Angela Merkel – eine Transatlantikerin?

Wessen Interessen vertritt die deutsche Bundeskanzlerin?


Am 20. Juli 2018 fand die sogenannte Sommerpressekonferenz mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel statt. Wenige Tage nach dem Treffen der Regierungschefs aus den USA und Russland konnte man darauf warten, dass die transatlantisch ausgerichtete Medienmeute ihre Inszenierung einer Gefahr dieses Treffens für die “freie Welt” auch in die Fragen an die Kanzlerin mehr oder weniger offen einfließen lassen würde. Die Antworten darauf dürften eher enttäuschend gewesen sein.


Frage eines transatlantischen Medienvertreters:

“Frau Bundeskanzlerin, […] ich möchte gleich auf ein anderes Thema zu sprechen kommen, nämlich den US-Präsidenten […]. Es hat jetzt mehrere Beispiele gegeben, dass er sich nicht an Zusagen hält, die er gemacht hat [… , …] das Abrücken von der G7-Erklärung und jetzt nach der Pressekonferenz mit Trump [meint Putin in Helsinki] die Korrektur dessen, was er dort gesagt hat. […] Haben Sie überhaupt noch eine gemeinsame Basis für Absprachen mit dem US-Präsidenten? Wieso können Sie sich darauf verlassen, dass das steht, was er gesagt hat?” (1)

Der Fragende lechzte geradezu nach einer Antwort, die nach “das Tischtuch ist zerschnitten” klingt. Doch die Regierungschefin dachte nicht daran, ihm diesen Gefallen zu tun:

“Ich glaube, man kann schon sagen, dass der bewährte oder uns gewohnte Ordnungsrahmen im Augenblick stark unter Druck steht. Dennoch ist die transatlantische Zusammenarbeit auch mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika natürlich zentral für uns. Ich werde sie auch weiter pflegen. Es ist so, dass das, was mir wichtig ist, […] Multilateralismus, die feste Überzeugung, dass wir, wenn wir zusammenarbeiten, Win-win-Situationen, also Vorteile für alle, schaffen können -, im Augenblick nicht immer das herrschende Prinzip ist. Trotzdem wird mich das jetzt nicht davon abbringen, weiter dafür zu werben. Ich glaube, nur so können wir vorankommen.” (1)

Merkel ist ein gewiefte Taktikerin, die ihre Worte wohl wählt. Ihre Antwort enthielt nicht die kleinste Schuldzuweisung an den US-Präsidenten; sie war allgemein gehalten und ließ die Frage ins Leere laufen.

Nach einigen anderen Themen stieg der nächste Ballon aus der transatlantischen Medienzunft auf. Russische Manipulation wird als bewiesen vorausgesetzt und der Kanzlerin nur noch abverlangt, die richtigen Schlüsse zu ziehen:

“Frau Bundeskanzlerin, welche Schlüsse ziehen Sie aus den Erkenntnissen über die russische Manipulation der öffentlichen Meinung in den USA für sich und für Deutschland?” (1)

Angela Merkel ließ sich jedoch auf das Spiel nicht ein. Sie beantwortete die Frage im Prinzip überhaupt nicht:

“Für Russland ist die sogenannte hybride Kriegsführung, unter der man vielleicht auch Desinformation verstehen kann, erkennbar oder auch niedergeschrieben sozusagen ein festgelegtes Mittel, um zu agieren.” (1)

Das ist eine Allerweltsaussage, die für Deutschland genauso gilt. Schließlich werden gerade 14.000 Cyber-Krieger bei der Bundeswehr rekrutiert. Zu einer klaren Aussage gegen Russland konnte der Frager sie nicht verleiten. 

“Wir setzen alles daran, hier die richtige Faktenlage immer wieder darzustellen und zu argumentieren. Das haben wir in den vielleicht am sichtbarsten gewordenen Fällen wie im Fall Lisa oder dann auch zu unseren Soldaten in Litauen sehr schnell getan und haben damit, denke ich, auch gute Erfolge erzielt.” (1)

Was das für eine Faktenlage sein mag und wie sich die “guten Erfolge” abbilden, ist in ihrer Antwort faktenfrei. Aber als Transatlantikerin machte sie mit solchen Antworten eine denkbar schlechte Figur. Können Sie sich mit der Tatsache anfreunden, dass Merkel gar nicht zur fest angebundenen Fraktion der Transatlantiker gezählt werden kann?

Die Russland-Putin-Trump-Hasser-Fraktion kann man nicht so leicht abschütteln. Wie ein Terrier biss sie sich an Merkel fest, um ihr endlich das “Trump ist böse” abzuringen. Traditionell lieben die transatlantischen Wertewächter Suggestivfragen. Achtung, nächster Versuch:

“Frau Bundeskanzlerin, Sie haben schon gesagt, wie wichtig die transatlantischen Beziehungen noch sind. Aber Präsident Trump hat vor Kurzem gesagt – ich zitiere -: Die Europäische Union ist ein Feind. – Kann es sich die Europäische Union noch leisten, Freund und Verbündeter zu sein, wenn der Präsident sagt, die Europäische Union sei ein Feind?” (1)

Jetzt, nun endlich musste sie doch einknicken, die Merkel. Wir brauchen wenigstens einen Anti-Trump-Spruch für den morgigen Aufmacher, mag sich der ideologisch auf Linie arbeitende Journalist gesagt haben. Sie und ich können davon ausgehen, dass die deutsche Kanzlerin clever genug ist, das Spiel zu durchschauen. Sie lieferte den Gazetten einfach keine Feinbildprojektion:

“Aus meiner Sicht müssen wir es uns leisten, weil wir die Vereinigten Staaten von Amerika als einen wichtigen Partner sehen, auch wenn er aus unserer Sicht nicht immer eine Politik macht, in der wir immer gleiche Meinungen haben. Die Geschichte der transatlantischen Beziehungen zeigt ja, dass es dabei auch viele Konflikte gab. Aber es lohnt sich allemal, diese Konflikte zu lösen. Ich hoffe, dass wir auch weiterhin die Kraft dazu aufbringen. Deshalb kann ich mir diese Wortwahl nicht zu eigen machen. Ich habe einen anderen Ansatz.” (1)

Also, bei allem guten Willen: Angela Merkel ist eine Agentin der Transatlantiker? 

Weil transatlantisch ausgebildete Journalisten eben ideologisch durchkonditioniert sind, merken sie auch nicht, dass ihre Fragen teilweise – nun ja – ziemlich bescheuert sind. Achtung, jetzt kommt ein Gruß aus der Echokammer, das eben, was der Mainstream zuvor eine Woche lang ohne jede Reflexion vom Stapel gelassen hatte:

“Frau Bundeskanzlerin, was halten Sie angesichts dessen, was in Helsinki passiert ist, von der Einladung zu einem zweiten Treffen, die Donald Trump an Wladimir Putin geschickt hat? Halten Sie einen zweiten Gipfel für sinnvoll?” (1)

“Angesichts dessen, was passiert ist” (was ist denn passiert, Herr Qualitäts-Journalist?) hielt es Angela Merkel – potz blitz – trotzdem für sinnvoll. Sie machte deutlich, dass sie nicht gewillt ist, sich in die Front gegen Trump und Putin einzureihen:

“Ich finde, dass es wieder zur Normalität werden muss, dass sich russische und amerikanische Präsidenten treffen. Denn es ist ja richtig, dass wahrscheinlich 90 Prozent des Nuklearwaffenarsenals in den Händen dieser beiden Länder liegen. Schon allein aus Abrüstungsgründen gibt es viele Themen, die man dort besprechen muss, aber auch aus vielen anderen Dingen heraus. Deshalb freue ich mich über jedes Treffen.” (1)

Fällt es Ihnen auf? Die deutsche Regierungschefin sagte mehr, als sie musste. Sie brachte in die Gründe FÜR Begegnungen der Vertreter beider Weltmächte eine emotionale Note, die ich als Botschaft verstehe. Merkel geht sehr sorgfältig mit Worten um. Ihr rutscht so etwas nicht einfach raus und gleichzeitig wirkt diese emotionale Geste absolut authentisch:

“Deshalb freue ich mich über jedes [dieser] Treffen.”

Und sie setzte nach. Sie stellte klar, was tatsächlich NICHT normal ist:

“Ansonsten kann ich die Einladung von zwei Staatschefs natürlich nicht kommentieren. Aber immer, wenn gesprochen wird, ist das im Grunde gut für alle – gerade wenn zwischen diesen beiden Ländern gesprochen wird. Dass seit, glaube ich, 2005 kein russischer Präsident mehr in den Vereinigten Staaten von Amerika war, muss ja nicht die Normalität sein.” (1)

Da musste doch der Mainstream glatt am Verzweifeln sein, so er doch Merkel partout kein Bekenntnis GEGEN DEN Antichristen Donald Trump wie den “Kreml-Chef” abringen konnte. Also führte er sie nun auf glattes Geläuf, auf das der Wirtschaft – und dabei immer schön polemisch:

Frage: “Ich möchte noch einmal auf das transatlantische Verhältnis zu sprechen kommen. Jean-Claude Juncker reist nächste Woche nach Washington, um zu versuchen, einen drohenden Handelskrieg noch abzuwenden – Stichwort „Autozölle“. Was ist Ihre Erwartung? Kann das noch abgewendet werden? Wie sollte die EU in dieser Frage – Stichwort „Handelskrieg“ – generell auf Donald Trump reagieren, eher mit Härte oder eher abgestuft nach dem Motto: „Wir halten uns Gegenmaßnahmen eventuell offen, aber wollen erst einmal verhandeln“? Was ist Ihre Strategie?” (1)

Von einer Politik der Stärke aus zu reden, wagen diese Lohnschreiber nur deshalb, weil sie sich selbst stark fühlen – NOCH stark fühlen! Sie sind tief überzeugt, gute Glaubenskämpfer des “freien, einzigartigen, demokratischen Westens” zu sein. Ihre Sprache ist entsprechend auffällig dominant, ja kriegerisch. Die Sicht ist im Kriegsmodus absolut beschränkt, das bringt die emotionale Eingenommenheit nun mal so mit sich. Deshalb kommt dann auch solch ein Blödsinn raus, wie das (Extrakt aus Zitat oben):

“Wie sollte die EU in dieser Frage – Stichwort „Handelskrieg“ – generell auf Donald Trump reagieren” 

Alle gegen Einen. Die Wertegemeinschaft der Guten gegen den irren Teufel in Übersee, der ganz allein die so reinweiße und faltenfreie, schöne, transatlantische Demokratie einfach kaputt macht. Als ob Politik so funktionieren würde! Wäre sie so – da können Sie sich sicher sein – dann weilte Donald Trump längst nicht mehr unter den Lebenden.

Angela Merkel gibt in ihrer Antwort darauf der Zunft einen starken Wink. Ob jene in der Lage waren, ihn zu verarbeiten?

“Die große Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 konnten wir überhaupt nur deshalb bewältigen, weil wir nicht unilateral, sondern weil wir multilateral gehandelt haben. Wir haben damals das Format der G20 auf Ebene der Staats- und Regierungschefs eingeführt. Wir haben alle miteinander – Sie erinnern sich an den Übergang der Präsidentschaft von Bush zu Obama – Konjunkturprogramme aufgelegt. China hat damals einen großen Beitrag dafür geleistet, dass die Weltwirtschaft nicht in eine Rezession abgerutscht ist.” (1)

Auch ihr Gruß nach China zeigt es: Merkel ist pragmatisch und vertritt in dieser Weise die Interessen Jener, von denen sie praktisch (!) gewählt wurde – nämlich der deutschen Wirtschaft. Man kann diesen Pragmatismus kritisieren, doch hat er nichts mit der Hysterie derjenigen zu tun, denen im Laufe der Jahrzehnte in ihrer Allmacht regelrecht das Sendungsbewusstsein zu Kopf gestiegen ist.

Aus ihrer Sicht als Anwältin der deutschen Wirtschaftseliten gab sie nachfolgend eine differenzierte Antwort zur Zollpolitik, die endet mit “Wir werden einheitlich als Europäer auftreten. Dann müssen wir das Ergebnis der Gespräche abwarten.” (1)

Dem in Macht eingebetteten Pressevertreter fiel daraufhin nichts besseres ein, als diese Nachfrage:

“Wie soll die EU auftreten, eher hart oder eher konziliant?” (1)

Ob er jemals daran gedacht hat, dass “Strafzölle” der EU gegenüber den USA seit Jahr und Tag gängiges Handwerkszeug sind?

Einflussreiche Kräfte in den USA haben festgestellt, dass die extreme Schieflage in der Außenhandelsbilanz der USA eine gefährliche Dimension für die eigene nationale Wirtschaft erreicht hat. Und nun verliert der US-Dollar auch noch seine unumschränkte Rolle als Weltleitwährung. Dessen Durchsetzung bis heute, hat sein faktisch uneingeschränktes Schöpfen aus dem Nichts per Kredit ermöglicht. Die USA bekamen Wahres gegen nicht einmal Bares, sondern Kreditgeld. Zeiten, die sich unweigerlich dem Ende zuneigen.

Man merkt einer großen Gilde im Mainstream beschäftigter Journalisten gut an, dass es sie – gelinde gesagt – geradezu ankotzt, dass zwei Staatsmänner in Helsinki miteinander sprachen. Also wird tief in der Gülle gestochert, um irgendeinen Dreck zu finden, den man über dem Helsinki-Treffen auskippen kann. Alles wird zurecht gedreht, wie man es benötigt. Alles ist gewertet – abgewertet!

Frage: “Frau Bundeskanzlerin, ich habe eine Frage zur politischen Kultur. Im Nachklapp des Helsinki-Gipfels erleben wir gerade, dass die Halbwertzeiten von Aussagen von Staats- und Regierungschefs relativ kurz geworden sind. Wenn ich mit Menschen in Russland rede, sagen diese mir, Lüge sei ein adäquates Mittel der Außenpolitik, ganz klar, Stichwort „grüne Männchen“. Mich würde interessieren: Frustriert Sie das manchmal? Haben Sie das Gefühl, dass sich damit vielleicht auch etwas auf das deutsche System auswirkt, dass sich hier die politische Kultur nachhaltig verändert und Schaden nimmt?” (1)

Angela Merkels Antwort leitete folgendermaßen ein:

“Ich denke, es gibt schon eine Veränderung in der politischen Kultur. Sie ist einerseits durch die völlig veränderten Möglichkeiten der sozialen Medien getrieben. Das ist gar keine Frage. Ich denke auch, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns von allen Seiten, sowohl vonseiten der Politik als vielleicht auch von Ihrer Seite, vonseiten der Journalisten, mit der Frage der Verantwortlichkeit für richtige Meldungen beschäftigen.” (1)

Merkel drehte die tendenziös gestellte Frage komplett um und stellte gleich noch die Frage nach der Verantwortung an die Journaille selbst. Das finde ich schon erstaunlich. Und sie geht sogar noch weiter:

“Ich denke, ich habe schon auf die Frage von der Kollegin gesagt, dass es mir sehr wichtig ist, dass ich umso mehr versuche, auf meine Sprache zu achten, präzise zu sein, dass natürlich auch die Fakten stimmen und dass sozusagen durch Beispielgebung versucht wird, diesen Prozess einer manchmal auch – so würde ich sagen – gewissen Verwahrlosung ein wenig im Zaume zu halten, weil ich glaube, dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt.” (1)

In der nächsten Frage glänzt die Inkompetenz. Ich frage mich, wie diese Zunft tickt, dass ihre Vertreter sich dermaßen schlampig (auch in der Wortwahl) und uninformiert auf eine Pressekonferenz immerhin mit der Regierungschefin ihres Landes vorbereiten.

Frage: “Es geht um den erheblichen Druck auf Deutschland seitens des amerikanischen Präsidenten wegen der Militärausgaben. Wie würden Sie dieses Problem lösen? Werden Sie F-35 aus Amerika bestellen und sagen, damit sei die Sache erledigt, oder werden Sie in die Militärforschung oder die Forschung für militärische Zwecke zum Beispiel in der Militärindustrie investieren? Wie werden Sie die zwei Prozent erreichen, die Herr Trump von Ihnen verlangt?” (1)

Wussten Sie, dass diese zwei Prozent in Wirklichkeit ein alter Hut (aus dem Jahr 2014) sind? Und fällt Ihnen auf, dass die drastische Erhöhung der Militärausgaben in Hinsicht auf das OB überhaupt nicht mehr diskutiert wird? Nur das WIE spielt noch ein Rolle. Ist der Journalist tatsächlich so indoktriniert, dass er den Unsinn in seiner Frage nicht bemerkt (Extrakt aus Zitat oben)

“Wie werden Sie die zwei Prozent erreichen, die Herr Trump von Ihnen verlangt?”

Einige Fragen zuvor wurde mit den Muskeln der EU gespielt, um im Zollkrieg gegenüber den USA groß auftzutrumpfen. Nun ist man plötzlich wieder ganz der dienernde Vasall und schlägt die Hacken zusammen, um sich an die Ausführung des Befehls aus Washington zu machen. Was für ein Theater – präsentiert von der transatlantischen medialen Schauspieltruppe. Mit Journalismus aber hat das nichts zu tun.

Allenfalls ist es Schmierenjournalismus und die Pressekonferenz war ja noch nicht zu Ende:

Frage: “Frau Bundeskanzlerin, Sie haben vor ungefähr einem Jahr in München eine Rede gehalten und gesagt oder signalisiert, dass sich Deutschland und Europa nicht mehr auf die Vereinigten Staaten verlassen könnten und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen sollten. Manche beklagen, dass seitdem nicht viel geschehen sei. Verstehen Sie das und diese Kritiker? Würden Sie sagen, dass Deutschland eine neue transatlantische Strategie braucht? Ist das irgendetwas, das sich die Bundesregierung überlegt?” (1)

Ein großer Teil der Schauspieler ist sich ihrer Rolle in der Inszenierung nicht bewusst, so wie dieser. Er fragte nach einer neuen transatlantischen Strategie. Die wird es auch geben, aber nicht im Sinne der aktuell noch die Strippen ziehenden transatlantischen Netzwerke. Diese Frage war eine absolute Steilvorlage für Merkel – und für Trump! Dankbar nahm die deutsche Kanzlerin daher auch den Ball auf:

“Ich glaube, dass der Satz wahr ist und sich auch durch die Ereignisse danach weiter bestätigt hat, dass wir uns nicht einfach auf die Ordnungsmacht und Supermacht Vereinigte Staaten von Amerika verlassen können. Ich finde, es ist auch legitim, dass Europa seine Rolle in der globalen Ordnung findet.” (1)

Verstehen Sie mich nicht falsch. Darüber freue ich mich nicht, doch ist es eine zweifelsfreie Tatsache. Deutschlands neue Rolle in der Welt, eine quasi neue Weltgeltung, die von Angela Merkel postuliert wird, halte ich für sehr gefährlich. Sie ist Widerspiegelung des Niedergangs der USA als Weltmacht, aber sie bringt uns dem Frieden langfristig nicht näher. Wir erfahren von Änderungen im Machtgefüge der westlichen Welt, aber dieses Gefüge als solches hat das Grundproblem, kriegstreibend zu sein, deshalb nicht verloren.

Die eingebetteten, in den Seilen der transatlantischen Eliten hängenden Medienvertreter aber sind politisch blind. In ihrer Glaskugel; in ihrem eigenen Mief verlogener Moral und Ethik eines Wertewestens, den es nie gab, der sich aber anmaßt, Völkern und Nationen weltweit das Koordinatensystem vorzuschreiben, erkennen sie nicht den Wandel und fragen daher im Prinzip immer das Gleiche – und immer emotional aufgeladen:

Frage: “Frau Bundeskanzlerin, Donald Trump hat Deutschland mehrmals kritisiert. Warum, denken Sie, tut er das? Was hat er gegen Deutschland? Was denken Sie darüber, dass er Deutschland so explizit kritisiert? (1)

Ein Journalist, der den Knall nicht gehört hat. Knapp drei Jahre Trump-Bashing aus Deutschland sind nun in die Historie eingegangen; in einer Tonart, die auch gern mal ein vorzeitiges Ableben für den Irren da in Washington herbei wünschte. Und dann fragen die Hetzer, warum der Verfemte sie nicht leiden kann. Verdrehung von Ursache und Wirkung, Fixierung auf Feindbilder, absolut eingeschränkte Sichten. So stellen sich die sogenannten Leitmedien heute (wie gestern) dar; als verlängerter medialer Arm des der Macht verlustig gehenden Clinton-McCain-Establishments.

Halten wir fest, dass die deutsche Bundeskanzlerin eine andere Sprache spricht. Sie entzieht sich der emotional aufgeladenen Tonart des Journalisten vollständig und antwortet in eben deren Sprache, für die sie nun mal dort steht, für die “deutsche Wirtschaft”:

“Ich nehme es erst einmal zur Kenntnis. Ich habe da jetzt nicht nach der Motivation geforscht, sondern ich versuche, mit meinen Argumenten zu antworten. Sicherlich haben wir ja sehr enge Verflechtungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika, gerade, was den Handel anbelangt. Wir sind ein Land unter den europäischen Ländern, das sehr intensiv mit Amerika handelt, und deshalb sind wir vielleicht auch prototypisch für eine Gesamtsituation. Ich glaube, dass wir Argumente austauschen müssen. Wenn zum Beispiel der Handelsüberschuss Deutschlands oder Europas gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika genannt wird, dann ist es wichtig, zu sagen: Das stimmt, wenn wir uns nur die Waren und die Güter anschauen. Wenn wir aber Dienstleistungen und die in die Vereinigten Staaten von Amerika zurücküberwiesenen Gewinne hinzuaddieren, wenn man sich also die Leistungsbilanz insgesamt anschaut, dann sieht das ganz anders aus. Dann haben wir eine ausgeglichene bis für die Vereinigten Staaten von Amerika leicht positive Leistungsbilanz. Die ist für mich relevanter. Solche Argumente versuche ich einzubringen.” (1)

Es wollte einfach nicht aufhören. Die Medienmeute konnte nicht glauben, dass Angela Merkel es nicht schlimm fand, dass Trump und Putin miteinander gesprochen hatten und stellte im Prinzip immer wieder die gleichen Fragen. Nun ja, beim Satzbau war man kreativ:

Frage: “Frau Bundeskanzlerin, können Sie uns sagen, was Ihnen durch den Kopf gegangen ist, als Sie die Pressekonferenz in Helsinki gesehen haben? Haben Sie da gedacht: Ja, da sind zwei Regierungschefs wichtiger Länder und die reden miteinander, das ist ja toll. Oder waren Sie überrascht oder vielleicht sogar besorgt über das, was da gesagt wurde?” (1)

Frau Merkel wurde diesbezüglich in ihren Antworten – auf die wie gesagt immer gleiche Frage – zunehmend deutlicher und irgendwann vernahm ich ihre Botschaft an die Gazetten: “Ihr könnt mich mal!”

“Ich habe mich gefreut, dass die beiden gesprochen haben, und nehme das, was als Ergebnis da ist, zur Kenntnis. Ich glaube, dass es richtig ist, dass es weitere solche Treffen gibt; denn die ganze Agenda konnte ja überhaupt nicht abgearbeitet werden. Insgesamt liegt mir an verlässlichen Beziehungen zwischen Amerika und Russland. Dass es da Meinungsverschiedenheiten gibt und dass es da auch große und zum Teil tiefe Meinungsverschiedenheiten gibt, ist nicht verwunderlich, denn die gibt es zwischen Russland und Deutschland zum Beispiel auch.” (1)

War der fragende Journalist Angestellter der ARD-Tagesschau? Das Skript der Pressekonferenz gibt darüber keine Auskunft. Doch transatlantische, ideologische Grabenkämpfer gibt es beim Zwangsgebühren-Sender ARD genug. Am gleichen Tag durfte man das auf der Online-Präsenz der Tagesschau ertragen (b1):



Ja, klar. Da arbeiten sie, die Transatlantiker in den USA, aber auch die fleißigen Handwerker der ARD-Tagesschau im Schweiße ihres Angesichts, um den “entstandenen Schaden zu begrenzen”. Friedliche Koexistenz ist schädlich und noch überraschender ist es, wenn sich Spitzenpolitiker gegenseitig besuchen, um Konflikte zu lösen. Für transatlantisch Hirnverbrannte ist das allen Ernstes gefährlich. Für Sie auch?

Es ist schon eine verrückte Welt. In den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, da sitzen sie jedenfalls nach wie vor und tun ihre Pflicht, als transatlantische Auftragsgehilfen; bewusst oder unbewusst, wie auch immer. 

Angela Merkel ist sicher eine gewiefte Machtpolitikerin, aber ist sie auch eine Transatlantikerin? Ich meine: Mitnichten. 

Bleiben Sie bitte schön aufmerksam.


Anmerkungen

(Allgemein) Die Pressekonferenz befasste sich mit einer Reihe weiterer Themen, deren Studium für den Leser ebenfalls aufschlussreich sein kann. Der hier vorliegende Text beschränkte sich jedoch auf die Standpunkte der deutschen Kanzlerin, was das Verhältnis zu den beiden großen Mächten USA und Russland wie deren Präsidenten betrifft.

(Allgemein) Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen können Sie es gern weiterverbreiten und vervielfältigen.

Quellen

(1) 20.7.2018; https://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2018/07/2018-07-20-bpk-sommerpk-merkel.html

(b1) Screenshot; Tagesschau; 20.7.2018, 10 Uhr; Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/

(Titelbild) Kino, Theater; Autor: geralt (Pixabay); Datum: Okober 2017; Quelle: https://pixabay.com/de/vorhang-kino-theater-pr%C3%A4sentation-2757815/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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