Hingenommene Kriegsrhetorik

Der Krieg hat einen kongenialen Partner – die Passivität. Die, die mit sich machen lassen, sind nicht raus aus der Verantwortung.


Man muss sich fragen, wem es nützt, einen britisch-russischen Doppelagenten russischer Herkunft in Großbritannien mit einem endlos langsam wirkenden Gift öffentlichkeitswirksam umzubringen. Zu interessieren scheint das offenbar nur wenige in Politik und Medien, angesichts des hasserfüllten Kriegstrommelns gegenüber dem selbsterklärten Todfeind. Doch andere Fragen erscheinen mir wichtiger.


Und diese Fragen richten sich nicht auf das abstoßende Schauspiel selbst, welches sich derzeit wieder einmal in der westlichen Politik und ihren Gazetten abspielt; und es dabei schafft, jedesmal noch etwas grotesker daherzukommen. Wir erleben eine Demonstration gegenseitiger Abhängigkeit und Abhängigkeit von Dritten.

Innerhalb dieser Abhängigkeit treten die Akteure auf allem herum, was Anstand und Fairness ausmacht.

Warum tun die das?

Was führt einen Politiker, wie Omid Nouripour aus der Partei der Grünen dazu, dermaßen auf allen Vieren und mit dem Hinterteil als höchsten Punkt, sich der britischen Regierung anzudienen und gleich noch “eine europäische Antwort” einzufordern (1)? 

Ist das Ideologische Verblendung?

Vielleicht.

Die Selbstgefälligkeit, gepaart mit dem gekitzelten Ego der gehobenen Position auf der Seite “der Guten” zu stehen?

Sicher auch das.

Doch bei allem was recht ist. Das allein kann es nicht sein. Was ist es noch?

Ich tippe schwer auf Angst. Mehr noch tippe ich auf einen Cocktail von Ängsten, der vor allem bestimmte Politiker und verantwortliche Redakteure mehr als je zuvor wie Hampelmänner agieren lässt. Eine Mischung aus materiellen Verlustängsten, der Angst vor dem Verlust der gesellschaftlichen Stellung und der Angst vor dem Herrn, dessen Wohlwollen man als so Sicherheit gebend und berauschend findet.

Ich mach mich über diese Hampelmänner nicht lustig. Dafür gibt es keinen Grund. Die Folgen sind viel zu desaströs, als das man sie mit zynischem Lächeln in der Satire-Ecke verarbeiten könnte.

Weil nämlich diese devote Abhängigkeit uns derzeit Stück für Stück näher an einen heißen Krieg bringt.

Betreiben doch diese Hampelmänner – von ihrer Angst getrieben – eine abgrundtiefe Kriegsrhetorik.


Eine Kriegsrhetorik, die ankommt und sich immer weiter in das Unterbewusstsein der Bevölkerung hineinbohrt. Dabei ist es ganz und gar nicht so, dass wir nichts dagegen tun könnten. Nur sind wir als Gesellschaft – in ihrer Gesamtheit – in der Angst dieser Leute “da oben” genauso gefangen.


Sind wir nicht? Dann möge mir jemand erklären, warum nicht längst jede Woche Hunderttausende auf die Straße gehen und ein Ende dieses Krieges fordern. Denn wir sind ja schon im Krieg.

Wir sind in einem medialen und politischen Krieg, in einem psychologischen, einem geistigen Krieg. Wir verlernen immer mehr das Zuhören und gefallen uns in der Bequemlichkeit, andere nicht verstehen zu müssen. Weil wir ja die Guten sind.

Diejenigen, die wir mit unserer Paranoia angreifen, haben das inzwischen auch begriffen. Sie wissen, wie unberechenbar, wie gefährlich Paranoia ist.

Auf diese Irrationalität, Hysterie und Hybris bestimmter, immer noch die westliche Politik dominierender Kreise, welche auf ihrer “einzigen Weltmacht” um jeden Preis bestehen. Darauf haben sie reagiert, hat Russland reagiert. Die geradezu kriegsgeile Polit- und Medienprominenz, welche sich über die Atlantikbrücke verbunden sieht, ist blind dafür, dass Russland auf den Fall vorbereitet ist, falls irgendein Politiker oder Militär im superdemokratischen Westen die Nerven verliert.


Denn das ist das Ultragefährliche an der gegenwärtigen Situation. So wie sich eine Menschenmasse unaufhaltsam, weil rein von Instinkten gesteuert, in Bewegung bringen lässt, so kann das auch Gesellschaften als Ganzes passieren. Dann, wenn Vernunft, Besinnung, Reflexion im Sturm der Emotionen niedergebrüllt werden. Wenn die Gesellschaft zum Mob entartet, ihre zivilisatorische Hülle abwirft und ohne Skrupel auf alles losgeht, was sie als Feind ortet.


Auf diesen Punkt bewegen wir uns zu. Und jeder, wirklich jeder, darf sich fragen, inwieweit er diese Bewegung aus einer Paralyse, einer Bewegungslosigkeit heraus wahrnimmt. Auch der intellektuell geschmeidig daher kommende Kenner der Politik, der sie durchdringt und dabei fundierte Prognosen abgibt, auch er ist in dieser Paralyse gefangen, wenn er sich verhält, als wäre er nicht Teil der Nummer und daher meint, das Schauspiel weiter aus der Sesselposition betrachten zu können.

Keiner sollte sich Illusionen hingeben. Wenn alle aus der emotionalen Schockstarre erwachen, wird es jeden Sessel mitreißen.

Der Traum von der heilen Welt sollte längst ausgeträumt sein. Doch außerdem ist es an der Zeit, dass sich auch ein paar mehr von den “Aufgewachten” endlich den Schlaf aus den Augen reiben und beginnen, aktive Friedensarbeit zu leisten.

Bleiben Sie schön aufmerksam.


Quellen

(1) 13.3.2018; https://www.welt.de/politik/ausland/article174493635/Sergej-Lawrow-Russland-weigert-sich-auf-Mays-Ultimatum-zu-antworten.html

(Titelbild) Brennendes Europa; Autor: geralt (Pixabay); Datum: 19.7.2014; Quelle: https://pixabay.com/de/europa-feuer-brennen-politik-396834/; Lizenz: CC0 Creative Commons

 

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