Verschwörungstheorien und der Umgang mit Andersdenkenden

Die Wirkung von Sprache auf unser Denken und Handeln an Hand des Begriffes Verschwörungstheorie


Nicht nur, dass auch Kommunikations- und Informationsplattformen außerhalb des Mainstreams den Begriff VT unterschwellig als etwas Negatives betrachten und sich versuchen – manchmal geradezu ungelenk – von Verschwörungstheoretikern zu distanzieren, damit sie nicht unter Umständen mit in die Ecke dieser vermeintlich verschrobenen eifernden Leute gestellt werden. Selbst außerhalb jeder öffentlichen Plattform hat Jeder unterschwellig das Gefühl, dass VT und ihre Träger irgendwie krude, mindestens weltfremd sind und belächeln sie mehr oder weniger. VTen und VTer wurden Dysphemismen, Worte die mit einer negativen Wertung benutzt werden, die negative Assoziationen wecken. Dysphemismen entstehen in der Regel nicht zufällig, sie sind Mittel der Manipulation – wie ihr Gegenstück, Euphemismen.

Ein kleines Beispiel aus der deutschen Wikipedia:

  • Ein Dysphemismus zu Syrien:
    • Praktisch trägt die syrische Regierung Züge einer Diktatur.
  • Ein Euphemismus zu Saudi-Arabien:
    • Obwohl das Königreich keine Theokratie ist, sind laut Grundordnung Staat und Religion nicht getrennt.

Im Wikipedia-Artikel zu Saudi-Arabien kommt der Dysphemismus Diktatur (böse) nicht ein einziges mal vor, obwohl das dort herrschende System natürlich ohne Frage eine Diktatur verkörpert – ungleich radikaler und demokratieferner als die syrische Gesellschaft. Das ist ein klassisches Beispiel für Manipulation – in Wikipedia. Zurück zu VT haben sich also in der öffentlichen Meinungsbildung über das Ansprechen des Unterbewussten folgende Assoziationen herausgebildet – und wer will schon mit solchen Attributen belegt werden:

  • Verschwörungstheorie > unglaubwürdig, spinnig, weltfremd, esoterisch
  • Veschwörungstheoretiker > Eiferer, Lügner, Dogmatiker, Spinner, Esoteriker

Warum das so ist und ob diese Behauptungen der Wahrheit entsprechen, soll hier thematisiert werden – und hilft zu verstehen, wie das Denken in unserer Gesellschaft inzwischen offen wie verdeckt über Medien gesteuert und seiner Rationalität beraubt wird. Es geht somit darum (wie schon im Artikel Die Angst und der Krieg) ein waches Gefühl für Sprache zu entwickeln und außerdem unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion zu stärken. Unsere aktive Auseinandersetzung mit dem Bewussten wie Unterbewussten kann uns wirkungsvoll helfen, Manipulation zu erkennen und richtige Schlüsse aus Informationen zu ziehen. Die Auseinandersetzung mit (sogenannten!) Verschwörungstheoretikern zeigt zudem, wie wir grundsätzlich mit anderen Meinungen umgehen, inwiefern wir versuchen zu verstehen oder uns doch lieber unserer Selbstsucht, unserem Egotismus hingeben!

Theorie und Verschwörung

Mit VT haben wir es – unschwer erkennbar – mit einem zusammengesetzten Wort zu tun. Da bietet sich die Analyse der Wortbestandteile Theorie und Verschwörung geradezu an, beginnen wir mit der Theorie (Quelle: Wikipedia):

„Im Allgemeinen entwirft eine Theorie ein Bild (Modell) der Realität. In der Regel bezieht sie sich dabei auf einen spezifischen Ausschnitt der Realität. Eine Theorie enthält in der Regel beschreibende (deskriptive) und erklärende (kausale) Aussagen über diesen Teil der Realität. Auf dieser Grundlage werden Vorhersagen getroffen. Nach positivistischem Verständnis sind Theorien mit dem Anspruch verknüpft, sie durch Beobachtungen (z. B. mittels Experimenten oder anderer Beobachtungsmethoden) prüfen zu können (Empirie). Diese Beobachtung liefert dann direkt die Wahrheit oder Falschheit der Theorie, d.h. sie verifiziert [bestätigt] oder falsifiziert [widerlegt] die Theorie.“ [1]

Das bloße Aufstellen einer Behauptung ist also KEINE Theorie. Theorien haben einen wissenschaftlichen Anspruch, was somit heißt: Erst das Untermauern durch überprüfbare Sachverhalte in der Realität macht sie zu Dieser und erlaubt eine Schlussfolgerung. Je umfassender die theoretische Basis desto präziser, desto stichhaltiger die Vorhersage. Theorien beanspruchen Universalität, sie abstrahieren bestimmte Komponenten unserer Realität und bringen sie in einen Zusammenhang. Die Prüfung des Wahrheitsgehaltes einer Theorie ist dann genau das, warum sie überhaupt aufgestellt wurde, die Theorie ist ein Mittel um Erkenntnis zu erlangen über tatsächliche, bislang verborgene Sachverhalte der Realität.

Durch verschiedenste Formen des Experiments wird nun der Wahrheitsgehalt einer Theorie untersucht. Theorie sucht nach Wahrheit und kann selbstverständlich, als Produkt menschlichen Geistes, irren. Hat sich eine Theorie z.B. durch Falsifikation – einer speziellen Untersuchung der sich jede Theorie stellen sollte, als ungültig erwiesen, verliert sie an Allgemeinheit oder muss bei fundamentaler Widerlegung verworfen werden. Aber auch eine im Nachhinein sich als falsch herausstellende Theorie kann wertvoll sein, liefert sie doch oft als quasi Nebeneffekt unverhoffte andere Wahrheiten, mindestens aber die Erkenntnis, dass der Weg, der sich als falsch herausgestellt hat, nicht weitergegangen werden muss. Eine Theorie die ihrem Namen gerecht wird, ist demnach das hier auf keinen Fall:

Krude, versponnen, weltfremd, esoterisch…

Damit wird uns bereits die erste Unsauberkeit, der erste Widerspruch in der Benutzung offensichtlich. Theoretiker werden in der Sprachwelt des Mainstreams negativ gezeichnet, unbewusst – aber auch bewusst (warum das, dazu später). Die Menschen aber, welche die Rolle eines Verschwörungstheoretikers ausfüllen, sind schlicht Wissenschaftler, nur so ist der Begriff sinnig. Es sind Wissenschaftler mit dem Fachgebiet Verschwörungen. Frage: Wer meint – nach dem bisher Beschriebenen – einen Verschwörungstheoretiker zu kennen? Befassen wir uns nun mit dem Begriff Verschwörung und lesen im entsprechenden Wikipedia-Artikel:

„Eine Verschwörung (Lehnübersetzung von lat. coniuratio; auch: Konspiration) ist ein heimliches Bündnis mehrerer Personen mit dem Zweck, einen Plan auszuführen; dieser kann ein selbstsüchtiges, verwerfliches Ziel haben und den Schaden anderer einschließen, aber auch die Beseitigung tatsächlicher oder vermeintlicher Missstände umfassen. Eine Verschwörung beruht also nicht notwendigerweise auf moralisch niederen Motiven, sie basiert jedoch stets auf Geheimhaltung und Konspiration. Der Begriff der „Verschwörung“ ist negativ besetzt. Die Heimlichkeit von Verschwörungen ist der Nährstoff zahlreicher Verschwörungstheorien.“  [2]

Was ist das – eine Definition? Aus meiner Sicht nicht, denn eine Behauptung, (nicht einmal eine These) wird aufgestellt, z.B. damit:

„Der Begriff der „Verschwörung“ ist negativ besetzt.“ [3]

Es soll aber gar nicht als Behauptung, nein, der Leser soll es als Definition verstanden wissen, er soll nicht darüber nachdenken, es skeptisch hinterfragen. Dabei kann das so nicht stimmen, Die Verschwörung des 20.Juli 1944 oder die der „Weißen Rose“ sind doch nicht negativ besetzt, oder? Sehr interessant, denn auf diese Weise wurde (per Definition) eine neue Wahrheit geschaffen. Auch das folgende hat in einer Theorie oder These nichts zu suchen:

„Eine Verschwörung beruht also nicht notwendigerweise auf moralisch niederen Motiven…“ [4]

Das ist eine unscharfe Aussage ohne sachlichen Wert, bewirkt aber etwas ganz Entscheidendes: Unser Unterbewusstes nimmt die zwar negierte aber aufgeführte Aussage „moralisch niedere Motive“ trotzdem auf, denn es ist nicht in der Lage zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und es kann auch mit der Verneinung nichts anfangen, die Konnotation festigt die negative Bewertung in unserem Unterbewussten. Zur Erläuterung: Möge der Leser doch bitte mal NICHT an einen Schokoladenweihnachtsmann denken, es wird nicht gelingen. Schauen wir weiter:

„Die Heimlichkeit von Verschwörungen ist der Nährstoff zahlreicher Verschwörungstheorien.“ [5]

Gibt es denn tatsächlich so viele Theorien über den Begriff der Verschwörung? Dem Autor ist eine Einzige(!) bekannt, die von Karl Popper (s.u.), fein manipulativ aber ist die Sequenz „Nährstoff zahlreicher Verschwörungstheorien„, (für mich) bewusst wird „Nährstoff“ angewandt, das klingt unseriös und unwissenschaftlich und nährt die krude Vorstellung von VT. Wären Begriffe wie „Ausgangspunkt“, „Basis“, „Grundlage“ nicht treffender und neutraler gewesen? Dass die Heimlichkeit von Verschwörungen wirklich Grundlage zahlreicher VT sein soll – und ich wiederhole die Frage: Welcher!? – kann man wohlwollend allenfalls als Hypothese auffassen, mehr nicht. Und es ist nicht stimmig, denn: Das Wort Verschwörungen hat seine Quelle in „schwören“, als fest und uneingeschränkt zu einem Ziel bzw. einer Auffassung zu stehen. Mehrere Menschen können gemeinsam auf diese Auffassung – auch öffentlich – einen Eid schwören, damit bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, sie verschreiben, verdingen sich einem gemeinsamen Ziel, sie sind – Verschwörer. Das kann konspirativ geschehen, muss es aber nicht! Abgesehen von der Tatsache, dass der Inhalt des Satzes manipulieren soll, ist er unsinnig!

Der Duden bietet entsprechend auch verschiedene Synonyme (Verwendungen, Bedeutungen) des Wortes „verschwören“ an:

  1. eine Verschwörung beginnen, ein Komplott schmieden, gemeinsame Sache machen, sich heimlich verbinden/verbünden, konspirieren; (umgangssprachlich) unter einer Decke stecken; (meist abwertend) sich zusammenrotten; (veraltet) komplottieren, konjurieren [6]

  2. sich einsetzen, sich ergeben, sich hingeben, sich in den Dienst stellen, sich verschreiben, sich widmen; (gehoben) sich anheimgeben, frönen, sich weihen; (gehoben, öfter leicht ironisch) huldigen [7]

Die Verschwörungstheorie und Wikipedia

Kommen wir zum Hauptthema, zur VT und wieder sei zuerst Wikipedia zitiert:

„Als Verschwörungstheorie bezeichnet man im weitesten Sinne jeden Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck. Der Begriff Verschwörungstheorie wird zumeist kritisch oder abwertend verwendet.“ [8]

Dem aufmerksamen Leser fällt auf, dass unverblümt auf das Unbewusste gezielt wird, um dessen negative Empfindung zum erläuterten Begriff „zu füttern“ – und so empfindet denn auch der Großteil der Menschen:

Verschwörungstheoretiker sind Leute, die alles, aber auch wirklich alles über VT versuchen herzuleiten (alles Spinner, weltfremd, realitätsfern, Esoteriker, Wahrheitsleugner).

Das Negativum wird dann auch gleich nochmal nachdrücklich zum Ausdruck gebracht, in dem eine solch schwammige Aussage hinter hergeschoben wird wie:

„Der Begriff der VT wird zumeist kritisch oder abwertend verwendet.“ [12]

Zumeist? Von wem? Ist es nicht verwunderlich, dass eine Informationsplattform mit wissenschaftlichem Anspruch solch unscharfe Begriffe verwendet. Zudem wird kritisch (emotional) in eine Oder-Beziehung zu abwertend gestellt. „Kritisch“ wird dadurch im wiederum negativen Kontext wie eben „abwertend“ betrachtet, was für den Leser nur schwer zu durchschauen ist, aber sein Unbewusstes sehr wohl erreicht. Das vermittelte Gefühl, Kritik als etwas Negatives zu empfinden, ist fatal, denn es trägt dazu bei, Kritik – einschließlich der Selbstkritik – nicht zu zulassen. Es impliziert, dass man sich davor, weil unbewusst negativ empfunden, schützen muss. Wo aber keine Kritik, da ist auch keine Veränderung!

„Als Kommunikation über Probleme bildet Kritik eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Probleme behoben werden können. […] Die erlernte Fähigkeit, Kritik nicht als Angriff gegen die eigene Person, sondern als nützlichen Hinweis für Handlungsverbesserungen aufzunehmen, und die erlernte Fähigkeit, Kritik so zu üben und zu formulieren, dass sie anstatt zu kränken im Gegenteil motiviert, wird als Kritikkompetenz bezeichnet.“ [13]

Und es sei hinzugefügt, Kritikfähigkeit erfordert Empathie. Weitergehend erfordert die Fähigkeit zur Selbstkritik gleichermaßen Selbstempathie. [14]

Was aber den wenigsten auffällt, ist die Tatsache, dass der Begriff VT in einem falschen Kontext verwendet wird, im Alltagsleben, aber beileibe nicht nur dort ist er seiner sprachlichen Logik beraubt. Ist das nach dem bisher Formulierten schon dem Einen oder Anderen bewusst?

Die Verschwörungstheorie und Karl Popper

Erstmalig (öffentlich) bekannt wurde der Begriff VT mit dem im Jahre 1945 erschienenen Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ des österreichischen Philosophen Karl Popper. Seine Deutung des Begriffs erscheint mir maßgebend für die von Wikipedia verfasste Definition. Popper sprach von einer ganz bestimmten Theorie, der Verschwörungstheorie der Gesellschaft und definierte sie so:

„daß die Erklärung eines sozialen Phänomens in der Entdeckung besteht, daß gewisse Menschen oder Gruppen an dem Eintreten dieses [Ereignisses] interessiert waren und daß sie konspiriert haben, um es herbeizuführen. (Ihre Interessen sind manchmal verborgen und müssen erst enthüllt werden).“ [9]

Die Aussage wirkt wesentlich sachlicher und enthält sich auch jeglicher (emotionaler) Bewertungen  (man beachte auch seine Einschränkung „manchmal verborgen“). Auch ist Popper sich durchaus nicht so sicher, dass diese Theorie (die er aber doch eher selbst kreiert) stimmig ist und so sagt er danach:

„Diese Ansicht von den Zielen der Sozialwissenschaften entspringt natürlich der falschen Theorie, daß, was immer sich in einer Gesellschaft ereignet, das Ergebnis eines Planes mächtiger Individuen oder Gruppen ist. Besondere Ereignisse wie Krieg, Arbeitslosigkeit, Armut, Knappheit, also Ereignisse, die wir als unangenehm empfinden, werden von dieser Theorie als gewollt und geplant erklärt.“ [10]

Er begründet es damit, dass auf diese Weise alle Ergebnisse menschlichen Handelns durch Verschwörungen begründet werden sollen, was nach seiner Meinung nicht stimmen kann, weil doch – vereinfacht gesagt – das Geschehen auch auf einer Vielzahl von Individuen mit nicht vorhersehbarem Handeln und unzähligen anderen Faktoren basiert.

Dem darf widersprochen werden, denn hier wird ein seit tausenden von Jahren die menschlichen Gesellschaften bestimmendes Kriterium ausgeblendet, die Macht. Das Denken in Machtkategorien, das Beherrschen und Unterwerfen ist Teil der menschlichen Natur, mehr noch ist es bis heute eine grundsätzliche Herangehensweise in Politik und Gesellschaft. Was Popper wohl nicht anerkennen will, ist das Faktum, dass ein machtbewusster Mensch, diese Macht – allein oder im Verbund mit Anderen – auch unbedingt zu seinem (egoistischen) Vorteil anwenden will und wird! Das gilt auch für Menschen, die beherrscht werden, aber gleichermaßen denken und bestrebt sind, innerhalb der Machthierarchien aufzusteigen und so ebenfalls zu Macht zu gelangen.

Wenn Menschen derart geprägt sind, handeln sie hochgradig egotistisch, und da ihre Ziele eigennützig – und somit kaum im Sinne der Allgemeinheit liegen, müssen sie ihre Handlungen vertuschen. Sie sind gezwungen zu intrigieren, zu lügen – und natürlich werden sie sich verschwören. Das taten sie und tun sie bis heute, Machtmenschen sind aktiv, sie treiben Prozesse stetig voran (weil sie in ihrer Psychose(!) Getrieben sind), leider in überwiegend die Gesellschaft schädigender Art und Weise. Natürlich ist damit nicht gesagt, dass der Mächtige bzw. Macht anstrebende die Ziele auch immer erreicht. Popper relativiert sich auch in gewisser Hinsicht und sagt weiterhin:

„Ich muss also zugeben, daß Verschwörungen vorkommen. Aber die auffallende Tatsache, die die Verschwörungstheorie trotz der Existenz von Verschwörungen widerlegt, ist, daß nur wenige Verschwörungen am Ende erfolgreich sind. Verschwörer genießen nur selten die Früchte ihrer Verschwörung.“ [11]

Ob Verschwörer nur selten die Früchte ihrer Verschwörung genießen – nun, wir wissen es nicht. Aber immer dort wo Macht ausgelebt wird, werden die verbindenden Eigenschaften des Menschen untergraben und durch Eigennutz ersetzt. Dass unsere Gesellschaften auf Machtstrukturen basieren, macht Verschwörungen unausweichlich. Poppers Argumentation ist auch anderweitig nicht schlüssig, denn er unterstellt den Verschwörern in der Theorie (zwingend), dass sie Armut, Arbeitslosigkeit, Krieg, Knappheit mitplanten. Psychopathen der Macht – da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben – fassen auch so etwas in´s Kalkül und setzen es um, aber nicht zwingend. Wenn es ihnen selbst nützt, werden sie diese Faktoren sogar bekämpfen, alles dient einzig dem Ziel, über Machtausübung und Erweiterung diese Macht zu genießen.

Bevor wir Karl Popper nun wieder verlassen, sei hier auf ein feines aber äußerst wichtiges sprachliches Detail hingewiesen, denn er spricht immer von

DER Verschwörungstheorie, nicht von Verschwörungstheorien (im Plural).

Das alles berechtigt zu der These:

Eine VT ist ein allgemeines theoretisches Modell und kann hilfreich sein, spezielle Verschwörungen zu analysieren bzw. aufzudecken. Mit speziellen Verschwörungen befasst man sich über das Aufstellen von Thesen oder Hypothesen. Die Erkenntnisse aus den untersuchten Verschwörungen helfen, die (allgemeine) VT weiter zu entwickeln (Bsp. s.u.).

Sind Verschwörungstheorien absurd?

Die Frage ist irreführend, dass sollte nach der gerade gelesenen Erklärung auffallen. Weiter oben habe ich bereits darauf hingewiesen, dass Karl Popper nur von DER Verschwörungstheorie spricht, eine weitere außer DER Verschwörungstheorie ist paradox (oder kennt jemand mehr als eine Evolutionstheorie, oder mehr als eine allgemeine Relativitätstheorie oder mehr als eine konkurrierende Spieletheorie?). Wenn es mindestens eine Verschwörung gab, dann ist selbstverständlich auch eine Theorie sinnvoll. Verschwörungen gab und gibt es aber unzählige, im Kleinen wie im Großen. Und die im Großen, mit ihren desaströsen Auswirkungen sollten allein deshalb einer umfassenden theoretischen Betrachtung (wenn auch in einem anderen Sinn, so doch nach Karl Popper in einer Verschwörungstheorie der Gesellschaft) ausgesetzt werden. In diesen Betrachtungen könnte man forschen nach Motiven, Mechanismen, Werkzeugen, speziellen Charakteristiken, Symptomen usw. Geheime Verschwörungen auf gesellschaftlicher Ebene die ohne Zweifel den Interessen der Gemeinschaften zuwider liefen, einzig egoistische Machtinteressen bedienten, dazu hier ein paar wenige Beispiele:

  • Sturz der Mossadegh-Regierung im Iran (1953)
  • Sturz der Arbenz-Regierung in Guatemala (1954)
  • Sturz der Sukarno-Regierung in Indonesien (1966)
  • Sturz der Sihanouk-Regierung in Kambodscha (1970)
  • Legitimierung der Kriege gegen Laos und Vietnam (1964 – 1973)
  • Geheimer Krieg gegen die Ortega-Regierung in Nikaragua (1981 – 1990)
  • Legitimierung des Krieges gegen Serbien (1999)
  • Legitimierung der Kriege gegen den Irak (1990, 2003)
  • Sturz der Gaddafi-Regierung in Libyen (2011)
  • Geheimer Krieg gegen die Assad-Regierung in Syrien (seit 2011)
  • Sturz der Janukowitsch-Regierung in der Ukraine (2014)

In jedem Fall wurde die Bevölkerung (Opfer wie Täter) hintergangen, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie wurden gebrochen, so wie es gerade ins Machtkalkül passte. Es handelte sich also ohne Zweifel sämtlich um Verschwörungen. Und ebenso klar ist, dass es engagierten, oft mutigen Menschen zu verdanken ist, dass sie die Tatsachen und Behauptungen untersuchten, auf ihren Wahrheitswert prüften und somit die Verschwörungen aufdeckten. Ohne diese Menschen würden die Lügengebilde heute noch stehen, Lügengebilde die regelmäßig auch die Begrifflichkeiten umdrehen. Man zeigt auf den Anderen, als den Aggressor, den Verletzer von Freiheit und Menschenrechten. Man macht zynischerweise das Opfer zum Täter, in letzter Konsequenz heuchelt man Frieden und führt in den Krieg, wie schreibt doch George Orwell in seinem Roman 1984:

„Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ [15]

Der Spruch prangt am Ministerium für Wahrheit (und Vergleiche zur zunehmenden Einheitsmeinung in den Leitmedien drängen sich auf). Wahrheit wird verordnet! Weiterdenkend ist der Träger von Deutungs- und Meinungshoheit auch der Träger der Wahrheit – in einem solchen System. Und nochmal: Diese Wahrheit bedarf keiner Konsistenz und Logik, Hauptsache sie ist verinnerlicht! Wie weit sind wir heute von der fiktiven Wirklichkeit Orwell´s entfernt?

Deutungshoheit und Meinungshoheit

Theorien sind sachlich, mit wissenschaftlichem Anspruch, sie suchen ernsthaft nach Wahrheit. Theorien sind an sich wertfrei, was natürlich nicht für die oft sehr persönliche Motivation ihrer Aufstellung gilt. Wenn Theorien der Wahrheitsfindung dienen, welche zum (egoistischen) Nachteil von Machtmenschen bzw. Machtgruppen gereicht, dann werden von diesen die Theorien angegriffen. Da sich die Angreifer eben nicht der Wahrheit – und damit im Sinne von Kooperation – bedienen können, versuchen sie ihre Ziele destruktiv zu erreichen. Sie stören, zerstören die kooperativen Bindungen der Wahrheitssuchenden, sie säen egotistische Stimmungen, vor allem Angst, als Grundlage für Misstrauen, Abneigung, bis hin zum Hass. Sie versuchen also, diese Menschen auszugrenzen, zu isolieren. Das geschieht unter Ansprechen des Unterbewussten. 

Genau so werden Personen, Gruppen und Gesellschaften manipuliert, um deren legitime und für die Gemeinschaft sinnvolle Wahrheitssuche zu unterbinden. Diese Verhinderer des Erkennens und Aufdeckens von Wahrheiten benötigen Machtstrukturen, in denen sie große Gruppen von Menschen für ihre Ziele einbinden können. Gelingt ihnen diese Einbindung, die (geistige) Unterwerfung, dann erlangen sie die Deutungshoheit. Dann sind SIE es, welche bestimmen, was Wahrheit ist – und was nicht. Und so ist auch IHRE Wahrheit über Verschwörungstheorien entstanden, es ist eines der Neusprech-Begriffe [Orwell 1984], um Macht auszuüben. In die Geschichte zurückgeschaut, fielen mir übrigens rasch zwei weitere Theorien auf, die in ähnlicher Weise angegriffen und unterdrückt worden:

  • Die Theorie, dass die Erde um die Sonne kreist (Kopernikus)
  • Die Theorie über die Entstehung der Arten (Darwin)

Wie Machtstrukturen benutzt werden, dafür genügt ein Blick in die Diskussionsseiten von Wikipedia, beispielhaft sei eben die zur Verschwörungstheorie genannt. Sachliche Argumentationen werden dort mittels haasträubender Begründungen zurückgewiesen. Selbst solche Portale wie heise.de werden als nicht glaubwürdige Quellen abqualifiziert, auch wenn die Wissenschaftler mit Namen und Adresse aufgeführt werden. Man beachte auch die Verlinkungen, welche in überwältigendem Maße auf Artikel der Mainstream-Medien verweisen. Wikipedia kommt auf gesellschaftlicher-, politischer-, ideologischer Ebene immer mehr dem Orwellschen Wahrheitsministerium nahe. Noch wird die Versionshistorie von Wikipedia öffentlich zugänglich gehalten, daher sei auch diese, sofort nach ihrer Veröffentlichung wieder gelöschte Seite dem Studium empfohlen (Original lokal gesichert): Gelöschte Version zum Begriff von Verschwörungstheorien in der deutschen Wikipedia. Auch der dort gezeigte Inhalt kann kontrovers diskutiert werden, unterscheidet sich aber stark von der offiziell postulierten Meinung.

Damit ist auch deutlich geworden, wer NICHT an VT interessiert ist, Es sind die Verschwörer und die von ihnen Manipulierten. Mit ihrer Art des Umgangs mit VT entlarven sie auch ihren Charakter. Da sie lügen und verschleiern (müssen), um ihre Ziele über die jeweilige Verschwörung zu erreichen, schließt dies eine wahrhaftige und sachliche Argumentation aus und so erklärt sich auch der Irrationalismus in ihren Behauptungen, ihr Bestreben uns über unsere Emotionen (Angst, Hass) zu steuern und so weit wie möglich unsere Ratio auszuschalten. Da erscheint es nur logisch, dass Werkzeuge der Machteliten – wie deren Geheimdienste – aktiv die negative Emotionalisierung des Begriffs VT in die Sprache der Mächtigen vorantrieben.

Richtig bekannt wurde der Begriff VT in den USA erst im Jahre 1965, als die Arbeit des dort populären (zweimal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten und des Laissez-faire-Kapitalismus anhängenden) Historikers Richard Hofstaedter erschien, betitelt mit “The paranoid style in American Politics”, womit auch der nachvollziehbare Anlass für die Schrift genannt ist. Hofstaedter erkannte sehr wohl den Zusammenhang zwischen (Konzentration von) Macht und Verschwörungen, dass VT (Thesen) Produkt einer gefühlten Bedrohung von Volkssouveränität und Demokratie durch die ungeheure Konzentration wirtschaftlicher Macht sind und ebenso durch die Art und Weise imperialer US-Politik begründet sind:

„[…] also contended that conspiracy theories arise from the mass sentiment that popular sovereignty and republican principles are threatened by concentrated economic powers and the exercise of American imperial power in world affairs.“ [16][17]

Ist es ein Zufall, dass sich umgehend der führende US-amerikanische Geheimdienst, dieses Begriffs annahm, um es zukünftig als „Schlagwort“ zu nutzen? Ist es schlussfolgernd eine Überraschung, das VT als fragwürdig populärer Begriff nachfolgend auf geheimnisvolle Weise auch in Deutschland auftauchte?

1967-01-04_CIA-Directive_1035-960_themindrenewed.com

Die CIA-Direktive 1035-960 [a]

In seinem Buch „Conspiracy theory in America“ schreibt Lance DeHaven-Smith – Professor an der Universität von Texas, dass die Begriffe VT und Verschwörungstheoretiker gezielt von der CIA (mittels Direktive 1035-960) eingeführt wurden [18], um die aufkommenden Zweifel an der offiziellen Version der Warren-Komission zur Emordung John F.Kennedy´s im Jahre 1963 [19] zu bekämpfen:

„Die CIA-Kampagne, welche zum Ziel hatte, den Begriff Verschwörungstheorie populär zu machen und zugleich in Misskredit zu bringen, muss unglücklicheweise als eine der erfolgreichsten Propagandainitiativen der Geschichte bezeichnet werden.“ [20]

Besonders widerwärtig ist die Tatsache, dass hier ein Mechanismus zur Ausgrenzung Andersdenkender entwickelt wurde. Hierzu sagten die Professoren Ginna Husting und Martin Orr im 2007 erschienenen Artikel „Dangerous Machinery: Conspiracy Theorist´s as a Transpersonal Strategy of Exlusion“ [21]:

„Wenn ich sie einen Verschwörungstheoretiker nennen würde, macht es nur wenig Unterschied, ob sie nun behaupten, dass eine Verschwörung existiert oder ob sie ein Thema angeschnitten haben, was ich lieber vermeiden möchte… Indem ich sie mit diesem Begriff versehe, schließe ich sie strategisch von der Sphäre der öffentlichen Rede, Debatte und des Konflikts aus.“ [22]

Und James F.Tracy (Prof. f. Medienwissenschaften an der Universität Atlanta) meint:

„Heutzutage sind Moderatoren der Nachrichtenkanäle und -sendungen und Kommentatoren mehr denn je in der Lage, gegen jeden, der es wagt, die offiziellen Darstellungen und Narrative umstrittener und in ihrer Bedeutung oft wenig verstandener Ereignisse infrage zu stellen, Propagandaaktivitäten zu entfalten, die sehr an die Methoden erinnern, wie sie in dem Dokument 1035-960 dargelegt wurden. Und da die Beweggründe und Vorgehensweisen, wie sie dort dargelegt werden, offenbar von vielen Intellektuellen verinnerlicht und von bestimmten Medien fast bis zur Perfektion ausgestaltet wurden, ist die fast widerstandslose Akzeptanz der Öffentlichkeit gegenüber der offiziellen Darstellung unaufgeklärter Ereignisse [gegeben] … [23]

Verschwörungstheorie, Thesen, Hypothesen

Einen Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, zeugt von der Angst der Verunglimpfenden, dass (für sie) unangenehme Wahrheiten an´s Licht kommen. Wir bräuchten sie so dringend, allerdings ist mir kein Verschwörungstheoretiker bekannt und auch wir sind KEINE Verschwörungstheoretiker, auch wenn wir uns durch den Begriff mitunter unangenehm getroffen fühlen – nur deshalb allerdings, weil wir der Manipulation, die über die Deutungshoheit des Begriffes, damit seiner negativen Konnotation, auf uns ausgeübt wurde, unterlegen sind. Werden wir uns dessen nicht bewusst, fehlt uns also die Reflexion, was da in unserem Unterbewusstsein angestellt wurde, sind wir steuerbar, wir sind konditioniert. Wir entwickeln eine defacto „Schere im Kopf“ und beginnen, eigene Wahrheiten oder unbequeme Fragen zu unterdrücken, aus Furcht vor Ausgrenzung.

Wir selbst sind keine Verschwörungstheoretiker, weil wir uns einfach nicht (wissenschaftlich) mit der Theorie der Verschwörung beschäftigen. Einige mögen vielleicht ganz bestimmte bekannte Verschwörungen bzw. mögliche Verschwörungen untersuchen und stellen dazu Thesen oder Hypothesen auf. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die „These“ eine Theorie im Kleinen ist, weniger universell als diese, aber ebenso wissenschaftlichen Ansprüchen genügen muss:

„Eine These ist eine Behauptung. Die These wird aufgestellt, um eine Argumentation einzuleiten und gilt als Ausgangspunkt einer solchen. Sie ist somit die Grundlage einer wissenschaftlichen Arbeit und muss mit gültigen Mitteln bewiesen werden. In der dialektischen Argumentation ist das logische Gegenstück der These die Antithese.“ [24]

Die „These“ ist nicht mit der „Hypothese“ gleichzusetzen:

„… die Hypothese [(wörtlich: Unterstellung) kann] im Gegensatz zur These auch unwahr sein kann, was wir folglich in der Arbeit überprüfen müssen. Bei einer These gehen wir nämlich immer davon aus, dass sich diese bewahrheitet und beweisen diese Wahrheit. Bei der Hypothese untersuchen wir lediglich den Wahrheitsgehalt der Aussage → Deutungshypothese.“ [25]

Beispiel: Dass der Sturz der ukrainischen Regierung im Jahr 2014 unter maßgeblicher Mitwirkung US-amerikanischer Geheimdienste und NGOs durchgeführt wurde, ist eine These. Wir haben starke Argumente und gehen davon aus, dass sich diese These bewahrheitet. Dass es sich statt des Putsches um einen demokratischen Machtwechsel handelte, sehen wir als eine Hypothese. Wir sehen nur schwache Argumente für die Behauptung und untersuchen daher kritisch den Wahrheitsgehalt der Aussage, wir sind skeptisch.

„Ein Skeptiker [ist] ein Mensch, der zweifeln kann. Ein Skeptiker ist sich keiner Sache zu 100% sicher. Ein Skeptiker hält eine Behauptung nicht für wahr, wenn es keine guten Gründe, Argumente und Belege für die Wahrheit einer Behauptung gibt. Ein Skeptiker diskutiert gerne, denkt gerne nach, hinterfragt Dinge und überprüft Behauptungen mittels Rationalität, also seiner Vernunft und seinem Verstand. Ein Skeptiker hält kritisches Denken und die Überprüfung von Behauptungen für die wichtigste (vielleicht einzige?) Methode, um zwischen wahr und falsch unterscheiden zu können.“ [26]

Und schon haben wir einen weiteren Begriff, der zunehmend in einer negativen Aura steht, Skeptiker. Auch Skeptiker müssen verteufelt werden, die offizielle Meinung darf nicht hinterfragt werden, die offiziell verkündete Wahrheit steht fest und ist alternativlos, so offensichtlich die gegenstehenden Sachverhalte auch sein mögen. Das ist ein schlimmer Trend, über unser Unterbewusstes sollen wir trainiert werden, über bestimmte Dinge nicht nachzudenken, sie kritiklos hinzunehmen, wir werden also über solche „Kleinigkeiten“ massiv manipuliert.

Jenseits der Verschwörungstheorie

Wenn ich meinem Gegenüber sage: „Dich verachte ich, weil du so bist und denkst, wie du bist und denkst“ und mein Gegenüber antwortet: „Genau das bist Du auch und ich verachte dich ebenso“, dann haben wir beide in doppeltem Sinne recht und handeln dem Zeitgeist entsprechend, der kleine Krieg ist schon im vollen Gange.

Wenn es nun aber doch alles krude und versponnen ist, was mein Gegenüber von sich gibt? Dann ist dies zuallererst mein ganz persönlicher emotionaler Eindruck. Dann ist das, was ich höre, weit genug weg von meinem Selbstverständnis, so dass ich in kognitive Dissonanz gerate. Und nun?

Das eben ist der Lackmustest, inwiefern wir wirklich bereit sind, Veränderungen in uns selbst zuzulassen (Und damit ist nicht gemeint, dass ich nach Ende eines Disputs das Weltbild meines Gegenüber angenommen habe.). Denn was wollen wir?

Wir möchten andere Menschen mit unseren Ansichten erreichen, vor allem Menschen mit bislang anderen, ganz anderen, ganz ganz anderen Ansichten. Das geht nur, wenn diese Menschen uns zuhören, wenn sie sich auf uns einlassen. Und dieses Einlassen beruht auf Gegenseitigkeit und wird nur funktionieren, wenn auch wir die Fähigkeit haben zuzuhören. Wenn wir das nicht aushalten, dann werden wir mit unseren Idealen, unserem Wissen einfach weiter im eigenen Saft schmoren.

Ohne die Kraft des Zuhörens werden all unsere Bemühungen um den Frieden (im Großen wie im Kleinen) schlichtweg versanden!

Zuhören bedeutet Achtung, Empathie. Zuhören ist Vorleben, gibt ein Beispiel und kann Andere aufmerksam machen auf eine ganz andere Art der Diskussionskultur. Es ist das Aufzeigen einer Möglichkeit und selbst wenn der gegenüber sich dieser Möglichkeit nicht annimmt, ist nichts verloren, die Dinge brauchen Zeit. Mit dem Zuhören erlange ich desweiteren erst einmal Zugang zu den Argumenten des Anderen.

Desweiteren muss ich die Fähigkeit besitzen, mich auf die Argumente einzulassen, statt meinen negativen Emotionen nachzugeben, ich muss der Versuchung widerstehen mich einer gewissen Überlegenheit hinzugeben. Tue ich es doch, nehme ich den Anderen nicht wirklich ernst! Wir wissen doch, dass es zwischen Schwarz und Weiß unendlich viele Graustufen gibt. Es lässt sich also in den meisten Fällen gar keine Entweder-Oder-Aussage machen. Und selbst wenn ich nach der Auseinandersetzung in meinem eigenen Kopf das Gesamtbild des Anderen nicht teile, heißt das noch lange nicht, dass er mir vielleicht nicht den einen oder anderen interessanten Impuls gegeben hat, oder das wichtige und richtige Teilaspekte benannt wurden, die ich selbst zuvor nicht berücksichtigt hatte.

Außerdem kann ich mit der vom Anderen vorgebrachten Antithese meine eigene These auf Plausibilität und Belastbarkeit testen und unter Umständen korrigieren. Reflexartiges Reagieren bedeutet, unser Unbewusstes Sprechen zu lassen, damit nehmen wir uns die Möglichkeit, Gedanken zu verarbeiten. Bemühen wir uns, der Versuchung zu widerstehen, fehlende Argumente durch Rethorik zu ersetzen. Vertreten wir unsere eigenen Auffassungen sachlich, zeigen wir dabei, dass wir selbst fehlbar und damit offen für andere Meinungen sind. Stellen wir eigene Argumente nicht GEGEN die des Gegenüber. Stellen wir Fragen, damit zeigen wir Interesse, vermeiden wir auch hier Rhetorik (z.B. Suggestivfragen). Erkennen wir, dass wenn unser Gesprächspartner in Erklärungsnot gerät, seine Diskussionsweise zunehmend emotional, unlogisch und verletzend wirkt, ist das oft ein Zeichen, dass er in kognitive Dissonanz gerät, dass er sein Weltbild und einhergehend seine Persönlichkeit gefährdet sieht.

Man muss über Empathie erkennen, wenn der Andere in Not ist. Es stellt sich nun die Herausforderung an die eigene Persönlichkeit, die Emotionalität des Anderen nicht zu sehr an sich heran zu lassen. Die Menschen brauchen Zeit, um einen solchen Konflikt aufzulösen, bekommen sie die, ist das auch eine Chance für uns, diese Menschen zukünftig besser zu erreichen und von ihnen zurück zu bekommen.

Vergessen wir nicht, Ergebnis einer Diskussion kann auch sein, dass etwas in unserem Weltbild plötzlich so gar nicht mehr passt. Kommt es dazu, wird sich an unserer Reaktion darauf zeigen, wie weit wir mit unserem ganz eigenen Weg gekommen sind.

Mit Verschwörungstheorien habe ich den Artikel überschrieben und deshalb noch ein abschließender Satz zum Begriff:

Akzeptieren wir den Dysphemismus der Verschwörungstheorie (respektive Verschwörungstheoretiker) für uns selbst NICHT! Wohl wissend, dass das Unterbewusstsein eines jeden von uns, auch und vor allem auf gesellschaftlicher Ebene, mehr oder weniger gezielt beeinflusst wird. Letztendlich geht es darum den Begriff Verschwörungstheorie aus der Klammer von Neusprech zu befreien! Denn die Beendigung der eigenen Unterwerfung unter diese manipulierende, kontrollierende Sprache (eben Neusprech) muss eine unserer Aufgaben sein, um frei über unser Ich verfügen zu können.

Quellen

[1] Begriff „Theorie“ in deutscher Wikipedia; 2015-04-26; http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie

[2][3][4][5] Begriff „Verschwörung“ in deutscher Wikipedia; 2015-04-26; http://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rung

[6][7] Der Duden, Begriff „verschwören“; 2014-04-26; http://www.duden.de/rechtschreibung/verschwoeren#Bedeutung1b

[8][12] Begriff „Verschwörungstheorie“ in deutscher Wikipedia; 2015-04-26; http://de.wikipedia.org/wiki/Verschw%C3%B6rungstheorie

[9][10][11] Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen.; Karl R. Popper 7. Auflage, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1992, S. 119

[13] Begriff der „Kritik“ aus psychologischer Sicht in deutscher Wikipedia; 2014-04-26; http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik#Psychologische_Perspektive

[14] Die Angst und der Krieg; 2014-04-07; http://peds-ansichten.de/die-angst-und-der-krieg

[15] 1984; George Orwell; 1948; http://www.planetebook.com/ebooks/1984.pdf

[16] The paranoid style in American politics and other essays, Richard Hofstaedter; 1967; New York; Vintage Books

[17] Jenseits von Tabu und Paranoia? Eine kritische Studie zur Variabilität von Verschwörungstheorien und Verschwörungen; Roland Sonntag; 2014; Diplomica Verlag; ISBN: 978-3-95850-808-8

[18] Die unsichtbare Hand des Meinungsmarktes; Reinhardt Gutsche; 2014-12-19; https://www.freitag.de/autoren/reinhardt-gutsche/die-unsichtbare-hand-des-meinungsmarktes

[19] Concerning Criticism of the Warren Report; http://www.jfklancer.com/CIA.html

[20] Conspiracy theory in America, DeHaven-Smith, Lance; 2013; first edition; University of Texas Press; ISBN 978-0-292-74379-3

[21] Conspiracy theorists sane; government dupes crazy, hostile; 2013-02-12; http://www.presstv.ir/detail/2013/07/12/313399/conspiracy-theorists-vs-govt-dupes/

[22] http://www.exopolitik.org/wissen/zeitgeschehen/9-11/833-studien-zeigen-verschwoerungstheorien-rationaler-als-dargestellt

[23] Foundation of a Weaponized Term; James F. Tracy; 2013-01-20; http://memoryholeblog.com/2013/01/20/cia-document-1035-960-foundation-of-a-weaponized-term/

[24][25] Definition der „These“; http://wortwuchs.net/these/

[26] Begriff des „Skeptikers“; http://www.nachdenken-bitte.de/skeptizismus/skeptiker-aus-liebe-zu-den-menschen/

[a] CIA-Direktive 1035-960; http://themindrenewed.com/images/documents/countering/docs/aarc-rhwork-12_0001_0003.png

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2 Kommentare zu Verschwörungstheorien und der Umgang mit Andersdenkenden

  1. Christ la Mist sagt:

    Guter Beitrag…. Sehr erhellend…. Danke für diese Einsicht….

  2. Anna Torus sagt:

    Danke für den guten und ausführlichen Artikel. Ich bin zufällig darauf gestoßen, als ich selbst gerade etwas für meinen Artikel zum gleichen Thema recherchiert habe. Deiner ist aber um einiges gründlicher. 😉 Doch man könnte sowieso viele Bücher dazu schreiben, das Thema ist so breitgefächert und am Begriff des Verschwörungstheoretikers lässt sich auch wunderbar der gegenwärtige Zustand unserer Gesellschaft herausarbeiten.
    Zum Begriff des „Skeptikers“: Da bin ich ebenfalls bei meiner Recherche auf diesen Kommentar von Sascha Lobo gestoßen: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/lobo-kolumne-pseudoskepsis-zweifelt-an-allem-ausser-an-sich-selbst-a-1016636.html Dort schwadroniert er allen Ernstes vom „schlechten Bastard der Skepsis“, der „Pseudoskepsis“ (interessanterweise wird auch Popper zitiert), einer „falschen Skepsis“, die unbedingt von „richtiger Skepsis“ zu unterscheiden ist.
    Es braucht einfach mehr Aufklärung zum Manipulationspotential solcher Begriffe.

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