Türkische Gratwanderungen (2)

Im Sommer 2016 versuchte das Militär in der Türkei die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Von einer Verstrickung westlicher Geheimdienste in diesen Coup muss dabei ausgegangen werden. Warum jedoch war es in ihrem Sinne, dass die Armee putschte? Hatte es mit der bemerkenswert radikalen Veränderung türkischer Politik in den Monaten zuvor zu tun? Insbesondere mit der ostentativen Hinwendung zu Russland? Wer und warum wollte Erdogan’s Politik beenden? Arbeiten wir uns im Folgenden weiter an das Verstehen der Konflikte im Nahen Osten, insbesondere in Bezug auf die Involvierung der Türkei in diese, heran. Und da muss der Blick zwangsläufig auch wieder auf Syrien fallen.


Der mörderische Krieg dort hatte bis zum Jahr 2015 über 250.000 Menschen das Leben gekostet. In den ersten sechs Monaten waren den unterschiedlichen terroristischen Gruppierungen, vor allem denen des Islamischen Staates (IS bzw. Daesh) und der Al-Nusra-Front erhebliche Gebietsgewinne in vielen Teilen Syriens gelungen. [1][2] Nicht nur für die syrische Armee ergab sich dadurch eine kritische Situation. [3] Die Fronten rückten nun den russischen Militärstützpunkten im westlichen Syrien bedrohlich nahe; der Marinebasis Tartus, mehr aber noch der Fliegerbasis Hmeimim [4] südlich Latakias am internationalen Flughafen. Von dort aus sind es gerade mal 80 km bis zur türkischen Grenze.

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In den Turkmenen-Bergen im Norden der Provinz Latakia hatten die Rebellen den Grenzstreifen zur Türkei eingenommen. Östlich davon hatten die Terrorbrigaden des al-Qaida – Ablegers Al-Nusra fast die gesamte Provinz Idlib besetzt. [5][6] Versuchen wir im Folgenden zu verstehen, warum diese Situation zu einem Konflikt zwischen Russland und der Türkei führen würde. Um das tun zu können, vermeide ich im Folgenden, so weit mir möglich, ethisch-moralische und damit Partei nehmende Bewertungen und versuche die Sicht der Akteure nach zu vollziehen.

Die Türkei – eine fragile Regionalmacht

Welche Aspekte spielen nun also eine Rolle? Im ersten Artikel zum Thema wurde bereits ein Spannungsfeld aus türkischer Sicht angesprochen; das Kurdenproblem, durch welches die Türkei ihre staatliche Einheit bedroht sieht. Die Kurden im Mittleren Osten (also nicht nur der Türkei) kämpfen seit vielen Jahrzehnten um Autonomie bzw. Eigenstaatlichkeit.

Das demokratische System der Türkei ist instabil. Die gewählte Regierung sieht sich Kräften gegenüber, die ihr souveränes Handeln kontinuierlich in Frage stellen. Erdogan’s Regierung befindet sich im Machtkampf mit einem Schattenstaat, welcher durch Infiltration von außen, insbesondere im Bereich Justiz und Sicherheitsapparat permanent Druck ausübt. [7] Die allgegenwärtige Macht der Militärs schwebt wie eine Damoklesschwert über der türkischen Demokratie. [8]

Dieser Druck resultiert aus der geostrategischen Agenda des Führers der „westlichen Wertegemeinschaft“, den USA, die einen großen Teil des Beamtenapparates der Türkei seit  Jahrzehnten infiltriert hat. Mit dieser Infiltration ist die permanente Gefahr des Aushebelns demokratischer Strukturen gegeben, womit dann bei Bedarf gewählte Regierungen gestürzt werden. Die Erhaltung des NATO-Staates Türkei als Bündnispartner im Sinne der Kontrolle des Nahen – und Mittleren Ostens ist von außerordentlicher Wichtigkeit für die ideologischen -, politischen – und wirtschaftlichen Eliten aus Übersee. [9][10]

Die „U-Boote“ der im Herrschaftsanspruch gefangenen westlichen Eliten werden unaufhörlich genutzt, um türkische Außenpolitik im Sinne ihrer Auftraggeber zu betreiben. Das steht im völligen Gegensatz zum eigentlichen außenpolitischen Credo der Türkei, mit jedem Nachbarn, ungeachtet politischer – und ideologischer Differenzen, eine Politik des Friedens und Ausgleichs zu betreiben. [11][12][a1] Die NATO-Präsenz hat deshalb rein personell sogar eine größere Bedeutung als die stationierte Militärtechnik. Denn es sind die Menschen, die Einfluss nehmen.

Die Beeinflussung der türkischen Gesellschaft findet folgerichtig auch in diesen Bereichen statt: Ideologie, Politik und Wirtschaft – und kulturell, also all umfassend. In den historischen Traditionen der Türkei, die auch in der Jahrhunderte währenden Vorherrschaft des Osmanischen Reiches begründet ist, gab es zudem seit einigen Jahren Tendenzen, die den Traum von einem neuen modernen Großosmanischen Reich, unter dessen Flagge alle Turkvölker vereinigt sind, beleben wollen. [13] Die pantürkische Bewegung (auch Turanismus genannt) wird unterstützt von radikal-nationalistischen Gruppen mit faschistoiden Tendenzen, die durch die „Grauen Wölfe“ vertreten werden und Einfluss in Militär und Geheimdienst besitzen. Das macht sich deutlich bemerkbar in der Unterstützung der gegen die syrische Regierungsarmee und ihre Verbündeten operierenden Turkmenenbrigaden im Nordwesten Syriens. [14][15][16]

Aber die Türkei mit islamisch geprägter Gesellschaft ist mit einer weiteren Kraft konfrontiert, einer Kraft mit starker islamistischer Ideologie, politischem Einfluss, international aufgestellt und radikal auftretend: der Muslimbruderschaft. Diese Kraft steht dem Prinzip traditioneller westlicher Demokratien (und als eine solche ist die türkische grundsätzlich aufgestellt) unversöhnlich gegenüber, ist aber andererseits ein bedeutender politischer Antrieb für die durch Recep Erdogan geführte AKP-Regierung. [17]

Was die Türkei betrifft, sehen wir also deren Problem mit der kurdischen Minderheit und Träume bestimmter Gruppen von der Türkei als der einer Großmacht, das mit oder ohne die Basis einer starken, radikalen islamistischen Bewegung; mit mehr oder weniger nationalen, teils auch faschistoiden Tendenzen. Wir sehen eine fragile Demokratie und eine starke Infiltration ihres Beamtenapparates durch diverse (vor allem) US-Dienste, welche insbesondere durch die NATO-Mitgliedschaft gesichert wird. Nicht weiter betrachtet wird erst einmal der Aspekt einer boomenden Wirtschaft [18], die eine neue Schicht Schwerreicher hervor gebracht hat, welche in ihrem Sinne Einfluss auf die türkische Politik nimmt.

Alle Interessengruppen befinden sich in stetiger Wechselwirkung, gehen Bündnisse ein, wechseln diese und fechten mehr oder weniger gewalttätig ihre Interessenkonflikte aus. Alle Interessen werden von den jeweiligen Gruppen als völlig legitim betrachtet. Schon das zeigt, dass die Dinge eben nicht so einfach sind, wie sie manchmal scheinen. Und dabei haben wir erst einmal nur den kulturellen und politischen Schmelztiegel Türkei betrachtet.

Das Schlachtfeld – Syrien

Keine Zweifel: Syrien ist ein angegriffenes Land, ein Opfer. Aber wie die Türkei hatte auch Syrien seine „Baustellen“; Baustellen die von interessierter Seite gnadenlos ausgenutzt wurden. Wer nicht der allgegenwärtigen Propaganda von der beschworenen „unmenschlichen Assad-Diktatur“ unterlegen ist, weiß, dass Syrien im Vergleich zu (vor allem) seinen südlichen Nachbarn eine bemerkenswert offene säkulare Gesellschaft auszeichnete. [19] Dieser Prozess innerer Befriedung und Demokratisierung war unter anderem deshalb möglich, weil Syrien seit Jahrzehnten von kriegerischen Konflikten im Inneren wie im Äußeren weitgehend verschont geblieben war.

Der junge Präsident Baschar al-Assad hatte den Mut, diesen Prozess mit zu tragen. Aber wie gesagt, es gab sie, Syriens Schwachstellen. Da war ein Jahrzehnte altes Einparteien-System der Baath-Partei, welches vorwiegend (jedoch keinesfalls ausschließlich!) von der Volksgruppe der Alewiten repräsentiert wurde. Dieses verkrustete System förderte die Korruption und Vetternwirtschaft im Land. [20]

Jedes System, welches sich permanent im Kampf gegen innere – und äußere Feinde sieht, wird entsprechend gewalttätig und baut einen Repressionsapparat auf. Sinkt der Druck, wird ein solcher Apparat auch wieder hinfällig. Syrien hatte auch unter Baschar al-Assad einen Geheimdienst der allgegenwärtig wie gefürchtet war und somit einer freien offenen Gesellschaft entgegen stand. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die Bestrebungen zum Sturz der syrischen Regierung von außen unverändert voran getrieben wurden. Und den syrischen Geheimdienst einzig zum Terrorinstrument gegen das eigene Volk zu qualifizieren, geht ganz weit an der Wahrheit vorbei. [21]

Syrien hatte wirtschaftliche Probleme. Gutgläubig hatte es sich auf Berater der Europäischen Union, vor allem aus Deutschland eingelassen und „Wirtschaftsreformen“ eingeleitet; sehr zum Nachteil der klein- und mittelständischen Wirtschaft. Die syrische Regierung hatte sich daraufhin der Berater aus Deutschland wieder entledigt, was ihnen von dort nicht verziehen werden würde. Dazu kamen Missernten durch Dürreperioden. [22]

Auch Syrien hatte ein viele Jahrzehnte bestehendes Kurdenproblem. Ein Teil der syrischen Kurden wurde von der syrischen Führung und großen Teilen der Gesellschaft als Menschen zweiter Klasse, als Nicht-Bürger betrachtet – und zwar auch noch im Jahre 2011. Das hatte seine Ursachen in der Zeit Anfang der 1960iger Jahre, als die Baath-Partei den Machtkampf in Syrien für sich entschied. Sie sah das Konzept eines arabischen Syriens durch die illegale Einwanderung von Kurden aus der Türkei und dem Irak gefährdet. [23] Aber auch andere Minderheiten, wie z.B. die Turkmenen, fühlten sich in Syrien diskriminiert. [24]

Nicht zu vergessen: die Muslimbruderschaft! Dieser Konflikt war eine nicht verheilte Wunde in der syrischen Gesellschaft. Der Aufstand der Muslimbrüder in Hama 1982 wie auch dessen Niederschlagung war mit tausenden Opfern verbunden und legte sich wie ein Schatten über Syrien. [25][26] Und gerade die Muslimbrüder sollten im Jahr 2011 auch die „nützlichen Idioten“ sein, die den sogenannten „Volksaufstand“ in Daraa entfachen würden.

Russische Interessen

Ja, was sucht Russland eigentlich in dieser Region? Und, unterscheidet sich denn das Verhalten Russlands außerhalb seiner Landesgrenzen in irgendeiner Weise von der seines Konkurrenten USA? Die Menschen suchen eine verlässliche Bewertung einerseits und werden über die Medien auf eine Schwarz-Weiß-Sicht andererseits gestoßen. Und zwar über alle Medien – und das ist ein Problem. Wagen wir also ein vorurteilsfreie Sicht auf russische Interessen in Syrien.

Der erste Grund für die Präsenz Russlands in Syrien ist einfach: Sie ist historisch gewachsen! In Zeiten des Kalten Krieges und besonders in den 1980iger Jahren, mit der erzwungenen Aufgabe von Militärstützpunkten in Ägypten, bot Syrien eine Alternative für die damalige sowjetische Flottenpräsenz im Mittelmeer. [27] Seitdem hat sich ein andauerndes Vertrauensverhältnis gebildet, man kennt sich, es menschelt. Der Leser zweifelt? Beziehungen – völlig egal ob im Großen oder im Kleinen – werden letztlich immer zwischen Menschen geknüpft. Die direkte militärische Präsenz Russlands in Syrien beschränkte sich über Jahre auf ein paar Dutzend Soldaten und technisches Personal im Hafen von Tartus, mit der Nutzung eines Kais von 150 m Länge (massive Militärpräsenz sieht anders aus). [28] Aber das verbindende Vertrauen blieb immer bestehen. Nicht alles lässt sich in Geld, in Masse messen – und das ist ermutigend!

Syrien war von jeher ein Handels- und Waffenpartner der Sowjetunion und danach Russlands. Das heutige Russland exportiert einen wesentlichen Teil seiner Rüstungsgüter in diese Staaten: Algerien, Indien, China, Vietnam, Venezuela und – Syrien. [29] Weiterhin: Für Russland war das Geschäft mit Syrien in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich ein Geschäft [30], warum machen die das dann? Und damit kommen wir wieder zu oben Gesagtem: Nicht alles lässt sich in Geld, in Masse messen.

Das geht über die unzweifelhaften Eigeninteressen Russlands hinaus. Man lässt einen Partner, wenn er in Not ist, nicht einfach im Stich. Für Leute, die unter Politik nur das gegeneinander Ausstechen zum maximalen eigenen Vorteil verstehen, ist so etwas natürlich schlicht unbegreiflich. [a2] Die Welt sieht, dass Russland ein verlässlicher Partner ist. Doch wird mit so etwas auch eine unipolare Weltordnung untergraben, sind die einzig Guten doch die Vereinigten Staaten von Amerika. Also muss gelogen werden, Russland muss an allen Ecken und Enden schlecht gemacht, das Misstrauen geschürt werden.

Russland wurde in die Rolle des Widerständlers gegen einen völlig außer Rand und Band geratenen Möchtegern-Weltherrscher regelrecht hinein getrieben. Der Konflikt in Georgien 2008, mehr noch aber die Farce eines sogenannten Volksaufstandes in Libyen öffnete dem größten Land der Erde die Augen, dass der Expansionsdrang von im Systemzwang stehenden US-Eliten irgendwann vor seinen Grenzen stehen – und auch dort nicht halt machen würde. Mit den Vorgängen um den Maidan in Kiew und dem damit verbundenen von den USA massiv unterstützten Putsch gegen die gewählte Regierung Janukowitsch in der Ukraine, wurde Russland in seiner nun geänderten außenpolitischen Haltung nur bestätigt. [31]

Die NATO-Osterweiterung – ein Vertrauensbruch ohne Gleichen gegenüber Russland – die geradezu bösartige Hetze gegen das Land, der Aufbau Russlands als Feindbild und die Dämonisierung seines Führers. All das machte Syrien für Russland erst wieder strategisch, geopolitisch bedeutsam! Was die russische Führung immer versuchte zu verhindern, einen neuen Kalten Krieg, diesem musste sie sich nun stellen. Und damit bekommt auch der Begriff „Stellvertreterkrieg“ in Syrien seine wahre Bedeutung im Sinne des Wortes. Und die Dinge werden einfacher.

Denn Russland unterstützt eine legitime Regierung in einem aufgezwungenem Krieg, den diese somit nicht begann, also in einem durch das Völkerrecht vollständig gedeckten Verteidigungskrieg. Und dieser Krieg ist ein Defensivkrieg, er findet IM angegriffenen Land statt. Und? Was fordert Russland dafür von Syrien? WER fordert eigentlich ständig irgend etwas von Syrien, dessen innere gesellschaftliche Strukturen und Prozesse doch in Hoheit seines Staatsvolkes liegen? Denn das ist Völkerrecht – eindeutig und eben nicht beliebig auslegbar!

Mit welchem Recht nun fordern die Gralshüter der „westlichen Wertegemeinschaft“ welche Veränderungen in Syrien? Der Angriffskrieg gegen Syrien ist die maximal mögliche Form von Terror und die schlimme Wahrheit ist, dass dieser Terror vom Westen (einschließlich Deutschlands) staatlich sanktioniert, gesteuert, erhalten und über die Meinungshoheit legitimiert wird; mit dem Totschlagargument in der Pflicht zu stehen, Freiheit und Demokratie über andere Völker bringen zu müssen. Und ist die Absurdität dieser Forderungen nicht erst recht offensichtlich, wenn sie im Chor mit den sektiererischen, radikalen, wahhabitischen Dikaturen Saudi-Arabiens und Katar’s gesungen werden?

Dieser Terror gegen Syrien richtet sich indirekt auch gegen Russland (und indirekt übrigens auch gegen die Türkei!). Zehntausende islamistische radikale Kämpfer kommen aus ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien, vor allem der Kaukasus-Region. [32] Für Russland ist die Gefahr latent, dass diese enthemmten Radikalen zurück kommen werden und dann der Terror an den Grenzen Russlands beginnt zu wüten.

Als im ersten Halbjahr 2015 die Verlogenheit des von der westlichen Allianz um die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland herum propagierten aber nur scheinbar geführten Kampfes gegen den IS immer offensichtlicher wurde, denn der IS wurde wundersamer Weise immer stärker, stand die Entscheidung Russlands fest. Das Land würde Syrien nicht fallen lassen und die Planungen für eine massive Militärkampagne nahmen ihren Anfang.

Der russische Militäreinsatz in Syrien

Das Vorgehen der russischen Streitkräfte in Syrien unterscheidet sich grundlegend von der Philosophie des US-Militärs und zeigt auf, dass es Russland eben nicht darum geht, der neue Dominator einer unipolaren Welt zu sein. Hierzu seien Ralf Rudolph und Uwe Markus vom Blog ct.tvnva.de zitiert. In ihrem Beitrag Ordnungsmacht Russland schreiben sie (Hevorhebungen durch Ped):

„Solange der wirtschafts- und machtpolitische Konsolidierungsprozess Russlands in den Anfängen steckte und mancher Akteur im Kreml noch Illusionen über die Potentiale einer Zusammenarbeit mit dem Westen pflegte, musste man die Vereinigten Staaten als letzte verbliebene Weltmacht gewähren lassen. Doch spätestens mit dem Angriff des von den USA militärisch unterstützten Georgiens auf Südossetien und Abchasien im August 2008 war für den Kreml eine rote Linie überschritten worden. Nunmehr zeigte sich die russische Führung zunehmend entschlossen, einer Verletzung der nationalen Interessen Russlands gegebenenfalls auch mit militärischen Mitteln zu begegnen. Außerdem bemühte man sich intensiv um eine Stärkung der internationalen Organisationen sowie um die Bildung neuer strategischer Allianzen etwa im Rahmen der BRICS-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), um den geopolitischen Entscheidungsspielraum der Vereinigten Staaten zumindest ansatzweise begrenzen zu können. Moskau sieht erklärtermaßen den Schlüssel für die Lösung internationaler Probleme in der Akzeptanz der sich herausbildenden globalen Multipolarität und in der Zusammenarbeit der verschiedenen Machtzentren. Der Verlauf des Krieges in Syrien und das Erstarken der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) vermitteln eindringlich, dass nur ein solcher Ansatz zielführend sein kann. 

Denn die Vereinigten  Staaten waren nicht nur offenkundig unwillig, ein tragfähiges Konzept zur politischen Lösung des Konfliktes zu entwickeln, sie erweisen sich vielmehr durch ihre verdeckten und offenen Interventionen in der Region als Teil des Problems. Insofern demonstriert Russland mit seinem begrenzten militärischen Engagement in Syrien und den parallel vorangetriebenen politischen Initiativen vor der Weltöffentlichkeit ein völlig anderes Herangehen als die Vereinigten Staaten und deren Verbündete. Russland profiliert sich so als Akteur, der sein militärisches Potential nicht für eine Befeuerung des Konfliktes, sondern für die Anbahnung längerfristig tragfähiger Verhandlungslösungen einsetzt. Die wieder erstarkte Weltmacht verfügt nun wieder über die Mittel dafür. Dieser Sachverhalt und die gerade in dieser Region offenkundig werdende geopolitische Inkompetenz amerikanischer Entscheidungsträger werden offensiv kommuniziert. Die politische Wirkung ist wohlkalkuliert und stärkt all jene Staaten, die auf eine von verbindlichen Regeln getragene Qualität der internationalen Beziehungen setzen.[33]

In welcher Weise unterstützten nun russische Streitkräfte die Syrische Arabische Armee (SAA) in ihrem Kampf gegen die terroristischen Gruppen?

Spannungsfelder

Zuerst einmal ging es um Soforthilfe, der SAA musste eine Atempause verschafft werden, in der sie ihre Reserven auffüllen und sich selbst restrukturieren konnte. Hierzu mussten ihre Gegner rasch und wirksam geschwächt werden. Deshalb bombardierten ab dem 30.September 2015 russische Bomber gezielt die Kommandostellen der Terroristen; und zwar aller Terroristen, nicht nur der des IS (Daesh). Hierbei wurden gezielt und sehr wirksam Bunker brechende Waffen eingesetzt. Mit der Zerstörung der Bunkeranlagen wurde vor allem die Kommunikation zwischen den militärischen Gruppierungen empfindlich gestört. [34]

Spannungsfeld eins zwischen der Türkei und Russland:

  • Hochmoderne und teilweise bis zu 20 m tief im Boden befindliche Bunkeranlagen wurden mit maßgeblicher Unterstützung türkischer Ingenieure und Techniker konzipiert und errichtet. Dem IS stand so bis dahin eine mit türkischer Unterstützung errichtete moderne Infrastruktur zur Führung seines Glaubenskrieges zur Verfügung. Warum tat die Türkei das und warum wurden das in den westlichen Medien nicht thematisiert? Die Bunker wurden nun von den Russen wieder zerbombt.

Zweite Aufgabe der russischen Luftwaffe: Permanente Störung des Nachschubs von Kämpfern und Waffen an die Fronten durch Bombardierung von Versorgungsrouten und Stützpunkten – und zwar aller Terroristen; ebenfalls als Akuthilfe zur Entlastung der SAA. Was den umkämpften Norden Syriens betrifft, kam dieser Nachschub vorrangig aus der Türkei. Die Grenzorte waren von Terroristen des IS oder anderer Rebellengruppen erobert worden. [35][36]

Spannungsfeld zwei zwischen der Türkei und Russland:

  • Die Türkei sicherte die Versorgung aller Art, von medizinischer – bis militärischer für alle Colour von Terroristen, die vorstellbar sind und sorgte für freie Routen in Richtung Syrien und auf syrischem Boden. Warum tat sie es und warum wurde das in den westlichen Medien nicht thematisiert? Die Russen begannen diese Logistik systematisch zu bekämpfen.

Dritte Aufgabe: Nachhaltige Schwächung der Terroristen durch Unterbrechung ihrer Finanzierungsquellen. In Syrien war das – neben der Demontage kompletter Industrieausrüstungen (z.B. in Aleppo) [37] vor allem der Raub von Öl. Dieses Öl wurde illegal gefördert, illegal in die Türkei transportiert, dort in „legales Öl gewaschen“ und im Land bzw. auf dem Weltmarkt legal verkauft. Über 2900 Tank-Lastzüge wurde bis März 2016 zerstört. [38]

Spannungsfeld drei zwischen der Türkei und Russland:

  • Russische Bomber begannen massive Angriffe auf die Förderanlagen und Tankerflotten, welche der IS nutzte. Die Russen begannen ein Geschäft zu ruinieren. Ein Geschäft zwischen Terrororganisationen und einem undurchsichtigen Geflecht von Kriegsgewinnlern auf türkischer Seite, gedeckt vom türkischem Beamtenapparat. Dieses Geschäft aber war eine wesentliche Basis, um überhaupt den Terror gegen Syrien führen zu können. Warum ließen die Türken das zu und warum wurde es in den westlichen Medien nicht thematisiert?

Vierte Aufgabe: Rückeroberung von Gebieten, die von strategischer Bedeutung einerseits für die Assad-Regierung und andererseits für die Stützpunkte der russischen Streitkräfte sind. Das sind vor allem die (bislang vom Krieg weitgehend verschont gebliebenen) Küstengebiete bis hoch zum Norden an die Grenze zur Türkei. Damit wurden die Kampfhandlungen in der Provinz Latakia hin zum Grenzgebiet in den Turkmenen-Bergen forciert. [39]

Spannungsfeld vier zwischen der Türkei und Russland:

  • Die russische Luftunterstützung, wie auch Hilfe bei Aufklärung, Koordination und Logistik für die syrische Armee und deren Verbündeten begann die Stellungen der turkmenischen Milizen in Bedrängnis zu bringen, die dreist von türkischem Militär und Geheimdienst auch auf syrischem Boden aufgebaut worden waren. Schon „sicher betreute türkische Gebiete“ mussten nun auf Grund russischen Eingreifens wieder aufgegeben werden. Was hatte türkisches Militär ungefragt auf syrischem Boden verloren und warum wurde es in den westlichen Medien nicht thematisiert?

Seit dem Jahre 2012 hatte die Türkei eine fünf Kilometer tiefe Flugverbotszone über syrischem Territorium (!) ausgerufen, mit der Option, jedes in dieser Zone auftauchende syrische Fluggerät als Teil eines aggressiven Aktes auf das eigene Land anzusehen und damit abschießen zu dürfen. Damit war die Möglichkeit gegeben (und wurde auch genutzt) ungehindert im dortigen Luftraum mit eigenen Fliegerkräften operieren zu dürfen. In „Absprache mit den USA“ wurde diese Flugverbotszone im August 2015 auf bis zu 65 km in syrisches Hoheitsgebiet hinein erweitert. [40]

Spannungsfeld fünf zwischen der Türkei und Russland:

  • Plötzlich durften türkische Flugzeuge nicht mehr einfach ungefragt im Grenzgebiet über syrischem Luftraum operieren. Russische Jets bombardierten nicht nur die Stützpunkte der Terroristen in Grenznähe (auf syrischem Boden), sie begannen auch mit Luftabwehrsystemen und Jägern den syrischen Luftraum zu sichern. Das von der türkischen Regierung – jedem Völkerrecht widersprechende – Ausrufen einer Flugverbotszone über syrischem Hoheitsgebiet, war damit Makulatur geworden. Und der inzwischen installierte Status quo einer Pufferzone in Frage gestellt.

Gerade letzter Sachverhalt musste einigen türkischen Behörden und ihren Einflüsterern sehr weh getan haben. Und die türkische Frustration, dass die Russen sich in „ihren Krieg einfach einmischten“, war beträchtlich. Ahnt daher schon der Eine oder Andere, dass es hier Leute gab, die es den Russen mal so richtig zeigen wollten?

Damit sollten die Aspekte aufgezählt sein, welche auf türkische Interessen trafen. Betrachten wir sie aber nicht als die eines monolithischen Blockes sondern als Geflecht spezieller Interessen unterschiedlicher Gruppen der türkischen Gesellschaft. Versuchen wir im Folgenden die Interessen wie auch die bestehenden Konflikte innerhalb der türkischen Gesellschaft in Beziehung zu setzen.

Interessen-Geflechte und Interessen-Konflikte

Die Spannungsfelder haben wir gerade offen gelegt und die Analyse ermöglicht uns nun das Definieren von Rollen; mit Sicht auf die Interessen welche über ihre Ausfüllung vertreten werden. Dabei können (naturgemäß) Gruppen von Menschen und Einzelpersonen auch gleichzeitig oder nacheinander unterschiedliche Rollen wahr nehmen:

  1. die demokratisch gewählte türkische Regierung und die ihr unterstellten Institutionen (Armee, Sicherheitsapparat, Justiz, Bildung etc)
  2. Anhänger einer Türkei mit Demokratie nach westlichem Vorbild
  3. Anhänger einer Türkei in der Art eines neuen Großosmanischen Reiches
  4. Anhänger einer Türkei mit dem Islam als Staatsdoktrin (siehe Muslimbrüder)
  5. Anhänger einer einheitlichen türkischen Nation, mit den Türken als einheitlicher Ethnie,  was die repressive Politik gegenüber „Nicht-Türken“ einschließt
  6. Anhänger einer Politik von Autonomie für die Kurden und andere Minderheiten
  7. Wirtschaftsvertreter (ohne politische Ambitionen)
  8. von außen wirkende Interessenvertreter (ideologisch, politisch, wirtschaftlich)
  9. Opportunisten
  10. Egoisten und Machtmenschen

Diese Rollendefinitionen sind per se willkürlich und von mir einzig dafür entworfen, Handlungen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in der Türkei zu verstehen und sie erheben auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und nur die Rollen 2 bis 5 sind auch Türkei-spezifisch. Eine tiefer gehende historische Aufarbeitung und Bewertung der hinter den Gruppen stehenden Konzepte ist ebenfalls nicht das vorrangige Ziel dieser Arbeit hier. Alle Rollen werden von Menschen mit bestimmten Überzeugungen ausgefüllt, die sie befähigen, dass was sie innerhalb dieser Rollen tun, als gerechtfertigt anzusehen.

Nun könnte man einfach alle Rollen miteinander verbinden, darstellbar in einem vollständig vermaschten Netz mit Kanten (Beziehungen) und Knoten (Rollen). In den unterschiedlichen Intensitäten der Verbindungen wird das sicher auch der Realität entsprechen. Ich beschränke mich jedoch auf ausgewählte Beziehungen. Eine hatten wir ja bereits in Teil 1 dieser Artikelreihe behandelt:

  • türkische Regierung
  • von außen wirkende Interessenvertreter

Betrachten wir nun eine weitere Rolle im Kontext zu den beide gerade Erwähnten:

  • Anhänger einer Türkei mit dem Islam als Staatsdoktrin; speziell: Die Muslimbruderschaft

Türkische Demokratie und Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft ist eine viele Jahrzehnte alte, den gesamten arabischen Raum beeinflussende islamische Bewegung mit radikalen politischen und sozialen Zielen. Gerade aufgrund ihrer sozialen Ausrichtung, die sie theoretisch vertritt und praktisch lebt, genießt sie die Unterstützung weiter Bevölkerungsschichten. Schon zu Zeiten als viele arabische Gebiete noch unter Kolonialherrschaft (euphemistisch Mandatsverwaltung genannt) standen, wurde die Bewegung unterdrückt und reagierte darauf hin ebenfalls mit einer gewaltsamen Komponente im Kampf für eine sozial gerechtere Welt, mit der Scharia als staatlichem Regelwerk. [41]

Das Gesellschaftsbild der Muslimbruderschaft weicht fundamental von dem der westlichen Demokratien ab. Das widerspricht allerdings krass ihrem pragmatischen Handeln, welches in der Vergangenheit problemlos Hilfeleistungen von den selbst ernannten Feinden annahm, wenn die Bruderschaft der Annahme war, dass es den eigenen Zielen nützt. Dahinter steckt eine Arroganz, die meint, den Feind missbrauchen zu können; nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Diese Unterschätzung eines Gegners ist fatal und so ließen sich die Muslimbrüder viele mal als Werkzeug westlicher geopolitischer Ordnungsbestrebungen in der arabischen Welt benutzen. [42] Zuletzt in Libyen [43] und nun in Syrien [44]. Doch ausgerechnet dort, wo sie diese, ihre radikal islamistischen Tendenzen ablegen und sich vorrangig der sozialen Komponente wie der eines Rechtsstaates verschreiben, werden sie als terroristisch Handelnde gebrandmarkt – in Ägypten. [45]

Die Muslimbruderschaft ist von heterogener Struktur und Auftreten. Jedoch beim Entfachen der „Volksaufstände“ in Libyen und Syrien waren sie die ideologischen – und militärischen Proxies des Westens, um eine revolutionäre Situation herbei zu führen. Es ist wohl auch richtiger, ihr Konzept als islamistisch (statt nur islamisch) zu begreifen. Mit ihrer Radikalität, Sektierertum, der sunnitischen Glaubensrichtung, die auch eine ideologische Nähe zum Wahhabismus des saudi-arabischen Königreiches [46] erkennen lässt, sind sie perfekte U-Boote, um Systemumstürze mit zu gestalten.

Das Wirken der Muslimbruderschaft zeigt ganz deutlich, dass einflussreiche Führungspersonen in ihr Doppelrollen einnehmen. Finanzierung, Ausrüstung mit Waffen und logistische Unterstützung erfolgten sowohl in Libyen wie auch in Syrien durch britische -, französische – und US-Geheimdienste. [47] Und machen wir uns nichts vor, was die Geheimdienst-Durchdringung betrifft, ist das in der Türkei nicht anders! [48] Doch warum ist das so erwähnenswert?

Weil die Muslimbruderschaft das Handeln der türkischen Regierung gewichtig beeinflusst – mindestens ideologisch – und auch politisch. Dabei haben Symbole für Ideologien eine große Bedeutung:

„Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen. Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.[49]

Merke: Der derzeitige ägyptische Präsident Al Sisi kam nach dem Muster des Kiewer-Maidan an die Macht! In Ägypten, wo die Muslimbrüder sich auf das demokratische Spiel des Westens einließen, statt die vorgegebene Rolle eines destabilisierenden und radikalisierenden Faktors einzunehmen, wurden sie einfach weg geputscht. Und die westlichen Medien klatschten Beifall. Für die zukünftige Strategie der Muslimbruderschaft wird das nicht ohne Auswirkungen bleiben. Und es ist gewollt, denn so funktioniert die Geopolitik der großen Strategen aus Übersee. [51]

Die in der Türkei regierende AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) hat eindeutig islamische Wurzeln, wirkt jedoch politisch ähnlich wie z.B. die CDU in Deutschland. Sie bekennt sich also zu ihren Glaubensgrundsätzen und betreibt ansonsten konservatives, neoliberales Politik-Geschäft. [50] Die große Akzeptanz der AKP in der Bevölkerung rührt aber vor allem daher, dass sie sich offen mit den Ideen und Trägern des Islam solidarisiert (s.o.).

Der Islam ist in der Gesellschaft tief verankert. Der Laizismus (Trennung von Kirche und Staat) wurde mit dem Kemalismus der Türkei über gestülpt, quasi verordnet. Verständlicherweise wird ein solches Konzept traditionelles Denken und Handeln nach islamischen Wertvorstellungen nicht einfach ersetzen können. Dem ist sich auch Recep Erdogan bewusst. Nur weiß er auch, dass die Muslimbruderschaft unter Umständen gar nicht so nette Gäste in ihr Boot geladen hat? Politische Gesten der Muslimbrüder können damit auch politische Gesten der nicht so netten Gäste sein. So war es in Libyen, so war es in Syrien – und wie ist es in der Türkei?

Nur das Beziehungs-Geflecht:

  • türkische Regierung
  • Muslimbruderschaft
  • von außen wirkende Interessenvertreter

lässt erahnen, wie komplex die Dinge sind. Das eigen- wie auch fremdgesteuerte Verhalten der Muslimbruderschaft kann stabilisierende – wie auch destabilisierende Auswirkungen auf die türkische Demokratie haben. Ignoriert werden darf diese Komponente von der türkischen Regierung keinesfalls. Und die Muslimbrüder sind vernetzt. Deren Sicht, dass sie in Syrien einen gerechten Kampf um die Macht führen, findet damit auch in der Türkei selbst Verbreitung. Und ist damit ein Faktor der Meinungsbildung, die u.a. dazu führte, dass das bestehende Vertrauensverhältnis zwischen der Türkei und Syrien untergraben wurde.

Misstrauen ermöglicht die Etablierung von Feindbildern und rechtfertigt nachfolgend Kriege. Es ist doch sehr bezeichnend, dass die Muslimbrüder in Ägypten als Terroristen verunglimpft werden (wer dem Westen nicht folgt, wird bestraft) und was Syrien betrifft, geradezu von der westlichen (einschließlich der deutschen) Politik hofiert werden, warum wohl? [52][a3] Weil sie sich prostituierten, so bitter ist die Wahrheit.

Es wird deutlich, dass die regierende AKP in ihren Traditionen und Handeln von den Ideen der Muslimbruderschaft beeinflusst wird und es beiderseitige wechselwirkende Strukturen gibt. Dabei vernetzen sich die Strukturen der Muslimbrüder im gesamten arabischen Raum. Gleichzeitig hängen sie aber auch mehr oder minder stark ausgeprägt an fremden Strukturen – und das sind die Geheimdienste und NGOs der westlichen Staaten. Die gleichen Geheimdienste und NGOs lenken jedoch auch unauffällig über seit Jahrzehnten aufgebaute Kontakte (insbesondere im Sicherheitsapparat) die türkische Regierung.

War sich die türkische Regierung eigentlich tatsächlich und in voller Gänze bewusst, was ab dem Jahr 2011 im Zusammenhang mit den so genannten „Volksaufständen“ in Libyen und Syrien die eigene Rolle ausmachte? Oder brachte ein inflitrierter und fremd gesteuerter Schattenstaat (Tiefenstaat) die Dinge in’s Laufen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt ja auch ab, in wie weit die türkische Regierung in kurzsichtiger Politik, die sich daraus ergebenden mittelfristigen Folgen für das russisch-türkische Verhältnis total unterschätzte. Wäre es so, bekäme auch die irrationale Reaktion auf die gespürten Folgen der russischen Militär-Kampagne ab dem Herbst 2015 einen Sinn.

Doch spätestens im Jahr 2012 war auch für die türkische Regierungsspitze die Gehirnwäsche erfolgreich abgeschlossen und sie fand die Selbstlegitimation für einen „gerechten“ gewaltsamen Umsturz im Nachbarland. Nach dem in Folge mehrerer Verletzungen des syrischen Luftraumes innerhalb weniger Tage eine Spionagemaschine der Türkei von den Syrern abgeschossen wurde, verzauberte man diese Provokation seitens der Türkei in einen Angriff und der türkische Präsident war bereit zu sagen:

„Die Türkei unterstützt das syrische Volk mit allen nötigen Mitteln, bis es von Unterdrückung, Massakern, diesem blutdürstigen Diktator und seiner Clique befreit ist.“ [53]

Der Abschuss des Phantom-Spionageflugzeugs war allerdings als Provokation genau dafür gedacht, nun auch offiziell als Eingereihter in der Kampfgemeinschaft gegen den „blutrünstigen Diktator“ Assad auftreten zu können. Es war ein billiger Vorwand. Und es war ein großer Verrat Recep Erdogan’s an seinem „Bruder“ Baschar al-Assad, womit sich Erdogan vor allem selbst belog. Der Betrug der Türkei an Syrien aber begann schon, als Erdogan noch mit seinem „Bruder“ sprach und der Schattenstaat bereits die „Rattenlinie“ vorbereitete. Dazu mehr im nächsten Teil dieser Artikelreihe.


Anmerkungen

[a1] Die Links [7][8] geben beide die veränderte Haltung türkischer Politik – weggehend von einer der konsequent friedlichen Koexistenz – wieder. Professor Fatih Cicek arbeitet für eine regierungsnahe Denkfabrik und schreibet auch für „Zaman“, eine von Fethullah Gülen inspirierte Zeitung, die 2013 in der Türkei hunderttausendfach kostenlos auslag.

[a2] Dabei ist es doch die Politik des Verstehens, auf einander Zugehens, der Kompromisse, des Aufgebens von Maximalforderungen, welche in den Statuten der Völkergemeinschaft verbrieft ist.

[a3] Der Syrische Nationalrat (mit Sitz in Istanbul) und die „Freunde Syriens“ – einer Organisation die vom ehem. französischen Präsidenten Sarkozy gegründet wurde und die als Unterstützer neben der Türkei und Deutschland auch Regimes wie Katar, die VAE und Saudi-Arabien zählt [54], werden großzügig von der deutschen Politik und im Gleichklang mit den Medien gefördert, können aber an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden.

Quellen

[1] 28.3.2015; http://www.tagblatt.ch/nachrichten/international/international-sda/Aufstaendische-in-Syrien-auf-dem-Vormarsch;art253652,4176016

[2] 10.6.2015; http://www.badische-zeitung.de/ausland-1/rebellen-aller-art-sind-in-syrien-auf-dem-vormarsch–106017567.html

[3] 4.5.2015; http://www.tt.com/home/9976089-91/assad-in-bedr%C3%A4ngnis—al-kaida-und-rebellen-in-syrien-auf-vormarsch.csp

[4] 9.9.2015; Spiegel-Online; http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-islamisten-erobern-militaerflughafen-in-idlib-a-1052137.html

[5] 14.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Flughafen_Basil_al-Assad#Milit.C3.A4rische_Nutzung

[6] 19.5.2015; http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_74067214/syrien-konflikt-al-nusra-nimmt-assad-stuetzpunkt-in-idlib-ein.html; Originalquelle: dpa

[7][16] https://medienschafe.wordpress.com/2015/11/28/unter-woelfen-gladio-cia-is-und-die-tuerkei/

[8] http://peds-ansichten.de/2016/09/tuerkische-gratwanderungen-1/

[9] NATO-Geheimarmeen in Europa – Verdeckter Terror und Inszenierte Kriegführung; Carsten Roth, Daniele Ganser; 2008; Orell Füssli Verlag AG, Zürich; ISBN 978-3-280-03860-4; aus e-Book-Leseprobe;

[10] Der Puppenspieler; 31.12.2013; Nick Brauns; Junge Welt; http://www.nikolaus-brauns.de/Puppenspieler_Gulen.htm

[11] Fatih Cicek; 11.4.2013; https://www.freitag.de/autoren/fatih-cicek/null-problemo-war-gestern

[12] http://file.insightturkey.com/Files/Pdf/insight_turkey_vol_14_no_3_2012_onis.pdf

[13] 14.9.2016; http://www.peymanian.com/deutsch/html/erdogan.html

[14] Wer mit den Wölfen heult; 10.8.2016; Bayerischer Rundfunk; http://www.br.de/nachrichten/rechtsaussen/graue-woelfe-mhp-bayern-100.html

[15][24] https://sauvra.wordpress.com/2015/11/27/turkmenen-im-syrischen-und-irakischen-buergerkrieg/

[17] Ein politisches Debakel; Jürgen Gottschlich; 26.8.2013; http://www.taz.de/!5060559/

[18] Bröckelnder Boom; 1.9.2013; Ambros Waibel (Übers. aus d. Italienischen); http://www.taz.de/Debatte-Tuerkei/!5060645/

[19] Als der Schleier fiel; Thomas Avenarius; 20.10.2010; http://www.sueddeutsche.de/kultur/syrien-verbot-des-niqab-als-der-schleier-fiel-1.977595

[20] Die Fiktion des Alawiten-Regimes; Monika Bolliger; 20.7.2011; Neue Züricher Zeitung; http://www.nzz.ch/die-fiktion-des-alawiten-regimes-1.11512000

[21] Seymon Hersch; http://de.news-front.info/2016/01/20/seymour-hersch-us-militars-haben-respekt-vor-leistung-der-russen-in-syrien/

[22] Brennpunkt Syrien – Einblick in ein verschlossenes Land; Kristin Helberg; Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012; ISBN 978-3-451-06544-6; entnommen aus e-Book (ohne Seitenangabe); https://books.google.de/books?id=UkcqBQAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

[23] 15.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Kurden_in_Syrien

[25] Der schmutzige Krieg gegen Syrien; Tim Anderson, 2016; S.17; Liepsen-Verlag, Marburg; ISBN 978-3-9812703-9-6

[26] 15.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Muslimbr%C3%BCder_in_Syrien

[27][28] 15.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Marinebasis_Tartus

[29] 15.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_R%C3%BCstungsexport

[30] 26.9.2016; http://www.stern.de/politik/ausland/syrien-und-russland–wie-die-beiden-staaten-enge-verbuendete-wurden-6470606.html

[31] http://peds-ansichten.de/2015/04/die-krim-krise-ursachen-und-hintergruende-2/

[32] Eine tschetschenische Al-Qaida?; Guido Steinberg; Juni 2014; Stiftung Wissenschaft und Politik; https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2014A40_sgb.pdf

[33] Ralf Rudolph, Uwe Markus; 8.11.2015; http://ct.tvnva.de/Milit%C3%A4rrundschau/ordnungsmacht-russland.html

[34] Russischer Jet vernichtet IS-Bunker in Hama; 12.10.2015; https://de.sputniknews.com/militar/20151012/304873316/syrien-russland-is-attacke.html

[35] So gezielt ging Russland gegen syrische Rebellen vor; Katharina Brunner, Pia Ratzesberger, Antonie Rietzschel;  16.3.2016; http://www.sueddeutsche.de/politik/fuenf-jahre-buergerkrieg-so-gezielt-ging-russland-gegen-syrische-rebellen-vor-1.2908088

[36] Al-Qaida erobert Stadt an türkischer Grenze; Hasnain Kazim; 19.9.2013; http://www.spiegel.de/politik/ausland/buergerkrieg-in-syrien-al-qaida-erobert-stadt-an-grenze-zur-tuerkei-a-923396.html

[37] https://sauvra.wordpress.com/2016/08/30/die-invasion-tuerkei-nordsyrien/

[38] http://kaliningrad-domizil.ru/portal/information/politik-and-gesellschaft/verteidigungsminister-schoigu-zu-ergebnissen-in-syrien/

[39] Alfred Hackensberger; 9.10.2015; https://www.welt.de/politik/ausland/article147075912/Der-IS-hat-in-den-bombardierten-Gebieten-keine-Praesenz.html

[40] Türkei und USA errichten Flugverbotszone; Frank Nordhausen; 3.8.2015; http://www.berliner-zeitung.de/syrien-tuerkei-und-usa-errichten-flugverbotszone-22468132

[41] 13.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Muslimbr%C3%BCder#Gr.C3.BCndung_und_Ausbreitung_im_K.C3.B6nigreich_.C3.84gypten_.281928_bis_1952.29

[42] Warum die Araber uns in Syrien nicht wollen; Robert F. Kennedy, Jr. vom 23.02.2016; http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213; Originalquelle: http://www.politico.eu/article/why-the-arabs-dont-want-us-in-syria-mideast-conflict-oil-intervention/

[43] 16.9.2016; http://peds-ansichten.de/2015/12/libyen-und-die-luege-vom-volksaufstand/

[44] 16.9.2016; http://peds-ansichten.de/2016/08/syrien-inszenierung-eines-aufstands/

[45] http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Aegypten/armee6.html

[46] 16.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten

[47] Peter Dale Scott; http://www.hintergrund.de/201103311472/politik/welt/wer-sind-die-libyschen-freiheitskaempfer-und-ihre-goenner.html; Originalquelle: http://www.globalresearch.ca/who-are-the-libyan-freedom-fighters-and-their-patrons/23947

[48] https://medienschafe.wordpress.com/2015/11/28/unter-woelfen-gladio-cia-is-und-die-tuerkei/

[49] Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder; 26.7.2016; http://www.mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de/2016/07/26/turkei-erdogan-und-der-grus-der-muslimbruder/

[50] 2013; (zum Putsch gegen den ägyptischen Präsidenten Mursi); http://scusi.twoday.net/stories/453141637/comment

[51] Die türkische AKP als Vorbild für die arabische Welt?; Loay Mudhoon; 11.9.2009; Bundeszentrale für Politische Bildung; http://www.bpb.de/apuz/31734/die-tuerkische-akp-als-vorbild-fuer-die-arabische-welt?p=all

[52] Petra Becker; August.2013; Stiftung Wissenschaft und Politik; http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2013A52_bkp.pdf

[53] Erdogan verlangt Assads Sturz; 26.6.2012; http://www.spiegel.de/politik/ausland/erdogan-fordert-sturz-von-syriens-diktator-assad-a-840977.html

[54] 16.9.2016; https://de.wikipedia.org/wiki/Freunde_Syriens

[Allgemein] Juli 2016; https://gloria.tv/article/bEN1MyxtgdWLLx8gPPxgxX6jV

Bilder:

[Titelbild] Antikabir; Grabstätte des Staatsgründers der Türkei Mustafa Kemal Atatürk; Datei: monument-471329_960_720_bearb.jpg (peds-ansichten.de); aus Originaldatei: monument-471329_960_720.jpg; Foto: Joakim Roubert (d97jro); Quelle: https://pixabay.com/p-471329/?no_redirect ; Lizenz: Public Domain

[b1] Der Nordwesten Syriens mit dem Provinzen Latakia und Idlib; maps.google.de; Bearbeitung peds-ansichten.de

5 Kommentare

  1. Einen durchaus interessanten Beitrag gab es hier: obwohl die Quelle ein SWP Mann ist oder gerade weil er ein SWP Mann ist?
    http://monde-diplomatique.de/artikel/!5313962

    Auch von Thierry Meyssan gab es einen Beitrag dazu den sie wahrscheinlich gelesen haben. Aber Meyssan den ich ansonsten sehr schätze hat mich in diesem Fall eher enttäuscht. Vielleicht aber nur deshalb weil ich eine Bestätigung für meine Meinung suchte.
    http://www.voltairenet.org/article192997.html

    Grüße
    Tom

    1. @Tom

      Danke schon mal für die Links. Der von Le Monde erscheint mir recht brauchbar und muss halt noch durch weitere Quellen gestützt werden. Natürlich ist der Artikel trotzdem selektiv, der Einfluss ausländischer Geheimdienste und Organisationen findet nicht statt. Aber einige Informationen finde ich sehr wichtig. Die hohe Anzahl gut bezahlter aktiver und pensionierter Offiziere (Stichwort Opportunismus) zum Beispiel und die Verbindung der Gülen-Bewegung in das Bildungssystem und den Sicherheitsapparat, ideal um als Proxy im Schattenstaat fremde Interessen zu vertreten.

      Viele Grüße von Ped

    1. @Tom

      Eine Frage bleibt: Warum erwähnen sie Gülen und seine Rolle nicht?

      Das ist ein wichtiges Thema. Fetulah Gülen ist ja – bis zum Zerwürfnis mit Erdogan – ein vor allem ideologischer Mitstreiter von Recep Erdogan gewesen.
      In meinen Analysen habe ich die Gülen-Bewegung bisher ausgespart. Einfach weil die mir bisher zugängliche Quellenlage (aus meiner Sicht) nicht ausreichend ist.
      Der Verdacht liegt natürlich nahe, dass die Gülen-Bewegung Teil des Schattenstaates in der Türkei ist und Vernetzungen zur CIA und dem US-Außenministerium besitzt. Dass eine zukünftige Opposition (als Vielleicht-Regierung) in den USA oder GB „geparkt“ wird, um sie bei gegebenem Zeitpunkt zum Einsatz zu bringen, ist auch ein oft genutztes Mittel US-amerikanischer Interessendurchsetzung.

      Das Thema Gülen-Bewegung werde ich im Laufe der Artikelreihe sicher noch zur Sprache bringen, da bitte ich einfach um etwas Geduld.
      Wenn Sie natürlich gute Quellen zum Thema haben – sehr gern, her damit. 😉

      Viele Grüße von Ped

      PS: Habe nun ein vor kurzem geführtes ausführliches Interview von „Die Zeit“ mit Fetulah Gülen gelesen. Wenn in den „Leit“-Medien dermaßen wohl wollend über einen „unpolitischen Prediger“, in Betrachtung als nur seinem Volk verpflichteten „Landesvater“ gesprochen wird, der inzwischen Erdogan auch nur noch flüchtig gekannt haben will, dann werde ich inzwischen prinzipiell stutzig …

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