Oder: Der Wertewesten kann ohne China derzeit keinen ausgewachsenen Drohnenkrieg führen.
Die engen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Chinas zu Russland werden im hiesigen Informationsraum wiederholt kritisiert. Insbesondere fordert man regelmäßig und geradezu ultimativ Peking auf, diese Beziehungen aufzugeben. Freilich, ohne dafür etwas bieten zu können. Denn es ist nun einmal so, dass man technologisch gegenüber (nicht nur) diesem Land arg in Rückstand geraten ist. Die Werte des Wertewestens sind zwar flexibel, ideologisch, moralisch aufgeladen. Handfest sind sie allerdings nicht.
In jüngerer Zeit war in westlichen Systemmedien davon die Rede, dass die Ukraine auf chinesische Technologie in der Drohnenproduktion zukünftig verzichten und diese stattdessen von westlichen Staaten beziehen werde. Dabei ging es vor allem um Halbleiter-Bauelemente. Seit 2019 war China der größte Handelspartner der Ukraine und der Warenaustausch hatte ein jährliches Volumen von 20 Milliarden US-Dollar (1).
Vor weniger als einem Jahr begründete die Ukraine einen beabsichtigten Verzicht auf chinesische Halbleiter mit der umfassenden chinesisch-russischen Kooperation. Zusätzlich verdächtigt man die Chinesische Volksrepublik, die Halbleiter mit reduzierter Leistungsfähigkeit zu liefern (1i). Wünschen kann man sich vieles, ob die Wünsche jedoch erfüllbar sind, wird nicht über Werte und Regeln, sondern beim Abgleich mit der Realität entschieden. Allerdings haben viele Vertreter der „regelbasierten Ordnung“ einen derartigen Grad an Realitätsfremde und Infantilität erreicht, dass sie den Unterschied zwischen Realität und Fiktion nicht mehr zu erkennen in der Lage sind. Vor zwei Jahren bewies die Politikdarstellerin Annalena Baerbock sehr überzeugend, wie das zu verstehen ist:
„Außenministerin Annalena Baerbock sprach am Rande eines EU-Treffens in Brüssel von »chinesischer Drohnenhilfe« für Russland und forderte: »Das muss und wird Konsequenzen haben.« […] Ein EU-Beamter sagte: »Wir haben Berichte von Geheimdienstquellen über die Existenz einer Fabrik in China erhalten, die Drohnen herstellt, die nach Russland geliefert und im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden.« Sollte eine direkte Zusammenarbeit zwischen China und Russland im Bereich militärischer Ausrüstung bestätigt werden, könnten Sanktionen verhängt werden.“ (2)
Sanktionen sind also die Lösung, Sanktionen, die durch kein Völkerrecht gedeckt sind. Das gilt auch für die ausufernden Sanktionen der EU gegen Russland. Dieses routinemäßig eingesetzte Werkzeug namens Sanktionen stellt ein prägendes Merkmal der „regelbasierten Ordnung“ dar. Einer fiktiven Ordnung, in der man die eigenen Regeln beliebig definiert, ändert oder aussetzt. Dahinter steckt jedoch etwas sehr Reales. Real handelt es sich nämlich schlicht und einfach um Krieg, in diesem Falle um Wirtschaftskrieg.
Oha, die EU ist also willens, Wirtschaftskrieg gegen China zu führen? Na dann viel Erfolg, kann man da nur sagen.
Doch zwei Jahre später ist die Realität auch in Absurdistan angekommen, und statt Sanktionen ist man wieder willens, Geschäfte mit China abzuschließen. Nicht etwa, weil nüchterne Einsichten die Oberhand gewonnen hätten. Oder doch — zumindest die Einsicht, dass man das ambitionierte Drohnenprogramm, welches die Ukraine im Krieg gegen Russland noch über Wasser hält, ohne China gar nicht hätte realisieren können. Hat man heute dafür in Peking tatsächlich ein offenes Ohr?
Kann man dieser über die britische Financial Times (FT) durchgestochenen Information aus EU-Kreisen glauben? Es sieht so aus:
„Die Ukraine beantragte und erhielt eine Ausnahme für die erste, 5,9 Milliarden Euro schwere Verteidigungs-Tranche, die speziell für die Beschaffung von Drohnen vorgesehen ist. Dadurch könne Kiew bestimmte chinesische Komponenten erwerben, die in Europa nicht ausreichend verfügbar seien. […] Die Europäische Kommission und das ukrainische Verteidigungsministerium reagierten nicht auf Bitten um Stellungnahme.“ (3, 4)
Doch muss man das sorgfältig lesen. Die Quelle ist britisch, die Informanten unbekannt. Die Financial Times ist ein wichtiges Medium der britischen Nachrichtendienste, es könnte sich also lediglich um eine von vielen Operationen im Informationskrieg handeln. Dort steht auch nicht, dass China eine Vereinbarung mit der EU oder der Ukraine getroffen hätte, Drohnentechnik zu liefern. Bleiben wir also skeptisch. Es gibt bislang keine Zustimmung aus Peking zu dieser Idee. Schließlich hatte China vor einem reichlichen halben Jahr die Lieferung von Drohnenkomponenten für die Ukraine eingeschränkt. Motoren, Batterien und Flugsteuerungen für die Drohnen stamm(t)en überwiegend aus China. 40 Prozent der milliardenschweren Einkäufe für Drohnen wurden mit dem Reich der Mitte abgewickelt (5). Der weltweite Drohnenmarkt wird zu mehr als zwei Dritteln von China kontrolliert (6).
Im Jahre 2025 nutzten 97 Prozent der ukrainischen Drohnenhersteller als Hauptbezugsquelle für die Komponenten chinesische Produzenten. Seit zwei Jahren hat China eine Reihe von Exportbeschränkungen gegen die Ukraine und Staaten, von denen sie annimmt, dass diese die Komponenten an die Ukraine weitergeben, erlassen. Dazu gehören Flugsteuerungen, Motoren und Kameratechnik (7). Das ist eindeutig politisch motiviert. China begrüßt eine Niederlage Russlands im Ukraine-Konflikt ausdrücklich nicht (8).
Diese Abhängigkeit von Chinas wirtschaftlicher und technologischer Macht geht aber noch weiter. Denn Chinas zunehmende technologische Dominanz beschränkt sich eben nicht auf Halbleiter. Es gesellen sich mannigfaltig Grundstoffe und Vorprodukte hinzu. Das alles muss natürlich bezahlt werden. Und dazu gehören Grundstoffe und Produkte, die dem Einen oder Anderen möglicherweise banal vorkommen — zum Beispiel Glasfaserkabel.
Noch vor Monaten wurde die Front auf ukrainischer Seite monatlich mit mehr als 50.000 glasfasergesteuerten Drohnen, insbesondere Aufklärungsdrohnen, versorgt (9). Drohnen dieser Art wurden eingeführt, weil sie gegen elektronische Kriegsführung, bei der Russland weltweit führend ist, weitgehend immun sind. Abgesehen davon können über die Glasfaser Signale (Daten und Befehle) schneller beziehungsweise in größeren Mengen übertragen werden, funktioniert sie doch nach dem Prinzip eines Lichtwellenleiters. Nach dem Start einer solchen Drohne wird die Glasfaser über bis zu 50 Kilometer Länge ausgerollt. Sie selbst ist hauchdünn und die Spule, über die sie ausrollt, ist an der Drohne befestigt (10).
Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften sind glasfasergesteuerte Drohnen derzeit im Fronteinsatz unersetzbar. So unersetzbar, dass sich zu Zehntausenden diese hauchdünnen Glasfaserkabel über die Landschaft in den Frontgebieten gelegt haben. Und weder bei den Kabeln noch bei den oft dutzendfach über den Köpfen der Soldaten schwebenden Drohnen können diese wissen, ob das Material von Freund oder Feind stammt, ja, ob überhaupt noch Daten durch diese Kabel fließen. Der Einsatz dieser Art von Drohnen ist also auch problembehaftet (11).
Aber genau diese Glasfaser wird derzeit zum Problem für die NATO-Ukraine. Man könnte meinen, dass ein Preis von fünf US-Dollar für ein ein Kilometer langes Glasfaserkabel nicht ins Gewicht fiele. Doch schon zehn Kilometer Glasfaser — und das ist mittlerweile der Normalfall — machen die Drohne um 50 US-Dollar teurer. Bei den Mengen, die an die Front geliefert werden, kommen da Mehrkosten von gut einer viertel Million US-Dollar monatlich zusammen, wohlgemerkt nur für die Kabel. Falsch: Kamen zusammen. Denn seit Jahresbeginn hat sich der Preis vervielfacht, um das fünf- bis sechsfache.
„»Wir haben einen Vertrag zu einem Preis von 5 Dollar pro Kilometer unterzeichnet und dafür bezahlt. Die chinesische Fabrik produzierte die Charge und erklärte dann: Entweder ihr zahlt zusätzlich 20 Dollar pro Kilometer, oder wir erstatten euch das Geld zurück“«, berichtete Yevhen Sukhinin, Gründer von Ptashka Drones […].“ (12)
Der rasante Preisanstieg betrifft in erster Linie den G.657.A2-Standard für Drohnen vom Typ FPV (First Person View). Er ist optimal für Aufklärungs- und Kampfeinsätze an der Front geeignet, da er biegefest ist und das Signal gut überträgt. Der Anstieg der Preise für chinesische Glasfaser hat angeblich keine politischen sondern wirtschaftliche, nicht näher benannte Gründe. Etliche dort ansässige Unternehmen seien in Schieflage geraten und hätten deshalb schließen müssen. Neben China sind es noch Indien, Japan, die USA und Italien, die in nennenswerter Menge Glasfasern produzieren (13). Auch Russland gehört dazu, jedoch wurde der Standort in Saransk durch ukrainische Drohnenangriffe im Mai 2025 beschädigt und dürfte derzeit nicht oder nur eingeschränkt produzieren. So ist auch Russland gezwungen, Glasfaser in China zu kaufen (13).
Der Ukraine-Konflikt hat die Nachfrage nach Glasfaserkabeln noch einmal nach oben schnellen lassen. Wobei nicht nur die Verwendung in Kriegsgerät sondern auch im zivilen Sektor rasant angestiegen ist — so in Rechenzentren, neuronalen KI-Netzwerken, bei der Versorgung der Bevölkerung mit breitbandigen Internet-Anbindungen sowie in Industrieanwendungen.
Die noch im Januar des Jahres genannten hohen Produktionszahlen von ukrainischen, glasfasergesteuerten Drohnen (9i) dürften inzwischen Geschichte sein. Infolge der Preisexplosion sind viele der kleinen ukrainischen Manufakturen, welche Drohnen in Werkstätten und Garagen produzierten, bankrott gegangen. Ihnen fehlte schlicht das Betriebskapital, um (zuvor) in Lagerbestände zu investieren. Daher werden alle Waren, die derzeit zum neuen, sehr viel höheren Preis in die Ukraine gelangen, von den großen Herstellern aufgekauft. Das sind General Chereshnya, VYRIY, TAF Industries, Ptashka Drones und B-Drone.
Man könnte natürlich eine eigene Glasfaserproduktion aufbauen. Aber der Bau und die Inbetriebnahme solcher Produktionsanlagen sind teuer und zeitintensiv. So wird eine kürzlich in Taiwan für 60 Millionen US-Dollar in Betrieb genommene Anlage noch Jahre brauchen, bis die volle Kapazität ausgeschöpft werden kann. Die Einführung eines vollständigen Produktionszyklus schlägt mit hunderten Millionen US-Dollar zu Buche und ist vielleicht für Russland, aber kaum für die Ukraine machbar (14i).
Dann gilt es noch eine kleine, aber für diese Art von Drohnen wichtige Komponente zu berücksichtigen: Die Spule, auf der das kilometerlange Kabel aufgerollt ist. Auch diese hat die Ukraine bislang aus China importiert, und auch dafür sind die Kosten rasant angestiegen (12i). Die ukrainischen Drohnenhersteller TAF Industries und VYRIY haben nun erklärt, dass sie Partnerschaften mit mehreren westlichen Lieferanten von Glasfaserspulen aufbauen möchten und bereit sind, Drohnen an heimische Lösungen anzupassen, die in ausreichender Menge verfügbar sind. Sie arbeiten auch daran, ihre eigene Spulenproduktion zu steigern. Die für all das erforderlichen enormen Investitionssummen konnten sie selbst nie aufbringen, und eigentlich auch nicht ihr formeller Kunde, der ukrainische Staat. Eigentlich auch die EU nicht, von der das Geld milliardenfach in Kriegsprojekte fließt. Aber es gibt ja Staatsanleihen und kreditwillige westliche Banken…
Es gab einmal eine Zeit, da haben westliche Staaten mittels ihrer geballten wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Macht politische Prozesse weltweit in einer Weise gestaltet, die es ihnen erlaubte, Ressourcen nach Belieben auszubeuten und gleichzeitig dauerhafte Abhängigkeitsverhältnisse zu etablieren. Wer sich widersetzte wurde sanktioniert, diszipliniert — oder bekriegt, gestürzt, vernichtet. Diese Epoche neigt sich ihrem Ende zu (15). Die überlegene Basis für diesen Betriebsmodus verfällt, vor allem in Europa. Die technologische und wirtschaftliche Markführerschaft, und damit auch die politischen Gewichte, haben sich nach Osten verschoben. Und das macht sich auch beim NATO-ukrainischen Krieg gegen Russland bemerkbar.
Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.
Anmerkungen und Quellen
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(1, 1i) 25.03.2026; Forbes; Ilan Berman; Kyiv Is Learning To Fight Without China; https://www.forbes.com/sites/ilanberman/2026/03/25/kyiv-is-learning-to-fight-without-china/
(2) 18.11.2024; ARD-Tagesschau; Baerbock droht China mit Konsequenzen; https://www.tagesschau.de/ausland/baerbock-drohnen-china-100.html
(3) 15.07.2026; RT deutsch; EU-Gelder für Ukraine: Kiew darf chinesische Drohnen-Teile kaufen; https://rtnewsde.site/international/285936-eu-gelder-fuer-ukraine-kiew/
(4) 15.07.2026; Tagesspiegel; Sven Lemkenmeyer; Milliarden-Deal mit Peking?; https://www.tagesspiegel.de/internationales/milliarden-deal-mit-peking-ukraine-darf-offenbar-mit-eu-geldern-drohnenteile-aus-china-kaufen-15839734.html
(5) 28.10.2025; ntv; Lea Verstl; Peking gräbt Kiews Drohnenproduktion das Wasser ab; https://www.n-tv.de/politik/Peking-graebt-Kiews-Drohnenproduktion-das-Wasser-ab-article26125202.html
(6) 10.12.2024; Business Insider; Tom Porter; China kontrolliert 70 Prozent des globalen Drohnenmarkts; https://www.businessinsider.de/wirtschaft/china-beschraenkt-export-wichtiger-drohnen-komponenten-fuer-die-ukraine/
(7) 27.10.2025; Xpert; Konrad Wolfenstein; Quantity beats quality: Why Ukrainian $500 drones outclass US high-tech weapons; https://xpert.digital/en/ukrainian-500-dollar-drones/
(8) 29.10.2025; RT deutsch, ntv; Medienbericht: China schränkt Lieferung von Drohnenkomponenten in die Ukraine ein; https://rtde.press/international/260282-medienbericht-china-schraenkt-lieferung-von/
(9) 13.01.2026; Ministry of Defence of Ukraine; Systemic changes to strengthen Ukraine’s military: Denys Shmyhal reports to parliament on his tenure as minister of defense; https://mod.gov.ua/en/news/systemic-changes-to-strengthen-ukraine-s-military-denys-shmyhal-reports-to-parliament-on-his-tenure-as-minister-of-defense
(10) Gefechtsklar; https://gefechtsklar.de/glasfaser-drohnen/#; abgerufen: 19.01.2026
(11) 19.02.2026; Business Insider; Sinéad Baker; Ukrainian soldiers armed with scissors say they cut any fiber-optic drone cable they see — even if it might be their own; https://www.businessinsider.com/ukrainian-soldiers-carry-scissors-to-cut-fiber-optic-drone-cables-2026-2
(12, 12i) 06.03.2026; EMPR.media; Ukraine Faces Optical Fiber Shortage: What It Means for Drones and How Manufacturers Are Responding; https://empr.media/news/ukraine/ukraine-faces-optical-fiber-shortage-what-it-means-for-drones-and-how-manufacturers-are-responding/
(13) 11.02.2026; TTIFiber; Top 15 Fiber Optic Manufacturers (2026 Global Ranking); https://www.ttifiber.com/blog/buyers-guides/top-15-fiber-optic-manufacturers; abgerufen: 16.07.2026
(14, 14i) 28.03.2026; Reporter; Yaroslav Dymchuk; Drones‘ Wires Cut: From Technological Breakthrough to Crisis; https://en.topcor.ru/69905-dronam-obrezali-provoda-ot-tehnologicheskogo-proryva-k-krizisu.html
(15) 05.05.2026; Handelsblatt; Chinesische Firmen sollen US-Sanktionen ignorieren; https://www.handelsblatt.com/politik/international/iran-oelhandel-chinesische-firmen-sollen-us-sanktionen-ignorieren-01/100222078.html
(Titelbild) Glasfaser, Lichtleiter; Peter Linforth (Pixabay); 17.10.2023; https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-fibre-optic-fiber-8317620/; Lizenz: Pixabay License