Eine Rede von Theresa May – und ein selektiver ARD-Bericht

Die ARD lässt nicht locker und bleibt weiter auf ihrem transatlantischen propagandistischen Pfad. Ich gehe ja eigentlich davon aus, dass Sandra Ratzow auch deshalb aus Washington berichtet, um nah an der Quelle zu sein und so den Wortlaut der Rede der neuen britischen Premierministerin Theresa May kennt. Also muss man davon ausgehen, dass sie sich das Passende für ihren ARD-Bericht heraus gepickt hat.


Theresa May hielt eine Rede vor republikanischen Abgeordneten in der Metropole Philadelphia. Sie hielt diese Rede vor ihrem Treffen mit dem neuen Präsidenten der USA, Donald Trump. Zum ersten gab es hierzu einen Textbericht der Tagesschau. Achten Sie auch auf die Rechtschreibfehler!:

„Vor ihrem Treffen mit US-Präsident Donald Trump hat die britische Premierministerin Theresa May die USA vor einer zu großen Nähe zu Russland gewarnt. May sagte bei einer Rede in Philadelphia vor Abgeordneten der Republikaner, Washingtons Annäherung an Moskau müsse nach der Maßgabe erfolge: „sich einlassen, aber in Acht nehmen“. Trump hatte sich in den vergangenen Monaten wiederholt positiv über den russischen Präsidenten Wladimir Putin geäußert und für eine engere Bindungen an Russland plädiert. In seiner Republikanischen Partei rief der damit teils massive Kritik hervor.

May, die Trump als erste ausländische Regierungschefin nach dessen Amtseinführung trifft, betonte zugleich die Bedeutung internationaler Organisationen wie der NATO, den Vereinten Nationen und der Weltbank. „Die Vereinten Nationen müssen reformiert werden, aber sie bleiben grundlegend“, sagte May. Die NATO nannte sie einen Eckpfeiler der Verteidigung des Westens“.

May betonte zudem die besonderen Beziehungen der USA und Großbritannien zueinander. Für ihr Bekenntnis zur historischen „Special Relationship“ [besonderen Partnerschaft (Übers. Peds Ansichten)] zwischen beiden Ländern wurde sie von den republikanischen Abgeordneten mit stehendem Applaus bedacht.[1]

Sind sie Ihnen aufgefallen? Ich beschränke mich an dieser Stelle nur auf die krasse Selektion und biete Ihnen nun einen zweiten Bericht von May’s Rede in den USA. Und da kommen ein paar Dinge zur Sprache, die man in der ARD offensichtlich auf keinen Fall sagen darf – noch nicht sagen darf. Denn ich glaube, das wird sich ändern und eben diese Rede ist ein Signal dafür. Nun aber der zweite Bericht und achten Sie auch hier auf die Rechtschreibung:

„Bei einer Rede vor Abgeordneten der Republikaner sagte May: Die Zeit der Militärinterventionen für politische Änderungen im westlichen Sinne ist vorbei. Die britische Regierungschefin erklärte, Großbritannien wird nie wieder Militär in andere Länder entsenden, um dort Demokratie herzustellen. Sie erklärte die alte Politik ihres Landes und die der USA für gescheitert und betont, ihre Regierung wird niemals zu der alten britischen Politik zurückkehren.

In einem anderen Teil ihrer Rede warnte May die USA vor einer zu engen Bindung an Moskau und betonte die Wichtigkeit der NATO. Washingtons Annäherung an Moskau müsse nach der Maßgabe erfolge: „sich einlassen, aber in Acht nehmen“.

Trump hatte sich in den vergangenen Monaten wiederholt positiv über den russischen Präsidenten Wladimir Putin geäußert und für eine engere Bindungen an Russland plädiert. In seiner Republikanischen Partei rief er damit teils massive Kritik hervor. US-Präsident Trump trifft heute Großbritanniens Premierministerin May.“ [2]

Die Absage von Theresa May an die bislang betriebene Interventionspolitik des Westens hat der ARD-Redakteur wie auch die ARD-Angestellte Sandra Ratzow übersehen, überlesen, überhört? Die iranische Nachrichten-Plattform Pars Today, von der ich den zweiten Bericht entnahm, übersah das nicht. Nun könnten Sie argumentieren, dass die auch nur das berichtet, was ihr passt und so letztlich auch nur Propaganda betreibt.

Das wird Pars Today sicher auch öfter mal tun, es ist übrigens selbst im Kleinen manchmal gar nicht so einfach, den Verlockungen propagandistischer Tricks zu widerstehen. Aber für die Iraner lasse ich das in diesem Fall nicht gelten, denn sie berichteten auch von den anderen Themen, welche May ansprach. Pars Today hat sich für den Bericht bei der iranischen Nachrichten-Agentur IRIB bedient und wie es sich gehört, diese Sekundärquelle auch angegeben.

Aus dem Bericht der ARD ließ sich die Quelle nicht entnehmen. Dort entstand der Eindruck, der Redakteur hätte über Quellen der ARD von dem Treffen geschrieben. Hat er aber nicht. Woher ich das weiß? Haben Sie die Rechtschreibfehler in den Berichten gefunden? Es sind zwei und sie sind in beiden Berichten identisch. Daraus folgt, dass beide Berichte die selbe Primärquelle verwendeten. Und das war die dpa.

Dass Pars Today die Rechtschreibfehler auf seiner Plattform widergab, ist verständlich. Sie entnahmen ja den Text von einer deutschen Agentur, der sie auch mit Recht unterstellen können, dass diese Agentur ihre Nachrichten in einem sauberen deutsch verfasst. Hat die dpa keine Ressourcen zum Korrektur lesen? Und hat nicht einmal die ARD Ressourcen zum Korrektur lesen? Das sind für mich Qualitätsbeweise im Kleinen.

Die Primärquelle fand ich rasch, hier nur als Beispiel sei die Wirtschaftwoche (WiWo) genannt und wir brauchen uns nichts vormachen, es tut sich etwas in der Politik und es tut sich etwas in den Medien, nur bei der ARD sind die transatlantischen Bindungen dermaßen stark, dass ihre Macher den Ausbruch bislang nicht wagen. Die WiWo hat z.B. ebenfalls (wie Pars Today) den von der ARD weg gelassenen Passus zitiert, bzw. kommentiert:

„[…] Amerika und Großbritannien hätten gemeinsam die moderne Welt neu definiert, sagte May. „Die Tage, an denen Großbritannien und Amerika in souveränen Staaten intervenieren, um zu versuchen, die Welt nach ihrem Bild zu formen, sind aber vorüber“, betonte sie. Werte und Interessen müssten verteidigt werden. „Das kann aber nicht bedeuten, dass man Fehler der Vergangenheit wiederholt.““ [3]

Und noch etwas ist auffällig: Das kontinuierlich mit vielen Millionen gefütterte Kombinat „Öffentliche-Rechtliche Medien“ nutzt das knappe Statement der Nachrichtenagentur dpa für seine Berichterstattung, um dann dieses Rudiment auch noch selektiv aufzuarbeiten (was offensichtlich die einzige Herausforderung des Redakteurs war).

Der Tagesschau-Bericht (Video) von Sandra Ratzow lässt annehmen, dass sie zumindest den vollen Wortlaut der Rede gelesen oder gehört hatte. Aber auch sie unterschlug die wichtigen Passagen; die, welche Interventionen im Sinne eines Demokratie-Exports für die Zukunft verwarfen. Diese Interventionen aber standen ganz oben auf der Agenda der Transatlantiker, denen die ARD anhängt, benannt mit Orwellschen Begrifflichkeiten wie „humanitäre Interventionen“, „humanitäre Korridore“, „Responsibility to Protect“, „Flugverbotszonen“, „robuste Mandate“ usw. Auch Sandra Ratzow ist folgerichtig, eingebettet in ihre eingebettete Anstalt, von Propaganda geschädigt und hat deren Werkzeuge verinnerlicht.

Link zur vollständigen Rede (in englisch):

Der Guardian hat einen ausführlichen Bericht zur Rede gebracht, auf den sich auch Massenblätter in Deutschland beziehen (ebenfalls in englisch):

Schlussfolgerung und Nachtrag

Die ARD ist in ihrer Berichterstattung weiterhin einseitig orientiert und betreibt Propaganda im Sinne der Jahrzehnte bestehenden transatlantischen Netzwerke, in die sie fest eingebunden ist. Diese Netzwerke sind Gegner der Machtgruppe um Trump und sie sind auch Gegner der Machtgruppe um May und in der Rede der britischen Regierungs-Chefin hat sich das sehr gut dargestellt. Den etablierten Netzwerken droht Machtverlust und sie erleiden auch bereits Machtverlust. Aber sie haben nach wie vor die Medien unter Kontrolle, dazu gehören auch die deutschen Leitmedien, inklusive der Öffentlich-Rechtlichen Anstalten. Doch die Dinge sind im Fluss. Selbst im Nachrichten-Magazin Der Spiegel las man das (auch wenn eine Relativierung durch Theresa May im Nachsatz erfolgte):

„Gleichzeitig warnte die Konservative laut „Guardian“ vor einem Rückfall in die Vergangenheit und kritisierte ihre politischen Vorgänger Tony Blair (Labour) und David Cameron (Torys). Es dürfe keine Rückkehr zur gescheiterten Politik der Vergangenheit geben, in der sich Großbritannien in den Konflikten im Irak, in Afghanistan und in Libyen verheddert habe. Die USA und Großbritannien sollten niemals wieder in souveränen Staaten intervenieren, um „die Welt nach unserem Bild zu formen„. „Aber wir können es uns auch nicht leisten, untätig zu sein, wenn es eine ernsthafte Bedrohung gibt und eine Intervention in unserem Interesse liegt“, sagte sie laut dem Zeitungsbericht weiter. „Wir müssen stark, klug und sachlich sein.“ [4]

Ich meine, dass sind Signale, die Hoffnung machen. Lehnen Sie sich, liebe Leser, nun aber nicht im Sessel zurück. Es gibt im Leben immer mal sich öffnende Fenster, in denen die Chancen auf (friedliche!) gesellschaftliche Veränderungen größer sind, als zu anderen Zeiten. Ich sehe derzeit solch ein Fenster. Sie können diese Zeit nutzen. Wir hier in Deutschland, Sie und ich, wir alle haben so manche Aufgabe, die es sich lohnt anzugehen, am Besten noch heute, zum Nutzen aller. Es gibt da schon ein paar Dinge, die wir anpacken können, um so der „großen Politik“ etwas unter die Arme zu greifen, z.B. in unserem Umgang miteinander:

oder in unserem Konsumdenken:


Quellen

[1] 27.1.2017; https://www.tagesschau.de/ausland/may-usa-besuch-103.html

[2] 27.1.2017; http://parstoday.com/de/news/world-i23027-britische_regierungschefin_may_kritisiert_westliche_einmischung_in_angelegenheiten_anderer_l%C3%A4nder

[3] 27.1.2017; http://www.wiwo.de/politik/ausland/may-zu-gast-in-washintgon-premierministerin-wirbt-fuer-freihandelsabkommen/19312748.html

[4] http://www.spiegel.de/politik/ausland/theresa-may-ueber-beziehung-zu-donald-trump-gegensaetze-ziehen-sich-an-a-1131931.html

Titelbild:

[Titelbild] Autor: TimHaynes; Datum: 2016-04-17; Quelle: flickr.com_Lizenz: CreativeCommons; Bearb. d. Peds Ansichten

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Ein Kommentar zu Eine Rede von Theresa May – und ein selektiver ARD-Bericht

  1. Conrath sagt:

    @Ped

    Vielen Dank für Ihre Analyse.

    Das Renommee der Qualitätsmedien befindet sich im freien Fall und das Medienkombinat der ‚Öffentlich Rechtlichen‘ ist gleich mehreren veränderten Bedingungen ausgesetzt:

    a) Langfristiger Verlust der Deutungshoheit und der Kontrolle des Informationsinputs
    b) Inhaltliche Totalkritik durch zunehmende GEZ-Steuer Verweigerung
    c) Verlust der Meinungspluralität im Bereich der Kernanliegen der Transatlantiker
    d) Regionalisierung der Inhalte, da wichtige internationale Vorgänge nicht mehr nach den Interessen der Transatlantiker selektiert werden können, vergleichbar den DDR-Nachrichten
    e) Politischer Umbruch, ein heißer Herbst 2017, bis dahin hat Trump die Vormacht der Transatlantiker gebrochen, bis nach Deutschland hinein

    Warten wir’s ab und tragen das uns mögliche kräftig bei.

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