Die Illusion der Werte

Werte sind Illusion – wieso das? Tagtäglich berechnen wir doch streng rational den Wert von Produkten und Ressourcen in exakten Zahlen. Wir halten uns auch an diese Zahlen. Die Produktion und Verwendung von Gütern baut auf der Berechnung von Werten auf. Mittels dieser Berechnungen planen wir Volkswirtschaften, ja ganze Gesellschaften. Woher kommen eigentlich die Zahlen, auf denen unsere Berechnungen basieren? Wie bestimmen wir Werte?


Man kann also nach dem gängigen Mantra ganze Volkswirtschaften bewerten und macht daran sogar die Vitalität einer Gesellschaft fest. Die deutsche Wikipedia steht da selbstredend nicht allein:

Das Bruttoinlandsprodukt […] gibt den Gesamtwert aller Güter […] an, die während eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden.(1)

Daraus schlussfolgernd könnte man den Wertbegriff kurz und knapp so beschreiben:

Wir benutzen Werte in einem materiellen – und in einem ideellen Sinne.

Tragen Sie das mit?

Als ich begann, intensiver den Wertebegriff zu untersuchen, fiel es mir wieder auf. Wir nehmen einfach Dinge hin, die fundamental und dabei keineswegs segensreich für die Gesellschaften sind. Und unser – aus meiner Sicht – irriges Verständnis von Werten gehört auf jeden Fall dazu. Wenn Sie den kognitiven Aufwand zur Betrachtung meiner obigen Aussage nicht scheuen. Kommen Sie dann noch immer auf die gleiche Antwort?

Die deutsche Wikipedia sei ein weiteres mal zitiert – und diesmal direkt zum Wertebegriff. Sie erklärt ihn nun, wie ich finde, recht gut:

“Wertvorstellungen oder kurz Werte bezeichnen im allgemeinen Sprachgebrauch als erstrebenswert oder moralisch gut betrachtete Eigenschaften bzw. Qualitäten, die Objekten, Ideen, praktischen bzw. sittlichen Idealen, Sachverhalten, Handlungsmustern, Charaktereigenschaften beigemessen werden. (2)”

Da fehlt etwas, das im ersten Zitat noch eine Rolle spielte – das Materielle. Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) trat der Wertbegriff materiell in Erscheinung, hier jedoch nur (noch) ideell. Verwenden wir Werte in ihrer Verwendung als volkswirtschaftliche Begrifflichkeiten möglicherweise am falschen Platz?

Wikipedia blieb in Bezug auf das Subjekt, den Qualifizier von Werten unscharf. Sie beließ es bei einer unpersönlichen Formulierung. Es ist ja auch eine Herausforderung, den Wert von Objekten objektiv zu bestimmen. Treffender ausgedrückt lässt sich so etwas gar nicht auf einer solchen Ebene festlegen, denn der Wert eines beliebigen Objekts bestimmt sich durch jeden von uns auf einzigartige Weise – und das auch noch veränderlich in Zeit und Umständen. Wertvorstellungen sind SUBJEKTIV und grundsätzlich ebenso einzigartig, wie es jeder Mensch, der seine Umwelt mehr oder weniger ständig bewertet, ja auch ist.

Doch Wikipedia hält noch etwas außerordentlich Wichtiges fest:

“Enthält eine Werteordnung einen alleinigen Anspruch auf Wahrheit, ist sie das Kennzeichen einer Ideologie.” (3)

Wenn also Menschen ihre Werteordnung (die strukturierte Zusammenfassung all ihrer Werte) als ALTERNATIVLOS ansehen und als solche verbreiten, dann versuchen sie, anderen Menschen ihr Wertesystem zu indoktrinieren. Wenn der Betroffene damit gezwungen wird – denn was da passiert, ist ein geistiger Gewaltakt – den GLAUBEN in sich selbst durch den Glauben anderer zu ersetzen, hat das schwerwiegende Konsequenzen.

Denn der Betroffene gibt so einen Teil seines Ichs, seiner Selbstbestimmung ab und richtet sein Handeln nach dem indoktrinierten Wertemuster aus. Der Mensch verliert seine Souveränität und handelt im Sinne der IDEOLOGEN. Er fängt an ZU FUNKTIONIEREN, statt seine Einzigartigkeit zu leben. Er nimmt gewissermaßen das “Verhalten” einer Maschine an; er wird berechenbar. Darauf kommen wir noch einmal zurück.

Die Folgen einer solchen Unterwerfung gehen noch weiter. Der in der Ideologie Anderer gefangene Mensch lebt fortan in einem Koordinatensystem, welches die ihm ureigenen Vorstellungen von Schönem, Lebenswertem und einzigartig (qualitativ) Wertvollem nunmehr als negativ, als verboten, ja pervers zu BEWERTEN hat. Er lebt nun wider seine Natur. Er lebt in Schuld. Damit fängt er an, sich zu kontrollieren, permanent sein Verhalten auf fehlerfreie Funktion zu überprüfen. Er entfremdet sich von sich selbst – und damit auch von Anderen.

Sie kennen das vielleicht? Denn an diesem Punkt beginnen wir das, was tatsächlich das Unsrige ist, zu verachten, zu hassen. Wir schauen mit der Überhebung der Ideologie, die wir aufnahmen auf unser eigenes Wertvolles. Wir werden zum Zyniker. Leider macht Zynismus nicht beim Ich halt, es breitet sich aus auf den Gegenüber und wertet auch dessen Abweichung von der verinnerlichten Norm AB.

Ein (eher nicht) banales Beispiel ist die “Erziehung” von Kindern insofern, dass sie den Löffel in die rechte Hand zu nehmen haben. Kinder hören als Begründung dafür die tolle Aussage: “Weil sich das so gehört”. Dass es sich so gehört, haben sicher nicht Linkshänder festgelegt, doch Kinder mit einer dominanten linken Hand hatten nun diese Dominanz in sich selbst zu verbieten und sich schuldig zu fühlen, wenn sie den Suppenlöffel in die “falsche” Hand nahmen.

Es geht hier nicht um “Extrawürste” (Schere für Linkshänder oder ähnliches) sondern um ganz natürliche motorische Verhaltensmuster von Menschen, die ihnen VERBOTEN werden und die sie sich irgendwann, nach erfolgreicher “Erziehung” selbst verbieten. Damit nahm man ihnen früh, in einer singulären Phase der Persönlichkeitsentwicklung etwas von ihrer Einzigartigkeit und überführte sie in eine gewünschte Funktion. So komisch das klingen mag, haben Sie hiermit ein prägnantes Beispiel für die Wirkungsweise von Ideologien kennen gelernt! 

Ihr soziales Umfeld bestätigt Menschen in der Schuld, denn wenn die Zombifizierung, die Entmenschlichung im gesamten Kollektiv gegriffen hat, trifft jeder Mensch überall auf gleich ihm Betroffene. Das beginnt (siehe das Beispiel) bereits und vor allem im Kindesalter. Die aufgezwungene Sozialisierung, die mit Macht eingeimpften Wertvorstellungen von Machtbewussten werden zu einem eigenartigen Kitt, der Menschen zusammen hält. Die Identifikation mit der fremden Ideologie scheint nunmehr die einzige Möglichkeit, sozialer Ausgrenzung zu entgehen. Die Werte, denen die Menschen nunmehr nachlaufen, sind jedoch mitnichten die ihren.

Doch sei noch einmal wiederholt: Wenn alle Menschen die gleichen Wertemuster verfolgen und diese, die Muster auch noch relativ einfach aufgestellt sind; also “gut” befolgt werden können, geschieht das:

Die Menschen werden berechenbar.

Obwohl die Wertemuster, die wir in uns selbst tragen, doch einzigartig sind und deshalb als Bereicherung in sozialen Gemeinschaften wahrgenommen werden können, ist ihr Ausleben nicht mehr gewünscht. Wir nehmen unseren eigenen Wert, unsere Einzigartigkeit gar nicht mehr wahr, denn sie ist von der Ideologie zugedeckt und zudem auch noch verboten, weil abartig. Stattdessen wird die aufgezwungene Normiertheit, Funktionalität, Programmierbarkeit als “normal” ertragen. Denn das ist es; eine vorgegebene Bestimmtheit, der wir uns diszipliniert zu unterwerfen haben. Wenn wir das nicht tun, droht Strafe. Strafe beginnt nicht mit physischer Gewalt sondern mit sozialer Ausgrenzung!


Plötzlich gehen wir in einer quantifizierten Masse auf und sind für die Aufgaben der “Quantifizierer” geeignet – oder auch nicht. Denn wir suchen uns unsere Aufgaben auch nicht mehr selbst. Wir warten darauf, dass jemand eine Aufgabe für uns hat.


So, wie wir unseren Wert nicht mehr aus uns selbst heraus wahrnehmen und ihn uns stattdessen geben lassen, so ändert sich auch unsere Identifikation, unser Selbstverständnis. Wir machen unser Wertgefühl abhängig von “Gönnern”, von Arbeitgebern, von Mäzenen – von Politikern. Die Bestimmung von Werten liegt nicht mehr bei uns, sondern ist durch eine Instanz – und zwar einer der Macht – definiert. Und so warten wir dann auch, dass endlich “da oben” endlich “Bessere”, “Vernünftige” an die Macht kommen und alles gut wird.

Eigentlich wollte ich den Wertbegriff von der systemischen, von der gesamtgesellschaftlichen Seite aufrollen. Als ich mich aber auf ihn einließ, geriet ich rasch auf die individuelle, die fühlende, die MENSCH-Ebene. Ist unser Alltagsdenken tatsächlich abgekoppelt von dieser Ebene? Von welchen Wertvorstellungen lassen wir uns leiten, wenn wir unser Leben “bewältigen”? Ist das, was wir rational zu denken glauben, wirklich rational? Sind die Werte, nach denen wir uns richten, rational? Vor allem: Sind sie denn objektiv? Weiter oben vertrat ich bereits die Meinung, dass sie es nicht sind. Vielleicht hilft uns ja ein praktisches Beispiel weiter.

Der Wert eines Baumes

Die Bäume eines beliebigen Landschaftsraumes wurden bislang allenfalls als Kosten, als Belastung wahrgenommen. Die Einzigartigkeit von Tier und Pflanzenwelt, die unter dem Dach der Bäume ihren Lebensraum fand, ließ sich ebenso wenig rechnen wie deren wichtige Funktion als Wasserspeicher (samt Hochwasserschutz), Sauerstoffproduzent und Erholungsgebiet. Noch weniger galt und gilt das für den Baum als Begriff für lebendige Wesen, die wir als schön und beglückend wahrnehmen können. All das ist in einem System, welches verdammt ist, zu VERWERTEN, nichts wert.

Denn das gilt nur für ihren quantitativen, ihren berechenbaren Wert, ihren geldlichen Wert – ihren PREIS. Denn natürlich waren diese Bäume schon immer und in mannigfaltiger Weise wertvoll. Schließlich sicherten sie die Existenz anderer Lebewesen.


Das Existenzielle aber hat keinen Preis, in dem es sich abbilden lässt. Es ist unschätzbar wertvoll.


Nun stellt plötzlich ein Betriebsökonom, ein Volkswirt oder ein anderer Experte, der im Auftrag eines Holzverarbeitungs-Unternehmens durch das Land streift, fest, dass sich das Holz dieser Bäume profitabel vermarkten lässt. Der Ökonom geht seiner Arbeit nach wie ein Zombie, eine humanoide Rechenmaschine. Auch ihm innewohnende Gefühle in Bezug auf die einzigartige Kostbarkeit seiner Umwelt sind durch seine Programmiertheit abgeschalten. Er ist reduziert auf seine (berufliche) Funktion und auf Jagd nach Beute, die sich in potenzieller Rendite abbildet. Das und die Abschätzung der entsprechenden geldlichen(!) Kosten verschafft den Bäumen nun einen geldlich-quantitativen Wert.

Dieser Wert bedeutet aber nicht, dass man das nunmehr bewertete Gut damit als kostbar und schützenswert betrachtet. Ganz im Gegenteil ist es sogar sein Todesurteil. Die Vergeldlichung des Baumes bedeutet seine Vernichtung. Die Wertzumessung auf der quantitativen Ebene, die Preisbildung; sie vernichtete seinen einzigartigen qualitativen Wert.

Schon ob die mit Vernichtung des Baumes befriedigten Bedürfnisse es tatsächlich WERT waren, dass der Baum verwertet (vernichtet) wurde, ist ein Kapitel für sich. Allein, ist es doch sogar nur ein Nebeneffekt. Denn primär diente der Baum nur noch einer (quantitativen) Kapitalvermehrung. Primär wurde der Baum vernichtet für eine Fiktion; die absurde Gier über ihn Besitz in noch mehr Besitz – und zwar Besitz an GELD, zu verwandeln.


Die quantitative Bewertung des Baumes war das Todesurteil für seine Einzigartigkeit und damit seine Existenz.


Und alle haben diesen Wertemaßstab akzeptiert. Der Ökonom (siehe weiter oben), Holzfäller, Transporteure, Verarbeiter, Buchhalter, Verkäufer und vor allem die wichtigsten Menschen innerhalb dieser sogenannten Wertschöpfungskette(a1) – die Konsumenten. Alle zuerst Genannten hatten ihre guten Gründe, damit sie auch die Rolle der Letztgenannten ausfüllen können. Eine Rolle, die als wesentlich, als unverzichtbar im System von allen geteilt wird.

Die systemische Rolle eines Konsumenten ist das allerletzte (wenn überhaupt), was ob seiner Wirkungen auf das System und die Menschen selbst hinterfragt wird. Die Alternativlosigkeit dieses Natur und Mensch verachtenden Systems ist tief in uns.

Preise und Werte

Dort liegt der Knackpunkt. Wir berechnen keine Werte, wir berechnen Preise. Die Preisberechnung erfolgt daher mitnichten auf der Basis durch uns wahrgenommener Werte von Mensch und Natur, sondern der von Algorithmen! Und diese Algorithmen sind grundsätzlich daraufhin konzipiert, dass eine abstrakte eingegebene Zahl eine größere Zahl in der Ausgabe hervorbringt. Zahlen – als Ergebnis und Definition reiner Denkleistung – sind das einzige mir bekannte Objekt, dass sich vollständig durch Eindimensionalität beschreiben lässt, durch die DEFINIERTE Wertemenge (Zahlenmenge).

Unser Finanzsystem ist keine Verkörperung von Naturgesetzen sondern eine riesige Maschine, die durch einen mathematischen Algorithmus programmiert wurde. Vermittelt aber wird uns dieser Algorithmus permanent und massiv – durch eben Ideologien!


Die Ungeheuerlichkeit des Selbstverständlichen gilt es zu erkennen. Wir richten unser Leben nach einem mathematischen (Finanz-)Algorithmus aus. Wir sind programmiert. Und nun versuchen wir seit ein paar Jahrhunderten mit mäßigem Erfolg, den Spagat hinzubekommen, unsere natürlichen Bedürfnisse, unsere tatsächlichen Werte an diesen Algorithmus anzupassen. Warum tun wir uns eine solche Verrücktheit an?


Was wir da tun, ist das Befolgen eines Glaubens, einer Ideologie. Dieser Glaube ist so stark, dass wir es nicht wagen, ihn in Frage zu stellen, geschweige denn, ihn ernsthaft zu diskutieren. Weil das so ist, fühlen wir uns gezwungen, einen hässlichen Sozialdarwinismus zu leben und unseren (durchaus natürlichen) Neigungen zur Macht und der Gier über die Maßen und zum Schaden der Gesellschaft nachzugeben.

Zusätzlich ergibt sich, dass wir uns weiteren Ideologien beständig und teilweise auch noch parallel unterwerfen. Wenn Macht in Konkurrenz tritt, dann treten auch Ideologien in Konkurrenz und versuchen herrschend zu werden. In dieser Mühle versuchen wir nun, unsere Persönlichkeit zu entwickeln, unser wahres, authentisches Ich zu erfahren und zu leben. Das halte ich – vorsichtig ausgedrückt – für schwierig.

Es geht also um unser Wertesystem. Die kritische Betrachtung des Neoliberalismus, des Neokolonialismus, unseres Geldsystems, unserer repräsentativen Demokratie; sie ist gerechtfertigt und notwendig. Aber sie genügt nicht. Denn allein damit wagen wir uns trotzdem nicht an die universellen Prinzipien, nach denen wir unser Leben ausrichten und die unser ganz eigenes persönliches Tun betreffen. Das aber ist notwendig, damit die Menschen aus der allgemeinen Unmündigkeit in wahrhaft verantwortungsvolles Handeln übergehen.

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

(a1) Ob eine Wertschöpfungskette nicht einen Widerspruch in sich abbildet, kann Gegenstand einer weiteren Betrachtung werden.

Quellen

(1) 28.12.2017; https://de.wikipedia.org/wiki/Bruttoinlandsprodukt

(2,3) 2.12.2017; https://de.wikipedia.org/wiki/Wertvorstellung

(Allgemein) http://www.deutschlandfunkkultur.de/pierre-joseph-proudhon-befuerworter-der-anarchie.932.de.html?dram:article_id=309056

Autor: Gerd Altmann; Titel: Herz; Quelle: https://pixabay.com/de/herz-silhouette-liebe-gl%C3%BCck-1982316/; Lizenz: CC0 Public Domain