Schau auf dieses Land – doch zuerst …

Es gibt viel zu kritisieren in diesem Land. Weil wir uns besser fühlen, wenn wir kritisieren, verurteilen, anklagen können – denn es geht um die Anderen. Doch beim Zeigen auf die Anderen zeigen drei Finger immer auf uns selbst.


Das Land der besten Autos der Welt, es wird reicher und reicher. Selbst unsere Armen wären reich in der „faulen und kriegerischen“ Dritten Welt; reich in was?

Unsere Straßen werden breiter, die Autos fetter.

Die Supermärkte werden größer und mit ihnen gewachsen sind die Einkaufswagen.

Unser Glanz macht uns stolz. Doch der Glanz ist ein Blender. Er macht uns blind dafür, darin das Blut der Ausgebeuteten dieser Welt und der gequälten Natur zu erkennen.

Und wir neiden den Armen dieser Welt die Brosamen die sie sich bei uns abholen; die Winzigkeit dessen, was wir zuvor zusammenraubten.

Was interessiert uns, wie das Kupfer geschürft, unsere wärmende Kleidung genäht, was in unseren Smartphones steckt, welche Kindheiten zerstört wurden, ob wir einen Fischer und seine Familie ruinierten. Wir sind preisbewusst. 

Unsere Welt sind die Supermärkte. Wir sind die Supermärkte, Wir sind zu Gast in den Tempeln der Gier, weil wir sie anbeten, mit unserer Gier in uns.

Tatsächlich? Sind wir wirklich so erbärmlich?

So wie wir kaufen, genauso werfen wir auch weg, gedankenlos, empathielos – herzlos.

Und auf der Suche nach dem Glück geben wir uns mit dem Kick zufrieden. 

Unser Anspruch ist einfach grenzenlos wachsend – und grenzenlos flach.

Wir kritisieren und mahnen, doch eigentlich wollen wir doch nur, dass alles so bleibt – für uns.

Wir fordern von den Anderen und wollen uns selbst nicht ändern.

Wir lassen uns treiben und denken, wir müssen Andere treiben.

Wir weisen Schuld zu, weil wir eine von Schuld bestimmte Welt für uns akzeptiert haben. 

Schuld mahnt und drückt und nur die drohende Möglichkeit schuldig zu werden, macht uns klein und eng in unserem Denken, formt und knetet uns, damit wir einem Algorithmus genügen, der nicht aus uns selbst kommt. 

Und so halten wir uns gegenseitig in Schuld und bezahlen jeden Tag brav unsere Schuld ab.

Wir bilden uns ein, Schuld weg zu schieben, dabei können wir das gar nicht. Denn es ist unsere Verantwortung, die wir zu feige sind, wahrzunehmen. Unser verschüttetes Herz, es weiß, dass die Dinge nicht gut sind, die wir tun.

Die Kriege dieser Welt sind nicht die unsrigen – meinen wir und füttern sie doch mit unserer Empathielosigkeit und unserem Egotismus.

Deshalb können wir auch zynisch sein und jenen die Schuld zuschieben, auf deren Kosten wir leben.

Und weil wir zynisch sind, geht uns die Achtung vor den Menschen verloren – und vor uns selbst.

Wo ist nur unser Herz geblieben?

Verloren im Hamsterrad auf dem endlosen Weg zum berechenbaren Arbeitssklaven und braven Konsumenten, um dem Gott des Mammons zu dienen?

Wahrhaftige Lebenswürde – geben wir sie wirklich ab für ein Leben als Zombie? Das eines gehetzten, in Angst und dadurch in Herrschaft gehaltenen Wesens mit menschlicher Hülle?

Wir lassen nicht los die Seile, in denen wir hängen und an denen man uns verzieht. Denn wir haben Angst.

Und weil wir es nicht wagen, loszulassen, verziehen wir unsere Kinder. Wir nehmen unseren Kindern die Freiheit des Denkens und ziehen an ihnen, damit sie dann in dieser Gesellschaft so funktionieren, wie wir. 

Wir suchen das Glück in Palästen und lassen das in unseren Seelen verkümmern.

Weil die Matrix in der wir leben auch bequem ist. Ihr Zwang, den wir mit uns tragen, ist unsere Unfreiheit. Und weil wir unfrei sind, brauchen wir nicht verantwortlich sein.

Auf der alternativlosen Jagd nach dem Goldenen Kalb hängen wir an den Mündern der Propheten vom ewigen Wirtschaftswachstum – und vergraben unsere Herzen.

Doch diese unsere Herzen, wir brauchen sie so sehr. Weil nur durch sie es uns gelingt, mutig zu sein.

Wir leben in Angst. Und verkriechen uns mit dieser Angst in unserer kleinen vorgegebenen Welt.

Angst – ist uns bewusst, dass dieses Gefühl gar keine Schande und keine Schuld gebiert?

Wir lassen uns von dieser Angst knechten, unter Preisgabe unserer Würde? 

Verlorene Würde! Denn das ist sie, die Preisgabe unserer Einzigartigkeit gegen berechenbare Beliebigkeit – bezahlbar mit Schuldgeld. Wir lassen uns bemessen, berechnen – unsere Gefühle, unsere Fähigkeiten, wir werfen sie weg, die Menschenwürde.

Wir wollen, dass dieses Land sich verändert, doch für uns wollen wir, dass alles so bleibt. Wir haben Angst.

Wir wollen unbequem sein, aber niemals für uns selbst. Weil wir uns nicht zugestehen, dass wir Angst haben?

Und deshalb sagen wir, wir könnten nichts tun, sagen wir, machtlos zu sein, sagen, ein Mensch allein kann nichts ausrichten. Sie und ich aber sind der Mensch. Es ist immer dieser eine Mensch, der sich nicht wagt.

Dieser jeder einzigartige Mensch, der die Fähigkeit hat, seine Angst zu überwinden.

Wollen wir wagen? Wollen Sie es wagen?

Ich habe eine gute Nachricht für Sie: Wenn Sie die Angst überwinden, können Sie sofort damit beginnen – die Welt zu verändern, tatsächlich und dauerhaft. 

Denn Sie sind die Welt.

Wollen wir die Kriege in und zwischen uns erkennen – und die Angst, die dahinter steht?

Denn hinter diesen kleinen Kriegen stehen sie, die großen furchtbaren Kriege dieser Welt.

Schauen wir auf unsere Herzen und wir erkennen in ihnen unser Land wieder.

Wir sind das Land.

Schauen wir auf dieses Land, doch zuerst schauen wir in uns hinein.

Und fragen wir dann erneut, wo wir anfangen können, dieses Land besser zu machen.


Bleiben Sie schön aufmerksam.

[Titelbild] Autor: Gerd Altmann; Titel: Herz; Quelle: https://pixabay.com/de/herz-silhouette-liebe-gl%C3%BCck-1982316/; Lizenz: CC0 Public Domain; nachbearbeitet durch Peds Ansichten

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2 Kommentare zu Schau auf dieses Land – doch zuerst …

  1. Molten Core sagt:

    Guten Morgen,

    schön zusammengefasst – es wird vermutlich nur von viel zu wenigen gelesen und von noch wenigeren verstanden.

    Allerdings wollte ich Sie auf das, was mich heute morgen wirklich überrascht hat hinweisen.
    Ein Kommentar in der Berliner Zeitung zur amerikanischen Warnung vor einem „potentiellen Giftgaseinsatz“ des pöhsen Assad-Schlächter-Mörder-Monsters.

    http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kommentar-in-syrien-droht-die-eskalation-27869898

    Habe ich mit meinen noch verklebten Augen irgendeine grobe Schweinerei überlesen oder hat da jemand das Denken angefangen?

    Grüße
    Molten

    • Ped sagt:

      @Molten Core

      Vielen Dank!

      es wird vermutlich von viel zu wenigen gelesen und von noch wenigeren verstanden

      Sie haben es schon mal – und das möchte ich mit dem Text auch anstoßen. Darüber nachzudenken, wie wir immer wieder auf die anderen schauen.

      Bei Martina Doering läuft seit einigen Jahren ein Umdenken:
      http://www.berliner-zeitung.de/–4015638
      Und ich bin mir sicher: Auch sie steht (in ihren journalistischen Kreisen) nicht allein.

      Seien Sie herzlich gegrüßt, Ped

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