Die Linken und der ganz alltägliche Krieg

Der ganz alltägliche Krieg findet an Orten statt, an denen wir ihn nicht wahrnehmen – weil wir ihn nicht wahrnehmen wollen. Dieser Krieg ist dabei genauso unerbittlich und hasserfüllt wie der spektakuläre heiße Krieg. Dabei ist das Zweite nur die Veräußerlichung des Ersten. Es ist wie mit einem Kochtopf in dem sich ein ständiger Hitzedruck permanenten Missverstehens aufbaut, bis der Deckel hoch steigt und geräuschvoll den überschüssigen Druck nach außen lässt. Zur Freude des neoliberalen Establishments verschwenden die Linken ihre wertvolle Energie auf genau diese Weise.


Diesen Beitrag schrieb ich aus einer subjektiv politisch linken Perspektive. Einer Perspektive, der ich mich emotional verbunden fühle, ohne sie rational beschreiben zu können. Das ist in meiner Biografie begründet, doch inzwischen stellen sich viele Fragen in mir, wenn es um die linke Bewegung als einer gesellschaftspolitischen Strömung geht. Offenheit verdeutlicht sich, wenn man auch vor unbequemen Fragen nicht zurückschreckt. Das möchte ich in diesem Beitrag leben.

Was ich in den letzten Monaten zum politischen Aktionismus der Partei Die LINKE (a1) erfahren durfte, hat in mir letzte Illusionen zerstreut, dass unsere Demokratie reformierbar wäre, wenn eine neue, mit „besonders fortschrittlichen“ Werten (mit einer selbstredend rein subjektiven Wertebestimmung) auftretende Partei Regierungsgewalt erhalten würde. Damit meine ich nicht einmal ihre Rolle im deutschen Parlament sondern vor allem ihr Auftreten innerhalb der Partei und gegenüber Menschen, die sich doch erklärtermaßen und traditionell ebenfalls LINKS sehen. Doch erkenne ich zu überdenkende Verhaltensmuster nicht nur bei der Partei Die LINKE sondern auch bei den Linken als einer Bewegung, die Fortschritt, sozialen Ausgleich und Frieden auf ihrer Agenda trägt.

Die Ursachen dafür sind (allerdings nicht allein) systemisch beschreibbar und ich möchte deutlich machen, dass ich an dieser Stelle nicht das Regierungssystem der repräsentativen Demokratie anprangere. Auch sie bildet nur ein universell gelebtes Prinzip in unseren Gesellschaften ab, dessen Wahrnehmung wir uns allerdings beständig zu entziehen suchen.

Die LINKE ist also für mich nun nicht plötzlich „böse“ geworden, sondern zerstörte meine Erwartungshaltungen in sie. Sie hat in positiver Weise mein Denken daraufhin sensibilisiert, inwieweit Erwartungshaltungen überhaupt sinnvoll sind; sinnvoll gegenüber sich selbst aber vor allem sinnvoll gegenüber Anderen. Daher halte ich auch eine Abrechnung (Verurteilung) ihrer Politik – sowohl innerhalb ihrer selbst als auch im Rahmen ihres Mandats – für unangebracht. Da gibt es nämlich nichts abzurechnen. Eine ehrliche Analyse die uns sehr wohl auch auf uns selbst zurückführt, halte ich dagegen für umso notwendiger.


Es sind immer die Anderen

Es ist ein probates Mittel, auf die Herrschenden zu zeigen und unermüdlich deren Vergehen offen zu legen. Das überwiegend mit der erklärten Absicht, eine bessere Welt zu errichten. (a2) So wie allerdings die Herrschenden ebenso inbrünstig ihre guten Absichten verteidigen und ihre Widersacher entsprechend bekämpfen müssen, die ja beabsichtigen, das gute Werk zu zerstören.

Sowohl die Einen als auch die Anderen befinden sich dabei in einer ideologischen Filterblase. Wobei sich die Begriffe Herrschende und die Bekämpfer der Herrschenden keinesfalls auf das Bild einer Regierung und des (unterworfenen) Volkes beschränken. Durch diese Filterblase wird das eigene Handeln selektiv positiv wahrgenommen (uneingeschränkte Legitimität) und das des Gegners selektiv negativ (Feindbild-Bestätigung). 

Die Filterblase sorgt aber auch dafür, dass diejenigen, welche meinen die Herrschaft zu bekämpfen, das in Wirklichkeit überhaupt nicht tun! Sie kämpfen NICHT GEGEN die Herrschaft, sondern sie kämpfen UM die Herrschaft und daher gegen die Herrschenden um selbst deren Stelle einzunehmen. Hier wird um Machtpositionen gerungen. Folgerichtig werden auch die gleichen Werkzeuge benutzt.

Gefangen in der Filterblase geht es dabei gar nicht um die Änderung eines auf Macht und Herrschaft beruhenden Systems sondern einzig um die eigene Stellung innerhalb des Systems. Das bedeutet auch, dass die dort gelagerten eigenen grundsätzlichen Denkmuster gar nicht hinterfragt werden. 

Krieg ist Lagerdenken. Er verlangt klare Positionen und Grenzlinien (rote Linien) auf deren Unversehrtheit mit Argwohn geschaut wird. Lagerdenken ist gleichgeschaltetes Denken. Gleichgeschaltetes Denken ist das geistige Mittragen einer Ideologie. Die Ideologie ist sowohl ethisch legitimiert als auch sozialer Kitt, um Menschen vor Einsamkeit zu bewahren. Dieses Prinzip lässt sich in grundsätzlich JEDER Ideologie erkennen. Und jeder Glaube der per Missionierung mittels Propaganda verbreitet wird, wandelt sich zur Ideologie und trägt den geistigen Gewaltakt mit sich. 

Der geistige Krieg als ein per se gelebtes eingeschränktes Weltbild sucht gezielt nach den Schwächen des Gegners. Die getragene Ideologie verlangt regelrecht das Aufspüren dieser Schwächen, weil ja damit der eigene Kampf gegen den Gegner als unvermeidlich und ethisch rein legitimiert wird. Menschen die ihre so basierten sozialen Bindungen nicht verlieren wollen, versuchen ihren Mitkämpfern nun ständig zu beweisen, dass sie diese subjektiv positiv wahrgenommene Rolle (innerhalb der Gemeinschaft Gleichgesinnter) auch verdient haben.

Denn sie haben Angst vor Ausgrenzung. Sie grenzen aus, weil sie fürchten, ihre eigenen sozialen Kontakte zu verlieren. Sie dienern sich an. Weil sie Angst vor dem Fremden haben, ist das durch die Ideologie zusammen gehaltene Kollektiv ihr einziger (sozialer) Halt. Diese Verhaltensmuster setzen sich bei Mitgliedern der Partei Die LINKE in wachsendem Maße durch. Und umgekehrt gilt dies aber auch für die Kritiker dieser Partei – und zwar auch und in besonderem Maße, für Kritiker aus dem linken Lager. Gefangen im Kosmos der eigenen Unfehlbarkeit, führt man den Friedensgedanken ad absurdum, denn ganz offen pflegt man den Krieg der Köpfe

In dieser Gesellschaft wird aber Menschen auch nicht Mut gemacht, zu sich selbst und ihrer eigenen Sicht zu stehen. Ganz im Gegenteil pflegt man Ausgrenzungsmechanismen, in dem ständigen Bemühen, politisch korrekt zu sein. Man schränkt sich inhaltlich immer weiter ein und weicht auf Populismus aus. Die Ideologie geht also auch noch weg vom inhaltsbezogenen hin zur reinen Symbolik. Sie verkommt zu einer Hülle für Plattitüden.

Der geistige Krieg ist ein Denken in Symbolen, in Marken, in Slogans. Seine Veräußerlichung ist Propaganda und eines der – meiner Ansicht nach – größten Irrtümer, ist zu glauben, dass Propaganda nur die Anderen betreiben. Der Kampf um die Macht, der mit dem um die geistige Macht beginnt, ist bereits die Propaganda. Es ist der geistige Gewaltakt, Gehirne zu unterwerfen, zu indoktrinieren, zu normieren, zu vereinheitlichen. Und er führt zur Gesichtslosigkeit und damit zur Möglichkeit einer Freund-Feind-Kennung.

Die Polung liegt dabei auf der Feind-Kennung und äußert sich in einem latenten Misstrauen gegenüber Andersdenkenden. Das eigene als lichtvoll und humanistisch betrachtete Weltbild muss mit allen Mitteln geschützt werden. Vertrauen ist mit einer solchen Einstellung ein Fremdwort.

Welche Ideologie das ist, welche die Träger da leben, ist prinzipiell unerheblich. Das Teuflische daran ist der ihr innewohnende Hang zur Eskalation, zur Verhärtung, dem Zwang sich gegenseitig zu erschöpfen, der stetigen Aufgabe eigener ethischer Normen zur Durchsetzung von Macht. Meine Kritik richtet sich also nicht speziell gegen die etablierte Herrschaft, welche durch eine Fassadendemokratie repräsentiert wird, sondern generell gegen Herrschaftsdenken als solches. Denn davon wollen wir offenbar nicht ablassen.

Die Suche nach dem Ausgrenzenden führt zum alternativlosen Ausgrenzen innerhalb des geistigen Krieges. Sie verhindert das Differenzieren und vielschichtiges, vielseitiges Betrachten. Sie dient nur dazu, die Mauern der eigenen Burg hochzuziehen.

Es stellt sich die Frage: Welcher Kampf ist denn wirklich sinnvoll und notwendig?

Wenn die Mitglieder einer Gesellschaft als Ganzes dermaßen im Kampf verhaftet sind, dann sehe ich das als Zeichen einer gesellschaftlichen Paranoia.

Auf solch einer Basis, auf solchen konstruierten Ebenen, die denen eines Schlachtplans ähneln, lässt sich nichts Konstruktives bewerkstelligen.


Keine Satire

Der Kampf GEGEN die Medien, wie sinnvoll ist der? Der Kampf GEGEN die Regierung, was bringt er? Der Kampf GEGEN Terrorismus, wem nützt er? Der Kampf GEGEN Korruption, wen bekämpft er? WER führt unsere Kriege – und wer nicht? Jeder, der meint, auf diese fünf Fragen – oder auch nur eine davon – klare Antworten zu haben, möge sich doch zurück lehnen und innehalten.

Denn an diesem Punkt beginnt er; der eigentlich notwendige Kampf. Das ist nämlich der, welcher der eigenen Dissonanz entspringt, dem Konflikt des Bequemen, des Hingenommenen, das mit der erlebten Wirklichkeit in Widerspruch gerät. Diesen Kampf kann jeder Mensch mit sich selbst und um sich selbst, um seiner eigenen Selbstachtung willen führen. Aber genau dieser Kampf wird auf Biegen und Brechen vermieden – in dem man ihn nach außen trägt.

Das erlebte ich im Umfeld der Verleihung des Kölner Karlspreises für engagierte Literatur und Publizistik 2017 an Ken Jebsen. Wer glaubt, dort Schuldige ausgemacht zu haben, sich an Personalien aufrieb, dem fehlt der Mut, kritisch auf sich selbst zu schauen. Was in den Wochen zuvor und danach an überzogenem Egotismus, an Verletzungen, an gegenseitigem Bearbeiten unter der Gürtellinie dem staunende Publikum (a3) vermittelt wurde (solange es nicht selbst involviert war), zeigte Eines ganz deutlich: Dass die Konflikte noch viel tiefer liegen, als „nur“ in einer Bekämpfung des Neoliberalismus, Neokolonialismus, Hegemonismus, Imperialismus; damit über das Verständnis zu bekämpfender, außerhalb des eigenen Selbst liegender Systeme weit hinaus gehend.

Solche strukturellen Begriffe sind sehr sinnvolle, erklärende Muster zur (ja, natürlich kritischen) Beschreibung gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse. Doch wird so getan, als wären die SCHULDIGEN dafür längst entlarvt und es stände nun nur noch ihre Bekämpfung an. Es wird also mit Schuld hantiert. Schuld, die ich als die Verantwortung verstehe, die man versucht, anderen zuzuschieben, um ihnen damit Pflichten auferlegen zu können. Das sollen unsere Werkzeuge für eine friedliche gemeinsame Zukunft sein? 

Wir unterschlagen, dass wir mit dieser Herangehensweise uns ÜBER andere Menschen stellen, uns aus der kritischen Betrachtung heraus nehmen. Um dann auch noch festzustellen, dass wir diese „schlechten“ Menschen bekämpfen müssen. Was dabei zwangsläufig passieren muss, ist die Identifikation von Gegnern. Ist das dann die gute Gedankenpolizei? In Anlehnung an ein ganz tolles Buch von Mathias Bröckers und Paul Schreyer (1): Es gibt sie also doch – DIE Guten? Wo Gute, da sind anderswo Böse. Das Böse gilt es zu bekämpfen – erinnert Sie das an etwas?

Menschen die einen Satz zuvor die Freiheit des Andersdenkenden hervorhoben und reichhaltig zitierten, brachten es im Umfeld der, inzwischen ist man geneigt zu sagen, Jebsen-Affäre fertig, Sekunden später den ideologischen Dissenz unversöhnlich und negativ konnotiert angereichert zum Ausdruck zu bringen. Was sich keinesfalls auf die traurige Darbietung eines Kulturdezernenten beschränkte, der damit das stetige Aufgehen der Partei Die LINKE im etablierten Machtsystem bezeugte. Dem Beobachter bot sich eine Satire, bei der er nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte. 

Aber die Satire ist keine, es ist unser reales Leben. Wir sind uns viel zu wenig bewusst, dass wir allesamt einer fortwährenden Sozialisierung unterliegen, die uns in emotionale Verhaltensmuster zwingt, welche genau das Beschriebene hervorrufen. Gefangen in (eben NICHT unseren) Ideologien suchen wir verzweifelt, diese zu schützen, weil daran unsere Identifikation hängt. Wir sind Verletzte, tun aber ständig so, als ob wir stark sind. Zeigen so nach außen Gesten der Macht. Das wird von Menschen, die sich einer (wie auch immer verstandenen) linken Idee verbunden fühlen, sehr schmerzhaft wahr genommen. Ja, es ist nicht nur die Demokratie, welche mit einer Fassade lebt, wir alle tun es gleichermaßen. Das eine ist Projektion des Anderen.

Der Splitter im Auge des Anderen

Es ist wie mit dem Kapitalismus. WAS bekämpft man da eigentlich? Die feindliche Klasse? Warum reflektieren die Klassenkämpfer nicht, dass sie damit die eigene Gesellschaft in einen Krieg ziehen? Dass sie außerdem so von Anfang an als Gegner wahrgenommen werden. Dass sie Menschen entmündigen, in dem sie glauben, den Kampf FÜR diese Menschen führen zu MÜSSEN. Dass sie – aus meiner Sicht – unzulässig vereinfachen und somit Schubladendenken praktizieren. Wollen wir ihn tatsächlich, den Krieg, um Frieden zu erlangen? Was für ein Frieden soll das sein?

Viele Fragen, unbequeme Fragen, ich weiß. Und ich habe sie nicht, die Antwort. Aber in mir ist ein äußerst ungutes Gefühl, wenn versucht wird, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wer als Klassenkämpfer in den Krieg zieht (nichts anderes tut er), hat zuvor seine eigene Rolle klar definiert. Nämlich, dass er unterworfen, unfrei und unmündig ist. Und er glaubt, diesen Zustand mit einem Rollentausch beenden zu können. Das ist – so sehe ich es – mitnichten die objektive Realität sondern eine Frage des Selbstverständnisses und dahinter steckt ein geistiges Konzept. Es basiert auf einer Ideologie und ist daher folgerichtig eine von Feindbildern. Ideologien gehen permanent mit dem Krieg schwanger. Ideologien entwickeln somit auch keine konstruktiven, kollektiven und offenen Lösungen, denn sie haben bereits die Lösung und versuchen Bedingungen zu schaffen, diese umzusetzen.


Einer Ideologie unterwirft man sich, sie kommt nicht aus uns selbst. Deshalb sind ihre Handlungsmaximen zwanghaft und nicht gedacht, hinterfragt zu werden.


Welche Feindbilder das so sind, die, meiner Meinung nach, von Linken gelebt werden?

Es gibt in Deutschland anderhalb Millionen Millionäre und noch einmal so viele Menschen, die es auf eine halbe Million Euro bringen. Und sicher noch einmal so viele, bei denen es für eine viertel Million reicht. Fast fünf Millionen Menschen, die eindeutig als Gegner wahrgenommen werden und bekämpft werden müssen? Sind die jetzt böse? Ist das nicht das Schwarz-Weiß-Denken, dass wir der Meinungsführerschaft völlig zu recht vorwerfen?

Wenn zwöf Millionen Menschen in Deutschland in prekären Verhältnissen leben, ist das für das materiell reiche Deutschland ein Unding. Das Problem harrt einer Lösung, doch was hindert diese Gesellschaft tatsächlich daran? Es leben übrigens auch 72 Millionen Menschen in nichtprekären Verhältnissen. Wie erreicht man diese Menschen? Woran machen wir überhaupt menschliches Glück fest? Sind Milliardäre glücklicher als Bezieher „normaler“ Einkommen? Nach was streben wir eigentlich? Haben wir keine besseren Konzepte?


Vielleicht haben wir sie, aber wir leben sie nicht. Weil auch die Linken stattdessen sinnlos wie beständig auf Feindsuche sind, um Aluhutträger, Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, Holocaust-Leugner und Rechtsesoteriker zu entlarven. Weil wir voller Misstrauen uns fremde und politisch nicht korrekte Meinungsäußerungen beäugen. Weil wir uns auf diese Weise der Macht unterwerfen. Wo und wie nimmt man da Menschen mit? Wann fangen wir endlich an, wirklich gemeinsam um Lösungen zu ringen?


Der größte Feind des Konstruktiven, von kollektiver Zusammenarbeit, ist das ständige Ziehen und Erneuern roter Linien; das unermüdlich beschworene „bis hierher und nicht weiter“. So werden offene Hände arrogant ausgeschlagen – einfach nur, weil sie sich der „einzig wahren“ Konformität entziehen. Und es ist zu kurz gesprungen, dieses schmalspurige Denken nur „denen da oben“ vorzuwerfen. Diese offenen Hände werden regelrecht in einen Kampf hinein gezwungen und so die positive Geste zerstört. Kampf aber führt immer zur Zerstörung.

Der geistige Krieg ist ein psychologisches Phänomen, das auf die Gesellschaft durchschlägt. Er hat eine offenbar Jahrtausende währende Tradition. Ob ein solches Phänomen objektiv gut oder schlecht ist, spielt für mich keine Rolle. Entscheidend für mich ist, nach welchen Regeln ich mein eigenes Leben ausrichten will. Was sind denn die tatsächlich universellen Prinzipien, welche mich mit meiner Umwelt, mit den Menschen um mich herum (den Nahen wie den Fernen) in Harmonie bringen?

Ich selbst sehe meine Wurzeln links. Das ist Teil meiner Biografie. Es ist die ideologische Biografie, die Verbindung zu einer Ideologie, die sich in meiner Erinnerung mit bestimmten ethischen Grundwerten verbindet, wie sozialer Gerechtigkeit und vor allem Frieden. Diese Ideologie stützte mein Ich und gab mir die Gewissheit, gut zu sein, das Richtige zu tun. Ich stehe dazu, linke Wurzeln zu haben, weil ich damit zu meinen Sichten in der Vergangenheit stehe.


Deshalb werde ich einen Teufel tun, mich von meiner Vergangenheit jemals zu distanzieren. So wie ich es auch Ken Jebsen von Herzen wünsche, dass er sich erfolgreich dem massiven Druck entzieht, der von den Meinungsführern unterschiedlicher politischer Lager permanent in seine Richtung aufgebaut wird. Ein Druck der ihn fortwährend nötigen will, seiner Vergangenheit abzuschwören, sich von ihr zu distanzieren; früher geäußerten und absolut authentischen Standpunkten. 


Nichts anderes wird nämlich derzeit versucht. Ein Symbol (sie erinnern sich, Krieg benötigt Symbole zur Freund-Feind-Kennung) für eine völlig andere politische Plattform, als es der Mainstream je fertig brachte, versucht man derzeit zu domestizieren. Sehr gezielt lockt man immer wieder die kämpferische Note von Ken Jebsen heraus, um ihn so systematisch auszulaugen und zu schwächen. Wer sich an diesem Spiel beteiligt – und das tun leider auch reichlich Leute, die sich selbst als links bezeichnen, sollte sich langsam im Klaren sein, wie abgrundtief schmutzig das Spiel ist; ein linkes Spiel im Sinne von unehrlich und verdeckt. 

Die Bedeutung des LINKS als politischer Grundhaltung löst sich in mir auf. Denn ich benötige keine Fremdidentifikation (mehr), um „gut“ zu sein. Um so mehr als das Wort zur Farce geworden ist. Von einem Hedgefonds-Milliardär und selbst ernannten Weltverbesserer wie George Soros ins Leben gerufene Nichtregierungs-Organisationen als Teil einer linken Bewegung zu benennen, ist bester Ausdruck dieser Entfremdung des Begriffs von seinen Wurzeln.


Bekenntnis zur Querfront

In diesem Begriff steckt nämlich eine tiefe Wahrheit. Die „Entdecker“ der Querfront haben auf der Sachebene sehr richtig erkannt, um was es dabei geht. Nämlich um das Bestreben, ein breites Bündnis zu schaffen, dass sich über Ideologien, Dogmen, politische Anschauungen hinweg dem kleinsten gemeinsamen Nenner verschrieben hat, einem tatsächlich gelebten Friedensgedanken. Solche Gedanken verlangen Mut, müssen doch hierbei ideologische Gräben und Alleinvertretungsansprüche überwunden werden. Vor dem Mut kommt die Angst, denn Mut ist eine mögliche Schlussfolgerung gefühlter Angst. Es ist der Mut, eben sie zu überwinden.

Womit wir zum Begriff Querfront auf der Wahrnehmungsebene kommen. Wer die Angst nicht überwindet, den Graben nicht überwindet, der bleibt in seiner Angst gefangen und nimmt deshalb ein Bündnis unterschiedlicher Weltsichten als Gefahr, als breit aufgestellten Gegner, eben als Querfront wahr. Es ist also eine Frage der Perspektive. Die Überwindung der Konformität, in der man seinen Platz und eine (scheinbar) gesicherte soziale Stellung gefunden hat, wird als die eigene Existenz bedrohend erfahren. Menschen die auf der Wahrnehmungsebene von einer Querfront sprechen, unterliegen also ihren Ängsten.

Wer nun die auf der Sachebene wohlverstandene Etablierung eines viele politische Schichten übergreifenden Bündnisses für dauerhaften Frieden erkennt, sie dann auf der Wahrnehmungsebene jedoch aufgrund fehlenden Mutes die eigenen eingefahrenen Denkmuster zu verlassen, als Gefahr erfährt, wird sie schlüssigerweise auf der Sendungsebene als Alarm (Mitteilung der Gefahr) weitergeben. Ganz in der Emotion gefangen, werden nun – wie im Tierreich – die Artgenossen laut trommelnd vor der Gefahr gewarnt. Das nennt man dann Propaganda.

Da nützen auch die besten in der Vergangenheit sorgsam aufgebauten Beziehungen nichts, diese Ebene wird nachhaltig zum Negativen verändert. Die Beziehungesebene als wertvolles Element des gegenseitigen Verständnisses dient nur noch zur Feind-Kennung und Beschreibung der enttäuschten Erwartungshaltungen gegenüber der anderen Seite.


Wieder zeigt sich, wie wichtig es ist zu erkennen, dass es unsere Emotionen sind, die eben auch ganz stark unser politisches Handeln beeinflussen. Wie auch unser politisches Handeln schon auf der Mikroebene bei Mensch-zu-Mensch-Beziehungen beginnt, denn dort bereits zeigt sich, ob wir, wenn der Wohlfühlbereich gemeinsamer Werte und Ziele verlassen wird, noch immer Frieden leben können. Mehr noch ist es überhaupt erst der Lackmustest für einen wahrhaftig gelebten Friedensgedanken. Diese Aufgabe nur den politischen Eliten zuzuweisen, kommt einer Schuldzuweisung gleich. Das wiederum ist nichts anderes als bequemes Wegschieben von Verantwortung, die man nun mal nur für sich selbst wahrnehmen und leben kann.


Das nun nachfolgend Dargestellte mag Widerspruch hervorrufen. Doch Jeder, dem die Mitgliedschaft zu einer Querfront vorgeworfen wird und der sich dadurch beschämt und ungerechtfertigt angegriffen fühlt – allein durch den hergestellten Bezug – ist gefangen in den ideologischen Wertemustern der Meinungsführer. (a4) Sollte mir Jemand persönlich die Zugehörigkeit zur Querfront „ankreiden“, werde ich Eines auf gar keinen Fall tun: Es als Vorwurf und Beleidigung zurückweisen. Würde ich mich doch damit dem Denken in Feindbildern unterwerfen. Ich würde deshalb vielmehr fragen: WARUM nennt er/sie es eigentlich FRONT? Denn eine wahre Friedensbewegung MUSS Quer“front“-Charakter haben!

Der Ausdruck ist nur – weil von Angst getrieben – negativ konnotiert. Das BÜNDNIS FÜR den Frieden wird als FRONT GEGEN das Etablierte wahrgenommen. Angst sieht das Fremde, das Trennende, Mut sieht das DAHINTER liegende Verbindende. Sehr wohl entwickelt sich auch in unserem Lande ein bewusster, aktiv gelebter Friedensgedanke quer durch die Gesellschaft und das ist wunderbar und danach strebe ich. Ob es zur Front verkommt, entscheidet übrigens nicht der Meinungsführer sondern der Wille der Mitglieder des Bündnisses. Hier stellt sich auch die Herausforderung. Denn das Bündnis nicht zur Front mutieren zu lassen, ist eine anspruchsvolle, ständig neu und kreativ zu lösende Aufgabe. 


Fazit

Das Gute ist in uns und ich verbinde es mit gemeinsam erfahrenem, dauerhaftem Glück, mit dem gemeinsam Geschaffenen, mit Erkenntnis und neuen Perspektiven. Es kommt von Herzen und es möchte eigentlich nach außen und wirken. Wer mag, kann es gern LINKS bezeichnen, doch wer das Label kapert, um es plötzlich zur ideologischen Waffe zu machen, betrügt sich und vergibt sich den eigenen Anspruch auf wahrhaftes Glück. Die in uns liegende Einzigartigkeit mutiert so zur Knechtschaft unter eine Ideologie.

Viele Menschen haben inzwischen verstanden, dass es nicht genügt, Feindbilder anzuprangern. Man muss sich auch mit den eigenen Feindbildern auseinandersetzen. Wir sind gefordert, zu fragen, woher wir selbst unser Feindbilddenken beziehen, wie wir es nach außen bringen und damit unseren Friedenswillen konterkarieren. Genauso wie ich es vonnöten halte, zu betrachten, inwieweit Institutionen friedenserhaltend sein können. Was läuft schief in unserer Gesellschaft, wenn sich Menschen dann im großen und kleine Kriege stiftenden Handeln von großer und kleiner Politik verwirklichen?

Haben wir Mut, uns unserer (jeweils einzigartigen) Fehlbarkeit bewusst zu werden und das nicht als unsere Persönlichkeit gefährdenden Mangel zu sehen. Erkennen wir in dieser resultierenden Mannigfaltigkeit vielmehr die riesigen Möglichkeiten für ein Vorbild gebendes friedliches Zusammenleben. Machen wir uns endlich auf den schwierigen, spannenden, schönen, gemeinsamen Weg der Ebene. Denn Frieden wird nicht erreicht, er wird gelebt und wir alle haben ihn in uns.

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

(a1) „Die Linke“ als historisch gewachsenen Begriff unterscheide ich im Artikel von „Die LINKE“ als der Partei.

(a2) „Eine bessere Welt zu errichten“ impliziert bei vielen Protagonisten das Drehen am „ganz großen Rad“, mit dem Fokus auf systemischen Veränderungen. Bereits dort sehe ich die Gefahr der Selbstüberhebung, einschließlich der Überhebung über Andere.

(a3) „Staunendes Publikum“ meint NICHT die Gäste der Veranstaltung im Berliner Filmtheater Babylon, sondern Jene, welche die Aktivitäten und Auseinandersetzungen außerhalb und vor dieser betrachteten – wozu ich mich selbst zähle. Danke für die Sensibilisierung durch einen Foristen.

(a4) Das Durchsetzen von Meinungsführerschaft ist also keinesfalls ein Privileg unserer aktuellen repräsentativen Demokratie. Es wird auf allen Ebenen der Gesellschaft angewandt – als Zeichen von Macht- und Herrschaftsdenken.

(Allgemein) Dieser Artikel wurde am 13.1.2018 auch auf der Online-Plattform Rubikon unter dem Titel „Der ganz alltägliche Krieg“ veröffentlicht. Herzlichen Dank an die Freunde vom Rubikon.

Quellen

(1) https://www.westendverlag.de/buch/wir-sind-die-guten/

(Titelbild) Scherben; Autor: kalhh (Pixabay); 30.3.2014; Quelle: https://pixabay.com/en/shard-glass-broken-glass-breakage-320020/; Lizenz: CC0 Creative Commons

11 Kommentare

  1. Hallo Ped.

    Als vergangenes Wochenende Kritik von Frau Kipping am Polizeieinsatz in Köln bzgl. der türkischen Militäroffensive geäußert wurde, war ich nicht wirklich überrascht. Überrascht war ich jedoch über den Inhalt der Kritik. Meine Gedanken dazu habe ich hier geäußert:
    https://bjoernstipp.wordpress.com/2018/01/29/die-linke-auf-dem-pfad-der-neocons/
    Danach fiel mir ein, dass Sie diesen Artikel schrieben, den ich gleich darauf nocheinmal lesen musste. Diesmal folgte ich auch dem Verweis zu barth-engelbart.de, der mir bzgl. der „Antideutschen“ und der „sächsischen Seilschaft“, der ich Frau Kipping jetzt zuordne, großen Gewinn brachte. Besser als Frau Kipping kann man aus meiner Sicht die „Partei des Friedens“ an Interessen der USA und Israels bzgl. der Neugestaltung des Nahen Ostens mit unzähligen Toten nicht verraten.

    Viele Grüße

  2. Liebe freunde dieses blogs, hier nun die antwort von unserem freund Detlev an unseren freund Thorsten.

    Lieber Thorsten,

    ich gestehe, daß es mir manchmal schwerfällt, deine i.d.R. recht langen Beiträge bis zum Ende aufmerksam zu lesen. Kommt da noch etwas, was den Eindruck, das vermittelte Bild verändert? Und manchmal, wenn ich es ein zweites Mal lese, steht plötzlich etwas anderes darin, als beim erstenmal. Und beim dritten Mal wird mir deutlich, wieviel Möglichkeiten des Mißverständnisses darin verborgen sind. Schon um es „richtig“ zu verstehen, muß ich mir vorstellen, wie du es geschrieben haben magst – mit allen Möglichkeiten der Fehlinterpretation. Weil ich offenbar ganz anders schreibe.

    Dabei hangele ich mich beim Lesen niemals von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, sondern versuche die Vorstellung, die Idee zu erfassen. Eigentlich der umgekehrte Weg, als wenn ich schreibe. Deshalb geht das Schreiben bei mir nicht so schnell und auch das Lesen braucht ähnlich lang, ist es doch der gleiche Übersetzungsprozeß zwischen einer komplexen Idee und einer analytisch synthetisierenden Sprachlogik, die darauf angewiesen ist, Komplexität in lineare Ketten von Aussagen, Sätzen, Wörtern und Buchstaben aufzulösen. Wie leicht erscheint dieses dann widersprüchlich, paradox. Wenn man sich dem aber öffnet, kann es ein Weg sein, den Übersetzungsprozeß zu beschleunigen. Hierzu ein Fundstück aus meiner Ideensammlung:

    Sonntag, 31. Mai 2015

    Auf die Frage seines Sohnes und Schülers, „Vater, was ist ‚paradox‘?“ antwortete Herr W.:

    „Ein Paradoxon, das ist wie eine Tür aus der Zelle deines Bewußtseins, eine Lücke im Gefüge ihrer Mauern. Trittst du hindurch, so siehst du die Dinge, wie sie sind – einfach, klar und widerspruchsfrei.“

    „Dann Vater“, bat der Sohn,“öffne mir diese Tür.“

    Da sagte Herr W.:“Mein Sohn, das kann ich nicht. Die Tür gibt es nur auf deiner Seite. Von hier führt kein Weg zurück.“

    „Aber Vater, die Tür ist verschlossen!“

    „Ja, mein Sohn, und der Schlüssel liegt hier auf dieser Seite. Komm und hole ihn dir.“

    „There is a crack in every thing. That’s where the light gets in.“ Leonard Cohen

    Du zitierst: „Es gibt meine Wahrheit, deine Wahrheit und DIE Wahrheit.“ Aber welche Bedeutung hat DIE Wahrheit? Wenn du versuchst, sie zu verstehen und zu beschreiben, läuft es am Ende auf deine Wahrheit hinaus; wenn ich es tue, mündet es unausweichlich in meine. Dennoch glaube auch ich, daß es diese Wahrheit gibt, aber ihre wesentliche Eigenschaft, das was ich beschreiben kann – und da bewege ich mich in diesem Paradoxon – ist, daß ich sie nicht kenne, daß ihr wesentlicher Teil außerhalb meines Horizontes liegt und liegen wird, wohin ich mich auch bewege, wie ich auch fortschreite. Was nichts daran ändert, daß sie für mich stets neue Entdeckungen bereit hält – so, wie sich eben mein Horizont verschiebt. Hierzu ganz frisch noch ein Text aus meiner Sammlung:

    Mittwoch, 17. Januar 2018

    Wer nach d e r Wahrheit jagt,
    wird sie, die Unsterbliche,
    am Ende erlegen.

    Wenn wir die Wahrheit haben wollen,
    wird sie, die alles vereint,
    uns trennen.

    Nicht, weil die Wahrheit,
    die wir haben werden,
    uns trennen w i l l,

    sondern weil du dort,
    wo sie mich mit dir
    verbinden will,
    nicht bist.

    Die Wahrheit ist wie eine Quelle, aus der ich schöpfe. Und so, wie die Quelle eben nicht das Wasser ist, was ich geschöpft habe, sondern das, was aus der Tiefe dringt, so verhält es sich auch mit der Wahrheit.

    Sei herzlich gegrüßt
    Detlev

  3. Liebe freunde dieses blogs, ich will euch noch die heutige antwort von unserem freund Thorsten Weltenbuerger weiter geben. Das zeigt sehr gut die vielfalt unserer ernsthaften debatten. Ist ein bisschen laenger.

    Hallöchen,

    entschuldigt, wenn ich hier „kurz“ einwirke, aber hier wurde ich
    irgendwie ‚angetriggert‘ 🙂

    Dazu hätte ich noch eine andere Perspektive: Dieser Konflikt hängt
    auch zusammen mit einer eindimensionalen, deterministischen
    Vorstellung der Wirklichkeit. Diese Vorstellung, vulgo „Wahrheit“,
    weist jeder Beobachtung, vulgo „Fakt“, einen eindeutigen,
    unverrückbaren Platz zu – so wie wir es in der unmittelbar
    gegenständlichen Außenwelt erleben. Wenn „die Wahrheit uns vereinen“
    soll, darf es nach dieser Logik nur eine geben. Und für die müssen wir
    streiten!

    Das paßt aber nicht zu einer multidimensionalen Wirklichkeit, die
    sich aus jedem Blickwinkel wieder anders darstellen muß. Einer
    Wirklichkeit aus Wechselwirkungen, funktionalen Verflechtungen und
    Sinnzusammenhängen in Systemen, von denen wir selbst Teil, also eben
    nicht Gegen-stand sind. Wie entspannend (im Konfliktsinn) und zugleich
    spannend (im Sinne von Interesse) könnte es sein, würden wir die
    Ansichten anderer als eben dieses begreifen: verschiedene Perspektiven
    derselben Wirklichkeit. Wegweiser zu einem mehrdimensionalen,
    komplexeren Verständnis. Die Wahrheit kann uns nicht vereinen, wo wir
    nicht eins sind.

    Diese Schlußfolgerung bezüglich der ‚einen Wahrheit‘ habe ich noch nie
    verstanden.
    Das ist aus meiner Sicht aus der falschen Ableitung von Wahrheit bei
    denjenigen entstanden, die vermeintlich meinten, die
    Hüter/Verkäufer/Veräußerer derer zu sein und dabei irgendwie wesentliche
    Bestandteile davon verloren zu haben scheinen.
    Ich fand es sehr stimmig für mich, als ich von folgenden Worten las,
    deren Ursprung in China vermutet werden:
    „Es gibt meine Wahrheit, Deine Wahrheit und DIE Wahrtheit.“

    Welch eine Wohltat, oder? Aber, oh weh, auch welch eine Arbeit da noch
    für einen selbst ansteht…..
    Ach so, für mich ist es kein Widerspruch, die sog. ‚eine Wahrheit‘ und
    die ‚multidimensionale Wirklichkeit‘.

    In der Multidimensionalen Wirklichkeit, wie ich sie verstehe und in mir
    erforscht habe, gibt es dort unterschiedliche Räume – extrem verkürzt
    dargestellt, um was klarer werden zu lassen (hoffentlich ;-)) .
    In einem Raum gibt es z.B. das ’sowohl-als-auch‘, in anderen Räumen ein
    ‚Entweder-Oder‘, oder ein ‚Vergangenes‘ und ein ‚Zukünftiges‘ und den
    Raum des ‚Jetztes‘ und noch extrem viele andere Räume. Manchmal passiert
    es, dass ein Raum ein Raum eines größeren Raumes ist. So ist die
    Wahrheit des einen Raumes eventuell nur noch Teil- bzw. Halbwahrheit des
    größeren Raumes. Manche Wahrheiten eines, oder sogar mehrerer Räume,
    verlieren sich sogar, sobald die Vielräumigkeit als solche in einem
    heranreifen darf. Ich glaube, PC-Rollenspieler dürften da ein gutes
    Beispiel für sein.

    Die Aufgabe für den Wahrheitssuchenden wird es dann wohl sein, hier
    weise unterscheiden zu lernen, wie weit die bisher gefundene(n)
    Wahrheit(en) ausreich(en)t, ob sie das Maß aller Weisheit und Wahrheit
    ist, oder es dann doch noch Ergänzungen, Erweiterungen, vielleicht sogar
    völlige Erneuerung bedarf.
    Das Wesen der Wahrheit hat aus meiner Sicht bisher neben etwas
    Verbindendes, eben auch etwas Integrierendes. Das ist aus meiner Sicht
    ein extrem wichtiger BestandTeil!!!
    Und da bin ich dann auch gleich wieder bei Dir, lieber Detlev, zu Deiner
    Ergänzung, eben für ein Nebeneinander zu Deiner und den anderen schon
    dargelegten Perspektiven. Daraus erwächst aus meiner Sicht zwangsläufig
    ein Nebeneinander im ‚gegen’seitigen Respekt. Aber manchmal auch ein
    Richtig und ein Falsch, ohne dass es das Andere nicht auch als Teilstück
    in sich trägt, wenn es weiter in die Tiefe und Weite getragen wird. Im
    Sinne eines „Du liegst nicht nur allein aus meiner Sicht richtig damit,
    wenn Du bis dahin gehst, wenn Du dann in diese Richtung weitergehst
    allerdings, gilt es in Deiner Sicht was zu erweitern, denn da greift das
    für Dich bei Dir Erkannte nicht mehr…!“.
    Unio Mystica. In Lak’ech a Lak’en bzw. In Lak’ech Ala K’in bei den Mayas
    . Namaste in Indien. Unity bei manchen Esos. Nada Brahma. — ach meine
    Güte, die Welt ist voll voller Hinweise und S(ch)ichtweisen dazu und
    darauf und daraus. Diese ‚eine Wahrheit‘ hat was extrem Integrierendes
    und Verbindenes. Wohl deshalb wird ja so viel Wert von seitens der
    Herrschenden auf die Ablenkung und die Trennung gelegt, eben damit der
    Einzelne Mensch diese Verbindung nicht mehr so einfach eingehen kann.
    Oder anders: Weil viele Mensche es eventuell nicht mehr aushalten
    konnten, schufen sie sich Behilfsfelder, die ihnen dabei halfen, dies so
    nicht mehr wahrnehmen zu müssen. In diese Felder wuchsen dann Menschen
    hinein, Teile davon nennen wir heute dann Eliten.

    Wir gehen den Schlamassel der Vielfalt der Perspektiven mit den noch
    nicht ausreichendenen Filtern, Schablonen, inneren Haltungen und
    fehlendem WeisheitWissen an und hauen uns deshalb dummerweise die Köppe
    ein. Verstehen – Verständnis – Vergebung. Sich Einschwingen. Eben zuerst
    wissen, WIE wir eine Brücke zum Nächsten bauen können, BEVOR wir uns auf
    den Weg machen, diesen von was auch immer abzubringen, zu überzeugen,
    teilhaben zu lassen etc. . Wie so oft, denke ich, gestaltet da gewaltig
    die Eigeninitiative und vor allem das WIE das Ergebnis.
    Und mache ich es BEVOR, habe ich ja dann DANACH die Möglichkeit daraus
    all das noch zu lernen, was mir da fehlte. Tja, Spieglein, Spieglein an
    der Wand, wer spricht zu mir die Wahrheit, bis ich sie fand?
    Deshalb ist dieser vielfältige Kreis ja hier auch so spannend, weil man
    sich selbst und die Welt dadurch anders beschauen darf und es sich somit
    auch in den Alltag und ins Handeln übertragen lässt, wenn man/fra denn will.

    Und ein weiterer Schlüssel auf dem Weg hat sich mir in der
    Gleichzeitigkeit gezeigt. Eine multidimensionale Erweiterung des
    ‚Sowohl-als-auch‘. Eben nicht nur auf die Zeitebene ‚Jetzt‘ beschränkt.
    Auch hierbei dürfen sich Extrempaare treffen, austauschen, sich
    abgleichen und unterscheiden, und sich ihrer Ganzheit bewusst werden,
    mit Hinblick auf all das noch Fehlende und Verschüttete. Dafür bedarf es
    immer ein Gegenüber, was nicht nur das Gleiche spiegelt, sondern eben
    auch das Gegenteil und des Total-Anders- und Nichtseins.
    Das ‚innere Team‘-Modell von Schulz von Thun, Big Mind aus den
    Zen-Buddhismus etc. zeigen doch sehr genau, dass diese gleichzeitige
    Vielschichtkeit (u.a. auch versch. Perspektiven), sehr lehr- und
    erkenntnisreich sein kann.

    Diese Gleichzeitigkeit überbrückt auch den Graben zwischen dem
    (trennenden Verstand) und dem (verbindenden) liebenden Herzen. In der
    Liebe wird die Trennung aufgelöst. Im tieferen Fühlen, in einem tieferen
    Verweilzustand, entzückt die Lebenskraft im Mysterium Leben. Die
    Gleichzeitigkeit badet in der Stille, bietet Raum und Vielfalt. Keine
    Bewertungen. Keine Trennung. Alles da. Einfach so.
    Der Mensch brauch nur sein kosmisches Surfbrett nehmen und auf den
    Wellen seiner Resonanzen surfen.

    Der Befehl des Königs
    Es war einmal ein König. Der schickte seinen Feldherrn mit Soldaten los
    und befahl ihnen Folgendes: „Geht und vernichtet meine Feinde!“
    Und so zog der Feldherr mit den Soldaten los.
    Es vergingen viele Monate und keine Nachricht drang zum König. Da
    schickte er endlich einen Boten hinterher. Der sollte erkunden, was
    geschehen war.
    Als der Bote das feindliche Gebiet erreicht hatte, traf er auf ein
    Lager, aus
    dem schon von weitem das fröhliche Treiben eines Festes zu hören war.
    Gemeinsam an einem Tisch fand er dort den Feldherrn und seine Soldaten
    zusammen mit den Feinden des Königs.
    Der Bote ging zum Feldherrn seines Königs und stellte ihn zur Rede: „Was
    soll das? Du hast deinen Befehl nicht ausgeführt! Du solltest die Feinde
    vernichten. Stattdessen sitzt ihr zusammen und feiert.“
    Da sagte der Feldherr zum Boten: „Ich habe den Befehl des Königs sehr
    wohl ausgeführt. Ich habe die Feinde vernichtet – ich habe sie zu Freunden
    gemacht!“
    Verfasser unbekannt

    Die Schale der Liebe
    Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
    der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet,
    bis sie gefüllt ist.
    Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen
    Schaden weiter.
    Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch
    freigiebiger zu sein als Gott.
    Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt
    ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
    Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.
    Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
    Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
    Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
    Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle,
    wenn nicht, schone dich.
    Bernhard von Clairvaux

    All dies und mehr ist der Grund warum ich immer mal wieder bei Willi die
    Worte aufzucken lassen, wenn er meint, er müsse seine Beschränktheit
    (die wir wohl alle haben) als Ganzheit verkaufen und zudem noch die
    anderen davon (von seiner eingebildeten Ganzheit) absondern, ausgrenzen,
    beschimpfen („brauchen wir nicht“) usw. .
    Das wäre so, als würde der Fußnagel sagen, er bräuchte den blöden Finger
    nicht. Hier wiederhole ich mich nur.
    Man merkt Dir an, lieber Willi, wie Du Dich weiterhangelst, auch
    annimmst, Dich erweitern magst, zu entschlüpfen versuchst aus Deinem
    steineren Cocoon, wo schon viel aufgehämmert zu sein scheint, manche
    noch etwas behämmert ist und wird 🙂 (sorry, war jetzt nur Spaß. Das
    lag aber jetzt so nah, dass ich nicht anders konnte).

    Ich selbst bin kein Freund von menschengemachten Hierarchien. Inwieweit
    es da natürliche Hierarchien gibt, bin ich mir nicht sicher drüber, da
    ich bisher wenig Ahnung habe, wie sich Gruppenfelder in ihrer eigenen
    und zusammengewürfelten Intelligenz aus sich selbst heraus organisieren
    – will heißen, dass ich mir nicht sicher bin, ob es nicht auch Teile
    davon zu der natürlichen Ordnung, wovon Teile der Indianer zum Beispiel
    sprechen, gehört… im Sinne einer natürlichen Hierarchie.
    Auch wenn ich sehr wohl davon überzeugt bin, dass es
    Ineinanderverschachtelungen gibt, auch Felder in Feldern in Feldern
    uswusf. . Auch hier, wie fast überall, gilt es weise zu erkennen und zu
    trennen. Trennen aber um unterscheiden zu lernen, um sich
    auszudifferenzieren, um sich feiner auszubalancieren. Das, was getrennt
    wurde, wird dann wieder in anderen Mischungsverhältnissen und
    Kombinationen eingefügt und verbunden. All das, was zusammengehört, soll
    auch zusammen bleiben.
    Warum sollten wir dem Beispiel folgen in der Form einer Bad Bank eben
    auch so einen Bereich in uns zu erschaffen? Wer und was sitzt in unserem
    inneren Gefängnis? Auf der Bestrafungsinsel im Hochsicherheitstrakt? Wo
    in uns der Militärisch-industrille Komplex? Wer Frieden will, beginnt
    noch mal wo?

    Und genau hier kommen dann wieder die vielen Menschengeister und
    schrei(b)en laut: „Lasst uns, wir Guten, des Bösen Wurzeln aus den Boden
    reißen. Und schnell, sperrt die Spiegel und die Brillen weg, sonst
    glauben wir am Ende noch, dass wir nicht Teil des Ganzen Spieles sind….“

    Und hier kommt dann auch die Liebe ins Spiel. Die Kooperation ist ein
    Arm davon. Wichtig, wie überall, ist die Intention, warum und woraus wir
    handeln.
    Die Liebe überbrückt auch diverse künstlich geschaffene Polaritäten –
    ich glaube hier verortet sich dann auch das Thema der Querfront, weil
    doch viele Dinge auf gemeinsamen und ähnlichen Füßen und Boden stehen.
    Gefährlich wird es aus meiner Sicht, wie auch bei manchen spirituellen
    Traditionen, wenn es zu einem Einheitsbrei vermengt wird, was auf
    untersch. Ebenen steht. Da bedarf es aus meiner Sicht unbedingt u.a.
    noch Ausarbeitung der Ebene ‚auf gemeinsamer Augenhöhe sich treffen‘.
    Dazugehörige Offenheit, mit Weitsicht und Weisheit gekoppelt.
    Es geht _dann _vielmehr um Erweiterung und Bewusstseinswachstum und
    Wesensreifung, _statt _um Assimilation.
    Und eben auch dann, und wesentlich und elementar, um die Bereitschaft
    alte Wahrheiten in alten Räumen hinter sich zu lassen, wenn größere
    Räume das Verweilen darin obsolet machen.
    Doch diesen Kampf mögen manche nicht ausfechten, könnten sie doch für
    eine längere Verweildauer in Dunkelheit und Verwirrung festhängen, dann
    aber bewusst – das macht wohl Angst. Es ist auch emotional stabiler, im
    gewohnten Rahmen die Wirklichkeit zu betrachten, statt sich mal völlig
    geflasht von dem Neuen überwältigen zu lassen und sich dem Prozess den
    Integrierens und der (inneren) Reinigung zu widmen. Im Sinne von Dieter
    Nuhr dann in dieser Phase ‚Einfach mal die Fresse halten, wenn man keine
    Ahnung hat‘. Und sich auch nicht wohl fühlen dabei, mit viel wenig
    Ahnung viel Meinung abzusondern.
    Es auszuhalten. In der Stille verweilen. Es aus sich selbst heraus
    ordnen zu lassen. In Ruhe abzuwarten was da Neues (an Erkenntnissen und
    Erfahrungen) entstehen möchte, nein, dass ist oftmals nicht des Menschen
    Sache. Gerade dann nicht, wenn Mensch doch so massiv überzeugt ist, von
    schon genaschten Nektar der Lösung für Alle genascht zu haben. Dann gilt
    es doch eher: Zwangsernährung für Alle meine Mitgefangenen hier auf
    diesem Planeten. Es war mir eine Ehre für Euch dieses WortGericht
    gekocht zu haben 😉

    In diesem Sinne,
    weiterhin guten Appetit 🙂

    ahoi
    thorsten

    1. Oh ja, ist wirklich lang.
      Wenn es die Foristen schaffen, textlich etwas kürzer zu treten? Nicht, dass der interessierte Leser zu schnell ermüdet. 😉

      VG von Ped

  4. Liebe freunde, hier nun meine antwort an Detlev.

    Lieber Detlev,

    ja, wenn wir die Ideologie als den raum unseres denkens auffassen, in dem nur wir uns denkend bewegen koennen, und wir alle einen irgendwie anderen raum mit uns herum tragen, so endsteht folgerichtig das, was du beschreibst.

    Wenn wir alle irgendwie nach einer inneren balance streben, das aus unterschiedlichen momenten getrieben wird, die in uns wirken, so laege doch eigentlich die kooperation nahe unter der bedingung, dass diese momente auf zumindest aehnlichen gruenden ruhen.

    Und genau da gibt es einen bruch. Vereinfachend zunaechst als polaritaet. Jene, die bereit sind, hierfuer die eigene verantwortung anzunehmen, um durch ihr tun und wirken die bedingungen der inneren balance entstehen zu lassen und jene, die diesen akt auf andere verlagern. Andere zur loesung ihrer eigenen subjektiv individuellen interessen zu gebrauchen.

    Ist die zeichnung dieses bruchs, der ja nicht scharf verlaeuft, eine spekulation? Wirkt er entlastend fuer uns, wenn wir damit einen grundkonflikt der menschlichen spezie kennzeichnen?

    Wenn wir den analysen von Karl Marx und all jenen, auf die er sich bezog, folgen, dann ist dieser bruch der die geschichte beschreibende akt in beliebiger form. Und wenn wir uns diesem bruch entziehen, ihn nicht als determinant fuer das geschehen behandeln wollen, was bleibt dann? Wie wollen wir alle formen der entstehung feudal elitaerer strukturen erkennen? Wie die spezifische ausbildung der geldsysteme erklaeren?

    Wenn wir diesen bruch akzeptieren, der ja nie scharf sich zeichnet, dann gibt es einen grossen uebergangsbereich, wo wir auf der einen seite stehen und auf der anderen seite wirken koennen. Das nenne ich vereinfachend das problem der mittelklasse auch wenn es natuerlich sich darueber hinaus ausdehnt.

    Mir geht es vor allem darum, darauf hinzuweisen, dass da mehr ist als nur, was in unserem denken sich abspielt. Dass unser denken nicht in einem freien raum sich entfaltet, sondern dieser raum durch unser konkretes Sein bestimmt wird, auch wenn sich dies manchmal scheinbar verselbstaendigen sollte.

    Peter macht zur grundlage seiner reflektiven gedanken den Wunsch nach Frieden, innen und aussen, und nicht zeitlich temporaer. Das ist belastbar, tragend, weil es in alle sphaeren unserer wirklichkeit hinein greift. Die loesung ist die kooperation als universales prinzip.

    mit lieben gruessen, willi
    Asuncion, Paraguay

  5. Liebe freunde, und hier nun 2 antworten von unserem freund Detlev aus dem diskurs-kreis:

    Halleluja,
    Vernunft faßt Fuß.

    Detlev

    Hallo an alle, auch an Peter Frey, wenn er dies liest,

    es ist für mich verblüffend, die eigenen Gedanken in den Worten und Bildern eines anderen wahrzunehmen. Das kommt nicht oft vor. Dennoch ein paar ergänzende kritische Anmerkungen:

    Es liegt nahe, anzunehmen, daß die Linken den Widerspruch ihrer Haltungen verdrängen, sich der Wahrnehmung aktiv entziehen. Ich halte es aber genauso für möglich, daß sie diesen der Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit zuordnen und als einen quasi äußeren, unvermeidlichen hinnehmen und nicht mehr in Frage stellen – nach dem Motto: „Eigentlich paßt das nicht zusammen, aber so einfach ist die Wirklichkeit nun mal nicht.“ Es ist ja „klar“, daß man Nazis und Massenmörder nicht tolerieren darf, auch wenn man an und für sich tolerant ist. Um das also zu verstehen, muß man wohl noch etwas weiter fassen.

    „Denn an diesem Punkt beginnt er; der eigentlich notwendige Kampf. Das ist nämlich der, welcher der eigenen Dissonanz entspringt, dem Konflikt des Bequemen, des Hingenommenen, das mit der erlebten Wirklichkeit in Widerspruch gerät. Diesen Kampf kann jeder Mensch mit sich selbst und um sich selbst, um seiner eigenen Selbstachtung willen führen. Aber genau dieser Kampf wird auf Biegen und Brechen vermieden – in dem man ihn nach außen trägt.“

    Dazu hätte ich noch eine andere Perspektive: Dieser Konflikt hängt auch zusammen mit einer eindimensionalen, deterministischen Vorstellung der Wirklichkeit. Diese Vorstellung, vulgo „Wahrheit“, weist jeder Beobachtung, vulgo „Fakt“, einen eindeutigen, unverrückbaren Platz zu – so wie wir es in der unmittelbar gegenständlichen Außenwelt erleben. Wenn „die Wahrheit uns vereinen“ soll, darf es nach dieser Logik nur eine geben. Und für die müssen wir streiten!

    Das paßt aber nicht zu einer multidimensionalen Wirklichkeit, die sich aus jedem Blickwinkel wieder anders darstellen muß. Einer Wirklichkeit aus Wechselwirkungen, funktionalen Verflechtungen und Sinnzusammenhängen in Systemen, von denen wir selbst Teil, also eben nicht Gegen-stand sind. Wie entspannend (im Konfliktsinn) und zugleich spannend (im Sinne von Interesse) könnte es sein, würden wir die Ansichten anderer als eben dieses begreifen: verschiedene Perspektiven derselben Wirklichkeit. Wegweiser zu einem mehrdimensionalen, komplexeren Verständnis. Die Wahrheit kann uns nicht vereinen, wo wir nicht eins sind.

    Den Begriff „Querfront“ würde ich gar nicht adaptieren wollen. Was soll das eigentlich sein, eine Front quer zur Front? So etwas ähnliches wie eine „Zentralflanke“? Wenn wir von den konflikt- und gewaltaffinen Vorstellungen wegkommen wollen, sollten wir vielleicht eher Bilder verwenden wie „Brücken“ oder „Hände reichen“ oder „Kooperation“ statt „Bündnis“.

    Noch an Willi: Was er unter ‚Ideologie‘ versteht, hat Peter eigentlich gut beschrieben. Und es deckt sich mit dem Begriff, der sich weitgehend etabliert hat. Vielleicht solltest eher du nach einem anderen Wort suchen für das, was du damit verbindest. Hier über die „richtige“ Verwendung des Begriffes zu streiten, führt eher zu einer Verunklärung der Aussagen. Von der Wortbildung her kann Ideo-logie genauso die Lehre der Ideen, der Weltanschauungen, wie auch die einer einzelnen, speziellen solchen sein. Wenn ich davon ausgehe, daß es eigentlich so viele Weltanschauungen gibt, wie Menschen, würde ich den Begriff doch eher in dem allgemein üblichen Sinn verwenden. Ich wüßte jedenfalls nicht, warum ich aus der Beschreibung unfaßbar vieler Weltanschauungen jetzt eine Wissenschaft machen sollte. Das nur nebenbei.

    Mit dankbaren Grüßen
    Detlev

  6. Liebe freunde in diesem blog,
    Peter Frey hat mich eingeladen, die diskussion um diesen text in unserem „Kreis der freien DenkerInnen“ hier weiter zu geben.

    Der ganz normale Krieg
    Peter Frey, 13.1.2018
    https://www.rubikon.news/artikel/der-ganz-normale-krieg

    Liebe freunde,

    Peter Frey, der den blog http://www.peds-ansichten.de betreibt, den ich auch immer im BCC adressiere, um ihn nicht zu ueberlasten, hat sich in diesem text von den konkreten details der differenzen entfernt und fragt, wie ein Frieden in uns und mit uns lebbar ist. Sehr aehnlich agiert auch unser freund Thorsten Weltenbuerger, der den spirituellen spuren folgt, die die vereinigung vor die trennung stellen.

    Peter konzentriert es auf seine aussage, dass er sich bewusst fuer die „Quer-front“ ausspricht. Die grosse gemeinschaft fuer fundamentale prinzipien. Das ist auch jenes, dem ich streng folge und das sich in unserem kreis als grundlegend heraus kristallisiert hat.

    In Latein Amerika kenne ich es von der „Frente Amplio“, der breiten Front, in verschiedenen regionen. Auch da nicht zu verstehen als eine kampffront, sondern als eine bewegung fuer „das gute Leben“ aller. An die stelle von abgrenzungen tritt das suchen nach dem gemeinsamen auf der grundlage universaler prinzipien.

    Woher diese universalen prinzipien wir erhalten haben, ist nicht wichtig. Wir erkennen ihre universalitaet in der kommunikation, im austausch ueber unsere zukunft. Das „Sumak Kawsay“, das gute Leben fuer alle in harmonie mit der natur, ist eines dieser universalen prinzipien, das die menschen aus weit entfernten regionen vereint. Und es ist eben nicht nur ueber abstrakte theoreme erkennbar, sondern in jeder konkreten lokalitaet sofort spuerbar.

    Im text von Peter erlebe ich nur eine einzige innere abwehr. Dann, wenn er von „Ideologie“ spricht. Ich ersetze es mit denk-mustern, mit modellbildungen. Weil Ideologie ist der raum unseres denkens, sind unsere wertsysteme. Also auch das denken um „den ewigen frieden“, in und um uns, bewegt sich in diesem raum. Nur er steht uns zur verfuegung. Wenn wir ideologiefrei fuer uns in anspruch nehmen, dann heisst das denkfrei. Aber dann haben wir nichts mehr ausser instinktiver bewegungsprozesse. Ich vermute, dass Peter dies nicht im auge hat.

    Thorsten sagt, wir muessen unser denken erweitern. Und eigentlich sagen wir es doch alle. Die tabuzonen aufloesen, die zaeune um die sperrgebiete einreissen. Den unendlichen moeglichkeitsraum begehen und erkunden.

    An dem geschehen um und herum der preisverleihung fuer Ken Jebsen koennen wir sehen, wie schwach die inneren persoenlichkeiten vieler akteure eigentlich ist. Wie wenig sie in sich selbst ruhen und aus diesem fundament heraus nicht wirken koennen. So bleibt ihnen nur das angreifen anderer.

    Kinder, die viel mit gewalt konfrontiert werden, sei es offen oder verdeckt, agieren schnell aggressiv. Andere tierarten auch. Der innere frieden kehrt ein, wenn wir uns geborgen und sicher fuehlen. Das zentrale thema fuer den psychologen Alfred Adler.

    All unser tun muss sich auf diese vorraussetzungen konzentrieren. Wir brauchen die stabilen materiellen lebensgrundlagen fuer alle menschen an allen orten auf unserem planeten. Dann ist auch der globale frieden leicht zu erreichen. Auch „der ewige Frieden“ von Immanuel Kant, allerdings wohl ohne das konzept der repraesentation, dem er anhing.

    Hugo Chavez hat zum schluss seines lebens seine reden mit dem dreimaligen „Unidad“ beendet. Die Geschlossenheit, das vereint sein. Aber das reicht nicht. Die geschlossenheit kann nur auf gemeinsamen prinzipien ruhen. Und sie sind nur universal, wenn sie fuer alle menschen gelten.

    Ich denke, dass wir uns um geschlossenheit keine gedanken machen muessen, wie wir es bei den parteien erleben. Sie entsteht von selbst, wenn die bedingungen dafuer existieren.

    Schwierig wird es noch mit unseren partikularen interessen, die auch partikular individuelle prinzipien folgen lassen. Wir wissen alle darum, wie sehr wir damit kaempfen. Fuer mich ist es eine frage der visionen und perspektiven. Dann koennen sich die „kleinen geister“ aufloesen, weil sich die „grossen geister“ ausbreiten.

    mit grossem dank an Peter und mit lieben gruessen, willi
    Asuncion, Paraguay

  7. Ganz phantastisch lieber Ped, genau so einen Artikel brauchen wir für 2018, ich werde ihn jedem empfehlen! Das klärt auf, macht Mut, hilft!

    Danke!

  8. ja links …
    ist ja interessant, wer aller LINKS zu sein beansprucht. Braucht´s wirklich nur ein paar „linke“ Sprüche und rote Fahnen, um links zu sein?
    „Mit der roten Fahne gegen den Sozialismus kämpfen“ hieß es einst in China, wo selbiger Zustand mittlerweile auch eingetreten ist:-)
    Könnte vielleicht einmal jemand sagen, was „links“ ist/sein soll?
    Ich gehe mal davon aus, dass sich keiner das getraut aus Angst, dass die ganzen „Linken“ über ihn herfallen:-)

  9. Lieber Ped,
    ich verstehe deinen text nicht und weiss auch nicht, was du damit sagen willst. Und jetzt etwas konkret. Deine erzaehlung und schlussfolgerungen zur Verleihung des Karls-Preises steht fuer mich im voelligen gegensatz zu den berichten der NRhZ und deren videos.
    mit lieben gruessen, willi

    1. Deine Irritation kann ich gut verstehen, Willi.
      Es geht mir dabei auch gar nicht um die Verleihung des Karls-Preises an sich (sehr schöne Laudatio), sondern um das, was um ihn herum geschah. Erinnere Dich an meine Replik (per Mail), als es um die Davidsson – Atzmon – Kontroverse ging. Das sind Symptome des kleinen Krieges (Parteinahme, persönliche Angriffe etc.). Mein Vorschlag: Lass es mal „sacken“ (so habe ich es auch getan, bevor ich den Text schrieb).
      Dir gute Tage!

      Liebe Grüße, Ped

      PS: Dass ich mich mit meiner Kritik NICHT explizit auf die Veranstaltung im Babylon, einschließlich ihrer Besucher beziehe, habe ich nochmal im Text kenntlich gemacht (a3). Danke Willi.

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