Interview mit dem syrischen Präsidenten

Die Botschaft des syrischen Staatsführers ist eindeutig: Syriens Souveränität wird vollständig wiederhergestellt.


Der syrische Präsident Baschar al-Assad hat dem russischen Nachrichtensender Russia Today (RT) in der syrischen Hauptstadt Damaskus ein halbstündiges Interview gegeben. In diesem zerlegt er insbesondere das Narrativ der westlichen Politik und Medien von einem sogenannten „Bürgerkrieg“ in seinem Land.


Letztmalig hat die öffentlich-rechtliche Medienanstalt ARD übrigens vor reichlich zwei Jahren den syrischen Präsidenten um ein Interview gebeten – und auch bekommen. Da die Meinung hoher syrischer Repräsentanten auch die deutsche Bevölkerung interessieren sollte – schließlich ist Deutschland ein aktiver Teilnehmer im Syrien-Krieg – wäre es höchste Zeit für eine Neuauflage. Bis dahin liefern Sender wie das halbstaatliche russische RT den fehlenden Part. Die syrische staatliche Nachrichtenagentur SANA hat das Interview mit Baschar al-Assad auch als Transkript online gestellt (1). Diese englischsprachige Originalquelle nachfolgend in der deutschen Übersetzung (a1): 


Frage 1: „Herr Präsident, vielen Dank für die Einladung, für die Möglichkeit. Nachdem wir nun seit Jahren nach Syrien reisen und von dort über Syrien berichten, ist es eine Ehre, sie schließlich zu treffen. Aber, Herr Präsident, die Zeit ist knapp, die erste Frage: Ihre letzten Erfolge in Ghouta, in Yarmouk, sie haben die Situation in Syrien drastisch verändert. Wieviel näher sind wir dem Kriegsende nun Ihrer Ansicht nach gekommen?“

Präsident Assad: Zuerst seien Sie herzlich Willkommen in Syrien. Mit jedem Fortschritt auf dem Schlachtfeld, mit jedem Erfolg, mit jedem befreiten Gebiet, rücken wir dem Ende des Konflikts näher und ich sagte schon immer, dass sich ohne äußere Einmischung die Situation in Syrien innerhalb eines Jahres bereinigen ließe.

Doch gleichzeitig, mit jedem Fortschritt der syrischen Armee, dem für den politischen Prozess und für die Situation insgesamt – Fortschritt in positiver Bedeutung, hin zu mehr Stabilität – setzen unsere Feinde und Gegenspieler, hauptsächlich der Westen, geführt von den Vereinigten Staaten und deren Partnern in Europa und in unserer Region mit ihren Söldnern, ihre Bemühungen fort, sowohl durch Unterstützung des Terrorismus, durch das Einschleusen weiterer Terroristen nach Syrien, als auch durch das Sabotieren des politischen Prozesses.

Daher stellt sich für uns die Herausforderung, diese Lücke zwischen deren Plänen und unseren Plänen zu schließen und wir nähern uns dem Ziel, doch gleichermaßen ist es schwierig zu bestimmen, wann wir es erreichen. Aber es rückt näher, das ist offensichtlich.“


Frage 2: „Ihre letzten militärischen Erfolge, sind – objektiv betrachtet – spektakulär gewesen; das Tempo, mit welcher die Verteidigung der Rebellen zusammenbrach, die zuvor Jahre widerstanden hatte. Beabsichtigen Sie die Übernahme aller syrischen Gebiete durch (militärischen) Kampf? Wir denken da an Idlib, die Grenze zu Israel, die durch die SDF kontrollierten Gebiete.“

Präsident Assad: „Krieg ist die schlimmste Wahl. Ich glaube, dass alle Syrer das so sehen. Doch manchmal haben sie nur diese Wahl, insbesondere, wenn Sie Gruppierungen betrachten wie al-Qaida, wie ISIS, wie al-Nusra und gleichgesinnte Gruppen – die meisten von ihnen mit der gleichen Ideologie; Jaish al-Islam, Ahrar al-Sham und so weiter und so fort – die sind nicht bereit für irgendeinen Dialog, sie haben kein politisches Konzept; sie haben nur ihre düsteren ideologischen Konzepte, was sich genauso darstellt, wie in allen anderen von al-Qaida auf der Welt kontrollierten Gebieten.

Daher ist die einzige Möglichkeit, mit diesen Gruppen fertigzuwerden, der Kampf. Andererseits sind wir in anderen Gebieten erfolgreich mit dem Aushandeln von Versöhnungsvereinbarungen, besonders dort wo die Bevölkerung Druck auf Militante ausübt, jene Gebiete zu verlassen. Also, ich denke, dass die Schaffung von Versöhnung die beste Wahl ist. Das ist unser Konzept. Aber wenn das nicht funktioniert, ist die einzige Lösung der Kampf.“


Frage 3: „In Bezug auf den Versöhnungsprozess, wie weise ist es, all diese altgedienten Jihadisten mit leichter Bewaffnung nach Idlib zu schicken? Stand jetzt sind Zehntausende von ihnen nach Idlib gekommen, sie haben sich konsolidiert, sie haben ihre Verteidigung ausgebaut. Unter Umständen, so sagten Sie, werden Sie gegen sie kämpfen müssen. Andererseits gibt es möglicherweise Pläne für ein Territorium außerhalb der Regierungskontrolle?“

Präsident Assad: „Tatsächlich ist es so, dass wir betonen, jedes Gebiet zu befreien; so ist es für uns unakzeptabel, in Betracht zu ziehen, dass syrischer Boden außerhalb unserer Regierungskontrolle verbleibt. Das ist ganz natürlich. Und wie Sie wissen, wurde Idlib 2015 mit türkischer Unterstützung von Terroristen erobert. Es wurde im Wesentlichen von al-Nusra und einige diese unterstützende Gruppierungen erobert. Tatsache ist, dass wir den Versöhnungsvereinbarungen vor dieser Zeit begannen, nach 2015 war es so, ich glaube seit Mai 2015, dass jede Gruppierung, welche eine Stadt oder Dorf gewillt war zu verlassen, sich dafür entschied, nach Idlib zu gehen.

Das ist ein sehr guter Indikator, dass sie allesamt von der gleichen Ideologie getragen sind, denn sie entschieden sich dafür, in das Gebiet von al-Nusra zu gehen, sie entschieden sich nie für ein anderes Gebiet. Daher, wir schickten keine Menschen nach Idlib, sondern sie wollten dort hin, weil sie dort ihre Brutstätte finden, die gleiche Atmosphäre, die gleiche Art zu denken und so weiter.

Das ist ein Aspekt, der andere Aspekt, der militärische Aspekt ihrer Frage; der Plan der Terroristen und ihrer Hintermänner war, die syrische Armee zu verwirren, in dem sie sich in vielen Einheiten, über ganz Syrien verstreut, verzettelte, was gar nicht gut für eine Armee ist. Unser Konzept war, sie in ein, zwei, drei Gebieten operieren zu lassen. Lassen Sie mich sagen, wenn Sie zwei oder drei oder vier Fronten haben, dann ist das besser als zehn Fronten oder wenn es gar 100 Fronten gleichzeitig wären. So aber ist es aus militärischer Sicht günstiger. Sie [die Militanten] wählten es [Idlib], doch auch aus militärischer Sicht ist das ein Vorteil für uns.“


Frage 4: „Auf der anderen Seite, so wir über ähnliche Denkweisen reden, ist Idlib vorgeprägt … die Rebellen die es überwältigten, sind Sunniten. Selbst ein Sunnit, habe ich entfernte Verwandte, welche nach Syrien gingen, um gegen Sie [Assad] zu kämpfen, Ihnen zu widerstehen, denn ihnen wurde erzählt, dass sie bedroht würden … Sie [Assad] würden Sunniten umbringen und das ist etwas, das viele Menschen in Idlib glauben. Wie kommt es, dass so viele Menschen in all diesen unterschiedlich geprägten Staaten, in Amerika, in Russland, diese Sunniten, diese Muslime, dass sie glauben, Sie würden diese unterdrücken?“

Präsident Assad: „Weil das erste Narrativ, als es begann, darin bestand – hauptsächlich natürlich im Westen – und innerhalb Syriens, wie auch in einigen Mainstream-Medien in unserer Region und denen im Westen, ein Konzept umzusetzen, mittels dem die Gesellschaft zerrissen wird. Es würde die Dinge für jene einfacher machen; wenn es zu einer Art Bürgerkrieg zwischen Sekten oder Ethnien kommt – und das ist fehlgeschlagen.“

„Bis heute erhalten sie dieses Narrativ, nicht zuletzt, um diverse Fanatiker in verschiedenen Gegenden dieser Welt, dazu zu bringen, nach Syrien zu gehen, um „ihre Brüder“ zu verteidigen, denn das ist ihr Glaube; sie glauben, dass es sich um einen Konflikt zwischen religiösen Gemeinschaften handelt. Daher, wegen derer engstirnigen Denkweise, möglicherweise auch ihrer Ignoranz, kamen sie hierher, um „ihre Brüder“ zu unterstützen. Nun, ich erzähle ihnen, das ist richtig oder falsch, doch Ihr Publikum kennt mich nicht, sie können sich kein klares Bild über meine Glaubwürdigkeit machen, aber ich sagen Ihnen, Sie kennen Syrien sehr wohl, es ist eben besser, hinzugehen und die Realität vor Ort zu sehen.

Also, wenn diese Geschichte erzählt wird, sagen wir, Sektierer töten andere Sektierer, Syrien ist in religiösem Zwist gespalten. Kommt man in Gebiete, die unter unserer Kontrolle stehen, sieht man eine oder [maximal] ein paar Strömungen der syrischen Gesellschaft, geht man in ein von Terroristen kontrolliertes Gebiet, sieht man Vielfalt, doch die Realität ist nicht so.

Heute sehen Sie in Damaskus, in Aleppo, in Homs, in jedem Gebiet unter syrischer Regierungskontrolle, das ganze Spektrum der syrischen Gesellschaft, ohne Ausnahme. Aber diese Tatsache wird vom Narrativ versteckt. Ich meine, wie können sie alle miteinander leben, während die Regierung sie, religiös motiviert, umbringt. Das ist nicht logisch.“


Frage 5: „Schön und gut, doch in Bezug auf Verhandlungen und Versöhnung, hat es Bemühungen zum Einleiten von Gesprächen mit dem Ziel des Erreichens von Resultaten gegeben, in Genf, in Astana. Sie hatten begrenzten Erfolg, aber keinen Durchbruch. Nun aber, lassen Sie mich ehrlich sein, sind Sie dabei, zu gewinnen, sie sind auf dem Siegeszug, ihre Streitkräfte sind auf dem Vormarsch, die Rebellen auf dem Rückzug. Warum sollen sie mit ihnen verhandeln, so die doch dabei sind, zu verlieren?“

Präsident Assad: „Vom allerersten Tag an, sagten wir, dass, wo immer das möglich ist, syrisches Blutvergießen zu verhindern ist. Wir sind immer bereit gewesen, zu verhandeln, auf jede mögliche Art, auch wenn die andere Seite in böser Absicht handelte. Einige Vorschläge waren von bösen Absichten geleitet, ungeachtet dessen verhandelten wir mit ihnen. Es ist offensichtlich, wenn Sie heute durch Syrien gehen, ist es Realität, die Ergebnisse welche durch die Versöhnungsvereinbarungen verkörpert sind, belegen meine Aussage. Ohne eine solche Politik, ohne die Absicht, Blutvergießen zu verhindern, Verhandlungen, [den Willen] mit den Leuten zu reden, hätten wir die Versöhnungen nicht erreichen können.

Das ist das Eine. Das andere ist, dass keiner von Jenen, welche die Regierung bekämpften, eine gemeinsame Basis hatte; einige von ihnen hatten einen ideologischen Hintergrund, andere finanzielle Interessen, weitere wurden von Anfang an missbraucht, sie verrannten sich und schafften es nicht, auszusteigen. Es lassen sich jedoch Türen öffnen und sie können differenzieren zwischen den unterschiedlichen Menschen. Das Wichtigste aber ist nun, dass die Mehrheit der Menschen, welche zuvor gegen die Regierung kämpften – sichtbar – in den verschiedenen befreiten Gebieten, nunmehr, mit der Regierung verbunden sind, weil sie den Unterschied erklären können zwischen dem, eine Regierung zu haben und dem, Chaos zu haben.“


Frage 6: „Nun, bezüglich der Gespräche und der Wiederinbesitznahme von Gebieten mittels Kampf, lassen Sie uns als Beispiel die SDF-kontrollierten Territorien in Deir ez-Zor nehmen. Es hat Auseinandersetzungen gegeben zwischen Truppen, die loyal zu Ihnen stehen und der SDF selbst, den Partnern der Vereinigten Staaten und die Vereinigten Staaten griffen ein, um mit ihnen verbündete Truppen von der Übernahme von Gebieten abzuhalten. Das Gleiche ist in Bezug auf al-Tanf auch geschehen. Wie ist der Stand von Verhandlungen zur Präsenz, der militärischen Präsenz der Vereinigten Staaten in Syrien?“

Präsident Assad: „Nach der Befreiung von Aleppo und später Deir ez-Zor und zuvor der von Homs und nun der von Damaskus, verlieren die Vereinigten Staaten derzeit ihre Trumpfkarten. Die wichtigste Karte war al-Nusra, die man als „moderat“ bezeichnete. Doch als der Skandal, offensichtlich wurde, dass das keine Moderaten sind, dass es die von den Vereinigten Staaten in ihrem Kampf unterstützte al-Qaida ist, suchten sie nach einer neuen Karte. Diese Karte ist gegenwärtig die SDF, denn, wenn es das ist, was Sie meinen, bewegen wir uns in den verschiedenen Gebieten vorwärts, um die Terroristen zurück zu drängen [und] das einzige Problem, das in Syrien bleibt, ist die SDF.

Wir gehen an die Sache mit zwei Optionen heran: die erste ist, wir öffnen die Türen für Verhandlungen, denn die Mehrzahl von ihnen [der SDF] sind Syrer und im Grunde lieben sie ihr Land, sie möchten keine Gehilfen irgendwelcher Ausländer sein, das ist das, was wir unterstützen, da haben wir eine gemeinsame Grundlage. Wir alle haben den Amerikanern seit Jahrzehnten nicht vertraut, nicht wegen des Krieges, sondern weil sie immerzu das eine sagen und dann das Gegenteil von dem tun; sie verbreiten jeden Tag Lügen. So gibt es eine Möglichkeit, wie mit allen anderen Syrern, dauerhaft miteinander zu leben.

Das ist die erste Möglichkeit. Wenn nicht, greifen wir zum letzten Mittel der Befreiung durch Kampf, zur Befreiung dieser Gebiete durch Kampf. Wir haben keine weitere Option; mit den Amerikanern oder ohne die Amerikaner. Wir haben keine andere Möglichkeit. Denn, das ist unser Land, es ist unser Recht und es ist unsere Pflicht, es zu befreien und die Amerikaner sollen es verlassen, auf irgendeine Weise daran gehen, es zu verlassen. Sie kamen ohne eine legale Grundlage in den Irak und schauen wir, was dort passierte. Sie haben eine Lektion zu lernen. Der Irak ist keine Ausnahme und Syrien ist keine Ausnahme. Die Menschen werden in dieser Region keine Ausländer mehr akzeptieren.“


Frage 7: „Doch in Bezug auf die Übernahme von Gebieten, ist es unerklärlicherweise so, dass, wenn Sie ein Problem gelöst haben, sagen wir, das in Ghouta, sich sofort ein neues aufstellt und das passiert ständig. Heute haben wir die Aussage des israelischen Energieministers, der sein Land bedroht sieht, Zitat „sie und ihre Regierung zu liquidieren“ [2]. Haben Sie Angst und wie gehen Sie mit dieser Drohung um?“

Sollte Assad dem Iran erlauben, Syrien in eine Militärbasis zu verwandeln, das dem Iran erlaubt, uns von syrischem Boden aus zu attackieren, sollte er wissen, dass dies das Ende für ihn bedeutet.“ Yuval Steinitz, israelischer Energieminister (2)

Präsident Assad: „Von unserer Geburt an – ich spreche über meine Generation und die meisten der gegenwärtig in Syrien lebenden Generationen – lebten wir unter der Bedrohung durch eine israelische Aggression. Es ist etwas in unserem Unterbewusstsein, doch zu sagen, dass sie während ihres ganzen Lebens seit Jahrzehnten in Angst leben, ist Nonsens. Die Israelis haben in dieser Region seit Jahrzehnten gemordet, getötet, okkupiert, seit etwa sieben Jahrzehnten, doch all das, ohne bedroht worden zu sein. Warum gehen sie jetzt so einen Weg? Das ist Panik, das ist eine Art Hysterie, weil sie ihre „Lieblinge“ verlieren, die Geliebten al-Nusra und ISIS, daher ist Israel seit kurzem in Aufregung und wir verstehen dieses Gefühl.“


Frage 8: „Nun, Israel greift derzeit offenbar Syrien an, mit Luftangriffen, nach Belieben. Wieder und wieder geben sie öffentlichkeitswirksam an, dass Ihre Verteidigung machtlos ist, diese zu verhindern, dass sie [die Israelis] in Syrien tun können, was sie wollen. Stimmt das oder gibt es etwas, womit man verhindert, dass Israel seine Luftangriffe auf Syrien ausweitet?“

Präsident Assad: „Tatsächlich war das erste Ziel der Söldner in Syrien die Luftverteidigung, noch bevor andere militärische Basen attackiert wurden. Es war die Luftverteidigung und sie wären zu jener Zeit sehr überrascht überrascht gewesen; warum greifen die die Luftverteidigung an? Die Luftverteidigung steht in keinem Bezug zu den „friedlichen Demonstranten“, wie auch den sogenannten „moderaten Kräften“ und es lässt sich auch kein Zusammenhang mit irgendwelchen Extremisten herstellen. Es ist etwas anderes, sie ist eingerichtet, das Land zu verteidigen. Das ist ein weiterer Beweis, dass Israel direkte Verbindungen zu den Terroristen in Syrien hat.

Nun, sie griffen diese Basen an und sie zerstörten einen großen Teil unserer Luftverteidigung. Heute ist unsere Position, trotzdem, lassen Sie mich das sagen, unsere Luftverteidigung ist viel stärker als zuvor, dank der russischen Unterstützung und die letzten israelischen Angriffe und die der Amerikaner, Briten und Franzosen zeigten das, sind wir in einer besseren Situation. Nun meine Antwort auf ihre Frage. Die einzige Option ist die Stärkung unserer Luftverteidigung, das ist das Einzige, was wir tun können und wir tun es.“ (b1)



Frage 9: „Israel sagt, dass seine Angriffe, [zumindest] bis jetzt, dass sie nicht gegen Sie gerichtet sind, den Präsidenten oder die Regierung, dass sie stattdessen gegen den Iran zielen, und sie den Iran – der ja Ihr Verbündeter ist – in Syrien schwächen wollen. Das ist absurd, aber die Iraner sind hier, sie sind Ihre Verbündeten, das ist kein Geheimnis, sie haben Ihnen geholfen, doch ihr weiteres Verbleiben hier wird nun zu einer Gefahr für Sie. Würden Sie irgendwann in Betracht ziehen, den Iran zu bitten, das Land zu verlassen?“

Präsident Assad: „Der wichtigste Fakt betreff dieses Sachverhalts ist der, dass wir keine iranischen Truppen [in Syrien] haben. Wir hatten sie nie und so etwas können Sie nicht verheimlichen und wir hätten keine Scham, es zu sagen, wenn es so wäre. So, wie wir die Russen darum baten, könnten wir auch die Iraner darum bitten. Wir haben iranische Offiziere, welche mit der Syrischen Arabischen Armee als Berater zusammenarbeiten, aber sie haben keine [eigenen] Truppen. Und der krasseste Fakt in ihren Lügen zu dieser Sache, dem iranischen Thema, ist, in Bezug auf die Angriffe der vergangenen Wochen, dass sie sagten, die Attacken hätten angeblichen iranischen Stützpunkten und Camps gegolten.

Und aktuell haben wir dutzende syrische Märtyrer und verwundete Soldaten, nicht einen einzigen Iraner. Nun, wie können sie dann sagen, wir hätten welche? Es ist eine Lüge. Wir sagen immer, dass wir iranische Offiziere haben, aber sie arbeiten mit unserer Armee zusammen, doch wir haben keine [iranischen] Truppen.“


Frage 10: „Wechseln wir das Thema, mit Bezug auf die Chemieangriffe. Regelmäßig wird behauptet, es gäbe in Syrien chemische Angriffe. Ihre Regierung und ihre Verbündeten haben gesagt, dass Sie damit nichts zu tun hätten. Ihre Verbündeten haben diese Aussagen gestützt, eine Verantwortung dafür verneint, sagen, dass sie keinerlei Kenntnis über den Einsatz solcher Waffen Ihrerseits haben. Die Frage ist: In wessen Interesse ist es, Giftgas mit Ihnen in Zusammenhang zu bringen?“

Präsident Assad: „Das ist der wichtigste Teil der Antwort: in wessen Interesse? Das ist die Frage. Ist es in unserem Interesse? Warum, warum nicht? Weil der Zeitpunkt dieser angeblichen Angriffe nach dem Sieg der syrischen Truppen in Ghouta gewesen ist, schon dieser Fakt allein sagt, dass wir nirgendwo Chemiewaffen einsetzen und der andere Fakt ist, dass wir so etwas nicht gegen unsere eigene Bevölkerung einsetzen, denn die Schlacht in Syrien war eine zur Gewinnung der Herzen der Zivilbevölkerung, das ist die wichtigste Schlacht und wir haben sie gewonnen. Wie können sie Chemiewaffen gegen die Zivilbevölkerung einsetzen, wenn sie deren Unterstützung benötigen?

Das ist das erste. Zweitens, wenn sie die nutzen, lassen sie uns mal davon ausgehen, dass wir sie hätten und sie möchten sie einsetzen, setzen sie die ein, wenn die Schlacht [erfolgreich] geschlagen ist, oder davor, oder danach? Das ist nicht logisch. Zudem, wenn Sie in ein solches Gebiet hineingehen, es war [wegen der dichten Bebauung und Nähe aller Parteien zueinander] sehr eingeengt für Armee, Militante und Zivilisten. Wann immer sie eine solche Art von Waffen in diesem Gebiet einsetzen, schaden Sie jedermann, etwas, das nicht passierte. Und wenn Sie in dieses Gebiet kommen und die Zivilisten fragen, wusste keiner etwas von einem Chemieangriff. Gerade die westlichen Journalisten, welche kamen, als Ghouta befreit war, sagten „wir fragten die Leute und sie sagten, wir haben keine Chemieattacke gesehen.“ Es war eben ein Narrativ, ein Vorwand mit der Absicht, Syrien anzugreifen.“


Frage 11: „Gut, es könnte ein Vorwand gewesen sein, aber wir haben keine Beweise dafür, wir haben Gerüchte auf Twitter, ein paar Videos von … verworrene Videos, die angeblich die Folgen eines Angriffs zeigen, genug für die Justiz der Vereinigten Staaten, ihrer Verbündeten, Marschflugkörper auf Syrien zu feuern. Was wenn es, angenommen, einen weiteren Angriff, einen angeblichen Angriff gäbe? Könnten dann eine Menge mehr Raketen auf Syrien gerichtet sein?“

Präsident Assad: „Natürlich, das könnte sein, denn wenn die Vereinigten Staaten das internationale Recht mit Füßen treten, täglich, in unterschiedlichen Regionen und aus unterschiedlichen Vorwänden heraus, kann jedes Land der Welt Opfer solch eines Angriffs werden. Was ist die legale Grundlage einer solchen Attacke, was die legale Grundlage ihrer Flugzeuge, ihrer Allianz, der sogenannten „Anti-Terror Allianz“, die aktuell Terroristen unterstützt, was ist die legale Grundlage dieser Allianz? Keine.

Was ist die legale Grundlage der Angriffe im Jemen, Afghanistan, an der Grenze zu Pakistan und so weiter? Es gibt keine legale Grundlage. So lange sie kein internationales Recht haben, das durch die Vereinigten Staaten und ihre Marionetten im Westen befolgt wird, haben sie keine Garantie, dass es nicht passieren könnte. Es geschah vor ein paar Wochen und es geschah im Vorjahr, im April 2017 und das kann jederzeit wieder passieren, exakt, da bin ich Ihrer Meinung.“


Frage 12: „Aber die Antwort welche Trump versprach, sollte extrem und schwerwiegend sein, nach den Worten, die er früher äußerte. Die Antwort, die wir sahen, der Angriff, den wir nach der letzten angeblichen Chemiewaffenangriff sahen, er sah er aus wie symbolisch, in viel kleinerer Dimension und die Verzögerung zwischen der Ankündigung des Angriffs durch Trump und dessen Umsetzung war unerwartet. Warum gab es da eine Verzögerung? Hat das möglicherweise etwas mit Russland zu tun?“

Präsident Assad: „Das hat zwei Aspekte, unserer Meinung nach. Der Erste ist, sie erzählen eine Geschichte, eine Lüge und die öffentliche Meinung weltweit und im Westen kauft ihnen diese Story nicht ab, aber sie können nicht zurück. So mussten sie etwas tun, wenn auch in kleinerem Rahmen. Der zweite Aspekt hat mit der russischen Position zu tun, der, wie Sie wissen, dass die Russen öffentlich ankündigten, dass sie die Basen, von welchen die Raketen gestartet werden, zerstören würden und unsere Informationen – wie haben dafür keine Beweise, nur die Informationen und diese Informationen sind glaubwürdige Informationen – dass sie [die USA] über einen umfassenden Angriff auf ganz Syrien nachdachten, und weil sich der Westen der Gefahr [eines russischen Militärschlages] bewusst wurde, führte er ihn in viel kleinerem Maßstab durch.“


Frage 13: „Gut, in Bezug auf die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Ihnen, hat Präsident Trump wörtlich gesagt: „Tier Assad“. Haben Sie auch einen Spitznamen für den US-Präsidenten?“

Präsident Assad: „Das ist nicht meine Wortwahl, solch eine Sprache kann ich nicht benutzen. Das ist seine Sprache. Sie repräsentiert ihn und ich glaube, es ist ein bekanntes Prinzip, dass das, was man sagt, in gewisser Weise auch ist. Also möchte er zeigen, was er ist und das ist normal. Außerdem bewegt es mich nicht und diese Art von Sprachwahl sollte in Niemandem etwas bewegen. Die einzigen Dinge, die dich bewegen, kommen von Menschen, denen du vertraust, Menschen mit Besonnenheit, nachdenklichen Menschen, Menschen mit Moral und Ethik. Das ist es, was etwas in dir bewegen sollte, sowohl positiv als auch negativ. Jemand wie Trump wird nichts für mich bewegen.“


Frage 14: „Bezüglich der Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, gibt es eine interessante Sachlage, wie Ihnen bekannt ist. Mir fiel vor einiger Zeit auf, dass da in Syrien Streitkräfte von fünf Nuklearmächten operieren, fünf Nuklearmächten, welche direkt in militärische Operationen in Syrien involviert sind, sei es mit Bodentruppen oder mit Luftangriffen. Einige dieser Staaten stehen auf verschiedenen Seiten. Wie hält Syrien diesen Bürgerkrieg aus [„How Syrian is this civil war still?“]?“

Präsident Assad: „Das Wort ‚Bürgerkrieg‘ ist seit Beginn des Konflikts in Syrien weitgehend benutzt worden, eben auch durch unsere Freunde und missverständlich durch unsere Verbündeten, ohne den Inhalt zu verstehen, den es meint. Syrischer ‚Bürgerkrieg‘ meint, dass es Konflikte gibt, zwischen Ethnien, Ideologien oder Religionen oder wegen unterschiedlicher politischer Ansichten oder politischer Ereignisse. Lassen Sie mich sagen, dass wir so etwas in Syrien nicht haben. Tatsächlich haben sie in den von der Regierung kontrollierten Gebieten, welche inzwischen den Großteil Syriens ausmachen, diese Vielfalt [Ethnien, Religion und so weiter, ohne kriegerischen Konflikt]. Daher ist der Ausdruck ‚Bürgerkrieg‘ nicht korrekt.

Was wir von Beginn an hatten, waren Söldner, syrische – und ausländische -, bezahlt durch den Westen, mit dem Auftrag, die Regierung zu stürzen. Das ist die Realität, die schlichte Realität, die harte Wirklichkeit. Alles andere ist Maskerade zur Verdeckung der wirklichen Absichten. Reden über politische Auseinandersetzungen, Moderate, friedliche Demonstrationen; wir haben keinen Bürgerkrieg in Syrien. Hätten wir seit sieben Jahren einen Bürgerkrieg, wären wir jetzt gespalten. Das kann [dann] nicht sein, ein Land, ein geeintes Land, eine geeinte Gesellschaft [gegen die Regierung]. Das lässt sich nicht [einfach] geograhisch betrachten, so wie es die Vasallen der Vereinigten Staaten und der Türkei verkünden.

Wäre das ein Bürgerkrieg, dann müssten sie eine gespaltene Gesellschaft haben. Gehen Sie selbst, diskutieren sie mit den unterschiedlichen Strömungen der syrischen Gesellschaft und sie können die Frage beantworten, in der selben Weise, wie ich sie beantworte.“


Frage 15: „Bezüglich einer möglichen Eskalation. Nun, da sind Stellvertreter von all diesen fünf Nuklearmächten auf der einen wie der anderen Seite in Syrien engagiert, doch Sie, als der Präsident, sie müssen die Information besitzen. Wie schließen wir aus, dass es durch den Bürgerkrieg … durch diesen Krieg zu einer Eskalation zwischen diesen Nuklearmächten kommt?“

Präsident Assad: „Tatsache ist, wir sind nahe an einem direkten Konflikt zwischen russischen Kräften und amerikanischen Streitkräften und glücklicherweise ist das bisher verhindert wurden, nicht aufgrund der Weisheit der amerikanischen Führung, vielmehr durch die der russischen Führung, denn es ist in Niemandem Interesse, Niemanden auf der Welt, und zuallererst der Syrer, diesen Konflikt zu bekommen. Wir brauchen die russische Hilfe, doch wir benötigen gleichzeitig Schutz vor amerikanischer Unvernunft, damit wir in der Lage sind, unser Land zu stabilisieren.“


Frage 16: „Noch kurz, eine letzte Frage. Das immer näher rückende Ende [des Syrien-Krieges], ist damit die Gefahr einer Eskalation, Ihrer Meinung nach, ist sie gesunken oder – im Gegenteil – angestiegen?“

Präsident Assad: „Als ich zu Beginn sagte, je näher wir dem Ende kommen, desto mehr versuchen sie es hinauszuschieben. Was bedeutet es? Je mehr Stabilität man erreicht, desto mehr Eskalation wird man bekommen. Je mehr Versöhnungsvereinbarungen du in einer Region erreichst, desto mehr Morde und Zerstörung und Versuche der Terroristen, neue Territorien zu erobern, erlebst du. Daher ist es bei Versöhnungen so, wenn wir einen Versöhnungsprozess in vielen Gebieten starten, versuchen andere Gruppierungen im gleichen Gebiet, diesen zu zerstören, da sie den Auftrag von außerhalb erhielten, keinen Fortschritt bei irgendeiner Versöhnung mitzutragen, natürlich hat man den Auftrag mit einer Tasche voll Geld erhalten.

Daher ist das, was Sie sagen richtig, doch je mehr Eskalation wir haben, desto fundierter wird schließlich die Lösung des Problems sein, denn du hast keine andere Wahl, entweder hast Du ein (Heimat-)Land oder Du hast es nicht.“


RT: „Herr Präsident, vielen, vielen Dank für Ihre Einblicke und danke ebenso sehr, uns hier zu empfangen und so viel Ihrer Zeit für uns aufzubringen. Wir wünschen Ihnen alles Gute, den syrischen Menschen alles Gute und eine rasche Beendigung dieses furchtbaren Konflikts. Vielen, vielen Dank, Herr Präsident.“

Präsident Assad: „Ich danke Ihnen, danke für Ihr erneutes Kommen nach Syrien.“


Anmerkungen

(a1) Die Übersetzung habe ich nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen, dabei den Fokus auf die Vermeidung von Sinnentstellungen legend. Leser, die sich die Mühe der Prüfung machen wollen und inhaltliche Fehler trotzdem auffinden, können mich gern unterstützen, so dass ich die entsprechenden Textstellen korrigieren kann. Wohlgemerkt geht es dabei um eine inhaltlich grundlegend korrekte Wiedergabe, nicht um eine „schickere“ Übersetzung.

(a2) Die in Blockklammern gehaltenen Einschübe sind nicht Teil des Originals und wurden für eine bessere Lesbarkeit eingefügt. Zitat und Bilder wurden ebenfalls nachträglich hinzugefügt.

(Allgemein) 

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen können Sie ihn gern verbreiten und vervielfältigen.

Quellen

(2) 7.5.2018; https://web.de/magazine/politik/israelischer-minister-warnt-baschar-al-assad-liquidieren-32952324

(b1) 31.5.2018; Während des Interviews mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad durch Russia Today; Quelle: https://sana.sy/en/?p=139205; Lizenz: k.A.

(Titelbild) Oktober 2017; Umayyad Mosche (Große Moschee von Aleppo); Autor: Christian; Quelle: http://unusualtraveler.com/aleppo/; Lizenz: k.A.; Veröffentlichung mit persönlicher Genehmigung des Autors

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