Georg Schramm, Warren Buffet und ein Kapitel Psychologie

Georg Schramm ist für seine bissige Gesellschaftskritik bekannt. Das hängt auch mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit zusammen, so souverän mit Sprache um zu gehen. Gern benutzt er auch Zitate, um sein Anliegen zu untermauern. Durch ihn hat ein Zitat schon fast Kultstatus erreicht und wird von den Menschen fleißig weiter gereicht – unvoreingenommen?


Sprache ist so wertvoll. Wir sollten sie mehr achten und uns darin üben, sie richtig zu gebrauchen. Georg Schramm zeigt, wie das gehen kann und für diejenigen, denen er noch nicht so geläufig ist, ist es sicher interessant, ihn mal in Bild und Ton zu erleben und damit kommen wir auch gleich zu DEM Zitat. Aber schauen Sie sich ruhig vollständig den Ausschnitt seines (insgesamt 25-minütigen) Vortrages an, den er 2014 bei einer Veranstaltung der GLS-Bank hielt:

Georg Schramm ist übrigens selbst Mitglied der GLS-Bank [1]; einer besonderen Bank. GLS steht für Leihen und Schenken, aber schauen Sie selbst mal auf die Webseite der GLS-Bank, um sich zu informieren. Kommen wir nun zum Zitat, dass im Video gleich am Anfang aufgeführt wird:

“Es herrscht Klassenkampf, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.” [2]

Schramm hat auch gleich die Quelle mit gegeben, es ist die New York Times (NYT), der gegenüber sich Warren Buffet im Jahre 2006 in dieser Weise geäußert hatte.

Nun, was gibt es dazu eigentlich noch zu sagen? Warren Buffet ist Milliardär und mit der Arroganz der Besitzenden, im Bewusstsein intellektueller Überlegenheit der herrschenden Klasse über die ungebildete und daher nicht Vermögen besitzende Masse der Menschen, bringt er diese Worte hervor; anmaßend und moralisch widerwärtig. Oder etwa nicht?

???

Können Sie sich vorstellen, dass wenn Sie jetzt ähnlich gedacht haben, dass Sie damit in eine ideologische Falle gestolpert sind? Was Sie gerade gelesen haben, ist übrigens eine Wertung – und eine eindeutige moralische Verurteilung. Das “gelingt” uns nur, wenn wir zuvor konditioniert wurden und nun über einen bewusst oder unbewusst gesetzten Trigger unsere Emotionen angesprochen werden. Sie mögen in diesem Falle glauben, über das Problem nachgedacht zu haben, die Quelle der wertenden Entscheidung kam jedoch eindeutig aus dem emotionalen Zentrum des Unterbewussten.

Dieser Emotion kann man nicht entgehen – aber man kann sie reflektieren! Man kann sich also bewusst damit auseinander setzen, warum man emotional so reagierte. Unsere Psyche benötigt Emotionen, um im Leben zurecht zu kommen und Alltagsentscheidungen treffen zu können. Das ist ein Überlebensmechanismus. Nur kann er leider auch missbraucht werden. Das geht besonders dann gut, wenn wir auf Kampf (im Geiste beginnend) trainiert wurden. Kampf der nicht gegen sich selbst geführt wird, hat zuvor immer ein Feindbild ausgemacht.

Und hier ist das Feindbild die Klasse der Reichen. Über dieses Feindbild verschafft sich der Träger auch die Legitimation, mit den Menschen die er dem Feindbild zuordnet anders umgehen zu dürfen als mit “normalen” Menschen. Ja er fühlt sich sogar in der (moralisch-ethischen) Pflicht, es tun zu müssen. Wenn wir in Feindbildern denken, sind wir im Krieg und müssen dafür immer auf der Hut sein. Im Dauerstress klopfen wir also unsere Umgebung nach Gefährdern ab, immer bereit sofort zurück zu schlagen. Alles das beginnt auf der geistigen (unterbewussten, emotionalen) Ebene.

Es ist nur logisch, dass uns in einer solchen psychischen Situation, gestresst durch den geistigen Kampfmodus, eine Differenzierung, Abwägung, ein Bemühen um Empathie, also ein wirkliches Verstehen des Anderen niemals gelingen kann! Solange wir im Krieg sind, werden wir kämpfen. Aber warum sind wir im Krieg?

weil wir Opfer und dadurch Träger von Propaganda sind

Propaganda ist der Krieg mit den Köpfen, der Krieg in den Köpfen. Und das Fatale ist, dass damit eine Art Zombifizierung einher geht, die uns selbst Propaganda verbreiten lässt.

Dabei ist Propaganda der Transmitter, um eine Ideologie unter die Menschen zu bringen. Ohne Propaganda können Gedanken von Menschen nicht zu einer Ideologie reifen, in der dann viele Menschen die Kopie der ursprünglichen Gedanken in sich tragen. Und diese gewaltsame Vereinnahmung tut dem Kopf überhaupt nicht weh. Vorerst. Doch rasch äußern sich die “Schmerzen” auf besondere Weise. Denn wir verlieren die Fähigkeit, zu kommunizieren, anderen zuzuhören, zu reflektieren. Dafür sind wir viel mehr bestrebt, entweder die Ideologie aktiv zu leben, im Bewusstsein von Macht oder sie aber gefügig hinzunehmen, gestützt von unserer Bequemlichkeit.

Das hat zur Folge, dass wir uns nur noch dort wohl fühlen, wo die Meinung der Gruppe auch der unseren entspricht. Wir verlernen, Konflikte auf konstruktive und kollektive Weise zu lösen. Wir vereinsamen und sind unglaublich gut lenkbar, benutzbar, weil es genug Machtbewusste gibt, die das für sich ausnutzen.

In Bezug auf die Verurteilung von Menschen sehe ich eine Parallele zu einem Beitrag aus dem Vorjahr. Damals ging es um das Giftgas von Ghouta (im Syrien des Jahres 2013) und ob man, abhängig davon, in wie weit die Regierung Assad dies zu verantworten hätte oder nicht, eine Verurteilung und Strafmaßnahmen umsetzen dürfe. Dort beschrieb ich auch, wie subtil und unauffällig wir von der Propaganda erfasst werden, um dann im Sinne der Initiatoren zu handeln und dabei zu glauben, unser freier Wille würde unsere Haltung bestimmen. Was ich dort als Schlussfolgerung aus der Analyse beschrieb, begreife ich als ein universelles Prinzip beim Umgang der Menschen miteinander. Und da schließe ich Warren Buffet selbstredend nicht aus!

Egal was und in welchem Kontext Buffet etwas gesagt hat, lasse ich auch diesen Mann nicht als Feindbild zu. Denn habe ich das Feindbild Buffet, interessiert mich der Kontext nicht mehr, denn den habe ich dann bereits fest verdrahtet im Kopf; ich weiß es doch schon und deshalb habe ich auch sofort die Antworten aus der Schublade parat. Das ist das Problem. Die Suche nach Erkenntnis endet und man wird zum Dogmatiker, starr und blind für nicht in das Weltbild Passendes.

Aber gut, schauen wir hinter Warren Buffets Spruch, wird die Welt schon ein wenig größer und interessanter. Und außerdem tritt der Mensch in Erscheinung.

Buffets Interview bei der New York Times

Ausdrücklich weise ich darauf hin, dass es mir nicht darum geht, Warren Buffet “rein zu waschen”, ihn zu entschuldigen. Es gibt da nichts zu richten und nichts zu entschuldigen. Buffet ist ein Kind des Systems, was wir alle verinnerlicht haben und viele Menschen haben nicht den Mut sich zu gestehen, dass sie in der gleichen Rolle, in der gleichen gesellschaftlichen Position ähnlich handeln würden. Wir müssen lernen, zu verstehen, zu differenzieren. Erst dann sind wir überhaupt in der Lage, konstruktive Lösungen zu entwickeln. Das ist bisher nicht der Fall!

Im November 2006 sprach der Anwalt und Journalist Ben Stein mit Warren Buffet. Das Gespräch war eher locker und entwickelte seine eigene Dramaturgie und kam auf das Thema Steuern zu sprechen und Buffet sagte:

“[…] the rich pay a lot of taxes as a total percentage of taxes collected, but they don’t pay a lot of taxes as a percentage of what they can afford to pay, or as a percentage of what the government needs to close the deficit gap.” [3]

“[…] die Reichen zahlen zwar eine Menge Steuern in Bezug auf die Gesamtsumme der Steuereinnahmen, aber sie zahlen wenig Steuern in Bezug auf ihr Vermögen, Steuern zu zahlen, bzw. wenig in Bezug auf das, was die Regierung benötigte, um ihr [Haushalts]defizit zu schließen.” [PA]

Das ist eine klare nüchterne Analyse des Milliardärs in Bezug auf die Steuerlasten (nicht nur) in den USA. Und er belegte das gegenüber dem Journalisten, in dem er ihm eine Auflistung von Mitarbeitern seines Unternehmens und deren Steuerverpflichtungen wie Aufwendungen zur sozialen Fürsorge und medizinischen Betreuung zeigte.

Der Journalist begriff, dass Buffet im Vergleich zu seinen Mitarbeitern prozentual viel, viel, viel weniger Steuern zahlte. Und erfuhr, dass Buffet keinesfalls Leute beauftragt, Steuer-“Optimierungen” zu erarbeiten. Er zahlt einfach das, was die US-amerikanischen Steuergesetze vorschreiben und er erwiderte auf die ausgesprochene Erkenntnis von Ben Stein:

“How can this be fair? […] How can this be right.” [4]

“Wie kann das fair sein? Wie kann das gerecht sein?” [PA]

Ben Stein berichtet nun weiter:

“Even though I agreed with him, I warned that whenever someone tried to raise the issue, he or she was accused of fomenting class warfare.” [5]

“Zwar stimmte ich ihm zu, wies aber darauf hin, dass jedem, der dieses Problem zur Sprache bringen würde, vorgeworfen würde, einen Klassenkampf zu entfachen.” [PA]

worauf Buffet offenbar recht emotional erwiderte, dass es diesen Klassenkampf aber doch schon gäbe – und da kommt “unser” bekanntes Zitat:

“There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.” [6]

“Es herrscht Klassenkampf, völlig richtig, aber es ist meine Klasse, die reiche Klasse, die Krieg führt, und wir gewinnen.” [PA]

Es stellt sich heraus, dass Buffet die ungerechte Verteilung der Lasten für die Gesellschaft sehr kritisch sieht.

Und das als Milliardär?

Hallo? Warum nicht?

Geflügelte Worte

Diese kritische Sicht hat Warren Buffet im Verlaufe der letzten Jahre immer wieder geäußert, sodass von einem “Ausrutscher” im Gespräch mit dem NYT-Journalisten nicht auszugehen ist. Wir sehen schon eine klare Haltung, in all ihrer Widersprüchlichkeit, denn in den 15 Jahren ist auch das Vermögen von Warren Buffet um 40 Milliarden US-Dollar angewachsen.

Reich geworden ist Buffet mit der Investment-Gesellschaft Berkshire Hathaway Inc. Ihr Geschäftsbericht für das Jahr 2003 [7] wies schon damals auf den “Krieg von reich gegen arm” hin, denn dort drin steht u.a. das hier:

“Ich kann verstehen, warum das Finanzministerium nun frustriert und empört ist über die Großunternehmen in den USA. Aber es sollte Abhilfe bei der Regierung suchen, nicht bei Berkshire.

Die Unternehmenssteuern in Fiskaljahr 2003 beliefen sich auf 7,4% aller Steuereinnahmen des Bundes nach einem Nachkriegshöchststand von 32% im Jahre 1952. Mit einer Ausnahme (1983), war der Prozentsatz des letzten Jahres der niedrigste seit Beginn seiner Veröffentlichungen im Jahre 1934.

Dennoch waren die Steuersätze für Unternehmen (und für ihre Investoren, besonders die Großinvstoren) ein Hauptgegenstand der Regierungsinitiativen in 2002 und 2003. Wenn es in den USA einen Klassenkampf gibt, wird er eindeutig von meiner Klasse gewonnen. Heute zahlen viele große Unternehmen – deren agile Vorstandsvorsitzende Ihren Unternehmenschef wie einen Tolpatsch erscheinen lassen – nicht im entferntesten den föderalen Steuersatz von 35%.

Im Jahr 1985 zahlte Berkshire 132 Millionen Dollar an föderaler Einkommensteuer, und alle Unternehmen zusammen zahlten 61 Milliarden Dollar. Die vergleichbaren Beträge in 1995 waren 286 Millionen Dollar bzw. 157 Milliarden Dollar. Und, wie gesagt, werden wir 3,3 Milliarden Dollar für das Jahr 2003 zahlen, ein Jahr, in dem alle Gesellschaften zusammen 132 Milliarden zahlten. Wir hoffen, dass unsere Steuern in Zukunft weiter steigen werden – was ein Zeichen für unsere Prosperität wäre – aber wir hoffen auch, dass der Rest der US-Unternehmen uns darin nicht nachsteht.” [8]

Das bedeutet, dass Buffets Unternehmen in jenem Jahr allein 2,5 Prozent aller Unternehmenssteuern zahlte. Zwei Jahre später äußerte sich Warren Buffet in einem Interview mit CNN [9][10]:

LOU DOBBS: “…Die Kongress-Behörde für den Staatshaushalt… hat eine Untersuchung [durchgeführt], wonach sich das Defizit unserer Sozialversicherung im Laufe von 75 Jahren nur 0,4 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes beläuft – im Gegensatz zu anderen großen Defizit-Prozentsätzen, die im Zusammenhang stehen mit Handel und Haushaltsdefizit. Haben Sie … eine schnelle Antwort zur Sozialversicherung?”

BUFFETT: Ich persönlich würde die Beitragsbemessungsgrenze über die derzeit 90.000 Dollar [jährlich] anheben. Ich zahle sehr wenig Sozialversicherungsabgaben, weil ich sehr viel mehr verdiene als 90.000 Dollar. Und die Leute in meinem Büro zahlen die vollen Abgaben. Wir heben bereits das Rentenalter ein wenig an. Und ich würde die Bedürftigkeitsprüfung… Ich erhalte jeden Monat einen [Sozialrenten-]Scheck über 1.700 oder 1.900 Dollar oder so. Ich bin 74. Und ich kassiere ihn. Aber ich werde auch ohne ihn satt.”

DOBBS: “Sie werden auch ohne ihn satt. So geht es buchstäblich auch mehr als einer Million anderen Amerikanern. Bedürftigkeitsprüfung, Steuererhöhungen, Lohnsteuern und Sozialversicherungsabgaben. Im Jahre 1983 hatte der US-Notenbankchef Alan Greenspan eine sehr einfache Idee: Erhöht die Steuern. Das sagen [auch] Sie gerade hier.”

Buffett: “Ja sicher. Aber ich würde nicht die die zwölfkommasoundsoviel Prozent Lohnsteuer anheben, ich würde die Beitragsbemessungsgrenze über 90.000 Dollar hinaus anheben.”

DOBBS: “Das ist eine progressive Idee. In anderen Worten: Die Reichen würden mehr zahlen?”

BUFFET: “Klar. Den Reichen geht es so gut in diesem Land. Ich meine, wir hatten es nie so gut.”

DOBBS: “Was für eine radikale Idee.”

BUFFETT: Es herrscht Klassenkampf und meine Klasse gewinnt, aber sie sollte es nicht.”

DOBBS: “Genau. Ihre Klasse, wie Sie es nennen, gewinnt bei der Erbschaftsteuer, aber Sie lehnen das ab, wie ich weiß. Ich weiß nicht, wie Ihr Sohn Howard das findet, aber ich weiß, dass Sie das ablehnen. In derselben Woche wurde vom Parlament das Gesetz über die [Aussetzung der] Erbschaftsteuer verabschiedet… Was ist los in diesem Land?”

BUFFETT: “Die Reichen gewinnen. Nehmen Sie nur die Erbschaftsteuer: Weniger als 2 Prozent aller Nachlässe sind überhaupt erbschaftsteuerpflichtig. Etliche Millionen Menschen sterben jedes Jahr, nur etwa 40.000 Nachlässe werden besteuert. Wir erheben etwa 30 Milliarden Dollar aus der Erbschaftsteuer. Und, wissen Sie, ich würde gern von den Kongressabgeordneten hören, wo sie die 30 Milliarden Doller hernehmen wollen, wenn sie sie nicht aus der Erbschaftsteuer bekommen. Wissen Sie, es ist nett zu sagen: Beseitigt diese Steuer. Aber wir haben ein riesiges Defizit. Also wer soll die 30 Milliarden Dollar bezahlen?…”

DOBBS: “Trotz allem hören wir von den Runden Tischen der Geschäftswelt, von der US-Handelskammer das Gejammere, dass es so drückend und schwierig sei, die Gesetze zu befolgen und die Vorschriften einzuhalten. Was halten Sie davon?”

BUFFETT: “Nun, gerade jetzt sind die Gewinne der Großunternehmen als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes auf einem Höhepunkt angelangt. Die Steuern der Großunternehmen als Prozentsatz der Gesamtsteuereinnahmen sind fast am tiefsten Punkt.”

DOBBS: “Sie meinen das historisch.”

BUFFETT: “Ja, historisch. Also wissen Sie, die US-Großunternehmen leiden nicht – so will ich das einmal ausdrücken…”

[Übers. www.rossaepfel-exkurse.de]

In diesem Interview finden Sie auch einen Ausspruch, der gern mit dem des NYT-Interviews ein Jahr später vermischt wird. Wenn wir Sorgfalt in der Analyse vermissen lassen und dann zusätzlich nur aus dem Bauch heraus reagieren, also unsere unterbewusst stimulierten Emotionen sprechen lassen, können wir sehr rasch anderen Menschen Unrecht tun. Man hat Georg Schramm vorgeworfen, das Zitat unvollständig, also selektiv vorgetragen zu haben. Das ist falsch.

Es herrscht Klassenkampf und meine Klasse gewinnt, aber sie sollte es nicht. [11]

Wie Sie sehen, hat Buffet diese Aussage, mit der Sequenz: “aber sie sollte es nicht” im CNN-Interview im Jahr 2005 getätigt und nicht im von Georg Schramm Zitierten. Unabhängig davon zeigt es aber noch einmal deutlich, dass Buffet diesen Klassenkampf im Grunde ablehnt und ohne jeden Triumph von der bitteren Tatsache berichtet, wer in diesem Kampf derzeit auf der Siegerseite steht. Und Warren Buffet hat noch einen weiteren Terminus “erfunden”:

Finanzielle Massenvernichtungswaffen

Dieser Begriff tauchte im Geschäftsbericht 2002 seiner Investment-Gesellschaft auf und zwar in folgendem Zusammenhang:

“Der Geist der Derivate ist nun endgültig aus der Flasche, und diese Instrumente werden sich nun gewiss vermehren nach Art und Anzahl, bis irgendein Ereignis ihre verhängnisvolle Wirkung (ihre “Giftigkeit”) klar werden lässt. Zentralbanken und Regierungen haben bisher kein wirksames Mittel bereitgestellt (“gefunden”) zur Kontrolle oder wenigstens zur Überwachung der Risiken durch solche Spekulationsmittel (“Kontrakte”). Nach meiner Ansicht sind Derivate finanzielle Massenvernichtungswaffen mit Gefahren, die jetzt noch verborgen (“latent”) bleiben, aber potentiell tödlich sind. [12][13][Übers. www.rossaepfel-exkurse.de]

Derivate – Verbriefungen und Bündelungen von Wertpapieren; das ist das Casino-Geld von dem oft die Rede ist und über das die Investmentfonds-Gesellschaften mit dem Hang zu Hedgefonds erst so richtig aufblühten. Unzählige faule Immobilien-Kredite flossen in Derivate, wurden dort neu bewertet – und es wurde geglaubt. Bis es irgendwann nicht mehr geglaubt wurde und ihr Wert sich in Wohlgefallen auflöste. Das war im Jahre 2007  und die Finanzkrise nahm ihren Anfang. Der Wert von Produkten ist ein Spiegel des Glaubens.

Warren Buffet wies fünf Jahre zuvor auf die Gefahr hin.

Wohin gehört Warren Buffet?

Und nun, wo stecken wir Buffet jetzt nur hin? Einerseits ist er Unternehmer, hat ein Vermögen von Dutzenden Milliarden Dollar angehäuft, wo doch Milliarden Menschen in bitterster Armut leben und für Hungerlöhne schuften. Sein Vermögen ist in gleicher Höhe die Schuld unzähliger Menschen. [a1]

Andererseits zeigt sich sehr deutlich, dass Buffet einer der größten Kritiker des Neoliberalismus ist. Es stört ihn, dass der Staat nicht in der Lage ist, zu regulieren. Er bettelt regelrecht um höhere Unternehmenssteuern, überhaupt eine höhere Besteuerung von Vermögen.

Wir sind in der Bredouille, wir wissen nicht so recht, wo wir diesen Mann hin stecken sollen. Sehen Sie einen Ausweg? Im Rahmen eines Gesellschaftsmodells sich antagonistisch gegenüber stehender Klassen können wir das Problem für uns nicht lösen. Aber wir können ihn einfach als Menschen betrachten! Das heißt für mich nicht, dass man bei der Betrachtung unserer Gesellschaften eine Klassen-Sicht ausschließen muss, vielmehr halte ich das sogar für sehr nützlich. Aber alles auf diese Sicht zu reduzieren und damit gesellschaftliche Prozesse einzig auf simplen Klassenkampf einzudampfen, verengt das Fenster unserer möglichen Erkenntnis drastisch.

Also, was halten Sie von dem Gedanken, Warren Buffet in überhaupt keine Schublade zu stecken? Die Klasse der Reichen als Feindbild zu inhalieren, wird nicht wirklich grundlegende Veränderungen bewirken; so wie sie das auch in der Vergangenheit nicht tat. 

Gehen wir doch lieber den im Gegensatz dazu nicht ganz so trivialen Weg der gemeinsamen Suche nach konstruktiven Lösungen; mit weniger Kampf und Leid verbunden, dafür mit Selbstverwirklichung, die uns “nebenbei” etwas bringt, was wir auch dringend benötigen: glücklich sein.


Anmerkungen

[PA] Übersetzung Peds Ansichten

[a1] Da im Prinzip jedes Geld über Kredite erzeugt wird (Buchgeldschöpfung) und das über eine Bilanzverlängerung in den Büchern erfasst wird, ist das Geld als Vermögen immer auch gleichzeitig eine Schuld. Ist der Kredit getilgt, ist sowohl Vermögen als auch Schuld wieder verschwunden.

Quellen

[1] https://www.gls.de/privatkunden/ueber-die-gls-bank/die-mitgliederbank/mitgliedergeschichten/georg-schramm/

[2-6] http://www.nytimes.com/2006/11/26/business/yourmoney/26every.html?_r=1&

[7] http://www.berkshirehathaway.com/2003ar/2003ar.pdf

[8][10] http://www.rossaepfel-exkurse.de/Sammlung.htm#Warren_Buffetts_Klassenkampf-Zitate

[9][11] There are lots of loose nukes around the world; Lou Dobbs; 19.6.2005; CNN, Archiv; http://edition.cnn.com/2005/US/05/10/buffett/index.html

[12] Warren Buffet on Derivatives; 2003; http://wfhummel.net/derivatives.html; entnommen aus: Berkshire Hathaway annual report for 2002

[13] http://www.rossaepfel-exkurse.de/Sammlung.htm#Derivaten_als_finanziellen_Massenvernichtungswaffen

[Titelbild] Autor: TimHaynes; Datum: 2016-04-17; Quelle: flickr.com_Lizenz: CreativeCommons; Bearb. d. Peds Ansichten