… und ein kleiner Exkurs in der Matrix, in die wir permanent gezwängt werden


Der hier behandelte, bei der ARD-Tagesschau entdeckte Artikel wurde von deren Redaktion richtigerweise als Meinungsbeitrag veröffentlicht. Wobei es da bei der ARD-Tagesschau schon seit langem kaum einen Unterschied mehr gibt zwischen Meinung und Nachricht. Abgesehen davon, dass es Meinungseinfalt statt Meinungsvielfalt ist, die einem da begegnet. Denn der Auftrag für die „Öffentlichen“ lautet intern sehr offensichtlich eher, Meinung zu bilden statt unparteiisch zu berichten.


Aber nun zum Beitrag der ARD-Tagesschau:

„Russland-Sanktionen auf Eis — Wie sich Trump Putin weiter annähert

Stand: 17.10.2026 • 10:08 Uhr

Die Unterstützung von US-Präsident Trump für die Ukraine war schon immer zurückhaltend. Mit den ausgesetzten Sanktionen kommt er dem russischen Präsidenten weit entgegen. Auch in den USA wird er dafür massiv kritisiert.

Von Carsten Kühntopp, ARD Washington

Letztens bei CNN: James Talarico, Kandidat der Demokraten in Texas für einen Sitz im US-Senat, diskutiert mit Bürgern. Ein Student fragt ihn: »Warum sollten wir der Ukraine all das Geld geben, anstatt es in unsere Gemeinden zu stecken und unseren Mitbürgern in Texas zu helfen?«

Talarico antwortet: »Im Zweiten Weltkrieg haben wir gelernt: Wenn wir einem Aggressor in Europa nicht die Stirn bieten, rächt sich das später. Wir müssen die Ukraine und unsere NATO-Verbündeten stärken, während sie sich der russischen Aggression entgegenstellen — damit wir das nicht tun müssen.«

In gewisser Weise sehe er das als eine kostensparende Maßnahme.“ (1)


Der ARD-Angestellte Carsten Kühntopp ist dem Autor seit längerem für publizierte Meinungen bekannt, die sich stets geschmeidig der zu veröffentlichenden Meinung und den (ungeschriebenen) Vorgaben seines Arbeitgebers anpassten.

Warum hat Kühntopp hier so ausführlich bei CNN „abgeschrieben“? Wollte er eine dialektische Methode anwenden — zwei Sichten argumentativ gegeneinander stellen — und ist dabei auf der Hälfte des Weges gestrandet? Oder ist das ein Argument, das ihm geeignet erschien, Werbung für die Weiterführung des Ukraine-Konflikts statt dessen Beilegung zu betreiben? Teilte er die Argumentation des US-Demokraten James Talarico? Davon können wir durchaus ausgehen, aber zwingend ist es nicht. Doch warum hat Kühntopp Talaricos Aussage einfach für sich stehen und sprechen lassen, was einer stillschweigenden Zustimmung gleichkommt?

Einseitig Bericht zu erstatten und einseitig Geschehnisse zu untersuchen und zu bewerten, damit also zu framen und die Meinung der Konsumenten zu beeinflussen, zählt zum Standardrepertoire von Propaganda. Im konkreten Fall gehört dazu, ein einseitiges Bild zu produzieren — in einer Weise, dass Trump für seine Außenpolitik, gerade auch der in Bezug auf den Ukraine-Konflikt, „in den USA massiv kritisiert wird“. Die andere Hälfte der Wahrheit besteht nämlich darin, dass Trump dafür auch von nicht wenigen gelobt wird. Aber etwas anderes erscheint dem Autor bemerkenswerter.

Meinungsbeiträge wie die von Carsten Kühntopp stützen und bereichern die systematische Desinformation seines Senders zum Ukraine-Konflikt, aber nicht nur das. Können sie uns doch erzählen, dass es ein noch deutlich größeres Erzählwerk gibt, in das die aktuelle Desinformation eingebettet wird. Ein Erzählwerk, dass seinerseits, auf einer höheren Ebene, desinformiert. In dem es Geschichte in einem kalkulierten Sinne schreibt. Geschichte als Erzählung zu weiter zurückliegenden geschichtlichen Ereignissen. Und, dass die Argumentation von James Talarico Geschichtsfälschung verinnerlicht, ist ja nun mehr als deutlich. Oder nicht? Folgendes sei aus obigem Zitat extrahiert:

„Im Zweiten Weltkrieg haben wir gelernt: Wenn wir einem Aggressor in Europa nicht die Stirn bieten, rächt sich das später.“ (1i)

Nicht, dass diese Aussage an sich grundsätzlich falsch wäre. Doch geht sie an der wahren Geschichte vorbei. Sie thematisiert eine Behauptung, hinter der das wahre Problem, die wahren Hintergründe und Ursachen für den Zweiten Weltkrieg verschwinden. Der zitierte Politiker der US-demokratischen Partei hatte da also sein Publikum geschichtlich desinformiert. Carsten Kühntopp, der ARD-Korrespondent in Washington, hat nun diese Desinformation an das bundesdeutsche Publikum weitergetragen.

Das Problem bestand schließlich eben nicht etwa darin, dass man dem Deutschen Reich „nicht die Stirn geboten“ hätte, was „sich später rächte“.

Wir leben in einem Gespinst von Erzählungen, von Erzählungen, die so aufgebaut sind, dass sie sich gegenseitig bestätigen und so eine große Erzählung darüber stützen. In diesem großen Erzählraum werden wir permanent verführt, emotional hin- und hergestoßen. Dieser große Erzählraum duldet keine Konkurrenz, er will uns vielmehr weismachen, er würde die Realität abbilden. Aber es ist eine Illusion, eine Matrix. Die Illusion glaubhaft zu erhalten, bedarf einiges an Aufwand. Schließlich ist sie rational mit Widersprüchen gespickt. Daher auch setzt ja die Erzählweise auf unsere Emotionen. Dort lassen wir uns am besten täuschen.

Es ist interessant zu erfassen, wie die eine Geschichtsfälschung die andere zu stützen sucht. Außerhalb dieser Fälschung zeigen sich dagegen brisante Parallelen in den beiden Ereignissen. Das Ereignis Ukraine-Krieg wurde vom US-Wahlkandidaten und über ihn von Kühntopp in den Zusammenhang zu einem länger zurückliegenden Ereignis, den Zweiten Weltkrieg, genauer gesagt dessen Ursachen, gebracht. Danach waren die Annexionen Österreichs und der Tschechoslowakei sowie die nachfolgende Besetzung Polens durch das faschistische Deutschland die Grundlage des Weltkrieges. Das ist zwar richtig, aber auch nur dann, wenn es nicht aus dem Zusammenhang gerissen erzählt wird.

Doch die Erzählung, dass die Westmächte, „die Demokratien“, dabei tatenlos zugeschaut hätten, stimmt dafür ganz und gar nicht. Das Gegenteil ist der Fall: Dem Dritten Reich war es überhaupt nur durch die aktive Teilhabe des Westens möglich, den ganz großen Krieg zu führen. Dessen, des Westens aktive Teilhabe war natürlich kein blindes Stolpern in den Weltenbrand, sondern entsprang einer wohldurchdachten, im wahrsten Sinne des Wortes berechnenden Strategie. Lassen wir also einmal die ganze Ideologie und den politischen Wahn drumherum beiseite. Schauen wir auf die Kalkulation.

Der rasante wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands in den 1930er-Jahren war ein geborgter Aufstieg. Dessen waren sich die Nationalsozialisten bewusst. Dessen waren sich auch die Kreditgeber bewusst. Wer Kredit gibt, tut dies aus einem einfachen Grund: Er will den Kredit mit Zinsen zurück. Rendite ist alles. Wie wohl war das Deutsche Reich in der Lage, diese Kredite zu tilgen? Ganz einfach: In dem es mit den Waffen, mit denen die Kredite materialisiert wurden, auf Raubzug gehen würde. Und beide Seiten, Kreditgeber wie Kreditnehmer, waren sich dessen voll bewusst. Wer nun noch weiß, wo das Geld herkam, mit der das Deutsche Reich seinen militärisch-industriellen Komplex innerhalb weniger Jahre hochzog, braucht nur noch eins und eins zusammenzuzählen.

Was noch fehlt, ist das Objekt der Begierde. Wo gab es wohl damals am meisten zu holen? Die größte Herausforderung besteht darin, die Frage zu stellen. Zu beantworten ist sie leicht. Weil die Region, wo es vor 80 oder 90 Jahren am meisten zu rauben gab, die gleiche ist wie heute. Hat man die Antwort, dann kann man auch die Frage, worum es strategisch eigentlich im derzeitigen Ukraine-Konflikt wirklich geht, ganz anders beantworten. In Russland gibt es immens viel zu holen. Und die Masche der Finanzialisierung mittels Casino-Methoden scheint im System des US-Dollars an ihr Ende zu kommen. Haben sich vielleicht „das Großdeutsche Reich“ damals und die Ukraine heute eine ähnliche Rolle auferlegen lassen und fungier(t)en letztendlich gleichermaßen für fremde Mächte als dressierter Kampfhund?

Ohne die aktive, wissentliche, politische und wirtschaftliche Unterstützung für die militärische Aufrüstung des nationalsozialistischen Deutschland durch die Westmächte hätte es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben. Schlicht und einfach deshalb nicht, weil die dafür notwendigen Ressourcen gefehlt hätten, die finanziellen wie die materiellen. Das ist doch allgemein bekannt — der ARD-Tagesschau-Redaktion etwa nicht?

Also noch einmal: Was brachte den ARD-Korrespondenten dazu, die eindeutig geschichtsverfälschende Argumentation eines US-Politikers in einen Meinungsbeitrag einzuflechten, der die Politik der Trump-Regierung gegenüber Russland nicht weniger eindeutig negativ intendiert? Denn, wie gesagt, das anvisierte Publikum der ursprünglichen Desinformation waren die Wähler im US-Bundesstaat Texas. Dass der Journalist, der er vorgibt zu sein, nicht um die geschichtlichen Hintergründe des Zweiten Weltkrieges wissen mag, möchte ich nicht glauben. Allerdings lässt es sich auch nicht ausschließen. Vielleicht liegt der Grund aber auch woanders?

Vielleicht liegt der Grund ja auch darin, dass Kühntopp weiß, wie sehr er bei seiner Redaktion punkten kann, wenn er gut passende Reportagen erstellt. Reportagen, welche die bestimmende Politik zum Ukraine-Konflikt stützen und zumindest nebenläufig die Politik der amtierenden US-Regierung unterminieren? Oder ist es beides: Opportunismus plus geschichtliche Inkompetenz? Oder ist da noch mehr?

Ja, ist es. Das eine ist der (so bezeichnete) Journalist, der Reporter. Das andere ist das funktionierende Vier-Augen-Prinzip. Ja tatsächlich, es funktioniert. Die Redaktion des Senders hat Kühntopps Beitrag geprüft und für gut befunden. Alle wissen sie, was sie zu tun haben. Innerhalb der Blase, in der sie ihre Arbeit tun, sind sie sich einig, und diese Einigkeit kann und wird vorrangig eine stillschweigende sein.

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam, liebe Leser.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung — Nicht kommerziell — Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er — einschließlich der Primärquelle — gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(1, 1i) 17.10.2026; ARD-Tagesschau; Carsten Kühntopp; Wie sich Trump Putin weiter annähert; https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-trump-russland-ukraine-100.html

(Titelbild) 22.05.2020; Tastatur, Fake News; Autor: Gerd Altmann; https://pixabay.com/de/illustrations/fake-fake-news-corona-virus-medien-5205183/; Lizenz: Pixabay License

Von Ped

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