Diplomatische “Kleinigkeiten”

Vom Sinn des Erweiterns der Perspektive.


Am 22. Mai 2019 empfing der US-amerikanische Außenminister seinen vietnamesischen Amtskollegen. Bekanntermaßen suchen die USA strategische Partner auch im Fernen Osten, um ihren Einfluss dort zu wahren. Vietnam geht mit diesen Sehnsüchten auf seine Weise um.


Hier also die Meldung aus dem US-Außenministerium vom 22. Mai 2019 (Übersetzung und Hervorhebung PA):

“US-Außenminister Michael R. Pompeo traf sich heute in Washington mit dem stellvertretenden vietnamesischen Premierminister und Außenminister Pham Binh Minh. Sie erörterten die Bemühungen zur Stärkung der strategischen Partnerschaft zwischen den USA und Vietnam durch Vertiefung der politischen, militärischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Zusammenarbeit in humanitären Fragen und bei der Bewältigung von Kriegsfragen. Sie bekräftigten ihr gemeinsames Engagement zur Förderung von Frieden, Sicherheit und Wohlstand in der indisch-pazifischen Region. Der Minister begrüßte den bevorstehenden 25. Jahrestag der Normalisierung der bilateralen Beziehungen im Jahr 2020.” (1)

Washington ist seit Jahren daran gelegen, Allianzen mit Staaten zu bilden, die an die Volksrepublik China grenzen oder in deren Nähe liegen. Insbesondere für die US-Drohkulisse im Südchinesischen Meer wünschen sie sich einen militärisch und politisch kooperierenden Partner Vietnam (2). Sie können hierbei ungelöste Grenzkonflikte zwischen China und Vietnam (3,4) für eigene Interessen ausnutzen. So ankern inzwischen US-Kriegsschiffe im vietnamesischen Hafen Da Nang (5).

Dabei hat sich Vietnams Wirtschaft stark entwickelt, was nicht zuletzt auf einem enorm gewachsenen Außenhandel auch mit den USA – speziell der stieg in weniger als zwei Jahrzehnten um das 40-fache – beruht (6). Das Prinzip der “verlängerten Werkbank”, der Auslagerung von Industrien, sowie eines Lieferanten billiger Roh- und Hilfsstoffe für die Nationen der “Ersten Welt” wurde also auch in Vietnam erfolgreich angewendet. So sind die USA nunmehr das wichtigste Abnehmerland für vietnamesische Waren.

Sowohl mit der EU als auch mit den USA hat Vietnam Freihandelsabkommen abgeschlossen (7). Pompeo sprach in seiner Stellungnahme von einer erfolgreichen politischen Geschichte, als er den 25. Jahrestag der Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Vietnam im kommenden Jahr erwähnte (8).

So weit so gut: Die faktisch zweithöchsten politischen Vertreter ihrer Länder trafen sich in Washington. Die logische Schlussfolgerung, die sich daraus ziehen lässt, ist, dass sich deren strategische Partnerschaft kontinuierlich entwickelt und Vietnam – defacto als Frontstaat gegen China und anhängig Russland – seine von Washington gewünschte Rolle spielt. Wie gesagt, ist das eine mögliche, keine zwingende Konklusion im Auge des Betrachters – wenn gleich sie uns recht eingängig erscheint. Doch nun wollen wir die Perspektive erweitern.

(sinngemäße Übersetzung und Hervorhebung PA):

“Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Herr Präsident. Sie sind ein guter und enger Freund des vietnamesischen Volkes. […] Vietnam, unsere Kommunistische Partei und unser gesamtes Volk haben immer die beiderseitigen Beziehungen gepflegt und sich der Hilfe des russischen Volkes erinnert, das Vietnam in den Jahren unseres Kampfes gegen die Aggressoren und der anschließenden Entwicklung unseres Landes unterstützt hat. Wir sind entschlossen, die russisch-vietnamesischen Beziehungen auf ein neues, produktiveres Niveau zu bringen. […] Zunächst möchte ich feststellen, dass sich die russisch-vietnamesischen Beziehungen in letzter Zeit sehr dynamisch entwickelt haben. Der erfolgreiche Beginn der Umsetzung des Abkommens über die Freihandelszone zwischen Vietnam und der Eurasischen Wirtschaftsunion ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Im vergangenen Jahr erreichte der bilaterale Handel rund 6 Milliarden Dollar: Er wuchs um mehr als 30 Prozent.” (9)

Diese Worte fielen am selben Tag – aber nicht am selben Ort. Zeitgleich zu Mike Pompeos Treffen mit Pham Bình Minh in Washington empfing nämlich der russische Präsident Wladimir Putin den vietnamesischen Ministerpräsidenten Nguyen Xuan Phuc in Moskau. Die in der Machtvertikale zweite Ebene der vietnamesischen Politik verhandelte in der US-amerikanischen Hauptstadt. Doch die höchste Ebene weilte in Moskau.

Die Vietnamesen haben zudem ihre eigene politische Kultur, eine die man sich westlichen, samt deutschen Politikern nur wünschen kann. Hanoi ist also nicht einseitig an das westliche Wirtschafts- und Finanzsystem angebunden, sondern auch Mitglied und Teihaber der Eurasischen Wirtschaftsunion. Einer Union, die vor allem von China und Russland vorangetrieben wird.

Pompeo hatte bei seinem Treffen mit dem vietnamesischen Außenminister den 25. Jahrestag der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten erwähnt. Dieses Jubiläum ereignet sich im kommenden Jahr. Das ist gut so, aber die Vietnamesen wissen offenbar – bei allem Kapitalismus den sie importiert haben -, mit wem sie es zu tun haben. Und so sprach der vietnamesische Premier zur gleichen Zeit in Moskau auch vom Aggressor (siehe Hervorhebung im Zitat oben) und meinte damit natürlich die USA.

Vor der von Pompeo gewürdigten Normalisierung, fand noch ein anderes bedeutendes Ereignis statt (sinngemäße Übersetzung und Hervorhebung PA):

“Unsere Beziehungen sie sind ohne Zweifel von strategischer Natur und basieren auf der traditionellen Freundschaft und Übereinstimmung in grundlegenden Aspekten. Im Juli jährt sich die Unterzeichnung des Abkommens über freundschaftliche Beziehungen zwischen Vietnam und Russland zum 25. Mal.” (10)

Vor der Normalisierung in den Beziehungen zwischen den USA und Vietnam wurde also ein Freundschaftsvertrag zwischen Russland und Vietnam unterzeichnet.

Die Vergrößerung der Perspektive hat somit zu einem differenzierteren Bild geführt. Das gilt nicht nur für die vietnamesische Außenpolitik sondern auch für die geopolitischen Machtverhältnisse. Offenbar gelingt es Vietnam, seine Beziehungen zu großen Nationen zu entwickeln, ohne sich in das Spiel des “Teile und Herrsche” hineinziehen zu lassen.

Die Rolle eines unumschränkten Hegemons aber haben die USA bereits verloren. Auch der US-Sanktionswahn als ultimative Keule vor der militärischen Karte bringt die Opfer nicht mehr zur “Einsicht”. Die US-amerikanische Politik wird innerhalb eines stetigen Prozesses gezwungen, ihr Auftreten, ihre Diplomatie zu verändern. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet der vom Establishment gehasste Donald Trump genau das erkannt hat.

Nicht die USA sind der Dirigent, sondern die multipolare Welt übernimmt in Zusammenarbeit mehrerer großer Nationen die Regie. Klugerweise wird das nicht an die große Glocke gehangen. Das Ego der dahin siechenden Supermacht sollte auch nicht übermäßig gereizt werden. Das entthronisierte Lager der “Einzigartigen” ist eben auch ein psychologisches Problem und jederzeit zu Übersprunghandlungen fähig. Dies zu Begreifen, dafür genügt der Blick auf den aktuellen US-Präsidentenberater John Bolton.

Die oben aufgezeigten Parallelitäten sind also keine Zufälligkeiten, sondern wichtige diplomatische “Feinheiten”. Ein weiteres vor kurzem stattgefundenes Ereignis bestätigt das.

Im Vorfeld und während des Treffens in Sotschi, bei dem Mike Pompeo mit dem russischen Präsidenten und dessen Außenminister zusammentraf, konnte man bemerkenswerte Details entdecken. Das erste war eine heruntergefahrene Propaganda im Mainstream (11). Noch interessanter fand ich jedoch, dass nur einen Tag vor dem Treffen Sergej Lawrow Chinas Außenminister Wang Yi in Moskau empfing. Drei mal darf der Leser raten, über welches Thema sich die Beiden da abgestimmt haben (12).

Die Dinge sind im Fluss.

Bitte bleiben Sie auch weiterhin schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Text von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz(Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1,8) US-Außenministerium; 22.5.2019; https://www.state.gov/secretary-pompeos-meeting-with-vietnamese-deputy-prime-minister-and-foreign-minister-pham-binh-minh-2/

(2) Till Fähnders; 21.5.2016; https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/vietnam-und-amerika-vertiefen-partnerschaft-14244389.html

(3) 2.10.2018; http://vovworld.vn/de-DE/nachrichten/beweisen-uber-souveranitat-vietnams-gegenuber-inselgruppen-truong-sa-und-hoang-sa-686106.vov

(4) 15.1.2019; http://vovworld.vn/de-DE/nachrichten/gesprache-auf-regierungsebene-uber-grenze-zwischen-vietnam-und-china-716136.vov

(5) Gerhard Feldbauer; 1.3.2019; https://www.jungewelt.de/artikel/350294.gipfel-in-hanoi-normalisierte-beziehungen.html

(6) Hong Van; 9.7.2018; http://vovworld.vn/de-DE/politische-aktualitat/beziehungen-zwischen-vietnam-und-den-usa-entwickeln-sich-weiterhin-stabil-und-effektiv-659833.vov

(7) Frauke Schmitz-Bauerdick; 5.3.2018; https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/suche,t=vietnams-aussenhandel-steht-auf-solidem-grund,did=1878874.html

(9,10) 22.5.2019; http://en.kremlin.ru/events/president/news/60565

(11) 14.5.2019; https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/sergej-lawrow-aussenminister-russland-beziehungen-usa

(12) Rainer Rupp; 21.5.2019; https://deutsch.rt.com/meinung/88351-fur-usa-wird-geo-politische/

(Titelbild) Da Nang, Vietnam; Autor: Free-Photos (Pixabay); 18.12.2015; https://pixabay.com/de/photos/danang-vietnam-đà-nẵng-skyline-1031403/; Lizenz: Pixabay License

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