Von Systemen und wo man sie finden kann.
Wenn man vom westlichen und außerdem noch immer globalen Finanzsystem spricht, geht der Blick oft in die USA, an die Wall Street. Ist das richtig? Man könnte ja auch sagen, dass die City of London als Erbe des britischen Weltreichs und noch immer dominierende Struktur das Ganze verkörpert. Beides, Wall Street und City of London (CoL), stehen symbolhaft für Systeme. Oder ist es ein System? Wo sitzt die Macht des Geldes? Oder führt die Frage in die Irre?
Eines scheint deutlich: Beide Systeme bauen auf grundsätzlich ähnlichen Methoden auf. Mit ihrer Finanzmacht suchen sie reale Macht auszuüben. Es ist im Grunde ein System in unterschiedlichen Variationen. Und die Trennung in US-amerikanisches und britisches System kann auch als Täuschung wirken. Es sei denn, man hat im Hinterkopf, dass damit unterschiedliche Interessen mächtiger Verwalter des großen Geldes gemeint sind. Mit Interessen, die aus diversen Gründen auseinandergehen. Andererseits bildet all das einen Filz von Oligarchen ab, die sämtlich supranational denken.
Was aber bei all dem oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass dieses grundlegende System tief in unseren Köpfen manifestiert ist. Welche Ausprägung letztlich wirkt, ist freilich auch nicht leichtgewichtig für unser Leben in der Gegenwart und Zukunft. GeorgeG hat kürzlich dazu geschrieben und auf dessen Artikel (1) hat es einen interessanten, fundierten Kommentar von Sebastian Domschke gegeben, den ich, ob seiner Länge, gern an dieser Stelle den Lesern nahebringen möchte.
Danke George,
es hat etwas gedauert, aber ich wollte mir vor meiner Antwort noch alles im Zusammenhang anschauen, also Peds Artikel (2), deinen Kommentar im Ganzen (3) und nun deinen Artikel (1i).
Zuerst einmal danke für die ausführliche Antwort. Find ich total cool. Zusammenfassend würde ich sagen, wir haben es hier mit zwei unterschiedlichen Narrativen des selben Phänomens zu tun. Allerdings sind in diesem Fall beide sehr berechtigt.
Du fokussierst auf das strukturelle Phänomen der finanziellen Abhängigkeiten, die genutzt werden, um ein Imperium zu errichten. Und das Beispiel, an dem man das am besten verstehen kann, und das nebenbei noch die historischen Wurzeln aufzeigt, ist das britische Empire mit der CoL im Zentrum. Der Haken und der Grund, warum ich diese Bezeichnung nicht wähle, ist, dass dieser Begriff die realen Machtstrukturen der Gegenwart verschleiert.
Ich fokussiere anlehnend an Daniele Ganser auf die US-Militärbasen, auf die Flugzeugträgerflotte, auf die US-amerikanischen Banken — die neben den britischen Banken, wie Ped ja superschön herausgearbeitet hat, ganz ‚unerwartet‘ an Stellen auftauchen, wo man sie nicht ‚erwarten‘ würde — auf die Vormachtstellung des Dollars und dergleichen, und spreche vom US-amerikanischen Imperium. Der Haken an dieser Bezeichnung ist freilich, dass er rein auf das Jetzt fokussiert und die historischen Entwicklungen und die Hintergründe verschleiert. Es liegt dann der Gedanke nahe, man müsse sich ‚nur‘ gegen das US-amerikanische Imperium zur Wehr setzen. Gegen die US-Präsenz in Europa, gegen die Atomwaffen, gegen die Macht der US-Banken und ihrem ‚Recht‘. Aber das grundlegende System hinter dem US-Imperium ist das selbe.
Und bei wie Pandora, ist dieser Geist jetzt aus der Flasche entlassen. ‚Jeder‘ (gemeint ist jede natürliche oder rechtliche Person oder Gruppe aus denselben *zwinkerzwinker*), der das möchte (und das nötige Kleingeld hat — es ist wichtig, darüber nachzugrübeln, was Geld hier bedeutet) —, kann dieses System nachbauen. Immer wieder und überall. Es sei denn, ‚wir‘ lernen, die Grundlagen dafür nicht zu schaffen.
Ich würde mal sagen, in Europa sind wir dafür gesellschaftlich und kulturell schlecht aufgestellt. Ökonomisch wird das allerdings mittelfristig für ‚Europa‘ keine Option mehr sein. Das ficht natürlich einen Gates oder einen Thiel nicht an. Jedenfalls hilft mir die Klarstellung für die Einordnung sehr weiter.
Ein paar Fragen bleiben für mich nach deiner Antwort. Die wichtigste ist, dass du anscheinend trotzdem einen Unterschied machst zwischen dem US-amerikanischen und dem britischen System. Ich habe keinen blassen Schimmer warum. Ich müsste die von dir zitierte Rede von Greer lesen, dann hätte ich vielleicht eine Chance mir einen Grund auszudenken (sic!).
Das werde ich nicht tun. Entweder du erläuterst mir, was für dich der wesentliche Unterschied ist, und dann habe ich die Möglichkeit, die Rede von Greer daraufhin abzuklopfen, oder nicht. Allein, das was du zitiert hast ist ja schon eine Täuschung und fraglich ist allerhöchstens, ob Greer nur uns belügt, oder sich selbst zu allererst. Nur beispielhaft:
„Die Vereinigten Staaten stören den Status quo und ergreifen die notwendigen Maßnahmen, um amerikanische Interessen zu schützen. Das System, das in den letzten drei Jahrzehnten funktioniert hat, verlangte von den Vereinigten Staaten, die ständig steigenden Handelsüberschüsse anderer Nationen zu absorbieren. Wir kauften immer größere Mengen künstlich verbilligter Waren, finanziert durch ständig wachsende Schuldenberge.“
‚Das System‘ das zwangsweise dazu führte, dass die USA ein Handelsbilanz-Defizit ausweisen, ist die Vorherrschaft des US-Dollars, respektive seine Etablierung als Weltreserve-Währung, der Petrodollar. Hier greifen mathematische Prinzipien und es geht gar nicht anders, solange der Petrodollar mit Klauen und Zähnen verteidigt wird. Und das wird er nach wie vor. Zuerst von den USA und nicht von den Briten.
Darum hat man Libyen als Staat von der Weltkarte getilgt. Gleichwohl und mit Blick auf die Rolle von Großbritannien in diesem unprovozierten illegalen Angriffskrieg eignet er sich bestimmt hervorragend als Beispiel für unsere Frage.
Für Mitteleuropa gilt das aber nur eingeschränkt. Speziell in Deutschland laufen noch ganz andere Prozesse ab. Hier wurden Reparationszahlungen im ökonomischen Kreislauf institutionalisiert (und verschleiert) und auf diese Weise tradiert. Und zwar über die Zeit und die Höhe der offiziellen Reparationsleistungen hinaus.
Ganz generell muss man auch darauf hinweisen, dass die Finanzindustrie der USA (weltweit) auf rechtlichem Weg monetäre Forderungen generiert (zum Beispiel Lizenzen oder Dividenden), die dann in realen Warenlieferungen münden. Es sind nicht nur Kredit-‘Schulden‘. In Deutschland muss dieser Aspekt ganz erheblich sein und er drückt sich beispielhaft darin aus, dass wir die USA für die US-Vorherrschaft in Deutschland auch noch bezahlen. Und aufschreien, wenn die USA irgendwas davon abziehen. Stockholm lässt grüßen.
Eine solche Analyse geht weit über alles hinaus, was ich von Greer erwarte, der sich da sehr an Trump anlehnt. Die armen USA sind für ihn oder Trump das wehrlose Opfer dieser niederträchtigen, egoistischen, europäischen Vasallen. Der zitierte Absatz führt mir das nochmal deutlich vor Augen und ich bin nicht fähig, mir den Blödsinn in Vollständig zu geben, ohne ein Ziel vor Augen zu haben.
(Opfer bleiben natürlich die US-Arbeiter und zwar in der selben Art und Weise wie die Arbeiter in Europa; beiderseits des Atlantiks, und nicht nur da, werden sie ausgebeutet. Ich schreibe Arbeiter, weil das für Akademiker, Ingenieure und Unternehmer nur eingeschränkt gilt. Gleichwohl braucht es auch da eine ehrliche und faire Analyse und keine Pauschalurteile; nebenbei: tatsächlich sind es immer die Arbeiter, die Reparationen leisten)
In der selben Art bin ich nicht interessiert an den 31 Seiten Nationaler Sicherheitsstrategie (4, 5). Ich lese deine Zitate und ich lese deine Zusammenfassung, und nehme die für Wahr. Bis auf weiteres reicht das, denn sie sind total plausibel.
Gleichwohl: Wenn man dort meint, ‚Europa‘ wäre gefangen — und natürlich ist es sinnvoll diese Aussagen zur Kenntnis zu nehmen —, dann ist mein Standpunkt gefangen vom US-Imperialismus (in deinen Worten der CoL — kein Problem) und dem schon genannten Stockholmsyndrom. Oder in anderen Worten in der Frage, was da mit der Pipeline war.
Und wenn man dort meint, man müsste Europa ‚befreien‘, dann sehe ich die US-Eliten gefangen in ihrem Weltrettersysndrom. Die haben uns schon mal nicht befreien können (respektive wollen). Und das wird dieses mal nicht besser werden.
Die Details lese ich, wenn ich sie zur Einordnung irgendwo brauche. Bis dahin weiß ich eh schon viel zu vieles, an dem ich nichts ändern kann, und was darum so schwer erträglich ist, dass ich es eigentlich nicht verkrafte. Greer und Strategiepapiere kann ich nur lesen. Und bestenfalls ertragen, oder eben nicht. In der Summe mit meinem Allgemeinwissen zum Thema sind sie mir unerträglich.
Darum lese ich deine und Peds Analysen, die es leichter machen und denen ich vertraue, und – wann immer möglich – bewusst nicht das Original. Es sei denn zur Prüfung, aber die ist in diesem Fall schon erledigt – Stichwort Vertrauen.
Danke Sebastian, und bleiben Sie bitte schön aufmerksam, liebe Leser.
Anmerkungen und Quellen
(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung — Nicht kommerziell — Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.
(1, 1i) 15.05.2026; GeorgeG; Europäische Vasallen — aber wessen Vasallen?; https://peds-ansichten.de/2026/05/europaeische-vasallen-aber-wessen-vasallen/
(2) 03.05.2026; Wohin fließen 90 Milliarden Euro „Ukraine-Darlehen“?; https://peds-ansichten.de/2026/05/eu-kommission-ukraine-darlehen-anleihe-russland-vermoegen/
(3) 07.05.2026; https://peds-ansichten.de/2026/05/europaeische-vasallen-aber-wessen-vasallen/
(4) 12.12.2026; Nationale Sicherheitsstrategie der USA mit neuen Prioritäten; https://peds-ansichten.de/2025/12/usa-nationale-sicherheitsstrategie-globalisten-mulltipolare-welt/
(5) 04.11.2025; Weißes Haus; National Security Strategy of the United States of America; https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf; vollständige Übersetzung ins Deutsche: https://files.cargocollective.com/c1474301/Nationale-Sicherheitsstrategie-der-Vereinigten-Staaten-von-Amerika.pdf;
(Titelbild) Geld, Profit, Dollar, Karriere; Autor: geralt (Pixabay); 21.01.2020; https://pixabay.com/illustrations/stairs-businessman-business-dollar-4781221/; Lizenz: Pixabay License