz bedrohenden Ängste lassen uns auf die genetisch verankerten und bewährten Reaktionen zurück greifen. Gier ist Eine davon. Sie steuert gegen die bedrohlich empfundene Gefahr eines Mangels.

Da Gier ein universelles emotionales Muster des Menschen ist, macht sie natürlich auch nicht vor dem Reizthema Banken halt. Aber konkret geht es ja um die Menschen, die in den Banken tätig sind. Wenn wir das Handeln der Menschen im Finanzsektor betrachten, ihr Zocken, ihr teilweise gefühlloses Spekulieren mit dem, was sie als WERTVOLL erachten, schauen wir in den Spiegel! Die Antriebe für dieses Handeln sind schließlich in uns selbst auch angelegt. Werden WIR NICHT von Gier getrieben? AnTRIEBE, unglaublich starke emotionale Verhaltensmuster befähigen uns ohne Weiteres zu dem Handeln, für das wir die „Börsenhaie“, „Spekulanten“ und „Finanzkraken“ so bildstark moralisch(!) verurteilen.

Wenn wir dann aber den EIGENTUMs-Gedanken in uns selbst untersuchen dürfen, scheuen wir uns, darin etwas Verwerfliches zu entdecken. Wir haben ein „vernünftiges“ Verhältnis zum Eigentum und dessen „angemessener“ Mehrung.

Wirklich?

Wie stehen wir zum Begriff des Eigentums?

Es gibt da ein Sprichwort, das viel tiefer geht, als es im ersten Augenblick den Anschein hat:

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Was zur nächsten Frage führt:

WOHER HABEN wir eigentlich UNSER EIGENTUM?

Womit wir wieder auf Karl Marx zurück kommen. Der verfasste im Jahre 1847 eine Schrift mit dem Titel „Das Elend der Philosophie“. Der Titel lässt die Verachtung spüren, welche Marx bestimmten Ansichten des französischen Philosophen Pierre-Joseph Proudhon entgegen brachte [a1], den er übrigens drei Jahre zuvor persönlich in Paris kennengelernt hatte. Proudhons Buch hieß nämlich „Philosophie des Elends“. Marx hielt nichts von der Idee des Franzosen, dass Klassen Bündnisse eingehen sollten, um den Kapitalismus aus den Angeln zu heben. [3]

Auch sonst war Proudhon eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Kaum einer weiß, dass er, anarchistische Ideen vertretend, der Begründer der ersten Volksbank, der Banque Populare war, die zinslose(!) Kredite an Arbeiter vergab. [4] Warum ich aber auf Proudhon kam, ist sein prägnanter kurzgefasster Begriff vom Eigentum:

„Eigentum ist Diebstahl.“ [5]

Wie kam er darauf? Zumal er den einen Begriff gar als Synonym des Anderen ansah? Offen gesagt etwas enttäuscht, erfuhr ich, dass auch Proudhon im Rahmen des Systems dachte und nur das Eigentum, so wie es als solches behandelt wird, kritisierte. Dabei trennte er Eigentum auf in Besitz und Eigentum und untersuchte Beides ethisch-moralisch. [6][7]

Aber der schon fast brutale Ausspruch, dass jedes Eigentum im Grunde einen Raub verkörpert, verdient es, auf andere Weise hinterfragt zur werden. Bei Gablers Wirtschaftslexikon fand ich eine wirklich ausdrucksstarke Definition. Und obwohl es doch eigentlich „nur“ um Wirtschaftstätigkeit geht, landete ich in der Welt der Psychologie, nämlich bei Begriffen wie Macht, Herrschaft und Gewalt. Das finde ich mehr als bemerkenswert:

„Das Eigentum GRENZT die HERRSCHAFT Sachen und andere VERMÖGENsgegenstände zwischen PERSONEN ab. Es gewährt eine UMFASSENDE GEWALT. Innerhalb der verfassungsrechtlichen GRENZEN kann eine Person ÜBER IHR Eigentum grundsätzlich NACH BELIEBEN entscheiden.“ [8]

Wir entnahmen diese Definition einem Wirtschaftslexikon und trafen auf psychologische Kategorien. Kategorien die gültig und wirksam sind, weil sie von den Akteuren anerkannt und gelebt werden. Damit ist Eigentum also eine Begrifflichkeit des Glaubens! Interessant ist auch „verfassungsrechtlich“. Macht definiert nämlich auch, welche Verfassung (der Dinge, des Systems) rechtlich bindend sind. Macht schafft das Recht FÜR SICH. Es sei denn wir organisieren unser Leben nicht vorrangig(!) auf dem Prinzip der Macht. VERMÖGEN definiert Freiheitsgrade, um tätig werden zu können. Es ist die Freiheit, welche durch die GRENZEN limitiert wird. Je größer das VERMÖGEN, desto größer die FREIHEIT. 

Wenn ich jetzt daraus schlussfolgere, dass nur über maximal gelebte Gier, die mir maximales Eigentum (Macht) einbringt, größtmögliche Freiheit zu erringen ist? Freiheit über umgesetzte Macht – und damit frei von Empathie? Was ist Freiheit? Wir reden von VERMÖGEN als Wirtschaftsgut. So verstellt es uns allerdings den Blick dafür, dass dieses Vermögen unsere Freiheit tatsächlich bestimmt!

Dass hier noch „verfassungsrechtliche Grenzen“ gezogen werden, darf also nicht über die Brutalität von Gewalt (auch der geistigen) hinweg täuschen. Denn Macht und Herrschaft sind die letzte Instanz, um rechtliche Grenzen in Gesetze zu fassen. Außerdem ist die Definition präzise wie UNMENSCHLICH. Menschen mit Herz und Gefühlen passen nicht in die Definition zur Regelung von EIGENTUM, daher reden die Verfasser auch von PERSONEN.

Aus welcher ethischen Norm heraus wir das auch immer begründen mögen, ist es doch letztlich so, dass die Gesellschaften und Gruppen wie Individuen innerhalb dieser in einem ständigen Konkurrenz-Kampf um Eigentum gefangen sind. Was sich wieder auflösen lässt in ein – wie auch immer getriggertes – egoistisches Streben nach Eigennutz, deren starker emotionaler Antrieb die Gier ist.

HABEN ist ein Ergebnis gelebter Gier. Gier ist ein menschliches Bedürfnis. Hunger ist so eine Ausprägung von Gier. Wenn Menschen Hunger haben, steckt natürlich ein zutiefst nachvollziehbarer egoistischer Gedanke dahinter, der die eigene Existenz sichert. Warum geht nun unser Hunger über den „natürlichen“ Hunger hinaus? Es geht hier also nicht um Grundbedürfnisse, wenn von Egoismus, Gier und Macht gesprochen wird. Was mich umtreibt ist die Frage, ob wir diese Verhaltensweisen nicht zu einer Sucht ausgebaut haben, die mit „normaler“ Gier überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Wie immer auch die Beantwortung der auf Basis des folgenden Mottos gestellen Fragen ausfällt, ist das kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu bekommen! Weder impliziert es Schuld bei uns selbst, noch bei anderen Menschen – was den damit verbundenen Machtanspruch einschließt:

„Heute bekommen Sie drei zum Preis für zwei.“

Wer  von uns geht einem solchen Prinzip tatsächlich konsequent aus dem Weg? Wie edel sind im Einzelfall unsere Motive, um zu SPAREN? Wo und wie RECHTfertigen wir Kompromisse für uns selbst, die wir für Andere NICHT gelten lassen? Wie schnell sind wir mit der Schutzbehauptung unterwegs, dass so etwas nicht systemrelevant ist? Ist uns die Liason von Gier und Eigentum (etwas Haben müssen) überhaupt bewusst – einschließlich der sich daraus (unterbewusst angewandt) ergebenden Lebensprinzipien?

Haben wir in unserer menschlichen Entwicklung – und ja, aus selbstredend erklärbaren Gründen – die Gier kultiviert und zur Religion erhoben? Ist es möglicherweise sogar Teil unserer „Menschwerdung“, zu lernen, dass Eigentum als Materialisierung der Gier ein schlicht unreflektierter Trieb unseres genetisch gewachsenen biologischen Wesens ist. Dass wir erst noch erkennen dürfen, wie unnütz – im Sinne eines bereichernden Zusammenlebens – „eigentlich“ Eigentum ist; zumindest in der zum Fetisch erhobenen Form, wie wir es heute betrachten?

Schlussfolgerungen

Als EIGENTÜMER, als Besitzer, gehen wir entsprechend selbstherrlich nicht nur mit Menschen (durch Macht und Herrschaft) sondern auch mit der Natur um; der Belebten und der Unbelebten. Etwas BESITZEN zu wollen, ist Ausdruck von Gier, welche in Bezug auf menschliches Zusammenleben über Macht sichtbar wird und weiterhin über das Streben nach Profit, nach egoistischem Gewinn. Profit ist beileibe keine exklusive Kategorie des Kapitalismus. Sie hat ihren festen Platz in bisher allen machtbasierten Gesellschaften gefunden – und hat diese im dialektischen Sinne erst möglich gemacht.

Eigentum ist ein umgesetzter Herrschaftsanspruch. Als Symbol der Macht sehe ich im Eigentum die Materialisierung eines Gewaltaktes; die Bemächtigung ÜBER etwas. Und es ist leider so, dass Macht und seine Ausprägung im Eigentum eben vor Menschen nicht halt macht. Das Prinzip der Macht ist universell, es ist grenzenlos und es ist maßlos. Da ist es kein Wunder, dass im Kontext von Eigentum Menschen wie Dinge gleichermaßen behandelt werden – seelenlos. In der Gier nach Besitz gefangen, verschwindet der Blick für die Einzigartigkeit von Mensch und Natur, um sie aufzulösen in – KONTEN.

In den Konten der Bücher ist ALLES Eigentum. Sie bilden den Drang zu einer Welt ab, die Dinge ohne Unterwerfung – denn das ist Eigentum; etwas Unterworfenes – einfach nicht mehr kennen. Nichts gibt es mehr, was NICHT von Jemandem besessen wird. Die Gier als Wahn vereinnahmt einfach alles. Konsequent weitergedacht und mit Blick auf die Geschehnisse dieser Welt macht dieser Wahn vor nichts halt, weder vor dem Wasser noch vor der Luft. Und auch nicht vor dem Geist. In den (Geschäfts-)Büchern schließlich stirbt jede Natürlichkeit und Menschlichkeit. Sie sind nur seelenlose Bewerter, um den Machtanspruch auf Dinge, auf Natur und Menschen zu begründen. 

WIE bewertet wird, das ist schon wieder ein neues Feld und diesbezüglich wird allgemein die Meinung vertreten, Werte (welcher Art auch immer) seien universell und objektiv; damit berechenbar und „fair“ austauschbar. Das sind sie – meine ich – ganz und gar nicht, doch möchte ich Sie dafür in einem weiteren Artikel interessieren. 

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

[a1] Die Überlegungen über Qualitäten und Quantitäten untersuche ich kritisch in Bezug auf gesellschaftliche Prozesse. Ich stelle die Sinnhaftigkeit von Quantitäten auf der Basis tiefer liegender und weniger komplexer Systeme (insbesondere im Bereich von Technik und Produktionsprozessen) damit keineswegs in Frage. Auch ist Quantität natürlich eine notwendige Kategorie zur Beschreibung von Gesellschaftssystemen. Meine Kritik bezieht sich auf das Primat der Quantität, was in dem Glauben mündet, gesellschaftliche Prozesse „berechnen“ zu können.

[a2] Die Verachtung zum Klassendenken Proudhons durch Karl Marx sagt NICHT aus, dass Marx Proudhons Schaffen insgesamt ablehnte. Insbesondere dessen im Jahre 1840 verfasste Schrift „Was ist das Eigentum?“ wurde von Marx sogar als fundamentales Werk angesehen. [9]

Quellen

[1] Kritik des Gothaer Programms; Karl Marx; 1875; Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 13-32.; http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_013.htm

[2] 4.10.2017; http://www.bvbc-lvbw.de/mitglieder/geschichte-der-buchhaltung.html

[3] 13.1.2009; Arno Münster; http://www.taz.de/!5169695/

[4] Konzept für soziale Gerechtigkeit; Ferdinand Wenzlaff; Juni 2009; http://www.humane-wirtschaft.de/wp-content/uploads/2009/06/ferdinand-wenzlaff_proudhon.pdf

[5] Was ist das Eigentum; J.P. Proudhon; 1840; https://static.twoday.net/sentenzen/files/proudhon.htm

[6] 12.8.1983; http://www.zeit.de/1983/33/was-ist-eigentum/komplettansicht

[7][9] 1.10.2017; http://dadaweb.de/wiki/Pierre-Joseph-Proudhon:_Theorie_des_Eigentums

[8] 10.9.2017; http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/eigentum.html

[Titelbild] Autor: Gerd Altmann; https://pixabay.com/de/dollar-scheine-geldscheine-währung-2342867/; Lizenz: CC0

2 Kommentare

  1. Lieber Ped,
    ich glaube, dass du einen fehler machst, wenn du das Haben wollen, in starker form die Gier, einfach so hinstellst.
    Der hintergrund ist immer der mangel. Egal jetzt, wie er entsteht. Und wenn er bestaendig besteht, dann formt sich die im denken und unbewussten. Es wird zum reflex. Auch dann, wenn es keinen grund dafuer gibt.
    In kulturen in regionen mit starkem ueberfluss der lebensnotwendigen guetern wird kein persoenliches eigentum gebraucht. Also auch keine vorsorge auf schlechte zeiten.
    In kulturen in regionen, wo faktisch mangel herrscht, koennen konkurrenzen konkurrenzen entstehen um die sicherung der lebensgrundlagen.
    Auch diese reaktionsweisen ruhen auf geschichtlichen prozessen, eingeuebtem und stabilierendem, die sehr stark von der lebensweise bestimmt werden.
    Die loesung generell sehe ich prinzipiell darin, dass wir den ueberfluss entstehen lassen. Also das reine nehmen von der natur und unserer umgebung in ein geben ueberfuehren. Weil damit notwendig, so merkwuerdig es klingt, der ueberfluss entsteht.
    mit lieben gruessen, willi

    1. Schön, lieber Willi, dass Du hier her gefunden hast 😉

      ich glaube, dass du einen fehler machst, wenn du das Haben wollen, in starker form die Gier, einfach so hinstellst.

      Den Satz verstehe ich nicht. Irgendetwas im Text hat Dich unterbewusst gestört und genau so hast Du auch darauf reagiert. Ein wenig konnte ich ja – anderswo als meist stiller Mitleser – an Deiner Emotionalität teil haben. Daher: Alles gut. 😉

      Haben als Ergebnis wie Teil der Gier (HUNGER als GIER, HABEN als das ERWARTETE/BENÖTIGTE) ist ein psychologisches Phänomen, dass Prozesse anstößt, die das Überleben sichern. Da stimmen wir überein. Ab hier laufen unsere Gedanken dann durchaus in verschiedene (aber keinesfalls diametrale) Richtungen:

      In kulturen in regionen mit starkem ueberfluss der lebensnotwendigen guetern wird kein persoenliches eigentum gebraucht. Also auch keine vorsorge auf schlechte zeiten.

      „Wird gebraucht“ ist unbestimmt und eine subjektive Überzeugung, die (quasi unbeteiligt) von außen auf das Phänomen schaut. Es ist die Sprache der Überzeugten, die (eben) diese Überzeugung zum universellen Prinzip erheben; zur Ideologie. Es geht mir jetzt nicht um Soll und Haben sondern um die Ansprache „wird gebraucht“ – und zwar innerhalb des Diskurses. Also: Wer sagt denn, „es wird gebraucht“? Wer legt fest, WAS im gegebenen Moment gebraucht wird? Du? Ein großer Denker? Die Politiker? Ich denke Du bist es und zwar aus Deiner ganz eigenen (durchaus erarbeiteten, reflektierten) Überzeugung heraus. Das ist gut! Doch ist es etwas anderes als die Verkündung der absoluten Wahrheit. Was DU nicht brauchst, muss nicht das Maß sein für das, was andere brauchen. Es sei denn, Du legst (über Ausübung von Macht) fest, was Andere zu brauchen haben.
      Gier als Überlebens-Instinkt, die im Haben mündet, wird es – so sehe ich es – immer geben. Wir sind biologische Wesen und unsere Funktionalität, die vor dem Denken und Reflektieren ansteht, macht Letzteres erst möglich.
      Was ich sehe, ist eine gestörte Funktionalität, die GEWALTSAM das Unterbewusste gewissermaßen umprogrammiert.

      In kulturen in regionen, wo faktisch mangel herrscht, koennen konkurrenzen konkurrenzen entstehen um die sicherung der lebensgrundlagen.

      Du sagst es, wobei ich ein Schlüsselwort noch hervorheben möchte: KÖNNEN. Mangel führt in Kollektiven nicht zwangsläufig zu Konkurrenz. Alles hat seinen Sinn, im Sinne des Überlebens. Es bringt nichts, Gier als etwas Schlechtes herauszustellen. Das habe ich in dem Aufsatz auch zu verdeutlichen versucht.

      Die loesung generell sehe ich prinzipiell darin, dass wir den ueberfluss entstehen lassen.

      Wobei noch zu klären wäre, was wir unter Überfluss tatsächlich verstehen. Ich denke Du meinst das Delta, dessen was wir benötigen und das, was zur Verfügung steht. Ein guter Freund zitiert in diesem auch immer mal gerne: „Konkurrenz führt zu Mangel, Kooperation führt zum Überfluss.“

      Um noch einmal auf Deinen Eingangssatz zurück zu kommen: Was mich am HABEN und am SOLL so beeindruckt, ist ihre Rolle in der (doppelten) Buchführung unseres Finanzwesens. Das Finanzwesen wird immer wieder als streng rational und nüchtern dargestellt (ich sage gern UNMENSCHLICH) und es ist faszinierend, wie man seine Begrifflichkeiten ins Psychologische auflösen kann. Und das ist kein Zufall! Denn im Finanzsystem hat die GIER ihr Paradies gefunden, in Unstillbarkeit, Grenzenlosigkeit, Maßlosigkeit. Während Politik und Ideologie uns Angst vor dem Crash des Finanzsystems machen, es als alternativlos für unser Zusammenleben hinstellen, ist es umgekehrt die Hürde, um den Wechsel zu tatsächlicher Kooperation zu realisieren.

      Herzliche Grüße in die südliche Hemisphäre 😉
      Ped

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