Die ARD-Tagesschau betreibt das gegeneinander Ausspielen gesellschaftlicher Gruppen geradezu vorbildlich.


Der Eindruck ist schwer zu lindern. Nämlich der, dass man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht so recht begeistert ist über die Eigendynamik, die sich seit Monaten gegen die zunehmende Militarisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland entwickelt. Eine monströse Propaganda, die uns aufschwatzen möchte, unser vordringlichstes Ziel müsste darin liegen, Kriegs- und Wehrbereitschaft herzustellen, stößt trotz ihrer flächendeckenden, allgegenwärtigen Durchdringung an ihre Grenzen. Die zunehmend populär werdenden Schulstreiks belegen es. Das ist sehr gut. Aber natürlich nicht für Jene, die von der geschürten Kriegshysterie im Übermaß zu profitieren gedenken. Sind es dann doch eher diese Protagonisten, die den Redaktionen der Öffentlich-rechtlichen am Herzen liegen?


Es geht also wieder einmal um Propaganda, um Propaganda der ARD. Und die ist im konkreten Fall recht geschickt angelegt. Oder auch nicht. Denn, wenn man sich mit den unterschiedlichen Spielarten von Propaganda nur etwas auskennt, dann wird Einem sehr schnell gewahr, um was es im (weiter unten) untersuchten Artikel geht: Um Spaltung.

Spaltung ist eine Methode des Teile-und-herrsche und damit ein Machtinstrument. Spaltung ist eine vollzogene Abgrenzung von anderen Sichten und Meinungen. Spaltung zieht Mauern in den Köpfen hoch und vereinzelt Menschen. Menschen, die im Grunde ein natürliches, lebenswichtiges Bedürfnis in sich tragen, dauerhaft oder temporär mit anderen Menschen in Gemeinschaften zu leben, sich auszutauschen, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu beschenken, Andersartigkeit zu ertragen und als bereichernd zu erfahren.

Spaltung als Herrschaftsmethode treibt genau in diese natürlichen Bedürfnisse Keile, sät Misstrauen, grenzt aus, provoziert Schuldgefühle, Ängste und gar Hass. Es ist eine emotionale, keine rationale Methode. Und in dieser Form lässt diese sich mit Fug und Recht sogar als pathologisch, als psychopathisch charakterisieren. Es ist eine äußerst hässliche, hinterhältige Form von Manipulation.

Nun ist es nicht so, dass die aktuelle ARD-Berichterstattung zum Thema Schulstreiks jeder Sachlichkeit entbehren würde. Es gibt genug Berichte, in denen der Anspruch unvoreingenommener Berichterstattung zumindest in Teilen sichtbar wird. Und es werden löblicherweise Organisatoren dieser Streiks auch persönlich interviewt. Aber bereits hier ist nicht alles ganz so ungetrübt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Anfang März interviewte ein Reporter der ARD-Tagesschau den Initiator der „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Ein absolut lesenswertes Interview, das aber mit einigen Feinheiten gewürzt wurde (1).

„Schulstreik gegen Wehrpflicht“ ist eine Marke und mit dieser Marke lässt sich der Initiator, Hannes Kramer, auch zusammenbringen. Das bedeutet aber nicht, dass es in der Bundesrepublik Deutschland nur eine zentrale Bewegung von Schülern gegen die Wehrpflicht gäbe, eben die mit der Marke „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Das entspricht nicht der Realität, es gibt mehrere zentrale und eine unbestimmte Zahl dezentraler Initiativen, mittels derer Schüler gegen Krieg und Militarisierung auf die Straße gehen (2, 3). Das sind Initiativen, die lose informelle Netzwerke bilden, sich austauschen und auch koordinieren.

Kommen wir zurück zur Marke „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ und deren Initiator Hannes Kramer. Das sehr lesenswerte Interview wurde von der Tagesschau-Redaktion mit einem Infokasten garniert, und den wollen wir uns einmal anschauen (b1):

Damit sind wir angekommen in der Manipulation, beim Einnorden des Konsumenten, bei Propaganda. Das ist ein ganz hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Systemmedium funktioniert. Es ist hier nicht einmal entscheidend, was da geschrieben steht, sondern vielmehr, von wem die Inhalte übernommen wurden. Die ARD-Tagesschau veröffentlicht ein Interview mit einem Friedensaktivisten und hat nichts besseres zu tun, als den Infokasten dazu quasi von einer Institution der Macht zu übernehmen. Der Verfassungsschutz ist ohne Wenn und Aber ein Herrschaftsinstrument. Und als solches ist eines seiner wichtigsten operativen Tätigkeitsfelder, alles das zu schwächen, was den Herrschaftsanspruch der Regierenden in irgendeiner Weise in Frage stellen könnte.

Ein unabhängiger Sender, einer, der sich von Macht fernhält, sie mit kritischer Distanz beobachtet, kommt nicht auf die Idee, einen in Symbiose mit der Regierung agierenden Nachrichtendienst, eben ein Herrschaftsinstrument zu verwenden, um zusätzliche Informationen über das Wirken einer Person anzubieten. Ein unabhängiger Sender sammelt und selektiert diese Informationen selbst und in Eigenverantwortung.

Aber hier ging es darum, dass der Leser sich im Klaren darüber zu sein hat, dass Hannes Kramer einer Organisation angehört, die vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingeordnet wird. So funktioniert das mit der Spaltung.

Diese Methode, eine Methode der Ausgrenzung per in den Köpfen implementierter Kontaktschuld, wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend in Gebrauch genommen. Ob Klima, Russland, PLandemien, Terrorismus, Diktaturen oder Friedensbewegung: Stets waren die Systemmedien zur Stelle, auf Jene zu zeigen, welche die kriegstreibenden Erzählungen zu diesen Themenkomplexen nicht hinzunehmen bereit waren. Stets wurde zu diesem Zweck eine Nähe zu realen oder fiktiven gesellschaftlichen Gruppen hergestellt, die man zuvor als unakzeptabel, ja als gefährlich für alle „Anständigen“ etikettiert hatte. Immer darauf ausgerichtet, dass sich kritische Bewegungen spalteten und im Idealfall (für die Regierenden) auch noch untereinander in die Wolle gerieten. Und so schwebt für den geschulten (von der ARD geschulten) Konsumenten der Grauschleier eines Unberührbaren über Hannes Kramer.

Der obige Bildschirmschnappschuss gibt aber auch einen Fingerzeig, dass die Dinge verwoben sind. Das Interview wurde aus Sicht des Autors professionell und nach journalistischen Maßgaben geführt. Die Fragen sind leicht provokativ aber als solche trotzdem legitim. Der Interviewer machte sich nicht eins mit dem Gesprächspartner, blieb distanziert und trotzdem respektvoll. Der Infokasten (siehe oben) aber passt irgendwie nicht zu diesem aus Sicht des Autors authentischen Interview. Es hat den Anschein, dass dieser Infokasten quasi im Auftrag genau so eingefügt werden musste. Das Interview durfte auf keinen Fall für sich selbst stehen, dem Leser (Zuschauer) musste unbedingt noch etwas mitgegeben werden, damit er alles „richtig“ einordnet.

Und damit leiten wir über zu einem Tagesschau-Artikel, der deutlich stärker auf einen Auftrag hinweist, mit dem Meinung gebildet werden soll. Bilden im Sinne von Manipulation — und zwar unseres Unterbewussten. Der medienkompetente Leser ist sich im Klaren darüber, dass die stärkste Botschaft, die dann also immer eine emotionale Botschaft darstellt, ganz an den Beginn und sozusagen prominent gestellt werden muss. Das liest sich in einer Überschrift eines Textes der ARD-Tagesschau so:

„Linksextreme steuern »Schulstreiks gegen Wehrpflicht«“ (4)

Was fällt uns auf? Die ARD-Tagesschau hat vergessen, Linksextreme in Anführungszeichen zu setzen. Vergessen hat sie es nicht bei Schulstreiks gegen Wehrpflicht. Was übrigens nicht korrekt ist, denn die Initiative nennt sich Schulstreik gegen Wehrpflicht (5). Linksextreme wird hier also als nicht zu hinterfragende Wahrheit, als Tatsachenbehauptung kommuniziert. Und wir „wissen“ ja alle, dass Extreme ganz gefährlich sind. Passender ausgedrückt, sollen wir es glauben. Mit wissen ist da nämlich nichts. Nun kommt aber diese Charakterisierung aus dem Hause des Verfassungsschutzes. Die angeblich unabhängige und unvoreingenommene ARD-Tagesschau, also ihre Journalisten und Redakteure, haben sich hier die Sprache des Verfassungsschutzes, die Sprache der herrschenden Macht, zu eigen gemacht.

Die Überschrift ist wohlformuliert, sie soll genau so wirken, wie wir es lesen. Damit ist der gesamte Text im Grunde für eine Analyse gar nicht mehr relevant. Die entscheidende Botschaft schwingt unweigerlich beim Studieren mit, und diese Botschaft wurde sehr bedacht eben deshalb als öffnende Klammer des Artikels gesetzt.

Was nun genau linksextrem oder rechtsextrem im Kontext der Organisationen, die da „untersucht“ werden, bedeuten soll, darüber klärt uns der Artikel nicht auf. Braucht er auch nicht. Die Leute, die Konsumenten, haben die Fähigkeit verloren — oder auch nie erlangt — nachzufragen, was denn nun so schlimm an der DKP und der SDAJ sein könnte. Man bleibt allgemein, zeigt in einem ähnlich dem weiter oben dargestellten Infokasten auf die „DDR-Nähe“ der Partei und ihrer Jugendorganisation, aber was nun wirklich extrem an ihnen sein soll, erfahren wir nicht. Es genügt, dass dieses Bild im emotionalen Unterbewusstsein eingepflanzt ist.

Und hier kommen wir an einen Punkt, der die enge Nähe öffentlich-rechtlicher Medien zu den Herrschenden geradezu frappierend ins rechte Licht rückt:

„Die DKP und die SDAJ werden von den Verfassungsschutzbehörden in Deutschland wegen ihrer linksextremen, revolutionären Ausrichtung seit Jahren beobachtet. Die Aktivitäten der beiden Organisationen im Zusammenhang mit den Schulstreiks sind dort bekannt.“ (4i)

Gut, noch einmal daran erinnert zu werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland Schnüffelpraktiken angewandt werden, die an jene des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Deutschen Demokratischen Republik erinnern. Zumal die Schnüffelei ja auch noch ideologisch motiviert ist. Die hessische Landebehörde des Verfassungsschutzes hat ein gesteigertes Interesse, in diesem Zusammenhang die Friedensbewegung zu überwachen — und zu steuern! Und dafür benutzt sie die öffentlich-rechtlichen Medien. Die nämlich geben erst die „Erkenntnisse“ des Nachrichtendienstes an die Öffentlichkeit weiter, womit sich die manipulative Wirkung der Inhalte entfalten kann.

Inwieweit die ARD selbst „investigativ“ wurde, oder ob ihr die Recherche nicht doch nahegelegt wurde, bleibt ungeklärt. Aber die Symbiose ist Realität — erkennen Sie es, liebe Leser?

„Vernetzung- und Planungstreffen des Bündnisses gegen Schulstreik finden nach Angaben des Landesamts für Verfassungsschutz Hamburg am Sitz der DKP Hamburg statt. »Auch die SDAJ versucht aktuell über dieses Thema in linksorientierten jugendlichen Milieus Fuß zu fassen«, heißt es weiter auf hr Anfrage. DKP und SDAJ würden versuchen, »Jugendliche durch Veranstaltungen an die eigene Organisation heranzuführen und zu rekrutieren«.“ (4ii)

Die Erzählung in diesem Artikel gibt uns den Fingerzeig: „heißt es weiter auf hr Anfrage“. Die ARD bedient sich in ihrer Nachricht also eines Nachrichtendienstes. Und zwar eines Nachrichtendienstes, der seine Praktiken nicht offenlegen muss. Das ist nichts anderes, als wenn sich Redakteure des Neuen Deutschlands (des SED-Parteiorgans in der DDR) für eine Recherche mit dem MfS in Verbindung gesetzt hätten. Oder — was viel wahrscheinlicher daherkommt — vom MfS, nun ja, etwas gebrieft wurden. Es ist das gleiche Prinzip. Und es ist extrem regierungsnah. Es ist systemkonform. Es riecht außerordentlich streng nach herrschender Macht. Die ARD hat sich die Nachricht von einem Nachrichtendienst dieser herrschenden Macht gestalten lassen. Berührungsängste sind nicht ansatzweise erkennbar.

Es geht also in Wirklichkeit nicht darum, irgendwelche extremistischen Gruppen auszumachen. Wichtig ist den Spin-Doktoren, die nächste Bewegung zu zerschlagen, in der Menschen in der Lage sind, gemeinsame Ziele nach außen hin zu vertreten und dabei ideologische Barrieren zu überschreiten. Was man dafür benötigt, ist das Spiel mit den Emotionen. In diesem perfiden Spiel wird der Begriff Extremismus benutzt, um Ängste zu provozieren. Und die Spin-Doktoren müssen dafür nicht einmal bei der ARD angestellt sein, wie wir weiter oben erfahren durften.

Ideologien sind Stützpfeiler des herrschenden Systems. Weil man sie gegeneinander ausspielen kann. Weil sie in ihrem Wesen unversöhnlich sind. Weil jede Ideologie auf ihre Art sich selbst eingrenzend auf der einen und extrem auf der anderen Seite daherkommt. Die Überschreitung ideologischer Grenzen ist genau das, was heute mehr denn je gebraucht wird. Weil wir damit Brücken bauen und so erst einmal wieder eine vernünftige Kommunikation in der Gesellschaft herstellen. Und ohne das ist Frieden schlicht nicht machbar.

Das herrschende System fußt selbst auf ideologischer und — in kapitalistischen Systemen der Gegenwart unvermeidlich — monetärer Macht. Eine Kaste von Gewinnern des Systems findet zueinander als mehr oder weniger eng vernetzte Teilnehmer eines informellen Systems. Die Teilnehmer sind daran interessiert, das System für sich arbeiten zu lassen, und sie benötigen dafür auch Menschen, die vom System und seinen Auswüchsen weniger oder gar nicht profitieren, ja sogar Schaden nehmen. So betrachtet sind auch die bei der ARD beschäftigten Menschen ein aussagekräftiger Spiegel unserer gespaltenen Gesellschaft.

Bitte bleiben Sie schön achtsam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

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(1) 05.03.2026; ARD-Tagesschau; Interview mit Hannes Kramer; „Wir ziehen uns aus keiner Verantwortung“; https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/wehrdienst-schulstreik-gegen-wehrpflicht-100.html

(2) 05.03.2026; zdf heute; Moritz Finger, Patrick Müthing; „Angst, auf andere Menschen zu schießen“; https://www.zdfheute.de/politik/schulstreik-wehrpflicht-debatte-100.html

(3) Netzwerk Friedenskooperative; Schulstreiks gegen die Wehrpflicht am 8. Mai 2026; https://www.friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-8-5; abgerufen: 06.05.2026

(4 bis 4ii) 17.04.2026; ARD-Tagesschau; Volker Seifert; Linksextreme steuern „Schulstreiks gegen Wehrpflicht“; https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/schulstreiks-hintergrund-100.html

(5) Schulstreik gegen Wehrpflicht; https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/; abgerufen: 06.05.2026

(b1) ARD-Tagesschau, Schulstreiks, Hannes Kramer; 05.03.2026; https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/wehrdienst-schulstreik-gegen-wehrpflicht-100.html; Bildschirmschnappschuss

(Titelbild) Spaltung, Geist, Reflexion; Autor: Gerd Altmann (Pixabay); 07.03.2019; https://pixabay.com/de/illustrations/wahrnehmung-psychologie-gesicht-4039508/; Lizenz: Pixabay License

Von Ped

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