Gibt es im mit unerschöpflichen Ressourcen gesegneten Russland einen strategischen Rohstoff, bei dem es auf den Weltmarkt angewiesen ist?


Ja, den gibt es und erstaunlicherweise handelt es sich bei diesem um Lithium. Dabei war Russland und zuvor die Sowjetunion in der Vergangenheit einer der größten Lithiumförderer der Welt. Was also ist geschehen? Ist Russland das Lithium ausgegangen?


Russland hat das Alkalimetall Lithium in den vergangenen Jahrzehnten vollständig aus dem Ausland bezogen, vor allem aus Chile, Argentinien und Bolivien. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen die Sowjetunion bei der Produktion dieses Metalls hinter den USA den zweiten Platz in der Welt einnahm. Doch dann kamen die 1990er Jahre und der Lithiumabbau in Russland erwies sich als unrentabel. Die erste Lithiummine, 1941 in Osttransbaikalien erschlossen, die Lagerstätte Zavitinsky, wurde im Jahre 1997 geschlossen.

Ab Februar 2022 wurde begonnen, über jedes bisher bekannte Maß hinaus umfangreiche Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Aufgrund ihrer vielfältigen Abhängigkeiten zum Wirtschafts- und Finanzsystem des Westens fühlten sich auch viele Russland wohlgesonnene Staaten bemüßigt, diese Sanktionen mitzutragen. Und so stellten auch Argentinien und Chile ihre Lithiumlieferungen an Russland ein. Das ist nachvollziehbar. Sind doch die dortigen Industriellen zum Beispiel mit Elon Musk und Tesla verbunden. Und Letztere möchten den strategischen Rohstoff Lithium natürlich gern explizit für sich und nur für sich beziehen.

Stand 2023 war Bolivien das einzige Land der Region, das Russland noch mit Lithium belieferte. Bolivien bleibt nach wie vor standhaft gegenüber dem Druck des Westens und hat seine guten Beziehungen zu Russland aufrechterhalten. Und so bezieht Russland weiterhin jährlich 2.000 Tonnen Lithiumkarbonat, ein Viertel seines Bedarfs, aus dem lateinamerikanischen Land. Doch diese Abhängigkeit von externen Lieferanten könnte sich zu einem kritischen Problem für die russische Wirtschaft auswachsen.

Dass Lithium als ein strategischer Rohstoff gilt, ist für die Wenigsten eine Überraschung. Was viele aber nicht wissen, ist, dass die Verwendung des „weißen Goldes“ weit über die in Lithium-Ionen-Akkumulatoren hinausgeht. Der Stoff wird für eine breite Palette ziviler und militärischer Produkte benötigt. So findet das Alkalimetall bei der Herstellung von Aluminiumlegierungen für die Luftfahrtindustrie Verwendung. In Kernkraftwerken fungiert es als Kühlmittel in Reaktoren, wobei das radioaktive Wasserstoffisotop Tritium erzeugt wird. Das wiederum als Strahler zum Beispiel für Landebahnmarkierungen und Leuchtziffern in Uhren verwendet wird. Darüberhinaus findet es sich praktisch in allen Sprengköpfen von Kernwaffen (1). Im Pharmabereich finden Lithiumsalze Verwendung in einer großen Palette von Arzneimitteln.

Als Russland 2022 von einem Teil seiner Lithiumlieferungen abgeschnitten wurde, begannen in den zuständigen Behörden die Alarmglocken zu schrillen. Erst recht deshalb, weil Russland beabsichtigt, eine eigene Industrie zur Produktion von Elektrofahrzeugen aufzubauen. Bis 2030 sollen gar zehn Prozent aller in Russland produzierten Fahrzeuge mit einem Lithium-Ionen-Akku ausgerüstet sein. Das wäre praktisch eine Produktion aus dem Nichts, denn bislang hat Russland diesbezüglich keine nennenswerten Erfahrungen (2).

Im Gegensatz zum Segment der (größeren) Nutzkraftwagen verfügt Russland bei Personenkraftwagen und deren Komponenten wie ABS-Module und Airbag-Steuergeräte seit langem nicht (mehr) über eigenständige, moderne Technologien, geschweige denn eine dahinterstehende Massenproduktion. Hinter klassischen Marken wie dem Moskwitsch (zu deutsch Moskauer) stehen letztlich komplette chinesische Produktionslinien, einschließlich chinesischer Technologien — im konkreten Fall JAC. Es ist nicht ganz klar, ob eine solche Option auch für Elektrofahrzeuge gewählt werden wird. Dann würde der chinesische Markt das benötigte Lithium bereitstellen. Aber Russland hegt ehrgeizige Ziele in Bezug auf eine eigenständige Industrie für Elektroautos.

Rosatom plant bereits seit Längerem die Inbetriebnahme einer großen Batteriezellenfabrik in Tuschino im Raum Kaliningrad. Bereits ab 2026 war die Produktion von Batteriezellen für Elektrofahrzeuge und Energiespeichersysteme geplant. Dabei sollen fortgeschrittene Technologien des südkoreanischen Herstellers Enertech International genutzt werden, von dem Rosatom im Frühjahr 2021 49 Prozent des Aktienkapitals übernommen hatte (3).

Ein großes Problem hat sich allerdings im offen ausgebrochenen Konflikt mit dem NATO-EU-Westen aufgetan. Denn Tuschino liegt nur zehn Kilometer entfernt von der Grenze zum NATO-Staat Litauen. Das schmälert die Vorteile wie Verkehrsanbindung und die vergleichsweise milden klimatischen Bedingungen erheblich. Seitens der NATO-Staaten wird systematisch an einer Blockade des Seezugangs für russische Schiffe gearbeitet, was Kaliningrads Anbindung zum russischen Mutterland bedrohen würde.

Laut Rosatom soll die Gesamtkapazität der produzierten Batterien anfangs drei Gigawattstunden (GWh) im Jahr betragen und später auf bis zu zwölf GWh ausgebaut werden. Russische Autobauer wie KamAZ, GAZ, Wolgabus, AvtoVAZ und die in Kaliningrad ansässige Avtotor sollen die Hauptabnehmer der Batterien sein. Unabhängig davon, dass es verwunderlich erscheint, dass noch immer auf Lithium gesetzt wird statt auf das deutlich umweltverträglichere Natrium, steht ein Problem unverändert: Wo bekommt Russland das erforderliche Lithium her?

Nach wie vor werden von russischen Konzernen wie der Uranium One Group (einer Tochter von Rosatom) aktiv Projekte zur Förderung von Lithium in Bolivien vorangetrieben (4). Bolivien plant eine Vervielfachung seiner Lithium-Förderung — trotz der damit einhergehenden Umweltproblematik.

So gut die Beziehungen zwischen Russland und Bolivien sich derzeit auch darstellen mögen, ist diese Strategie mit Risiken behaftet. Niemand kann garantieren, ob in fünf oder zehn Jahren die politischen Umwälzungen Bolivien zwingen, sich von Russland zu lösen. Also ist die Investition riskant und müsste unter den schlechtesten Umständen später komplett abgeschrieben werden. Aber eine andere Frage drängt sich noch mehr auf: Warum investiert die Uranium One Group nicht im Heimatland?

Denn: Was die weltweiten Lithiumvorkommen betrifft, steht Russland mit seinen Reserven an dritter Stelle!

Allerdings liegen die meisten russischen Lagerstätten tiefer unter der Erde als die offen zu Tage tretenden in Bolivien, Argentinien und Chile. Damit wird die Erschließung, Förderung und Aufarbeitung deutlich aufwändiger und damit teurer. Die folgende Grafik ist Teil eines Projekts zur Erschließung von ähnlich gelagerten Lithiumvorkommen im tschechischen und deutschen Osterzgebirge und macht den aufwändigen, auch energieaufwändigen und die Umwelt belastenden Gesamtprozess deutlich (b1):

Im um Größenordnungen dünner besiedelten Russland mag die Förderung nicht so diffizil sein wie im dichtbesiedelten Sachsen. Aufwändig und teuer bleibt das Ganze trotzdem. Auf der anderen Seite vermindert man auf diese Weise externe Ressourcenabhängigkeiten und erlangt technologische Souveränität. Die größten Vorkommen an Lithiumsalzen finden sich in Ostsibirien und der Region Murmansk.

In Murmansk wird derzeit die riesige Kolmozerskoje-Mine erschlossen und soll bereits 2026 in Betrieb gehen. Sie enthält etwa ein Fünftel der unter Tage liegenden und erkundeten russischen Lithiumreserven. Das sind 75 Millionen Tonnen Lithiumerz (5). Der Abbau des Erzes erfolgt sowohl unter Tage als auch in Steinbrüchen. Aufgrund des weltweit drastisch angestiegenen Lithiumbedarfs sind die Marktpreise für Lithiumkarbonat stark angestiegen, was die aufwändige Förderung in Minen trotzdem rentabel macht (6).

Bis aber der russische Bedarf an Lithium gedeckt werden kann, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Es gibt auch erfolgversprechende Forschungen, Abraumhalden erneut „zu sieben“, um mit neuen Technologien die dort enthaltenen wertvollen Rohstoffe aus dem Abraum zu extrahieren. Westlich des Baikalsees, in der Nähe des Gaskondensatfeldes Kowuitkinskoje, erwägt Gazprom die Gewinnung von Lithiumsalzen aus dem örtlichen Grundwasser. An solchen Verfahren wird übrigens auch in Deutschland geforscht (7, 8).

Die billigste Methode zur Lithiumgewinnung bleibt jedoch die auch in den lateinamerikanischen Anden angewandte. Dafür muss das Lithium an der Oberfläche vorliegen. In einem trockenen Klima verdunstet das Wasser und nach Reinigungsprozessen liegt das begehrte Lithiumkarbonat vor. Ganz im Süden der Russischen Föderation, in der Republik Dagestan (nördlich des Kaukasus gelegen), gibt es tatsächlich die Vorkommen und außerdem die klimatischen Bedingungen. Hier könnten bis zu 6.000 Tonnen Lithiumkarbonat gewonnen werden — aktuell fast der gesamte Jahresbedarf Russlands.

Fazit: Russland hat erkannt, dass es in ein Problem beim derzeit strategischen Rohstoff Lithium hineinzulaufen droht — und es hat reagiert. Intensiv werden Abbaustätten erschlossen und es wird nach Lagerstätten gesucht und an Technologien zur Förderung geforscht. Die aktuell stattfindenden globalen Umwälzungen haben letztlich auch beim Thema Lithium zu einem Umdenken geführt.

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung — Nicht kommerziell  Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er — einschließlich der Primärquelle — gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(1) 1991; Wissenschaft und Frieden; Lars Colschen, Martin Kalinowski; https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/tritium/

(2) 11.01.2023; Ewgenj Fedorow; „Lithium hunger“ destroys the ambitions of Russia; https://en.topwar.ru/208249-litievyj-golod-rushit-ambicii-rossii.html; Ein großer Teil der im Text angebotenen Informationen wurde dieser Quelle entnommen, aber nicht extra indiziert.

(3) 20.09.2021; electrive; Cora Werwitzke; Rosatom nennt Kaliningrad als Standort für Zellenwerk; https://www.electrive.net/2021/09/20/rosatom-nennt-kaliningrad-als-standort-fuer-zellenwerk/

(4) 26.12.2023; zdf heute; Tobias Käufer; Lithium: Russland und China hängen Berlin ab; https://www.zdfheute.de/politik/lithium-energiewende-konkurrenz-russland-china-100.html

(5) 03.01.2025; RedwayPower; Welche Folgen hat der Lithiumboom in der russischen Kolmozerskoje-Lagerstätte?; https://www.redwaypower.com/de/Welche-Folgen-hat-der-Lithium-Ansturm-auf-die-russische-Lagerst%C3%A4tte-Kolmozerskoje%3F/

(6) 24.08.2023; Fraunhofer ISI; Christoph Neef; Preisschwankungen bei Batterie-Rohstoffen: Wie die Automobilindustrie reagiert und welche Auswirkungen sie auf die Zellkosten haben; https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/themen/batterie-update/batterie-rohstoffe-preis-schwankungen-wie-reagiert-automobil-industrie-auswirkungen-zellkosten.html

(7) 07.03.2021; ARD-Tagesschau; Ingrid Bertram; Batterie-Rohstoff aus Grubenwasser; https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/lithium-gewinnung-grubenwasser-nrw-101.html

(8) 26.03.2022; ARD-Tagesschau; Mirela Delić, Sascha Mache; Lithium-Streit am Oberrhein; https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/lithium-abbau-geothermie-101.html; Sicherung im Internet-Archiv: https://web.archive.org/web/20231020114011/https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/lithium-abbau-geothermie-101.html

(b1) Zinnwald Lithium plc; geplanter Prozess zur Förderung und Aufbereitung von Lithium in Zinnwald / Sachsen; 30.09.2023; https://zinnwaldlithium.com/de/project/the-process/

(Titelbild) Lithium, Batterie; Autor: Dimitri_K (Pixabay); 05.04.2023; https://pixabay.com/de/illustrations/batterie-lithium-energie-technik-7897816/; Lizenz: Pixabay License

Von Ped

Ein Gedanke zu „Russland und kein Lithium?“
  1. Russland und kein Lithium? Wohl kaum:
    Kurzfristig ist die Versorgung – wie erwähnt – aus Bolivien gesichert.
    Die im Januar 2025 erlangte Kontrolle Russlands über die Lithiumvorkommen in Schewtschenko in der Donezker Volksrepublik (DVR) sichert mindestens teilweise die zukünftige Versorgung. Dort befinden sich auch Lagerstätten an Kohle, Niob, Beryllium und Tantal. Die Devise lautet: Was Russland kontrolliert entzieht sich dem amerikanischen Zugriff. Mit ein Grund, warum sich die Schwarzfelsen-Haie zurückziehen. Trumps „Deal“ mit Selenskyi ist wohl geplatzt.
    Nebst den eigenen Vorkommen in Russland steht China als Partner kurz davor, zum weltweit grössten Lithium Erzeuger aufzusteigen. Zudem wurde kürzlich die Entdeckung riesiger Lithiumvorkommen in der Provinz Hunan im Südosten Chinas gemeldet.
    Die Verantwortlichen in Russland werden bezüglich Lithium wohl kaum nervös werden.

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