Instrumentalisierung einer Tragödie

Wie das Leid von Opfern und Tätern für politische Zwecke ausgenutzt wird.


Am Abend des 19. Februar 2020 starben in der hessischen Stadt Hanau elf Menschen eines gewaltsamen Todes. Es ist ehrenwert, dieser Menschen in Stille zu gedenken und die Ursachen der Bluttat zu untersuchen. Das Erstere liegt in der freien Entscheidung jedes Einzelnen, zu Letzterem ist der Rechtsstaat eh verpflichtet. Wenn jedoch wenige Stunden nach der Tat große Medien “wissen”, wer warum wen tötete, dann stimmt etwas nicht mit diesem Rechtsstaat.


Wenn dies auch noch mit unverzüglich geäußerten, politischen Stellungnahmen von Politikern einhergeht, in welchen Maßnahmen gefordert werden, welche in einer “normalen” gesellschaftlichen Atmosphäre keine Chance auf Durchsetzung hätten, dann sollten die Alarmglocken läuten (1).

Bevor überhaupt die Ermittlungen von Polizei und Justiz richtig angelaufen waren, wurden in den großen Medien Meldungen lanciert, die den Eindruck vermittelten, dass Polizei und Justiz sich ihre Arbeit eigentlich sparen können. Es wurde eine quasi fertige Geschichte in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht und umgehend zur Wahrheit erhoben. Das ist nicht neu und Erinnerungen an frühere Ereignisse in Paris, Nizza und Berlin drängen sich förmlich auf (2).

Dabei gibt es eine ganze Reihe von Widersprüchen zur Tat und dem angeblichen Täter, deren Aufklärung Zeit und Arbeit erfordern (3,4).

Wir sollten uns Gedanken um unsere Geheimdienste machen. Sie wissen immer alles – danach. Aber sie können – trotz des dann urplötzlich herausperlenden Wissens über die Täter – zuvor immer rein gar nichts tun. Die Informationen, welche Geheimdienste aber im Nachgang offerieren, sind interessanterweise immer bestens geeignet, gewisse politische Prozesse zu befördern (5).

Gewisse politische Entscheidungen erfordern sogar sehr zwingend dramatische, ja traumatische Ereignisse. Das beruht auf der Tatsache, dass diese Entscheidungen – so sie von den Betroffenen in Ruhe und mit Abstand durchdacht wurden – im Grunde nicht hinnehmbar sind. Etwas ganz anderes ist es, wenn durch ein traumatisches Geschehen die emotionale Situation erzeugt wird, die ein unverzügliches Handeln suggeriert.

Welche Gruppen in und außerhalb unseres Landes sind also beauftragt, eine spannungsgeladene gesellschaftliche Atmosphäre in Deutschland zu erzeugen und aufrecht zu erhalten? Wer führt hier also wen vor? Wer gibt den emotionalen Ton vor und wer folgt diesem? Hessen ist jenes Bundesland, dessen Inlandsgeheimdienst – genannt Verfassungsschutz – die NSU-Akte in den Giftschrank sperrte und so für die Öffentlichkeit unzugänglich machte. Die Sperrfrist beträgt 120 Jahre (6)!

Weiß der Durchschnittsbürger – und damit ist keine Abwertung der Mehrheit unserer Mitmenschen verbunden (!) – um was es bei den NSU-Morden ging? Neben einer deutschen Polizistin starben neun ausländische Mitbürger (7). Dieses Verbrechen scheint ganz offensichtlich aufgeklärt, aber das Ergebnis dürfen wir nicht erfahren – warum wohl? Vielleicht weil der Rechtsextremismus aus den Schaltzentralen der politischen Macht in Deutschland stammt? Entsprechend ist der Tränenfluss wie auch die Forderung nach “bedingungsloser Aufklärung” im NSU-Fall schlicht nicht vorhanden.

Bei der NSU-Affäre scheint von Seiten der Täter einiges schief gelaufen zu sein. Die Strategie der Spannung (8) – durchaus schon seit Jahrzehnten in Gebrauch, um über Geheimdienstoperationen Gesellschaften in emotionale Handlungszwänge zu versetzen – ist kurz zu Tage getreten. Vielleicht nicht die Morde von Hanau, aber auf jeden Fall die Prozesse in Medien und Politik, die man nachfolgend umgehend und konzertiert in Gang setzte, erlauben zumindest die Vermutung, dass hier erneut Massen in die “richtige” Richtung mobilisiert werden sollen.

Wohin die Reise geht, zeigt uns Frankreich. Dort herrschte, seit dem sogenannten “Charlie Hebdo”-Anschlag im Januar 2015 und den Terroranschlägen im November des gleichen Jahres, zwei Jahre lang der Ausnahmezustand. Mit Aufhebung desselben wurde ein Gesetz zur Stärkung der Inneren Sicherheit und zum Kampf gegen den Terrorismus in Kraft gesetzt, womit eine Reihe demokratischer Grundrechte dauerhaft aufgeweicht wurden (9, 10).

Erinnern wir uns außerdem, dass die “Charlie Hebdo”-Affäre und die Anschläge in Paris zehn Monate später, dazu benutzt wurden, um eine zweifelhafte internationale Allianz gegen den Islamischen Staat ins Leben zu rufen, in die auch Deutschland verwickelt ist. Mit Attentaten, deren Hergang und Aufklärung voll von Widersprüchen ist, wurde sogar das Völkerrecht ausgehebelt, um militärisch in anderen Staaten intervenieren zu können (11).

Was wieder und wieder geschieht, ist die Verkündung einer Botschaft:

Empört euch! Fragt nicht nach, was genau euch empören mag, sondern gefallt euch einfach in der Geste, sich mit uns – die wir euch die Empörung vorgegeben haben – in kollektiver Selbstgerechtigkeit zu erheben, zu überheben und dabei mit dem Finger auf Andere zu zeigen.

Tut jedoch nicht mehr als das, genügt euch in dieser Empörung. Gefallt euch in dem Instinkt, nicht außen vor zu sein. Das Ausleben der gezielt angestoßenen Empfindung ist alles, was von euch verlangt wird. Je mehr und je länger ihr euch empört, desto geringer ist die Chance, dass ihr auf “falsche” Gedanken kommt. Kontrolliert dabei beständig eure moralische Integrität. Gleicht sie mit dem vorgegebenen Moralkodex ab und passt sie an.

Die politischen Eliten in Deutschland demonstrieren ihre Verantwortungslosigkeit, in dem sie eine irrationale Hysterie pflegen und beständig auf die Bevölkerung zu übertragen suchen. Mit zunehmender Frequenz werden Stürme im Wasserglas heraufbeschworen, welche die Energie in den Menschen benutzen, um ziellose wie nutzlose Aktivitäten zu entfalten.

Während der Zug in Richtung Krieg und Umweltkatastrophe – auf dessen Wege die Einführung einer antisozialen Kontrollgesellschaft wartet – ungebremst weiter düst, wird intrigiert, verleumdet, ausgegrenzt und gespalten. Im Hintergrund aber wird längst an der realen Amtseinführung der CDU 2.0 gearbeitet und mit einer vorgeschobenen Anti-AfD-Kampagne geschickt von dieser Machtverschiebung abgelenkt. Das ist ein abgekartetes, verlogenes Spiel.

Gerade daran lässt sich erkennen, dass hier in keiner Weise um dringend notwendige Veränderungen im System und individuellen Handeln gerungen wird. Ganz im Gegenteil wird hier hart für den Systemerhalt gekämpft, in dem man sich um die besten Futterplätze an der Spitze des Systems balgt. Den Menschen wird dabei eine gefährliche Alternativlosigkeit vorgegaukelt, in der sie sich lediglich für oder gegen die “rechtsextreme” AfD entscheiden könnten.

Aus einer solchen Alternativlosigkeit heraus können keine mutmachenden Konzepte für eine friedlichere, Menschen wie Umwelt achtende und wahrhaft kollektiv ausgerichtete Gesellschaft erwachsen.

Deshalb ist es notwendig, das Halsband abzulegen und die Manege zu verlassen. Noch interessanter wird es, wenn man die Funktion des Zirkus – genannt Fassadendemokratie – als Ganzes betrachtet und erkennt, dass auch dessen Zuschauer Teil der Dressur sind.

Bitte, bleiben Sie schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden. Der Text wurde vorab auf der Online-Plattform Rubikon unter dem Titel Die verzerrte Tragödie veröffentlicht. Hier nun wurde eine bearbeitete und erweiterte Version publiziert, so dass sich ein Delta zur Originalversion ergibt.

(1) 20.02.2020; https://www.hessenschau.de/panorama/reaktionen-auf-bluttat-von-hanau-rassismus-ist-ein-gift-hass-ist-ein-gift,reaktionen-schuesse-hanau-100.html

(2) https://www.stuttgarter-zeitung.de/thema/Terroranschlag_Nizza; abgerufen: 23.02.2020

(3) 20.02.2020; Yavuz Özoguz; http://www.muslim-markt-forum.de/t1859f2-War-das-Massaker-von-Hanau-eine-Geheimdienstoperation.html#msg5448

(4) 21.02.2020; https://www.tagesschau.de/inland/hanau-sportschuetze-101.html

(5) 17.04.2019; Maria Fiedler; https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/breitscheidplatz-attentat-amri-plante-mit-komplizen-anschlaege-in-mehreren-staedten/24232678.html

(6) 02.07.2017; Susanne Höll; https://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-leise-rieselt-der-staub-1.3570171

(7) 11.07.2018; Lina Caspari, Julius Tröger, Tom Sundermann; https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-07/nsu-morde-opfer-prozess/komplettansicht

(8) 05.01.2017; genausoistes; https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Das-Ende-der-spontanen-Fernreisen/Strategie-der-Spannung/posting-29744002/show/

(9) 15.07.2019; https://de.ambafrance.org/Terrorismusbekampfung-Frankreich-beendet-Ausnahmezustand

(10) Januar 2018; Lea Fauth; https://www.blaetter.de/ausgabe/2018/januar/frankreich-der-ausnahmezustand-als-regelfall

(11) Juni 2016; Claire Demesmay, Ronja Kempin; https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2016A37_demesmay_kmp.pdf

(Titelbild) Pistole, Schütze, Terrorist; Autor: Alexas_Fotos (Pixabay); 19.11.2017; https://pixabay.com/de/symbolbild-amokl%C3%A4ufer-amoklauf-2956203/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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