Die Gläubigen (2)

Aus Jürgens Roman “Die Gläubigen” sei hier ein weiterer Auszug veröffentlicht. Der Text bezieht sich auf die im Jahr 2017 anstehende fünfhundertste Wiederkehr eines Ereignisses, das die Reformation in Deutschland einläutete. So wie damals sollen auch die Thesen im Roman die Menschen aufrütteln, um die Dinge in eine friedlichere Welt für alle Menschen dieser Erde zu bewegen. Jürgen lädt Euch ein, seinen Text zu diskutieren.


Aus meinem Roman ‚Die Gläubigen‘ – dem Kapitel 63 und Nachlaß des Pfarrers Roth – einige Feststellungen, die eigentlich bekannt sind, jedoch in der hier zusammengefaßten Form Potential zum Nachdenken und Diskutieren provozieren.

Folge 2 : 21 Thesen wider das Nichtwissen, das Verdrängen und Vergessen

Die folgenden Thesen stellen fest, in welchem veränderungswürdigen Zustand sich die Menschheit – hier am Beispiel Deutschland – befindet und warum sich daran in absehbarer Zeit nichts grundsätzlich, etwa durch eine neue Gesellschaftsform, ändern läßt. Natürlich ist unsere Welt nicht nur kriminell und geisteskrank, korrupt und voller skrupelloser Gier. Wäre dies der Fall, hätte die Menschheit nie bis heute überleben können. Es gibt eine mehrheitliche Masse an gesunden, ehrlichen, aufrichtigen, fleißigen Menschen in allen Parlamenten, Ämtern, Arbeitsplätzen – überall. Und besonders unter denen, die man heute die Mittelschicht und die Unterschicht nennt.

Aber sie können oder wollen sich nicht durchsetzen. Sie sind nicht stark genug, was krank und böse ist aus den Führungsebenen und eigenen Reihen zu entfernen. Um darüber nachzudenken sind diese Thesen formuliert.

Wir brauchen alle Kräfte, um den Auswüchsen des Kapitalismus Bremsen anzulegen und das, was in den Verfassungen steht, durchzusetzen: Menschenrechte – Menschenpflichten – Soziale Sicherheiten – Gerechtigkeit – Demokratie – Freiheit auch für die Besitzlosen.

Ausschnitt aus Kapitel 63: 500 Jahre Reformation

Szene 290
2017
Klein Partwitz / SIMEKK / vor der Kirche

Die reformierten christlichen Kirchen hatten sich schon viele Jahre vorher auf diesen besonderen Feiertag vorbereitet, als Martin Luther vor 500 Jahren die 96 Thesen an die Tür zur Kirche in Wittenberg angenagelt hatte. Durch Filme und Bücher, Sondersendungen im Fernsehen und Konzerte, sowie die vielen Möglichkeiten im Internet wurden die Geschehnisse damals und heute, die inhaltlichen Zusammenhänge und geschichtlichen Folgen gewürdigt. Pfarrer Roth beging die Wiederkehr dieses Ereignisses auf seine Art. Er heftete an seine Kirche bei den Gläubigen zwei Plakate an. Er tat es ohne Aufsehen zu erregen und der Inhalt dieser unscheinbaren Blätter wurde erst so nach und nach bekannt.

Einer der ersten Besucher der Partnerschaftsvermittlung an diesem Tag blieb bei seinem Rundgang durch das Areal an der Kirchentür stehen und begann den Inhalt interessiert zu lesen. Pfarrer Roth hielt sich in der Nähe auf und beobachtete die Wirkung seiner Veröffentlichung. Der Mann schüttelte mit dem Kopf, sah sich hilfesuchend um und rief dem Pfarrer zu, ob er das schon gelesen habe. Roth nickte mit dem Kopf und schritt gelassen zur Türe, bereit, in eine Diskussion einzusteigen. „Das sollten sie entfernen, ehe weitere Besucher dies lesen. Es ist eine Provokation. An einer Kirche kann man solche Texte nicht anbringen. Die gehören an ein Rathaus, beispielsweise oder in einen Papierkorb.“

Da sich der Pfarrer nicht bewegte, wurde er extra aufgefordert: “Oder was sagen sie dazu?“ „Sie haben zum Teil wirklich recht. Das gehört auch an Rathäuser und Parlamente, ins Internet und in die Öffentlichkeit.“ Verdutzt sah in der etwa 30 Jährige an und dachte sich, hier mußt du einmal klar Schiff machen. Dieser Priester kapiert auf Anhieb gar nichts. „Ich möchte mich kurz vorstellen, ich bin von der Kreisleitung der CDU aus Senftenberg und Abgeordneter des Kreistages. Mein Name ist Wilschek. Gehe ich recht in der Annahme, daß sie Pfarrer Roth sind?“ „Sie haben es richtig gedeutet.“ ….Er trat an das Pamphlet heran und schlug vor, daß sie es gemeinsam einmal durchgehen.

„Nehmen wir die erste Seite, die den Untertitel hat, warum sich etwas ändern muß. Da es allesamt politische, also weltliche Themen sind, gehört es nicht an eine Kirche. Wir haben doch die Trennung von Kirche und Staat.“ „Stammen sie aus dem Osten? Sind sie hier geboren?“ Die Frage hatte er nicht erwartet. Er wollte sie schnell durch Kopfnicken beantworten, damit man mit dem eigentlichen Thema weiterkommt. „Dann wissen sie ja von ihren Eltern und aus dem Geschichtsunterricht am Gymnasium (Roth sah ihn dabei fragend an und er nickte stolz), daß in der DDR unter dem Schutz der Kirche durch eine Opposition ausschließlich weltliche Dinge bewegt wurden. Unsere Republik findet das bis heute völlig richtig. Was soll also falsch daran sein, daß die Thesen hier hängen?“

„Der Martin Luther hat seine Thesen an die Kirchentür genagelt, weil sie einen religiösen Inhalt hatten.“ „Natürlich waren da religiöse Ausgangspunkte. Aber was haben sie verändert? In der Folge führte man Religionskriege mit ausschließlich weltlichen Zielen. Man benutzte die Freiheiten, die Luther in die Dogmen des Mittelalters schlug, um einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Der Bauer stund auf im Land! Die Unterschicht forderte ihr Mitspracherecht, das Ende aus einer Art der Leibeigenschaft, eine völlige neue gesellschaftliche Ordnung bei der das Bürgertum entstand. Und das habt ihr nicht auf dem Gymnasium gelehrt bekommen?“ „Schon, nur nicht so patriotisch und prinzipiell.“

„Und in den 96 Thesen des Luther stehen auch solche Sätze wie: Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: ‚Friede, Friede‘. Und ist doch kein Friede. (These 92) „Nun gut, lassen wir das. Wie wollen sie jedoch diese erste These interpretieren: ‚Das jahrhundertlang für so viele Kriege und Revolutionen herhaltende, korrumpierte, wunderschöne Wort FREIHEIT ist ohne Macht, Besitz und Geld nichts wert. Freiheit ist für die Marktwirtschaft, Geschäftemacherei, Gewinnmaximierung und Machtausweitung reserviert.‘“ „Was soll ich anderes interpretieren, als wie es Schwarz auf Weis da steht? Haben sie einmal einen Hartz IV Empfänger in der Oper gesehen? In seinem Monatsbudget hat der Gesetzgeber einen Kulturbeitrag mit eingerechnet. Davon kann er natürlich nicht in den Urlaub fahren oder Mitglied im Golfklub werden. Er kann einen Fernseher betreiben und RTL ansehen. Von früh bis nachts, was seine Stromrechnung so hergibt.

Das ist alles an Freiheit, was er auf diesem Gebiet hat. Es bleibt dabei, ohne Geld keine Freiheit. Kann man vor Gericht ohne Geld einen Prozeß gewinnen? In der zweiten und dritten Instanz? Kann man ohne Kaution in Freiheit bleiben? Sie können alles mögliche durchgehen, ohne Geld keine Freiheit.“ „Sie haben eine Pressefreiheit und Freiheit zu wählen und gewählt zu werden und, und, und.“ „Was nutzt ihnen diese Freiheit, wenn es weiter nichts ist wie einmal die Luft ablassen. Können sie das Geringste ändern? Können sie Kriege verhindern oder die Bestechlichkeit der Abgeordneten oder den Wahnsinn unserer Wegwerf- und Überflußgesellschaft oder die Ausbeutung der Dritten Welt oder den unwürdigen Umgang mit der Ware Tier? — Und wie viel Hartz IV-Empfänger haben wir denn in den Parlamenten sitzen?“

„Mit ihnen ist eigentlich nicht zu diskutieren. Sie haben auf alles eine Antwort, welche nur Negatives zum Vorschein bringt. Ich will es noch mit der zweiten These versuchen: ‚Demokratie wird zu einer wirkungslosen Alibifunktion für eine korrupte Staatsführung mißbraucht. Die wirkliche Lobby, die in der Gesellschaft das Wesentliche zu bestimmen hat, wurde nicht vom Volk gewählt. Es ist die Finanz-und Wirtschaftsoligarchie. Das Parlament kann bestimmen, wie gerade und groß eine grüne Gurke sein darf. “Das ist doch nun wohl ein harter Brocken. Wie wollen sie diese Zuspitzung von Ausnahmefällen als allgemeingültige These rechtfertigen?“ „Muß ich das wirklich oder kommen sie nicht auch selbst darauf? Nur ein bißchen Nachdenken, tut schon Wunder.

Wer stellt die Kandidaten bei einer Bundestagswahl auf. Der Bürger oder die Partei? Haben sie schon einmal erlebt, daß Kandidaten verändert wurden, weil die Bürger es wollten? Dann kommt die geheime Wahl. Darauf wird ein großer Wert gelegt. Vorher bekommt jeder Bürger gesagt, was er wählen sollte und wie die Chancen stehen, daß sein Kandidat gewählt wird. Es gibt eine 5% Klausel und eine Wahlbeteiligung und damit geraten in der Regel die Hälfte aller möglichen Stimmen in den Abfall. Gewählt wurden die, die es sich zum Beruf gemacht haben, von den anständigen Tantiemen zu leben. Sie haben Nebenverdienste neben ihrer anstrengenden Abgeordnetentätigkeit bis zu über einer Million im Jahr angegeben. Ihre Geldgeber erarbeiten ihnen einen Großteil der Entscheidungsvorlagen. Für die Bundesregierung und den Bundestag sind über 7000 Experten aus der Wirtschaft und dem Finanz- und Militärwesen ganzjährig im Einsatz.

Die Vorlagen sind so dick und die Inhalte für Laien, die sie doch alle sind, so kompliziert, daß sie im Parlament mehrheitlich durchgewunken werden. Wo sitzen denn Fachleute in den Führungspositionen des Staates? Heute Kriegsminister, morgen Innenminister usw.. Das war nur ein kleiner Ausflug in das Gebiet der Demokratie, worauf wir am stolzesten sind und was am bedeutsamsten für die Gesellschaft ist. Wenn ein Kreistag beschließt, eine Kreisstraße zu sanieren – da reißt sich doch die Demokratie kein Bein raus. Ob nun CDU oder ein anderer – die Kreisstraße hätte sowieso saniert werden müssen.“

Wilscheck begann desinteressiert auf die vorbeiziehenden Schönheiten zu blicken. Er denkt, schade um meine Zeit. Das ist ein Besessener. Vielleicht hat er sogar recht. Aber ändern kann er nichts und die Thesen hier sind ihr Papier nicht wert. Er bedankte sich für das Gespräch und verschwand unter den Besuchern. Sie bekamen einige Jahre später eine große Bedeutung. Bis dahin breiteten sie sich im Internet in einer unkontrollierbaren Breite aus. Die Thesen haben wir als Nachlaß der Gläubigen und ihres Pfarrers Roth im Buch 7 abgedruckt. Und hier sind die Thesen im vollständigen Wortlaut:

21 Thesen: Wider das Nichtwissen, das Verdrängen und Vergessen. Warum sich etwas ändern muß

1.

Das jahrhundertelang für so viele Kriege und Revolutionen herhaltende, korrumpierte, wunderschöne Wort FREIHEIT ist ohne Macht, Besitz und Geld nichts wert. Freiheit ist für die Marktwirtschaft, Geschäftemacherei, Gewinnmaximierung und Machtausweitung, die Besitzenden und Mächtigen reserviert. Es ist und es bleibt für den Menschen eine unstillbare Sehnsucht. Der Freiheit nähert man sich nur – man erreicht sie nie. Denn irgendwie wird sie immer eingeschränkt sein und sei es von der Vernunft. Von den Mächtigen werden besonders jetzt durch die fast uneingeschränkten technischen Möglichkeiten die persönlichen Freiheiten und Sicherheiten unter dem Vorwand, unsere Sicherheit zu schützen, ständig minimiert.

Freiheit muß nach der Freiheit für die Untersten beurteilt werden.
– Jawaharlal Nehru – indischer Politiker

2.

DEMOKRATIE wird als eine wirkungslose Alibifunktion für eine korrupte Staatsführung mißbraucht. Die wirkliche Lobby, die in der Gesellschaft das Wesentliche zu bestimmen hat, wurde nicht vom Volk gewählt. Es ist die Finanz-, Wirtschafts- und Medienoligarchie. Das Parlament kann bestimmen, wie gerade und groß eine grüne Gurke sein darf. Aber es kann nichts gegen Kriege, Unterdrückung und andere fundamentale Verbrechen bewirken. Der Demokratiebegriff beinhaltet nicht mehr die Durchsetzung der Mehrheit des Willens der Bevölkerung sondern der Mehrheit der Bedürfnisse des Kapitals.

3.

Im bürgerlichen sogenannten Rechtsstaat bekommt jeder ein Urteil, und vielleicht auch sein RECHT. Aber das Recht ist den Interessen der Mächtigen unterworfen. Nur die am Grundgesetz und dem allgemein Mainstream festhalten sowie über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, können ihr Recht durchsetzen. Für durchgreifende Veränderungen am System, für Bestrafung der großen gesellschaftlichen Verbrechen, für politische Streiks, für eine grundlegende Reform des Kapitalismus gibt es kein Recht.

4.

Die einst funktionierende und gepriesene SOZIALe Marktwirtschaft wird seit dem Ende des Sozialismusexperimentes auf der Erde auf die Größe eines Feigenblattes zurückgefahren. Ein Feigenblatt mit dem man die Blößen notdürftig zudecken kann, die sich aus dem Unvermögen der kapitalistischen Wirtschaft ergeben. Es geht um das Unvermögen, den erarbeiteten Mehrwert gerecht entsprechend den erbrachten Leistungen zu verteilen. Über die Größe des Feigenblattes gibt es unaufhörlich Auseinandersetzungen.

5.

Dabei ginge es doch einzig und allein um die Durchsetzung der MENSCHENPFLICHTEN und MENSCHENRECHTE, zu denen man sich als Mitglied der UNO bekannt hat. Über Menschenpflichten wird kaum ein Wort verschwendet. Denn die Menschenpflicht Nr.1 ist die Pflicht für sich, seine Familie und für die Bedürftigen der Gesellschaft eine werterbringende oder -erhaltende Arbeit zu leisten. Die Mehrzahl der Mächtigen und Reichen tun das nicht. Vermögen zu verwalten, Vermögen durch Spekulationen und Zugrunderichten anderen Menschen zu erweitern, Kriege zu führen und ähnliche Dinge, sind keine werterbringenden oder -erhaltenden Arbeiten. Die Pflicht des Staates muß es sein, diese Menschenpflicht durchzusetzen, indem die Arbeitskräfte auf die vorhandenen Arbeitsplätze bei mindestens gleichbleibendem Lohn aufgeteilt werden.

Das ist ein ständiger Prozeß, weil durch die stetige Entwicklung der Arbeitsproduktivität Arbeitsplätze eingespart werden und der Bedarf wie auch die Mengensteigerung nicht unendlich wachsen. Menschenrechte sind das Recht auf Leben und Gesundheit, Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Kultur in dem in der jeweiligen Gesellschaft üblichen grundsätzlichen Niveau. Das ist mit Hartz IV u.a. Maßnahmen nicht gewährleistet. Die Methoden sich bei Arbeitslosigkeit oder gesundheitlicher Arbeitsverhinderung die notwendigen Lebenserhaltungsmittel durch diskriminierende Antragstellungen ständig zu erbetteln, widerspricht dem im Grundgesetz verbürgten Recht auf die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, wie auch den allgemeinen Menschenrechten, wie sie in einem Wohlstandsstaat wie der Bundesrepublik möglich wären. Der Umgang mit kranken und alten Menschen sowie mit deren Betreuern ist im Verhältnis zu den Möglichkeiten die dieser Staat hat, strafbar vernachlässigt. Niemals darf man das Gesundheitswesen den Methoden der Gewinnmaximierung und der Akkordarbeit (normierte Leistungserbringung) durch Ärzte und Personal unterwerfen.

6.

Die MARKTWIRTSCHAFT hat mindestens zwei wesentliche Kritikpunkte: Der erste Kritikpunkt: Sie wurde ausgeweitet auf Bereiche, die niemals dem Kommerz, der Unternehmergier ausgesetzt werden dürfen. Das sind insbesondere die sozialen Bereiche wie Medizin, Gesundheitswesen einschl. Krankenhäuser und jegliche ärztliche Tätigkeiten, aber auch das Rentenwesen, sowie soziale Versicherungen, Wasserwerke, Energieversorgung u.ä. Der zweite Kritikpunkt ist die fast vollständige Überlassung der Marktwirtschaft der angeblichen Selbststeuerung – also einer vollkommenen, anarchischen Freiheit der Produzenten, Dienstleister und Geldverleiher. Es ist bewiesen, daß sich eine neoliberale Wirtschaft nicht selbst steuern kann. Diese Erkenntnisse werden von den Mächtigen unterdrückt, um ihrer Profite, ihre Gewinne, ihre Manipulierungen und Glücksspiele an der Börse uneingeschränkt weiter führen können. Die kapitalistische Marktwirtschaft bedarf eines starken Staates, welcher die sytembedingten Auswüchse einer anarchischen Wirtschaft verhindert. Die Vermeidung einer ständigen Überproduktion sowie auch die Verwaltung des Mangels bedürfen einer speziellen staatlichen Planung und Regulierung.

7.

Angesichts des allgemeinen Elends von fünf Milliarden Menschen auf der Welt, im Zusammenhang mit den zu Ende gehenden Ressourcen und ihrem Raubbau sowie mit Blick auf den angerichteten Schaden an der Umwelt und im Ökosystem unserer Erde ist die sinnlose VERSCHWENDUNG von Arbeitszeit, Energie und Material nicht mehr zu verantworten. Durch eine chronische Überproduktion, extreme Warenvielfalt und einen ungezügelten Wohlstandsrausch in einigen Ländern werden 50% mehr hergestellt, als notwendig wäre. Die andauernde Gewaltanwendung von der Drohung mit irrsinnigen Waffensystemen bis zur Durchführung von Kriegen und Kampfhandlungen mit einem mehrfachen Billiarden-$-Schaden kostet die Welt rund ein Drittel der gesamten Werteproduktion.

8.

Die kulturelle Vielfalt unter den Völkern dieses Planeten wird systematisch durch eine rein kommerzielle Einheits-KULTUR nach US-Vorbild ersetzt. Damit weiten sich extreme Anschauungen über Gewalt und Verbrechen aus und es werden seltsame und entwürdigende Vorstellungen über die Rolle der Frauen, Rassen und Religionen verbreitet sowie bewährter Anschauungen und Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders zerstört. Die noch nicht voll begriffenen Veränderungen im Leben der Menschen durch die explosionsartige Umgestaltung unserer Umwelt infolge der technischen-kommunikativen Revolution erfordert schnellstens einen neuen Kulturansatz.

9.

Unsere ETHIK und MORAL verharrt in den für eine Landeskultur wesentlichen Merkmalen auf einem fast mittelalterlichen Stand. Und es gibt tiefe Einbrüche hinsichtlich der allgemeinen Miteinander-Umgangskultur. Die Hörigkeit gegenüber den Mächtigen, das entschuldigen ihrer Prasserei, ihrer Gier, ihrer Machtkämpfe und Eroberungsfeldzüge, ihrer Lügen und ihres Versagens ist typisch für ein religiös untersetztes Staatswesen und für die Manipulierung der Gehirne der Bevölkerung mit modernsten Mittel und Methoden der Kommunikation und Information. Weil diese Zustände existenzsichernd für die Mächtigen sind, wurden die oft widersinnigen, historisch gewachsenen kulturellen Werte der Moral und Ethik nicht angetastet. Anders sieht es aus im Umgang der Menschen miteinander. Da gibt es im Bereich von Gewalt und Erotik, von Übernahme der Hollywood-Kultur einschließlich dem ersatzlosen Wegfall vieler alter europäischer Werte wie Höflichkeit, Rücksichtnahme, Ehrung der Eltern und des Alters, Solidarität und Beistand in Notsituationen u.a.. große Einbrüche und schlechteste Erfahrungen.

Die deutsche und die europäische Kultur der Ethik und Moral liegen auf diesem Gebiet – wahrscheinlich unwiederbringlich – am Boden. Die sogenannten Christlichen Werte und Werte des Abendlandes sind zu hohlen Phrasen verkommen und erfordern eine neue Werteentwicklung und -vermittlung. Ein besonderer Kritikpunkt ist der Umgang mit den Nutztieren, um deren Probleme und Wohl sich nur eine kleine, nicht genügend unterstützte Minderheit kümmert. Der Zustand der Haltung, Fütterung und Schlachtung der Mehrzahl aller Tiere ist strafwürdig. An Alternativlösungen muß in stärkerem Maße gearbeitet werden. Eine dieser Lösungen muß eine radikale Preisveränderung sein, welche eine biologisch einwandfreie Produktion unserer Nahrung ermöglicht. Wir müssen erkennen, daß unser Wohlstand beispielhaft auf Grund folgender Ursachen und Zustände entsteht:

  1. Der technische Fortschritt hatte und hat eine unglaubliche Produktivitätssteigerung zur Folge. Sie steigt seit Jahrzehnten unaufhörlich, obwohl wir besonders seit dem Beginn des neuen Jahrhunderts in unserem Lebensstandard das Gegenteil feststellen. Dieser Fortschritt wird von den immer reicher Werdenden in krimineller Weise zum größten Teil für ihre Interessen abgeschöpft. Unsere Ethik und Moral dazu: Wir wollen letzteres nicht wahrhaben; wir dulden es; wir unterstützen es sogar bei Wahlen und in anderer Weise
  2. Indem wir für Dienstleistungen und andere Tätigkeiten unsere Mitmenschen unterhalb eines Existenzminimums bezahlen, beuten wir sie aus. Wir lassen uns die Haare schneiden und plaudern ohne Bedauern und ohne Gewissensbisse mit diesen bescheidenen Sklaven neben uns. Auf die Felder schicken wir die Polen und andere Ausländer, wenn es um harte Hand-Bückarbeit geht. Abends demonstrieren wir gegen die Ausländer, anstatt ihnen zu danken, daß sie uns die Dreckarbeit bei der Altenpflege, in den Fabriken und Klos abnehmen. Ethik und Moral dazu: Wir wollen es nicht wahrhaben; wir dulden es; wir unterstützen es sogar bei Wahlen und in anderer Weise.
  3. Ein wesentlicher Teil der Produktivitätssteigerung kommt aus der Tierproduktion. So darf man jedoch nicht mit Lebewesen umgehen, wie wir es tun: gefesselt an Maschinen und Automaten, bis zum unbeherrschten, furchtbaren Ende. Das nennen wir technischen Fortschritt. Damit wird eine Unmenge Geld verdient. Wir werden daran durch einen im Konkurrenzkampf heruntergehandelten Bestpreis beteiligt. Ethik und Moral dazu: Wir wollen es nicht wahrhaben; wir dulden es; wir unterstützen es sogar bei Wahlen und in anderer Weise.
  4. Die Ausbeutung fremder Länder hinsichtlich ihrer Ressourcen und völlig unterbezahlten Arbeitskräfte, oft Kinder und viele Frauen unter erbärmlichen Verhältnissen. Ethik und Moral dazu: Wir wollen es nicht wahrhaben; wir dulden es; wir unterstützen es sogar bei Wahlen und in anderer Weise.
  5. Durch Kredite zu Lasten nächster Generationen, wovon wir zur Zeit nicht einmal die Zinsen, geschweige denn eine Rückzahlung hinbekommen. Wir nehmen es schweigend zur Kenntnis und wählen diese Leute, die so etwas zu verantworten haben, immer wieder.
  6. Ein Teil unserer Jugend geht freiwillig zum Bund. Sie geben als Grund ihre Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, die besseren Verdienstmöglichkeiten, die sportliche Betätigung und den Spaßfaktor in der Gemeinschaft an. Sie verdrängen, daß sie ausschließlich zum Töten angestellt sind und daß sie dabei ihr Leben und ihre Gesundheit ruinieren können. Und es interessiert sie nicht, für wen und zu welchem Zweck sie mißbraucht werden. Die Ethik und Moral, die sie bisher hatten, ließ sie diesen Beruf ausüben. Über die vermittelte Ethik und Moral hat sie weder die Schule noch ihr Elternhaus aufgeklärt. Sie werden von einem arglosen Menschen zu einem Killersubjekt. Wer sich diese wenigen Fakten vergegenwärtigt – und diese Fakten müßten eigentlich jedem Wohlstandsbürger bewußt sein oder ihm von den Medien unaufhörlich klar gemacht werden – sollte normaler Weise den Drang zu einer neuen Form von Ethik und Moral spüren. Da das nicht der Fall ist, bleibt nur eine Schlußfolgerung: wir sind moralisch so degeneriert, wie es für Untergangsgesellschaften typisch ist. Uns interessieren die Sklavendienste nicht, die andere Menschen direkt vor unseren Augen oder verdeckt – nur bekannt durch diverse Filmdokumentationen – tun. Wir leben voll in den Tag hinein, ohne über die Zukunft unserer Kinder und unsere Moral nachzudenken. Pfui Teufel!

10.

Die staatliche BILDUNG ist eine religiös untersetzte Mindestbildung und eine klassenbezogene Bildung für privilegierte Bürger. Sie geht ungenügend auf das Leben in der Gesellschaft, auf notwendige Disziplin, Zuverlässigkeit und Höflichkeit im Arbeitsprozeß, auf notwendige gesellschaftliche Mitarbeit und politische Mitwirkung, auf Ehe und Kindererziehung sowie auf die Meisterung der durch die technische Revolution veränderten Lebensbedingungen ein. Die Bildung berücksichtigt prinzipiell nicht die unterschiedlichen Typen der Individuen und ihrer Lebensauffassungen.

11.

Die GESELLSCHAFT als Ganzes ist nicht mehr in der Lage, eine objektive politische Arbeit und Entwicklung zu gewährleisten. Merkmale sind politische Uninteressiertheit und Unverständnis für politische Sachverhalte. Die politische Arbeit wird sogenannten Eliten und Experten überlassen. Das ist eine Dynastie, die obwohl angeblich demokratisch gewählt, ein angenehmes Leben führt und sich danach einen frühzeitigen, gutbezahlten Ruhestand leistet. Sämtliche Tätigkeiten, welche wichtige Entscheidungen mit gesellschaftlicher Auswirkung erfordern, werden von Leuten getroffen, die dazu keinen aktuellen Befähigungsnachweis haben. Eine erschreckend große Zahl von Entscheidungsträgern im Land ist weder fachlich noch demokratisch für ihre Tätigkeit legitimiert.

Warum sich an dem kritischen Zustand In den nächsten Jahrzehnten nichts grundsätzlich verändern läßt:

12.

Für die notwendigen grundsätzlichen Korrekturen und Angleichungen des Kapitalismus an die Erfordernisse des neuen Jahrhunderts gibt es keine wissenschaftlich begründete Theorie und damit auch keine Strategie und Taktik zu deren Umsetzung. Alles was gegenwärtig an Veränderungen geschieht, ist ein Flickenteppich nicht zu Ende gedachter Notmaßnahmen.

13.

Für notwendige Veränderungen gibt es trotzdem eine Vielzahl von Forderungen, Vorstellungen und Ansätzen. Das ‚einfache‘ Volk und selbst die weiterdenkende Oberschicht sind dabei durch die Unterschiede in ihren Interessen zu keinem einheitlichen Denken und Handeln in der Lage. Die Hauptursachen sind die seit Jahrzehnten von den  Mächtigen manipulierten Gehirne (Teile und Herrsche) sowie die unbeherrschten Folgen einer rasanten technischen Revolution, mit der bisher Niemand und Nichts wirklich Schritt halten konnte. Die Menschen müssen sich mit tausend Nebensächlichkeiten, Ablenkungen, Zerstreuungen, mit Halbwahrheiten und Lügen und einem Informationsüberfluß auseinandersetzen und haben dabei jeglichen gesellschaftlichen Zusammenhang aus dem Blickfeld verloren. Es gibt viel Unzufriedenheit, aber keine revolutionäre Situation.

14.

Die Gesetzeslage schützt und bevorteilt die Mächtigen, die Besitzenden, die Vermögenden. Besonders sichtbar in der schier unbeschränkten Freiheit für die Unternehmen sowie in der zaghaften Reichenbesteuerung,… Und sie benachteiligt dadurch die Besitzlosen. Was in dieser Gesellschaft primär wirklich zählt:

  1. Der gesellschaftliche Stand, in dem man hinein geboren wird.
  2. Die Machtverhältnisse, welche entstanden sind aus den persönlichen Eigenschaften einer erbarmungslosen Zielstrebigkeit, der Fähigkeit seine Partner (und ein Arbeitnehmer ist ein Partner, ganz gleich ob hier oder in einer der globalen Kolonien) auszubeuten, zu erpressen sowie ganz wesentlich in der Gier nach immer mehr und immer höher.
  3. Das Vermögen, mit dem man sich alles zur Rechtsbeugung leisten und vertuschen kann. Sekundär dagegen, und das ist das Krankhafte an der Lage, sind Leistung, persönlicher Einsatz, Zuverlässigkeit, Treue, Schöpfertum.

15.

Die Menschheit befindet sich in einem Übergang zu einem neuen Zeitalter und hat noch nicht einmal voll begriffen, was da vor sich geht. Die Globalisierung, die Automatisierung, die noch unbegreifliche und unbeherrschte Welt der Kommunikations- und Informationsüberflutung, die Macht und die Risiken der Finanzlobby, die unkalkulierbaren Spiele der Gewalt mit Hilfe eines ins Wahnsinnige hinein entwickelten militärischen Komplexes sowie die ökologische Zeitbombe, von der niemand weiß, was in den nächsten Jahren wirklich passiert, überfordert die Menschen. Es gibt keinen Menschen und keine kleinere Gruppe von Menschen mehr, welche gegenwärtig die Lage, die Gefahren und die Lösungswege überblicken. Am allerwenigsten sind es die Mächtigen, welche an den Hebeln der Entwicklung der Menschheit stehen.

16.

Die Mächtigen der Welt sind gegenwärtig und scheinbar für lange Zeit eine uneinnehmbare Festung. Sie verfügen über alle wichtigen Ressourcen dieser Erde,  über unermeßliche Reichtümer und sind als Netzwerk mit dem Militär gegenwärtig unverwundbar. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, besteht darin, daß sie überwiegend moralisch und geistig krank sind. Und solche Leute sind unberechenbar, was sie mit ihrer Macht noch alles anfangen. Diese geballte international verflochtene Macht steht außerhalb jeglicher demokratischer Kontrolle und Einflußnahme. Sie verhält sich selbst außerhalb der Kontrolle und dem Einfluß der UNO. Während die Bürger mit Nebensächlichkeiten und Manipulierungen, mit einem kleinen Wohlstand und einer immerzu sich verändernden technischen Welt voller Wunder abgelenkt wurden, haben die Mächtigen dieser Erde vollendete Tatsachen geschaffen, deren wirklichen Umfang wir erst nach und nach entdecken und begreifen.

Aus den bisherigen Thesen kann man folgende Erkenntnisse ableiten:

17.

Die alten Vorstellungen von einem revolutionären Klassenkampf, aus dem ein Sozialismus und Kommunismus hervorgeht, sind längst zur Utopie geworden. Der Kapitalismus wird zwar immer stärker an seine Grenzen kommen. Entweder er geht daran zugrunde und mit ihm ein großer Teil der Menschheit. Oder er wird sich grundsätzlichen Reformen unterziehen müssen. Das ist der Spielraum für unsere weitere Existenz.

18.

Aus der Vielzahl dieser Reformen wird sich vielleicht einmal eine neue Gesellschaftsform herausbilden. Ob diese etwas mit den ehernen Vorstellungen gemein hat, ist aus heutiger Sicht völlig unbedeutend. Den Sozialismus wollten wir, genau genommen, künstlich heranzüchten. Er wird sich womöglich von ganz allein irgendwann einmal aus dem Kapitalismus heraus entwickeln, ohne verlustreiche Revolution und vielleicht sogar in einer bisher unbekannten Qualität.

19.

Wir sollten den Kapitalismus nicht mehr ideologisch bekämpfen, uns nicht mehr auf sozialistische Positionen zurückziehen und auf Dinge hoffen, die nicht mehr realisierbar sind. Wir müssen uns Aufgaben bezogen mit den nächst möglichen und dringend notwendigen Veränderungen am System selbst beschäftigen. Konzentrieren wir uns also auf Reformen. Und zwar grundsätzliche und keine der bisherigen politischen Winkelzüge und Experimente, die nicht einmal die Bezeichnung Reförmchen verdienen. Konzentrieren wir uns auf das Notwenige und Mögliche. Das Notwendige wird die schrittweise Beseitigung der Anarchie der Warenproduktion, der Überproduktion, der Verschwendung von Arbeitszeit und Ressourcen, der Ausbeutung und Erpressung sein müssen. Außerdem muß die Entstehung und Verwendung des Kapitals, dessen Manipulierung und politische Leitfunktion weitgehend unter staatliche Kontrolle gelangen.

20.

Erste Grundvoraussetzung für Reformen an dem neoliberalen Kapitalismus ist ein starker Staat. Um den zu schaffen, sind ausgehend von den Parlamenten neue Kräfteverteilungen und eine zwingende Abkehr von materiellen Verflechtungen mit den nicht demokratisch gewählten Machtverhältnissen notwendig. Die Abwendung von Gewalt zur Lösung politischer und wirtschaftlicher Probleme muß zur Staatsdoktrin werden. Sämtliche Verträge und Vereinbarungen mit Partnern, welche diese Entwicklungsrichtung nicht mitgehen wollen, müssen aufgekündigt und neue Partnerschaften geschaffen werden.

21.

In Vorbereitung auf solch tiefgehende Reformen und Veränderungen muß sich eine Opposition aus Veränderungswilligen zu einer Allianz zusammenschließen, welche über eigene Medien, Bildungseinrichtungen und Institute der Grundlagen- und angewandten Forschung verfügt. Mit deren Hilfe muß eine neue Generation von Führungskräften und ihrer Werkzeuge herangezogen werden. Die zeitliche Geduld für solche Maßnahmen wird sich auszahlen, weil dadurch tiefgreifende Kapitalismusreformen ohne menschliche und materielle Verluste möglich sind. Der Generationsstreit um Links-Mitte-Rechts, um Religionen und philosophische Auffassungen muß zugunsten einer Allianz der Veränderungswilligen ruhen.

Pfarrer Kurt Roth
Klein Partwitz
am 500. Jahrestag der Reformation

Ende Folge 2