Exportweltmeister – Feiern in der Matrix

Da kommt Stolz auf. Deutschland ist ein Wirtschaftsgigant, ein Motor der globalen Wirtschaft. Nie wurde mehr in das Ausland exportiert, das sich um deutsche Qualitätsprodukte nur so reißt. Der Markt giert nach deutschen Produkten. Und während wir uns unreflektiert in diesem “Erfolg” sonnen, feiern wir uns in einer Matrix, deren Denk- und Handlungsmuster doch schwer zu hinterfragen sind.


Unsere Rolle

Nun soll durchaus NICHT der Eindruck vermittelt werden, dass Produktion und der Austausch von Gütern per se schlecht wären. Vielmehr will ich zur Debatte stellen, aus welcher Motivation heraus unsere Volkswirtschaften agieren, inwieweit sie eigentlich “vernünftig” agieren und ob wir das so weiter mit tragen wollen. Denn  Mittragende des Systems sind wir ganz ohne Zweifel.

Dass wir die Rolle der Mittragenden nicht kritisch hinterfragen, liegt an einem gewissen uns inne wohnendem Phlegma. Wir wurden darauf konditioniert, dass man uns Probleme serviert und Fachleute uns Lösungen anbieten. Sowohl von der aktiven Erkennung von Problemen wie auch der produktiven und kollektiven Suche nach Lösungen sind wir “befreit”.

Wir finden uns mit der Rolle des Marktteilnehmers ab, dessen einzige Kompetenz eben genau in dieser besteht und die unabänderlich unser Wesen ausmacht. Insofern sind wir zu berechenbaren Wirtschaftssubjekten geworden, Teil einer Gesellschaft, die meint, dass die Ressourcen und Potenziale von Natur und Menschen quantifizierbar und damit kalkulierbar sind.

Ansonsten lassen wir es zu, entmündigt zu werden und verlassen uns auf die “Experten”. Statt selbst auf die Suche zu gehen, glauben wir deren Einflüsterungen die uns sagen, dass wir Wirtschaft in ihrer Komplexität eh nicht verstehen. Und wir können eh nichts ändern. Wir sind nur kleine Lichter. Im System von Macht und Herrschaft sind wir die Machtlosen.

Wir akzeptieren dieses System (Macht und Herrschaft) und darin unsere Rolle (Marktteilnehmer) wie unsere Stellung (Machtlose).

Gerade letzteres wird Ihnen sehr sicher bei jedem Stammtischgespräch zu Ohren kommen. So sind wir konditioniert – durch wen und was? Und können wir daran etwas ändern?

So handeln wir jedenfalls nicht verantwortlich und ich meine aber, das können wir ändern. Überschreiten wir also den Rubikon, haben wir den Mut andere Perspektiven ein zu nehmen und die Fragen, die damit aufkommen, auch zu artikulieren. Daher gibt es hier keine Analyse sondern ein Gedankenspiel, dessen erkannte Widersprüche uns eben auf wichtige Fragen stoßen kann.

Einen verhaltenen Stolz liest man schon heraus – bei dieser Nachricht der ard-tagesschau [b1]:


Die Frage nach unserem Menschenbild

WIR sind Exportweltmeister; (endlich) wieder. WIR sind die Besten. Deutsche Wertarbeit hat uns den verdienten Wohlstand gebracht. Kritiker sollen nur herum mäkeln, wir lassen uns unsere ehrliche Arbeit nicht zerreden. Wir können stolz darauf sein, was WIR geleistet haben.

WIR? Mit wem identifizieren wir uns? WER exportiert – und vor allem WARUM tun Jene es?

Exportweltmeister – verbirgt sich dahinter nicht das Symbol eines völlig unkritisch, von dessen Protagonisten als gesetzmäßig notwendig angenommenen grenzenlosen Wachstums? Exportweltmeister als glänzendes Symbol eines alternativlosen Wirtschaftssystems?

Wo kommt ein solcher Drang her; der Drang (man beachte die Sprache des Krieges), Märkte zu eroberen? Hinter Drang steckt, etwas unbedingt tun zu müssen. Dieser Drang kann natürliche Ursachen haben, kann aber auch Folge einer Fehlfunktion sein. Denken Sie, dass der Drang Märkte zu erobern, ein Zeichen gesunder Gesellschaften ist?

Der Drang zu Exportieren hat etwas mit Sättigung zu tun; mit der Sättigung eines lokalen, dann regionalen, dann nationalen, dann kontinentalen und schließlich globalen Marktes. Diese Logik ist unübersehbar, ist sie aber auch alternativlos? Ist es zwingend, dass nach dauerhafter Befriedigung natürlicher Bedürfnisse, unter Missachtung von Umwelt und Menschen, deren Ausbeutung um so schärfer voran getrieben wird?

Nehmen wir an, die Menschheit als Ganzes geht weiter den (nur vermeintlich) bequemen Weg. Dann werden wir also immer fort den unstillbaren Drang haben, zu expandieren; rücksichtslos und maßlos. Aber führt das nicht unweigerlich zur Gewalt?

Wenn Expansion nichts mehr hat, wohin sie expandieren kann, was tut sie dann? Sie beginnt, andere zu verdrängen. Denn andere gefährden ihr weiteres Wachstum. Man wächst also ab einem bestimmten Punkt immer auf Kosten anderer. Damit ist Wachstum egoistisch und empathielos. Kein Wachstum ist jedoch von den wie im Wahn danach strebenden (also uns) Stillstand und Stillstand ist schlecht. Stillstand ist aus dieser Sicht eine Gefahr. Genau das vermitteln Ihnen Politik und Medien – und bestimmen danach ihre Politik. Und da SIE das hin nehmen, ist es halt auch IHRE Politik.

Eine Gefahr muss beseitigt werden, auf die feine oder die gröbere Art. Wachstumsbremsen müssen entfernt werden. Daher redet man die eigenen (subjektiv) gerechtfertigten Ansprüche ethisch rein und die der Konkurrenten schlecht. Der zu führende Wirtschaftskrieg – und dabei bleibt es in letzter Konsequenz nicht – ist nach der Logik freier Märkte unausweichlich. Sind wir noch zu retten oder unwiderruflich von allen guten Geistern verlassen?

Wir beschreiben ein konkurrierendes Spiel, dessen Essenz darin liegt, dass es letztlich nur einen Gewinner geben kann, auf Kosten aller anderen Teilnehmer des Spiels. Der Sieger bekommt diesen Titel – nach dem auch alle anderen streben – aber auch nur dann, wenn alle anderen verlieren. Und danach? Was ergibt sich damit für den Sieger, der im Prinzip ein Nichts ist, im Vergleich zur Masse seiner Konkurrenten? 

Wir reden von einem Wirtschaftssystem, meinen aber unser Menschenbild. Denn darum geht es – und damit um unser Selbstverständnis. Wollen wir wirklich so leben? Denn nach gerade Beschriebenem ist die zwingende Folge die, dass der Schwächere auf der Strecke bleibt. Und der Kampf, der verharmlosend Wettbewerb genannt wird und in dessen Folge es geschah – war der gut für die Gesellschaften, für die Menschen?

Wirtschaftswachstum und Export sind symbiotisch – und Symbol von Expansion. Und ein Exportweltmeister ist der Liebling des Wirtschaftswachstums – und dessen größter Verfechter.

Aber warum brauchen wir das? Unsere Produktionsmethoden sind doch effektiv genug, Bedürfnisse eines Binnenmarktes schnell abzudecken. Wenn nun jedoch der Bedarf nicht mehr gegeben ist, warum produzieren wir einfach weiter drauf los und vor allem noch viel mehr? Und warum versuchen wir uns in der Schaffung neuer “Anreize”, um den Konsum “um jeden Preis” weiter an zu kurbeln? Warum sind wir nicht zufrieden, wenn unsere Bedürfnisse gestillt wurden und versuchen statt dessen künstlich Bedürfnisse bei Anderen und bei uns zu stimulieren, um dann diese neuen künstlichen Bedürfnisse stillen zu können?

Sie mögen sagen, dass die Antwort doch auf der Hand liegt:

Um Geld zu verdienen.

Wir produzieren immer mehr, expandieren, verdrängen, erobern und konkurrieren – und all das einzig deshalb, weil wir das Geld benötigen?

Die einzige Ressource die (mittlerweile) von uns in beliebiger Menge, unter geringstem Aufwand produziert werden kann, ist doch aber gerade das Geld. Wieso herrscht Mangel an Geld?

Willkommen in der Matrix.

Denn was dort steht und was unsere Wirtschaftsweisen und Politiker als wissenschaftlich erwiesene Gesetzmäßigkeit postulieren, beschreibt, dass unser GRUNDBEDÜRFNIS darin besteht, von allem immer mehr haben zu wollen. Und dass wir unseren eigenen Wert, unsere Selbstidentifikation mit der Menge an Gütern verbinden, die wir unser Eigentum nennen. Unsere Sehnsucht nach Reichtum bildet sich in Geld ab, als einem Symbol der uns inne wohnenden GIER. Wir sind von Natur aus GIERIG und EGOISTISCH.

Und tatsächlich; so leben wir (als Gesellschaft) auch! Ist das also der Beweis, dass wir von Natur aus so sind? Wenn dem nicht so ist – warum denken und handeln wir dann so?

Der Markt ist unersättlich. Da er ständig expandieren muss, sucht er pausenlos Verwertungsmöglichkeiten. Er macht vor nichts halt. Er macht auch vor Ressourcen nicht halt, von denen wir meinen, dass sie ein Allgemeingut sind. Wasser ist eines der größten Profitquellen geworden, wann folgt unsere Luft zum Atmen?

Dabei verbirgt der Ausdruck “Der Markt ist unersättlich” die Wahrheit, dass es die Menschen sind, die unersättlich sind. In dem sie – wohl kalkuliert – als Marktteilnehmer handeln. Trifft das nur für ganz bestimmte Menschen zu – oder doch für uns alle, halt jeder nach seinen aktuellen Möglichkeiten?

Die Matrix grüßt.

Und es stellt sich für mich die Frage: Ist das Befassen mit den Ursachen und Facetten der Gier möglicherweise eine, die uns Antworten auf die Probleme unserer Gesellschaften bringen kann? Wo ist unsere Gier natürlich und notwendig und wo wird sie ganz bewusst in uns getriggert? Wer tut es, warum und wie?

Wenn Sie – wie ich – der Meinung sind, dass die Gier unserer Gesellschaften über ihre natürliche Funktion als Überlebenswerkzeug hinaus, krank und schädlich für uns ist, kann die Beantwortung obiger Fragen mglw. auch zu gemeinsamen Lösungsansätzen führen.

Ich denke, dass es wert ist, darüber nach zu denken.


Quellen

[b1] Screenshot, tagesschau.de, 9.5.2017; https://www.tagesschau.de/wirtschaft/aussenhandel-101.html); https://peds-ansichten.de/wp-content/uploads/2017/05/2017-05-09_tagesschau_ExportWM.png

[Titelbild] Text: Sunset, Sky, Industrial, Smoke, Chimney, Buildings; Autor: Unsplash; https://cdn.pixabay.com/photo/2015/03/26/11/02/sunset-692298_960_720.jpg; Lizenz: CC0 Public Domain