Warum Schwarze Schwäne eine Herausforderung (nicht nur) für professionellen Journalismus darstellen.
Filterblasen und Bestätigungsfehler sind lockende Honigtöpfe für Journalisten — aber nicht nur für „klassische“, berufsmäßige Journalisten. Denn irgendwie fungieren doch wir alle in der Rolle von Journalisten. Wir zeichnen Geschehnisse gedanklich auf, führen sozusagen unser ganz eigenes Journal und als Menschen berichten wir natürlich auch von dem, was unser Gehirn da so aufgezeichnet hat. Im allgemeinen ist es dann oft so, dass wir selbst in unserem Bericht nicht allzu schlecht wegkommen wollen…
Gern überlässt der Autor im folgenden dem Leser die Herausforderung, zu erkennen, warum von Schwarzen Schwänen und schwarzen Schwänen beziehungsweise Weißen Schwänen und weißen Schwänen geschrieben wird.
Von der Natur Schwarzer Schwäne
Noch einmal: Wir zeichnen Geschehnisse gedanklich auf, führen sozusagen unser ganz persönliches, einzigartiges Journal und entwickeln daraus unsere ganz eigenen Geschichten. Geschichten, die wir uns zu eigen machen, in die wir uns manchmal verlieben, von denen wir nicht mehr lassen wollen, die wir nur noch bestätigt sehen wollen.
Und selbst dann, wenn wir uns dieser in unserem Unterbewusstsein platzierten Honigtöpfe bewusst sind, tappen wir trotzdem noch regelmäßig in dieselben hinein. Weil das Umgehen eine permanente Achtsamkeitsübung verlangt, die wiederum Energie erfordert. Das gilt auch für den Autor der folgenden Zitate:
„Wir konzentrieren uns auf vorher ausgewählte Segmente des Gesehenen [Filterblasen] und verallgemeinern davon ausgehend auf das, was wir nicht sehen: Bestätigungsfehler.“
„Wir streuen uns durch Geschichten, die unserem platonischen Durst nach charakteristischen Mustern stillen [eben der Suche nach Bestätigung], selbst Sand in die Augen: narrative Verzerrung.“
„Wir verhalten uns so, als würde der Schwarze Schwan nicht existieren. [Wir tun so, als ob das, von dem wir nicht wissen, auch nicht existieren kann.] Die menschliche Natur ist nicht auf Schwarze Schwäne programmiert.“
„Das, was wir sehen, ist nicht notwendigerweise alles, was da ist. Das gilt im Konkreten wie im Allgemeinen. Die Geschichte [oft eine, die uns erzählt wird] verbirgt Schwarze Schwäne vor uns und täuscht uns im Hinblick auf die Chancen für die Ereignisse: Verzerrung durch stumme Zeugnisse.“
„So, wir auf Schwarze Schwäne stoßen, sind wir geneigt zu ‚tunneln‘. Wir konzentrieren uns auf ein paar gut definierte Quellen von Ungewissheit, auf eine zu spezifische Liste Schwarzer Schwäne [und vernachlässigen andere Ereignisse, die uns nicht so leicht einfallen oder gar unser wohlgeformtes Bild einer Geschichte stören].“ (1)
Das sind Gedanken von Nassim Nicholas Thaleb. Thaleb weiß zu verblüffen und so meint er zu oben Geschriebenen, dass es sich in Wirklichkeit stets um ein und dasselbe Thema handelt. Es ist das, was der hiesige Autor selbst gern als eines von mehreren universellen Prinzipien bezeichnet.
Woher die schwarzen Schwäne kommen
Der Hintergrund der Metapher Schwarzer Schwäne ist darin zu suchen, dass es bis ins 17. Jahrhundert keine schwarzen Schwäne gab. Nun ja, es gab sie schon, aber in der Alten Welt wusste man nichts von ihnen. Erwachsene Schwäne konnten daher nur weiß sein. Weil man schließlich jeden Tag weiße Schwäne sah, und nur solche. Dann, im 17. Jahrhundert, entdeckten die Europäer den australischen Kontinent (2) und das ganze, seit Ewigkeiten gefestigte, bestätigte Bild zerbrach. Plötzlich waren schwarze Schwäne keine „wilde Verschwörungstheorie“, sondern nicht mehr wegzuwischende Realität. Wobei: Es soll Zeitgenossen gegeben haben, die so in ihrer Welt der weißen Schwäne verhaftet waren, dass sie sich vor der offengelegten unbequemen Realität verschlossen. Für sie blieb die Welt Weißer Schwäne auf weiße Schwäne beschränkt. Schwarze Schwäne hatte es nie gegeben und man hatte sich in seiner Welt Weißer Schwäne so schön eingerichtet…
Guter, professioneller Journalismus geht positiv mit dem Phänomen Schwarzer Schwäne um. Er ist sich stets der Herausforderung bewusst, sucht mit gesunder Skepsis nach Schwächen in den selbst erarbeiteten, von ihm erzählten Geschichten über die Realität, die er untersucht hat.
Schwarzen Schwänen kann man nicht entfliehen. Die Macht Schwarzer Schwäne liegt sowohl in deren real existierenden Potenzialen als auch in ihrem Wesen. Das heißt, unbekannt, besser ausgedrückt unerkannt zu wirken und/oder auf „eine Gelegenheit“ für die Wirksamwerdung zu warten. Unerkannt meint, dass hier etwas individuelles, subjektives eine große Rolle spielt. Nämlich unsere ureigene Fähigkeit, erkennen zu können. Mehr noch, nach Erkenntnis zu streben, egal ob uns das Ergebnis behagt oder nicht.
Schwarze Schwäne sind demzufolge auch subjektiver Natur. Sie spiegeln unsere Individualität, unsere Art und Weise, sich mit den Dingen zu befassen. Menschen mit unvoreingenommener Betrachtungsweise, gepaart mit gesunder Skepsis, akzeptieren Schwarze Schwäne. Ja, sie suchen solche, und viele Schwarze Schwäne sind für sie keine solchen mehr. Um in der Metapher der Schwäne zu bleiben: Für den positiv denkenden Skeptiker ist es leichter, Schwarze Schwäne zu entdecken, womit er sie in seiner Gedankenwelt zu Weißen Schwänen verwandeln kann.
Die Angst vor Schwarzen Schwänen ist im Journalismus, der uns in den etablierten Medien, aber keinesfalls nur dort, begegnet, weit verbreitet. Die Welt der Weißen Schwäne, die man kennt, die einem vertraut erscheint, ist bequem, gibt Sicherheit und vermeidet schmerzhafte Erkenntnisprozesse. Um die Realität Schwarzer Schwäne auszublenden, greift man dann gern zu Tricks. Tricks, die zuerst den eigenen, nach Erkenntnis suchenden Verstand zu betrügen suchen. Vor dem Betrug an den anderen kommt stets der Betrug an sich selbst. Denn auch wenn Schwarze Schwäne das Unerkannte vertreten, signalisieren die Inkonsistenzen in der Wahrnehmung von Ereignissen, auch Geschichten, Erzählungen, die Existenz Schwarzer Schwäne.
Sprache beeinflusst unser Denken, unser Denken wiederum drückt sich in unserer Sprache aus. Wenn wir uns dem Suchen und Erkennen Schwarzer Schwäne (scheinbar) erfolgreich verweigern möchten, dann müssen wir die Geschichten, die wir über reale Ereignisse erzählen, umformen. Geschichten werden von Sprache getragen. Sprache taugt als Informationsträger, aber noch mehr taugt sie, um unser Unterbewusstes zu lenken. Sie taugt sogar, Geschichten zu glauben, die mit der Realität nicht mehr viel zu tun haben, die uns aber trotzdem dazu verleiten, sie als erzählte Realität aufzunehmen. Schauen wir uns einmal an, welche Methoden, Geschichtenerzähler etablierter Medien — und nicht nur die (!) — benutzen, um uns glauben zu lassen.
Die Tricks, um Schwarze Schwäne auszublenden
Glauben entsteht durch Vertrautes und durch Vertrauen. Es gibt Begriffe, denen wir unterbewusst über die Maßen Vertrauen schenken. Was wir eigentlich tunlichst vermeiden sollen. Die positive oder negative Deutung (Konnotation), welche solchen Begriffen über Jahrzehnte hinweg beigefügt wird, hat zu diesem unterbewussten Vertrauen geführt, was nur durch unbequeme Skepsis aufzubrechen ist. Es ist das unpersönliche Subjekt, das wir regelmäßig als vermeintlich prinzipiell positiv zu wertende Subjekte vorgesetzt bekommen, um in unserem Glauben an eine Geschichte gestärkt zu werden: zum Beispiel Experten, Beobachter, Aktivisten.
Erstens erzeugt diese Methode Unschärfe, weil Experten, Beobachter und Aktivisten als neutrale wie positiv wirkende Kompetenzen angenommen werden sollen, aber als Menschen oft unerkannt bleiben. Desweiteren werden diese „grauen Eminenzen“ benutzt, um Wertungen in den Informationsraum zu stellen, und nicht nur das. Man kann über diese anonym gehaltenen, gar fiktiven Gruppen sogar Informationen verbreiten, die kaum noch etwas mit der Realität zu tun haben. Man kann gar Experten als Strohmänner ins Feld führen, um das Medienpublikum anzulügen. Ohne, dass man sich dem Vorwurf aussetzen muss, höchstselbst die Lüge in den Raum gestellt zu haben.
Wir selbst haben im Alltag einen auffälligen Hang, Informationen, an die wir glauben, zu verbreiten, in dem wir anonyme Dritte als (anscheinend) glaubwürdige Quelle benutzen. Die haben berichtet oder im Radio kam, dass… sind solche Versatzstücke. Oft bestätigen wir uns dabei selbst im guten Glauben an die erzählte Geschichte. Eine Geschichte, die uns davon abhält, nach Schwarzen Schwänen Ausschau zu halten.
Die Erzählung von etwas, was stattgefunden haben könnte, aber nicht muss, jedoch in unseren Köpfen stattgefunden haben soll, klingt in Medien oft so: Berichten zufolge, habe, sollen und wird oft gemischt mit den ebenso unscharfen, bereits erwähnten Subjekten Beobachter, Experten oder Aktivisten.
Hinter dem Begriff sollen verbirgt sich in Freudscher Logik der Wille des Erzählers, dass jenes was er als Narrativ verbreitet, vom Empfänger mit der Realität gleichgesetzt werden soll. Sollen ist das eigene Wollen von dem, das andere sollen. Solche Erzählungen kann man auch treffend als Gerüchte klassifizieren.
Das gestreute Gerücht steht in Wechselwirkung zum eigenen Narrativ. So wir dem Gerücht glauben — weil es in uns Bestätigung findet, was nicht mit Bestätigung in der realen Welt gleichzusetzen ist —, geben wir es weiter. Es ist bequem, ein Gerücht weiterzutragen. Es bedarf keiner Kreativität, dies zu tun, es ist wie bei einem auswendig gelernten Text. Man spricht einfach nach — und wird auch noch belohnt. Denn man wird mit Aufmerksamkeit bedacht.
Die Vorqualifizierung der Quellen: Die eigenen Quellen werden trotz ihrer Diffusität nicht hinterfragt, so wie sie, samt Inhalt, auch dem Diskussionsraum entzogen werden. Auf die Quellen der Anderen wird dagegen mit Argusaugen geschaut, in ihnen das Haar in der Suppe gesucht.
Das ist eine ungesunde Skepsis, eine, die nur dann zur Geltung kommt, wenn das eigene, wohlgeformte Bild über Geschichten durch andere infrage gestellt wird. Die eigenen Denkweisen, Ziele und Handlungen werden positiv konnotiert; die fremden, erst recht abweichenden, negativ.
Im Zuge dessen werden auch die Folgebewertungen und Handlungen wohlgefällig und im Rahmen der Geschichte passend gestaltet. Während man selbst in seinen ethisch legitimierten Handlungen entschlossen daherkommt, handeln „die Störer“ übergriffig und aggressiv.
Die Legitimation des eigenen Handelns, das konsequent Schwarzen Schwänen zu entfliehen sucht, begründet sich in der Beliebigkeit positiv konnotierter Begriffe. Wer kennt sie nicht, die gutklingenden, pauschalen Worthülsen wie Wertegemeinschaft (welche Werte, welche Gemeinschaft, wer bestimmt und wer will überhaupt welche Werte in welcher Gemeinschaft vertreten?), Demokratie (welche genau, wie wird sie selbst gelebt?), Freiheit und Menschenrechte (von wem und für wen?).
Dieser ausgesprochen selektive Positivismus ist eine indirekte Vereinnahmung, denn wer sich dieser Wertegemeinschaft nicht unterordnet, ist undemokratisch, moralisch verdorben, irgendwie unakzeptabel extrem und verdient Empörung und Ausgrenzung. Wenn immer ausschweifender auf diese Worthülsen zurückgegriffen wird, ist das ein deutliches Zeichen panischer Angst vor Schwarzen Schwänen. Die Angst vor Schwarzen Schwänen ist weniger ein politisches, als vielmehr psychologisches Phänomen.
Als psychologisches Phänomen ist das sich Verweigern vor der Existenz Schwarzer Schwäne universell. Das bedeutet, dass es uns auch im Alltag wiederholt begegnet. Das bedeutet auch, dass oft wir selbst uns dabei „erwischen“ können, wie wir aus Bequemlichkeit, der Sehnsucht nach Anerkennung, ja wenigstens der nach Wahrnehmung, schlicht zum Zwecke der Rettung des eigenen Egos allzugern Weißen Schwänen hinterher rennen. Dass wir oft Geschichten in unserem Sinne weitererzählen, umformen, anpassen und ausschmücken. Sich Schwarzen Schwänen zu stellen, ist daher zuallererst eine Achtsamkeitsübung.
Das psychologische Phänomen, sich Schwarzen Schwänen zu verweigern, ist so verbreitet, dass es auch ein gesellschaftliches Phänomen darstellt. Und als solches bestimmt es logischerweise auch politische Prozesse. Unser Alltagsverhalten müssen wir nicht überschätzen, doch unterschätzen sollten wir es auch nicht. Unser Verhalten ist immer vorbildlich — immer!
Sich der Welt Schwarzer Schwäne zu stellen, bedeutet stets eine Reise ins Ungewisse. Ungewissheit impliziert zwei weitere psychologische Verhaltensweisen, die tief in unseren Genen verankert sind: Angst (vor Gefahren) und Neugier (auf das Unbekannte). Und beide sind lebensnotwendig. Weiße Schwäne geben uns Sicherheit, Schwarze Schwäne Freiheit, und das eine kann ohne das andere nicht funktionieren.
Der Journalismus unserer Zeit — war es eigentlich in vergangenen Zeiten anders? — lebt in der Angst vor Schwarzen Schwänen. Als solcher spiegelt er dieses hier als philosophisches Prinzip vorgestellte gesellschaftliche Phänomen. Wenn wir also an unserem eigenen Journal basteln — und das tun wir permanent, ob wir wollen oder nicht —, wenn wir sozusagen unseren ganz eigenen Journalismus betreiben: Dann sind wir gefordert, in den Geschichten zu Weißen Schwänen immer mal wieder auf die Suche nach Schwarzen Schwänen zu gehen.
Bitte bleiben Sie schön achtsam, liebe Leser.
Anmerkungen und Quellen
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(1) Der Schwarze Schwan — Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse; Nassim Nicholas Thaleb; Albrecht Knaus Verlag; 2015; ISBN: 978-3-8135-0686-0; S. 102
(2) 09.07.2026; Backpackers Guide; Die Entdeckung und Geschichte Australiens; https://www.australien-backpackersguide.com/die-geschichte-und-entdeckung-australiens/
(Titelbild) schwarzer Schwan, Neugier, Unwissenheit; Autor: Holger Detje (Pixabay); 10.06.2023; https://pixabay.com/de/photos/schwan-vogel-wasserv%C3%B6gel-black-swan-122983/; Lizenz: Pixabay License