Der sich zum bedingungslosen Gehorsam verpflichtete Weltkriegsgefreite schnuppert an der anderen Seite der Macht.


Macht und Herrschaft sind dialektische Begriffe. Sie beschreiben soziale Verhältnisse, bei denen Menschen als Subjekte mit menschlichen Objekten interagieren. Macht und Herrschaft stehen für eine Beziehung, in der sich die eine Seite der anderen mehr oder weniger bedingungslos unterwirft. In der die Unterworfenen die eigene, naturgegebene Selbstbestimmtheit einem fremden Willen hintenanstellen. Dies schließt das Denken und Handeln wider den eigenen Überzeugungen ein. Der Beherrschte, Geführte, Manipulierte wird zum Werkzeug. Auch Adolf Hitler war ein Werkzeug. Doch Macht und Herrschaft verkörpern mehr, sie funktionieren nach einem Rollenverständnis.


Rollenspiele in Machtsystemen

Rollenverständnis bedeutet, dass Herrschende und Beherrschte nicht fest an das Subjekt (welches tut) und das Objekt (mit dem getan wird) gebunden sind. Wobei es der Begriff Rollenverständnis nicht präzise genug ausdrückt. Besser geeignet erscheint da Rollenakzeptanz. In der beide Seiten die Herrschaftsbeziehung als sozusagen „normales“ Sozialverhältnis akzeptieren. Was nicht gleichbedeutend mit der Rolle ist, die sie in diesem Verhältnis konkret einnehmen. Doch mehr oder weniger unterbewusst nehmen die Beteiligten es als grundsätzliches Miteinander und außerdem als alternativlos wahr. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass es da noch einen anderen psychosozialen Mechanismus geben könnte. Gedeihliches Zusammenleben nehmen sie stillschweigend als ein austariertes Gleichgewicht im Herrschaftssystem wahr. Herrschaft als solche wird keinesfalls abgelehnt, sondern es wird zwischen „guter“ und „schlechter“ Herrschaft unterschieden. Und die Herrschenden kritisieren andererseits „ihr schlechtes Volk“ und mahnen es, „ein solidarisches, gutes Volk“ zu sein.

Oft liegt der Fokus bei Sozial- und Gesellschaftskritik auf der Opfer- und Täterrolle. Im Allgemeinen impliziert das auch die Wertung, das Opfer sei im Grunde genommen unschuldig, also „gut“, der Täter hingegen schuldig, ergo „böse“. Letztlich beschreibt es eine dramatische Episode von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Der Täter tut, mit dem Opfer wird getan. Das ist eine holzschnittartige Darstellung, eine, welche das soziale Umfeld, emotional versteht sich, polarisiert und radikalisiert. Denn oft stellt sich im Nachhinein heraus, dass zuvor eben auch mit dem Täter getan wurde, er also ein Opfer war. Und dann erfahren wir, dass sein Opfer später ebenfalls zum Täter wurde. Zum Beispiel, weil es Traumatisierung erfuhr, oder auch ganz einfach, weil es nach Rache dürstete. Es klingt wie ein Teufelskreis, aus dem es kein Ausbrechen gäbe.

Beide Seiten im Macht- und Herrschaftssystem können diesem Konstrukt etwas Positives abgewinnen. Entscheidend ist, dass sie dieses Beherrschen und beherrscht werden vom Grundsatz her akzeptieren. Vor allem, dass sie nach Lösungen, nach Verbesserungen lediglich innerhalb dieser gedanklichen, emotionalen Blase suchen. Und es ist ja auch bequem. Denn es schiebt Verantwortung weg. Der Beherrschte kritisiert den Herrscher für sein schlechtes „Führen“, der Herrscher hingegen moniert, dass die „Gefolgschaft“ seine Politik schlecht umsetze oder nicht verstände. Beide Seiten weisen auf die Mängel der Gegenseite hin. Beide Seiten portieren ihre Erwartungen und Ansprüche. Beide Seiten verlangen, dass die jeweils andere Seite in der Pflicht stände, „das Richtige“, „das Gute“ zu tun. Statt das Rollenverständnis als solches zu hinterfragen, wird aus der Rolle heraus polarisiert.

Die dargestellten Rollen sind tauschbar, und sie sind in uns bereits angelegt. Rollen in Macht- und Herrschaftsverhältnissen werden uns eigentlich gar nicht übertragen, sie werden vielmehr in uns geweckt. Das kann uns bewusst werden, wenn unser empathisches Denken, vor allem unsere Selbstempathie geschult ist. Wenn wir fähig sind, unser eigenes Denken und Handeln unvoreingenommen zu überprüfen, ohne dabei in die existenzielle Not zu geraten, unser eigenes Ich infrage zu stellen. Dann können wir auch erfassen, ob diese, unsere jeweilige Rolle im Machtsystem, von anderen mit Kalkül aktiviert wurde. Ob man uns diese Rolle ausleben lässt, um uns zu benutzen.

Herrschende Macht ist besessen von Besitzstandswahrung. Beim Essen kommt der Appetit, heißt es. Das taugt nur bedingt als Sprichwort. Es taugt aber auf jeden Fall für Jene, die nicht genug bekommen können. Es ist ein Symbol für Gier. Und es gibt eben nicht nur die Gier nach Materiellem, es gibt auch die nach Macht. Wer dem Herrschaftsgen erlegen ist, hat sein Ego genau an dieses Gen verkauft. Er kann nicht mehr zurück. Und trotzdem ist der Machtgierige in seinem Wahn abhängig. Schließlich stellt sich ohne ausreichende Akzeptanz sein Wahn als unwirksam heraus. Ihn zu stürzen, löst allerdings nicht das Problem. Macht mit Machtmitteln auszumerzen, ist systemerhaltend — gleichbedeutend damit, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Wenn die Umgebung ihre Aufmerksamkeit jedoch anderen, konstruktiven wie kooperativen Themen zuwendet, den Machtgierigen in seinem Wesen nicht füttert — weder positiv noch negativ —, verliert dessen Wesen den Einfluss, den es sich ersehnt.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse im untergegangenen deutschen Kaiserreich bewegten sich natürlich in der Macht- und Herrschaftsblase. Es ging nicht darum, Autonomie, Selbstbestimmtheit und Verantwortung zu stärken. Vielmehr ging es allen gesellschaftlichen Kräften darum, die Claims von Macht- und Herrschaft (neu) abzustecken. Wenn wir aus dem Jahr 1919 ein Jahrhundert in Richtung Zukunft springen, können wir wahrscheinlich recht schnell beantworten, ob wir zwischenzeitlich den Ausgang aus der Blase von Macht- und Herrschaftsdenken gefunden haben. Oder ob sich unser grundsätzliches Verhalten diesem menschlichen wie gesellschaftlichen Phänomen gegenüber möglicherweise überhaupt nicht verändert hat.

Das geweckte Ego des Adolf Hitler

Adolf Hitler war ein vorbildlicher Soldat des kaiserlichen Heeres. Er war gehorsam. Er war ein bedingungslos ausführender Befehlsempfänger. Vorgesetzte waren unantastbar, ihre Befehle nicht zu diskutieren. Hitler war eines der unzähligen Rädchen im System — wie gewünscht funktionierend, Opfer und Täter zugleich, Untergebener und doch Handlanger der Macht. Seine Rolle im Macht- und Herrschaftssystem war für Hitler so sonnenklar, wie diese von ihm auch nicht in Frage gestellt wurde. Er ordnete sich unter. Genau so, wie er sich einem Weltbild untergeordnet hatte, das beileibe nicht seinen eigenen ureigenen menschlichen Überzeugungen entsprungen war.

Und trotzdem sehnte sich auch der dem System treu ergebene Adolf Hitler stets nach Lob, nach Anerkennung. Jedes Ego möchte gestreichelt werden — jedes Menschen, also auch Ihres und Meines. Das ist keine Frage. Die Frage lautet vielmehr, wie wir damit umgehen. Das wiederum hängt davon ab, wie weit unser Ego, über ein infantiles, sprich kindlich unreifes Niveau hinaus entwickelt ist.

Anerkennung im Sinne des Wortes kann eine ehrliche, aufrichtige Geste sein. Sie kann aber auch geheuchelt daherkommen, um uns zu verführen. Damit wir Wege gehen, die anderen mehr, umso weniger jedoch uns und unseren Nächsten nützen. Unser Ego ist eine Notwendigkeit, es steht für unser Selbst. Sollte es stehen. Es kann auch Aber es kann auch „gekapert“, benutzt, es kann missbraucht werden. Daher ist es ein bevorzugtes Ziel bei der Ausübung von Macht und Herrschaft.

Herrschende sind auch „nur“ Menschen. Damit ihre Macht praktisch wirksam werden kann, bedürfen sie sozusagen menschlicher Hebel. Das sind Menschen, welche sich als geeignet erweisen, den Machtwillen des Herrschenden zu transportieren, zu multiplizieren, und das am Besten bedingungslos. Es ist nur gut für das Ansinnen, wenn diese menschlichen Hebel für ihr Wirken mit Lob überhäuft werden. Es füttert das Ego, und das Ego kann nicht genug davon bekommen. Und außerdem weckt es den Ehrgeiz, denn solche Menschen schnuppern auf einmal an der anderen Seite der Macht. Sie steigen im System auf, sie nehmen eine aktivere Rolle ein. Sie schauen nicht mehr nur nach oben, sondern nehmen für sich eine gehobene Stellung in der Hierarchie wahr.

Was wird in Adolf Hitler vorgegangen sein, als ihm im Übergangsheer (siehe die vorherigen Kapitel) die Rolle eines V-Mannes übertragen worden war? Ausgerechnet er, der kleine Meldegänger, der Weltkriegsgefreite, wurde von seinen Vorgesetzten für würdig befunden, höhere, vertrauensvolle, auch gefährliche Aufgaben zu übernehmen. Aufgaben, von deren Erfüllung aus Sicht Hitlers Wohl und Wehe des Vaterlandes abhingen. In einer Zeit, in der millionen Soldaten des Kaiserlichen Heeres in das Zivilleben entlassen wurden, zeigte man Hitler, dass er beim Militär gebraucht wurde. Und dann würdigte man auch noch seine ideologischen Überzeugungen einerseits, und die Art und Weise dieselben zu artikulieren andererseits.

Das Jahr 1919 entpuppt sich als das Schlüsseljahr, als Wendezeit vom unbedingt gehorsamen Gefreiten hin zum machtbessesenen „Führer“ Adolf Hitler. Es leitete die Metamorphose im Machtdenken, im Rollenverständnis Hitlers ein. Eine Wandlung, die harmonisch einherging mit Funktionsübernahmen, welche dieses veränderte Verständnis nur beförderten. Hitler muss sich in diesen Monaten gelegentlich unsicher, aber insgesamt einfach großartig gefühlt haben.

Welche Funktionen füllte Adolf Hitler nun im September 1919 aus? Er war V-Mann, also ein Agent der Reichswehr. Er war ein zunehmend anerkannter Propagandist im Auftrag der Reichswehr. Und er wurde, wieder im Auftrag der Reichswehr Parteifunktionär. Hitler war zu einer wichtigen Personalie, und das im wahrsten Sinne des Wortes, gefördert und befördert worden. Wir können davon ausgehen, dass ihm das auch bewusst wurde. Und so etwas tut etwas in dem Menschen.

Das Umfeld des Aufsteigers

Hitler würde sich innerhalb eines Jahres zu einem führenden Agitator in Bayern profilieren. „Führend“ ist im doppelten Sinne des Wortes zu verstehen. Der (immer noch) Angehörige und Agent der Reichswehr machte sich in München, dann in Bayern rasch einen Namen als rhetorisch beeindruckender Propagandist. Gleichzeitig wuchs er stetig in die Rolle eines politischen Führers hinein, der aktiv nach Machtgewinn strebte.

Die Verbindung Hitlers zur Reichswehr blieb selbstredend auch im Herbst 1919 und in den Folgemonaten innig. Als Soldat blieb er den Befehlen seiner Vorgesetzten unterworfen. Hitlers Aufstieg zum bekannten Propagandisten und die Erweckung seines Machtinstinktes liefen nicht nur parallel, sie wurden auch aktiv gefördert und „betreut“. Er selbst hatte nicht die Mittel und erst recht nicht die Logistik, um in vollen Sälen aufzutreten. Beides wurde ihm gestellt beziehungsweise um ihn herum aufgebaut. Die Reichswehr als Ressourcen-Pool war unabdingbar für die sich anbahnende politische Karriere des Adolf Hitler, ja, Leute in Schlüsselpositionen der Reichswehr trieben das Ganze zielstrebig voran. Die parteipolitischen Strukturen um den zukünftigen „Führer“ herum wuchsen harmonisch, die personellen Vernetzungen zum Militär wurden intensiv gepflegt.

Vergessen wir nicht den ideologischen Part dieses Netzwerks: die Thule-Gesellschaft (siehe die vorherigen Kapitel). Während über die Reichswehr handfeste materielle Zuwendungen in Richtung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) und so zu Hitlers Propagandatätigkeit fließen sollten, würde die Thule-Gesellschaft (kurz Thule) den ideologischen Unterbau stellen. So man es versucht in die heutige Zeit zu portieren, war Thule einerseits eine Art Denkfabrik und gleichzeitig Nichtregierungsorganisation. Zum anderen war es eine mehr oder weniger im Hintergrund arbeitende Vereinigung, die enge Verbindungen zur Reichswehr unterhielt. Gleiches gilt für die informelle Vereinigung Eiserne Faust (1). Bei den von der Reichswehr kommenden Geldflüssen an diese privaten Organisationen und Parteien handelte es sich, wieder einmal taugt der Vergleich mit der Gegenwart, schlicht und einfach um öffentliche Gelder. Das war ein in beiden Richtungen korrumpierendes System, das sich einen Teufel um demokratische Institutionen und deren Kontrollfunktion scherte.

Die Thule-Gesellschaft bildete mit ihren Mitgliedern gewissermaßen Strukturen ab, welche man in denen des Tiefen Staates heutiger Tage mit seinen nationalen und supranationalen Ausprägungen wiedererkennt. Die DAP wie auch die Deutschsozialistische Partei (DSP) waren als ausführende politische Arm dieses Systems konzipiert. Und Hitlers direkter Vorgesetzter und „Entdecker“, Hauptmann Mayr, fungierte als Schnittstelle wie Koordinator zwischen Reichswehr, Thule und diesen neu gegründeten Parteien (2). Ernst Röhm, Rudolf Heß, Max Amann, Hermann Esser, Julius Streicher, Alfred Brunner, Hans Frank, Alfred Rosenberg und Wilhelm Frick: Sie alle wurden später führende Nationalsozialisten und eben sie waren bereits im Jahre 1919 bestens miteinander vernetzt (3, 4).

Mit dem Auslaufen der „Aufklärungskurse“ der Reichswehr im Herbst 1919 begannen die Propagandavorträge Adolf Hitlers bei der DAP (5). Wie oft Hitler bis zu seiner Entlassung aus der Reichswehr vor Publikum sprach, ist nicht genau ermittelbar. Mehrere seiner Reden bis Ende Februar 1920 sind durch Mayrs Aufklärungskommando Ib/P im Reichswehrgruppenkommando 4 (RWGrKdo 4) dokumentiert. Am 13. November 1919 kam Hitler bei einer DAP-Versammlung im vollbesetzten Münchner Eberlbräukeller zu Wort. Das Protokoll des V-Mannes der Reichswehr (in diesem Falle also nicht in der Person Hitlers) zu dieser Veranstaltung deckt Hitlers Tätigkeit als V-Mann, in dem es ihn kurioserweise als „Kaufmann und berufsmäßigen Werberedner“ führt.  In der Einleitung liest man:

„Die Deutsche Arbeiterpartei besteht seit drei Monaten [sie bestand tatsächlich seit elf Monaten], sie vertritt die ähnlichen Prinzipien wie der Schutz- und Trutzbund, der Monatsbeitrag beträgt 50 Pfennig. Leider waren n u r 20 bis 30 Arbeiter da, sehr viele Studenten, Offiziere, Kaufleute und Soldaten.“ (5i)

Darin stecken einige interessante Informationen. Die DAP mag zu jener Zeit etwa einhundert Mitglieder gezählt haben. Bei einem Monatsbeitrag von 50 Pfennigen ergab das Einnahmen über Mitgliedsbeiträge von monatlich 50 Mark. Was die Finanzierung der Parteiarbeit, gelinde gesagt, spannend macht. Erst recht dann, wenn großzügig Anzeigen geschaltet und große Säle gemietet werden. Von einer opulenten Fremdfinanzierung dürfen wir ausgehen. Und, dass der entscheidende Einfluss auf die operative Ausrichtung der Partei von den finanziellen Quellen ausging.

Außerdem wird auf den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund (DVSTB) verwiesen. Somit erfahren wir, dass die Thule-Gesellschaft nicht die einzige „Nichtregierungsorganisation“ jener Tage war, sondern vielmehr in Gesellschaft ähnlich aufgestellter Körperschaften handelte. Als eine der einflussreichsten ihrer Art galt (neben Thule) der Alldeutsche Verband (kurz Alldeutsche). Der DVSTB war am 18. Februar 1919 als Nebenorganisation des Alldeutschen Verbandes gegründet worden. Was beide Netzwerke, Thule und Alldeutsche, einte, war deren gemeinsamer Hass auf die Demokratie und Juden (6), doch ansonsten vertraten sie durchaus divergierende Interessen diverser gesellschaftlicher Machtgruppen aus Wirtschaft und Militär.

Bayerns gesellschaftliches Klima Ende 1919

Der DVSTB war in seinen Forderungen und im Auftreten noch radikaler und gewalttätiger als die DSP und die DAP, der Hitler gerade beigetreten war. Die mit Hakenkreuzen „garnierten“ Flugblätter des DVSTB geizten nicht mit dem Ruf nach der Todesstrafe für „Schiebertum“, „Verschiebung des Kapitals“ und „jüdische Weltmachtgier“, einer „Brechung des jüdischen Einflusses“ und Forderungen zur Vertreibung der „Ostjuden“, während sie gleichzeitig vor „jüdischen Hetzereien“ warnten (7).

Der Alldeutsche Verband stand hinter dem DVSTB, so wie die Thule-Gesellschaft hinter der DAP und der DSP stand. Alldeutsche wie Thule waren gewissermaßen Denkfabriken, die von ihnen lancierten Parteien fungierten als operative Arme für das Tagesgeschäft. Der auffällig militante DVSTB war bezeichnenderweise auch viel einflussreicher als DAP und DSP zusammen, und brachte es im November 1919 bereits auf 1.500, knapp drei Jahre später auf mindestens 150.000 Mitglieder (3i, 7i). Was kann uns das sagen?

In jener Zeit, in der Adolf Hitler seine ersten, umsichtig betreuten Schritte auf politischem Terrain wagte, war das gesellschaftliche Klima bereits völlig vergiftet. Hitler trat als sich profilierender Agitator mit sich gerade ausbildenden politischen Ambitionen in dieses Klima ein, aber er erschuf es nicht. Der militante, gewalttätige Antisemitismus war keine Hitlersche Erfindung, sondern ein alltägliches Phänomen. Das Grundproblem kann daher nicht Hitler gewesen sein. Es waren vielmehr die gesellschaftlichen Umstände, welche die Entfaltung von Hitlers Talenten ermöglichten.

Seit 1908 galt Heinrich Claß als Vorsitzender der Alldeutschen als Schlüsselfigur des Verbandes. Hinter dem Verband standen die Konzerne an Rhein und Ruhr (Kohle und Stahl) sowie das wachsende Medienimperium des Alfred Hugenberg (8). Und so unterstützte und forcierte der Alldeutsche Verband die auf Expansion ausgelegten deutschen Kriegsziele im Weltkrieg. Neben weitreichenden Annexionen bestanden diese auch in einer umfangreichen, vom Deutschen Reich dominierten Zollunion — in ihrer ökonomischen Wirkungsweise durchaus ähnlich geartet wie die jetzige Europäische Union (9). Nach dem verlorenen Weltkrieg setzten die Alldeutschen voll auf Revanchismus, die Dolchstoßlegende und einen ausgeprägten Antisemitismus (10). Letztlich waren sie bereits Brüder im Geiste Hitlers, als dieser selbst noch gar nicht von diesem Geiste erfüllt war (11).

Es kann nun nicht überraschen, dass Claß und die Alldeutschen in der Weimarer Republik nicht nur mehr oder weniger in die Putsche gegen die republikanischen Regierungen involviert waren. Sie pflegten darüber hinaus auch enge Kontakte zur Thule-Gesellschaft und zur Reichswehr (12). Was jedoch die Aktivitäten der Alldeutschen und dessen operativen Armes, des DVSTB, gesellschaftlich bewirkten — und das im Prinzip noch ohne relevantes Zutun Hitlers —, möge noch etwas verdeutlicht werden:

„Die rege Versammlungs- und Agitationstätigkeit des Schutz- und Trutzbundes führte zu einer zunehmenden Radikalisierung und zahlreichen antisemitischen Ausschreitungen im November/Dezember 1919, an denen vor allem fanatisierte Studenten beteiligt waren.“ (3ii)

Einer dieser fanatisierten Studenten dürfte übrigens Rudolf Heß, der spätere „Stellvertreter des Führers“ gewesen sein (13). Gerade junge Menschen, durch ihr Naturell und Unerfahrenheit leichter in alle Richtungen zu begeistern, waren für Machtbewusste schon immer ein bevorzugtes Werkzeug zur handfesten Umsetzung von Interessen. Von einer latenten, eher unterschwellig gelebten Abneigung gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen hin zur offenen Pogromstimmung ist der Weg kürzer, als mancher es glauben möge:

„Gewissermaßen einen Höhepunkt dieser Agitationswelle bildete eine große öffentliche Veranstaltung des Bundes am 7. Januar 1920 im Münchener Kindl-Keller, die mit circa 7.000 Teilnehmern die erste antisemitische Massenversammlung in München war. Die schweren Angriffe der Redner gegen das Judentum und die Reichsregierung steigerten die Erregung der Zuhörerschaft bis zu tumultartigen Szenen.“ (3iii)

Damit ist diese Episode aber noch nicht an ihrem Ende:

„In der Diskussion trat die ganze stadtbekannte völkische Rednergarde auf, aber auch ein bis dahin noch ziemlich unbekannter Mann: der Reichswehrsoldat Adolf Hitler. Hitler erlebte hier zum ersten Mal, welchen agitatorischen Erfolg in München eine antisemitische Massenversammlung haben konnte.“ (3iv)

Pikanterweise wurden auch  die Veranstaltungen des Trutz- und Schutzbundes von Mayers Aufklärungsabteilung beobachtet (5ii). In welcher Rolle Hitler bei dieser denkwürdigen Veranstaltung auftrat — ob als Agitator auf oder neben der Bühne, nur oder auch als V-Mann —, bleibt offen. Hitler war jedenfalls dermaßen angetan von der Dimension der Veranstaltung und deren emotionaler Wirkung auf das Publikum, dass er seine Parteifreunde bedrängte, eine ähnliche Veranstaltung aufzuziehen. Was sechs Wochen später auch geschehen würde.

Hitlers erster „echter“ öffentlicher Auftritt jedoch, also außerhalb der Propagandakurse der Reichswehr, datiert wohl auf den Oktober 1919. Dabei lassen wir einmal seine Vorträge mit ein bis zwei Dutzend Teilnehmern bei den DAP-Veranstaltungen außen vor. Zumal Hauptmann Mayr zu diesen Veranstaltungen auch Soldaten delegierte — teilweise, wie bekannt, als V-Männer. Doch am 16. Oktober fanden sich 111 Personen zu einer Versammlung im Münchner Hofbräuhauskeller ein. Auch deshalb, weil die Veranstaltung im Vorfeld mit einer Anzeige im Völkischen Beobachter beworben worden war. Wir sehen auch hier: Hitler eroberte nicht die Bühne, nein, sein Umfeld lud ihn auf die vorbereitete Bühne — mittels informeller Vernetzung, Organisation und Geld. Innerhalb dieser Einbettung durfte sich Hitler bewähren und das tat er mit wachsender Begeisterung.

„Nach ihm [dem Hauptredner] sprach auch Hitler ungefähr eine halbe Stunde — erstmals gab er sich in einer öffentlichen Versammlung seiner Leidenschaft des affektiven, agitatorischen Monologisierens bis zur Ekstase hin und ließ seinem Fanatismus freien Lauf. Die Wirkung auf das Publikum machte ihn glücklich, denn sie bestätigte ihm, dass er reden, eine Zuhörerschaft in seinen Bann schlagen und mitreißen konnte — in noch viel stärkerem Maße als unter den Soldaten im Lager Lechfeld und in der Kaserne.“ (3v)

Für Hitler dürfte es einer Offenbarung gleichgekommen sein. Er, der grauen Maus, dem Untertanen, wurde Aufmerksamkeit, gar Begeisterung zuteil. Wenn das nicht die Wirkung einer Droge hatte, was dann? Kaum ein Jahr zuvor, nach seiner vorübergehenden Erblindung durch einen britischen Gasangriff, reifte sein Entschluss, Politiker zu werden — so hatte er es in Mein Kampf behauptet (14). Es war jedoch der Herbst des Jahres 1919, in dem das tatsächlich geschah. Das freilich passte nicht so recht in die spätere persönliche Geschichtsschreibung des Adolf Hitler. Wie und als es wirklich geschah, klang doch einfach zu menschlich, zu verletzlich:

„Als der bisher doch eher kontaktschwache, gehemmt wirkende Hitler merkte, dass er auch in der Öffentlichkeit reden konnte, Applaus bekam, da war das wohl das erste wirkliche Erfolgserlebnis in einer für sein Selbstverständnis wesentlichen Sache.“ (3vi)

Hitler hatte von einer Droge gekostet, von der er nicht mehr lassen konnte. Ihm wurde gewahr, dass er die Fähigkeit besaß, zu führen. Zu führen in einem speziellen Sinne: nämlich zu verführen, zu manipulieren. Als Dirigent seines Publikums genoss er dessen Reaktion, was seinem verkrüppelten, nach Liebe und Anerkennung lechzenden Ego gut tat.

Hitlers Erzählungen

Von Hitlers erstem öffentlichen Auftritt am 16. Oktober 1919 im Münchner Eberlbräukeller ist, außer der überlieferten Art und Weise seines Vortrages, nichts weiter bekannt (siehe weiter oben). Dafür ist von seiner zweiten Rede am 13. November an gleicher Stelle die Niederschrift eines V-Mannes aus Hauptmann Mayrs (Hitlers direktem Vorgesetzten) Aufklärungsabteilung Ib/P erhalten. In populistischer Rhetorik pflegte Hitler an diesem Abend das Bild Deutschlands als das eines Opfers. Ließ sich doch der „Vertrag“ von Versaille trefflich kritisieren:

„Was müssen wir zur See opfern, unsere gesamte Marine. Wie sieht es mit dem Handel aus? Er [Hitler] erinnere nur an die Hungerblockade, an die Gefangenenbehandlung. Vier bis sechs Herren haben das 463 Artikel umfassende Friedenswerk hinter hermetisch verschlossenen Türen gemacht. Redner übt weiter vernichtende Kritik; er schilderte die Verschiedenheiten, die sich schon im Waffenstillstandsabschluss ergaben und erst im Friedensvertrag, lauter Abänderungen und doch heißt man Brest-Litoswk einen Schandvertrag und Versailles einen Menschenvertrag.“ (5iii)

Nehmen wir das ernst. Hinter der Agitation Hitlers stecken genug Wahrheiten, die Anlass für eine Reihe von Fragen geben sollten! Obige Aussagen tätigte er schließlich nicht etwa erst 1924 in seinem Buch sondern bereits fünf Jahre zuvor, im Herbst 1919.

Der von Hitler verwendete Terminus Hungerblockade war keine Übertreibung sondern bittere Realität. Die Briten setzten im Ersten Weltkrieg, das Völkerrecht missachtend, planvoll auf Hunger als strategische Waffe. Was tatsächlich zu einer andauernden Hungersnot im Deutschen Reich führte (15, 16).

„Insgesamt erwies sich die britische Seeblockade dabei als sehr wirksame und dauerhafte Waffe gegen die deutsche Wirtschaft und gegen die notleidende Bevölkerung, für die sie zur ‚Hungerblockade‘ wurde. Auch nach dem Waffenstillstand von Compiègne im November 1918 setzten die Briten die Blockade fort, was die Verbitterung in Deutschland noch zusätzlich steigerte.“ (17)

Gerade auch diese Art von Kriegsführung der Briten stärkte in Deutschland radikale ideologische Ansichten wie das Recht auf den Erwerb von „Lebensraum“. Das Recht territoriale Eroberungen vornehmen zu dürfen, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Das sind Sichten, die sich schließlich auch in Hitlers Weltanschauung wiederfanden (18).

Es ist aufschlussreich, dass Hitler als Thema den Vertrag von Brest-Litowsk gesetzt hatte — den im Frühjahr 1918 abgeschlossenen „Friedensvertrag“ mit Russland. Dieses Thema wählte er augenscheinlich, um es als Vehikel zu verwenden. Um aufzuzeigen, wie ungerecht doch der Versailler „Vertrag“ sei. Natürlich war der Versailler „Vertrag“ ungerecht und trug den Keim des nächsten Weltenbrandes in sich (19). Das war unübersehbar. Also war dieser „Vertrag“ auch kein Versehen. Die politischen Eliten damals waren durchaus klug genug, um sich der Konsequenzen bewusst zu sein — auch die deutschen Eliten, auch und vor allem die sozialdemokratischen Führer, welche Deutschlands Souveränität quasi auf dem Silbertablett an die Kriegsgewinner übergaben.

Die in den Versailler Dokumenten festgeschriebene Kapitulation Deutschlands offenbart sich als Teil eines strategischen Konzeptes, dessen Umsetzung unbedingt in einen neuen großen Krieg führen sollte (a1).

So gestaltet sich nun einmal die Logik der Macht. Denn der „Vertrag“ von Versailles wurde nach dem Willen der Sieger verfasst, er war ein Diktat (20). So wie auch zuvor der „Vertrag“ von Brest-Litowsk von den Siegern diktiert worden war — dem Deutschen Kaiserreich und der Habsburger Monarchie:

„Russland verlor ein Drittel seiner Bevölkerung und die Hälfte seiner industriellen Kapazität. Kurland, Livland und Estland wurden selbstständig, vom Baltikum bis zur Ukraine sollte es zur Bildung deutsch kontrollierter Satellitenstaaten kommen. […] Ein im Februar 1918 mit der Ukraine geschlossener Sonderfriede hatte diese zur […] Lieferung von einer Million Tonnen Getreide verpflichtet.“ (21)

Die Opferrolle taugt, um jegliche eigene Verantwortung, wahrgenommen als Schuld, von sich zu schieben. Hitler hatte keine Probleme mit dem Raubfrieden von Brest-Litowsk, und damit stand er im Konsens mit breiten Schichten der Bevölkerung. Im Grunde redete Hitler seiner Zuhörerschaft nach dem Munde, sprach das aus, was auch an den Stammtischen gesagt wurde. Noch prägnanter treten die blinden Flecken (nicht nur) Hitlers hier zutage:

„Die deutsche Flotte ist zerschmettert, dann die Wiedergutmachung, obwohl nachgewiesenermaßen die Feinde bedeutend mehr Schaden anrichteten als wir. In Frankreich, Belgien, Rumänien, ja später sogar in Russland, wenn es eine Kolonie der Entente ist, müssen wir alles wieder gut machen, 20 Milliarden sollen wir in Gold abliefern. Und erst wegen der Abtretungen: auch unsere mit großem Fleiße aufgerichteten Kolonien, die den Neid der Engländer erweckten, sollen wir abtreten.“ (5iv)

Wir müssen verstehen, dass sich in Aussagen wie diesen der Zeitgeist der bayerischen Metropole spiegelte. In Selbstgerechtigkeit versunken fiel weder dem Redner noch dem Publikum ein, dass man das verlorene zuvor ja selbst ganz ungeniert geraubt haben könnte. „Unsere mit großem Fleiße aufgerichteten Kolonien“ war die in den vergangenen Jahrzehnten gemachte koloniale Beute, die einem nun von anderen, mächtigeren Gaunern abgeluchst wurde. Einmal abgesehen davon, ist festzuhalten, dass deutsche Machtpolitik auch den konkurrierenden europäischen Mächten, kleinen wie großen, ein ähnliches Schicksal angedacht hatte, wie es dem Deutschen Reich schließlich selbst widerfuhr (22). Dabei braucht man Hitler nicht einmal unterstellen, dass er bewusst wichtige geschichtliche Puzzleteile ausgespart hätte. Ideologisierte unterliegen dem Bestätigungsfehler und vermeiden kognitive Dissonanz, indem sie unbewusst (!) das Unangenehme, das nicht Passende, für sich ausblenden. Damit ist es ihnen aber auch unmöglich, konstruktive Kritik an den eigenen Sichten zu üben.

Die politisch und militärisch Hauptverantwortlichen des Krieges heizten die Stimmung weiter an. Drei Tage nach dieser, Hitlers Rede wurde Generalfeldmarschall von Hindenburg vor einen parlamentarischen Untersuchungsauschuss gebeten, welcher Schuldfragen auf deutscher Seite in Bezug auf den Weltkrieg prüfen sollte. Ausgerechnet Hindenburg wiederholte dort die sogenannte Dolchstoßlegende, wonach einem angeblich siegreichen Heer der Dolch in den Rücken gerammt worden wäre — von aufständischen Matrosen, streikenden Arbeitern, Spartakisten und Sozialdemokraten (23).

Geradezu pikant stellt sich dar, dass die informellen Netzwerke um Hitler herum Relikte wie Produkte aus dem Dunstkreis der Obersten Heeresleitung (OHL) des Deutschen Kaiserreichs darstellten. Die OHL hatte im Laufe des Krieges enorm an politischer Macht gewonnen und vertrat die aggressivsten, weitreichendsten Positionen, was die Kriegsziele betraf (24). In Richtung der Reichswehr-Netzwerke in Bayern war Erich Ludendorff sicher der prominenteste Vertreter — und dazu noch einer von Hitlers Protegés (25). Von Hindenburg und Ludendorff waren ganz persönlich und sozusagen hauptamtlich für das militärische Desaster des Kaiserlichen Heeres verantwortlich. Sie waren es aber auch, die Kaiser Wilhelm II. im September 1918 dazu drängten, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen, als sich die Niederlage abzeichnete (23i). Was im November 1918 an die sozialdemokratischen Führer übertragen wurde.

Weniger als zwei Wochen später, am 26. November, kam Hitler erneut, diesmal als unangekündigter Redner vor 300 Versammlungsteilnehmern zu Wort (5v). Sein Beitrag war diesmal offensichtlich nicht vorbereitet. Entsprechend war dieser pauschal wie substanzlos, konnte aber jeden Spießbürger, jeden Verführten zum Beifall animieren. Das Skript des mitschreibenden V-Mannes liest sich so:

„Die Hauptschuften sitzen im Kriegswucheramt. Freie Bahn den Gesinnungstüchtigen. Schuhe flicken, Hosen machen, kann schließlich jeder. Es kann einer der beste Lehrer von Buttenhausen, aber der schlechteste Finanzminister sein. Die jetzige Regierung kann nicht regieren, weil sie keine blasse Ahnung vom Regieren hat. Wenn das Volk kritisiert, heißt man es Reaktion, Alldeutsche [Hitler meint hier tatsächlich den Alldeutschen Verband] heißt man sie.“ (5vi),

und weiter:

„Wir wollen dem Volke Trotz einimpfen. Zwölf Monate waren wir geduldig. Sind wir Bürger oder Hunde? Wir leisten Widerstand. Wir fordern Menschenrecht der Besiegten und Betrogenen. Gehört nur eine Rasse zum Leben und ist die andere Rasse berechtigt zum Ausbeuten? Man verspricht uns in 25 Jahren deutschen Wald. Wir wollen Fachleute nicht Stümper in der Regierung haben. Nicht durch Zusehen sondern nur durch Arbeiten erreichen wir etwas.“ (5vii)

Hitlers Ausführungen waren oft der pure Populismus, die Argumentation extrem simpel, die Emotionen in den Vordergrund rückend, das eigene Opferbild stärkend und in der Zustimmung der Masse gespiegelt. Aber das galt nicht für alle seiner Vorträge.

Sein nächster Auftritt fand am 10. Dezember im Gasthof Deutsches Reich statt. Aufgrund des wohl fehlerhaften Eintrags in der Kartei der V-Männer wurde er als Herr Hittler angekündigt — sein Thema diesmal: „Deutschland vor seiner tiefsten Erniedrigung“. Das trieft erneut vor Populismus. Darüber hinaus aber erfährt man hier den ernsthaften Versuch analytischer Betrachtungen, insbesondere zur Rolle des britischen Empire, die sich später in Mein Kampf wiederfinden würden.

„Wenn ganze Erdteile mobil machen, kann man nicht einem einzigen Land die Schuld am Kriege geben. Schon in früheren Zeiten hat es der englische Diplomat verstanden, alle Länder zu entzweien, um später daraus seine Vorteile ziehen zu können.“ (5viii)

Wie bereits mehrfach betont: Hitler war nicht dumm, auch nicht im Jahre 1919. Sein Vortrag wurde differenzierter und analytischer. Dass die britische Großmachtpolitik auf dem Prinzip des Teile-und-herrsche fußt, war damals sicher kein Allgemeinwissen. Und implizit erkennt er nicht nur eine Mitschuld Deutschlands am Weltkrieg an sondern auch, dass man der englischen Großmachtpolitik sozusagen „auf den Leim gegangen ist“. Hitler erklärte auch sehr verständlich, was hinter dem „Erwerb“ und Verlust von Kolonien steckt:

„Die Wegnahme der Kolonien bedeutet für uns einen unersetzlichen Verlust. Wir sind gezwungen, unsere Rohstoffe von den Alliierten zu beziehen und zwar so teuer, dass wir als Konkurrenz auf dem Weltmarkte ausgeschaltet werden.“ (5vix)

Abseits hasserfüllter antisemtischer Ausfälle kamen weitere interessante Erkenntnisse zum Vorschein, über die Hitler bereits im Dezember 1919 verfügte (a2):

„England, seit Jahrhunderten die Weltmacht, besitzt alle Weltmonopole. Nachdem der Engländer zuerst ihre eigenen Handelsschiffe in alle Welt hinausschickten, gelang es uns später, uns unabhängig von ihnen zu machen und mit ihnen zu konkurrieren. Deutschland hatte in den letzten Jahren auf allen Erdteilen Fuß gefasst und war im Begriffe, an die Spitze der Weltmächte zu treten. Das war auch die Ursache der Engländer, uns zu bekriegen. Und nun Amerika. Als Geldland musste es in den Krieg eingreifen, um seine geborgten Werte nicht zu verlieren. Amerika war es auch, das den Löwenanteil an den Gewinnen des Krieges hatte.“ (5x)

Das bildete die Realität recht gut ab. Im Jahre 1914 hatte das Deutsche Reich Großbritannien als größte Industrienation Europas überholt und wurde weltweit mit 15 Prozent Anteil zur zweitgrößten Industrienation nach den USA (32 Prozent) (26).

Hitler hatte im konkreten Fall auch verstanden, dass es um Macht ging, nicht um Moral. Er hatte verstanden, dass herrschende Macht Konkurrenz bekämpft. Auch war ihm bis zu einem gewissen Grade eingängig, warum die USA in diesen Krieg eingetreten waren. Das Geflecht britischer und US-Banken hätte seine Kredite zur Finanzierung der alliierten Kriegswirtschaft abschreiben müssen. Den nächsten gedanklichen Schritt konnte Hitler wohl (noch?) nicht gehen: Dass insbesondere Großbritannien und Frankreich dazu verdammt waren, horrende Reparationen von Deutschland einzufordern, die dann faktisch zur Kredittilgung an die erwähnten Banken durchgereicht wurden. Genau das wurde im „Friedensvertrag“ von Versailles verankert.

Hitler hat sich in Mein Kampf in erstaunlicher Ausführlichkeit und außerdem mit einer gewissen Bewunderung mit der Politik des britischen Empire befasst. Das ging so weit, dass man aus dem Buch politische Angebote an London herauszulesen meint. Was noch zu näher zu untersuchen ist.

Aber wie heißt es so schön: Der Verlierer zahlt. Und das war das Problem der Eliten im Deutschen Kaiserreich. Sie verweigerten sich einem Szenario, in dem ihr potenziell profitables, gleichzeitig jedoch hochriskantes Kriegsabenteuer auch daneben gehen könnte. Sie sahen sich nur als Sieger. Sie überschätzten sich selbst und unterschätzten ihre Gegner, Hochmut kommt vor dem Fall. Doch können wir festhalten:

Nur deshalb weil es ein Adolf Hitler gesagt hat, muss das Gesagte nicht falsch sein. Hitler bewies regelmäßig, dass er fähig ist, über seine hochemotionale Propaganda hinaus, analytisch zu denken und seine Gedanken strukturiert darzulegen. Keinesfalls war Hitler der Dümmling, als der er in vielen Betrachtungen gern dargestellt wird, auch nicht 1919. Aber keine Frage: Hitlers Tatendrang, mitsamt dem Drang zur Macht, nahm Ende 1919 deutlich an Fahrt auf.

Wie ebenfalls bereits erwähnt, war Hitler am 7. Januar 1920 Teilnehmer einer Massenveranstaltung des Schutz- und Trutzbundes im Münchner Kindl-Keller gewesen. Fasziniert von der suggestiven Wirkung der antisemitischen Propaganda auf die 7.000 Teilnehmer und zunehmend von seiner eigenen Außenwirkung überzeugt, begann er, auf eine ähnlich dimensionierte Veranstaltung für seine DAP, im Grunde aber für sich selbst hinzuarbeiten. Dabei genoss er weiterhin die tatkräftige Unterstützung seiner Mäzene von Reichswehr und Thule. Das waren vor allem Karl Mayr, Ernst Röhm, Gottfried Feder und Dietrich Eckart.

Zwar war auch der DAP-Vorsitzende Karl Harrer ein Thule-Mitglied, doch seine abwägende Art formte sich zu einem Hindernis für Hitlers geweckte Ambitionen (14i). Anfang 1920 zog sich Harrer, dem zunehmend aktivistischen Treiben Hitlers gegenüber skeptisch eingestellt, dann auch aus sämtlichen Ämtern der Partei zurück. Dessen Vorsitz übernahm der von Hitler tief beeindruckte Anton Drexler (27).

Hitler wurde nunmehr offiziell mit der Propagandaarbeit der Partei betraut, was es ihm schließlich ermöglichte, „seine eigene“ Massenveranstaltung mitzuorganisieren. Die fand endlich, zuvor durch Inserate intensiv beworben, am 24. Februar im Festsaal des Hofbräuhauses mit nahezu 2.000 Menschen statt. Zwar war Hitler nicht der Hauptredner, trotzdem wurde sein Auftritt zum Höhepunkt des Abends. Verkündete er doch den neuen Namen der Partei und ein 25-Punkte-Programm. Aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) wurde die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) (3vi, 28).

Was das 25-Punkte-Programm betrifft, ist das ein gesondertes Kapitel wert.

Fortsetzung folgt.

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Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung — Nicht kommerziell — Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen — insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors — kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(Allgemein) Die Artikelreihe „Hitlers Kampf und sein Weg zur Macht“ fußt auf der vor Jahren veröffentlichten Reihe „Lesungen aus einem verbotenen Buch“. Die ursprünglichen Texte, bestehend aus acht Artikeln, wurden umfassend überarbeitet — sowohl inhaltlich als auch redaktionell. Außerdem fanden sie ihre Fortsetzung in weiteren Artikeln, die letztlich in eine unter einer Creative-Commons-Lizenz verfügbaren Buchedition (online) münden werden.

(a1) So intensiv auch die Oberste Heeresleitung der Kaiserlichen Armee (Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff) mit der sogenannten Dolchstoßlegende die eigene Verantwortung für den verlorenen Krieg zu kaschieren suchten, so sehr irritiert es trotzdem, mit welcher Konsequenz die sozialdemokratischen Führer die politische und wirtschaftliche Souveränität des Deutschen Reiches an die Siegermächte abgaben. Die für das Aufkommen des Nationalsozialismus so günstige, weil polarisierende, aufgeheizte gesellschaftliche Stimmung im Land beruhte eben auch auf den operativen politischen Entscheidungen der zuvor praktisch kampflos an die Macht gelangten Sozialdemokraten. Die zu klärende Frage lautet, inwieweit und durch wen hier ein strategisches Konzept umgesetzt wurde.

(a2) Zur besseren Lesbarkeit wurde die Orthographie der Mitschrift korrigiert.

(1) 11.05.2006 (16.08.2024); Historisches Lexikon Bayerns; Christoph Hübner; Eiserne Faust, 1919-1934; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Eiserne_Faust,_1919-1934

(2) Georges van Vrekhem; When Hitler became the Führer; https://motherandsriaurobindo.in/disciples/georges-van-vrekhem/books/hitler-and-his-god/#the-corporal-joins-a-party; abgerufen: 23.06.2026; siehe auch: 1987; Peter Orzechowski: Schwarze Magie — Braune Macht; P.-S.-Verlag Selinka; S. 34; siehe auch: 1997; Joachim Köhler; Wagners Hitler — Der Prophet und sein Vollstrecker; S. 418; https://archive.org/details/wagnershitlerder0000kohl

(3 bis 3vi) 1977; Institut für Zeitgeschichte München; Vierteljahreshefte; Hitlers politische Lehrjahre und die Münchener Gesellschaft; Hellmut Auerbach; https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1977_1_1_auerbach.pdf;

(4) Institut für Zeitgeschichte München; Protokolle: Hans Georg Grassinger 1920/1940/1951/1961; https://www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-0050.pdf; abgerufen: 25.06.2026

(5 bis 5x) 1959; Institut für Zeitgeschichte München; Vierteljahreshefte; Rudolf von Albertini, Ernst Deuerlein und weitere; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr;  https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_2_4_deuerlein.pdf; S. 178/179; (5i) ab S. 205; (5ii) S. 187; (5iii, 5iv) S. 206; (5v) S. 208; (5v bis 5x) ab S. 209

(6) 02.11.2006; Historisches Lexikon Bayerns; Walter Jung; Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (DVSTB), 1919 bis 1924/35; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutschvölkischer_Schutz-_und_Trutzbund_(DVSTB),_1919-1924/35

(7, 7i) Historisches Lexikon Bayerns; Flugblatt des DVSTB; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutschvölkischer_Schutz-_und_Trutzbund_(DVSTB),_1919-1924/35#/media/Datei:Artikel_44476_bilder_value_1_dvst.jpg; eingesehen: 23.06.2026

(8) 1996; Geschichte — Erziehung — Politik, Jahrgang 6, Heft 4; Gerd Fesser; „Nun ist sie da, die heilige Stunde!“ Der Alldeutsche Verband 1891 bis 1939; S. 237 bis 244

(9) März 2011; freiburg-postkolonial.de; Geert Naber; Brückenbauer zwischen kolonialer und völkischer Ideologie, Der „Alldeutsche Verband“ 1891 bis 1939; https://www.freiburg-postkolonial.de/pdf/2010-Naber-Alldeutscher-Verband.pdf

(10) 14.09.2014; Lebendiges Museum Online; Arnulf Scriba; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/dolchstoss/

(11) 2012; Johannes Leicht; Heinrich Claß 1868-1953, Die politische Biographie eines Alldeutschen; Ferdinand Schöningh, Paderborn; ISBN 978-3-506-77379-1; https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7353/62/L-G-0000735362-0002339504.pdf; S. 16

(12) 24.11.2023; Historische Kommission München; Heinrich Claß und der Alldeutsche Verband — eine Skizze; https://www.historischekommission-muenchen.de/fileadmin/user_upload/dateien/abteilungen/Dt._Geschichtsquellen_d._19._u._20_Jhd/Heinrich_Class_Hofmeister.pdf

(13) Was War Wann?; Rudolf Heß Lebenslauf; https://www.was-war-wann.de/personen/rudolf-hess.html; abgerufen: 25.06.2026

(14, 14i) 1925; Mein Kampf, Erster Band — Eine Abrechnung; Adolf Hitler; Zwei Bände in einem Band; ungekürzte Ausgabe; Zentralverlag der NSDAP, Frz. Eher Nachf., G.m.b.H., München; 851. bis 855. Auflage 1943; S. 225; (14i) S. 391

(15) 21.10.2010; Kriegs- und Geschichtsforum; Britische Hungerblockade; https://f13049.nexusboard.de/t121f61-Britische-Hungerblockade.html

(16) 14.05.2026; apolut; Wolfgang Effenberger; Vom Hungerkrieg 1914 zur Blockade von Hormus; https://apolut.net/vom-hungerkrieg-1914-zur-blockade-von-hormus-von-wolfgang-effenberger/

(17) 14.09.2014; Lebendiges Museum Online; Erster Weltkrieg — Kriegsverlauf — Die Seeblockade; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/seeblockade

(18) 25.08.1979; Bundeszentrale für politische Bildung; Hans-Adolf Jacobsen; Kampf um Lebensraum. Karl Haushofers „Geopolitik“ und der Nationalsozialismus; https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/531333/kampf-um-lebensraum-karl-haushofers-geopolitik-und-der-nationalsozialismus/

(19) „Die wirtschaftlichen Vereinbarungen [des Vertrages von Versailles] waren in einem derartigen Grade bösartig und dumm, dass sie den ganzen Vertrag ad absurdum stellten.“; Winston S. Churchill; Der Zweite Weltkrieg; Band 1, S. 21; S.Fischer Verlage; ISBN: 978-3-596-16113-3; https://www.fischerverlage.de/buch/winston-s-churchill-der-zweite-weltkrieg-9783596161133

(20) 28.06.1919; documentArchiv.de; Friedensvertrag von Versailles; http://www.documentarchiv.de/wr/vv.html; abgerufen: 25.06.2026

(21) Österreichisches Staatsarchiv; http://wk1.staatsarchiv.at/diplomatie-zwischen-krieg-und-frieden/friede-mit-russland-der-vertrag-von-brest-litowsk-1918/; abgerufen: 24.06.2020

(22) 09.09.1914; Reichskanzlei, Großes Hauptquartier 21, Nr. 2467; Betham-Hollweg Denkschrift; https://germanhistorydocs.org/de/das-wilhelminische-kaiserreich-und-der-erste-weltkrieg-1890-1918/das-september-memorandum-vom-9-september-1914

(23, 23i) 18.11.2004; Deutschlandfunk; Otto Langels; Vor 85 Jahren formulierte Hindenburg die Dolchstoßlegende; https://www.deutschlandfunk.de/vor-85-jahren-formulierte-hindenburg-die-dolchstosslegende-100.html

(24) 1963; Institut für Zeitgeschichte; Hans Herzfeld; Die deutsche Kriegspolitik im Ersten Weltkrieg; https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1963_3_2_herzfeld.pdf; S. 242 bis 244

(25) John Toland; Adolf Hitler; Gustav Lubbe Verlag; Originalverlag: Doubleday, Garden City, New York, 1976; ISBN 3-7857-0207-8; S. 120

(26) 25.08.2014; Lebendiges Museum Online; Arnulf Scriba; Kaiserreich — Industrie und Wirtschaft; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/industrie

(27) 10.09.2025; nsdoku münchen; Sabine Schalm; Karl Harrer (8.10.1890 München — 5.9.1926 München); https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/harrer-karl-310

(28) 2001; Alan Bullock; Hitlers Biographie 1889–1945; Bechtermünz Verlag; ISBN 3-8289-0378-9; Original: Hitler. A Study In Tyranny; Odhams Books Ltd., London; https://ulis-buecherecke.ch/Neue%20Eintr%C3%A4ge%202023/hitler_biographie_1889_1945.pdf; S. 47

(Titelbild) Volksempfänger, Mein Kampf; Spengler Museum Sangerhausen; 06.08.2007; Autor: Giorno2 (Wikimedia); https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spengler_Museum_Sangerhausen_4.jpg; Lizenz: Creative Commons 4.0

Von Ped

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