Dann folgt auch die gewünschte Empörung, denn Stimmung ist alles, um Politik durchsetzen zu können.


Der Nebel medialer Manipulation ist dichter, als es sich die Mehrheit der Menschen auch nur andeutungsweise zu erträumen vermag. Gerade dann, wenn wir in vermeintlich makellos kristalliner Klarheit geneigt sind, Urteile zu fällen und unseren Vorurteilen freien Lauf zu lassen, ist es oft so, dass wir ganz tief in diesem Nebel waten. Tiefsitzende Vorurteile zur Persönlichkeit und Rolle des aktuellen US-Präsidenten machen es möglich, dass (fast) eine komplette Gesellschaft ganz nach Bedarf in ostentativer Empörung aufgeht. Und wehe dem, der es wagt, vorsichtig Bedenken zu äußern.


Nachdenken heißt vor allem, etwas im Nachhinein zu überdenken, etwas zu reflektieren. Dieses Nachdenken bedeutet nicht nur das nochmalige Auswerten dessen, was man erfahren hat, sondern es bedeutet auch — und das erscheint dem Autor viel wichtiger — das Überdenken, wie man selbst mit dieser Erfahrung umgegangen ist.

Der erste Honigtopf war der, dass ein US-Präsident die Vergabe einer Roten Karte an einen Fußballspieler rückgängig gemacht hätte. Niemand hat das je bewiesen, aber wen ficht das schon in einer „regelbasierten Ordnung“ an? In der „regelbasierten Ordnung“ richtet die Moral statt unvoreingenommener Richter. Und wer bestimmt in dieser Ordnung die Regeln — Sie, ich? Dabei ist dieser erste Honigtopf die Voraussetzung, um sich am zweiten Honigtopf laben zu können.

Das war er, der zweite Honigtopf — der Beleuchter zeigte auf Artikel 27 (1):

„Eine Rote Karte zieht im Normalfall eine automatische Sperre von zumindest einem Spiel nach sich. Wie die FIFA jedoch mitteilte, wird diese »gemäß Artikel 27 des FIFA-Disziplinarreglements für eine Probezeit von einem Jahr ausgesetzt«.“ (1i)

Schauen wir uns dazu etwas an, was im ersten Augenblick nichts mit der Roten Karte gegen den US-Fußballer zu tun hat. Sie wissen schon: Der Beleuchter hat dort abgedunkelt. Die FIFA beschloss Ende Februar des Jahres einige Regeländerungen. Danach bekommt der Video-Assistent (VAR) erweiterte Zuständigkeiten:

  • „[…]
  • Der VAR soll nicht mehr nur glatt Rote Karten, sondern auch die jeweils zweite Gelbe Karte einer Gelb-Roten Karten prüfen. Es geht dabei nur um die Frage, ob die zweite Verwarnung korrekt war – nicht um ausgebliebene zweite Verwarnungen. Die jeweils erste Gelbe Karte soll wie bisher nicht zu VAR-Eingriffen führen.
  • Der VAR soll bei allen Karten aber dann eingreifen dürfen, wenn klar das falsche Team bestraft wurde.“ (2)

Der Video-Assistent darf also eingreifen, wenn er den Eindruck hat, dass der Schiedsrichter bei seiner Entscheidung, eine Gelbe oder Rote Karte zu vergeben, die Situation fälschlich, vor allem unvollständig erfasst hat.

Deshalb auch gibt es ein klitzekleines Aber:

„Balogun — mit drei WM-Treffern bester US-Torjäger — war im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) nach einem rüden, aber unabsichtlichen Foul gegen Tarik Muharemovic sowie nach VAR-Überprüfung vom Platz gestellt worden.“ (1i)

Beachten wir: Der Schiedsrichter hatte dem Spieler keine Rote Karte gezeigt. Er hatte das gesehen und interpretiert, was im Fußball, körper- und kampfbetont wie dieser nun einmal ist, Alltag ist. Doch griff der VAR ein — durfte er das? Denn nirgends findet man eine Regel, die den Video-Assistenten berechtigt, den Schiedsrichter zu einer Roten Karte „hin zu führen“. Alles, was man diesbezüglich erfährt, sind Regeln, die erst nach dem Zeigen einer Karte durch den Schiedsrichter greifen (3).

„1. Ein VAR ist ein Spieloffizieller mit unabhängigem Zugang zu Spielaufnahmen, der den Schiedsrichter ausschliesslich in folgenden Situationen bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden übersehenen Vorfällen unterstützen darf:

2. Der Schiedsrichter muss immer eine Entscheidung fällen, das heißt, er darf nicht auf eine Entscheidung verzichten, um dann mithilfe des VAR eine Entscheidung zu fällen. Eine Entscheidung, das Spiel nach einem mutmasslichen Vergehen weiterlaufen zu lassen, darf überprüft werden.

3. Der ursprüngliche Schiedsrichterentscheid darf nur geändert werden, wenn die Videoaufnahmen eindeutig belegen, dass eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt.“ (4)

Handelte es sich um einen „schwerwiegenden übersehenen Vorfall“?

„Balogun hatte seinen Gegenspieler Tarik Muharemovic in einem Zweikampf hart, aber offensichtlich unabsichtlich getroffen. Schiedsrichter Raphael Claus aus Brasilien schaute sich die Szene noch einmal an und entschied dann auf Rot. Eine umstrittene Entscheidung. Doch während der Partie in Santa Clara wurde sie offensichtlich für richtig befunden, schließlich wurde sie erst nach Überprüfung durch den Video Assistant Referee (VAR) verteilt.“ (5)

Was hier nicht ganz präzise dargestellt wird, ist die Tatsache, dass erst der Knopf im Ohr des Schiedsrichters ihn an den Monitor des VAR rief. Was genau sah er dort? Er sah genau zwei Szenen (5, siehe das dort eingebettete Video). Liebe Leser, falls Sie Gefallen an dem Thema gefunden haben, schauen Sie sich hier an, was dem Schiedsrichter vom VAR gezeigt wurde — und das bei einer Weltmeisterschaft, deren Spiele jeweils von Dutzenden von Kameras aufgenommen werden.

Alle Welt feiert diese Video-Assistenten. Nimmt sie aber auch wahr, dass dem Fußball etwas von seiner Seele genommen wird?

Stellen wir doch einmal eine Hypothese auf. Nicht Trumps Anruf hat die FIFA zurückrudern lassen. Nein, es griff ein anderer Mechanismus. Man hatte die Regelverletzung beim Weltverband sehr wohl erkannt, weniger die des Schiedsrichters, aber sehr wohl die des Video-Assistenten. Dass die FIFA-Offiziellen dann auf Artikel 27 (siehe weiter oben) zurückgriffen, hatte für den Autor den Grund, den VAR wie den Schiedsrichter zu schützen — ein Bärendienst, wie ich meine. Der VAR hatte seine Kompetenzen überschritten, vor allem mit den fragwürdig zusammengeschnittenen Video-Sequenzen zum Fall.

Hatte der US-Fußballverband protestiert? Hatte er auf diesen Regelverstoß hingewiesen? Wir wissen es nicht. Warum wissen wir es nicht? Weil da kein Licht ist. Vielleicht soll es nicht interessieren. Und tatsächlich interessiert es ja auch keinen.

Und was hat das alles mit dem Anruf des US-Präsidenten beim FIFA-Präsidenten zu tun?

Genau, gar nichts.

Wie billig man doch Politik, vor allem aber Stimmungen erzeugen und steuern kann. Alle wissen nichts, aber was solls? Es hindert sie mitnichten, den Gutmenschen zu strapazieren und sich zu empören. Die Dirigenten können da nur in die Hände klatschen.

Was würde wohl der DFB-Präsident tun, wenn ihn der Bundeskanzler anrufen würde? Würde er ihn „wegdrücken“? Aber der FIFA-Präsident „soll“, weil nur das ihn vor moralischer  Verurteilung bewahrt, den US-Präsidenten „wegdrücken“? Die Weltfremdheit einer woken Öffentlichkeit ist wirklich beachtlich. Wie war denn das mit Trump?

Trump bestätigte den Anruf vor Journalisten im Oval Office. Er halte die Entscheidung des ’schrecklichen‘ Schiedsrichters nicht für gerechtfertigt. »Ich habe lediglich um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht glaube, dass es ein Foul war«, sagte Trump weiter. Die Schiedsrichter-Entscheidung sei ‚unfair‘ gewesen.“ (5ii)

Es ist an dieser Stelle unerheblich, warum Trump hier in Erscheinung getreten ist. Der Informationskrieg ist vielschichtig. Und wenn man einmal — außerhalb jeder emotionalen Überzogenheit — davon ausgeht, dass Donald Trump mit Sicherheit weder blöd noch irrational agiert, lässt sich trefflich darüber nachdenken, warum er das Telefonat tätigte. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Trump gar nicht auf die FIFA zielte, sondern auf ganz andere Akteure.

„Auch Infantino bestätigte später, dass der US-Präsident ihn wegen der Roten Karte angerufen habe. Er habe Trump mitgeteilt, dass der Fall Gegenstand eines laufenden Verfahrens sei. Die Gremien des Weltfußballverbandes würden unabhängig und autonom entscheiden, betonte Infantino in seiner Stellungnahme. »So funktioniert das System der FIFA. Und das ist ein Prinzip, das ich stets verteidigen werde.« Er selbst lese Entscheidungen des Disziplinarausschusses, sobald sie verkündet würden. Er stimme diesen manchmal zu, manchmal nicht oder er sei von ihnen überrascht.“ (5iii)

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Weltverband den Fall bereits prüfte, als Trump noch gar nicht angerufen hatte. Weil das nämlich ein Standardprozedere ist (a1).

Was kann uns das einmal mehr vermitteln? Emotional aufgeladener Journalismus ist kein echter, und außerdem ist er schlampig, weil er eben in dieser Emotion gefangen und so befangen ist. Vorverurteilung ist da völlig normal. Und man verstärkt das Ganze, in dem man reichlich Stimmen zu Gehör bringt, die ebenso empört sind, wie man selbst. So lebt man in seiner Blase — unfähig, von Ereignissen unvoreingenommen zu berichten oder gar kritisch und skeptisch über die Art und Weise der eigenen Berichterstattung nachzudenken.

Und so lange diese unsere Gesellschaft in ihrer Oberflächlichkeit, kombiniert mit geheucheltem Gutmenschentum, so auftritt wie „ihre“ „Journalisten“, wird sie sich auch weiterhin beliebig am Gängelband durch die Manege führen lassen.

Abgesehen davon, dass wir im „besten Deutschland aller Zeiten“ ganz andere, wirkliche, möglicherweise existenzielle Probleme zu bearbeiten haben. Die aggressive deutsche Außenpolitik, die einen offenen Krieg mit Russland heraufbeschwört, der Wahn der Klimasekte, die eine Schicht von Superreichen noch reicher werden lässt und mit einem Krieg gegen die nationale Wirtschaft einhergeht. Der nicht aufgearbeitete und unter dem Radar fortgesetzte Corona-Krieg gegen die Menschen dieses Landes. All das findet einen Bruchteil der Aufmerksamkeit einer manipulierten, teilweise sedierten Gesellschaft. Nichts ist kontraproduktiver, als da Energien in ein Empörungs-Management zu stecken, dass den Informationskrieg zwischen Machteliten bedient.

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung — Nicht kommerziell — Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(a1) Hat die FIFA ein Problem mit Korruption? Das hat sie ganz sicher, denn schließlich ist hier einfach zu viel Geld im Spiel. Ist die UEFA dermaßen von Anstand und moralischer Sauberkeit durchdrungen, dass sie als Kläger auftreten darf (6)? Oder ist bei der UEFA nicht seinerseits Geld, viel Geld, viel, viel Geld im Spiel. Ist moralisches Verurteilen möglicherweise ein kleiner Bruder der Lüge?

(1, 1i) 06.07.2026; Kicker; Was Artikel 27 sagt — und in welchem Widerspruch er steht; https://www.kicker.de/was-artikel-27-sagt-und-in-welchem-widerspruch-er-steht-1234180/artikel

(2) 28.02.2026; ARD-Tagesschau; Regelhüter geben VAR mehr Macht und schränken Zeitspiel einhttps://www.sportschau.de/fussball/ab-wm-2026-var-check-bei-eckbaellen-und-gelb-rot,ifab-regelaenderungen-wm-2026-100.html

(3) 11.06.2026; Rote Karte bei der WM: Was danach genau passiert; https://www.bestetipps.de/spiele/fifa/rote-karte-bei-der-wm/

(4) IFAB; VAR — Protokoll; https://www.theifab.com/de/laws/latest/video-assistant-referee-var-protocol/; abgerufen: 09.07.2026

(5 bis 5iii) 06.07.2026; ARD-Tagesschau; Trump, Infantino und warum die FIFA eine Rotsperre aufhebthttps://www.tagesschau.de/ausland/amerika/balogun-rote-karte-trump-infantino-100.html

(6) 07.07.2026; MSN, Reuters; Fokus 1-Trumps Einmischung in WM-Spiel löst empörte Reaktionen aus; https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/fokus-1-trumps-einmischung-in-wm-spiel-l%C3%B6st-emp%C3%B6rte-reaktionen-aus/ar-AA27kkYt

(Titelbild) Ball, Tor, Fußball; 19.04.2020; Autor: Chaos Soccer Gear (Unsplash); https://unsplash.com/de/fotos/Cjfl8r_eYxY; Lizenz: Unsplash Lizenz

Von Ped

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert