Syrien – Rückblick auf dessen jüngere Geschichte (1)

Angesichts der Tragödie, die im Syrien der Gegenwart stattfindet, sind die Ansichten über die Ursachen dessen von einer doch erstaunlichen Unkenntnis über das Land und seine Geschichte geprägt. Ohne das Wissen über die Historie Syriens ist auch dessen Gegenwart nicht zu verstehen. Deshalb werde ich in mehreren Beiträgen einen Abriss der jüngeren syrischen Geschichte darstellen. Im Folgenden schauen wir auf das Syrien der Jahre 1915 bis 1944.


Das Sykes-Picot Abkommen

2014 – in einer Zeit, in der die Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auf einem beängstigenden Siegeszug durch den Irak und Syrien waren, verbreitete deren Propaganda im Internet ein Foto mit dem Titel „Die Zerstörung von Sykes-Picot“. Das Foto selbst zeigte das Niederreißen von syrisch-irakischen Grenzbefestigungen. Warum die Sykes-Picot-Linie eine solche Symbolik – auch und gerade für die religiösen Fanatiker des IS hat, hängt mit einem Ereignis zusammen, das nun schon über einhundert Jahre zurückliegt. [1]

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Titelbild eines IS-Videos über die Zerstörung der Sykes-Picot-Linie [b1]

Was in den Jahren 1915/16 passierte ist deshalb so bedeutsam, weil es einen Gutteil der Probleme verständlich macht, mit welchen das Syrien der Neuzeit auf dem Weg in eine stabile demokratische Gesellschaft zu kämpfen hatte. Das Sykes-Picot-Abkommen wurde im Geheimen verhandelt und war durch zwei Aspekte gekennzeichnet. Einmal schacherten hier zwei imperialistische Mächte um Einflusszonen, derer sie sich durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches habhaft zu werden glaubten. Und zweitens bestätigte sich hier schon vor einhundert Jahren, dass Machtpolitik nie eine Politik des Vertrauens ist. Denn die Westmächte hatten den Arabern weitgehende Souveränität über ihre Gebiete versprochen, wenn sie sich aktiv am Kampf gegen die Osmanischen Heere beteiligen würden. Eine große Rolle spielte hier T.E. Lawrence (Lawrence von Arabien), dem die Araber vertrauten – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Und ein Vertrauensbruch der Lawrence noch Jahre später umtrieb:

„Von Anfang an war es offenkundig, dass im Fall unseres Sieges diese Versprechungen nichts weiter waren als totes Papier. Und wäre ich ein ehrlicher Berater der Araber gewesen, hätte ich ihnen empfohlen, nach Hause zu gehen und nicht ihr Leben für so was zu riskieren.“ [2]

Während also Frankreich und Großbritannien den Arabern die Freiheit versprachen, kungelten sie im Verborgenen diesen Plan aus:

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Grenzziehung nach dem Sykes-Picot-Abkommen [b2]

Bezeichnend für die willkürliche Grenzziehung ist die wie auf dem Reißbrett gezogene diagonal verlaufende Linie in der Mitte, eben jene Linie die bis heute einen Teil der syrisch-irakischen bzw. -jordanischen Staatsgrenze ausmacht. Die beiden westlichen Großmächte versuchten sich dabei maximal zu übervorteilen und dabei gelang es dem französischen Verhandlungsführer Picot, das erdölreiche Gebiet um Mossul den Franzosen zuzuschlagen. Großbritannien, als die stärkere Imperialmacht, nahm das nicht hin und in Revidierung der ursprünglichen Grenzziehung wurde im abgeschlossenen Vertrag Mossul den Briten „übergeben“. Womit sie die damals schon bekannten wie vermuteten Öllagerstätten (Mossul und Kirkuk) unter ihre Kontrolle brachten. Schaut man sich die Karte des heutigen Syriens an, sieht man deshalb, dass bei der Stadt Abu Kamal die Sykes-Picot-Gerade abrupt endet und die Grenze sich nach Norden fortsetzt (s. Bild [b3]).

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Karte des heutigen Syriens; die südöstliche geradlinig verlaufende Grenze ist die Sykes-Picot-Linie [b3]

 Bei dieser Schacherei zogen die Großmächte ganz bewusst und willkürlich neue Grenzen, womit Völker, Stämme, Familien, Infra- und Wirtschaftsstrukturen wie Kulturen auseinander gerissen wurden. Und so wurde schon im Jahre 1916, als es den syrischen Staat noch gar nicht gab, die bis heute schlechte Früchte tragende Saat für Konflikte in den Boden des Nahen Ostens gebracht.

Die Balfour-Deklaration

Damit nicht genug, schufen die in ihrem Sinne ordnenden Weltherrscher in jener Zeit ein weiteres Problem. Sie bereiteten eine Migration besonderer Art für die vielfältigen arabischen Ethnien dieser Region vor. Welche Konflikte durch die gewaltsame Einbringung einer fremden Kultur in gewachsene Strukturen hervorgerufen werden, das können die Deutschen heutzutage angesichts des hunderttausendfachen Zuzugs von (durch die deutsche Gesellschaft als Mitverursacher zu verantwortenden) Flüchtlingen in ihr Land vielleicht erahnen. Weitsichtige und empathisch denkende Politiker hätten sowohl damals als auch heute andere Entscheidungen gefällt, um ein friedliches Neben- und Miteinander der Völker zu sichern. Sie taten es nicht, wollten sie es vielleicht auch gar nicht?

Eben jener Mark Sykes, der am Sykes-Picot-Abkommen mitschrieb, nahm im gleichen Jahr (als stellv. britischer Verteidigungsminister) geheime Verhandlungen mit Vertretern der zionistischen Bewegung auf. Die dort ausgehandelten Absprachen wurden erst im Jahre 1969 offen gelegt, als zwei Journalisten der britischen Zeitung „Sunday Times“ das Buch mit dem bezeichnenden Namen „Die geheimen Leben des Lawrence von Arabien“ veröffentlichten. In ihm ist, nach Auswertung jahrzehntelang geheim gehaltener Papiere des britischen Außenministeriums, beschrieben, wie sich einerseits die Vertreter der Zionisten verpflichteten, England bei der Einrichtung eines britischen Mandats über Palästina zu unterstützen. Und die Gegenleistung wurde im berühmten Brief Arthur James Balfours an den Lord Rothschild verankert, welche vom britischen Foreign Office abgesegnet wurde. Schon zuvor aber waren am 11.Oktober 1917 britische Truppen in Jerusalem einmarschiert. [3]

Betrachten wir die im folgenden zitierte 1917 verfasste Balfour-Deklaration im Kontext mit dem w.o. untersuchten und ein Jahr zuvor abgeschlossenen Sykes-Picot-Abkommen, einschl. des Betrugs an den Führern der arabischen Stämme, dann wird Eines klar. Hier haben imperialistische Großmächte ein perfides divde et impera gespielt und somit bewusst Konflikte geschaffen.

„Verehrter Lord Rothschild,

ich bin sehr erfreut, Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät die folgende Erklärung der Sympathie mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen übermitteln zu können, die dem Kabinett vorgelegt und gebilligt worden ist:

Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Pa-lästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte. – Ihr ergebener Arthur Balfour“ [4]

Die Deklaration – benamt also nach dem Verfasser des ursprünglichen Briefes, dem damaligen britischen Außenminister, ging 1920 in den Vertrag von Sevres ein, der die Schaffung staatlicher Strukturen für das jüdische Volk – und zwar im Sinne einer selbst ernannten zionistischen Elite – auf palästinensischem Boden festschrieb. Und erst im Jahre 1920 erhielt Palästina selbst Kenntnis über das Vorhandensein des Vertrages. [5]

Diese zionistische Elite (und NICHT gleich zu setzen mit dem jüdischen Volk) hatte zuvor auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 ihre Großmachtambitionen offengelegt und unverblümt einen Staat gefordert der u.a. folgende Gebiete enthalten sollte: einen bedeutenden Teil der Sinaihalbinsel, das gesamte Westufer des Jordan sowie die Golanhöhen und einen großen Teil Syriens. [6]

Damit darf gesagt werden: Von Anfang, also schon nach dem Ersten Weltkrieg, mussten die syrischen Staatsgebilde den noch zu schaffenden jüdischen Staat, als in seinem Wesen aggressiv fürchten.

Die Episode des Syrischen Königreiches

Während (w.o. beschrieben) Frankreich und Großbritannien den Herrschaftsbereich des untergehenden Osmanischen Reiches unter sich aufteilten, machten sie den lokalen Machthabern Versprechungen über eine zukünftige Entlassung in die Unabhängigkeit. So sicherte der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon (dokumentiert in der nach ihm benannten Korrespondenz), dem Scherif von Mekka Husain I. ibn Ali die Unterstützung des Empire für die Etablierung eines unabhängigen arabischen Königreiches zu, wobei die arabischen Vertreter über Details (vor allem jene über zukünftige Grenzen) bewusst im Unklaren gelassen wurden.  [7]

Als nach Beendigung des Ersten Weltkrieges keinerlei Bestrebungen seitens der Siegermächte unternommen wurden, die Versprechungen umzusetzen, nahm Husain I. das Heft des Handelns in die Hand und inthronisierte im März 1920 seinen Sohn Faisal I. als Herrscher des neuen arabischen Königreiches Syrien. Dieses Syrien umfasste die Gebiete des heutigen Palästina, Libanons, Jordaniens und des heutigen Syriens. [8]. Und jener Faisal I. war eben der, welcher unter Zurede Lawrence von Arabiens den Aufstand gegen die Osmanen initiiert hatte.

Schauen wir noch einmal auf das Jahr 1919, dem Jahr der Pariser Friedenskonferenz. Der Präsident der USA Woodrow Wilson (als Verhandlungsführer) schien ehrlich interessiert, die Interessen der Einheimischen, der Araber zu berücksichtigen. Zwar war die Balfour-Deklaration mit ihm abgestimmt worden, die Existenz des Sykes-Picot Abkommens allerdings war ihm nicht bekannt (was erneut die Naivität Wilsons bezeugt, mit der er sich hervorragend für politische Prozesse missbrauchen ließ [a1]). Und so sendete Wilson eine Kommission auf die arabische Halbinsel. Die US-Professoren Charles R. Crane und Henry Chuchill King befragten vor Ort hunderte Delegationen der arabischen Stämme. Und diese waren sowohl gegen eine Teilung von Syrien/Palästina wie auch gegen ein Mandat Frankreichs und den Inhalt der Balfour-Erklärung:

„Die vom amerikanischen Präsidenten Wilson eingesetzte King-Crane-Kommission berichtete bereits 1919, dass „die Zionisten die praktisch vollständige Enteignung der gegenwärtigen nicht-jüdischen Einwohner Palästinas anstrebten“ und meinte, dass letztere – „nahezu neunzig Prozent der Gesamtbevölkerung – leidenschaftlich gegen das gesamte zionistische Programm opponierten“. Dessen Durchsetzung, so warnte die Kommission, „wäre eine grobe Verletzung des Prinzips der Selbstbestimmung und des Völkerrechts“.“ [9]

So klar das Votum war, so sehr widersprach es den Machtinteressen Frankreichs und Großbritanniens – und fand deshalb keine Berücksichtigung. [10]

Und nur einen Monat nach Gründung des syrischen Königreiches wurde auf der Konferenz von San Remo den Briten das Mandat für Palästina und den Franzosen das über Syrien und den Libanon zugesprochen. Umgehend (ohne eine völkerrechtliche Anerkennung abzuwarten) fielen französische Truppen in Syrien ein und schlugen in ungleichem Kampf eine eilig aufgestellte syrische Armee. Am 25.Juni 1920 marschierten die Franzosen in Damaskus ein. So dauerte die Existenz des ersten syrischen Staates der Neuzeit gerade einmal drei Monate und für über ein viertel Jahrhundert herrschte Frankreich de facto als Kolonialmacht (damals euphemistisch als Mandatsmacht deklariert) über Syrien.

Wenig später, am 10.August 1920 wurde mit dem Vertrag von Sevres, der neue Status quo vertraglich festgeschrieben, einschl. des Hauptinhalts der Balfour-Deklaration, welche den Juden das Recht über ein eigenes Staatsgebilde auf palästinensischem Boden zubilligte. [11] Der ebenfalls 1920 gegründete Völkerbund legitimierte außerdem den Besatzungsstatus der Franzosen über Syrien zwei Jahre später(!) auch „völkerrechtlich“.

Was das gelobte Land mit Syrien zu tun hat

Die auf der Pariser Konferenz von 1919 bekannt gemachten Gebietsansprüche der Zionisten für Israel wurden und werden bis heute mit Texten der Bibel begründet. Danach führte Moses die Israeliten aus Ägypten in das „gelobte Land“ – aus Weltsicht der Israeliten ihr Land, ohne Rücksicht darauf nehmend, dass es bereits besiedelt war. Dass dieser Anspruch ein Rechtsanspruch geworden ist und die Bibel als quasi Rechtsdokument zur Legitimierung dient, darf gelinde gesagt, als erstaunlich angesehen werden. Das in nebenstehender Karte markierte Gebiet forderten also die zionistischen Vertreter im Jahre 1919 – und wie man sieht, gehören beträchtliche Teile Syriens, einschließlich Damaskus zu diesem Territorium.

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Grenzen eines Großisrael, wie sie auf dem Pariser Kongress 1919 von den Zionisten gefordert wurden (b4]

Hierzu der Auszug aus der Bibel bei Hesekiel 47:

So spricht der HERR HERR: Dies sind die Grenzen, nach denen ihr das Land sollt austeilen den zwölf Stämmen Israels; denn zwei Teile gehören dem Stamm Joseph. Und ihr sollt’s gleich austeilen, einem wie dem andern; denn ich habe meine Hand aufgehoben, das Land euren Vätern und euch zum Erbteil zu geben. Dies ist nun die Grenze des Landes gegen Mitternacht: von dem großen Meer an des Weges nach Hethlon gen Zedad, Hamath, Berotha, Sibraim, das an Damaskus und Hamath grenzt, und Hazar-Thichon, das an Hauran grenzt. Das soll die Grenze sein vom Meer an bis gen Hazar-Enon, und Damaskus und Hamath sollen das Ende sein. Das sei die Grenze gegen Mitternacht. Aber die Grenze gegen Morgen sollt ihr messen zwischen Hauran und Damaskus und zwischen Gilead und dem Lande Israel, am Jordan hinab bis an das Meer gegen Morgen. Das soll die Grenze gegen Morgen sein. Aber die Grenze gegen Mittag ist von Thamar bis ans Haderwasser zu Kades und den Bach hinab bis an das große Meer. Das soll die Grenze gegen Mittag sein. Und an der Seite gegen Abend ist das große Meer von der Grenze an bis gegenüber Hamath. Das sei die Grenze gegen Abend. [12]

Natürlich war und ist auch die zionistische Bewegung heterogen, sodass sich ein Pauschalurteil verbietet. Diejenigen aber, die von einem Großisrael träumten, hatten das dargestellte Gebilde im Fokus und deren geistige Erben bis heute ein gewichtiges Wort in israelischer Politik mit zu reden. Und so ist auch aus diesem Blick vielleicht besser zu verstehen, warum bis heute Syriens Beziehungen zu Israel als spannungsgeladen zu bewerten sind.

Syrien als moderne Kolonie

Der Form nach fungierte Frankreich in Syrien als Mandatsmacht. Das Mandat gaben sie sich selbst und ließen es später vom Völkerbund als Völkerrechts-Mandat etikettieren. Der euphemistische Begriff kaschierte nichts anderes als die kolonialistische Übernahme dieses Landes von den gestürzten Osmanischen Herrschern. In den meisten Fällen führten sie einfach mit eigenem Personal die von den Osmanen geschaffenen Institutionen und Organisationen weiter. Frankreich ernannte noch 1920 einen Hochkommissar (mit Sitz in Beirut), der direkt dem französischen Außenminister unterstellt war. Institutionen von strategischer Bedeutung leitete der Hochkommissar direkt. Dies betraf konzessionierte Firmen, das Post- und Fernmeldewesen, die Eisenbahn und den Zoll. Außerdem war er der Oberbefehlshaber der von den Franzosen als „Orientarmee“ titulierten syrischen Streitkräfte. [13]

Bereits 1920/21 wurde Syrien durch Weisung des französischen Generals Henri Gourad in fünf Provinzen unterteilt, die über jeweils eine eigene Regierung, eine Hauptstadt und ein Parlament verfügten. So entstanden die Provinzen Damaskus, Aleppo, Großlibanon sowie eine der Alawiten und eine der Drusen.

1922_Syrien_AufteilungDurchFrankreich_wikimedia.org
[b5]

Die willkürlichen Grenzziehungen nach dem Prinzip des Teile und Herrsche forderten den Widerstand der einheimischen Bevölkerung, vor allem der Sunniten heraus und es kam zu teils gewalttätigen Demonstrationen. Deshalb fassten die Franzosen 1924 die Gebiete Damaskus, Aleppo und Drusen zu einer Provinz zusammen. [14]

Die Einführung von Zöllen und die Bindung des syrischen Pfunds an den sich ständig entwertenden französischen Franc steigerten jedoch rasch wieder den Unmut. Die Forderungen nach Beendigung der Mandatsverwaltung wurden immer lauter. Als die Franzosen dann willkürlich den Libanon von Syrien abtrennten und am 22.Mai 1926 die selbständige Republik Libanon ausriefen, eskalierte die Unzufriedenheit in offenem Aufruhr. [15]

In Reaktion darauf lockerte die Mandatsmacht ihre Kontrolle. Und so gestattete Frankreich zwischen 1928 und 1930 die Bildung politischer Parteien und Organisationen sowie die Erarbeitung einer Verfassung für Syrien (die 1930 in Kraft trat). Zwei Jahre später wählten die Syrer das erste Parlament. Doch das Rechtssystem blieb vollständig unter Hoheit französischer Richter und sämtliche politischen Prozesse entschied auch weiterhin die Mandatsmacht. Und ohne die Genehmigung des Hochkommissars konnte nicht ein Gesetz verabschiedet werden. [16] 1936 wurde (durch die Franzosen) der im Nordosten befindliche Staat der Alawiten (Gouvernement von Latakia) in das syrische Staatsgebilde eingefügt. [17] Im selben Jahr wurden schließlich Freundschafts- und Bündnisverträge mit Frankreich einerseits sowie dem Libanon und Syrien andererseits aufgesetzt, um das Mandatsverhältnis formell(!) zu beenden. Eine Ratifizierung dieser Verträge blieb allerdings aus, sodass die Fremdherrschaft über Syrien weiterging. [18][19]

Fünf Jahre später und im Wissen um die Schwäche Frankreichs (durch die deutsche Besetzung des Mutterlandes) mündeten die Unabhängigkeitsbestrebungen der Syrer in einen Generalstreik. Der nachfolgende Aufstand im Irak und in Syrien ließ unmittelbar Besatzungstruppen einmarschieren, in Syrien die des „Freien Frankreich“. Als am 27.September 1941 in Damaskus der französiche General George Catraux im Namen der Alliierten die Unabhängigkeit Syriens proklamierte, hatte das viele Gründe. Frankreich und Großbritannien kämpften um ihr Überleben im Krieg gegen Deutschland (zumal die Deutschen inzwischen auch in Nordafrika gelandet waren) und konnten sich einen Krieg im Nahen Osten nicht leisten. Unter diesen Umständen waren Konzessionen an die einheimische Bevölkerung aus Sicht der Alliierten sinnvoller. Nebenbei wurden die Briten ihren französischen Konkurrenten im Nahen Osten los.

Es dauerte noch über zwei Jahre, bis alle Vollmachten und Machtbefugnisse formell an die neuen syrischen staatlichen Institutionen (wie auch die des Libanon) übergegangen waren. Damit war die wirkliche Unabhängigkeit für Syrien jedoch nicht erreicht, denn mit dem Sieg über das Deutsche Reich, sah Frankreich die Möglichkeit, seine koloniale Politik zu reaktivieren. Diese Selbstüberschätzung sollte Syrien noch Blut kosten und den Weg zur tatsächlichen Unabhängigkeit um weitere zwei Jahre verlängern. [20]


Syrien – Rückblick auf dessen jüngere Geschichte  >>> Teil 2

Anmerkung

[a1] Die Unbedarftheit mit der Wilson sich auf politischem Parkett bewegte, hatte sich schon bei der Gründung der Federal Reserve in den USA 1913 gezeigt. Und auch das Sykes-Picot Abkommen war enttarnt worden, denn bereits 1917 hatte die russische Zeitung „Prawda“ den Wortlaut unter dem Titel „Schandabkommen“ veröffentlicht. Wenig später druckte auch der britische „Guardian“ einen Artikel über diesen Vertrag. [21]

Quellen

[1] Der Federstrich der Kolonialisten; http://diepresse.com/home/zeitgeschichte/3833913/Der-Federstrich-der-Kolonialisten_Fallen-die-Grenzen-in-Nahost

[2][9] Israel und Palästina – Wem gehört das Heilige Land; Studiengesellschaft für Friedensforschung München e.V.; 2003; http://www.studiengesellschaft-friedensforschung.de/da_48.htm

[3][6] Üble koloniale Ränkespiele; 2007; http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Nahost/balfour.html; Originalquelle: Neues Deutschland; Arne C.Seifert; 27.10.2007

[4][5] Die Balfour-Erklärung; Palästina heute; http://www.themen.palaestina-heute.de/Balfour-Erklarung/balfour-erklarung.html

[7][8] Grenzen auf dem Reißbrett; Katharina Lange; 12.6.2014; http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/008540.html

[10] Ins Chaos gestürzt; Karin Leukefeld; 5.7.2014; Junge Welt; http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Irak1/chaos.html

[11] Grenzen auf dem Reißbrett; Katharina Lange; Juni 2014; INKOTA-Netzwerk; http://www.inkota.de/material/suedlink-inkota-brief/168-hundert-jahre-erster-weltkrieg/katharina-lange/

[12] Hesekiel 47; Bibel Text; http://bibeltext.com/l12/ezekiel/47.htm

[13][16] Arabischer Nationalismus in Syrien; Dalal Arsuzi-Elamir; 2003; S.24; Lit Verlag Münster

[14][18] Syrien im Politischen und Geschichtlichen Kontext; Kurdisches Studienzentrum NLK; 3.6.2015; http://www.nlka.net/de/index.php/reports-3/936-syrien-im-politischem-und-geschichtlichem-kontext-und-die-kurdische-frage-in-westkurdistan

[15][19][20] Unvollendete Demokratien; Ernst-Albrecht von Renesse; ; S.191; 1965; Westdeutscher Verlag Köln und Opladen; ISBN 978-3-663-00849-1

[17] Zerfällt Syrien wieder in Kleinstaaten?; Rudolf Grulich; 10.3.2014; http://www.kirche-in-not.de/kirchengeschichte/2014/03-10-zerfaellt-syrien-wieder-in-kleinstaaten-rudolf-grulich

[21] Völkerbundmandat; deutsche Wikipedia; 17.12.2015; https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerbundmandat_f%C3%BCr_Syrien_und_Libanon

[Titelbild] Datei: krak-of-chevaliers-1078528_960_720.jpg; Quelle: https://pixabay.com; Lizenz: CC0 Public Domain

[b1] The End Of Sykes-Picot; Foto aus Video des Islamischen Staates (IS); 2014; entnommen aus http://www.info-direkt.eu/der-wiener-kurdistan-experte-dr-herbert-fritz-war-der-front/

[b2] Aufteilung des Nahen Ostens; http://www.planet-schule.de/wissenspool/internationale-krisen/inhalt/hintergrund/irak/karte-aufteilung-des-nahen-osten.html

[b3] Syrien-Karte von Syrianfreepress; https://syrianfreepress.files.wordpress.com/2015/02/syria-guide-map.jpg

[b4] Syrien: Israel bald in den Grenzen von Hesekiel 47?; 30.4.2012; Politprofiler; http://politikprofiler.blogspot.de/2011/04/israel-erst-golan-und-palastina-dann.html

[b5] Völkerbundsmandat für Syrien und Palästina 1922; https://commons.wikimedia.org; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:French_Mandate_for_Syria_and_the_Lebanon_map_de.svg

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