Der Weg zur Bank von England (4)

Im dritten Teil dieser Artikelreihe zur Genesis der Bank of England habe ich versucht, den gesellschaftlichen Kontext in dem sich das bankenähnliche System der Goldschmiede Londons entwickelte, insbesondere die Zeit zwischen 1660 und 1667 etwas plastischer darzustellen. Im Zuge des Zweiten Englisch-Niederländischen Seekrieges waren die Goldschmiede auch fast in die erste massenhafte Bankenpleite geschlittert. Einfach weil sie ihre Gier nicht bremsen konnten und Gold gegen hohe Zinsen verliehen – und in Not kamen als (kriegsbedingt) ein Run auf das bei ihnen eingelagerte (aber eben auch verliehene) Gold einsetzte.


Die Goldschmiede kamen aber im Jahre 1667 insgesamt mit dem Schrecken davon, denn der Run ebbte nach wenigen Tagen wieder ab. Fragt sich ob die Goldschmiede die entsprechenden Schlussfolgerungen zogen und danach vorsichtiger mit ihrer Praxis des Goldverleihs umgingen. Um es kurz zu fassen: Nein.

Der große Bankrun von 1672

Englands König Charles II. war nach dem Frieden zu Breda (1667) von seinem konfrontativen Kurs gegenüber den Niederlanden keinesfalls abgegangen. Mit Frankreichs Sonnenkönig Ludwig IV. intrigierte er gegen den Konkurrenten im europäischen- und im Übersee-Handel. Mit Geheimverträgen im Rücken begann er im Jahre 1671 erneut die englische Flotte hoch zu rüsten. Die Mittel hierfür hatte das Parlament bewilligt nur waren diese rasch auch für Schuldentilgung und Hofführung zweckentfremdet worden. Selbst die erwarteten Einnahmen des Staates waren bereits bei den Goldschmieden verpfändet. Der König hätte nun vor dem Parlament den Offenbarungseid leisten müssen um neue Mittel bewilligt zu bekommen. Dazu aber war er nicht mehr bereit. In seinem Buch über die englische Staatsverfassung hat Heinrich Christoph Albrecht im Jahre 1794 die Geschichte aufgeschrieben, die zur Entscheidung Charles II. führte:

„Das Detail dieser Finanz-Geschichte ist sonderbar genug. Der König hatte sich gegen seine Minister geäußert, dass er den, welcher ein Mittel ausfindig macht, ihm ohne ein Parlament anderthalb Millionen Pfund Sterling zu schaffen, zum Lord Schatzmeister machen wollte. Natürlich waren alle Kräfte angestrengt und aller Aufmerksamkeit gespannt. […] Einer nahm es so sehr zu Herzen, dass er, freilich nicht den ganz nüchternem Mute, sein Geheimnis sogar seinem Nebenbuhler entlockte. Dies war einer der Klügsten; Sir Ashley Cooper, nachher Lord Shaftesbury. Er ließ sich gegen Sir Thomas Cliffort verlauten, „es gäbe wohl ein Mittel, dem Könige das Geld zu schaffen, aber es wäre gefährlich und könne schlimme Folgen nach sich ziehen“. Sir Thomas, der ganz päpstlich gesinnt und überdies noch an Frankreich verkauft war, ward desto begieriger auf dies Geheimnis, weil er hörte, dass es den König mit seinem Parlamente entzweien könnte. Er zweifelt nicht, die Krone würde siegen und er gab keine Ruhe, bis er von Sir Ashley erfuhr, worin es bestünde. Der hielt aber an sich. Endlich siegte der Wein. Clifford trank ihm solange zu, bis er sich ausließ. „Der König“, sagte er, „muss aufhören zu zahlen“. […] Sir Thomas Cliffort ging den Augenblick, wie er das Geheimnis heraus hatte, nach Whitehall, wartete die übrigen Teile der Nacht da, damit er der erste wäre, der vorgelassen würde. Und so bald er vorgelassen wurde, fiel er auf die Knie und bat um die Schatzmeister-Stelle. […] Cliffort schlug sein Mittel vor. Es ward angewandt.“ [1]

Die Folgen für die Goldschmiede würden dramatisch sein:

„Am 2.Januar 1672 wurde dem Privy Council bekannt gegeben, dass zur Verteidigung gegen die Nachbarstaaten der König verordnet habe, die Schuldzahlungen des Schatzamtes für ein Jahr einzustellen. Diese gänzlich unerwartetete Ankündigung versetzte die Londoner Bevölkerung in die größte Bestürzung. Die von den Goldschmieden an den König geliehene Summe betrug 1.328.526 Pfund, wovon drei Viertel von nur drei Firmen vorgeschossen waren (Sir Robert Vyner mit 416.724 Pfund, Ed.Backwell mit 295.994 Pfund und G.Whitehall mit 248.866 Pfund). Aber der größte Teil dieser Summe stammte von den zahlreichen Deponenten der Goldschmiedebanken, welche jetzt angstvoll ihre Depositen von den Goldschmieden verlangten. Die Banken [Goldschmiede] aber stellten sofort ihre Zahlungen ein und dasselbe taten die Kaufleute, welche ihre Barschaften dort deponiert hatten.“ [2]

Charles II. erklärte, die Schulden nur noch verzinsen, aber nicht mehr zurück zahlen zu können. [3] Die Anleger (Depositenkunden) gingen nun umgehend daran, ihr Kapital von den Goldschmieden zurück zu fordern. [4][5][6]  Die Goldschmiede ihrerseits ahnten das Unheil und stellten erstmal jegliche Zahlungen ein, sie versuchten Zeit zu gewinnen.

Das wiederum rief die Händler auf den Plan, die in Aussicht nicht möglicher Zahlungen durch die Goldschmiede ihre Tätigkeiten einstellten. Die Arbeiten im Londoner Hafen kamen zum Erliegen. Wie hoch die Neubanker gepokert hatten, sollte sich erweisen, als der König am 6.Januar 1672 diese zu sich kommen ließ und sie überredete, wenigstens die Depositen umgehend auszuzahlen, die zinslos bei ihnen lagerten. [7] Es stellte sich heraus, dass die Goldschmiede insgesamt auch dazu nicht mehr in der Lage waren. Deshalb versuchten sie nun ein Moratorium beim Schatzamt gegenüber ihren Gläubigern zu erwirken – allein es wurde ihnen verweigert. Ein too big to fail für Banken (wie in der Gegenwart postuliert) gab es damals nicht.

„Es half den Kreditoren [Goldschmieden] wenig, denn da die Zahlung der Schuld des Schatzamtes für immer unterblieb, gingen die Bankiers meistens bankrott. Die Zahl der Familien, welche durch die Schließung des Schatzamtes getroffen wurden, wurde auf circa 10.000 [!] geschätzt, viele davon wurden vollständig ruiniert. Auch die Zahlung der Zinsen [von seiten des Schatzamtes] begann erst im Jahre 1677, und im Frühlung 1683 hörten auch diese Zahlungen auf.“ [8]

Das Mitleid darüber hielt sich in Grenzen. Die Goldschmiede waren aufgrund ihrer horrenden Zinsforderungen eh unpopulär. Dieser Zinswucher diente so auch als moralische Rechtfertigung zur Schließung des Schatzamtes.

„Konnten doch diejenigen, welche die Schließung des Schatzamtes angeordnet hatten, die Bewucherungen des Staates durch die Goldschmiede als Entschuldigungsgrund für ihr Vorgehen vorbringen. Der Zins, den die Privaten an die Bankiers zahlen mussten, war nicht weniger drückend; auch beschuldigte man die Goldschmiede, dass sie durch Konzentration der verfügbaren Kapitalien in ihren Händen den Zinsfuss künstlich steigerten.“ [9]

Noch zwei Jahre später beklagte sich der Herzog Shaftesbury in einem Brief an den Philosophen John Locke darüber, dass der König durch Erpressungen der Goldschmiede ein Fünftel seiner Einnahmen verlöre. [10] Wie dem auch sei: Die Ära der Goldschmiede als Goldverleiher war mit einem großen Knall zu Ende gegangen.

Die Goldsmiths Notes leben weiter

Diejenigen Banken welche am Ende des Jahres 1672 noch existierten, waren sich über eines im Klaren: Gold zu verleihen, war ob der damit verbundenen Verlustrisiken nicht mehr das Mittel der Wahl. Aber ihnen war nicht entgangen, dass die Goldsmiths Notes zunehmend anerkannt im Wirtschafts-System kreisten – und zwar ohne dass die Beteiligten dabei auf die Depositen zugriffen. Die Notes waren als Schuldscheine übertragbar und fungierten im Prinzip wie heutiges Papiergeld. Solch ein System lässt sich als Kombination aus Depositenbank und Girobank ansehen und war bspw. in den italienischen Stadtstaaten lange bekannt.

Die Menschen hatten beim Handel mit den Notes immer im Hinterkopf, dass ja ein realer Wert hinter dem Schuldschein steckte, darauf beruhte die Grundlage ihres Vertrauens in diese Scheine. Und rasch bildete sich ein Automatismus, der nicht hinterfragte nach der Grundlage der Goldsmiths Notes. Sie waren überall gern gesehen, ihre Nutzung war bequem und sie waren irgendwie wertvoll. Das Wissen über die Notes wurde von ihrem Gebrauch entkoppelt. Die Bequemlichkeit der Menschen war eine Steilvorlage für das Streben der arg in ihrer Anzahl geschrumpften Goldschmiede, mehr aus ihren Goldsmiths Notes zu machen.

Es bleibt bis heute ein Geheimnis, wann der erste Goldschmied seinen Kunden Goldsmiths Notes anbot, OHNE, dass dafür Edelmetall in seinen Keller wanderte. Glaubt man dem deutschen Finanzökonomen Alfred Schmidt, geschah das bereits in den Sechziger Jahren – zur Zeit massenhaften Goldverleihs – in ganz erheblichem Maße. Danach hatte ein einziger Goldschmied im Jahre 1666 für 1,2 Millionen Pfund Noten im Umlauf. [11]

Wir sind auf jeden Fall am entscheidenden Punkt der modernen Finanzgeschichte angekommen und weil das so wichtig ist, hier noch einmal der Vergleich zwischen dem bis dahin stattgefundenen Goldverleih und der (tatsächlich völlig neuen) Vergabe von Schuldscheinen  in Form einer Kreditschöpfung. Zuerst die Buchung beim Verleih von fünf Pfund Gold:

Aktiva Passiva
+ 10 Pfund Gold 10 Pfund goldsmiths notes
 –  5 Pfund Gold
+ 5 Pfund Kredit

Eine Bilanz könnte dann so ausgesehen haben:

Aktiva Passiva
+ 5 Pfund Gold 10 Pfund goldsmiths notes
+ 5 Pfund Kredit

Ein Deposit von zehn Pfund Gold (bei den Aktiva) steht in Waage mit zehn Pfund Goldsmiths Notes. Fünf Pfund des Goldes hat der Goldschmied verliehen, dafür wurde ein Kreditvertrag unterzeichnet und als solcher in den Aktiva eingetragen. Der Goldverleih hat zu keiner Erhöhung der Geldmenge geführt.

Was passierte nun, als der Goldschmied Goldsmiths Notes (nun auch „Promissory Notes“ genannt) [12] „einfach so“ ausstellte und verlieh?

Aktiva Passiva
+ 10 Pfund Gold 10 Pfund goldsmiths notes
+ 10 Pfund Kredit + 10 Pfund goldsmiths notes

Erstens fand eine Bilanzverlängerung in Aktiva und Passiva statt und zweitens ist offensichtlich, dass die nun 20 Pfund Goldsmiths Notes, welche zur Herausgabe der entsprechenden 20 Pfund Gold berechtigen, nicht mehr vollständig, sondern nur noch zu 50 Prozent durch Gold gedeckt sind. Wie schon mehrfach erwähnt, nutzte der Goldschmied das Gesetz der Großen Zahl, bei der es unwahrscheinlich ist, dass alle Bezugsberechtigten plötzlich „ihr“ Gold abheben. Und: Er schöpfte tatsächlich die Notes „aus dem Nichts“.

Für einen Bilanzprüfer (nun ja, so etwas gab es damals noch nicht wirklich) ließ sich über die Bilanz überhaupt nicht erkennen, dass auf der Aktiva-Seite ein Kredit statt über Goldverleih nun per „Geldschöpfung“ realisiert wurde. Der Bilanz sieht man das nicht an! Das ist auch heute nicht anders, nämlich dass Bilanzen ein verfälschtes Bild der Wirtschaftsprozesse von Unternehmen und vor allem von Banken(!) abgeben und sie der Manipulation Tür und Tor öffnen. Das hat sogar der „Vater“ der doppelten Buchführung Luca Pacioli in seiner Abhandlung Particularis de Computis et Scripturis ganz offen beschrieben:

„Um den Wert jedes Gegenstands im Lager zu ermitteln, solle man, so Pacioli, einfach jeder Ware ihren „gewöhnlichen Preis“ zuordnen. Im Hinblick auf den Gewinn rät er dem Kaufmann, die Preise „eher höher als niedriger“ anzusetzen; „wenn Ihr beispielsweise meint, dass sie 20 wert sind, dann schreibt 24 hin, so könnt Ihr einen größeren Profit erzielen.“ [13]

Das neue Geschäftsmodell schlug voll ein bei den Goldschmieden und nur fünf Jahre nach der Pleitesaison von 1672 gab es bereits 44 Goldschmiedebanken, welche Papiergeld schöpften und als Kredite ausgaben. [14] Aber schon damals hielt sich der irrige Glaube, die Goldschmiede würden mit den Goldsmiths Notes das Geld anderer Leute gegen Zinsen verleihen:

„Die massive Geldschöpfungstätigkeit erzeugte aber bald auch Argwohn, und ein Pamphlet eines unbekannten Autors unter dem Titel „The Mystery of the New Fashioned Goldsmiths or Bankers“ protestierte dagegen, dass die Goldschmiedebanken das Geld anderer Menschen ausleihen und dafür exzessive Zinsen kassieren würden. Was die Kritiker der Banken und ihrer Tätigkeit damals und zu einem großen Teil auch heute nicht erkannten und erkennen, ist die Tatsache, dass die Banken kein Geld ausleihen, welches ihnen nicht gehört, sondern stattdessen selbst Geld schaffen. Richtig ist vielmehr die Aussage, dass die Geldschöpfung der Goldschmiedebanken (teilweise) durch Gold gedeckt war, welches ihnen nicht gehörte.“ [15][16]

Mit der nun beginnenden Kreditgeldschöpfung durch die Goldschmiede – und das war tatsächlich völlig neu – begann die Geldmenge im Wirtschaftssystem signifikant anzusteigen – und zwar ohne, dass es zu einem gleich gearteten Anstieg von Edelmetallen gekommen wäre. Die auf Gewinn orientierte Wirtschaftstätigkeit nahm damit einen frappierenden Aufschwung, ließen sich sich doch ab jetzt über das Kreditgeld, Geschäfte vorfinanzieren.

Trotzdem kein echtes Geld

Als die englischen Goldschmiede auf den Trichter kamen, Geld zu machen über die Ausgabe von Krediten, waren sie aus egoistischen Motiven natürlich kaum interessiert, die Funktionalität ihrer neuen Methode publik zu machen. Doch bleiben wir korrekt, denn echtes Geld war das trotz allem auch noch nicht. Das lag vor allem an technischen Aspekten. Gehen wir dazu zurück in das Jahr 1914 und lassen den Ökonomen Alfred Schmidt zu Wort kommen:

„Es ist selbstverständlich, dass […] lediglich von Schuldscheinen, von Kreditpapieren, die Rede sein kann. Aber auch die oben charakterisierten Scheine sind noch nicht als Geld aufzufassen. Sie waren dazu noch nicht farblos genug. Es fehlten formelle Merkmale, um sie als Zahlmarke bezeichnen zu können. Sie waren geschrieben, was nach heutiger Auffassung dem Geldcharakter nicht entspricht. Hierdurch fehlte die Gleichförmigkeit, die die mechanische Vervielfältigung mit sich bringt. Eine Note hatte eine andere Form als die andere. Es fehlte dass der Prägung beim Metallgelde entsprechende. Eine solche geschriebene Note musste man immer einer ganz besonderen Prüfung unterziehen, bevor man sie nahm. Man musste z.B. feststellen, ob sie verzinslich war oder nicht, ob man die Handschrift kannte oder nicht. War die Handschrift unbekannt, so musste man eine Fälschung befürchten und sah sich gezwungen, den Schein zurück zu weisen. Dadurch war der Umlauf des Scheins wesentlich erschwert. Erst ein Schein, der äußerlich als Zahlmarke auf den ersten Blick erkenntlich ist, kann ohne weiteres gegeben und genommen werden. Der Umlauf eines geschriebenen Scheines war nun schon wesentlich erleichtert, wenn der Bankier, der ihn ausgab, ein Zeichen darauf druckte, durch das er als echt sofort erkenntlich war. Wir befinden uns an der Grenze, die den Schuldschein vom Gelde trennt.“ [17]

Geld im modernen Sinne sind immer Schuldscheine, aber nicht jeder Schuldschein ist also Geld. Treffender ließen sich diese Scheine als Wechsel klassifizieren, Schuldverschreibungen die seit Jahrhunderten (ausgehend von den italienischen Stadtstaaten und übrigens bis in die Gegenwart) vor allem im internationalen Handel in Gebrauch waren. Ein Wechsel ist ein Wertpapier, ein Titel, der ein Zahlungsversprechen beinhaltet. Das zwingend vorgeschriebene Wort WECHSEL (auch Wechselklausel genannt) macht ihn als solchen erkenntlich. In schriftlich exakt definierter Weise enthält er die Verpflichtung zur Zahlung einer bestimmten Geldsumme an einem festgelegten Tag an den Inhaber der Urkunde – den sogenannten Remittenten oder Wechselnehmer. Ein Wechsel ist handelbar und der Anspruch auf die geschuldete Summe geht jeweils auf den Inhaber des Papiers über. Wechselt der Anspruchsberechtigte, dann wird das durch ein sogenanntes Indossament auf dem Papier vermerkt. [18]

Die Erscheinung bzw. der Handel der Goldmiths Notes unterschied sich also kaum von anderen bis dahin verwendeten Schuldverschreibungen. Was aber neu und diesen Papieren nicht anzusehen war(!), bestand in der Tatsache ihrer Erzeugung, ihrer ursächlich fehlenden Deckung durch reale Werte. Und obwohl es sich um rein private Schuldscheine handelte, nahm auch der Staat damals diese bereits gelegentlich (und unabhängig der Transparenz ihrer Entstehung) in Zahlung:

„Die Noten der Goldschmiede wurden gelegentlich von den öffentlichen Kassen angenommen. […] So gestattete ein Gesetz aus dem Jahre 1649 die Zahlungen für die verkauften bischöflichen Landgüter u.a. auch in Noten der Goldschmiedgilde zu leisten. Es handelt sich lediglich um Schuldscheine, die vom Staat an Zahlungsstatt angenommen wurden. […] Dass der Staat die Noten mitunter annahm, erklärt sich aus dem engen Verhältnis der Goldschmiede zum Staat als Darlehengeber.“ [19]

Bei aller Bedeutung des Aufkommens von Goldsmiths Notes als Kreditgeld sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die gängigen Zahlungsmittel auf den britischen Inseln im 17.Jahrhundert Münzen waren. Das waren teilweise Goldmünzen aber viel mehr noch Silbermünzen. Gold spielte lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle als Zahlungsmittel, was auch damit zusammen hing, dass die Münzen mit einem positiven Agio behaftet waren. Das bedeutete, dass ihr akzeptierter metallischer Wert höher war als der aufgeprägte Wert (der Nominalwert), das Untersagen dieses positiven Agios durch den Gesetzgeber änderte kaum etwas an der Praxis.

„Das eingeschmolzene Geld wird konfisziert. Außerdem ist die doppelte Summe derselben zu zahlen. Ein „Freeman“ oder Mitglied einer Korporation verliert seine Prvilegien und darf das Gewerbe eines Goldschmieds oder sein anderes Gewerbe nicht mehr ausführen. Andere Personen werden mit 6 Monaten Gefängnis bestraft. Wer ein solches Vergehen anzeigt, erhält Belohnung.“ [20]

Und so wanderte das Gold, aber auch das Silber – trotz Strafandrohung – fast zwangsläufig zu den Goldschmieden, die es einschmolzen (was eigentlich verboten war) und zu Schmuck verarbeiteten oder aber eben als Depot für ihre Klienten lagerten. [21] Daraufhin schaffte Charles II. im Jahre 1666 sogar den Schlagschatz (die Gebühr zur Münzprägung angelieferten Edelmetalls) ab, um neue Münzen prägen zu können. [22]

Gold hatte also seine Funktion als Wertanlage, Silber als gängiges Zahlungsmittel. Silbermünzen waren dabei einem ständigen Prozess der Verunedlung unterworfen, an welchem die Goldschmiede (mit ihren fachlichen Fähigkeiten) tatkräftig beteiligt waren. So wurde den Silbermünzen in Größe und Reinheit über die Jahre kräftig zugesetzt, was im Marktgeschehen zu teilweise turbulenten und handfesten Differenzen führte, weil die Marktteilnehmer die Zahlungsmittel teilweise nicht mehr anerkannten. Die Verunedlung der Silbermünzen bzw. die Lösung dieses Problems sollte auch einer der Antriebe sein, die zur Gründung der Bank von England führten.

Das Projekt Bank wird zunehmend konkret

Noch etwas wurde sichtbar – Kaufleute und Goldschmiede (die ja aus den Gilden kamen) konkurrierten zunehmend miteinander. Die Kaufmannschaft sah durchaus eine reale Gefahr für ihre eigene Macht durch die Goldsmiths Notes auf sich zu kommen. Also begann sie verstärkt eigene Projekte von Bankstrukturen anzugehen und im Parlament dem König „schmackhaft“ zu machen.

„Im Jahre 1657 überreichte Samuel Lamb dem Parlament ein Projekt zur Gründung einer Bank. Seitdem folgte ein Plan nach dem anderen, von von William Potters, Henry Robinson, Hugo Chamberlain, Johann Briscoe. Hierbei war beabsichtigt, Noten gegen Sicherheit in Zirkulation zu bringen. Als Sicherheit wurde entweder Grund und Boden oder bewegliches Vermögen, für die Noten entweder Zwangskurs oder fakultative Annahme in Aussicht gestellt. Von den Projekte wurde keines ausgeführt. Der Grund lag in den unruhigen Zeitläufen.“ [23]

Noch zu Lebzeiten Charles II. wurde sogar eine erste Bank in der City of London mit der Vision einer Zentralbank eröffnet, der aber kein Erfolg beschieden war:

„1683 wurde von privater Seite eine Kreditbank in Devonshire House, Bishopgate Street eröffnet aus dem Bedürfnis nach einer Nationalbank heraus. Kunden deponierten Waren und erhielten dafür bills im Werte von drei Viertel des Werts der Waren. Es wurde eine Assoziation von Mitgliedern verschiedener Handelszweige gebildet, die übereinkamen, diese bills an Zahlungsstatt zu nehmen.“ [24]

Was diese Projekte zur damaligen Zeit noch scheitern ließ, war die nicht entschiedene Machtfrage zwischen Parlament und Königshaus. Der König konnte Kraft seines Amtes beliebig das Parlament auflösen (was Charles II. dann auch fünfmal tat), er konnte Zahlungen einstellen, Verträge anullieren und politisch Missliebige einsperren und vor Gericht bringen. Doch in den 80iger Jahren des 17.Jahrhundert kamen die Dinge immer mehr in Bewegung, die Zeit der eher absolutistischen Herrschaft Charles II. ging zu Ende.


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Quellen

[1] Untersuchungen über die englische Staats-Verfassung; Zweiter Teil; 1794; Heinrich Christoph Albrecht; Friedrich Bohn und Compagnie; Leipzig & Lübeck; S.361; https://books.google.de/books?id=8Yo9AAAAcAAJ&dq=Untersuchungen+%C3%BCber+die+englische+Staats-Verfassung%3B+Zweiter+Teil%3B+1794%3B+Heinrich+Christoph+Albrecht&hl=de&source=gbs_navlinks_s

[2] Bouniation; Kap.1; Universität zu Köln; http://www.digitalis.uni-koeln.de/Bouniatian/bouniatian3-14.pdf

[3] Der Aufstieg des Geldes; Niall Ferguson; 2009; S.76; Econ-Verlag, Berlin; ISBN 9783430200745

[4] Geld aus dem Nichts, Mathias Binswanger; 2015; WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; S.62

[15] ebda; S.65

[5] Wirtschaftsgeschichte; Max Weber; 1923; S.231; Verlag von Duncker und Humblodt, München & Leipzig; ISBN 3863831144; https://books.google.de/books?isbn=3863831144

[6] goldsmiths-Banking; Stephen Quinn; 1997; S.413; http://www.econ.tcu.edu/quinn/finhist/readings/foundations/Quinn%20goldsmithsss.pdf

[7] Lord Arlington an Lord Sunderland vom 8. und 18.Januar 1672; Airlington letters, Band 2, S.349 u. 350; Colbert vom 11.Januar 1672, zitiert bei Christie, a.a. O.Band 2, S.58; http://www.digitalis.uni-koeln.de/Bouniatian/bouniatian3-14.pdf

[8] The Case of the Bankers and their Creditors; Th. Turner; 1675; S.6; http://www.digitalis.uni-koeln.de/Bouniatian/bouniatian3-14.pdf

[9] Shaftesbury an Locke vom 23.November 1674 bei Christie a.a.O.S.63; S. „The mistery of the new fashioned goldsmiths“ etc.; http://www.digitalis.uni-koeln.de/Bouniatian/bouniatian3-14.pdf

[10] Life of Shaftesbury; S.63; W.D.Christie; 1674; in einem Brief an Locke klagt Shaftesbury am 23.11.1674 darüber, dass der König durch Erpressungen der Goldschmiede ein Fünftel seiner Einnahmen verlöre;

[11] Geschichte des englischen Geldwesens im 17. und 18.Jahrhundert; Alfred Schmidt; 1914; S.150 ; Verlag von Karl J. Trübner Strassburg; aus Zur Geschichte der englischen Volkswirtschaftslehre; Roscher;  S.144; https://ia801408.us.archive.org/12/items/geschichtedeseng00schmuoft/geschichtedeseng00schmuoft_bw.pdf

[12] Geld – Von der Kauri-Schnecke zur Kreditkarte; Franziska Jungmann-Stadler; 2002; Tesloff-Verlag, Nürnberg; ISBN 978-3-7886-0418-9; S.32; https://books.google.de/books?id=BJ5Yg1JY-hIC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

[13] Die doppelte Buchführung und die Entstehung des modernen Kapitalismus; Jane Gleeson-White; S.124; Alan Lane London; 2012; Klett-Cotta 2015; Particularis de Computis et Scripturis; Luca Pacioli;

[14] The Little London Directory; Lee; 1677; J.C.Hotten, London

[16] Sterling: The History of Currency; Nicholas Mayhew; 1999, S.88; Wiley London

[17] Geschichte des englischen Geldwesens im 17. und 18.Jahrhundert; Alfred Schmidt; 1914; S.149 ; Verlag von Karl J. Trübner Strassburg; https://ia801408.us.archive.org/12/items/geschichtedeseng00schmuoft/geschichtedeseng00schmuoft_bw.pdf

[18] ebda; S.151

[20] ebda; S.11; Karl II. C. 7. s. 12

[21] ebda; S.11

[22] ebda; S.13

[21] ebda; S.152

[22] ebda; S.153

[19] Handel und Zahlungsmittel: 15.3.2016; Wechsel; http://www.moneypedia.de/index.php/Handel_und_Zahlungsmittel:_Wechsel


 

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3 Kommentare zu Der Weg zur Bank von England (4)

  1. Rudi sagt:

    @Ped,

    vielen Dank für Deine Blumen zur Um-bruch.net – Seite.

    Meine Aussage zur Bedeutung von Geld bezog sich auf die allgemeine Vorstellung von Geld in unserer Wirtschaft.

    „An dieser Stelle muss m. E. zuerst geklärt werden, was unter Geldmenge verstanden wird. Allgemein wird als Geld die, bei den Nichtbanken vorhandene kaufkraftfähige Zahlungsmittelmenge gesehen.“

    Deinen Ausführungen zum „Geldbegriff“ kann ich folgen, möchte jedoch einige Einschränkungen erwähnen. Besteht das verwendete Zahlungsmittel aus Warengeld, so kann es nicht morgen ein Nichts sein. Deine Formulierung trifft somit nur auf Kreditgeld und Willkürgeld zu. (Details zu den Begriffen siehe Das Geldrätsel: Geldarten) Du gehst in einem nächsten Schritt so weit, fast sämtliche Forderungen und Verbindlichkeiten im Banken- wie auch im Nichtbankensektor als Geld anzusehen, eine Außenseiterposition. Diese solltest Du jedoch am Anfang eines Artikels klar herausstellen, um Missverständnisse zu vermeiden. In Ihrem Buch „Das Kartenhaus Weltfinanzsystem“ bezeichnen Wolfgang Eichhorn und Dirk Solte dies Geldmenge als Schwellgeld.

    Wenn Du die die von mir zitierte allgemeine Auffassung von Geld nicht akzeptierst, kannst Du auch meine Folgerung zu Bilanzen nicht annehmen und kommst deshalb zu einer gegensätzlichen Aussage. Ich kann jetzt nicht erkennen, dass mir der „Schwellgeldbegriff“ zu neuen Erkenntnissen verhilft. Er erschwert mir hingegen den Austausch mit anderen, am Geldsystem interessierten Lesern.

    Die von Dir vorgenommene willkürliche Vermischung der Bankbuchführung mit volkswirtschaftlich offenen Geldbegriffen muss zwangsläufig zu diesen Irritationen führen.

    Herzliche Grüße
    Rudi

  2. Ped sagt:

    @Rudi

    zuerst vielen Dank für Deine ausführliche Replik und nicht zu vergessen Respekt für Eure gut gestaltete Webseite!

    „An dieser Stelle muss m. E. zuerst geklärt werden, was unter Geldmenge verstanden wird. Allgemein wird als Geld die, bei den Nichtbanken vorhandene kaufkraftfähige Zahlungsmittelmenge gesehen.“

    Du und ich wissen, dass das eine reine Definitionsfrage ist. Wenn ich der Deinen folge, ist das so und auch Dein logischer Schluss greift. Aber es bleibt eine Definition und sie steht neben anderen. Aber darum geht es mir auch nicht. Denn schau, wenn ich das Thema so versuche zu verstehen, verliere ich mich und verliere dabei den Blick auf das Wesentliche. Für mich ist das Geldsystem keine Wissenschaft(!) sondern reine Willkür, hinter seiner Entwicklung steht der Mensch in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Geld ist keine Erkenntnis sondern ein Gedankenkonstrukt. So wie Geld heute alles ist, könnte es morgen ein Nichts sein, weil es durch unsere Köpfen geprägt wurde und in unsere Köpfe geprägt ist.

    Es geht mir darum, heraus zu arbeiten, wie es zur Gründung der Bank von England kam und wie sich die Rolle des Geldes veränderte (und Menschen das trugen und annahmen); damals von Edelmetallen über Münzen hin zu Scheinen (Name ist Programm) und wie aus der Geldschöpfung (als Edelmetallschöpfung aus der Erde) die Geldschöpfung per Schein entstand. Wie diese Entwicklung das Kreditwesen beeinflusste und die Entwicklung kapitalistischen Wirtschaftens durch Vorfinanzierung möglich machte. Und wie sich letztlich Buchgeld etablierte. Wie gesagt, für mich ist das alles Geld, so wie heutiges Zentralbank-Geld auf Zentralbank-Konten von Geschäftsbanken eben auch Geld ist (obwohl damit – soviel wie ich weiß – kein Mensch einkaufen gehen kann).

    „Bilanzvermehrung und Geldvermehrung darf man nicht gleichsetzen. Eine Geldvermehrung kann ohne Bilanzvermehrung entstehen, wie sich auch eine Bilanzvermehrung ergeben kann, ohne dass eine Geldvermehrung stattfindet.“

    Wer sagt, dass man das nicht darf? Wir versuchen noch immer eine Wissenschaft im Geldsystem zu erkennen. Die sehe ich aber nicht. Was ich sehe, ist Mathematik und Ideologie und – Macht! Wenn Du siehst, was heute Zentralbanken anstellen, hast Du das beste Beispiel. Früher undenkbar, jetzt machen sie es. Und wer legt das fest? Macht legt das fest und sie kann es, weil sie akzeptiert wird, weil Anerkennung von Macht bequem ist. Nur deshalb kann man überhaupt Modelle eines homo oeconomicus aufstellen, der im Sinne von Wirtschafts-„Wissenschaften“ funktioniert.

    Wie gesagt, mein Ansatz unterscheidet sich von dem Deinen. Das ändert nichts daran, dass ich Deine Gedanken interessant und inspirierend finde und auch immer mal wieder den Weg auf Eure Webseite finde. Mehr noch sind von dort schon Inhalte in Artikel hier eingeflossen (siehe die Verlinkungen).

    Derzeit „schleift“ es ein wenig beim Thema „Der Weg zur Bank von England“. Erstaunlicherweise wird ausgerechnet diese Artikelreihe recht wenig frequentiert. Das hatte ich nicht erwartet; ist aber auch nicht schlimm. Ich werde sie auf jeden Fall fortführen.

    Vielen Dank nochmal für Deine ausführlichen Gedanken
    Sei herzlich gegrüßt
    Ped

  3. Rudi sagt:

    Vielen Dank für die ausführliche Aufbereitung der Vorgeschichte zur Gründung der Bank von England. Im oben stehenden Artikel ist mir indes eine zweifelhafte Aussage aufgefallen. Es geht um den Satz: „Der Goldverleih hat zu keiner Erhöhung der Geldmenge geführt.“
    An dieser Stelle muss m. E. zuerst geklärt werden, was unter Geldmenge verstanden wird. Allgemein wird als Geld die, bei den Nichtbanken vorhandene kaufkraftfähige Zahlungsmittelmenge gesehen. Es ist also eine Trennlinie zwischen dem Goldschmied ( hier als Bank geführt) und dessen Kunden (hier als Nichtbank bezeichnet) gezogen werden.
    Zuerst besitzt der Kunde 10 Pfund Gold und tauscht dieses bei einem Goldschmied gegen 10 Pfund „goldsmiths notes“ ein. Ab diesem Zeitpunkt befinden sich in seiner Geldbörse 10 Pfund „goldsmiths notes“ anstelle von 10 Pfund Gold zum Kauf von Waren oder anderen Werten. Eine Änderung der Geldmenge hat durch diesen Umtausch nicht stattgefunden, jedoch hat die Bilanz des Goldschmieds eine Bilanzverlängerung erfahren.
    Durch die Kreditvergabe in Höhe von 5 Pfund Gold und der Auszahlung dieses Betrages in Gold, ist in der Bilanz des Goldschmieds lediglich ein Aktivtausch erfolgt. Der Kunde besitzt in seiner Geldbörse jetzt aber 10 Pfund „goldsmiths notes“ + 5 Pfund Gold. Es hat somit eindeutig eine Geldvermehrung stattgefunden. Er besitzt jetzt 15 Pfund zur Tätigung von Käufen.
    Bilanzvermehrung und Geldvermehrung darf man nicht gleichsetzen. Eine Geldvermehrung kann ohne Bilanzvermehrung entstehen, wie sich auch eine Bilanzvermehrung ergeben kann, ohne dass eine Geldvermehrung stattfindet.

    Die Problematik mit der „unerlaubten Verwendung von Depositen“ habe ich im Artikel
    http://www.um-bruch.net/uwiki/index.php?title=Das_Geldr%C3%A4tsel:_Zettelbanken
    versucht aufzubereiten.
    PS:
    Die Entstehung der Bank von England mit meinen eigenen Recherchen, welche sich jedoch größtenteils mit Deinen Ausführungen decken dürften, wurde im Artikel
    http://www.um-bruch.net/uwiki/index.php?title=Das_Geldr%C3%A4tsel:_Englands_Finanzen
    sowie den Folgeartikeln behandelt.
    Auf Deinen Folgeartikel bin ich deshalb schon neugierig.

    Beste Grüße
    Rudi

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