Zwei plus zwei ergibt vier – immer und überall?

Ausgerechnet in Zeiten von Corona dürfen wir den Politikern und den ihr anhängenden Wissenschaftlern vertrauen?


Man sollte sich durchaus immer mal wieder in Erinnerung rufen, dass es sich bei Jenen, die derzeit auf einer “besonderen Situation” herumpochen und allenthalben Solidarität bei der “Bekämpfung des gefährlichen Virus” einfordern, um die Vertreter der gleichen Politikerkaste handelt, die in der Vergangenheit den Abbau der Sozialsysteme vorangetrieben, und nach außen noch für jeden Krieg zu haben waren. Man darf sich erinnern, wie blind und gefährlich es bereits vor zehn Jahren war – Stichwort Schweinegrippe – einer auserlesenen Gilde von überaus eng mit Politik und Wirtschaft vernetzten Wissenschaftlern zu vertrauen.


Zudem halte ich es für notwendig, ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, dass, wenn Politik in Not kam, die besonderen Situationen, in denen mal, sozusagen “außer der Reihe”, alle zusammenhalten müssten, gern auch selbst produziert wurden. Der “Kampf gegen den Internationalen Terrorismus” ist – was die jüngere Vergangenheit betrifft – dafür das beste Beispiel. Jene “linken Kräfte”, die heute blind einer sich Stück für Stück etablierenden Diktatur unter dem Banner der Virusbekämpfung hinterher trotten, könnten ja mal ein Jahrhundert in der Zeit zurückreisen. Dort würden sie auf einen historischen “Burgfrieden” stoßen, bei dem unter dem Banner eines “Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche!”, die stärkste Fraktion des Deutschen Reichstages ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten gab: die der Sozialdemokraten (1).

Was folgte ist allgemein bekannt. Die Linken, als institutionalisierte und im parlamentarischen System eingebettete Bewegung, waren auch damals schon Systemdiener. Eingewickelt in blindes Vertrauen und geführt vom eigenen Opportunismus, waren sie mitverantwortlich für das große Sterben, dass in den folgenden zwei Weltkriegen ausbrach. Und nur ein winziger Teil der sich bereitwillig verführen lassenden Arbeiterschaft begehrte gegen den Krieg auf – gefangen im empathisch(!)-patriotischen Taumel, sich verteidigen zu müssen. Es geht also um Vertrauen, um unangebrachtes Vertrauen. Noch dazu ein Vertrauen, dessen Basis eine unaufhörlich in den Menschen geschürte Angst darstellt. So jedenfalls verstehe ich die Kritik eines geschätzten Lesers an einem Text, welcher auf der von uns beiden ebenfalls geschätzten Plattform Makroskop veröffentlicht wurde (a1).


Ergibt 2+2 tatsächlich immer nur vier?

Ein offener Brief als philosophischer Gegenentwurf; von Fred Mahnold

Notwendige Vorbemerkungen

Bei aller vorgebrachten, zum Teil harschen Kritik an den Argumenten des ursprünglichen Artikels von Ulrike Simon sollen hier weder die Autorin noch das Wirtschaftsblog makroskop.eu angefeindet werden.

Makroskop.eu ist ein wirtschaftspolitisches Magazin, das aktuelles Wirtschaftsgeschehen beschreibt und kommentiert. Dabei wird Wert auf vielfältige Standpunkte vieler Autoren gelegt. Nebenbei bietet Makroskop Basiswissen aus der Ökonomie, Geldtheorie oder auch Themen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsordnung, in verständlicher Form aufbereitet für den interessierten Laien. Dort werden nicht nur Informationen über unsere europäischen Nachbarn dargestellt, die oft weit jenseits des öffentlichen Bewusstseins liegen, sondern es wird auch Stimmen aus dem Europäischen Ausland ein Forum geboten. Makroskop.eu trägt damit auf grundlegende Weise zur europäischen Integration und einem friedlichen Miteinander der verschiedenen nationalen Gemeinschaften bei, was man ja im politischen und auch medialen Betrieb oft schmerzlich vermisst. Bei all dem wird immer wieder auch versucht, aus dem wirtschaftspolitischen Geschehen heraus Brücken zu anderen Wissensgebieten wie Psychologie oder eben Philosophie zu schlagen.

Dass dabei auch kontroverse Meinungen, und insbesondere Meinungen die ich für kontrovers halte, zu Wort kommen, liegt in der Natur der Sache und ist ein Teil der Möglichkeiten, die Makroskop zulässt. Der ursprüngliche Artikel von Ulrike Simon ist für mich Teil einer solchen friedvollen Debatte und sowohl Ulrike Simon als auch Makroskop genießen, aller Kritik an den Argumenten ungeachtet, meine unverbrüchliche und aufrichtige Wertschätzung. 

2+2 ergibt vier, immer und überall

Ulrike Simon schreibt in ihrem Beitrag 2 + 2 ergäbe 4 (2),

und zwar immer und überall. Das klingt logisch, wird aber einem philosophischen Beitrag kaum gerecht. Schließlich befasst man sich mit der Frage, was 2+2 ist, traditionell in einem anderen Wissensgebiet.

Philosophie dagegen ist traditionell kontrovers, und führt bei ein und derselben Fragestellung zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Fragen sie mal nach 1938. Oder fragen sie mal Martin Heidegger vor und nach 1938.

Meine persönlichen Schwierigkeiten beginnen mit der Übernahme einer anderen Autorin, “die Aufgabe der Wissenschaft sei das ‘Was’ zu erforschen und zu bestimmen”.

Meine Erfahrung ist eine andere. Die Physik kann uns zum Beispiel in der Regel über das ‘Was’ recht wenig sagen.

Die Frage “was ist?” ist nicht nur im Journalismus unglaublich schwierig. Und so kann uns auch die Physik nicht sagen, was ist: Ist Licht nun Welle oder Teilchen? Wie steht es da um das Elektron? Gibt es Elektronen, oder sind das nur Anregungszustände eines allgemeinen ‘Elektronenfeldes’?

Was die Physik eigentlich klärt, ist ein ‘Wie’.

Das ‘Was’ ist unwichtig, denn egal ob Elektronen oder Feld – die Physik beschreibt ‘wie’ diese Elektronen mit anderen Elektronen, wie dieses Feld mit sich selbst, oder anderen ‘Teilchen’ wechselwirkt. Wie sie sich gemeinsam verhalten. Unabhängig davon ‘was’ sie ‘eigentlich’ sind.

Aber seis drum. Philosophische Feinheiten und Freiheiten kann jeder für sich selbst beurteilen. Ich möchte aber anmerken, dass es im Folgenden von Relevanz ist, ob wir klären wollen, was ist, oder wie es passiert ist, wie der Verlauf war. Dieser Unterschied hat, meines Erachtens nach, eine gewaltige Bedeutung auch in der Debatte.

Nun geht es um ein ‘Was nun?’ mit dem vor allem die Politik konfrontiert ist. “Was nun?”, muss stimmig aus dem wissenschaftlichen Befund abgeleitet werden, so Ulrike Simon – gut. Und dann zitiert sie mit dem Hinweis, “nur die klinischen Befunde waren und sind eindeutig” einen Dr. Paul Robert Vogt:

Keiner meiner Kollegen [..] kann sich erinnern, dass in den letzten 30 oder 40 Jahren [..] ganze Kliniken mit Patienten gefüllt sind, welche alle dieselbe Diagnose bekamen; ganze Intensivstationen mit Patienten gefüllt sind, welche alle dieselbe Diagnose aufweisen; 25 bis 30 Prozent der Pflegenden und der Ärzteschaft genau jene Krankheit auch erwerben, welche jene Patienten haben, die sie betreuen; zu wenig Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen; […] die schwerer erkrankten Patienten alle dasselbe – ein uniformes – Krankheitsbild aufgewiesen haben; die Todesart jener, die auf den Intensivstationen verstorben sind, bei allen dieselbe ist; Medikamente und medizinisches Material auszugehen drohen. Deshalb ist klar, dass es sich um ein gefährliches Virus handelt, das dieser Pandemie zugrunde liegt.“

Ulrike Simon erklärt mit einem besonders perfiden Bezug auf ein Dokument, das ursprünglich bei Frag den Staat veröffentlicht wurde, inzwischen aber auch direkt beim Bundesinnenministerium abgerufen werden kann, dass Maßnahmen (im Rahmen des “Lockdowns”) völlig zu recht ergriffen worden seien. Ist das jetzt noch Philosophie oder schon Satire? Realsatire? Ist das noch der Standpunkt von Dr. Vogt, den Ulrike Simon einfach zitiert oder schon ihr eigener? Ich kann es nicht erkennen.

Aber wenn sie schreibt, es sei unbestritten, dass schnelleres Handeln viele Todesfälle verhindert und möglicherweise gar den “Lockdown” erspart hätte, und es gäbe keinen Beweis für die Überflüssigkeit der Maßnahmen, dann bleibt mir nicht mehr viel übrig. Ich bestreite es. Und es gibt auch ‘Beweise’ für die Überflüssigkeit der Maßnahmen.

Der erste ist, dass man keine ‘Beweise’ brauchte, um schwerwiegende Grundrechtsverletzungen über Nacht (Übertreibung, es waren drei Nächte) per Gesetz einzuführen. Obwohl hier Beweise zwingend erforderlich gewesen wären. Statt dessen stützte sich die Politik auf Indizien, um Verhältnisse zu schaffen, wie man sie ähnlich nur von der Vorgeschichte zweier Weltkriege kannte. Ein politisches Verbrechen an und für sich, dass sich vor der Machtergreifung der Nazis in seiner Bedeutung kaum zu verstecken braucht.

Das muss man natürlich nicht zur Kenntnis nehmen. “Es war halt nicht alles völlig korrekt, aber …” ist ein Euphemismus, der mir immer wieder zugetragen wird. So kann man natürlich auch die Augen vor der Realität verschließen. Wir wollten jedoch wissenschaftlich bleiben und klinische Befunde nutzen. Um die Aussagen von Dr. Vogt – überfüllte Kliniken und Intensivstationen – ernsthaft zu bewerten, ist es sinnvoll den Wissensstand von damals – nämlich dem 22. April 2020 heranzuziehen.

Da gibt es zum Beispiel einen Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) für die 16. Kalenderwoche, also den 11.04. – 17.04 (3). Das ist ein Influenza-Wochenbericht. Das Schöne ist, dass er aus einem statistisch vergleichbaren Rahmen heraus über SARS-CoV-2 mitberichtet. Wir haben also einen methodischen Unterbau, der Vergleichbarkeit zulässt, was alle Veröffentlichungen, die sich primär, will heißen ausschließlich, mit einer neuen, bisher unerkannten Infektionskrankheit auseinandersetzen, per Definition nicht leisten können.

Neben den massiv sinkenden Fällen von Erkrankungen der Atemwege (b1, siehe oben), die praktisch nirgends diskutiert wurde – mit einer Ausnahme – und die ja so entscheidend für Covid-19 sein sollen, kann man in Tabelle 2 des Influenza-Berichts die Häufigkeit von SARS-CoV-2 Nachweisen ersehen, an einer Gruppe von Menschen, die sich so krank fühlen, dass sie selbstständig zum Arzt gehen, also schon überdurchschnittlich kranke Menschen. Mit 0,9 bis 3,1% der Proben, was jeweils 1 bis 4 positiven Proben pro Woche in den Sentinelpraxen entsprach, war SARS-CoV-2 hier klinisch völlig unbedeutend im Vergleich zur ausklingenden Grippewelle.

Noch interessanter sind die “Daten aus der ICD-10-Code basierten SARI-Surveillance des RKI (ICOSARI)”. SARI steht für “schwere akute respiratorische Infektionen”. Man mag mich korrigieren, aber ich lese das als eine schwere (akute) Infektion der Atemwege.

Aus Abbildung 4 des RKI-Berichts (b2, siehe oben) kann man für die 71 Sentinelkrankenhäuser in der aktuellen Woche etwa 100 SARI-Fälle in der Altersgruppe der 35 bis 59-jährigen ablesen. In der 14. Woche, der mit dem gemeldeten Höchststand, sind das zwischen einem und zwei Patienten pro Krankenhaus. Und von denen haben nur 49% eine Covid-19-Diagnose. Pro Krankenhaus ergibt das nicht einmal einen  Patienten. Dazu kommen noch einmal jeweils etwa 290 Patienten aus den Altersgruppen 60 bis 79, sowie über 80 Jahre, allerdings mit geringerem Covid-19 Anteil – insgesamt wohl etwa zwischen 24 und 38%, zusammen etwa 80 Patienten. Was in Summe 130 Covid-19-Patienten ergibt. Am Ende der 16. Woche – man beachte die abfallenden Kurven – sind es dann weniger als 100 Patienten auf 71 Krankenhäuser

Man könnte noch darüber diskutieren, wie diese Zahlen zustande kommen, und warum – völlig unverständlicherweise – gerade bei berufstätigen Erwachsenen der Anteil an Covid-19 Patienten so außerordentlich hoch ist, sowohl relativ zu den Gesamtfällen als auch relativ zu den doch so besonders betroffenen Altersgruppen jenseits des Renteneintrittalters. Aber es soll hier nur darum gehen, dass zwischen einem und zwei Covid-19 Patienten pro Krankenhaus in keiner Weise mit den Erfahrungsberichten des Dr. Vogt in Einklang zu bringen sind.

Es mag sein, dass Dr. Vogt Erfahrungen gemacht hat, so wie er sie beschrieben hat: überfüllte Stationen, alle mit der gleichen Diagnose. Aber dann müssen viele, viele andere in der Medizin Tätige eben auch ganz andere Erfahrungen gemacht haben – leere Flure und Kurzarbeit zum Beispiel, wie andere Quellen es ja auch berichten.

Ein weitere schweres Indiz für die völlige Überflüssigkeit der Maßnahmen stellen die Fallzahlen des RKI in Verbindung, insbesondere mit den Modellen der Epidemologen dar. Nehmen wir  hierfür einen mehr oder weniger zufällig herausgegriffenen Bericht des RKI vom 30. April 2020.

Abbildung 6 auf Seite 7 des Berichts zeigt uns den Verlauf der sogenannten Pandemie nach RKI-Angaben (b3, siehe oben).

[Einschub Peds Ansichten: Vergegenwärtigen wir uns stets, dass das RKI in diesen Berichten nie sauber trennt zwischen Positivtest, Infektion und Erkrankung und außerdem beständig außen vor lässt, dass es sich hier um Absolutzahlen handelt.]

Auffällig ist, dass Anstieg und Abfall der ‘Pandemie’ extrem asymmetrisch verlaufen. Und das ist in jedem Bild dieser Art so, solange es mit Daten arbeitet, die so deutlich nach dem Höhepunkt der positiven Testzahlen um den 18. / 19. März erhoben wurden, dass man die Tendenz des Abfalls genauso gut ersehen kann, wie die Tendenz des Anstiegs zuvor.

Falls noch jemand die Schaubilder zu “Flatten the Curve” in Erinnerung hat: Die wissenschaftlichen Modelle arbeiten alle mit streng symmetrischen Pandemieverläufen. Der Abfall ist so stark oder schwach wie der Anstieg. Warum ist das allgemein so? Warum ist das in diesem praktischen Fall aber nicht so? Nun, eine erste Antwort fand Paul Schreyer. Die massive Zunahme der Zahl durchgeführter Tests auf SARS-CoV-2 schlägt sich nämlich auf die erhobenen Fallzahlen nieder. Paul Schreyer stellte fest:

Was man bislang nicht wusste: Die Anzahl der durchgeführten Tests in Deutschland betrug in KW (Kalenderwoche) 11 knapp 130.000, in KW 12 aber fast 350.000. Nicht nur die Zahl der positiv getesteten Fälle hat sich also ungefähr verdreifacht, sondern auch die Menge der Tests. Die tatsächliche Steigerung der Fälle, bezogen auf die Anzahl der Tests, beträgt lediglich einen (!) Prozentpunkt: In Kalenderwoche 11 wurden knapp 6 % der Untersuchten positiv getestet, in KW 12 hingegen 7 %.” (4)

Wenn man aber in einer laufenden Pandemie, die man angeblich maßgeblich nachzeichnet, ‘plötzlich’ die Tests stark ausweitet, sollte man erwarten, dass die Positivraten für den Moment einbrechen, während die Fallzahlen nur moderat weiter ansteigen. Wir beobachten es aber anders herum. Die Raten bleiben weitgehend unverändert, während die Fallzahlen explodieren.

Geht man in die Zahlen des RKI in Kalenderwoche 12, so kann man für den Zeitraum vom 15. – 18.03. täglich etwa 1.100 (genau: 1043, 1174, 1144 und 1042) neu festgestellte Infektionen ablesen. Diese Zahlen sind erstaunlich konstant über diese 4 Tage. Für die nächsten 3 Tage haben wir allerdings im Mittel je 2800 (nämlich 2801, 2958 und 2705), sowie am Sonntag 1948 neu festgestellte Infektionen.

Wir sehen also eine über die Wochen relativ konstante Rate von Neuinfizierten, bei plötzlich sprunghaftem Anstieg der Fallzahlen. Es ist, als seien die neuen Chargen für Tests eingetroffen, und man hätte fröhlich Leute getestet.

Das würde aber gar nicht funktionieren, wenn es nicht viele Menschen gäbe, die auch zuvor schon infiziert waren, aber nun endlich – weil endlich verfügbar – auch getestet würden. Es muss also einen gewaltigen ‘Pool’ an Menschen gegeben haben, der vorher von den Tests einfach nicht erfasst wurde, aber genauso ‘betroffen’ war, wie die bereits zuvor Getesteten. Dies wirft auch ein bezeichnendes Licht auf den Versuch des Staates, Infektionsketten nachzuvollziehen, aber darum soll es hier nicht gehen.

Entscheidend ist, dass wir seit der 12. KW etwa 300- 400.000 Tests jede Woche durchführen, also eine relativ unveränderte Zahl an Tests pro Woche haben. Genauere Zahlen dazu, also wöchentliche, gibt es übrigens bis heute nicht. Finden kann man sie eigentlich auch nur, wenn man selbst auf die Idee kommt, danach zu suchen, oder aus beruflichen oder sonstigen Gründen Paul Schreyer Analysen mitverfolgt. Aufgrund der in etwa konstanten Anzahl an Tests können wir daher annehmen, dass wenigstens der Verlauf – wenn schon nicht das wirkliche Ausmaß – der ‘Pandemie’ hinreichend sicher ab der 12. KW wiedergegeben wird.

Es wird – aus den Zahlen des RKI, nach Abbildung 6 (siehe weiter oben) eindeutig ersichtlich, dass seit Beginn der Maßnahmen die Fallzahlen zurück gehen – und zwar schnell. Was nach allen Verlautbarungen, die ich kenne, nicht sein kann, wenn das an den Maßnahmen hängen würde. Denn das RKI bildet den Erkrankungsbeginn ab, und nicht etwa die Infektion, die einige Tage vorher stattgefunden haben müsste. Und diese Zahlen sind nach-datiert, sprich nach-getestet.

Während – alles nach RKI – am 12. März nur 802 Personen positiv getestet wurden, gibt die Nowcast-Grafik für diesen Tag etwa 2000 bestätigte, begonnene Erkrankungen, sowie noch einmal vielleicht 800 ‘inputierte’ an. Mindestens etwa 2.000 dieser 2.800 müssen also später getestet und in die Statistik überführt worden sein (ich unterstelle: alles methodisch korrekt, und halte mich mit den Details nicht weiter auf), was – das sollte man bedenken – nur bis zu einer gewissen Zeit rückwirkend möglich ist.

Und just in dem Moment, indem die Zahl der täglichen beziehungsweise wöchentlichen Tests ihr Maximum erreicht, der 12. KW, ist das RKI nicht mehr im Stande, steigende Erkrankungszahlen auszugeben. Dazu brauchte es auch zuvor schon sukzessiv steigende Testzahlen. Das bedeutet, dass die Infektionen bereits vor Beginn der Maßnahmen in Deutschland rückläufig waren, wie auch Paul Schreyer an anderer Stelle bemerkt (5).

Worauf will ich hinaus? Nun das Pandemiegeschehen liegt offenbar deutlich früher als bisher angenommen, und es sind deutlich mehr Personen betroffen. Das Maximum der Pandemie war Mitte März bereits überschritten, und wir können sehr wohl – den Modellrechnungen folgend – einen symmetrischen Infektionsverlauf zugrunde legen. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Fälle bereits vor Mitte März aufgetreten sein müssen – auch mehr als die Hälfte aller Todesfälle.

Und das können wir jetzt mit den Sterbezahlen vergleichen. Für Deutschland (b4):

Die rote Linie ist die, die ich gerade in ihrer Gültigkeit widerlegt habe. Das Maximum der Todesfälle durch Covid-19 müsste früher eintreten und höher sein – viele Fälle unerkannt, die Verteilung symmetrisch, aber immer noch zeitversetzt mit dem Maximum der Neuinfektionen, also nach den Nowcast-Daten des RKI in Verbindung mit den Testaktivitäten allerspätestens in KW 13. Wenn wir jetzt also optimistisch die 13. KW als diejenige mit dem Maximum an Todesfällen annehmen, und nachsehen, was wir an den Sterbefällen in Deutschland ablesen können, so fällt auf, dass bis dahin keine auffällige Veränderung eingetreten ist, sondern erst ab der 13. KW ein sichtbarer Zuwachs der Todesfälle eintritt. Aber wie gesagt – der Verlauf sollte symmetrisch sein.

Parallel dazu mehren sich Berichte aus Frankreich und anderswo, dass das SARS-CoV-2 Virus bereits im Dezember 2019 in Europa aktiv war. Was einerseits die Argumentation hier weiter erhärtet und andererseits den ganzen Ansatz des Verfolgens von Infektionsketten (inklusive ‘Gesundheits-App’) ad absurdum führt.

Es gilt – seit dem ersten Tag der sogenannten Pandemie – das Wort von Dr. Wolfgang Wodarg:

Wenn wir den Test nicht hätten, würden wir nichts bemerken.” (6)

Einfach gar nichts. Und weil wir den Test nicht frühzeitig in großen Mengen hatten, haben wir zu Beginn auch nichts gemerkt. Das gilt für die SARI-Fälle genauso wie für die ILI-Raten (siehe weiter oben) und eben auch für die Todeszahlen. Wodarg ist übrigens auch derjenige, der zuerst den Influenzabericht zitiert und die ILI-Raten herangezogen hat.

Nun sehen wir inzwischen in Deutschland einen recht leichten Anstieg der Todeszahlen. In anderen europäischen Ländern gibt es sehr viel dramatischere Anstiege. Und wenn die Zahlen dort die selbe Sprache sprechen, wie hier, dann dürfen wir davon ausgehen, dass diese Todesfälle nicht durch Covid-19 bedingt sind, sondern weitgehend andere Ursachen haben.

Einsperren, sozial isolieren, verängstigen – nur so zum Beispiel: Das sind Einflüsse auf die Todeszahlen, die wir in den vergangenen Jahren in dieser Größe möglicherweise nicht hatten. In einem anderen Kontext sagte Manfred Spitzer, dass Einsamkeit die Todesursache Nummer 1 in Deutschland sei (7,8). Was wohl Spitzer dazu sagt, dass wir unsere Kinder sechs Wochen lang eingesperrt und von allen ihren sozialen Kontakten außerhalb der Kernfamilie methodisch isoliert haben?

Nun könnte man zynischerweise sagen: Es blieben ja immerhin Playstation – Pardon, Spielkonsolen – und Online-Schulaufgaben, um die Medienkompetenz zu verbessern. Und Kinder aus ElternHÄUSERN mit Garten, konnten selbigen ja unbehelligt nutzen. Das hat die Sache in seinen Augen bestimmt nicht besser gemacht.

Leider sind wir damit nicht am Ende angekommen. Da wäre noch das von Ulrike Simon erwähnte, zuerst von fragdenstaat und später vom Innenministerium veröffentlichte Papier: “Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen” (9,10).

Geschenkt, dass das Worst Case Szenario ganz in der Tradition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Zahlen arbeitet, die jeder Grundlage entbehren und auch nicht annähernd irgendwann mal eingetroffen ist – trotz mehrfacher Warnungen vor schrecklichen Pandemien. Geschenkt, dass dieses Szenario das einzige Beispiel ist, das ich je gesehen habe, in dem der Pandemieverlauf nicht symmetrisch modelliert wurde, sondern durch zwei lapidare Geraden (bei “flatten the curve” ist der Graph dann wieder symmetrisch).

Geschenkt, dass der oder die Autoren offenbar projizierend – also in einem Schluss von sich auf andere – unterstellen, was “sich viele unbewusst bei einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft, denken”. Eine Unterstellung die so infam ist, dass ich mich weigere, sie hier wiederzugeben, die aber immer wieder in ähnlicher Form auch an anderer Stelle geäußert wird, wenn es darum geht, die rigiden Maßnahmen zu verteidigen.

Es heißt dort schlussendlich unter Punkt 4: “Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, […]”. Was sagt uns das:

Dem Bundesministerium des Innern (BMI) ist also nicht daran gelegen, Panik zu verhindern, sondern Schockwirkungen zu erzielen. Dies für sich allein genommen, ist bereits ein Verbrechen.

Jeder Rettungssanitäter, jeder Rettungsschwimmer, einfach jeder der mit Katastrophenmanagement vertraut ist, und eigentlich auch jeder andere, der sich damit befasst, lernt zuallererst den wichtigsten Grundsatz: Panik vermeiden.

Panik ist ein angemessenes Gefühl, wenn Ihr im Zoo in das Löwengehege geraten seid. Panik aufgrund statistischer Daten ist praktisch immer Angst vor einem Papiertiger. Und das BMI will Schockwirkungen erzielen. Und dieses Dokument verkauft Ulrike Simon bei Makroskop als einen Beleg dafür, dass Maßnahmen zu Recht erfolgt sind.

In einem philosophisch gemeinten Aufsatz, der da heißt 2+2 sei immer 4? Ist das noch angewandte Philosophie oder schon Realsatire? Ich weiß es nicht. Vielleicht könnten wir abgewandelt mit Mark Twain enden: Menschen die ihre Augen nicht aufmachen, haben keinen Vorteil gegenüber denjenigen, die keine haben.


Danke, Fred! Liebe Menschen, bleiben Sie bitte schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen – insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors – kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(a1) “Fred Mahnold” ist ein Pseudonym, der Autor ist Peds Ansichten bekannt.

(1) “Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg setzte auf Beschwichtigung statt Konfrontation. Er nutzte den Umstand, dass Teile der Arbeiterbewegung am Stigma der “Vaterlandslosigkeit” litten und sich trotz der offiziellen Klassenkampfrhetorik danach sehnten, als Patrioten anerkannt zu werden. Er ließ die SPD mit einem Lügengewebe umgarnen, das auf ihre verwundbarste Stelle zielte: die Russenfurcht. Mehrfach wurden in den letzten Julitagen SPD-Vertreter ins preußische Innenministerium bestellt: Die Regierung wünsche selbst den Frieden und wolle Demonstrationen keineswegs verbieten. Nur solle die SPD bitte nicht der massiv antideutschen Stimmung in Russland durch unbedachte Kritik an der eigenen Staatsführung Vorschub leisten. Albert Südekum, Vertreter des rechten Parteiflügels, versicherte dem Reichskanzler daraufhin ehrerbietig, er müsse keinerlei Kampfaktion der SPD befürchten.“; siehe: 24.09.2013; Der Spiegel; Rainer Traub; Der Sündenfall der SPD; https://www.spiegel.de/geschichte/spd-im-ersten-weltkrieg-wie-es-zur-kriegskredite-zustimmung-kam-a-976886.html;

(2) 10.06.2020; Makroskop; Ulrike Simon; 2+2 ergibt vier, immer und überall; https://makroskop.eu/2020/06/22-ergibt-vier-immer-und-ueberall/

(3) April 2020; Robert-Koch-Institut; Influenza-Wochenbericht; https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-16.pdf

(4) 28.03.2020; Multipolar; Paul Schreyer; Coronavirus: Irreführung bei den Fallzahlen nun belegt; https://multipolar-magazin.de/artikel/coronavirus-irrefuhrung-fallzahlen

(5) 21.04.2020; Multipolar; Paul Schreyer; “Die Maßnahmen wirken”; https://multipolar-magazin.de/artikel/die-massnahmen-wirken

(6) 24.03.2020; Süddeutsche Zeitung; Christina Berndt; Zu schön, um wahr zu sein; https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/coronavirus-internet-fake-news-1.4854880; Im Beitrag der Süddeutschen kommt der Virologe Georg Bornkamm zu Wort, unter anderem mit: “Das Problem entstehe vor allem dadurch, dass es bisher keine Immunität gegen das neue Virus gebe.” Das ist einfach falsch und wird vom Journalisten nicht hinterfragt. Maximal hätte Bonrkamm zum Besten geben können, dass er über Immunitäten betreffs des “neuen Virus” nichts weiß. Diese “Kleinigkeiten” waren und sind typisch für die Falschberichterstattung (Fake News) der Massenmedien.

(7)  18.03.2018; MDR Kultur; Interview mit Manfred Spitzer, Hochschullehrer und Autor des Buches “Einsamkeit”, in dem er nicht nur den Zustand beschreibt, sondern auch Vorschläge unterbreitet, wie sich Menschen davor schützen können; https://www.youtube.com/watch?v=jpv0rXket2E; siehe auch: https://www.droemer-knaur.de/buch/manfred-spitzer-einsamkeit-9783426301067

(8) 26.03.2013; Vortrag von Manfred Spitzer an der DHBW Stuttgart; Digitale Demenz; https://www.youtube.com/watch?v=FnDEF7Aw9HI

(9) 01.04.2020; FragDenStaat; Corona-Strategie des Innenministeriums: Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen; https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/

(10) 28.04.2020; Wir wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen; https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/corona/szenarienpapier-covid-19.html

(b1) Robert-Koch-Institut (RKI); Influenza-Bericht; Kalenderwoche 16 in 2020; Abb.1; ILI-Raten 2016-2020; https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-16.pdf

(b2) Robert-Koch-Institut (RKI); Influenza-Bericht, KW 16 in 2020; Abb. 4: SARI-Fälle; https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-16.pdf

(b3) Coronavirus; Robert-Koch-Institut (RKI); 30.04.2020; Lagebericht zu Covid-19, Abb. 6; https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/2020-04-30-de.pdf?__blob=publicationFile

(b4) Statistisches Bundesamt; Sterbezahlen seit 2016; Mai 2020; entnommen bei Statistica; https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html

(Titelbild) Angst, Virus, Panik; Autor: TPHeinz (Pixabay); 15.03.2020; https://pixabay.com/de/photos/coronavirus-angst-corona-virus-4931407/; Lizenz: Pixabay License

Aufrufe: 2876