Die Kunst der offenen Briefe

und weitere Fragestellungen — ein Standpunkt von Ruben Schattevoy.


In der aktuellen Krise hat die Machtelite Oberwasser gewonnen, hat die Staatsgewalten, die Parteien, die Medien, die Konzerne, die Verbände (insbesondere deren Funktionäre) wie auch die breite Mehrheit der Bevölkerung hinter sich gebracht und die verbliebene Opposition weitgehend marginalisiert, stigmatisiert und unsichtbar gemacht. Der Diskursraum ist künstlich verengt, das Machtgefälle und die Unterdrückung abweichender Sichtweisen sind bedrohlich angewachsen.


Wie können Menschen mit unterschiedlichen Meinungen in einer asymmetrischen Situation wie dieser im politischen Raum weiterhin vernünftig miteinander kommunizieren? Wie können die für eine Demokratie konstituierenden Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse unter diesen Bedingungen aufrecht erhalten werden?

Meine Antwort auf diese Fragen hat viel mit dem Thema Standhaftigkeit, also dem beharrlichen Einnehmen des eigenen Standpunkts, zu tun…

Zur Coronaimpfung haben die Menschen viele verschiedene Meinungen. Für diejenigen, die sich unter den gegebenen Umständen nicht impfen lassen wollen, greife ich hier drei Meinungen beispielhaft heraus: grundsätzlich gegen jede Art von Impfung; grundsätzlich gegen jede Impfung, die sich gegen saisonale Atemwegserkrankungen (und damit auch gegen Corona) richtet; grundsätzlich gegen jede Impfung, die nicht dem anerkannten Stand von Wissenschaft und Technik entsprechend validiert wurde. Für diejenigen, die sich unter den gegebenen Umständen freiwillig impfen lassen wollen, greife ich ebenfalls drei Meinungen beispielhaft heraus: grundsätzlich für jede empfohlene Impfung gegen Corona; grundsätzlich für jede empfohlene Impfung; grundsätzlich für jede empfohlene medizinische Intervention. Nicht zu vergessen die vielen Menschen, die der Coronaimpfung weitgehend neutral gegenüberstehen und sich an ihrem familiären, sozialen, beruflichen und gesellschaftlich-medialen Umfeld orientieren.

Meines Erachtens spannen diese Meinungen ein Spektrum von Lebenseinstellungen auf, das von Spiritualität und Transzendenz bis zum Transhumanismus reicht. Die einen bejahen die Natur und das Leben und geben sich ihnen hin, die anderen wollen der Natur und dem Leben mithilfe von Technologien auf die Sprünge helfen und sich untertan machen.

Im Folgenden beschreibe ich beispielhaft eine dysfunktionale Kommunikation und arbeite an diesem Beispiel meine Beobachtungen zum Thema Standhaftigkeit heraus.

Angenommen, jemand lehnt Impfungen bei saisonalen Atemwegserkrankungen grundsätzlich ab, weil er der Meinung ist, dass saisonale Atemwegserkrankungen nicht übermäßig gefährlich sind (allgemeines Lebensrisiko). In einer hitzigen Debatte mit einem impfwilligen Mitmenschen lässt er sich dazu hinreißen, mit der unzureichenden Validierung der Coronaimpfstoffe gegen die laufende Coronaimpfung zu argumentieren, obwohl die Frage der Validierung bei seiner eigenen Meinungsbildung keine entscheidende Rolle gespielt hat.

Indem er sich auf eine Diskussion über etwas einlässt, das aus der Sicht seines persönlichen Standpunktes eigentlich nur ein völliger Nebenschauplatz ist, hat er meines Erachtens seine eigene Position untergraben, und zwar völlig unabhängig davon, ob sein Argument am Ende trägt oder nicht. Er hat sich auf das Spielfeld seines Gegenübers und in eine verengte Diskussion locken lassen, in der er sich den Standpunkt seines Gegenübers zu eigen macht: Impfungen gegen saisonale Atemwegserkrankungen sind für ihn scheinbar doch in Ordnung, wenn sie nur ausreichend validiert sind.

Seit ich mir diese Art von Fehlkommunikation vor Augen geführt habe, beobachte ich sie massenhaft.

Ein besonders krasses Beispiel dafür ist, wenn Menschen, die Coronaimpfungen aus prinzipiellen Gründen ablehnen, von sich aus Kritik am dritten Impfstoff äußern. Indem sie genau den dritten Impfstoff argumentativ angreifen, stimmen sie den beiden anderen Impfstoffen obendrein auch noch indirekt zu. Wird der dritte Impfstoff irgendwann vom Markt genommen, müssen sie feststellen, dass sie über ein weiteres Stöckchen gesprungen sind, welches ihnen von anderen hingehalten wurde. Sie haben ihre Energie für ein Thema vergeudet, das nicht ihrer eigenen Überzeugung entspricht und auf diese Weise einen Pyrrhussieg errungen.

Die beiden anderen Impfstoffe und sogar den Ansatz einer Coronaimpfung können sie nun argumentativ nicht mehr angreifen, ohne sich unglaubwürdig zu machen. Schließlich haben sie sich auf die Grundannahme von der Sinnhaftigkeit der Coronaimpfungen eingelassen, als sie die Unwirksamkeit und die Nebenwirkungen des dritten Impfstoffs thematisiert haben.

Schieben sie nun weitere Argumente nach, entsteht schnell der Eindruck, dass sie keinen festen Standpunkt in der Sache haben, sondern eher aus einer Haltung heraus argumentieren, die pauschal alles schlecht findet, was uns »die da oben« verordnen.

Um mich vor dieser Art von Fehlkommunikation zu wappnen, habe ich mich für die folgende Vorgehensweise entschieden: Ich sammle alle mir zugänglichen Argumente und ordne diese den verschiedenen möglichen Standpunkten zu und entscheide mich dann für den Standpunkt mit den in meinen Augen tragfähigsten Argumenten. Anschließend bringe ich die Argumente, die meinen gewählten Standpunkt stützen, in eine Reihenfolge und konzentriere mich fortan auf die obersten ein bis maximal drei Schlüsselargumente.

In meinen Gesprächen teile ich meinem Gegenüber meinen Standpunkt mit. So kann mein Gegenüber mich nicht im Sinne seines Standpunkts vereinnahmen. Falls sich mein Gegenüber dafür interessiert, wie ich meinen Standpunkt begründe, nenne und erläutere ich ihm meine Schlüsselargumente. Andernfalls belasse ich es bei dem Hinweis auf meinen abweichenden Standpunkt.

Wenn mir die Situation passend erscheint, bitte ich meinen Gegenüber, seinen Standpunkt zu erläutern und zu begründen. Sollte ich auf seine Argumente eingehen wollen, mache ich zunächst noch einmal klar, dass ich mich nur vorübergehend auf den Standpunkt meines Gegenübers einlasse, ohne mir diesen zu eigen zu machen.

Was bedeutet das alles ganz praktisch für das politische Ausdrucksmittel des »Offenen Briefs« an einen politischen Funktionsträger?

Bei einem »Offenen Brief« an einen politischen Funktionsträger gehe ich davon aus, dass ich als Bürger das natürliche Recht habe, von meinem Standpunkt aus zu argumentieren, den Standpunkt des politischen Funktionsträgers abzufragen und dessen Schlüsselargumente kritisch zu würdigen.

Zunächst einmal handelt es sich bei einem »Offenen Brief« um eine Kommunikation von Mensch zu Mensch. Will ich gewaltlos kommunizieren, muss dies aus einer Haltung heraus geschehen, dass hier zwei gleichwertige und erwachsene Menschen miteinander im Austausch stehen, im ehrlichen Bemühen, einander zu verstehen. Daher verbietet es sich in meinen Augen, das politische Ausdrucksmittel des »Offenen Briefs« zu nutzen, um den Empfänger gegenüber den Mitlesern vorzuführen.

Bevor ich den »Offenen Brief« formuliere, mache ich mir nochmal klar, was mein Standpunkt und meine Schlüsselargumente sind. Ebenso treffe ich Annahmen, was wohl der Standpunkt und die Schlüsselargumente meines Gegenübers sind.

Ich beginne den »Offenen Brief« mit dem Ergebnis dieser Überlegungen. Anschließend kündige ich an, ob ich mich für den Rest des »Offenen Briefs« auf meinen Standpunkt oder den angenommenen Standpunkt des Gegenübers beziehe. Sofern ich mich auf den angenommenen Standpunkt des Gegenübers beziehe, sind nur solche Argumente zulässig, die auf die Schlüsselargumente des Gegenübers zielen. Das heißt, ich vermeide es, mich aus Sicht meines Gegenübers auf Nebenschauplätze zu begeben, ich überspitze nicht, ich unterstelle nicht, ich streue keine Argumente ein, die sich auf andere Standpunkte — insbesondere auch nicht auf meinen eigenen Standpunkt – beziehen und so weiter. Kurzum, ich behandle mein Gegenüber so, wie ich von ihm behandelt werden möchte.

Zum Abschluss möchte ich in die Runde fragen, ob wir eigentlich einen gemeinsamen Standpunkt haben beziehungsweise uns auf einen gemeinsamen Standpunkt und auf unsere Schlüsselargumente verständigen können? Ich habe den Eindruck, dass wir schon hier im Forum keinen gemeinsamen Standpunkt haben und die Gegenbewegung insgesamt schon gar nicht.

Solange uns nur die Opposition gegen den Mainstream eint, werden wir nicht in der Lage sein, selbst Themen zu setzen, solange werden wir den Spielball nicht in unser Spielfeld holen können, solange werden wir weiter über jedes Stöckchen springen, das uns hingehalten wird. Wenn wir es schon nicht schaffen, eigene Themen zu setzen, fände ich es sinnvoller, die hingehaltenen Stöckchen links liegen zu lassen und uns darauf zu konzentrieren, ein gelingendes Leben zu leben.


Replik von Peds Ansichten

Soweit also die Gedanken Ruben Schattevoys, wie er sich eine zielführende und für alle Seiten achtungsvolle Kommunikation im Rahmen eines offenen Briefes vorstellt. Wobei er noch weitere Fragen anschneidet, auf die ich ebenfalls eingehen werde. Im Folgenden geht es mir nicht darum, dessen Gedanken „zu zerlegen“. Sondern ich möchte diese ernsthaft für mich selbst untersuchen, mögliches Potenzial aufdecken, dass mir hilft, meine Fähigkeiten zum Austausch — gerade auch in Stresssituationen emotionaler, kognitiver Dissonanz — weiterzuentwickeln und offen zu bleiben.

Angestoßen wurde das Ganze durch eine Sammlung offener Briefe von Oliver Märtens an die Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner. Märtens agiert inzwischen zunehmend dünnhäutig, weil seine über viele Wochen an die Behörde gerichteten Schreiben dort scheinbar (genau wissen wir das nicht) der Ignoranz anheim fallen. Gleichzeitig wird in den Behörden munter weiter mit der „rettenden Spritze“ argumentiert, während beunruhigende Berichte über korrelierende Komplikationen, bis hin zu Todesfällen in immer größerer Zahl auftauchen.

Als soziale Wesen sind wir vor allem emotionale Wesen. Es ist daher zutiefst menschlich, auch ein Zeichen von Authentizität, einer Situation nicht Herr werden zu können, und dann dieses innere Scheitern zum Ausdruck zu bringen. Dass solche Ausbrüche emotional nichts Veränderndes beim Angesprochenen bewirken, ist übrigens keinesfalls sicher. Entscheidend bleibt für den Verfasser, dass Menschen sich mit den Zuständen nicht passiv abfinden, sondern in einem suchenden, mit Fehlern gepflasterten Weg immer wieder den Kopf nach oben nehmen und Lösungen suchen.

Ruben Schattevoy legt Wert auf die Perspektive und er lehnt „die Generalabrechnung“ innerhalb eines offenen Briefes ab. Der Grund ist nachvollziehbar. Kämpfen doch in einem solchen Fall die Beteiligten in erster Linie um die Verteidigung des eigenen Egos. Auch halte ich den Hinweis auf wenige, aber präzise formulierte Kritikpunkte, bei deren Befassung man diszipliniert verbleibt, für wichtig. Zu schnell gerät man in Gefahr, den Angesprochenen vor sich herzutreiben, ihn vorzuführen. Das mag für den Frustabbau kurzfristig lindernd sein, reißt aber eher Gräben auf, als sie zuzuschütten.

Andererseits habe ich bei vielen offenen Briefen — unabhängig davon, wie ich sie in Stil und Achtsamkeit auch weiterentwickelte — erleben dürfen, wie Ignoranz und Arroganz oder auch ein Nichts die Antwort ausmachten. Man muss schon Realist sein, und versuchen zu erkennen, ob der Angeschriebene fähig und willens ist, ernsthaft auf ein angezeigtes Problem zuzugehen. Das sind Bruchstellen und dort greife ich auf das Potenzial des offenen Briefes zurück. Dieser größere Kreis ist dann der, der den Brief tatsächlich aufmerksam liest. Es gibt immer Menschen, die etwas daraus entnehmen können.

Ruben fokussiert sich vollständig auf seinen Adressaten, mahnt immer wieder Behutsamkeit an. Worauf ich noch warte? Ein bekannter Ideologe hat einmal gesagt, dass die Praxis das Kriterium der Wahrheit ist. Es steht also die konkrete Anwendung von Rubens Ideen aus, auf die ich mich bereits sehr freue. Was erschien mir noch bemerkenswert? Zum Beispiel dies hier:

„Ich habe den Eindruck, dass wir schon hier im Forum keinen gemeinsamen Standpunkt haben und die Gegenbewegung insgesamt schon gar nicht.“

Ich möchte darauf antworten, dass es um DEN „gemeinsamen Standpunkt“ möglicherweise gar nicht geht. Es handelt sich dabei um ein flüchtig Ding und das besorgt mich aber auch nicht. Auch hier ein Beispiel: Seit einigen Wochen werde ich von einfachen Menschen angeschrieben, die sich Sorgen um ihre Kinder machen und die anstehenden Testpflichten sehr wohl kritisch sehen. Ich hatte diese Menschen überhaupt nicht direkt auf dem Schirm, obwohl ich natürlich meine Aufklärung grundsätzlich an alle Menschen richte.

Doch plötzlich kommen diese eher unpolitischen Menschen und bilden mit mir „gemeinsame Standpunkte“. Menschen, die gesellschaftlich bis dahin kaum auffällig wurden, fühlen sich — getrieben durch die äußeren Umstände und die Sorge um ihre Kinder — animiert, ins Handeln zu kommen. Alleine schon, dass Gruppen von Menschen sich „Querköpfen“ wie meiner Wenigkeit öffnen, zeigt, dass wir die Dinge vielleicht gar nicht so sehr planen müssen, sondern einfach nur stets offen bleiben zu brauchen. Wir handeln selbst und reden darüber. Wir tun die Dinge einfach gern, auch unspektakulär, kleinteilig, vor Ort vernetzt, den Konsens und das gemeinsame Wohl (zum Beispiel der Kinder) in den Vordergrund setzend.

Zum Abschluss:

„Solange uns nur die Opposition gegen den Mainstream eint, werden wir nicht in der Lage sein, selbst Themen zu setzen, solange werden wir den Spielball nicht in unser Spielfeld holen können, solange werden wir weiter über jedes Stöckchen springen, das uns hingehalten wird.“

Jeder kann Tag für Tag Themen setzen und wir müssen dabei nicht auf die Meinungsführer schauen. In meinem Bekanntenkreis werde ich jedoch andererseits inzwischen regelmäßig zu „Stöckchen“ befragt. Menschen sind misstrauischer und wacher geworden, zumindest nehme ich das in meinem Umfeld wahr. Sie versuchen die Nachrichten der Meinungsführer einzuordnen. Wenn über diese Schiene Denk- und Handlungsprozesse in Gang kommen, nehme ich gern die „Stöckchen“ als Einstieg, als Aufhänger, setzte vorsichtig noch Einen drauf. Man kann also über „Stöckchen“ Menschen abholen. Es kommt halt vor allem darauf an, wie wir mit den gegebenen Möglichkeiten umgehen, ja, ob wir sie überhaupt zu erkennen in der Lage sind.

Liebe Leser, bleiben Sie bitte weiterhin schön achtsam.


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Wasser, Tropfen; Autor: roegger (Pixabay); 09.01.2013; https://pixabay.com/de/photos/wassertropfen-spritzen-wasser-545377/; Lizenz: Pixabay License