Adolf Hitler hatte als Agent seine Loyalität gegenüber der Reichswehr bewiesen — und wurde nun aktiver gefördert.
Dass Hitler für die Reichswehr über Monate hinweg Spitzeldienste erbrachte, wurde in den vergangenen Kapiteln umfassend hergeleitet. Mit Organisation der neuen Reichswehr auch in Bayern sollte sich sein Aufgabengebiet jedoch bald erweitern. Man war auf den Einzelgänger, der, wenn man ihn ließ, gern ausschweifende Monologe führte, aufmerksam geworden. Und rasch bekam Hitler Gelegenheit, dieses Talent zunehmend auszuleben. Hitler begann „aufzuklären“ — aber nicht mehr nur im Sinne des Agenten, sondern nun auch in dem eines Missionars.
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Der Weg vom ‚Aufzuklärenden‘ zum missionierenden ‚Aufklärer‘ sollte bei Hitler recht kurz ausfallen. Es gab nicht viel ‚aufzuklären‘. Sein Weltbild verfügte bereits über ein festes Fundament und verlangte lediglich noch einen gewissen Feinschliff. Was darüber hinaus der Entdeckung harrte und gefördert werden wollte, das war sein rednerisches Talent, seine suggestive Rhetorik und schließlich auch sein Machtinstinkt. Ein weitläufiges Netzwerk der Reichswehr nahm ihn dafür unter seine Fittiche. Es war schließlich die Rolle des ‚Aufklärers‘, des Propagandisten, in der Hitler im Laufe des Jahres 1919 aufgehen würde.
Das informelle Netzwerk um Karl Mayr
Das Thema Aufklärungskommandos der Reichswehr wurde bereits im vorherigen Teil 9 angerissen. Dabei fielen Namen, die wir im Kopf behalten sollten und zu denen sich nun weitere Personalien gesellen. Zu groß ist deren Bedeutung bei der Erschaffung der nationalsozialistischen Bewegung mit Adolf Hitler an der Spitze.
Leiter des Aufklärungskommandos Ib/P im Reichswehrgruppenkommando 4 (RWGrKdo 4) mit Sitz in München war Hauptmann Karl Mayr. Er sichtete Kandidaten, und bei ihm liefen die Fäden sowohl in der Ressourcen- als auch in der Nachrichtenbeschaffung und ebenso der Propagandaarbeit zusammen (1). Seiner Abteilung flossen zudem beträchtliche finanzielle Mittel zu (2). Karl Mayr war zudem Mitglied einer im Sommer 1919 gegründeten informellen Vereinigung von Reichswehroffizieren namens Eiserne Faust. Deren Mitglieder waren Anhänger eines extremen ethnisch-reinen (völkischen) Nationalismus (3). Mayrs Pressereferent war Hermann Esser, der spätere Redakteur des Völkischen Beobachter.
Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass auch Ernst Röhm Mitglied der Eisernen Faust war. In der Reichswehr fungierte er als Chef des Stabs des Stadtkommandanten von München und Offizier für die Abwehr und für politische Angelegenheiten im Stab der Münchner Reichswehr für die Brigade Epp (4). Die Brigade Epp setzte sich aus ehemaligen Freikorpskämpfern des Obersten Franz Xaver Ritter von Epp zusammen. Der ‚Bluthund‘ Gustav Noske persönlich hatte Epp die Bildung dieses Kampfverbandes angetragen, um unter anderem die Räterepublik(en) niederzuschlagen (5). Bis zum Frühjahr 1920 würde Mayr über seine Verbindungen zu Röhm diesen mit Hitler bekannt machen.
Innerhalb der Reichswehr sollte Röhm bis 1921 zum Generalstabsoffizier aufsteigen (6). In dieser Position hatte er Zugang zu Waffen, was er unter anderem dazu nutzte, geheime Waffenlager für paramilitärische Verbände anzulegen. Womit wir zum nächsten zukünftigen Mitglied der nationalsozialistischen Eliten kommen. Denn in einem Parallelressort Röhms, der Pensions- und Versorgungsabteilung der Reichswehrbefehlsstelle Bayern in München, war Max Amann tätig. Im Kriege war Amann zeitweise der direkte Vorgesetzte von Adolf Hitler gewesen. Max Amann würde später als Direktor des Zentralverlags der NSDAP mit für Hitlers politischen Aufstieg sorgen (7).
Zu diesem Kreis gesellt sich Rudolf Heß, der später zeitweilig und zumindest formell, zweitmächtigster Mann in Hitlers Regime sein würde. Nach Genesung von einer schweren Verletzung im Ersten Weltkrieg wurde Heß 1917 zum Leutnant befördert und übernahm zwischenzeitlich auch eine Kompanie im Regiment List — eben jenem Regiment, in dem Hitler seit Kriegsbeginn diente (8). 1919 war Heß im Freikorps Epp (siehe oben) an der Niederschlagung der Bairischen Räterepublik beteiligt (9). Beachten wir, dass das Freikorps anschließend in die Reichswehr, auch Übergangsheer genannt, integriert wurde. Und wir erinnern uns, dass auch Rudolf Heß Mitglied der Thule-Gesellschaft war (10).
In Mayrs informellem Netzwerk schälen sich drei Ankerpunkte heraus: die Reichswehr, die Thule-Gesellschaft und die Eiserne Faust. Die Reichswehr pflegte darüber hinaus eine enge Verbindung zur Universität München. In dieses Netzwerk wurde Hitler im Jahre 1919 integriert und aus diesem Netzwerk stammen auch seine Weggefährten in den Anfangsjahren seiner politischen Karriere.
Führen wir die bisher zusammengetragenen Personalien noch einmal auf: Karl Mayr, Ernst Röhm, Rudolf Heß und Hermann Esser. Lediglich und ausgerechnet Karl Mayr — sozusagen die Spinne im Netz — würde bald dieses Netzwerk verlassen. Dafür traten bereits zuvor weitere, für Hitlers Karriereeinstieg wichtige Personen ins Rampenlicht: Gottfried Feder, Dietrich Eckart und nicht zuletzt Erich Ludendorff.
Talenteauswahl an der Universität München
Hitler war im Mai 1919 in den Listen des RWGrKdo 4 als V-Mann erfasst worden. Als die Abteilung Ib/P von Hauptmann Karl Mayr den ersten ‚Aufklärungskurs‘ organisierte, wurde auch der V-Mann Hitler eingeladen. Der Kurs fand vom 5. bis 12. Juni 1919 in der Universität München statt. Intern wurden diese Kurse „antibolschewistische Lehrgänge“ genannt (2i). In „Mein Kampf“ bestätigt Hitler die Kursteilnahme:
„Schon wenige Wochen darauf erhielt ich den Befehl, an einem ‚Kurs‘ teilzunehmen, der für Angehörige der Wehrmacht abgehalten wurde. In ihm sollte der Soldat bestimmte Grundlagen zu staatsbürgerlichem Denken erhalten.“ (11)
Am ersten Kurs nahm auch Hermann Esser (bereits mehrfach erwähntes Mitglied der Thule-Gesellschaft und Referent Mayrs) teil. Dieser Kurs machte Eindruck. Er machte Eindruck auf Hitler, und Hitler machte Eindruck auf Andere. Einer der Redner dieses ‚Aufklärungskurses‘ war der Historiker Karl Alexander von Müller. Der 1964 verstorbene von Müller erinnerte sich später an seine erste Begegnung mit Adolf Hitler:
„Nach dem Schluss meines Vortrags und der folgenden lebhaften Erörterung stieß ich in dem sich leerenden Saal auf eine kleine Gruppe, die mich aufhielt. Sie schien festgebannt um einen Mann in ihrer Mitte, der mit einer seltsam gutturalen Stimme unaufhaltsam und mit wachsender Leidenschaft auf sie einsprach […].“ (12)
Der Historiker „sah ein bleiches, mageres Gesicht unter einer unsoldatisch hereinhängenden Haarsträhne, mit kurzgeschnittenem Schnurrbart und auffällig großen, hellblauen, fanatisch kalt glänzenden Augen“ (12i). Mayr und von Müller waren in ihrer Jugend Schulkameraden gewesen. Durch von Müller erhielt Mayr den Tipp, Hitlers Förderung voranzutreiben (13).
Ein weiterer Dozent dieses und weiterer ‚Aufklärungskurse‘ war Gottfried Feder. Feder wurde später von Hitler in „Mein Kampf“ ausführlich gewürdigt. Noch im Jahre 1924 war er fasziniert von Feders Ausführungen zum zinsbasierten Finanzsystem (14) und dessen notwendiger Veränderung, welche jener in seinem „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft“ veröffentlicht hatte (15). Die Thesen des Antisemiten Gottfried Feder vom „schaffenden Kapital“, dem ‚guten‘ Kapital auf der einen und dem zinsbasierten, dem „schlechten Leihkapital“ auf der anderen Seite fügten sich gut in Hitlers nationalsozialistisches Weltbild ein, erweiterten und verfeinerten es, gaben diesem einen intellektuellen Anstrich. Sein Antisemitismus schien faktisch bestätigt, so doch „der Jude“ im antisemitisch durchdrungenen Deutschland ganz allgemein als Wucherer und Parasit, als herausragender Repräsentant des „Börsen- und Leihkapitals“ angeprangert wurde. Hitler dazu in „Mein Kampf“:
„Als ich den ersten Vortrag Gottfried Feders über die »Brechung der Zinsknechtschaft« anhörte, wusste ich sofort, dass es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelt, die von immenser Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes werden müsste. Die scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne zugleich mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen.“ (11i)
Tatsächlich würde kaum mehr als ein halbes Jahr später im ersten Parteiprogramm der gerade gegründeten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter Punkt 11 stehen:
„Abschaffung des Arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft.“ (16)
Das wäre übrigens mit einer Zerschlagung des von England ausgegangenen Privatbankensystems gleichzusetzen gewesen, ein tatsächlich revolutionärer Akt! Als Hitler diesbezügliche Gedanken zu Papier brachte, eben 1924, war übrigens — nachdem man erfolgreich mittels einer Hyperinflation die Souveränität Deutschlands über seine Währung zerstört hatte — die „Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft“ in vollem Gange.
Infolge solcher Gedanken Hitlers aufgekommene eventuelle Befürchtungen der Vertreter von Großindustrie und Finanzkapital im In- und Ausland verflogen allerdings rasch, und das bereits, bevor Hitler an die Macht kam. Andernfalls wäre Hitler schließlich auch gar nicht erst an die Macht gekommen.
Es darf trotzdem angemerkt werden, dass Feders Thesen einen wahren Kern enthalten. So wahr, wie sich die Finanzialisierung des kapitalistischen Systems, das zunehmend auf Kapitalisierung durch Zinsen setzt, seit mehreren Jahrzehnten immer weiter beschleunigt hat. Freilich darf speziell Feders richtige Erkenntnis über die paradoxe wie zerstörerische Funktion des Zinses und vor allem Zinseszinses im Finanzsystem innerhalb des zu veröffentlichenden Informationsraumes nicht laut diskutiert werden. Schließlich war Feder ja Antisemit — das Totschlagargument schlechthin.
Gottfried Feder stand direkt in Diensten der Reichswehr-Abteilung Ib/P, für die er als Referent und Übungsleiter wirkte. Und tatsächlich pflegte auch Feder Verbindungen zur Thule-Gesellschaft (17, 18).
Die Universität München hat nicht nur das Talent des zukünftigen ‚Führers‘, sondern auch das seines zukünftigen Stellvertreters gefördert, was Hitlers Karriere ab dem Jahr 1920 erheblich beeinflussen würde. Damit kommen wir ein weiteres Mal zu dem bereits mehrfach erwähnten Rudolf Heß zurück.
Tatsächlich wird nämlich nach Auffassung des Autors der persönliche, ideologische und organisatorische Einfluss von Heß auf Hitler und die NSDAP bis heute unterschätzt. Als Heß nach dem Krieg in München wieder Fuß zu fassen suchte, fuhr er zweigleisig. Einmal nahm er eine Arbeit bei einer Firma für Innendekoration auf. Deren heute unbekannter Inhaber hatte Verbindungen zur Thule-Gesellschaft und brachte Heß mit dieser in Kontakt. Heß war fasziniert von den extrem nationalen, antisemitischen und antibolschewistischen Vorstellungen des Vereins (19).
Parallel dazu begann Heß ein Studium an der Universität München, und die nächste wichtige Personalie taucht auf: Karl Haushofer. Haushofer war zuvor ein hoher General und Theoretiker der Kaiserlichen Armee gewesen. Er war einer der Ersten, der den Begriff der Geopolitik einführte — auch wenn geopolitische Thesen bereits zuvor entwickelt worden waren (a1). Und Karl Haushofer brachte in diesem Rahmen einen weiteren Terminus ein: den vom Lebensraum. 1919 habilitierte sich Haushofer an der Universität München im Fach Geographie (20), und in seine Vorlesungen schrieb sich ein gewisser Rudolf Heß ein. Heß war von Haushofer wie auch dessen Thesen nicht weniger beeindruckt als von dem, was er bei der Thule-Gesellschaft aufnahm. Aber warum ist das so wichtig?
Wir können davon ausgehen, dass Gottfried Feder ab 1919 zum Einen sowie Karl Haushofer über und mit Rudolf Heß ab 1920 zum Anderen sich ganz beträchtlich um die Verfeinerung, ja quasi Perfektionierung von Hitlers Weltbild verdient gemacht haben. So man will, trugen sie entscheidend zum Feinschliff des propagandistischen Rohdiamanten Hitler bei.
Allein die Tatsache, dass der Buchtitel „Mein Kampf“ dem Kopf von Rudolf Heß, nicht etwa dem von Adolf Hitler, entsprang, kann als Fingerzeig gewertet werden. Heß würde Hitler 1920 mit Haushofer bekannt machen. Während Hitlers Haftzeit in der Festung Landsberg 1924 erfuhr dieser mindestens achtmal Besuch von Karl Haushofer (21). Dabei waren sowohl Haushofer als auch Feder (siehe weiter oben) in dem Sinne sicher keine lupenreinen Faschisten, aber Ideologen wie sie trugen wesentlich dazu bei, dass Leute wie Heß und Hitler sozusagen echte Nationalsozialisten werden konnten.
Die Geschichte vom ‚Bildungsoffizier‘
Beachten wir den zeitlichen Zusammenhang: Die Ambitionen der Reichswehr wurden in jenen Monaten durch die am 28. Juni 1919 erfolgte Unterzeichnung des „Friedensvertrages von Versailles“ nur noch bestärkt. Dieser Vertrag — der im Grunde kein Vertrag war, sondern eine Kapitulation besiegelte — förderte einfach zu gut die gesellschaftliche Stimmung in einem Land, das sich als Opfer sah und dies ja auch war (22). Dabei jedoch die eigene Verantwortung für das Blutvergießen im Ersten Weltkrieg beiseite schob (23, 24). Leute wie ein Adolf Hitler traten damals offene Türen ein.
Bislang haben wir Hitler als Teilnehmer, als zu Unterrichtenden, innerhalb von Propagandaveranstaltungen der Reichswehr kennengelernt.
Nach dem, was wir an dieser Stelle von Hitler wissen — auch über seine emotionalen Befindlichkeiten wissen —, hatte sich der heimgekehrte Weltkriegsgefreite auf ein ‚Geschäft‘ mit der Reichswehr eingelassen, um dort bleiben zu können. Dort, wo er eine Heimat für sich gefunden hatte. Das war das Militär. Der zu zahlende Preis, um der Demobilisierung zu entgehen, war die Ausspionierung seiner Kameraden — der beim Militär, aber auch der im politischen Umfeld. Wohlgemerkt ein Umfeld, in das er entsandt wurde (25, 26).
Doch plötzlich öffneten sich für den unscheinbaren Gefreiten, sehr wahrscheinlich sogar unverhofft, eine Menge Türen. Nachvollziehbar fürchtete Adolf Hitler jedoch bald, dass seine schmierige Tätigkeit eines Spitzels seine so überraschend gut in Fahrt gekommene Karriere gefährden könnte, falls dies allzu öffentlich geriete. Erst recht, als er von seiner Umgebung schnell auf den Sockel eines von Gott Gesandten gehoben würde.
Das ist wichtig, um zu verstehen, warum Hitler später den ‚Bildungsoffizier‘ in seine Biographie ‚einbaute‘. Die Biographie musste im Sinne der Legendenbildung gewissermaßen makellos ausfallen. Es ist sicher nicht weit hergeholt, anzunehmen, dass gerade Rudolf Heß Hitler auch in dieser Richtung beraten hat. Hitler kam dabei zugute, dass es den Begriff des Bildungsoffiziers in der Münchner Reichswehr tatsächlich gab. Nur traf er eben nicht auf Hitler zu.
Etwas anderes stellt sich dagegen heraus, nämlich dass Hitler im Sommer 1919 ein Förderprogramm durchlief. Die ‚Aufklärungskurse‘ der Reichswehr wurden gewissermaßen von Talentespähern durchgeführt. Aus den Kursen sollten Talente herausgefiltert werden, welche fähig erschienen, die empfangene Propaganda als Multiplikatoren weiterzugeben (27).
Davon liest man in „Mein Kampf“ nichts. Obwohl Hitler sich dessen ohne Zweifel bewusst war, gab er sich fälschlich selbst als ‚Bildungsoffizier‘ aus. Dabei öffnete er weniger Türen, als dass diese ihm geöffnet wurden.
Die Reichswehrführung suchte gezielt nach ‚Hitlers‘! Sie suchte nach Leuten mit antisemitischer, antikommunistischer, antidemokratischer Ausrichtung. Mehr noch suchte sie nach Demagogen. Schon an diesem Punkt lässt sich daher sagen, dass der politische Aufstieg des Adolf Hitler kein unglücklicher Zufall war.
Noch einmal zu Hitlers Rolle als V-Mann und dem ‚Bildungsoffizier‘ in „Mein Kampf“, der er nicht war (11ii). Obwohl auch der frühe Förderer und später ermordete SA-Führer Ernst Röhm den ‚Bildungsoffizier‘ im Munde führte, so ließ er doch gleichzeitig anklingen, warum Hitler das nicht war:
„Hitler war Bildungsoffizier im Stabe des Gruppenkommandos und unterstand ebenso wie Hermann Esser als Pressereferent der politischen Abteilung, die Hauptmann Mayr leitete.“ (28)
Das bedeutet nichts anderes, als dass Hitler zu jener Zeit nicht führte, sondern geführt wurde. ‚Bildungsoffizier‘ vernebelt diese Tatsache und veredelte sozusagen die Biographie „des Führers“ gerade zu Zeiten seines Karrierebeginns. Aber damit verschwand auch das für seine Vita unangenehme Thema des V-Manns, der Hitler tatsächlich gewesen war:
„Hitler wurde nicht als ‚Bildungsoffizier‘, als welchen er sich selbst ausgibt, sondern als ‚V-Mann‘ geführt. Wenn auch die Bezeichnung ‚Bildungsoffizier‘ nicht auf Offiziere beschränkt blieb, so wird doch selbst in den ersten Listen, die in Eile und unter Verzicht auf büromäßige Sorgfalt entstanden, zwischen ‚Bildungsoffizieren‘, die ausnahmslos Offiziere waren, und ‚V-Männern‘, die dem Unteroffizier- und Mannschaftsstande angehörten, unterschieden. […] Aus ‚Bildungsoffizieren‘ und ‚V-Männern‘ rekrutierten sich die Teilnehmer jener Aufklärungskurse, mit deren Vorbereitung Mayr noch im Mai 1919 begann.“ (29)
Noch einmal: Anfangs war Hitler lediglich Kursteilnehmer, nicht aber Dozent oder Redner. Vom 10. bis 19. Juli 1919 nahm Hitler auch am dritten der sechs ‚Aufklärungskurse‘ der Reichswehr teil (30). Als jedoch sein rednerisches Talent in Diskussionen zur Veranstaltung erkannt worden war, änderte sich das.
„Die Propagandaabteilung verlegte sich darauf, mit engagierten Absolventen der einzelnen Kurse engen persönlichen Kontakt zu halten und sie für Vorträge in ihren eigenen und in anderen Truppenteilen zu motivieren, sie großzügig mit Propagandamaterial für die Soldaten zu versorgen und den Aufbau und die Ausstattung von Lesezimmern zu forcieren. Insgesamt wurden so rund 70 Personen als Propagandisten durch das Gruppenkommando 4 betreut.“ (30i)
Einer der engagierten Absolventen dürfte mit Sicherheit Adolf Hitler gewesen sein, was er in seinem Buch auch bestätigt. Beim ‚Bildungsoffizier‘ allerdings flunkert er, dichtet sich eine Rolle an, die seine Biographie verklärte und den V-Mann vergessen lassen sollte. Jedenfalls durfte Hitler im August 1919 zum ersten Male ganz offiziell, nennen wir es einmal so, unterrichten:
„Zunächst sollten die aus den Kursen hervorgegangenen Propagandisten in Gruppen von rund 25 Personen als mobile ‚Aufklärungskommandos‘ eingesetzt werden. Aufgrund der Anordnung des Gruppenkommandos 4 vom 22. Juli 1919 wurde ein erster Versuch dieser Art vom 20. bis 25. August 1919 im Kriegsheimkehrerlager Lechfeld durchgeführt, das als besonders unruhig und »bolschewistisch verseucht« galt. Das Unternehmen wurde jedoch ein Fehlschlag, da sich […] nur wenige Kommando-Mitglieder als tatsächlich geeignet erwiesen (eine der Ausnahmen war Adolf Hitler, der sich als Redner hervortat) […].“ (30ii)
Von der neuen, ihm übertragenen Aufgabe war Hitler zweifellos begeistert:
„Ich begann mit aller Lust und Liebe. Bot sich mir doch jetzt mit einem Male die Gelegenheit, vor einer größeren Zuhörerschaft zu sprechen; und was ich früher immer, ohne es zu wissen, aus dem reinen Gefühl heraus einfach angenommen hatte, traf nun ein: ich konnte ‚reden‘. Auch die Stimme war schon so viel besser geworden, dass ich wenigstens in kleinen Mannschaftszimmern überall genügend verständlich blieb.“ (11iii)
Gerade die Befassung mit seiner eigenen Stimmtechnik zeigt uns, wie ernsthaft Hitler von Beginn an die neue Aufgabe wahrnahm. Aus dem Kursteilnehmer Adolf Hitler war nun der Teilnehmer eines ‚Aufklärungskommandos‘ erwachsen (31). Nach Hitlers sehr erfolgreich bewerteter Propagandatätigkeit innerhalb des „mobilen Aufklärungskommandos“ im Lager Lechfeld (siehe oben) band Hauptmann Mayr, der Chef der Propagandaabteilung (Ib/P), Hitler noch intensiver in die eigene Arbeit ein und verschaffte diesem neue Aufgabenfelder (32).
In eben jener Zeit, in der Hitler als V-Mann im Spätsommer 1919 begann, Veranstaltungen von Parteien zu besuchen, und Ambitionen zeigte, in einer dieser Parteien aktiv zu werden (siehe weiter unten), wurde er von Mayr beauftragt, für diesen schriftliche Einschätzungen zur politischen Lage zu verfassen. Aus der grauen Maus des Weltkriegsgefreiten schälte sich mit aktiver Förderung durch die Reichswehr ein begnadeter Propagandist heraus.
Doch können wir an dieser Stelle festhalten: Während die biographischen Auslassungen Hitlers in „Mein Kampf“ bis einschließlich Kriegsende durchaus authentisch wirken, trifft das für die Angaben zu seiner Reichswehr-Zeit ab dem Frühjahr 1919 nicht mehr zu.
Denn sie wussten, was sie taten
Adolf Hitler verfügte im Sommer 1919 über ein in sich geschlossenes Weltbild, eines, das aus Sicht Hitlers nicht mehr grundlegend weiterentwickelt werden musste. Hitler hatte sich dieses Weltbild als durchaus intelligenter, wissensbegieriger, doch ideologisch frühzeitig vereinnahmter junger Mann über Jahre hinweg erarbeitet. Neue Erkenntnisse nahm er in dieses Weltbild nur dann noch auf, wenn diese auch hineinpassten, sprich, zu keinen kognitiven Verwerfungen führten. Hitler lebte also in ausgeprägter Art und Weise das Prinzip des Bestätigungsfehlers (confirmation bias). In dem, was er dachte, war er ohne jeden Zweifel.
Die intensive Befassung mit dem, an was er glaubte, war überhaupt die Voraussetzung, sich so sicher und redegewandt zu artikulieren, wie er es tat. Hitler musste, was seine rhetorischen Fähigkeiten betrifft, nach 1919 nicht aufgebaut, sondern lediglich nachgeschliffen werden.
Das möchte der Autor anhand einiger Aussagen belegen, die Hitler im Frühherbst 1919 äußerte. Die erste nachgewiesenermaßen von Adolf Hitler stammende Niederschrift entstammt einer internen Korrespondenz im Reichswehr-Gruppenkommando 4 (RWGrKdo 4) und ist auf den 16. September 1919 datiert. Daraus sei repräsentativ zitiert:
„Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Progromen. Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muss führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden, die er nur zum Unterschied zwischen uns lebenden Fremden besitzt (Fremdengesetzgebung). Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.“ (33)
Hauptmann Mayr hatte Hitler, einleitend mit „Sehr verehrter Herr Hitler!“, um eine entsprechende Stellungnahme gebeten (33i). Das zeigt deutlich die veränderte Wertschätzung gegenüber dem Untergebenen (!), doch dabei längst entpuppten, ausgemachten Antisemiten. Begründet hatte Hitler sein Ziel „der Entfernung der Juden überhaupt“ folgendermaßen:
„Wenn die Gefahr, die das Judentum für unser Volk heute bildet, seinen Ausdruck findet in einer nicht wegzuleugnenden Abneigung großer Teile unseres Volkes, so ist die Ursache dieser Abneigung meist nicht zu suchen in der klaren Erkenntnis des bewusst oder unbewusst planmäßig verderblichen Wirkens der Juden als Gesamtheit auf unsere Nation, sondern sie entsteht meist durch den persönlichen Verkehr, unter dem Eindruck, den der Jude als einzelner zurücklässt und der fast stets ein ungünstiger ist.“ (33ii)
Bei der Reichswehr war man sich damals ohne wenn und aber völlig im Klaren darüber, wen man da für höhere politische Weihen ins Spiel brachte!
Die in der Reichswehr umfänglich akzeptierte Hitlersche Ausgrenzungsstrategie von gesellschaftlichen Gruppen, begründet durch deren angeblich „planmäßig verderbliches Wirken“, kommt dem Autor seltsam bekannt vor. „Verderblich“ in ihrem Wirken wurden ein Jahrhundert später zum Beispiel Menschen als ‚Coronaleugner‘ und ‚Impfgegner‘, ‚Putin-Versteher‘ und ‚Nazis‘ stigmatisiert, um sie so zur sozialen Ächtung freizugeben. Und viele, zu viele, machten und machen mit. Vom Grundsatz her ist da aber kein Unterschied zu Hitlers Betrachtung der Juden als gesellschaftlicher Gruppe feststellbar.
Im September 1919 hatte Adolf Hitler längst unmissverständlich klargestellt, dass er ein ‚Judenproblem‘ erkennt, und ebenso unmissverständlich vermittelte er, wie er das ‚Problem‘ zu lösen gedachte. Er durfte diese Gedanken nicht etwa deshalb widerspruchslos äußern, obwohl er damals noch Angehöriger der Reichswehr war, sondern gerade weil er das war. Die angeblich neutrale Reichswehr verkörperte ein Sammelbecken des radikalsten Antisemitismus, den man sich nur vorstellen kann.
Wie man eine Partei instrumentalisiert
Um auf die Überschrift zu reflektieren: Am einfachsten funktioniert das, wenn die Partei bereits als Instrument ins Leben gerufen wurde. Wenn ihre Gründung und Vernetzung von Beginn an Kontrolle und Optionen zur passenden Weiterentwicklung offen halten. Darüber hinaus lässt sich jede Organisation infiltrieren. Wir reden da nicht nur von einem Phänomen der Vergangenheit.
Die Thule-Gesellschaft hielt enge Verbindungen zu zwei jungen Parteien. Eine dieser beiden war sogar auf Initiative der Thule-Gesellschaft gegründet worden: die Deutschsozialistische Partei (DSP) (34). Bei der anderen handelte es sich um die Deutsche Arbeiterpartei (DAP).
Im September 1919 wurde Hitler — wohlgemerkt noch immer aktiv in der Vorläufigen Reichswehr dienend — politisch auch nach außen hin aktiv. Er wurde Mitglied der DAP. Am 12. September hatte er eine Versammlung der Partei besucht. Wie war er da hingekommen?
Ebenfalls im September 1919 hatte Hitler Kontakt zum Vorsitzenden einer weiteren Splitterpartei, der Deutschsozialistischen Partei (DSP), aufgenommen. Die DSP wurde damals unter anderem von Georg Grassinger geführt. Ebenfalls zu den Gründern gehörte der mit Thule vernetzte und später im nationalsozialistischen Regime aufsteigende Julius Streicher, ein fanatischer Judenhasser und Herausgeber der wöchentlich erscheinenden Hetzschrift „Der Stürmer“. Dazu kam Gregor Strasser, der später in der SA Karriere machte, bevor er wegen ideologischer Konflikte mit der NSDAP-Führung in Ungnade fiel (34i, 35).
Die Kontakte Hitlers zu beiden Parteien sind jeweils eine Geschichte wert. Beginnen wir mit der DAP — sozusagen der Keimzelle der im Folgejahr gegründeten NSDAP.
Adolf Hitler suchte nicht etwa aus eigenem Entschluss den bescheidenen Vereinsraum der DAP auf, sondern wurde als V-Mann (Verbindungsmann) von der Reichswehr dorthin entsandt (32i). Dies dürfte nicht der einzige ‚Parteibesuch‘ gewesen sein, wie die Episode seines angeblichen Eintrittsgesuchs bei der DSP, ebenfalls im September 1919 geschehen (siehe weiter unten), nahelegt. Bei der Reichswehr war man misstrauisch, wenn in politischen Organisationen Begriffe wie zum Beispiel ’sozialistisch‘ oder ‚Arbeiter‘ vorkamen. Daher sollte Hitler vorfühlen, wie es wirklich um die DAP und die DSP stand. Zumal an jenem Abend dort auch Feder, der sowohl bei Thule als für die Reichswehr tätig war (siehe weiter oben), als Redner auftrat (36).
So besuchte Hitler am 12. September 1919 im Auftrag von Hauptmann Mayr eine Versammlung der DAP (36i). Um der Partei nur wenige Tage später mit der Mitgliedsnummer 555 beizutreten. Die DAP hatte ihre Zählung bei 500 begonnen, um eine größere Mitgliederschaft vorzutäuschen (32ii). Im Januar 1919 gegründet, gehörten der DAP am 12. September tatsächlich 41 Mitglieder an (29i). Zum Vergleich: Die DSP zählte damals 350 Mitglieder (37). Die DSP war also, wenn man so will, deutlich attraktiver und wahrscheinlich auch professioneller geführt als die DAP. So Hitler mit beiden Parteien kokettierte: Mit welcher konnte er sich leichter anfreunden?
Als Hitler an jenem 12. September bei der DAP-Versammlung als Redner auftrat, polemisierte er gegen den Vortrag eines Professor Baumann (11iv). Das geschah, möglicherweise sogar geplant, im Rahmen seiner Rolle als V-Mann im Auftrage der Reichswehr. Auf das Planvolle der Angelegenheit weisen die folgenden Details.
Hauptredner bei dieser Versammlung war Gottfried Feder, der zu seinem Standardthema „Zinsknechtschaft des Geldes“ sprach. Dieser vertrat den eigentlich angekündigten Dietrich Eckart, ein weiteres Mitglied der Thule-Gesellschaft, der wegen Krankheit abgesagt hatte (38). Hitler zur Seite gestellt wurde von Hauptmann Mayr der Arzt Wilhelm Gutberlet, und auch dieser gehörte zu Thule. Gutberlet würde für Mayr einen ausführlichen Bericht zur Vorstellung Hitlers bei dieser Veranstaltung erstellen (39, 40).
Was macht das mit einem Menschen, wenn seine Rhetorik vom Publikum so offen aufgenommen wird, wenn er spürt, wie stark er damit andere Menschen in seinen Bann ziehen kann? Für einen Adolf Hitler muss der Besuch der Parteisitzung der DAP einer Offenbarung gleichgekommen sein, als ihm gewahr wurde, wie seine Zuschauer ihm an Augen und Ohren hingen. Schließlich war sein offizieller Auftrag als V-Mann der eines Beobachters, nicht der eines Agitators. Doch mischte er sich in die parteiinterne Diskussion ein, wovon der damalige Parteivorsitzende Anton Drexler nicht etwa frustriert, sondern tief beeindruckt war. So beeindruckt, dass er Hitler umgehend darum bat, in die DAP einzutreten (41).
Damit kommen wir zum offenbar früher stattgefundenen Kontakt Hitlers mit der Deutschsozialistischen Partei (DSP). Dazu gibt es eine Erzählung Georg Grassingers, des Mitbegründers und Vorsitzenden dieser Partei:
„Etwa im September erschien im Büro des Verlages bei Grassinger Adolf Hitler und erbot sich, an der Zeitung und der Deutsch-Sozialistischen Partei mitzuarbeiten. Er war mittellos und hat sich von Herrn Grassinger Geld geliehen. Man hatte in der Zeitung aber keine Verwendung für ihn; in der Partei wollte man ihn ebenfalls nicht haben.“ (34ii)
Beim Verlag handelte es sich um den Eigentümer des Münchner Beobachter (später Völkischer Beobachter), die Franz Eher Nachfolger GmbH. Dort als Redakteur arbeitete einer der Gründer der Thule-Gesellschaft, der Journalist Karl Harrer (42). Karl Harrer wiederum war es gewesen, der am 5. Januar 1919 gemeinsam mit dem Eisenbahnschlosser Anton Drexler, Gottfried Feder und Dietrich Eckart die Deutsche Arbeiterpartei, die bereits oben thematisierte DAP, gegründet hatte.
Der Verlag Franz Eher würde später auch „Mein Kampf“ herausgeben. Aber wurde Hitler tatsächlich bei der DSP als Bittsteller abgewiesen und bei der DAP mit offenen Armen empfangen?
Spätestens im Sommer 1919 wurde sich Adolf Hitler seiner rhetorischen Gaben bewusst. Aber verfügte er auch schon über den später so ausgeprägten Machtwillen, als er sich entschied, der DAP beizutreten? Einmal ganz abgesehen davon, dass sein Mentor, Hauptmann Mayr, ihn dazu bewegte. Unabhängig davon, ob Grassingers Erzählung zu Hitler tatsächlich der Wahrheit entspricht (34iii, 43), hätte Hitler bei der DSP einen deutlich schwereren Stand gehabt, wenn es darum gegangen wäre, Macht auszuüben. Denn dort wäre er auf Julius Streicher getroffen — ein gleichwertiger Demagoge, der sich durch ein erprobtes, starkes Ego auszeichnete.
Es bleiben Fragezeichen. Denn Hitler hatte im Jahre 1919 sehr wahrscheinlich noch gar nicht dieses Machtbewusstsein bei sich entdeckt und gelebt — eher das des Sendboten der „reinen Lehre“. Er entdeckte sich als Propagandist.
Innig verbunden: Das Kaiserreich und die nationalsozialistische Bewegung
Es ist also höchst zweifelhaft, dass Hitler bis einschließlich Herbst 1919 mit dem Charisma „des Führers“ aufgetreten wäre. In „Mein Kampf“ möchte er den Eindruck erwecken, es wäre seine, und nur seine Entscheidung gewesen, der DAP beizutreten (11v), aber dem ist nicht so, und das lässt sich recht simpel begründen.
War er doch nach wie vor als Angehöriger der Reichswehr seinen Vorgesetzten gegenüber zu Gehorsam verpflichtet. Seine in Gang kommenden politischen Tätigkeiten mussten samt und sonders von Hauptmann Mayr und übergeordneten Instanzen der Reichswehr genehmigt, wenn nicht gar angewiesen werden. Dafür bekam Hitler einen — wenn auch kargen — Sold. Hitler hatte befehlsmäßig eine definierte Rolle in einem sorgfältig geknüpften Netzwerk übertragen bekommen, die hatte er auszufüllen. Der Wechsel seiner Rolle vom Informanten hin zum politischen Agitator verlief höchst geschmeidig. Erkämpfen musste er sich die neue Rolle nicht.
„Er [Hitler] hatte seine Beobachtungen [zur DAP] schon an Hauptmann Mayr übermittelt, der sie an eine Gruppe hoher Offiziere und Finanziers weiterleitete, die sich einmal wöchentlich im Hotel «Vier Jahreszeiten» trafen, um über die Voraussetzungen für eine Wiedererrichtung der deutschen Militärmacht zu diskutieren. Dieser Kreis war zu dem Schluss gekommen, das könne nur mit Unterstützung der Arbeiterschaft erreicht werden.“ (44)
Damit bekam der Name Deutsche Arbeiterpartei einen Wert als Honigtopf für zu verführende Arbeiter und gleichzeitiger Fassade zur Verhüllung gewaltsamer Umsturzpläne. Wir erinnern uns, dass das Hotel Vier Jahreszeiten praktisch Sitz der extrem nationalistischen, antisemitischen, faschistoiden Thule-Gesellschaft war.
Der Faschismus wurde nun einmal nicht erst von Hitler erfunden. Hitler würde allerdings zu dessem Repräsentanten gekürt werden. Und wir wissen bereits, dass eine Reihe von Thule-Mitgliedern beziehungsweise Sympathisanten aus dem Offizierskorps der Reichswehr (respektive der Kaiserlichen Armee) stammte.
„Die kleine Deutsche Arbeiterpartei konnte dafür als Werkzeug benutzt werden. So erschien eines Tages General Ludendorff höchstpersönlich in Mayrs Büro und ersuchte darum, Hitler in diese Partei eintreten und sie aufbauen zu lassen.“ (44i)
Diese Episode ist von allergrößter Bedeutung. Denn, wie ebenfalls bereits früher ausgeführt, stand Erich Ludendorff gemeinsam mit Paul von Hindenburg seit 1916 an der Spitze der militärischen und politischen Machtpyramide im deutschen Kaiserreich (44ii, 45). Und jener General würde am 9. November 1923 gemeinsam mit Hitler einen Putsch gegen die deutsche Republik anzetteln (46). Die von Beginn an bestehende unheilige Liaison von Nationalsozialisten und Militärs konnte kaum besser zum Ausdruck gebracht werden.
So man Strukturen der Gegenwart als Begrifflichkeit auf das Jahr 1919 übertragen möchte, war Ludendorff ein exponierter Vertreter des damaligen Tiefen Staates in Deutschland. Über den Sichtungsprozess innerhalb der ‚Aufklärungskurse‘ (siehe weiter oben), die von einem einflussreichen Netzwerk der Reichswehr administriert wurden, gelangte Hitler in bemerkenswert kurzer Zeit in das Sichtfeld der Machtspitzen.
Hitler beschrieb in „Mein Kampf“ blumig seinen inneren Kampf, ob er in die DAP eintreten wollte oder nicht. Das ist sehr leicht als Prosa entlarvbar. Denn er hatte das gar nicht zu entscheiden. Es wurde ihm befohlen. Hitler war in jener Zeit zwar als Redner aufgefallen. Aber deshalb war er noch lange kein Führer und erst recht nicht „der Führer“. Er war ein gehorsamer Soldat, und das nicht nur formell, sondern auch in seinem Wesen.
„Es war Angehörigen der neuen Reichswehr nicht gestattet, in politischen Parteien mitzuarbeiten, doch um Ludendorff zufriedenzustellen, dessen Wünsche im Heer noch immer respektiert wurden, befahl Mayr dem Gefreiten Hitler, der Arbeiterpartei beizutreten und ihre Entwicklung festigen zu helfen. Zu diesem Zweck wurde ihm zunächst ein wöchentlicher Betrag an Inflationsgeld zur Verfügung gestellt, der dem Wert von 20 Goldmark entsprach.“ (44iii)
Ernst Deuerlein hat es auf den Punkt gebracht:
„Nicht Hitler kam zur Politik — die Politik kam zu Hitler.“ (12ii)
Herbst 1919 — Zwischenfazit
Die Reichswehr war die Brutstätte und machtpolitischer Hintergrund für die nationalsozialistische Bewegung. Sie wurde es erst recht, als Parteien wie die DAP und ihr Nachfolger, die NSDAP, systematisch aufgebaut sowie in ihren Führern die Sehnsucht nach Größerem entfacht worden war. Wobei ja gerade die DAP als Kind von Reichswehr und Thule-Gesellschaft einzuordnen ist.
Das Offizierskorps der Reichswehr konstituierte sich gleichzeitig als eine quasi informelle Vereinigung, ein politisch-ideologisches Netzwerk. Dieses Netzwerk ebnete Wege und half später bei der finanziellen Ausstattung der nationalsozialistischen Bewegung. Ernst Röhm — dem Reichswehr-Offizier und späteren SA-Führer — kam eine Schlüsselrolle zu:
„Hitler wurde sofort in den Parteivorstand [der DAP] berufen und später zum Propagandaleiter der Partei ernannt. In den folgenden Wochen holte Hitler mehrere Angehörige seiner Armee in die Partei, darunter einen seiner kommandierenden Offiziere, Hauptmann Ernst Röhm. Die Ankunft von Röhm war eine wichtige Entwicklung, da er Zugang zum politischen Fonds des Heeres besaß und in der Lage war, einen Teil der Gelder an die DAP zu überweisen.“ (40i)
Es sollte deutlich geworden sein, dass sich hier mitnichten „der Führer“ gleich einem einsamen Wolf nach oben gekämpft hatte. Hier griff ein Rädchen ins andere. Das System, das vor allem durch eine konservative, antidemokratische, antikommunistische sowie rassistische und antisemitische Denkweise zusammengehalten wurde, „gebar den Führer“. Es hegte und pflegte ihn, weil dieser perfekt deren Ansprüche als Demagoge nach außen hin abbildete. Er war ihr Werkzeug — nur das ihre?
Fortsetzung folgt.
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Anmerkungen und Quellen
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(Allgemein) Die Artikelreihe „Hitlers Kampf und sein Weg zur Macht“ fußt auf der vor Jahren veröffentlichten Reihe „Lesungen aus einem verbotenen Buch“. Die ursprünglichen Texte, bestehend aus acht Artikeln, wurden umfassend überarbeitet; sowohl inhaltlich als auch redaktionell. Außerdem fanden sie ihre Fortsetzung in weiteren Artikeln, die letztlich in eine Buchedition (online) münden sollen.
(a1) Geopolitik, so wie Haushofer den Begriff verstanden wissen wollte, ist eine Beschreibung von Politik im Abhängigkeit von geographischen Räumen, in denen Gesellschaften zwischeneinander und im Innern interagieren. So verstandene geopolitische Ideen wurden allerdings schon zuvor durch zum Beispiel britische Politiker und Theoretiker wie Halford Mackinder (Stichwort Herzland-Theorie) entwickelt.
(1) Deutsche Biographie; Franz Menges; Mayr, Karl; https://www.deutsche-biographie.de/gnd129409979.html#ndbcontent; abgerufen: 11.02.2026; aus: Neue Deutsche Biographie 16, 1990
(2, 2i) 10.03.2015; Historisches Lexikon Bayerns; Othmar Plöckinger; Aufklärungskommando und Propaganda der Reichswehr in Bayern; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Aufkl%C3%A4rungskommando_und_Propaganda_der_Reichswehr_in_Bayern
(3) 11.05.2006 (16.08.2024); Historisches Lexikon Bayerns; Christoph Hübner; Eiserne Faust, 1919-1934; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Eiserne_Faust,_1919-1934
(4) 20.02.2018 (19.12.2018); ati; Gina Dimuro; Why Anton Drexler Was More Responsible For The Nazi Party Than Adolf Hitler; https://allthatsinteresting.com/anton-drexler
(5) 16.01.2025; nsdoku.lexikon; Joachim Schröder; Franz Xaver Ritter von Epp (16.10.1868 München – 31.1.1947 München); https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/epp-franz-ritter-von-193
(6) 14.09.2025; LeMO; Ernst Röhm 1887-1934; https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-roehm
(7) 01.10.2022; Deutsche Biographie; Paul Hoser; Amann, Max; https://www.deutsche-biographie.de/dbo003217.html#dbocontent
(8) 19.01.2025; Traces Of War; Wesley Dankers; Rudolf Hess; https://www.tracesofwar.com/articles/4503/Rudolf-Hess.htm
(9) Was War Wann?; Rudolf Heß Lebenslauf; https://www.was-war-wann.de/personen/rudolf-hess.html; abgerufen: 11.02.2026
(10) 08.08.2025; NS-Dokumentationszentrum München; Sabine Schalm; Thule-Gesellschaft; https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/thule-gesellschaft-835
(11 bis 11v) 1925; Mein Kampf, Erster Band — Eine Abrechnung; Adolf Hitler; Zwei Bände in einem Band; ungekürzte Ausgabe; Zentralverlag der NSDAP., Frz. Eher Nachf., G.m.b.H., München; 851. bis 855. Auflage 1943; S. 227, 232/233, 235, 238 bis 240
(12 bis 12ii) 1969; Ernst Deuerlein; Hitler, Eine politische Biographie; Paul List Verlag; S. 40 bis 44; https://ulis-buecherecke.ch/pdf_der_krieg/hitlers_financiers.pdf
(13) 1959; Rudolf von Albertini, Ernst Deuerlein und weitere; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr; IfZ München, Vierteljahreshefte; https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_2_4_deuerlein.pdf; S. 182
(14) 1919; BayHStA /Abt.IV, RWGrKdo 4; Nr. 326; Feder; Finanzfragen; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/f/fd/Artikel_44412_bilder_value_2_aufklaerungskommando2.pdf
(15) 1919; Gottfried Feder; Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes; Verlag Jos. C. Huber, Diessen vor München; https://dn721808.ca.archive.org/0/items/gottfriedfederdasmanifestzurbrechungderzinsknechtschaftdesgeldes191962s.text/Gottfried%20Feder%20-%20Das%20Manifest%20zur%20Brechung%20der%20Zinsknechtschaft%20des%20Geldes%20%281919%2C%2062%20S.%2C%20Text%29.pdf
(16) Deutsche Friedensgesellschaft, Darmstadt; 25-Punkte-Programm der NSDAP; https://dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/NSDAP_25_Punkte_Programm.pdf; übernommen von: https://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25/index.html (Quelle nicht mehr erreichbar); siehe auch: http://www.kurt-bauer-geschichte.at/PDF_Lehrveranstaltung%202008_2009/04_25-Punkte-Programm.pdf
(17) 1989; Albrecht Tyrell; Gottfried Feder — Der gescheiterte Programmatiker. In: Ronald Smelser, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die braune Elite. 22 biographische Skizzen; WBG, Darmstadt; S. 32 bis 34.; sowie: 1978; Peter D. Stachura; The Shaping of the Nazi State; S. 81.
(18) 29.07.2022; LeMO; Daniel Wosnitzka; Die Thule-Gesellschaft; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/antisemitismus/thule-gesellschaft.html
(19) 26.02.2024; Jüdische Allgemeine; Julian Reitzenstein; Rudolf Heß, die Schlüsselfigur der NSDAP; https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/rudolf-hess-die-schluesselfigur-der-nsdap/
(20) 1969; Neue Deutsche Biographie 8; Josef März; S. 121; Haushofer, Karl Ernst; https://www.deutsche-biographie.de/sfz70029.html#ndbcontent
(21) 06.03.2000; Deutschlandfunk; Otto Köhler; Rudolf Heß — Der Mann an Hitlers Seite; https://www.deutschlandfunk.de/rudolf-hess-der-mann-an-hitlers-seite-100.html
(22) „Die wirtschaftlichen Vereinbarungen [des Vertrages von Versailles] waren in einem derartigen Grade bösartig und dumm, dass sie den ganzen Vertrag ad absurdum stellten.“; Winston S. Churchill; Der Zweite Weltkrieg; Band 1, S. 21; S.Fischer Verlage; ISBN: 978-3-596-16113-3; https://www.fischerverlage.de/buch/winston-s-churchill-der-zweite-weltkrieg-9783596161133
(23) 05.04.2019; Bundeszentrale für politische Bildung; Peter Hoeres; Versailler Vertrag — Ein Frieden, der kein Frieden war; https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/288788/versailler-vertrag-ein-frieden-der-kein-frieden-war/
(24) 2023; 100 Jahre Weimarer Republik; 100 Jahre Versailler Vertrag; https://weimar.bundesarchiv.de/WEIMAR/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Die-besiegte-Nation/versaillervertrag.html
(25) 12.10.1998; LeMO; Daniel Wosnitzka; Adolf Hitler 1889 — 1945; https://www.dhm.de/lemo/biografie/adolf-hitler
(26) Bundeszentrale für politische Bildung; Ernst Deuerlein; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr; https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/525824/hitlers-eintritt-in-die-politik-und-die-reichswehr/
(27) 2010; Frühe biografische Texte zu Hitler; Othmar Plöckinger; IfZ München, Vierteljahreshefte; https://web.archive.org/web/20201029170705/https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2010_1_4_pl%C3%B6ckinger.pdf; S. 94
(28) 1928; Ernst Röhm; Die Geschichte eines Hochverräters; https://ia802702.us.archive.org/8/items/die-geschichte-eines-hochverraters/Die%20Geschichte%20eines%20Hochverr%C3%A4ters.pdf; S. 100f;
(29, 29i) 1959; Rudolf von Albertini, Ernst Deuerlein und weitere; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr; IfZ München, Vierteljahreshefte; https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_2_4_deuerlein.pdf; S. 182; S. 203/204; siehe auch https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/525824/hitlers-eintritt-in-die-politik-und-die-reichswehr/
(30 bis 30ii) 10.03.2015; Historisches Lexikon Bayerns; Othmar Plöckinger; Aufklärungskommando und Propaganda der Reichswehr in Bayern; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Aufkl%C3%A4rungskommando_und_Propaganda_der_Reichswehr_in_Bayern
(31) 22.07.1919; Bayr. Reichswehr Gruppen Kdo. 4 Abteilung I b/P Nr. 365; Aufklärungskommandos; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/images/6/6f/Artikel_44412_bilder_value_1_aufklaerungskommando1.pdf
(32 bis 32ii) 1919; HStA. München, Abt. II, Gruppen Kdo 4, Bd. 50/4; Beschriftung: „Rw Gruppen Kdo 4. Abt. Ib. Listen der Propaganda- und Vertrauensleute“; entnommen bei: 1959; Institut für Zeitgeschichte München; Jahrgang 7, Heft 2; Rudolf von Albertini, Wilhelm Deist, Waldemar Besson, Ernst Deuerlein; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr; https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_2_4_deuerlein.pdf; S. 179, 182, 191, 198 bis 200
(33 bis 33ii) 1959; APuZ 28/1959; Ernst Deuerlein; Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr, Dokument 10 bis 12; https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/525824/hitlers-eintritt-in-die-politik-und-die-reichswehr/
(34 bis 34iii) 1961; Institut für Zeitgeschichte München; ZS-50; https://www.ifz-muenchen.de/archiv/zs/zs-0050.pdf; S. 1 bis 3, 16, 23
(35) 11.01.2015; Zukunft braucht Erinnerung; Stefan Loubichi; Thule-Gesellschaft — Ein Ideengeber der NS-Ideologie; https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/thule-gesellschaft-ein-ideengeber-der-ns-ideologie/
(36, 36i) 11.05.2006 (31.07.2024); Historisches Lexikon Bayerns; Benedict Weyerer; Sterneckerbräu, München; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Sterneckerbr%C3%A4u,_M%C3%BCnchen
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(38) 1919; Gottfried Feder; Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes; Verlag Jos. C. Huber, Diessen vor München; https://de.wikisource.org/wiki/Das_Manifest_zur_Brechung_der_Zinsknechtschaft
(39) 1998; Ian Kershaw; Hitler — 1889-1936 Hubris; Penguin, London; S. 126; https://archive.org/details/hitler18891936hu0000kers/page/126/mode/2up?q=126&view=theater
(40, 40i) 1974; André Brissaud; Hitler et l’Ordre noir; S. 67; entnommen bei: Georges van Vrekhem; When Hitler became the Führer; https://motherandsriaurobindo.in/disciples/georges-van-vrekhem/books/hitler-and-his-god/
(41) September 1997; Spartacus Educational; John Simkin; Hermann Esser; https://spartacus-educational.com/Hermann_Esser.htm#source; entnommen bei: 1964; William L. Shirer; The Rise and Fall of the Third Reich
(42) 11.05.2006 (30.07.2024); Historisches Lexikon Bayerns; Paul Hoser; Münchener Beobachter; https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/M%C3%BCnchener_Beobachter
(43) 30.10.2017; The Guardian; Dalya Alberge; Hitler joined Nazis only after another far-right group shunned him; https://www.theguardian.com/world/2017/oct/30/hitler-joined-nazis-only-after-another-far-right-group-shunned-him
(44 bis 44iii) John Toland; Adolf Hitler; Gustav Lubbe Verlag; Originalverlag: Doubleday, Garden City, New York, 1976; ISBN 3-7857-0207-8; S. 120
(45) LeMO; Erich Ludendorff 1865-1937; https://www.dhm.de/lemo/biografie/erich-ludendorff; abgerufen: 01.10.2025
(46) geschichte-lexikon; Hitler-Ludendorff-Putsch; http://www.geschichte-lexikon.de/hitler-ludendorff-putsch.php; abgerufen: 24.02.2026
(Titelbild) Volksempfänger, Mein Kampf; Spengler Museum Sangerhausen; 06.08.2007; Autor: Giorno2 (Wikimedia); https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spengler_Museum_Sangerhausen_4.jpg; Lizenz: Creative Commons 4.0
„… Ich aber beschloß, Politikerr zu wärrden!“
„Und ich beschloß, „Die Bombe“ zu bauen!“
Der erste Satz, inhaltlich genauso falsch wie der zweite, ist wohl historisch überliefert, der zweite eher nicht.
Durch die der Artikelserie zugrundeliegende exzellente Recherche wird deutlich, daß bei einer anderen Personalie die deutsche und europäische Geschichte sehr wahrscheinlich nur in Nuancen anders verlaufen wäre, als wir sie kennen.
Zu einer vergleichbaren Erkenntnis war wohl auch schon W. Shakspeare gelangt – in seinem Drama „Hamlet, Prince of Denmark“ (uraufgeführt 1607) versucht sein Hauptheld lange, sich durch Zögern dem vorgegebenen Gang der Ereignisse zu entziehen, um sich am Ende doch einzuordnen, die Unabwendbarkeit akzeptierend.
Die dem zugrundeliegende philosophische Lehre ist die des Fatalismus – ungeachtet dessen suchen wir andauernd, in Gegenwart wie Vergangenheit nach Wegegabelungen, die das Desaster hätten vermeiden können, um am Ende immer wieder zur Erkenntnis zu kommen, daß man auf sich selbst zurückgeworfen ist, auf seine persönlichen Entscheidungen und Handlungen.
Voltaire legt uns nahe, unseren Garten zu bestellen („Candide oder die beste der Welten“, 1759), Goethe kam zu denselben Schlüssen, indem er uns auffordert, täglich Freiheit wie das Leben neu zu erobern („Faust, Der Tragödie Zweiter Teil“, 1832).
Das Böse verzehrt sich zwar nach Hannah Arendt am Ende selbst („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, 1951), dieser Prozeß aber mag mitunter ziemlich lange dauern, (auch wenn das Ende zumeist sehr plötzlich eintritt), da ist es besser, nicht darauf zu warten, sondern aktiv das Gute zu tun.
Herzlich, Steffen Duck!