Nachdenkzettel

Ein weiterer, aber entspannter Appell, sich aus der Opferrolle zu befreien.


Das Schweigen der Lämmer (nach Rainer Mausfeld) ist eines der gefühlten Machtlosigkeit, des fehlenden Mutes zur Selbstermächtigung. Mehr noch ist es ein regelrechter Kniefall vor der Macht. Dahinter steckt unser Opportunismus, der den Herrschenden die aktive Rolle überlässt, ja, sie ihnen bequemerweise zuschiebt. Es liegt an jedem Einzelnen – und eben nicht an denen “da oben” – aktiv für das einzustehen, was ihm lieb und wertvoll ist. Sich selbst in ruhiger Minute ein paar Fragen zu stellen, scheint mir dafür gut geeignet.


Erkennen wir, was und wer uns verängstigt und ergreifen dadurch die Chance, mit Mut diese Angst zu überwinden. Wagen wir etwas und dieses Wagen als Forderung aufzustellen, dürfen wir zuallererst für uns selbst legitimieren. Stecken wir im wahrsten Sinne des Wortes andere Menschen damit an. Wecken wir sie auf und zeigen wir ihnen, dass jeder von uns über unendlich viele Freiheitsgrade verfügt – auch und gerade jetzt. In diesem Sinne ist eine weitere Initiative von Ruben Schattevoy zu verstehen. Ein Angebot als Flugblatt, eines das nicht die Welt erklärt und auch keine Lösungen vorschreibt, sondern neugierige Fragen stellt.


Nachdenkzettel

Wozu ist das Leben gut, wenn nicht, um es zu leben?

Selbst unter dem aktuellen Notstandsregime gibt es keinen Grund, sich unter Zeitdruck zu setzen. Deponieren Sie diesen Zettel doch einfach an einem Platz, wo Sie ihn finden werden, wenn Sie Zeit und Muße zum Nachdenken haben.

Was treibt Sie an in Ihrem Leben? Was bedeutet Freiheit für Sie? Wie balancieren Sie für sich persönlich Freiheit und Sicherheit aus? Was bedeuten die Liebe zum Leben, zu Ihren Mitmenschen und nicht zuletzt zu sich selbst für Sie?

Rufen Sie sich in Erinnerung, was Sie in den letzten Jahren von Seiten der Politik und der Medien diesbezüglich erlebt haben? Wie tritt unsere Regierung gegenüber ihrem Volk auf? Wie treten wir gegenüber anderen Völkern auf? Wie gegenüber den nachfolgenden Generationen oder der Umwelt? Wie die Generationen und Milieus untereinander?

Verspüren Sie bei den handelnden Personen in Politik und Medien so etwas wie Authentizität? Decken sich deren Argumente und deren Handeln? Haben Sie den Eindruck, dass deren Handeln von Menschlichkeit und vom Gedanken der Solidarität beseelt ist?

Finden Sie, dass die Staatsgewalten Ihre Interessen in den letzten Jahren überwiegend gut vertreten haben? Wie viele Regierungsakte, Gesetze und Urteile fanden Ihre Zustimmung? Fühlen Sie sich durch die Partei Ihrer Wahl gut repräsentiert? Fühlen Sie sich durch die Medien gut und umfassend informiert?

Wundern Sie sich nicht auch, dass wir trotz eines gigantischen Produktivitätszuwachses immer noch mit beschämender Armut zu kämpfen haben und immer noch so viel schuften müssen, dass kaum Zeit zum Müßiggang, zum Nachdenken oder zur Solidarität bleibt? Dient all das wirklich einem guten, gelingenden Leben?

Sind wir als Gesellschaft überhaupt auf einem Weg in diese Richtung? Treiben uns die Grauen Herren (m/w/d) in ihrer Kaltherzigkeit nicht eher auf den Abgrund zu, der bedingt durch die Grenzen des Wachstums schon lange erkennbar vor uns liegt?

Geht es den Grauen Herren wirklich um uns? Kommt es Ihnen nicht auch merkwürdig vor, dass ausgerechnet diese Grauen Herren im Zeichen der aktuellen Krise auf Solidarität pochen, uns dabei aber auseinandertreiben, uns dessen zu berauben trachten, was unser Leben lebenswert macht? Liegt das vielleicht daran, dass diese Grauen Herren all das nicht verspüren können und es uns insgeheim neiden? Wollen die Grauen Herren vielleicht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit für sich?

Haben die Grauen Herren, die uns unsere Grundrechte derzeit leider nicht »gewähren« können, in den letzten Jahren überhaupt nicht erst den Boden dafür bereitet, dass nun ein mehr oder weniger normales Naturereignis zu einem krisenhaften Geschehen führen konnte?

Findet derzeit eine angemessene und nachvollziehbare Abwägung der verschiedenen Rechtsgüter statt? Sind die Maßnahmen wirksam, verhältnismäßig und so milde wie möglich? Ist transparent, was die Maßnahmen konkret ausgelöst hat, welches konkrete Ziel die Maßnahmen haben und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit die Maßnahmen wieder zurückgenommen werden? Wird genug dafür getan, den Notstand schnellstmöglich zu beenden, eine aussagekräftige Faktenlage herbeizuführen, Meinungspluralismus zu fördern oder Transparenz in der Entscheidungsfindung zu gewährleisten?

Seit der Zeit der Aufklärung haben wir das Verständnis, dass der Mensch vernunftbegabt und frei sei und im Staat alle Macht vom Volk ausgeht. Unter größten Opfern haben wir lernen müssen, dass Macht ein zweischneidiges Schwert ist. Einerseits hilft konzentrierte Macht, unser kollektives Handeln auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Anderseits liegt jeder Macht die Tendenz inne, sich zu verselbständigen und über den Souverän zu erheben.

Um die Macht einzuhegen, hat sich der Souverän eine Verfassung gegeben, die Ausübung der Staatsmacht an die Staatsgewalten abgegeben und eine Gewaltenteilung festgeschrieben. Die in der Verfassung festgeschriebenen Grundrechte und die doppelte Gewaltenteilung sollen nicht nur den Souverän vor einer rasenden Staatsgewalt, sondern auch Minderheiten und Individuen vor einer panischen und aufgehetzten Mehrheit schützen.

Haben wir noch ein Notstandsregime oder schon eine Verfassungskrise? Besteht die verfassungsmäßige Ordnung noch oder fand hinter der demokratischen Fassade bereits ein Staatsstreich statt? Wie, wenn nicht so, sollte sich ein totalitärer Staatsstreich in einer maroden demokratischen Grundordnung in einer vom Neoliberalismus zersetzten Gesellschaft wohl vollziehen?

Welche Partei könnte man wählen, wenn man den Staat künftig in einer Verfassung sehen möchte, in der die Macht wieder wirkungsvoll eingehegt ist? Welche Partei könnte man wählen, wenn man wollte, dass die aktuellen Geschehnisse durch ein souveränes Tribunal aufgearbeitet werden?

Wie wird das »Neue Normal« aussehen? Werden wir uns an technologische Surrogate für zwischenmenschliche Beziehungen gewöhnen müssen? Wird die nächste Generation in sozialer Isolation aufwachsen und ihr Gehirn in dieser künstlichen Umwelt ausbilden müssen?

Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Orwellschen Wertepolitiker und Wertemedien immer gewarnt haben. Trauen Sie sich doch mal auf die Seiten der alternativen Medien. Den Weg dorthin weisen Ihnen die Faktenchecker dieser Welt. Selberdenken ist natürlich immer und überall angesagt. Aber: Erst mit dem zweiten Auge sieht man räumlich.

Eine gute Möglichkeit, sich auszudrücken, ist die Teilnahme an den Grundgesetzdemonstrationen. Dort treffen sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die die Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (m/w/d) eint. Neben dem, dass man auf diesen Demonstrationen für die Ideale der Aufklärung eintritt, trifft man dort eigentlich immer auch interessante Menschen, die man sonst kaum je getroffen hätte, kommt mit ihnen ins Gespräch und lernt, dass man gar nicht so alleine ist, wie einem das immer wieder von den Grauen Herren eingeredet wird.

Zum Abschluss ein Vorschlag: Wie definieren Sie Ihre persönliche rote Linie, bei deren Überschreitung Sie sich auf die Seite des Protests schlagen würden? Wie hätten Sie Ihre rote Linie zum Jahreswechsel beschrieben? Notieren Sie sich doch Ihre heutige rote Linie und machen dann in ein paar Wochen einen Realitätsabgleich.

Leben ist nicht aseptisch! Lassen Sie sich vom Leben überraschen!

Leben ist das wichtigste! Genießen Sie es!

Leben Sie gesund!


Danke, Ruben!

Das Flugblatt liegt hier als PDF zum Ausdrucken vor:

Ein weiterer Leser hat das Flugblatt dankenswerterweise grafisch und farblich “veredelt”. Diese Version ist im Druck natürlich aufwändiger:

Vielleicht mag die Botschaft des Flugblatts zudem auch einigen der treuen, wie geschätzten Leser dieses Blogs helfen, aus dem Gefühl der Mut- und Machtlosigkeit herauszufinden.

Alle Flugblätter sind mit “Flugblatt” getagt und dort als PDF herunterladbar.

Bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen – insbesondere der deutlich sichtbaren Verlinkung zum Blog des Autors – kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei internen Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden. Letzte Bearbeitung: 12. Juni 2020.

(Titelbild) Frau, See, Nachdenken; Gerd Altmann (Pixabay); 14.11.2016; https://pixabay.com/de/illustrations/sonnenuntergang-frau-silhouette-1815991/; Lizenz: Pixabay License

Aufrufe: 2278