Gedankensplitter

Hat die NSU etwas mit Julian Assange zu tun?


Eine vor Jahrzehnten gewissermaßen mit dem Personal der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) aufgestellte Behörde hat sich in jüngerer Zeit intensiv mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) befasst. So innig, dass es möglicherweise schwer fällt, die Einen von den Anderen klar zu unterscheiden. Stellen wir uns vor, das Treiben dieser und anderer Behörden unterminiert die Verfassung, statt sie zu schützen. Ist das legal – und das Aufdecken desselben dann illegal?


Man mag es mit Recht als steile These ansehen, wenn ich den Inlandsgeheimdienst der Bundesrepublik Deutschland in die Tradition des nationalsozialistischen Deutschlands einordne. Einer seiner Vorgänger nannte sich Organisation Gehlen und Gehlen war unter Adolf Hitler ein ganz strammer Nazi gewesen. Gehlens “Heldentat” unter dem “GröFaZ” (a1) bestand in der Feststellung, in einer Stabsbesprechung bei Hitler offen von der Lage an der Ostfront berichtet zu haben – na, immerhin (1).

Aber das war doch ein Auslandsgeheimdienst, der Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes (BND), welcher da unter dem Wehrmachtgeneral Gehlen firmierte, werden so einige – und das ganz zu Recht – argumentieren. Nur, sind die Dinge nicht so einfach, denn der BND übernahm in seinen Anfangsjahren die Aufgaben des Inlandsgeheimdienstes – des heutigen Verfassungsschutzes. Keck spionierte er mit seinen Schlapphüten – unter ihnen reichlich ehemalige Stützen des Dritten Reiches – seine eigenen Bürger aus, und dass Mandat dafür hatte er von unserem großen Partner, jenem westlich des Großen Teiches erhalten. Denn die USA waren es, welche diesen Geheimdienst installierten und mit einer erklecklich großen Riege kleiner wie größerer nationalsozialistischer Würdenträger besetzten (2,3).

Den Verfassungsschutz (VS) gab es natürlich trotzdem auch damals schon und auch er war eine tolle Spielwiese für eine zweite Karriere von Altnazis (4).

Das ist insofern des Überdenkens wert, weil doch ausgerechnet diese Geheimdienste dazu auserkoren wurden, den Kampf gegen “Rechts” im Geheimen, im Untergrund, im quasi Nationalsozialistischen Untergrund zu führen. Vielleicht ja auch einen ganz anderen Kampf, vielleicht auch nicht einmal im Auftrag politischer Eliten im eigenen Land. Spekulieren ist erlaubt, denn die Wahrheit wird uns vorenthalten. Sie wissen ja, dass es uns nicht zugemutet werden kann, die Wahrheit zu erfahren, wie tief der Verfassungsschutz im Sumpf eines Tiefen Staates steckt.

Wenn dem nicht so ist und es auch den Tiefen Staat nicht gibt – warum bitte dürfen wir dann nicht erfahren, wie ein Trio sogenannter rechtsextremer Gewalttäter jahrelang unerkannt Menschen ermorden konnte. Wurde ihnen die Hand geführt? Wurde vielleicht nur ihre Identität benutzt?

Damit kommen wir zu Julian Assange und Chelsea Manning. Projizieren wir die Beiden in brave Bundesbürger. Der Eine arbeitet in der Aktenabteilung des hessischen VS – oder wie immer das dort auch heißen mag – und der andere ist bereit Dinge zu veröffentlichen, welche die Bevölkerung interessieren darf. Einer hat Zugang zum Giftschrank, der verrät wie die Macht das Recht und die Gesetze missbraucht, um eigene Verbrechen ungesehen zu machen. Der Schlüssel zum Giftschrank ist das Angebot und der eigene Mut die Voraussetzung, die Dinge ans Tageslicht zu bringen.

Unser Archivar traut sich und ein kleines aber durchaus reichweitenstarkes Medienunternehmen – besser die Menschen mit Verantwortung in diesem – trauen sich ebenfalls und die Geschichte wird offengelegt. In ihr stellt sich heraus – sicher, alles reine Spekulation meinerseits – dass das mordende Trio gedeckt wurde. Dass man Ermittlungsunterlagen zu wegweisenden Spuren verwischte, Zeugen beseitigte, korrumpierte und intrigierte, das Rechtssystems aushebelte, möglicherweise im Auftrag fremder Mächte und gegen die Interessen des eigenen Landes handelte. Infolge dessen ist eine ganze Reihe von Schlapphüten und derer Vorgesetzter ein Fall für die Justiz und in banger Erwartung langer Haftstrafen.

Aber das wäre natürlich nicht in Ordnung nicht wahr?


Der Archivar bekommt deshalb für Geheimnisverrat – so wie sich das in einem demokratischen Rechtsstaat gehört – lebenslänglich, und das unter verschärften Haftbedingungen. Der verantwortliche Leiter der Medienanstalt – bestraft für das, was Naivlinge möglicherweise unter journalistischer Ausübung von Verantwortung verstehen – geht für nicht absitzbare 175 Jahre hinter Gitter, natürlich auch unter verschärften Haftbedingungen. Ein Gericht stellt dann fest, dass Ersterer die Sicherheit des Landes gefährdete, der andere ebenso, und dieser Andere zudem überhaupt kein Journalist ist.

“Nebenbei” werden die interessierten Konsumenten lang und breit darüber informiert, dass beide Verbrecher (!) auch moralisch in keiner Weise wertewestlichen Normen genügten.  Das übernehmen moralisierende Politiker und vor allem Medienleute, die sich zwar gern in der Rolle von Journalisten sehen, es aber nicht sind. So muss das sein in einem demokratischen Rechtsstaat.

Die von mir in den Raum gestellten fiktiven Delinquenten haben mit ihren Veröffentlichungen ja V-Leute, Polizisten und Politiker gefährdet – wenigstens deren Karrieren. Da sind 175 Jahre das Mindeste und mit Journalismus hat das – zumindest nach fassadendemokratischem Rechtsverständnis – rein gar nichts zu tun. Ja, mehr noch: Der Autor des Blogs Peds Ansichten hat mit seinem Beispiel die Öffentlichkeit animiert, unser gutes wertewestliches Superrecht in Frage zu stellen, ja gar zu verletzen. Mit dem bösartigen Kratzen am Lack der Fassadendemokratie betreibt er außerdem Desinformation und verbreitet Verschwörungstheorien.

Wenn ein Blogger so verwerflich handelt, in dem er den Finger auf wunde Punkte legt, dann ist das natürlich auch kein Journalismus. Außerdem bildet seine Betrachtung des Geschehens nicht die vorgegebene Mitte im Meinungsfenster – im sogenannten Overton-Fenster (5) – ab. Gilt doch die Regel: Macht darf alles und Ohnmacht darf nichts.


Sie sehen das anders? Sie denken, nur unmündige wie mutlose Menschen können so etwas hinnehmen?

Was kann uns auffallen?

Das System der repräsentativen Demokratie funktioniert deshalb so prächtig, weil es Menschen in allen Schichten der Machtpyramide bequeme Möglichkeiten verschafft, verantwortungslos zu handeln. Verantwortungsloses Handeln bedeutet, keine Macht mehr über das eigene Tun zu besitzen. Die Selbstbestimmtheit wird auf alles reduziert, was einen gewissen Rahmen an Bequemlichkeit sichert und die Konfrontation mit Ängsten vermeidet. Das ist sehr menschlich und deshalb verständlich. Wir alle mögen es sicher und bequem und alles was darüber hinaus geht – so lernen wir – ist gefährlich.

Da ist die Perspektive nicht gerade blendend, wenn ein “kleiner Archivar” bereit ist, aus tiefster Überzeugung und Menschenliebe Missstände aufzudecken, welche den inneren wie äußeren Frieden der Gesellschaften und ihrer Menschen gefährden. Solch mutige Menschen können nicht mit der Unterstützung einer großen Mehrheit rechnen, welche dann auch ein Beschützen beinhalten würde. Die Frage stellt sich, ob nicht oft die Bequemlichkeit noch vor der Angst es ist, welche mutigen Menschen die Unterstützung versagt.

Der Kampf gegen irgendein “Rechts” – gefeiert und gefordert von der Meinungshoheit – bringt regelmäßig Zehntausende auf die Straße und ein Vielfaches dieser in Wallung. Wie viele würden wohl für den Archivar beim Verfassungsschutz in solcherart Handeln kommen?

Bleiben Sie bitte auch weiterhin schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden. Letzte Bearbeitung: 28.02.2020, 22:13 Uhr.

(a1) GröFaZ = Größter Führer aller Zeiten

(1) 01.04.2016; Sven Felix Kellerhoff; https://www.welt.de/geschichte/article153871518/Luegen-und-fiese-Tricks-so-entstand-der-BND.html

(2) 11.10.2018; Isabel Fannrich-Lautenschläger; https://www.deutschlandfunk.de/geheime-dienste-die-dunklen-seiten-des.1148.de.html?dram:article_id=430332

(3) 03.12.2013; https://www.zeit.de/gesellschaft/2013-12/historikerkommission-bnd-organisation-gehlen

(4) 28.06.2011; Joachim Käppner; https://www.sueddeutsche.de/politik/ns-vergangenheit-und-verfassungsschutz-ueber-die-seilschaften-der-altnazis-1.1150775

(5) 23.08.2018; Sophie Troll; https://www.fischundfleisch.com/sophie-troll/sueddeutsche-erklaer-mir-das-overton-fenster-ich-erklaere-der-sueddeutschen-wie-es-sich-verschiebt-49229

(Titelbild) Titel: Fokus Glühlampe – Lichter; Datum: Februar 2018; Fernandozhimineicela (Pixabay); https://pixabay.com/de/fokus-gl%C3%BChlampe-lichter-3095618/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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