Wie die Irrationalität des Glaubens handfeste Politik beeinflusst — und die Kriegsführung dazu.
Es existieren zwei sehr konträre strategische Sichten auf den Ukraine-Konflikt. Westlicherseits behauptet man, und das stärker als je zuvor, sich einem russischen Eroberungsfeldzug gegenüber zu sehen. Russischerseits spricht man vom strategischen Ziel einer Entmilitarisierung der Ukraine. Die westliche Perspektive ist im Informationsraum nach wie vor dominant und verbietet die Anerkennung wie Verbreitung der russischen Perspektive. Die Strategie von Kriegszielen widerspiegelt sich in der Art und Weise der operativen Kriegsführung. Diesbezüglich sind im Ukraine-Krieg grundlegende Unterschiede zwischen der NATO-ukrainischen und der russischen Seite erkennbar.
Der Westen hat diesen Krieg auf russischem und ukrainischen Boden gebraucht, als Lösungsansatz für seine eigenen strukturellen, systemischen Krisen. Als er den Krieg eskalierte, war der bis dahin betriebene Corona-Krieg nicht mehr im gewünschten Maße führbar. Das Konzept von Macht und Herrschaft nach dem Modell des britischen Imperiums bedarf ständiger Kriege. Kriege, die operativ im Außen wie im Innen geführt werden, strategisch jedoch vor allem auf die eigenen Gesellschaften zielen. Dass die Eskalation des Ukraine-Krieges den Corona-Krieg quasi nahtlos ersetzte, war allein schon deshalb sicher kein Zufall.
Moral
Nehmen wir eine kleine Erkenntnis des Autors als Einstieg in diese Abhandlung: Ideologien erzeugen blinde Flecken in der eingenommenen Perspektive. Sie verhindern die Wahrnehmung des im Grunde Offensichtlichen. Das wirkt sich auf die Handlungen der Ideologisierten aus.
Das westliche Narrativ eines „russischen Eroberungsfeldzuges“ lässt sich als Projektion verstehen. Es unterstellt Russland implizit ein ideologisches Motiv, in dem imperiales Denken, Machtwahn und Bereicherung auf Kosten anderer verankert seien. Es wird also moralisch argumentiert und dem Gegner niedere Moral zugeschrieben. Gleichzeitig spricht man von einer Verteidigung angeblicher westlicher Werte und einer regelbasierten Ordnung. Was das wirklich bedeutet, kann übrigens keiner so richtig umschreiben. Wohl auch deshalb, weil alles sehr flexibel ausgelegt und angepasst wird. Auf jeden Fall wird der eigenen Seite eine höhere Moral angedichtet. Damit ist der eigene Krieg gerechtfertigt und der des Gegners verteufelt.
Aber wichtig ist die moralische Attitüde, in der die Überlegenheit der vermeintlich Guten über den angeblich das Böse verkörpernden Gegner herausgestellt wird. Logik in der Argumentation? Fehlanzeige! Das war schon so zu Zeiten der Kreuzzüge „im Namen des Herrn“. Sendungsbewusstsein geht einher mit Selbstüberhebung. Einer Selbstüberhebung, die sich allein darauf stützt, zu den Besseren, Reineren, Anständigeren und Zivilisierteren zu gehören. Da die Dinge nur so sein dürfen, wie sie einem in den Kram passen, bleibt man impertinent taub für die Argumente der anderen Seite, besser gesagt, blendet man das Gehörte einfach aus dem eigenen Kosmos aus.
Das eigene, den Krieg rechtfertigende Bild bestimmt den Informationsraum und so versucht man, dauerhaft Unterstützung für den eigenen Krieg zu gewinnen. Zur Not — und die Not ist oft groß genug — wird die Realität aus dem Informationsraum verbannt. Damit gewinnt man gegen einen starken, selbstbewussten Gegner zwar den Krieg im narrativen Raum, nicht aber in der Realität. Und irgendwann wird die Fiktion von der Realität eingeholt — in der Politik und auch in derer extremen Ausprägung, dem Krieg.
Entsprechend gestaltet sich auch die Kriegsberichterstattung des bereits zuvor feststehenden moralischen Siegers. Also ist auch die eigene Kriegsführung stets moralisch und die des Gegners prinzipiell unmoralisch. Daran müssen sich auch die Berichte über den Krieg halten. Sie müssen sich nach der Ideologie richten (nachrichten), nicht etwa nach der Realität. Schließlich richtet sich ja das strategische Ziel auf die Gesellschaft im Innen, die für einen Krieg gegen fiktive Gegner im Außen mobilisiert werden muss.
Terror
Gezielte Angriffe auf zivile Objekte sind Angriffe auf schwache Ziele und daher rein technisch auch oft erfolgreich. Gewissermaßen spiegeln sie auf einer operativen Ebene ein strategisches Konzept, das der Ideologie entspringt. Mit Terror glaubt man, Kollektive, auch Gesellschaften, disziplinieren zu können. Dieses pathologische Vorgehen zeitigt bei Individuen, die man fast vollständig kontrollieren kann, oft Erfolg. Doch große, in ihrem Wesen komplexe Gesellschaften sind niemals in einem solchen Maße kontrollierbar und selbst die Herstellung eines mehr oder weniger signifikanten Einflusses auf gesellschaftliche Prozesse verschlingt Unmengen an Ressourcen. Das aber sehen die „Herren der Welt“ nicht. Ihre Überhebung erlaubt es ihnen nicht.
An der Informationsfront schiebt man dem Gegner gleichzeitg das eigene Tun unter. Man ist von der Überzeugung eingenommen, dass sich mit Terror gegen die Zivilbevölkerung der Gegner schwächen ließe. Das ist sozusagen Tradition anglo-amerikanischer Kriegsführung. Dass man auch im Ukraine-Krieg rein zivile Ziele ins Visier nimmt, wird im westlichen Informationsraum nicht einmal bestritten. Man ist jedoch clever genug, es einfach nicht so deutlich auszusprechen. Stattdessen wird dafür der Eindruck erweckt, die „bösen Russen“ könnten „ihren Eroberungskrieg“ nur dann gewinnen, wenn sie die Zivilbevölkerung terrorisierten.
Um das irgendwie plausibel erscheinen zu lassen, muss man natürlich weitere absurde Erzählungen ins Feld führen. Zum Beispiel, dass die russische Armee schlecht ausgebildet sei und ebenso schlecht geführt werde, wobei sie verheerende Verluste an Mensch und Material bewusst in Kauf nähme. Und über allem thront der Vorwurf, dass es ein unprovozierter Eroberungskrieg wäre, den Russland da führen würde.
Selbst, wenn wir äußerst zurückhaltend annehmen, dass nur ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung aus ethnischen Russen besteht, würde das bedeuten, dass das russische Militär wahllos auch die eigene Ethnie terrorisierte, nur um das Gebiet, wo diese Menschen leben, zu erobern. Das ist, um es milde auszudrücken, einfach nur Unsinn.
Terror als Erzählung im Propagandakrieg
Der Krieg gegen Zivilisten steckt implizit in jedem Krieg. Dass Zivilisten zu kollateralen Opfern kriegerischer Handlungen werden, ist praktisch unvermeidbar. Ob sie jedoch ausdrücklich zum Ziel militärischer Operationen auserkoren wurden, lässt sich feststellen. So viel man auch mit Zahlen manipulieren mag, verdeutlichen sie letztlich doch, wer seinen Fokus im Krieg auf was oder wen lenkt. Ironischerweise liefern genau jene Medien, die Russland einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Ukraine andichten, parallel dazu die Informationen, dass sie mit eben dieser Behauptung ihre Konsumenten desinformieren.
Nachrichten wie die folgende, finden sich zu Dutzenden im Archiv der ARD-Tagesschau:
„Bei einem russischen Drohnenangriff in der Nacht ist ukrainischen Angaben zufolge ein zwölfjähriges Mädchen in der zentralen Region Dnipropetrowsk getötet worden. Die Eltern des Kindes wurden verletzt, wie der ukrainische Rettungsdienst mitteilte. Ein Kind sei aus den Trümmern gerettet worden. Insgesamt griffen laut Ukraine 100 russische Drohnen das Land an, 37 seien abgeschossen worden. Die Angriffe hätten in den Regionen Charkiw, Donezk, Dnipropetrowsk und Kiew Schäden verursacht, teilte die Luftwaffe mit. In Kiew wurde laut Behörden eine Frau verletzt.“ (1)
Mit einhundert russischen Drohnen hat es das russische Militär geschafft, einen Menschen zu töten und drei weitere zu verletzen? Nein, es hat dies nicht geschafft. Teilt uns doch die Nachricht implizit mit, dass Zivilisten nicht das Ziel der Angriffe gewesen sein können. Wer glaubt ernsthaft, dass Russland dermaßen inkompetent ist, dass es seine militärischen Ressourcen vergeudet, um im Ergebnis jeweils ein oder zwei Menschen zu töten? An der Front und bezüglich der Schwächung militärisch relevanter Infrastruktur freilich sind Drohnen ein überragender Faktor geworden. Wenn Sie als Konsument allerdings tausend mal mit einer solchen Nachricht konfrontiert worden sind, könnte es sein, dass sie dieser trotz des Widersinns glauben…
So tragisch die Opfer auch sein mögen, so klärt uns allein diese Tagesschau-Meldung darüber auf, dass es sich um Kollateralschäden handelt. Sie klärt uns allerdings nicht darüber auf, welchen Zielen diese Angriffe im ukrainischen Hinterland tatsächlich galten. Der neugierig gewordene Leser findet ähnliche Meldungen in Hülle und Fülle, wenn er sich die Mühe macht, die ARD-Nachrichten zu durchforsten.
Jedenfalls taugen solche Nachrichten in keiner Weise, um die russischen Streitkräfte eines angeblich von ihnen begangenen Terrors gegen die Zivilbevölkerung zu überführen. Die Inszenierungen in Butscha und Kramatorsk haben uns freilich einmal mehr gezeigt: Propaganda ist nicht auf die Plausibilität ihrer Narrative angewiesen, sondern darauf, dass die damit verbundenen emotionalen Botschaften sich tief im Bewusstsein und Unterbewusstsein der Menschen eingraben.
Man mag mit der Erzählung konstruierter Terrorgeschichten die Bevölkerung, Politiker und Medien kollektiv an einem Krieg festhalten lassen, Erfolg haben. Was man damit aber — zumindest in Bezug auf den Ukraine-Konflikt — nicht vermag, ist der Gewinn des Krieges. Wenn man aber einen Krieg nicht gewinnen kann, warum führt man ihn dann überhaupt weiter? Geht es möglicherweise um den Krieg an sich? Sehen wir möglicherweise nicht die wahren Gewinner des Krieges?
Kriege des superdemokratischen Wertewestens waren und sind stets Nullsummenspiele. Die Kosten der Einen sind die Gewinne der Anderen. Wer sind im Ukraine-Konflikt die „Kostenträger“ und wer profitiert? Wenn wir diese Frage beantworten konnten, dann ist uns auch klar, warum für bestimmte Eliten dieser Krieg gern noch ewig weitergehen dürfte.
Echter Terror
Wie das in etwa aussieht, wenn man tatsächlich mit Vorsatz Zivilisten töten will, möge das folgende Beispiel verdeutlichen:
„In einem eklatanten Terrorakt haben die ukrainischen Streitkräfte einen belebten Markt in Aleschki in der Region Cherson angegriffen und dabei gezielt Zivilisten getroffen, die ihrem täglichen Leben nachgehen. Die Präzisionsangriffe erfolgten am Morgen eines Festtages, an dem es mehr Menschen zu treffen gilt. Auf den Angriff folgten ein zweiter Angriff und FPV-Drohnenangriffe auf Rettungskräfte — eine gut dokumentierte Taktik des Kiewer Regimes, um die Zahl der Opfer zu maximieren. Dutzende von Menschen sind Opfer der ukrainischen Aggression geworden. Vorläufigen Berichten zufolge wurden mindestens 20 Menschen verwundet, viele von ihnen schwer, während die genaue Zahl der Toten noch ermittelt wird. Vorläufigen Berichten zufolge wurden mindestens sieben Zivilisten getötet.“ (a1, 2)
Das ist doch eine ganz andere Effizienz als die von einhundert russischen Drohnen, die zu einem Toten und zwei Verletzten führten (siehe weiter oben), finden Sie nicht auch? Wirklicher Terror, auch und vor allem jener, der von Militärs betrieben wird, fußt auf soziopathischen Gründen. Da ist zum Einen eine auch das Militär durchdringende nationalistische, von Russenhass zerfressene Ideologie. Militärischer Terror schafft zum Anderen Überlegenheit, weil der Gegner sich selbst gar nicht als ein solcher begreift, die Rolle nur vom Angreifer definiert und die Opfer dem Angreifer mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert sind.
Desweiteren möchte dieser Terror Angst und Schrecken verbreiten. Er sucht zudem, die angegriffene Gesellschaft zu lähmen beziehungsweise zu Handlungen zu provozieren, die für die eigene Kriegsführung im Nachhinein als Rechtfertigung taugen sollen. Der reale Terror ist von einer ganz anderen Effektivität, als jener angebliche Terrors, der den Menschen über die Massenmedien aufgetischt wird. Hinter dem Krieg gegen Zivilisten versteckt sich ein System. Militärisch hat das keinen Sinn, politisch sehr wohl, wenn auch nur kurzfristig. Eine solche Strategie ist also kurzsichtig.
Motive operativer Kriegsführung
Erfolgreiche Angriffe jeglicher Art sorgen für Bilder und Stimmungen, die von Stärke und Siegeszuversicht künden. Sie versöhnen die Sponsoren und bedienen anglo-amerikanische Geostrategie, die im Hintergrund immer eine Aushöhlung der Stabilität Russlands auch im Innern anstrebt. Wir betrachten hier die strategische Ebene von Kriegen. Die so im Informationsraum natürlich nicht kommuniziert wird.
Mittel- und langfristig bewirken diese Angriffe freilich etwas ganz anderes. Sie liefern dem Gegner — zumal einem gleichwertigen, wenn nicht sogar überlegenen Gegner — alle Argumente für dessen seinerseits begründete Kriegsführung. Und lassen außerdem die eigenen Truppen in selbstgestellte Fallen laufen. Ideologische Blindheit sorgt nämlich dafür, dass diese Art von Fallenstellerei auf den Urheber selbst zurückschlägt.
Für den Autor, der sich selbst unverändert als Laien (nicht nur) im Bereich strategischer, operativer und taktischer Kriegsführung betrachtet, ergibt der ungetrübte Blick auf die operative Kriegsführung, die ja aus politischen Motiven abgeleitet ist, ein erstaunlich klares Bild. Eines, dass auch unter Berücksichtigung der Gefahr, in einen Bestätigungsfehler (confirmation bias) zu laufen, auf dem ukrainisch-russischen Kriegsschauplatz tatsächlich immer wieder bestätigt wird. Deshalb muss der Finger immer wieder auf die Wunde zeigen:
Man mag mit erfolgreich umgesetzten terroristischen Operationen das Leid und den Hass beiderseits der Front am Leben erhalten. Man mag diese gar als Siege im Krieg feiern. Was man damit aber — zumindest in Bezug auf den Ukraine-Konflikt — nicht vermag, ist der Gewinn des Krieges. Wenn man aber einen Krieg mit Terror nicht gewinnen kann, warum setzt man diesen dann überhaupt ein? Geht es möglicherweise um den Krieg an sich? Darum, dass er möglichst ewig weitergeführt wird?
Gefangen im eigenen Narrativ
Die westliche Propaganda behauptet unentwegt, dass Russland einen Eroberungskrieg gegen die Ukraine führen und nach dessen erfolgreichem Abschluss weitere Eroberungen im Westen plante. Wie schon gesagt: Man unterstellt also Moskau imperiale Gelüste. Nun ist aber Russland längst ein Imperium. Es ist das größte Land der Erde. Welchen Nutzen soll dieses Land davon haben, ein in weiten Teilen russophob zerfressenes Europa westlich seiner Grenzen zu erobern? Niemand kann uns das erklären. Erstaunlicherweise sind entsprechende Fragen in der hiesigen Gesellschaft aber auch kaum anzutreffen.
Das Zuschreiben „imperialer Gelüste“ ist weder nachgewiesen, noch ist es begründet. Man behauptet es einfach. So etwas nennt man auch üble Nachrede oder einfach Verleumdung. Die Förderung von Hass und Hetze trifft es ebenso. Das ist in einem Rechtsstaat ein Straftatbestand. Man betrügt unreflektiert wie vorsätzlich das Publikum und hetzt es gegen einen ausgewählten Gegner auf. Doch nicht nur das: Man betrügt auch sich selbst. Und das hat schwerwiegende Folgen auch auf dem Schlachtfeld. Denn wenn man dermaßen in der eigenen Propaganda verstrickt ist, glaubt man irgendwann auch selbst an diese Propaganda.
Selbst eine tief im Unterbewussten schlummernde unterschwellig bedrückende Erkenntnis, dass mit den verkündeten Narrativen etwas nicht stimmen kann, wird durch abenteuerliche Verzerrungen — wenn auch nur scheinbar — wieder gerade gerückt. Wenn man so gegenüber Schwächeren handelt, ist das blanker Zynismus — siehe Syrien, siehe Irak. Doch wehe dem, man täuscht sich. Dann wird einem der Gegner nicht als wehrloses Opfer entgegentreten, sondern genau auf diese Verzerrungen festnageln. Erst recht dann, wenn der Gegner klug genug ist, den Gegenüber ernst zu nehmen und ohne Schere im Kopf zu studieren. Ein Gegner, dessen Ideologie ihn nicht verleitet, in solch eine Art und Weise von Kriegsführung zu laufen, wie die andere Seite.
Krieg um Land?
Systematisch präsentieren die russischen Streitkräfte dem Gegner scheinbar lohnende oder alternativlos zu bekämpfende Angriffsziele. Die russische Militärführung hat aufmerksam die NATO-Strategie studiert, welche mindestens den Krieg auf dem Boden (nicht nur) der Ukraine primär als einen Krieg um Raum, um Land interpretiert. Welche strategische Erfolge an Landgewinn festmacht. Welche operative Erfolge offenbar gleichsetzt mit strategischen Erfolgen. Diese Grundannahme führt konsequenterweise dazu, dass die russische Kriegsführung aus westlicher Sicht im strategischen Sinne erfolglos ist. Das ist eine bemerkenswerte Projektion.
Die strategischen Ziele eines Krieges sind politisch motiviert. Im Falle des Ukraine-Konflikts lauten Russlands Ziele: dauerhafter Schutz der russischen Ethnie, Entmilitarisierung — was den Abzug der NATO aus der Ukraine einschließt — und Entfaschisierung der Ukraine. Entfaschisierung setzt dabei die Entmilitarisierung voraus. Denn die national-faschistoiden Milizen in der Ukraine sind nicht nur am meisten motiviert, sondern auch hervorragend bewaffnet. Sie schützen und kontrollieren (!) damit den internen Apparat der dahinter stehenden Organisationen und Institutionen wie auch deren Machtfunktion in den ukrainischen Regierungsbehörden.
Die strategischen Ziele der Kriegsparteien unterscheiden sich fundamental. Westlicherseits benutzt man die ukrainische Gesellschaft, um den mehr oder weniger ungehinderten Zugriff auf billig zu bekommende Ressourcen zu erlangen. Die Ukraine ist eines der an strategischen Rohstoffen reichsten Länder Europas. Und dazu gehören nicht nur Kohle, Erze und Lithium. Dazu gehören auch die fruchtbaren Böden. Das EU-Europa und Großbritannien leiden unter einem permanenten Ressourcenmangel. Extern beschaffte Rohstoffe zu günstigen Tarifen sind seit vielen Jahrzehnten der unverzichtbare Schmierstoff für dessen verarbeitende Industrie.
Damit wird auch die operative Kriegsführung der NATO-Ukraine, die sich an jeden Quadratmeter Boden festbeißt, nachvollziehbar. Westliche Banken und Investmentgesellschaften haben hoch gepokert, um das große Geschäft in der Ukraine zu machen — und später vielleicht auch in Russland. Und es wurde in den vergangenen Jahrzehnten viel, sehr viel aus dem Land gepresst. Nun ist man einfach nicht bereit, das spekulativ in der Ukraine eingesetzte Kapital abzuschreiben. Also müssen weiter Ukrainer und Russen sterben.
Russland dagegen hat dieses Problem nicht. Es ist das wahrscheinlich rohstoffreichste Land auf diesem Planeten. Das Land ist riesig, und eben deshalb — und auf Grund seines Reichtums — genügt es sich selbst. Das britisch und EU-geführte Europa kann das nicht. Weil es unter chronischem Ressourcenmangel leidet zum Einen und sein Modell der Finanzialisierung jedes gesunde Wirtschaften immer weiter untergräbt.
Die Eroberung ukrainischen Bodens mittels großangelegter, weiträumiger Operationen ist kein strategisches Ziel Russlands, kann aber Mittel zum Zweck sein, also operatives Mittel zur Erreichung strategischer Ziele. Dazu gehört — mehrfach und unmissverständlich kundgetan — die Entmilitarisierung der Ukraine. Allerdings hat das seinen Preis und dieser Preis kann sehr hoch werden. Er lässt sich in großen Verlusten an Menschen und Material messen. Vor allem dann, wenn man es mit einem hochgerüsteten Gegner zu tun hat. Dass die russischen Streitkräfte aktuell keine Operationen dieser Art auf ukrainischem Boden durchführen, ist daher wohlkalkuliert.
In diesem Konzept russischer Kriegsführung sind territorial großangelegte Operationen nicht erstrangig. Die Kräfte der ukrainischen Militärs sollen zersplittert, fragmentiert und geschwächt werden — bei minimalen eigenen Verlusten. So funktioniert Demilitarisierung.
Nah am offensiven Gegner
Wie lässt sich dann die derzeitige russische Strategie im Ukraine-Konflikt verdeutlichen? Vielleicht so, dass man permanent darauf achtet, nah am Gegner zu bleiben. Beziehungsweise dafür sorgt, dass der Gegner sich motiviert fühlt, in die Nähe zu kommen. Eine personelle, technische, technologische, insgesamt militärische Überlegenheit erlauben eine fortwährende operative Überlegenheit. Sie erlauben eine effektive Kriegsführung, in der Ort und Zeit von Kampfhandlungen gesteuert und mit möglichst geringen eigenen Verlusten maximale Verluste beim Gegner erzeugt werden können (3 bis 5).
Eindrucksvoll kam dies im Sommer 2023 bei der Sommeroffensive der NATO-gestützten ukrainischen Offensive am südlichen Frontabschnitt (Saporoschje) zum Ausdruck. Über fünf Monate hinweg verheizte die ukrainische Seite frisch ausgebildete und mit westlichen Waffen ausgerüstete Brigaden, wobei sie keinerlei operative Erfolge verbuchen konnte. Am Ende stand ein Streifen von zwölf mal zehn Kilometern um die Ortschaft Rabotino als Landgewinn zu Buche. Zehntausende ukrainische Soldaten bezahlten diese Operation mit ihrem Leben. Sie wurden auch Opfer einer Art und Weise von Kriegsführung, die man unablässig Russland unterstellt, jedoch selbst betreibt.
Dieser zweifelhafte Landgewinn ist längst wieder Geschichte. Die horrenden Verluste sind geblieben. Zusätzlich sind die ukrainischen Truppen, nur rein auf den südlichen Frontabschnitt bei Saporoschje bezogen, auf ganzer Breite etwa ein Dutzend Kilometer zurückgewichen. Der als kurzfristige, taktische Erfolg von 120 Quadratkilometern gefeierte Landgewinn resultierte in einer operativen Niederlage mit dem Landverlust von über 2.000 Quadratkilometern. Das hat aber keine großangelegte Offensive Russlands zur Folge gehabt. Die russischen Einheiten sind lediglich umgehend nachgerückt und halten den Druck unvermindert aufrecht.
Die russischer Seite ist sich ihrer Überlegenheit bewusst. Die permanente Ausübung von Druck mittels taktisch geprägter Offensivaktionen verhindert eine ausreichende Regeneration, Reorganisation und Wiederaufrüstung des Gegners. Das pausenlose Stressen zehrt an Substanz und Moral des Gegners und erlaubt es ihm nie so recht, die Initiative zu erlangen. So schwer die Infrastruktur an und in Nähe der Kampflinie auch in Mitleidenschaft gezogen wird, wird durch diese Art operativer Kriegsführung vermieden, dass große Gebiete, einschließlich urbaner Gebiete übermäßig in Mitleidenschaft gezogen werden.
Nah am defensiven Gegner
Dieser Gegner ist nunmehr nicht etwa deshalb defensiv, weil er seine Kriegsführung einer kritischen Überprüfung unterzogen und grundlegend geändert hätte. Er wurde seit nunmehr über vier Jahren systematisch zermürbt, seines Angriffspotenzials beraubt. Seine defensive Kriegsführung ist alternativlos, quasi aus der Not geboren. Sie wurde ihm regelrecht aufgezwungen (6). Aber sie verbraucht damit auch weniger Ressourcen — eigentlich verbraucht sie weniger Ressourcen.
Ende November 2025: Die politische Führung der Ukraine hatte zuvor beschlossen, die durch Zangenbewegungen russischer Angriffskräfte vollständig oder halb eingeschlossenen, strategisch wichtigen Städte wie Kupjansk (Region Charkow) und Pokrowsk/Mirnograd (Region Donezk) um jeden Preis zu halten. Also zog sie Eliteeinheiten von anderen Frontabschnitten im Süden, zum Beispiel bei Guljaipolje (Region Saporoschje), ab und rieb diese an den Fronten weiter im Nordosten auf. Die Verteidigung gegen einen übermächtigen Gegner um jeden Preis hebt aber den Vorteil, dabei geringere Ressourcen zu verbrauchen, wieder auf.
Diese unflexible NATO-ukrainische Kriegsführung kommt dem entgegen, was Russland mit seinem Krieg in der Ukraine bezweckt. Das, was politisch, gar diplomatisch nicht durchsetzbar war, wird jetzt auf dem Schlachtfeld geregelt. Erneut sei es genannt:
Erstens: Schutz der russischen Ethnie in der Ukraine.
Zweitens: „Entnazifizierung“ der ukrainischen Politik.
Drittens: Herstellung einer neutralen, demilitarisierten, NATO-befreiten Ukraine.
Was wir in der Ukraine erleben, ist genau das: deren Demilitarisierung.
Ist die operative Kriegsführung Russlands darauf ausgelegt, die postulierten Ziele um jeden Preis zu erreichen — egal wie hoch die Kosten an Menschen und Material auch ausfallen? So wie es uns die hiesigen Medien unverdrossen einzureden suchen? Mitnichten. Dass dem nicht so ist, bewies man bereits im Spätsommer und Herbst 2022, als die russischen Streitkräfte sich im Süden planvoll, und dabei mit minimalen Verlusten, vom Westufer des Dnepr in den Osten zurückzogen. Ein Beispiel anderer Art, das den gleichen Zweck verfolgt, liefert das Vorgehen im November 2025, aus dem umkämpften Gebiet bei Guljaipolje (Region Saporoschje):
„Unter diesen Umständen ist ein direkter Angriff auf die Stadt unwahrscheinlich. Das russische Kommando priorisiert Einkesselungstaktiken, um einen Frontalangriff auf die gut befestigte Siedlung zu vermeiden und Verluste zu minimieren. Die Hauptaufgabe besteht darin, die operative Einkreisung durch die Unterbrechung der letzten Versorgungswege, insbesondere der Straße nach Orechow, abzuschließen. Daher wird die Einnahme der Stadt nicht vor Ende Dezember erwartet. Ein Erfolg dieser Operation würde zum strategischen Zusammenbruch der gesamten ukrainischen Verteidigungslinie im Saporoschje-Sektor führen und die Voraussetzungen für eine weitere Offensive in Richtung Orechow und Saporoschje zu schaffen.“ (7)
Nun, Anfang 2026, ist Guljaipolje in russischer Hand. Doch zeigen uns weitere Strategien der russischen Kriegsführung, dass es hier nicht um Landnahme sondern um die systematische Überforderung, Schwächung und Auszehrung des militärischen Potenzials des Gegner geht. So werden diesem seit nun zwei Jahren fortwährend neue Kriegsschauplätze angeboten, die zur Verlegung von Mannschaften und Material zwingen. Diese neuen Kriegsschauplätze werden interessanterweise stets politisch legitimiert. Das bedeutet, dass der Gegner zuvor die Reaktion sozusagen provoziert hatte.
Die Front bei Woltschansk, nördlich von Charkow, wurde eröffnet, nachdem ukrainische Streitkräfte begannen, systematisch zivile Infrastruktur und Wohngebiete der nahegelegenen russischen Großstadt Belgorod mit Raketen, Artillerie und Drohnen anzugreifen (8, 9). Die militärischen Operationen in der nordukrainischen Region Sumy folgten auf die Invasion ukrainischer Einheiten in den nördlich angrenzenden russischen Gebieten rund um die Kleinstadt Sudscha (10). Im Falle beider Gebiete verkündete die russische Führung daraufhin, dass eine Pufferzone auf grenznahem ukrainischem Territorium eingerichtet würde.
Die ukrainischen Streitkräfte sehen sich inzwischen in einen permanenten Feuerwehrmodus gezwungen, bei dem sie von Bränden, die sie kaum beherrschen und die nicht halbwegs gelöscht sind, zu neuen Brandherden verlegt werden. Das lässt sich an den Fronten nördlich von Sumy und Charkow gut erkennen. Russland hat längst die strategische Überlegenheit im Konflikt errungen und eskaliert oder deeskaliert je nach Bedarf das Kampfgeschehen an diesen Fronten. Dadurch werden dauerhaft Kräfte gebunden, die so im westlichen Donbass (Slwajansk, Kramatorsk), dem strategisch für die Ukraine wertvollsten Gebiet, nicht eingesetzt werden können. Permanent wird der Gegner in diese operativen Fallen gezwungen und verschleißt ohne Erfolg seine Ressourcen (11, 12). Ressourcen, die ihm in viel geringerem Maße zur Verfügung stehen als Russland.
Stellungskrieg — Bewegungskrieg
Großangelegte Operationen, welche in die Tiefe des Raumes zielen, spielen trotzdem sehr wohl eine Rolle in der russischen Kriegsführung. Sie können und werden sich zum Beispiel im Zuge der Demilitarisierung des Gegners als notwendig erachten — warum?
Was wird geschehen, wenn der Gegner soweit geschwächt ist, dass ihm sowohl die Menschen als auch das Material ausgehen, um die Taktik des Haltens von Linien um jeden Preis weiterzuführen? Wenn er an immer größeren Frontabschnitten paralysiert wird, was mit einer Desorganisation seiner Strukturen einhergeht? Wenn militärische Gruppierungen nur noch auf dem Papier existieren, nicht aber in der Realität? Wenn massenweise Soldaten desertieren? Wenn in aller Hektik operative Rückzüge nicht einmal mehr befohlen werden, weil sie, der Not gehorchend, einfach stattfinden? Man aber trotzdem am Krieg festhält? Man also nur die zwei unausweichlichen Konsequenzen jedes bis zum Ende geführten Krieges in der eigenen Strategie kalkuliert? Die zwei Konsequenzen sind klar: Sieg oder Kapitulation. Das ist ein selbst erschaffenes Dilemma, welches die sehr wohl mögliche Alternative nicht einbeziehen darf: Das ehrliche Streben nach einer Friedenslösung, die den Sicherheitsinteressen wohlgemerkt beider Seiten gerecht wird.
Also, was wird geschehen, wenn das oben grob skizzierte tatsächlich eintritt? Dann wird sich der Stellungskrieg zu einem Bewegungskrieg wandeln. So die noch immer wohlorganisierte Verteidigung der ukrainischen NATO-Armee großräumig verloren geht, werden weitreichende Offensiven für die russische Führung zum Mittel der Wahl. Aber nicht im Sinne einer territorialen Eroberung, sondern um den Kontakt zum Gegner zu halten. Was dessen weitere Demilitarisierung ermöglicht. Es sei denn, der politische Westen setzt sich an den Verhandlungstisch.
Alles hat jedoch seine Grenzen, auch ein möglicher Bewegungskrieg der russischen Streitkräfte. Das sollte die Kriegstreiber hierzulande aber keinesfalls entspannt in die Sessel zurückfallen lassen.
Möglichkeiten des Bewegungskrieges
Solange die Diplomatie nicht gewinnt, gewinnt der Krieg. Das gilt natürlich auch für den Ukraine-Konflikt. Bei einer diplomatischen Lösung, die den Frieden als erklärtes Ziel verinnerlicht, gibt es nur Gewinner. Das durch Krieg erreichte Ergebnis lässt zwei Gewinner nicht wirklich zu. Der Unterlegene muss sich den Forderungen des Überlegenen unterwerfen. Im Grunde verlieren aber alle, weil die eigentlichen Ursachen des Konflikts nicht aus der Welt geschaffen sind und so der Konflikt weiter schwelt.
Russland bezeichnet seine Intervention in der Ukraine als eine Sonderoperation, eine „Spezielle Militärische Operation“. Hierzulande wird diese Wortwahl als Propaganda abgetan und der russischen Führung gar unterstellt, sie würde im Kontext der Intervention in der Ukraine die Verwendung des Wortes Krieg in ihrem Land unter Strafe stellen. Dem ist natürlich nicht so, warum dann aber diese etwas sperrige Bezeichnung? Die Antwort haben Sie bereits gelesen.
Die Art und Weise dieser Intervention, die im Verhältnis zu deren Umfang nämlich eine erstaunlich niedrige Zahl ziviler Opfer und ein ebenso überschaubares Maß an zerstörter Infrastruktur aufzuweisen hat, vermittelt uns, dass es sich hier russischerseits um einen offensichtlich doch anders geführten Krieg handelt. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Ukraine eben auch ein russisches Land ist. Das ist keine russische Propaganda, es ist eine Tatsache. Schlicht und einfach deshalb, weil ein Drittel der ukrainischen Bürger ethnische Russen waren oder es noch sind und darüber hinaus Millionen Ukrainer traditionell familiäre, kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen mit Russen und Russland pflegen.
Und diese Tatsache beeinflusst ganz außerordentlich die Entscheidungen über einen russischen Bewegungskrieg in der Ukraine. Russland spricht, was die bisher dem ukrainischen Territorium angehörenden Gebiete im Donbass wie auch jene südlich von Saporoschje betrifft, von befreiten Gebieten. Über diesen Terminus lässt sich trefflich streiten, doch lässt sich auch festhalten, dass es dort keinen Aufstand gibt. Nicht einmal ansatzweise lässt sich eine Rebellion der Bevölkerung erkennen. Auch gibt es keinerlei ernstzunehmenden Hinweise, dass ein solcher Aufstand durch eine russische Besatzungsmacht mit eiserner Knute unterdrückt würde. Die russische Hoheit wird sicher nicht von allen Menschen dort aktiv unterstützt, aber sie wird in ihrer überwältigenden Mehrheit zumindest akzeptiert. Es sieht ganz so aus, als ob Russland in diesen Gebieten mehrheitlich gar nicht als Eroberer wahrgenommen wird. Das kann kaum verwundern, da ja gerade diese Gebiete traditionell mehrheitlich von ethnischen Russen bewohnt werden.
Grundsätzlich aber hatte ein Eroberungskrieg in der Ukraine, der einer vollständigen Besetzung und Zerschlagung der Ukraine als Staatswesen gleichkommt, für Russland nie Sinn, und das aus mehreren Gründen, die sich leicht zusammenfassen lassen:
Ein Eroberungskrieg wäre maximal ein operativer Erfolg gewesen. Aber mitnichten wäre man damit auch nur einem der strategischen Ziele näher gekommen. Es wäre ein verlustreicher Krieg gewesen. Die russischen Truppen wären vor allem in der Westukraine als Besatzer wahrgenommen und entsprechend bekämpft worden. Vor allem aber wäre das militärische Potenzial der NATO, ohne die es den Krieg in der Ukraine gar nicht gäbe, kaum angetastet worden. Das hätte die Sicherheitsinteressen Russlands geradezu konterkariert.
Ein Bewegungskrieg beschleunigt die Prozesse. Er kann aber auch fehlschlagen. Oder er kommt an ein Ende, an dem dessen Vorteile sich in Nachteile umkehren. Die russische Intervention begann mit einem Bewegungskrieg. Dieser war erfolgreich. Schon in den ersten Tagen überranten die russischen Einheiten große Gebiete der ukrainischen Oblaste Saporoschje und Cherson. Die Wasserversorgung der Krim mit dem Wasser des Dnjepr wurde wiederhergestellt, Truppen vor Kiew übten politischen Druck auf die Kiewer Regierung aus.
Die Entscheidung für das Ende des Bewegungskrieges fiel, als die Führung Russlands ab Mai 2022 erkannte, dass ein schneller Sieg über das Kiewer Regime nicht zu einem Sieg über den Westen und zur Erschöpfung seines militärischen Potenzials führen würde. Der Bewegungskrieg russischer Truppen in den ersten Wochen der Intervention zielte schließlich auf einen Effekt, der bereits einmal erfolgreich umgesetzt worden war. Und das war im August 2008, als die georgische Führung einen Krieg gegen die russische Minderheit im eigenen Land lostrat. Fünf Tage nach der Intervention russischer Truppen in Georgien war der Spuk beendet, der Krieg vorbei. Und was geschah? Die russischen Einheiten zogen sich umgehend aus Georgien zurück (13). So viel zu den angeblich imperialen Gelüsten Russlands.
Grenzen des Bewegungskrieges
Das, was in Georgien funktionierte, schlug in der Ukraine fehl. Das politische Signal, das man mit dem Einmarsch russischer Truppen bis vor die Tore Kiews ausgesendet hatte, wurde in Kiew wie auch im NATO-Bündnis sehr wohl verstanden. Umgehend begannen Friedensverhandlungen, so wie in Georgien 14 Jahre zuvor. Aber erstens hatte die Ukraine, im Gegensatz zu Georgien, eine ungleich höhere strategische Bedeutung für das NATO-Bündnis. Und zweitens war die NATO längst im Land präsent und das Regime in Kiew seit dem Maidan 2014 vollständig in den Händen des politischen Westens. Von dort aus wurden die Verhandlungen aktiv sabotiert und schließlich abgewürgt.
Auch wenn Russland seine Truppen zuvor als Geste guten Willens freiwillig aus den Gebieten nördlich und nordöstlich Kiews abgezogen hatte, hätte es das nun so oder so tun müssen. Denn: Russland wollte in der Ukraine nie einen Eroberungskrieg führen und tat es auch nicht. Das Erreichen seiner politischen Ziele mit solch einem militärischen Coup hatte sich jedoch als Fehlkalkulation herausgestellt. Dieser Fehler musste korrigiert werden und das tat Russland auch.
Vor allem war Russland gezwungen, zu akzeptieren, dass es nicht nur einen Krieg gegen die ukrainische Streitkräfte, die von der NATO unterstützt wurde, führte. Nein, dieser Krieg stellte sich als offene militärische Konfrontation mit der NATO selbst heraus, in der die Ukraine „lediglich“ das Schlachtfeld, sowie Menschen und Material stellte.
Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass ein Bewegungskrieg Russlands in der Ukraine nicht die Kardinallösung sein konnte. Spätestens dort, wo in der ukrainischen Bevölkerung der Russenhass grassiert, würde er zum Eigentor geraten. Genauso klar war, dass es auch keinen Joker gab, der die alternative Lösung aus der Tasche zaubern würde.
Alternativen zum Bewegungskrieg
Einfache Lösungen erweisen sich in einer komplexen Welt selten als gute, dauerhafte Lösungen. Der Ansatz Russlands, seine strategischen Ziele im Ukraine-Konflikt zu erreichen, würde damit nunmehr deutlich vielschichtiger werden. Es untersuchte und reformierte seine militärischen Strukturen, sein taktisches und operatives Vorgehen auf dem Gefechtsfeld. Es modernisierte umgehend und in erstaunlichem Maße seine konventionellen Waffensysteme und fuhr die Produktion dramatisch hoch. Man lernte vom Gegner und übertraf ihn bald, wofür der Einsatz von Drohnen ein gutes Beispiel darstellt. Aus dem Bewegungskrieg wurde ein Zermürbungskrieg (siehe auch weiter oben), der eigene Ressourcen schonen und gegnerische maximal schädigen sollte.
Es begann ein dosierter russischer Krieg gegen kritische Infrastruktur der Ukraine. Infrastruktur, die den militärisch-industriellen Komplex überhaupt erst funktionieren lässt. Dazu gehören Verkehrsinfrastruktur genauso wie der Energiesektor. Infrastruktur die zivil, aber eben auch militärisch genutzt wird. Was uns die Systemmedien permanent verschweigen (14). Ohne Energie können keine Waffen und Munition entwickelt, produziert und transportiert werden. Die Ukraine ist eben ethnisch auch ein russisches Land. In dem genug Menschen bereit sind, wertvolle Informationen über Militärtechnik, Ausbildungslager, Truppenkonzentrationen und -bewegungen usw. nach Russland weiterzugeben. Der Fokus zielt darauf, dass die Ressourcen, welche die Ukraine aktiviert, beziehungsweise, die ihr von den NATO-Staaten geliefert werden, erst gar nicht die Front erreichen. Auch das ist Demilitarisierung.
Und so wie durch diese immer weiter perfektionierte Konzeption Russlands das militärische Potenzial der Ukraine geschwächt wurde, erhöhte der NATO-Westen den Einsatz. Inzwischen wird eben auch die NATO demilitarisiert — bisher auf ukrainischem Boden. Aber dem Autor scheint, dass in einigen Regierungen von NATO und EU der gesunde Menschenverstand zunehmend den Bach hinunterläuft. Wir dürfen da einen kleinen, feinen Unterschied berücksichtigen:
Der Krieg in der Ukraine ist ein offener Krieg der NATO gegen Russland. Aber er ist kein offizieller Krieg. Dieser kleine, feine Unterschied ist es jedoch, der das wertewestliche Europa bisher davor bewahrt, zu einem Angriffsziel Russlands zu werden. Und wir können uns sicher sein, dass Russland diesen Krieg nicht als Bewegungskrieg praktizieren wird.
In Brüssel, vor allem aber in London setzt man darauf, aus dem offenen Russland-Feldzug auch einen offiziellen zu machen. Dabei ist man in völliger Unkenntnis über die eigenen Potenziale einerseits und die Möglichkeiten Russlands andererseits. Die Hybris des immer noch kolonial tickenden sogenannten Wertewestens schlägt ihn mit Blindheit.
Russland wird keinen NATO-Staat unterwerfen. Wozu auch? Wozu Gebiete besetzen, die erstens so arm an natürlichen Ressourcen für eine funktionierende entwickelte Industrie und Landwirtschaft sind, wie Russland sie im Übermaß zur Verfügung stehen? Wozu überbordende Kosten für eine Besatzung in Kauf nehmen, bei der man einer manipulierten, russophoben Bevölkerung gegenüber steht? Die hierzulande verbreitete Angstmache vor einem angeblich drohenden Einmarsch russischer Truppen ist pure Propaganda und also Unsinn.
Das heißt aber nicht, dass es keinen Krieg geben wird. Nur wird er diesmal ganz anders geführt, als noch 1941 bis 1945. Unsere Eliten lesen und hören es, aber sie sind nicht bereit, sich damit auseinanderzusetzen. „Was will Putin“ fragen sie und die ihnen angeschlossenen Medien. Nun, Putin möchte zum Beispiel keinen Krieg mit dem Wertewesten. Weil das Russlands nichts aber auch gar nichts bringt. Doch gibt es ein Aber:
„Sollte [das NATO-]Europa plötzlich einen Krieg gegen uns beginnen, wird dieser sehr schnell enden. Das ist nicht die Ukraine. In der Ukraine gehen wir mit chirurgischer Präzision und großer Sorgfalt vor. Dies ist kein Krieg im direkten, modernen Sinne des Wortes.“ (15)
Das ist absolut unmissverständlich. Dieser Krieg wird ein asymmetrischer Krieg sein. Ein Krieg, der nicht endet, in dem „Putins Truppen“ mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor ziehen. Dieser Krieg wird kein Bewegungskrieg, kein Stellungskrieg und auch kein Zermürbungskrieg. Er wird vernichtend sein. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, welches der globalistische Tiefe Staat in Europa durch London und Brüssel betreibt. Wenn Russland sich gezwungen sieht, seine strategischen Waffen einzusetzen, wird es das tun.
Diese Waffen dienten in den vergangenen Jahren der Abschreckung im Rahmen eines strategischen Gleichgewichts. Dieses strategische Gleichgewicht gibt es so nicht mehr. Und der hybride Krieg, den man Russland vorwirft, selbst aber bis zum Exzess betreibt, ist ein Zeichen von Realitätsverweigerung, ein Zeichen für den eigenen Machtverlust. Beachten wir, dass der hybride Krieg gegen Russland sich zuerst gegen ganz andere richtet. Und das sind wir! Das ist es, was hinter dem Streben nach Kriegstauglichkeit steckt. Es ist eine schamlose Kriegsführung gegen das eigene Volk, das Schüren von Ressentiments, das Aufstacheln zum Hass.
Sich diesem Streben nach Kriegstauglichkeit zu unterwerfen oder sich ihm doch zu entziehen, ist primär die ganz persönliche Entscheidung eines Jeden von uns. Verbunden mit den mehr oder weniger unbequemen Konsequenzen, die das mit sich bringt — uns dann aber offen in den Spiegel blicken lässt.
Bitte bleiben Sie schön achtsam, liebe Leser.
Anmerkungen und Quellen
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(a1) Die Übersetzungen erfolgten unter Zuhilfenahme von DeepL.com.
(1) 29.04.2025; ARD-Tagesschau; Ukraine und Russland melden gegenseitige Angriffe; https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-angriffe-108.html
(2) 01.05.2025; Southfront; Kyiv’s Bloody Terror: Ukrainian Regime Escalates War Crimes Against Civilians; https://southfront.press/kyivs-bloody-terror-ukrainian-regime-escalates-war-crimes-against-civilians-18/
(3) 12.06.2024; Top War; The enemy believed that he had suppressed the firing positions of the Russian Armed Forces near Glubokoe, went on the attack and fell into a fire trap; https://en.topwar.ru/244240-protivnik-poschital-chto-podavil-ognevye-pozicii-vs-rf-pod-glubokim-poshel-v-ataku-i-popal-v-ognevuju-lovushku.html
(4) 30.06.2024; Reporter; Battle for Volchansk: Russian artillery destroys crossings and reserves of nationalists; https://en.topcor.ru/48782-vs-rf-otrazili-massirovannuju-ataku-vsu-v-rajone-naselennogo-punkta-glubokoe.html
(5) 07.05.2025; Southfront; In Video: Ukrainian Morning Assault In Kursk Region Ends In Losses; https://southfront.press/in-video-ukrainian-morning-assault-in-kursk-region-ends-in-losses/
(6) 28.10.2025; RT deutsch; Sergei Poletajew; So hat die Fantasie der ukrainischen Gegenoffensive ihr Ende gefunden; https://pressefreiheit.rtde.live/europa/260072-so-hat-fantasie-ukrainischen-gegenoffensive/
(7) 17.11.2025; Southfront; Artillery Punch In Zaporizhzhia: Russian Firepower Is Crushing Ukrainian Forces In Huliaipole; https://southfront.press/artillery-punch-in-zaporizhzhia-russian-firepower-is-crushing-ukrainian-forces-in-huliaipole/
(8) 30.12.2023; Welt; 24 Tote in Belgorod — Russland droht Kiew mit „Bestrafung“; https://www.welt.de/politik/ausland/article249298632/Ukraine-Krieg-24-Tote-in-Belgorod-Russland-droht-Kiew-mit-Bestrafung.html
(9) 04.06.2023; Berliner Morgenpost; Michael Backfisch; Angriffe in Russland: Krieg geht in neue, gefährliche Phase; https://www.morgenpost.de/politik/article238587845/russland-angriffe-ukraine-krieg-phase-gefahr.html
(10) 14.08.2024; ARD-Tagesschau; Wie der ukrainische Vormarsch in Russland läuft; https://www.tagesschau.de/ausland/offensive-ukraine-102.html
(11) 13.06.2024; Southfront; Russian Military Grinding Down Kiev’s Reserves In Battle For Volchansk; https://southfront.press/russian-military-grinding-down-kiev-reserves/; in englisch
(12) 17.06.2024; Reporter; Sergey Marzhetsky; Why should we expect the Russian Armed Forces to take decisive action near Kharkov?; https://en.topcor.ru/48580-pochemu-stoit-ozhidat-perehoda-vs-rf-k-reshitelnym-dejstvijam-pod-harkovom.html; in englisch
(13) 01.08.2023; Bundeszentrale für politische Bildung; Der Kaukasuskrieg 2008; https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/523728/der-kaukasuskrieg-2008/
(14) 10.01.2026; ARD-Tagesschau; Kiew ohne Strom, Heizung und Wasser; https://www.tagesschau.de/ausland/europa/strom-heizung-kiew-100.html
(15) 04.12.2025; Merkur, dpa, TaSS, Fox; Marcus Giebel; Explosive Putin-Drohung beim Trump-Gesandten-Treffen: „Wenn Europa Krieg will, sind wir bereit“; https://www.merkur.de/politik/explosive-putin-drohung-beim-trump-gesandten-treffen-wenn-europa-krieg-will-sind-wir-bereit-94066917.html
(Titelbild) Apokalypse, Zerstörung, Krieg; Autor: hucky (Pixabay); 23.06.2014; https://pixabay.com/de/photos/apokalyptische-krieg-gefahr-374208/; Lizenz: Pixabay License