Ein Plädoyer für die ARD-Tagesschau?

Warum nicht? Hinter der Fassade der ARD finden sich heterogene Kollektive von Menschen aus Fleisch und Blut, die subjektiven Handlungszwängen unterliegen – wie Sie und ich. Diese Menschen kann man kritisieren, man kann sie aber auch – und das vergessen viele – unterstützen. Das Verteufeln fällt den meisten leicht, bedient aber doch nur Feindbilder und ist so in keiner Weise konstruktiv. Hier der Mutmacher der Tagesschau, für dessen Fortsetzung wir den Machern Mut machen sollten.  


Was mich zu diesem Artikel ursächlich trieb, ist das meistgelesene Blatt Deutschlands. Springers Flaggschiff war – wenn es um den Krieg gegen Syrien ging – immer an vorderster Front zu finden. Die Propaganda dieser „Zeitung“ ist eine Aneinanderreihung von Rufmord-Propaganda. Für das Themengebiet Syrien bezahlt man einen – auch für deutsche Verhältnisse – außergewöhnlichen Hetzer namens Julian Röpcke. (1)(2)

Röpcke hat sich inzwischen sogar im arabischen Raum einen zweifelhaften Ruf geschaffen als blindwütiger Assad-Hetzer und Kriegstreiber „der Extraklasse“. (3) Dass er sich selbst als Journalisten bezeichnet, darf man seinem überzogenen Ego anrechnen. (4)

In gewohnter Art und Weise glänzte er in dieser Woche mit einer Kritik, nein besser Maßregelung der ARD-Tagesschau (b1)

ARD zeigt in Tagesschau falsche Informationen zu Syrien

Röpckes groß aufgemachter Bericht in der Bild trieft von Lügen und Entstellungen. An dieser Stelle verzichte ich darauf, dessen wüste Propaganda zu untersuchen. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen möchten, beachten Sie die Signale Ihres Körpers, zum Beispiel den ansteigenden Blutdruck und ein schneller schlagendes Herz. Material hier im Blog mit Hunderten Quellen, welche Röpckes Lügen und Entstellungen entlarven, kann Sie unterstützen.

Nur so viel: Es ist allgemein bekannt, dass der Kampf gegen die wahhabitischen – und jihadistischen Terroristen nicht allein von der Syrischen Arabischen Armee (SAA) geführt wird. Unter ihrem Oberkommando kämpfen auch Einheiten der Hisbollah und die Republikanischen Garden, schiitische – und Stammesmilizen, russische Spezialeinheiten und Weitere. (5) Daran, dass der runter geputzte Journalist (auf den wir gleich kommen werden) nicht darauf achtete, dass sein Interview-Partner der SAA nicht direkt angehört (so er ihr sehr wohl unterstellt ist), spulte sich Röpcke (und nicht nur der, siehe unten) aufgeregt hoch und konnte gar nicht genug die „falschen Informationen“ würdigen. Man wühlte im Dreck, fand etwas und versuchte nun damit die Glaubwürdigkeit des Berichts zu unterhöhlen. 

Genau das treibt sie aber um; Röpcke und Co: Der Bericht ist glaubwürdig!

Um die Tiraden des Bild-„Journalisten“ geht es mir an dieser Stelle nicht. Was den Mann so aufgebracht hatte, war also ein Bericht des ARD-Korrespondenten Alexander Stenzel aus Syrien. Ja, seit diesem Jahr ist die ARD wieder mit (wenn auch nur einem?) Journalisten vor Ort – und steht unter Beobachtung (b2):

Ich merke an: Ja, www.info-direkt.eu ist peinlich. Jeder zeigt halt, was er kann. Schauen Sie sich am Besten selbst den Bericht der Tagesschau an:

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-343825~player_branded-true.html

Wer die ARD-Berichterstattung der letzten Jahre zum Syrien-Konflikt ertrug, mag sich verwundert die Augen reiben. Von was redet der Mann? Wir hören nichts von „Assads Truppen“ sondern von Regierungstruppen. Statt „moderater Opposition“ spricht Alexander Stenzel von „50.000 kampferprobten Jihadisten“ in der Provinz Idlib. Sie erleben die Aufweichung von Narrativen und erfahren sachlich formulierte Nachrichten – und zwar ohne jedwede Parteinahme. Das lässt aufhorchen.

Zwei Dinge sind bemerkenswert. Dass die ARD nach Jahren überhaupt einen Journalisten in das Regierungsgebiet Syriens entsendete, ist das Erste. (a1) Dass sie ihren Journalisten nach den ersten Berichten, aus Syrien, die (teils noch aus Kairo berichtend) bereits von dem Bemühen um Sachlichkeit und Verzicht auf Parteinahme geprägt waren, diesen nicht gleich wieder von dort abzog, ist das Zweite. Von Befreiung zu reden, wenn von Terroristen besetzte Gebiete durch die syrische Armee zurück erobert wurden, war damals im transatlantischen Meinungskosmos fast als Sakrileg zu betrachten. (6)(7)

Fakt ist, dass es eine Willensbildung gegeben hat, Berichterstattung und Nachrichtenerfassung im Fall Syrien zu ändern. Dass sich in dessen Ergebnis Menschen durchsetzen konnten, welche die bisherige Praxis so nicht mehr mittragen wollten, ist sehr zu begrüßen. Ja, mehr noch ist es ausdrücklich zu würdigen! Sich gegen Widerstände fest gefügter Machtstrukturen aufzulehnen und statt dessen seiner journalistischen Selbstachtung den Vorrang zu geben, sollten wir nicht bagatellisieren. 

Wie sollen Dinge besser werden, wenn wir solche Bemühungen einfach untergehen lassen? Nur weil wir einzig fokussiert sind auf die propagandistische Berichterstattung, die ohne Zweifel weiterhin stattfindet. Wie kann da Menschen Mut gemacht werden, für die es innerhalb ideologisch einseitig geprägter Kollektive extrem schwer ist, Blockaden zu durchbrechen? Wenn WIR unseren Feindbildern blind hinterherstiefeln, wird sich DORT im Ganzen auch nichts ändern.

Das Geschehen bei der meist gesehenen Nachrichten-Plattform Deutschlands ist natürlich nicht konsistent. Dass innerhalb der ARD noch eine Menge Konflikte auszutragen sind, wird kaum Jemand bezweifeln. Aber die zarten Pflänzchen, die den Versuch zeigen, aus der ideologischen Umklammerung auszubrechen, sollten wir sorgsam pflegen. Und da hilft uns auch die ARD als Feindbild nicht weiter. Die wenigen Mutigen werden verzagen, weil sie von „uns“ in Sippenhaft genommen werden. Weil die Kritiker ebenso wenig differenzieren wie die Kritisierten. 

Zu glauben, dass ab morgen die ARD vollständig objektiv und unvoreingenommen aus Deutschland und der Welt berichten wird, ist absurd. Das können wir doch nicht einmal selbst. Ja, auch hier auf diesem Blog werde ich dem Anspruch nicht durchgehend gerecht.

Die dominierende Tonlage bei der ARD ist also noch die Alte. Die Funktion als Propaganda-Sprachrohr der NATO, um neben dem militärischen Aufmarsch den geistigen Krieg gegen Russland voranzutreiben, kann man einfach nur als abstoßend betrachten. (8) Stellen Sie sich vor, in einer solchen Hybris arbeiten zu müssen. Der so schlicht klingende Hinweis, doch einfach die Konsequenzen zu ziehen, wird jedoch in der Regel niemals sich selbst gegeben. So simpel ist es eben nicht. Wenn wir selbst vor solchen Entscheidungen stehen, ist nichts mehr einfach.

Während Alexander Stenzel direkt vor Ort in Syrien ist, was ihn prägt und sein Bild von den Geschehnissen im Land verändert, sieht das bei Anna Osius ganz anders aus. Die berichtete, so wie die ARD das jahrelang getan hat, über Syrien aus Kairo und hält sich so ideologisch gespurt an die Narrative. Da werden schon mal eloquent Bombardements der syrischen Luftwaffe auf von Rebellen besetzte Gebiete östlich von Damaskus (Ghouta) als Terror gegen die Zivilbevölkerung verkauft. (9) Verschweigend, dass von dort tagelang mit Mörsern und Raketen in Gebiete der syrischen Hauptstadt und deren Umgebung geschossen wurde, was zivile Todesopfer und Verletzte zur Folge hatte. Hier läuft die Opfer-Täter-Umkehrung weiter. (10)(11)(12)

Decken wir also weiter die Lügen und Unterlassungen, die Hetze und Feindbildpflege der Leitmedien auf. Aber vielmehr noch würdigen wir jene dort journalistisch Tätigen, die genau einer solchen Kriegstreiberei ehrlichen Journalismus entgegen setzen. Auf das die Zahl der Mutigen steigt. So auch von dieser Stelle nochmals meinen Respekt und herzlichen Dank an Sie, Alexander Stenzel für Ihre Bemühungen um den Journalismus, der einem öffentlich-rechtlichen Sender wie der ARD auch eigentlich ansteht.

Bleiben Sie alle in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkungen

(a1) Man darf nicht vergessen, wen Alexander Stenzel für die Syrien-Korrespondenz ablöste; einen tief vom offiziellen Narrativ des „Volksaufstandes gegen das Assad-Regime“ geprägten und keine Zusammenarbeit mit Terroristen scheuenden Volker Schwenck.

Quellen

(1) http://blauerbote.com/2016/09/18/bild-journalist-julian-roepcke-feiert-ermordung-von-syrern/

(2) 17.6.2016; https://deutsch.rt.com/inland/38971-bildde-chef-julian-reichelt-wir/

(3) 18.1.2016; https://www.almasdarnews.com/article/russia-today-exposes-julian-roepcke-lies/

(4) 24.11.2015; http://spiegelkabinett-blog.blogspot.de/2015/11/jihadjulian-ropcke-von-bild.html

(5) https://flutterbareer.wordpress.com/2017/09/03/syrische-armee-erreicht-deir-ez-zor-und-hebt-belagerung-auf/

(6) 28.5.2017; https://www.tagesschau.de/ausland/syrien-homs-107.html

(7) 29.5.2017; https://www.tagesschau.de/ausland/aleppo-wiederaufbau-101.html

(8) 3.11.2017; http://www.tagesschau.de/ausland/syrien-is-109.html

(9) 8.11.2017; http://www.tagesschau.de/ausland/nato-treffen-109.html

(10) 4.11.2017; http://sana.sy/en/?p=117216

(11) 3.11.2017; http://sana.sy/en/?p=117171

(12) 31.10.2017; http://sana.sy/en/?p=116958

(b1) http://www.bild.de/politik/ausland/syrien-krise/tagesschau-syrien-reaktion-53767178.bild.html

(b2) Screenshot; 10.11.2017, 22:37 Uhr; Ixquick.de; Suche: Alexander Stenzel Tagesschau

(Titelbild) Lautsprecher; Autor: TimHaynes; Datum: 2016-04-17; Quelle: flickr.com_Lizenz: CreativeCommons; Bearb. d. Peds Ansichten

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