Ralph Peters und der Neue Nahe Osten

Wenn der Krieg in Syrien im Gegensatz zur breit gestreuten Meinung der Massenmedien kein Bürgerkrieg ist, sondern ein Stellvertreterkrieg um geopolitische Interessen durchzusetzen, stellen sich neue Fragen. Wer plante die Destabilisierung der Region, wie lange gehen diese Planungen eigentlich schon und auf welchen Motivationen beruhen sie? Das Interessengeflecht ist komplex: Politiker, Militärs, Konzerne, Ideologen – sie alle treiben ihr geopolitisches Spiel auf (nicht nur) Kosten Syriens. Öffnen wir in diesem Artikel mal wieder einen Spalt breit die Tür zur Wahrheit über das Geschehen im Nahen Osten – und schauen erneut etwas weiter in die Vergangenheit. Und da Geschichte von Menschen gemacht wird, bot es sich an, etwas die Rolle von Ralph Peters im geostrategischen Spiel zu hinterfragen.


Der Neue Nahe Osten

2006 veröffentlichte der ehemalige stellvertretende Stabschef für Geheimdienstfragen im US-Verteidigungministerium Ralph Peters ein Buch mit dem Titel „Never Quit the Fight“ [1] (Gib den Kampf nie auf). Dieser Peters war auch einer der führenden Autoren im Pentagon und schrieb zahllose Aufsätze über Strategie und US-Außenpolitik, womit er also für das geopolitische Denken von Militär und Politik seines Landes eine wichtige Rolle spielte. In „Never Quit the Fight“ ist auch eine Karte abgebildet, die verblüffende Ähnlichkeit mit den während der Jahre 2014/15 geschaffenen Realitäten im Irak und in Syrien hat.

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Neuer Naher Osten; Blutgrenzen: wie ein besserer Naher Osten aussähe; Ralph Peters [b1]

Drei staatliche Gebilde fallen nämlich auf; ein „Freies Kurdistan„, ein „Sunnitischer Irak“ und ein „Arabisch Schiitischer Staat“ – und alle auf Kosten der staatlichen Souveränität des Iraks und Syriens! Damit ist genau das, was für Syrien geplant ist, in ein Bild gefasst; die Zerschlagung des bisherigen Staatsgebildes, um das Gebiet zukünftig durch willfährige Vasallen unter Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen, dass ein Spannungsfeld fortwährend bestehend bleibt, über das man bei Bedarf mittels entfachter Konflikte „gestalten“ kann.

Auf ein Detail dieser Karte möchte ich unbedingt hinweisen: Der Flächenstaat Saudi-Arabien muss nach den Planungen der Geostrategen aus Übersee auch Gebietsverluste hinnehmen. Doppelt so groß wie das heutige Syrien erstreckt sich nämlich zwischen der saudischen Grenze und dem Roten Meer das Gebiet eines Islamischen Staates (!). Wie gesagt wurde die Karte im Jahre 2006 vorgestellt.

Die Karte wurde in einem Trainingsprogramm im Defense College der Nato für ranghohe Offiziere verwendet. Der inzwischen pensionierte Peters meinte, dass mit der dort kreierten Grenzziehung gegenwärtige Konflikte im Nahen Osten gelöst werden könnten. Verstörend ist der Denkansatz einer von außen gewaltsam eingebrachten neuen Zeichnung fremder Staaten. [2] Sie entspricht dem, was Brzezinski mit seinem „Great Chessboard“ neun Jahre zuvor an Gedanken auf Papier gebracht hatte. [3]

Sofort nach ihrer Veröffentlichung begann die Karte in Strategie-, Regierungs- und Militärkreisen des Westens zu zirkulieren. Und umgehend manifestierte sie sich im Sprachgebrauch der US-Politik. Als (ebenfalls) im Juni 2006 die Außenministerin  der USA Condoleeza Rice Israel besuchte, nahm auch sie den Begriff „Neuer Naher Osten“ in den Mund. Offizieller Anlass war die Eröffnung des türkischen neuen Ölhafens Ceyhan, genau jenes Hafens in dem mindestens seit 2013/14 durch den IS geraubtes syrisches Öl verschifft wird. Ceyhan wird offiziell übrigens „Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC)-Ölterminal“ genannt und sagt damit sehr viel über dessen geopolitische Bedeutung aus. [4]

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Baku-Tiflis-Ceyhan Pipeline [b2]

 Die BTC-Pipeline ist 1768 km lang und wurde im Jahre 2005 in Betrieb genommen, der erste mit Öl beladene Tanker verließ am 4.Juni 2006 den Ölhafen von Ceyhan. Auf türkischem Gebiet sollte von dieser Pipeline übrigens die bis dahin parallel laufende Nabucco Gas-Pipeline (Southstream Projekt) abzweigen, welche für die Gasversorgung Mitteleuropas vorgesehen war. [5] Die Europäer haben dieses Projekt (auf Druck der USA) derzeit auf Eis gelegt.

Wozu ein Neuer Naher Osten?

Aber zurück zu dieser Strategiekarte. Der Militärstratege Ralph Peters hat als Begründung für ihre Ausarbeitung folgendes aufgeführt:

„Internationale Grenzen sind nie perfekt. Doch das Maß an Ungerechtigkeit, das jenen zugefügt wird, die durch Grenzen gezwungen sind, miteinander oder getrennt zu leben, macht einen enormen Unterschied aus – oft den Unterschied zwischen Freiheit und Unterdrückung, Toleranz und Schrecken, Gesetz und Terrorismus oder gar Frieden und Krieg. […] Die ungerechten Grenzen im Mittleren Osten – in Anlehnung an Churchill – produzieren mehr Probleme als die Region selbst verkraften kann.“ [6]

Wie sein Vorbild(?) Brzezinski konstruiert Peters ein Problem! Denken wir an eine der Grundprinzipien von Propaganda die da lautet:

Schaffe ein Problem, was zuvor nicht existiert und biete dann eine fertige Lösung an.

Man muss sich das nur vorstellen. All das Elend was von Geostrategen (der pathologischen Sorte) inspiriert vom Stapel gelassen wird, beruht auf nie bewiesenen Annahmen. Es ist jeoch ein Unterschied ob man ein Problem erkennt – über wissenschaftliche Analyse und über diese dann auch nachgewiesen – oder ob man es erschafft und darauf eine komplette kausale (dann natürlich in sich schlüssige) Kette aufbaut. Liest man weiter in Peters Aufsatz, glaubt man tatsächlich „The Great Chessboard“ vor sich zu haben!:

„Obwohl der Nahe Osten viel mehr Probleme als nur nicht funktionierende Grenzen hat — von kultureller Stagnation über skandalöse Ungleichheit bis hin zu tödlichem religiösem Extremismus — ist das grösste Tabu bei allen Versuchen, das umfassende Versagen der Region zu verstehen, nicht der Islam, sondern die schrecklichen, aber unantastbaren internationalen Grenzen, denen von unseren eigenen Diplomaten gehuldigt wird.“ [7]

Es ist die große Frage: Was versteht Ralph Peters unter „nicht funktionierende Grenzen„, was bedeutet für ihn „kulturelle Stagnation“ und was meint er mit „skandalöser Ungleichheit“ und „tödlichem religiösem Extremismus„? Letzteres ist übrigens auch ein vom US-Konglomerat vermeintlicher Weltverbesserer erst geschaffenes Problem, über welches man nun Krokodilstränen vergießt. Hier schwingt außerdem der ganze westliche Dünkel moralischer Überlegenheit und der eigenen Unfehlbarkeit mit über den man sich ermächtigt glaubt, den Nahen Osten „zu verbessern“.

Und das Grenzen eben tatsächlich unantastbar sein sollten, für Außenstehende nämlich, ist ganz und gar nicht schrecklich, es ist Völkerrecht. Wenn Völker selbst in freier kooperativer Entscheidung meinen, Grenzen zu verändern oder vielleicht sogar aufheben zu können, dann ist das selbstredend überhaupt nicht zu kritisieren. Peters aber überhebt sich über Völker, meint sie entmündigen zu müssen. Der wohlwollend empfundene Grundton seiner Ausführungen ist in Wahrheit eine aggressive Anmaßung. Und weil das so ist, sind ja auch die praktischen Umsetzungen dieser Art Denkspiele mit so viel Blut und Tränen verbunden. Und weil Leute wie Ralph Peters wissen, was gut für fremde Völker ist, steht somit natürlich fest:

„Dennoch, trotz all der Ungerechtigkeiten, die die hier imaginierten Grenzen unberücksichtigt lassen: Ohne solche grösseren Grenzrevisionen werden wir nie einen friedlicheren Nahen Osten erleben.“ [8]

Wie wäre es, wenn diese vom Gestaltungswahn schöpferischer Zerstörung (ganz nach Schumpeter) [9] getriebenen Ideologen die Völker einfach mal in Ruhe lassen würden? Gibt es denn vor Ralph Peters Haustür nicht genug zu kehren?

Wie denkt Ralph Peters?

Leuten wie Ralph Peters wurde schon früher gern eine Plattform im Mainstream eingeräumt. Am 15.Mai 2003 bekam er die Gelegenheit für einen Kommentar bei der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und was er da von sich gab, charakterisiert ihn als den Repräsentanten einer arroganten, mit keinerlei Zweifeln behafteten imperialen Großmachtpolitik. Es ist genau die Politik der Leute rund um die strategische Iniative PNAC (Project for a New American Century) [10], welche einen Brand nach dem Anderen in die Welt gesetzt hat. Und so spielt es in der „Argumentation“ von Peters auch keine Rolle, dass der Krieg gegen den Irak auf Lügen beruhte, mehr noch gegen jedes Völkerrecht verstieß. Auf genau diese Unrechtmäßigkeit, dass sie nämlich von vielen Europäern angemahnt wurde, bezieht sich die Polemik des US-Militärs. Aber lauschen wir dem, was Peters u.a. zu sagen hatte:

„Die Gesellschaften des „alten Europa“ erinnern Amerikaner an die arabische Straße. Die Europäer halten sich lieber an tröstliche Illusionen als an harte Realitäten. Sie reden viel, tun wenig und machen die Vereinigten Staaten für ihre eigenen Mißstände verantwortlich. Die Sprechchöre, die man kürzlich auf den Straßen Berlins hören konnte, unterschieden sich kaum von denen, die bis vor kurzem in Bagdad zu hören waren.[!] Das Jammern und Klagen in Europa, die Begeisterung, mit der man den Amerikanern jede erdenkliche Bosheit unterstellt, während man alle Tugenden für sich beansprucht, und der erstaunliche Mangel an Selbstkritik lösen bei den Amerikanern [welchen?] Bestürzung aus. Wir dachten, ihr wäret erwachsen, aber von der anderen Seite des Atlantiks aus wirkt ihr wie verzogene Kinder. Und eure jüngsten Wutausbrüche haben Big Daddy Amerika veranlaßt, euch auf den Stufen des strategischen Waisenhauses auszusetzen.“ [11]

Wer hier das verzogene eingeschnappte Kind ist, mag jeder selbst heraus lesen.

„Nun habt ihr uns aufgeweckt, und wir sehen, daß Europas Einfluß nur ein Erbe von Albträumen war. Wir werden eure blutbeschmierten [!], verrotteten Regeln für das internationale System nicht länger hinnehmen, sondern unsere eigenen Regeln schaffen. Ihr werdet nicht viele unserer neuen Regeln mögen. Aber den Ausspruch Friedrichs des Großen über Maria Theresia abwandelnd, könnte man sagen, ihr werdet weinen, aber euren Anteil an der Beute einstreichen. Infolge einer Reihe bemerkenswerter Fehlkalkulationen haben Frankreich und Deutschland ihren Rückhalt verloren – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Ihr hattet euren Moment in der antiamerikanischen Sonne. Aber um zwölf Uhr mittags erwiest ihr euch als machtlos und unfähig.“ [12]

So spricht er – der einzig unfehlbare und immer recht habende große Imperator. Er schaut herab auf die Unmündigen. Drücken wir es genauer aus: So sprechen Psychopathen! Peters ist kein verstaubter Schreibtischtäter, er ist tief durchdrungen von pathologischen Denkweisen.

Wir haben unseren [!] Krieg leicht gewonnen, trotz eurer Proteste und ohne eure Hilfe. Und schmeichelt euch nicht mit dem Gerede über eure Weigerung, Amerikas Vasallen zu sein. Niemand in den Vereinigten Staaten hat das Recht Deutschlands in Frage gestellt, selbst zu entscheiden, ob es unsere Bemühungen um die Absetzung Saddam Husseins unterstützt. [!] Deutschland hatte jedes Recht, eine Beteiligung abzulehnen. Erzürnt hat uns die Art, wie ihr es getan habt.“ [13]

Bemühungen um die Absetzung Saddam Husseins“ – so klingt es, wenn Sprache vergewaltigt wird, aber so klingt es natürlich friedfertiger als mit den (dann allerdings ehrlichen) Worten „völkerrechtswidriger Angriffskrieg„. Peters lebt in einer eigenen Welt, in der er allerdings Mitgestalter von Geopolitik war, die unzählige Menschen in das Elend stürzte. Was „jedes Recht für Deutschland“ betrifft: Einer der Sprüche des damaligen US-Präsidenten George W.Busch lautete „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.[14]

„[…] Deutschland hat von Adenauer und Schmidt bis hin zu Gerhard Schröder einen tiefen Abstieg genommen. Am schwersten zu verdauen waren Bemerkungen von Mitgliedern der deutschen Regierung, in denen Präsident Bush mit Hitler verglichen wurde. Hält irgend jemand, der diese Zeitung liest, solch einen Vergleich für redlich? Und war es passend, daß er von einer deutschen Ministerin kam? Wohl kaum. Amerikaner hörten das Echo des Joseph Goebbels. Da sahen wir all die Demonstranten, auf deren Transparenten die Vereinigten Staaten mit dem Naziregime gleichgestellt wurden – die größte Geschmacklosigkeit, die Deutschland sich geleistet hat, seit die Krematorien erkaltet sind. Als die Empörung sich legte, erkannten wir, daß es bei all diesen Nazivergleichen gar nicht um uns ging, sondern um euch, um eure Schuld und eure Flucht vor der Verantwortung.“ [15]

Die Hitler-Vergleiche mit Saddam Hussein oder anderen nicht US-willigen Staatsführern – als direkte propagandistische Kriegsvorbereitung – die bereiteten Peters natürlich keine Kopfschmerzen. Dass über die CIA und das Pentagon inzwischen eine vieltausendköpfige Propaganda-Armee bezahlt wird, die den Verteidigungshaushalt der meisten europäischen Staaten sprengt, legt für ihn natürlich auch keine Parallelen zum Goebbels-Ministerium der Nazizeit offen. Es sind halt immer die anderen. Die Wirklichkeit sieht aber eben so aus:

27’000 PR-Berater kassieren 4,7 Milliarden Dollar

Das US-Militär hat seine Propagandaabteilung gewaltig ausgebaut. Nichts wird unversucht gelassen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Laut AP-Recherchen verfügt das Pentagon über 27’000 Personen, die ausschliesslich für die Öffentlichkeitsarbeit (PR, Werbung, Rekrutierung) zuständig sind. Zum Vergleich: Das gesamte US-Aussenministerium mit Hillary Clinton an der Spitze beschäftigt rund 30’000 Personen. Die PR-Maschinerie des Militärs kostet die Steuerzahler jährlich 4,7 Milliarden Dollar. Seit 2004 sind die Ausgaben um 63 Prozent gewachsen. Wozu diese Mittel genau eingesetzt werden, bleibt meist geheim.

PR-Zentrale auf abgelegenem Luftwaffen-Stützpunkt

Eine für den Informationskrieg zuständige Dienststelle namens «Joint Hometown News Service» befindet sich nach AP-Informationen auf einem früheren Luftwaffen-Stützpunkt in San Antonio, Texas. Dort würden Wort- oder Bildberichte produziert, die man unter falscher Quellenangabe den Medien zuspielt.

Für 2009 sei die Herausgabe von 5400 Pressemitteilungen, 3000 Fernsehspots und 1600 Rundfunkinterviews geplant – doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. Dieser Service ist nur ein kleiner Ausschnitt des ständig wachsenden Pentagon-Medienimperiums. Schon jetzt ist es grösser als die allermeisten Pressekonzerne der USA.

AP-Chef Tom Curley plädiert für neue klare Regeln im investigativen Journalismus. «Denn wir sind die einzige Kraft, welche die Regierung zu überprüfen vermag.»  [16]

In Wirklichkeit störte Peters etwas ganz Anderes: der drohende Verlust von Deutungs- und Meinungshoheit, die wankende Herrschaft über die Gedanken! An dieser Stelle ging mir nicht mehr aus dem Kopf, dass es kein Zufall sein konnte, wenn ein hochrangiger US-Militär in der FAZ des Jahres 2003 solch eine Polemik zum Besten geben durfte. Zumal er auch gleich noch die Nazikeule schwang:

„Auch die Israelis [welche?] sind tatsächlich von euren gewählten Politikern Nazis genannt worden. „Nazi“ scheint [in seinem Kopf] euer Lieblingsschimpfwort zu sein. Manchmal klingt das für uns so, als wäre jeder, der kein Deutscher ist, heute ein Nazi. Abgesehen natürlich von Arabern, die Juden ermorden. In diesem Fall spricht ein guter Deutscher von Freiheitskämpfern. Hier in Amerika leben Überlebende des Holocaust ebenso unter uns wie ehemalige G.I.s, die einst die Tore von Dachau öffneten. Sie waren und sind unsere Väter, unsere Lehrer und unsere Nachbarn. Ist es ein Wunder, daß wir eure Rhetorik abstoßend finden? [Welche?] […] Eure Versuche, das Unentschuldbare zu entschuldigen, erinnert uns eher daran, daß Deutschland jede Bombe verdiente, die auf seinen Boden niederging. Bush soll dasselbe wie Hitler sein? [Wer sagte das? Jedenfalls kein deutscher Politiker. Propagandatrick: Stelle eine unbewiesene Behauptung auf und arbeite dich dann auf fremder Kosten daran ab.] Dann zeigt uns doch bitte die amerikanischen Todeslager!“ [Kausalbeziehung zur unbewiesenen Behauptung][17]

Welche Israelis sind Nazis, wer hat so etwas behauptet? Dass israelische Politik allerdings gegen ihre Gegner im In- und Ausland teilweise Nazimethoden anwendet – darf man das wenigstens diskutieren? Dafür genügt es doch, die Methode zu untersuchen und dann über den Vergleich auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Aber vielleicht geht es ja hier um etwas ganz anderes? Geht es hier mehr darum, Kritik an Israel grundsätzlich zu verbieten? Wie sonst ist die zynische Bemerkung zu verstehen:

„Manchmal klingt das für uns so, als wäre jeder, der kein Deutscher ist, heute ein Nazi. Abgesehen natürlich von Arabern, die Juden ermorden. In diesem Fall spricht ein guter Deutscher von Freiheitskämpfern.“ [18]

So soll jede Diskussion abgewürgt und der politische Gegner ausgegrenzt werden. Und vor allem die Leser(!) sollen feinnervig darauf aufmerksam gemacht werden, gut darauf zu achten, auf welcher Seite sie künftig zu stehen gedenken; bei den Guten oder den Bösen. Peters kennt keine Differenzierung. Meinungen, die ihm nicht passen, empfindet er als persönlich beleidigend. Mit einem solchen Habitus muss man übrigens anderen gegenüber beleidigend sein.

„Präsident Bush ist ein Texaner, wie die Europäer nur zu gerne betonen. Aber die französischen und deutschen Geheimdienste haben den Charakter der Texaner offenbar nicht verstanden. Sie reden nicht kunstvoll daher, aber sie handeln entschlossen. [Gott ist mit uns] Sie sind keine Relativisten. Texaner glauben, daß es einen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt. [Präziser: Nur Gut und Böse gibt es; und die Texaner sind auf der Seite der Guten.] Und wenn ein Texaner offen beleidigt und insgeheim hintergangen wird, nimmt er das nicht freundlich auf. [aber die Europäer sollen das, nicht wahr Herr Peters?] Es ist nicht ratsam, einem Texaner öffentlich entgegenzutreten, sofern man nicht die Absicht – und die Mittel – hat, die Sache bis zum Ende durchzufechten. Den Texanern ist es sogar vollkommen egal, wo auf der Landkarte Europa liegt. [ja, so hat es den Anschein!] Im Augenblick sind wir alle Texaner. [Wer?] Ihr habt uns keine Wahl gelassen. [Genau, IHR habt uns in den Angriffskrieg getrieben. Womit das verlogene SELBSTbild komplett ist]“ [19]

Da treibt eine Kaste aus Ideologen, Politikern, Militärs und Kriegsgewinnlern ihr Land in verbrecherische Kriege und spricht von Hintergehen. Eine Umkehrung der Wirklichkeit erster Güte. Zum Schluss wird auch noch das Opfer zum Täter gemacht. Auch das ist Werkzeug des Psychopathen, dass er nämlich seinen Opfern auch noch Schuldgefühle einredet um sie für das eigene Ego missbrauchen zu können.

Ralph Peters und die deutschen Leitmedien

Das schlichte Bild von bösen Antisemiten und dem unschuldigen Israel ist genauso falsch wie es auch das gegenteilige Bild wäre. Elf Jahre nach seinen Ausfällen in der FAZ ist sich Peters diesbezüglich aber treu geblieben und so drohte er auch 2014 allen Kritikern mit Abstrafung zu Antisemiten als er auf der Online-Plattform „Real Clear Politics“ sagte:

„Die sozial akzeptable Form eines Antisemitisums der Art des Judenhasses aus dem 14.Jahrhundert ist, gegen Israel zu sein. Kritisiere Israel, das ist sicher. [Doch] Israel ist eine kleine winzige Insel der Zivilisation in einem großen See der Barbarei, genannt Mittlerer Osten.“ [20]

Im Rahmen der Entwicklung von COIN (Counterinsurgency) innerhalb des Pentagon zitierte das Militärjournal Armed Fources Journal im Jahre 2013 Peters folgendermaßen:

„COIN beruht auf zwei Prinzipien: Diejenigen töten, die getötet werden müssen und die schützen, welche geschützt werden müssen. Der einzig schwierige Part dabei ist es, den Unterschied zu vermitteln.“ [21]

COIN steht für Strategien zur Aufstandsbekämpfung und natürlich entschieden die USA selbst, was ein Aufstand war und wo deshalb von der imperialen Ordnungsmacht mit COIN-Strategien eingegriffen werden musste – z.B. in Vietnam. Das ist die Welt von Ralph Peters. Und wenn viele seiner Prägung immer wieder zu sehr vielen anderen Menschen auf diese Weise sprechen können, wer bezweifelt, dass dies ohne Wirkung ist?

Wie kann es sein, dass so ein Mann – in seiner Rolle als US-Militär – in einer der größten deutschen Tageszeitungen so vom Leder ziehen kann? Sollen wir wirklich glauben, dass es Teil der Pressefreiheit ist und jeder Meinung das Recht auf Äußerung zusteht? Sicher, die Gedanken sind frei, nur einen diametral polemischen Beitrag zu dem von Ralph Peters wird man in der FAZ (und nicht nur dort) vergeblich suchen.

Nun gibt es seit Beginn der US-amerikanischen Besatzung so einige Organisationen, die sich um gute Beziehungen zwischen den USA und Deutschland verdient gemacht haben. So wohl geformt jedenfalls schreibt es deren Agenda, doch ist es ein offenes Geheimnis, dass es sich bei diesen Organisationen um verlängerte Arme zur Einflussnahme US-amerikanischer Politik und Wirtschaft auf die in Deutschland handelt. Zumal diese Organisationen massiv (auch) die deutsche Medienlandschaft in ihren Netzwerken aufschnupften und so ein Werkzeug eigener Propaganda in den großen deutschen Medien – privat wie öffentlich-rechtlich implementiert haben.

Schauen wir uns dafür exemplarisch die Atlantik-Brücke an; der FAZ-Chef des Ressorts Außenpolitik Klaus-Dieter Frankenberger ist nämlich Mitglied der Atlantik-Brücke [22]; einem Verein den die FAZ Jahrzehnte früher (1981) beurteilte als:

„elitäre Mitbestimmungsgruppe und deren Arbeit für die Demokratie aus der Sicht eines Puristen bedenklich“ [23]

Gegründet wurde die Atlantik-Brücke bekanntermaßen 1952 von dem deutsch-amerikanischen Bankier Eric M. Warburg. Warburg war Freund und Berater des Hohen Kommissars in Deutschland (des höchsten politischen Amtes im westlichen Nachkriegs-Deutschland) John J. McCoy. Dieser John J. McCoy wirkte als Mitinitiator der Atlantik-Brücke – war aber viel mehr; früherer Weltbank-Präsident, Direktor der dem US-Außenministerium nahe stehenden Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR) und außerdem Vorstandsvorsitzender von Rockefellers Chase Manhattan Bank – und vereinte so beispielhaft länderübergreifend Wirtschaft, Denkfabriken und Politik. [24]

Mit Gründung dieser sich nach außen als allesamt wohltätig und uneigennützig gebenden und entsprechend als Stiftungen und gemeinnützigen Vereine firmierend; oft unter dem wohlklingenden Kürzel NGO (Non Gouvernment Organisation) war also von Anfang an eine enge Verflechtung privater Interessen mit der Politik und (!) den Medien gegeben – gerade auch in der jungen westdeutschen Republik. [25]

Wir wissen nicht, ob es die Atlantik-Brücke war oder die Bertelsmann Stiftung und die mit ihr verbundenen Organisationen oder eine der vielfältigen Vereine des Transatlantik Policy Network oder der Council on Foreign Relations oder der German Marshall Fund oder oder oder … [26] Aber man kann davon ausgehen, dass über eben diese Netzwerke Ralph Peters Gelegenheit gegeben wurde, seine ideologische Welt auszubreiten. Zumal das im Mainstream fast durchgehend und im Prinzip unkommentiert weiter verbreitet wurde. Auf diese Weise mutieren Leitmedien zum dienernden Sprachrohr imperialer US-Großmachtpolitik und es wird anschaulicher wie Propaganda ihre Verbreitung findet – wie Krieg in den Köpfen manifestiert wird. Zu weit her geholt? Noch einmal schauen wir beispielhaft auf die Atlantik-Brücke:

Am 20. November [2016] hat das 23. Expertengespräch der Atlantik-Brücke mit dem U.S. European Command im Magnus-Haus in Berlin stattgefunden. Den Vorsitz hatten Admiral Mark Ferguson, Commander Allied Joint Force Command Naples, U.S. Naval Forces Europe und U.S. Naval Forces Africa, und Generalleutnant Erhard Bühler, Leiter der Abteilung Planung im Bundesministerium der Verteidigung. Friedrich Merz, Vorsitzender der Atlantik-Brücke, führte in das Gespräch ein. Seit 1990 dienen die in dieser Form einzigartigen Gespräche in vertraulicher Atmosphäre dazu, dass sich hochrangige Vertreter des U.S. European Command sowie der Bundeswehr auf Einladung der Atlantik-Brücke mit Experten aus Ministerien, Parlament, Wirtschaft und Medien über aktuelle sicherheits- und verteidigungspolitische Themen austauschen. […]

Ganz konkret standen die beiden großen Herausforderungen für die NATO im Mittelpunkt des Gesprächs: die Ukraine-Krise und das Verhältnis zu Russland sowie die akute Bedrohung durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die vor allem aus Syrien und dem Irak heraus operiert […].

Die Teilnehmer betonten, dass eine mögliche Kooperation des westlichen Bündnisses mit Russland in Syrien zur Bekämpfung des IS nichts an der Bewertung der russischen Rolle auf der Krim und in der Ostukraine ändere [!].

Das Verletzen international anerkannter Regeln durch Russland – der Bruch des Völkerrechts bei der Annexion der Krim sowie die Verletzung der territorialen Integrität und der nationalen Souveränität der Ukraine – dürfe nach wie vor nicht toleriert werden.

Deshalb habe die NATO seit ihrem Gipfel von Wales verstärkt mit bilateralen und multilateralen Übungsmanövern und mehr als 40 angestoßenen Projekten zur kollektiven Verteidigung im östlichen Gebiet des Bündnisses reagiert. […] Die NATO wolle die Transparenz ihrer Strategie weiter erhöhen, um ihre Aktionen und den Verteidigungscharakter des Bündnisses gegenüber der Öffentlichkeit noch klarer zu vermitteln. [27]

Zur Erklärung: Das Pentagon betreibt weltweit sechs Regionalkommandos, nur zwei davon im Ausland – in Deutschland! Diese beiden Regionalkommandos sind das AFRICOM und das EUCOM (U.S. European Command) und beide sind im Raum Stuttgart stationiert. Dem EUCOM unterstehen sämtliche US-Truppen in Europa, es wird geführt von General Philip Breedlove, der gleichzeitig (Stand 2016) Oberbefehlshaber der NATO ist. Übrigens ist weder EUCOM noch AFRICOM der NATO zugehörig, womit die Rechtmäßigkeit dieser militärischen Organisationen auf deutschem Boden zu hinterfragen ist. [28] So wurde von AFRICOM – also von deutschem Boden aus – im Jahr 2011 ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen Libyen dirigiert!

Das Pentagon lädt die Mitglieder der Atlantik-Brücke also regelmäßig zu Tagungen ein und wenn man obiges (farbig hinterlegtes) Statement aufmerksam liest, dann erkennt man doch exakt die Sprache, welche deutsche Leitmedien benutzen – vor allem exakt die gleiche Sicht der deutschen Leitmedien wie sie hier von den militärischen Führungskräften des Pentagon vorgegeben wird. Solche Treffen sind doch nicht dafür gedacht, sich kritischen Medien zu stellen!

Was aber bei diesen Treffen immer auf’s neue in unsäglicher Weise indoktriniert wird, das sind die Lügen von der „Annexion der Krim“, um somit das Zerrbild von den aggressiven Russen aufrecht zu erhalten. Wer sich unvoreingenommen mit diesen Thema beschäftigt, z.B. ein sich seinem Berufsstand wahrhaft verpflichteter Journalist, erkennt rasch, dass es eine Annexion auf der Krim schlicht nicht gegeben hat. Es ist leider eine traurige Tatsache, dass es den meisten Vertretern ihrer Zunft im Medienbereich nicht andeutungsweise in den Sinn kommt, dass sie durch solche „Expertentreffen“ gehirngewaschen werden könnten.

Atlantik Brücke Treffen mit dem EUCOM, Berlin, 20.11.2015, Copyright Raum11/Jan Zappner

Matthias Naß beim Atlantik Brücke Treffen mit dem EUCOM, Berlin  [b3]

Wie unreflektiert und propagandistisch umgarnt die Medien inzwischen sind, erkennt man auch an derer ungenierten Nähe zu den Militärs. So wurde das 23.Expertentreffen (Experten wohin man schaut…) moderiert von:

Matthias Naß, Internationaler Korrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT

Die Sprache ist ein faszinierend Ding, sie bringt Verbindungen an’s Licht. Die Verbindungen deutscher Massenmedien zu Machteliten (u.a.) aus Übersee sind unbestreitbar. Und nur so konnte auch Ralph Peters mit seiner Kriegshetze ein Millionenpublikum in Deutschland erreichen.


Quellen

[1][6][7][8] Blood borders: How a better Middle East Would Look; Ralph Peters; 2006; Armed Forces Journal; http://www.armedforcesjournal.com/blood-borders

[2] Kreative Zerstörung als revolutionäre Kraft; Mahdi Darius Nazemroaya; 27.11.2006; Zeit-Fragen; veröffentlicht am 5.2.2011 auf Globalresearch; http://www.globalresearch.ca/dem-projekt-eines-neuen-nahen-ostens-kreative-zerst-rung-als-revolution-re-kraft/23196

[3] Brzezinskis Welt – Ein Psychogramm; http://peds-ansichten.de/2015/09/brzezinskis-welt-ein-psychogramm/

[4] Explore the World of Piping; http://www.wermac.org/misc/pipelines.html

[5] ebda

[9] Demokratie und Chaos; Bernd Villhauer; http://www.blicklog.com/2014/01/29/brokratie-und-chaos-schumpeter-ber-die-schpferische-zerstrung/

[10] Der Krieg der aus dem Think Tank kam; Jochen Brösche; 4.3.2003; Der Spiegel; http://www.spiegel.de/politik/ausland/bushs-masterplan-der-krieg-der-aus-dem-think-tank-kam-a-238643.html

[11][12][13][15][17][18][19] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-zorn-amerikas-ihr-deutschen-widert-uns-an-1102176.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[14] http://www.spiegel.de/politik/ausland/bush-vor-dem-kongress-wer-nicht-fuer-uns-ist-ist-gegen-uns-a-158495.html

[16] Tagesanzeiger; 12.2.2009; http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/27000-PRBerater-polieren-Image-der-USA/story/20404513

[20] http://www.realclearpolitics.com/video/2014/07/22/ralph_peters_the_socially_acceptable_form_of_anti-semitism_is_to_be_anti-israel.html

[21] Sequstrations Costs; 2013; http://www.armedforcesjournal.com/sequestrations-costs-ausa-coverage-nato-deterrence/

[22] Journalisten als Mitglieder der Atlantikbrücke; 2016-03-16; http://homment.com/atlantikbruecke

[23] Gekaufte Journalisten; Udo Ulfkotte; 2014; S.139; ISBN 978-3-86445-143-0; Originalquelle: Ludger Kühnhardt; Atlantik-Brücke, Fünfzig Jahre deutsch-amerikanische Partnerschaft

[24] Verschwiegene Wahrheit: Die Enthüllung der geheimen Weltgeschichte; Phil Logphie; 2013; S.65;  ISBN 3732211088; Books on Demand GmbH

[25] Die Atlantikbrücke und ihre Mitglieder; 7.11.2015; http://deruwa.blogspot.de/2015/11/die-atlantik-brucke-und-ihre-mitglieder.html

[26] https://lobbypedia.de/wiki/Hauptseite

[27] http://www.atlantik-bruecke.org/programme/konferenzen/expertengespraeche-mit-dem-us-european-command/

[28] http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP20714_291214.pdf

[b1] Blood borders: How a better Middle East Would Look; Ralph Peters; 2006; Armed Forces Journal; http://www.armedforcesjournal.com/blood-borders

[b2] http://www.wermac.org/misc/pipelines.html

[b3] by Jan Zappner; 20.11.2015; Atlantik-Brücke;  http://www.atlantik-bruecke.org/programme/konferenzen/expertengespraeche-mit-dem-us-european-command/23-expertengespraech-mit-dem-us-european-command/

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Ein Kommentar zu Ralph Peters und der Neue Nahe Osten

  1. Zeitzeuge_WW3 sagt:

    Für Leute, die nicht gerne lesen:

    Jürgen Todenhöfer über die Geheimdienste hinter isis

    klare, unmissverständlich Worte eines echten Journalisten, der vor Ort war.

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