Verweigern wir uns dem Krieg

Manöver wie das US-geführte Defender 2020 dürfen nicht mehr so einfach hingenommen werden.


All zu leicht lassen wir uns in Kriege führen. Weil die schiefe Ebene auf dem Weg dorthin nur sanft abfällt und der Weg selbst so schön bequem ist. Bis wir zu einem Punkt gekommen sind, bei dem allein schon das Neinsagen zum Krieg für unser Leben bedrohlich sein kann. Wir sollten es nicht wieder so weit kommen lassen.


Die erwähnte schiefe Ebene nimmt uns die Fähigkeit, Energien zu entwickeln, welche sich dem Bequemlichkeits- und Gehorsamsdenken entziehen. Wir betrügen uns in einer vermeintlichen Sicherheit, ohne dabei die Prämissen für den Frieden im Denken wie Kommunizieren und Handeln aktiv zu leben. So lernen wir auch nicht, Konflikte friedlich und im Miteinander anzugehen und zu lösen.

Das hat auch damit zu tun, weil wir als Gesellschaft nicht achtsam sind. Weil wir glauben, verschont zu werden von Kriegen. Dabei führen wir sie schon – die Kriege. Wir führen sie mit Soldaten, in der Wirtschaft, im Verkehrswesen, dem Finanzwesen, der Politik und über die Medien. Unsere Kultur als Ganzes atmet noch immer den Krieg – im Kleinen wie im Großen. Die Auswirkungen spüren schmerzhaft andere Gesellschaften jenseits unserer Grenzen.

Das wird nicht so bleiben, wenn die schiefe Ebene nicht verlassen wird. Es wird sich sogar beschleunigen, wenn wir den Hetzern, Verleumdern, den Rufern zum Krieg auch weiter auf den Leim gehen. Die gegenwärtig in Teilen Mittel- und Osteuropas stattfindenden, groß angelegten Manöverübungen erhöhen das Risiko eines Krieges in unserer Region. Gleichzeitig sind sie aber eine Chance, aus der gesellschaftlichen Lähmung zu erwachen, das Säbelrasseln nicht mehr so einfach hinzunehmen und die Suche nach Alternativen anzugehen.

Der folgende Aufruf ist so alt wie er aktuell ist. Er nahm sich die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu Herzen und brach mit der Regel, dass es in Ausnahmefällen eben doch gerechtfertigt wäre, Kriege vom Zaume zu brechen. Dieser vorgetragene Pazifismus ist – so meine ich – nicht mit dem grundsätzlichen Hinnehmen von Gewalt zu vergleichen. Er ist vielmehr ein leidenschaftlicher Aufruf an alle Menschen, Mut zum Frieden zu entwickeln.

Der damalige Pazifismus wurde von den Menschen seiner Zeit kaum wahrgenommen. Verstrickt in Schuld, Macht und Gehorsam, getrieben von Revanche, unwissend über die Machtspiele ihrer Eliten und gefangen in der Angst, das kleine private Glück zu verlieren und gleichzeitig zum Opfer zu werden, stolperten sie dann und gerade deshalb doch in die Katastrophe. Sie taten nicht und deshalb wurde mit ihnen getan. In solchen Zeiten kann der Frieden nur dahinkümmern und nicht zu dauernder Stärke reifen.

Im folgenden also ein Manifest aus dem Jahre 1921:


Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Wir sind daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und für die Beseitigung aller seiner Ursachen zu wirken!

(…)

Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Denn er ist ein Verbrechen gegen das Leben und missbraucht den Menschen als Mittel für politische und wirtschaftliche Zwecke.

Wir sind daher entschlossen, getrieben von starker Liebe zur Menschheit, keine Art von Krieg, weder Angriffskrieg noch Verteidigungskrieg zu unterstützen. Dies ist wichtig, weil fast jeder Krieg von den Regierungen als Verteidigungskrieg hingestellt und im Bewusstsein der Völker als Verteidigungskrieg geführt wird.

Wir unterscheiden drei Arten von Krieg:

  1. Krieg zur Verteidigung des Staates, zu dem wir durch Geburt oder Wahl gehören. Den Waffendienst für diesen Zweck zu verweigern, ist schwierig, weil der Staat alle seine Machtmittel gebrauchen wird, uns zu zwingen. Ferner, weil man die angeborene Liebe zu unserer Heimat so lange zu der nationalistischen Täuschung missbraucht hat, als sei Staat und Heimat dasselbe.
  2. Krieg zur Verteidigung der bestehenden Gesellschaftsordnung mit ihren Sicherungen und Vorrechten für den Besitzenden. Dass wir keine Waffen für diese Zwecke ergreifen werden, versteht sich von selbst.
  3. Krieg zur Befreiung des bedrückten Proletariats. Die Weigerung, für diesen Zweck die Waffen zu ergreifen, ist sehr schwer.
  1. Weil der bolschewistische Staat und noch mehr das empörte Proletariat in Zeiten der Revolution in jedem einen Verräter sehen wird, der sich weigert, es mit Waffengewalt zu unterstützen.
  2. Weil unsere angeborene Liebe für die Leidenden uns in Versuchung führen könnte, Gewalt zu gebrauchen, um ihnen zu helfen oder sie zu unterstützen.

Wir sind indessen überzeugt, dass Gewalt niemals die Ordnung aufrecht erhalten, nicht wirklich unsere Heimat schützen, das Proletariat nicht wahrhaft befreien kann. Die Erfahrung hat gezeigt, dass durch jeden Krieg eine erschreckende Verwilderung und Verrohung, die Vernichtung aller Freiheit eintritt und dass das Proletariat nur scheinbar dadurch gewinnt, in Wahrheit aber seine Leiden vermehrt. Es ist daher unmöglich, irgend einen Krieg zu unterstützen,

  • weder durch direkten Dienst im Heere, in der Flotte, in der Luft,
  • noch durch bewusste Herstellung von Munition und Kriegsmaterial,
  • noch durch Leistung irgend eines von der Regierung geforderten Dienstes als Ersatz für Waffendienst,
  • noch durch Zeichnung von Kriegsanleihen,
  • noch durch Hergabe unserer Arbeit, um andere für den Kriegsdienst freizumachen.

Wir sind uns klar, dass wir als konsequente Pazifisten nicht das Recht haben, eine bloß negative Stellung einzunehmen, sondern bemüht sein müssen, die tieferen Ursachen des Krieges zu erkennen, und für die Beseitigung aller seiner Ursachen zu kämpfen.

Als Ursachen des Krieges sehen wir nicht nur Selbstsucht und Habsucht an, die sich in jedem Menschenherzen finden, sondern auch alle Faktoren, welche die Menschen als Massen zu gegenseitigem Hass und Massenmord führen.

Wir sehen in folgenden Antrieben die für unsere Zeit wichtigsten:

  • Die Unterschiede der Rassen, die zu Neid und Hass künstlich gesteigert werden.
  • Die Unterschiede der Glaubensbekenntnisse, die durch Unduldsamkeit zu gegenseitiger Missachtung künstlich aufgestachelt werden.
  • Die Gegensätze der Klassen, der Besitzenden und Nichtbesitzenden, die fast unvermeidlich hintreiben zu Völker-und Bürgerkrieg, solange das gegenwärtige Produktionssystem besteht, das auf Profitwirtschaft anstatt auf Bedarfswirtschaft beruht.
  • Die Gegensätze der Nationen, in denen wir zum großen Teil eine Folge des jetzigen Produktionssystems sehen, das zum Weltkrieg und zu wirtschaftlichem Chaos geführt hat. Wir sind überzeugt, dass diese Gegensätze durch eine den Bedürfnissen der einzelnen Nationen angepasste Regelung der Weltwirtschaft ausgeglichen werden können.
  • Endlich sehen wir auch eine wesentliche Ursache des Krieges in der falschen Auffassung über das Wesen des Staates. Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.

Die Anerkennung der Heiligkeit des menschlichen Lebens, der menschlichen Persönlichkeit muss das Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft werden.

Andrerseits darf auch der einzelne Staat nicht mehr als souveränes Einzelwesen betrachtet werden; denn jede Nation ist ein Teil der großen Familie der Menschheit.

Wir müssen daher mit aller Kraft für die Beseitigung von Klassen und trennenden Gesetzen wirken und für die Schaffung einer weltumfassenden Brüderlichkeit begründet auf gegenseitige Hilfe.” (1)


Diese 1921 im holländischen Bilthoven vor fast 100 Jahren während der Gründungskonferenz der “Internationale der Kriegsdienstgegner” verfasste Erklärung hat nichts an Aktualität verloren (a1).

Auch deshalb meine ich: Es ist eine gute Zeit, die Tradition der Ostermärsche – ganz im Zeichen aller Friedensbewegten stehend – neu aufleben zu lassen.

Bitte bleiben Sie – gerade im Sinne des großen und kleinen Friedens – achtsam.


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(a1) Die Internationale der Kriegsdienstgegner (WRI) gibt es auch heute noch. Die Deutsche Friedensgesellschaft – Verband der Kriegsdienstverweigerer (DFG-VK) – als älteste deutsche Friedensorganisation, und mitgegründet von Bertha von Suttner – ist Mitglied der WRI (2,3).

(1) Die Friedensbewegung : ein Handbuch d. Weltfriedensströmungen d. Gegenwart; Walter Fabian [Hrsg.]; Köln: Bund-Verlag, 1985; Repr. d. 1922 in Berlin erschienenen Handbuchs, ISBN: 3766309454, S.130ff

(2) https://wri-irg.org/de/network/about_wri; abgerufen: 10.03.2020

(3) https://www.dfg-vk.de/unsere-geschichte; abgerufen: 10.03.2020

(Titelbild) A German Army Leopard 2 tank, assigned to 104th Panzer Battalion, moves through the Joint Multinational Readiness Center during Saber Junction 2012 in Hohenfels, Germany; Markus Rauchenberger; 25.02.2012; https://en.wikipedia.org/wiki/File:German_Army_Leopard_2A6_tank_in_Oct._2012.jpg; Lizenz: Public Domain

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