Sippenhaft für Journalisten?

Der Journalismus steckt in einem Dilemma – nicht nur jener der Leitmedien.


Die Berichterstattung des Mainstreams fordert uns geradezu heraus, Stellung zu beziehen – sich mit ihr zu solidarisieren oder gegen sie anzukämpfen. Und wenn ich an die Tragödie um den Journalisten Julian Assange denke, fällt es mir sehr leicht, die Seiten auszumachen. Wir sind verstrickt. Wie lösen wir das – zum Nutzen aller – aber auf?


Ein bis zwei Drittel der von mir verwendeten Quellen stammen aus den Massenmedien. Die eine Hälfte davon dient mir dazu, Propaganda und die damit verbundenen Narrative aufzudecken. Diese wie die andere Hälfte liefern mir jedoch auch wertvolle Hintergrundinformationen. Tun wir uns daher wirklich einen Gefallen, wenn wir die Massenmedien als Feindbild über einen Kamm scheren?

Natürlich: Wenn ich die Themenauswahl von Redaktionen und derer Artikel selbst analysiere, bin ich emotional oft schwer gefordert. Was übrigens vor zwei Jahrzehnten noch nicht der Fall war und als Erinnerung hilfreich für die emotionale Verarbeitung in der Gegenwart ist. Aber meine Wahrnehmung hat sich verändert, hat unterschiedliche und größere Perspektiven hinzubekommen. Heute nehme ich die Leitberichterstattung der Massenmedien als permanenten Angriff auf den Frieden wahr. Allerdings sind wir in gewisser Weise auch immer der jeweilige Spiegel des Anderen.

Feindbilddenken produziert eine Kritik zur Stärkung der eigenen Position. In diesem Kontext blendet sie verbindende Ansätze aus und vereinfacht die Kritisierten. Man beißt sich an den erkannten Schwachpunkten fest, aalt sich in der resultierenden Überhebung und verkennt völlig, dass es trotz allem eine Beziehungsebene zum Kritisierten gibt, die auf diese Weise nachhaltig gestört wird.

Es lohnt sich die Frage: Welche Auswirkungen hat es auf das Verhalten des Kritisierten, wenn er sich – übrigens aus seiner Warte absolut nachvollziehbar – angegriffen fühlt? Der Kritisierende steht hier in der Verantwortung, nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Schließlich erzeugt Kritik beim Kritisierten eine Dissonanz, die ihn herausfordert, das durch die Kritik angestoßene innere Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen. Bei öffentlicher Kritik geht das noch weiter, weil sich nämlich eine große Anzahl von Menschen mit dem durch die Journalisten der Leitmedien verbreiteten Weltbild identifiziert!

Offen für Kritik zu sein, ist eine allseits gestellte Forderung. Bei sich selbst ist man in der Regel nicht so konsequent. Das liegt auch daran, weil Kritik heutzutage mit dem Ansprechen eines Makels verbunden wird. Einem Makel, der die jeweilige Person abwertet. Eine Abwertung, die für diesen Menschen fühlbar ist.


Es lohnt sich darüber nachzudenken, den Sinn von Kritik anders zu deuten: als das Aufzeigen einer anderen Möglichkeit für das eigene Denken und Tun, als Mutmacher, um Fähigkeiten des Anderen zu stärken, aus dem eigenen bequemen, Sicherheit gebenden Handlungsmuster auszubrechen.


Das erfordert allerdings eine andere Art und Weise der Kritik und eine veränderte Sichtweise auf die Kritisierten. Eine solche Kritik ist sehr viel anspruchsvoller, da sie gleichzeitig zur Reflexion der eigenen Verhaltensweisen aufruft, die sich oft nicht allzuweit von der kritisierten orten lassen. Solch eine anders gelebte Art von Kritik ist auch für uns selbst unbequemer, als das verbale Einschlagen auf zuvor durch die eigene Denkweise ausgemachte politische Gegner.

Es ist ein Unterschied, einerseits die Mängel in der Berichterstattung der Massenmedien ungeschminkt darzulegen und dies als erkannte Propaganda eben so offen auszusprechen; oder andererseits diese Mängel einzig als Munition für die eigene Propaganda zu gebrauchen.

Es ist weiterhin ein Unterschied, zum Einen die systemischen Zusammenhänge und Ursachen von Propaganda der Massenmedien aufzuzeigen, also Strukturen und Vernetzungen zu erklären und die negativen Folgen zu kritisieren. Aber auf der anderen Seite die Teilnehmer des Systems als reine Systemobjekte zu deklarieren und entsprechend abzuurteilen.

Die dadurch erzielte Festigung der eigenen Feindbilder erzeugt doch völlig nachvollziehbar auch eine entsprechende Wahrnehmung auf der anderen, der angegriffenen Seite. Das führt zu Angst und einer entsprechenden reflektierenden Feindbildsicht auf den Angreifer. Die Wagenburgmentalität mittels derer die Angegriffenen sich verschanzen, ist aber gerade das, was es aufzulösen gilt.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist Mut. Denn tatsächliche Veränderungen erfordern ja Mut. Was von außen (bei anderen) immer so kristallklar offenliegt, stellt sich im eigenen Ich in der Regel sehr komplex und äußerst schwierig umsetzbar dar.


Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Polarisierung – hier sehr verkürzt dargestellt als die zwischen Leitmedien und alternativen Medien – auf das gesamte gesellschaftliche Leben, auf die Öffentlichkeit abfärbt. Wir sprechen eben bei Medienkritik nicht nur Medien an, sondern auch Menschen, die einen tiefen Glauben an diese “ihre” Medien pflegen. Wenn wir Journalisten durch echte, wirklich gute Kritik, Möglichkeiten anbieten, mittels derer sie aus der Phalanx der “Guten” ausbrechen können, dann tun wir das – ganz und gar nicht nur nebenbei – auch für die Menschen auf der Straße.


Also: Kritik klar und gleichzeitig achtungsvoll auszudrücken, ist eine große Kunst, an der es sich – auch im Alltag – täglich zu üben gilt. Denn nur dann hat Kritik auch eine Chance, anzukommen. Das ist eine der Herausforderungen, der ich mich auf diesem Blog stelle und zu deren Bewältigung ich die Leser immer wieder aufs neue einlade.

Bleiben Sie bitte alle schön aufmerksam.


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(Titelbild) Kritik, Wertung; Gerd Altmann (geralt, Pixabay); 16.1.2018; https://pixabay.com/de/illustrations/kritik-bewerten-bewertung-stern-3083101/; Lizenz: Pixabay License

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