Die ARD auf der Sea-Watch

Manipulativ geförderte Emotionen ersetzen den Blick auf die Verursacher der Tragödie östlich und südlich des Mittelmeeres.


Im Jahre 2016 drehte der Brite Skye Fitzgerald eine Kurzdokumentation über Freiwillige der Organisation Sea-Watch, die vor Libyen Menschen von sinkenden Flößen retteten (1). Nach diesem Drehbuch engagierte die ARD zwei, eigentlich sogar vier Reporter und ließ sie zwei Wochen mit der Sea-Watch3 nach Libyen und zurück schippern.


Wie üblich, wenn es um wirkmächtige Filme zur Umsetzung handfester Politik geht, werden deren Schöpfer massenmedial in das helle Licht der Öffentlichkeit gehoben. Man sah das zuletzt bei dem Propagandastreifen über die Weißhelme (2,3). Jener wie auch Skye Fitzgeralds Film “Lifeboat” waren für den “Oscar”, den renommiertesten Filmpreis den es gibt, nominiert worden (4).


Die ARD als Missionierer

In diese Fußstapfen trat nun die vom ARD-Magazin Panorama auf der Sea-Watch3 gedrehte “Dokumentation”. Man kann sie als eine Inszenierung der Medien für die Medien begreifen (5).

Stellen Sie sich das folgende Szenario übertragen auf einen deutschen Hafen vor. Die ARD – mit ihren rasenden Reportern Wochen auf der Sea-Watch mitgereist – berichtete aus einem italienischen Hafen:

«Ich fahre jetzt in den Hafen, ich fahre jetzt in den Hafen, over», gibt sie per Funk an die italienischen Behörden vor Lampedusa durch. «Stoppen Sie Ihren Motor», schallt es aus dem Funkgerät zurück, doch Rackete bleibt stur, fährt weiter. Als ein italienisches Schiff den Liegeplatz blockiert, touchiert Rackete es und drängt es gegen die Kaimauer. Ein italienischer Beamter springt von Bord an Land. Rackete hat wohl gar nicht bemerkt, dass sie ein Schiff gerammt hat. «Das hat ordentlich gekracht», sagt ihr ein Crewmitglied. «Ich habe gar nichts gehört», antwortet Rackete.” (6)

Während die “investigativen” Reporter von Panorama vom Geschehen berichteten, war nicht die Spur einer Kritik an diesem Vorgehen zu erkennen. Sie haben sich vollständig mit ihrer Heldin solidarisiert. Denn sie haben sie ja auch zu eben dieser gemacht. Wir können hier aber erfahren, dass die Provokation gegenüber den italienischen Behörden unter allen Umständen durchgezogen werden sollte. Eigentliches Ziel waren wir. Wir sollten – wieder einmal – am Aufstand der Empörten teilnehmen. Das Verhalten des deutschen Kapitäns lässt sich aber viel eher als verantwortungslos bezeichnen.

Carola Rackete rammte – von den Panorama-Reportern vermittelt als “hups, tschuldigung, war ein Versehen” – ein Schiff, um eine Anlandung in einem italienischen Hafen zu erzwingen. So etwas ist nicht nur verantwortungslos, es ist kriminell. Blumen streuen da nur die, welche sich der Emotion hingeben, Zeuge “einer guten Tat” gewesen zu sein. Das soll ein Rechtsstaat also durchgehen lassen?

Bei der ARD-Tagesschau klang es so, als die italienische Justiz Carola Rackete wieder frei ließ:


Sea Watch3 – Kapitänin frei

Rackete ist froh – Salvini schäumt” (7)


So etwas nennt sich also Berichterstattung, eine Wiedergabe von Emotionen aus der Märchenwelt der Guten und Bösen.

“Böse” ist selbstredend der italienische Innenminister Matteo Salvini, der hierzulande systematisch zum “Rechtspopulisten” aufgeschäumt wird. Temporär erblinden die ARD-Fachkräfte regelmäßig und vollständig, wenn es um den Populismus der deutschen Regierung geht. Was rein rational rechts(populistisch) oder links noch bedeuten soll, erschließt sich mir inzwischen eh nicht mehr. Doch beim Thema Seenotrettung im Mittelmeer ist der Populismus aus dem Hause ARD deutlich größer, als der der deutschen Spitzenpolitik, dazu weiter unten mehr.

Mit der Finanzierung der Hilfsorganisation Sea-Watch habe ich mich nicht intensiv genug befasst. Ihren Aussagen und (kräftig gegenderten) Geschäftsberichten zufolge deckt sie ihre Ausgaben vollständig durch Spenden. Wobei – bis auf die mit sechsstelligen Summen aufwartende evangelische Kirche (a1) – die Spender, auch jene die mehr als 10.000 Euro jährlich spenden, anonym sind (8).

Was ich mir nur schwerlich vorstellen kann, ist, wie solch eine Organisation – ohne politische Vernetzung – auf diese Art und Weise an den Grenzen eines Kriegsgebietes dauerhaft aktiv sein kann. Sea-Watch erfährt aktive politische Unterstützung aus den Parteien “Bündnis90/Die Grünen” (Barbara Lochbihler, Anton Hofreiter) und “Die Linke” (Gregor Gisy), zudem vom “Zentrum für politische Schönheit” (Philipp Ruch) (9).

Zurück zur Sea-Watch auf der – wie eingangs geschrieben – mehr als zwei Leute aus dem Dunstkreis der ARD weilten:

Reporter von STRG_F und Panorama waren mit an Bord und erzählen die Geschichte hinter den Schlagzeilen.” (10)

Wer ist STRG_F? Nun, nichts weiter als ein Sprössling eines weiteren Sprösslings von ARD und ZDF (11).

Wenn es darum geht, eine Geschichte über heldenhafte Retter zu entwickeln, ja zu inszenieren: Dann sind den öffentlich-rechtlichen Sendern mit ihren Milliarden-Etats keine Kosten hoch genug. Diese Geschichte erfüllt alle Anforderungen sauber produzierter Propaganda. Egal wie man den Einsatz der Sea-Watch3 auch bewerten mag, so betreibt sie, die ARD, auch hier extremes Framing. Sie überhöht die gehypte Person, hebt sie zum Retter der Enterbten empor und diffamiert gleichzeitig deren angeblichen Feinde. Sie ist ohne jede Distanz, erklärt keinerlei Hintergründe und setzt das entsprechend emotional in Bild und Ton um.

Zu STRG_F ist noch etwas mehr zu sagen:

STRG_F ist ein Netzwerk junger Reporter, die subjektiv und nah über das berichten, was sie selbst bewegt. Ehrlich, authentisch, ungeschönt. Es geht um Politik, Kulturen, Bewegungen und Faszination für das Neue, Unbekannte. Um unsere Generation.” (12)

Was für ein Abenteuer durften die jungen, von Natur aus in diesem Alter leicht zu begeisternden Reporter von STRG_F doch erleben. Oder anders gesagt: Mit Speck fängt man Mäuse.

Wer finanziert STRG_F? Na, wir:

STRG_F wird produziert von funk. funk ist ein Gemeinschaftsangebot der Arbeitsgemeinschaften der Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) und des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF).” (13)

Die Methoden die Sea-Watch in der Vergangenheit anwandte, als deren Verantwortliche meinten, sich rabiat das Vorrecht erzwingen zu dürfen, Menschen zu “retten”, haben wiederholt zum Tod von Menschen geführt (14). Dass Sea-Watch selbst das anders sieht, ist nachvollziehbar. Inzwischen gibt es allerdings starke Bestrebungen, Recht ganz nach Belieben neu zu schreiben – und eine Heldin wie Carola Rackete darf die natürlich auch öffentlichkeitswirksam äußern:

Wir haben rechtens gehandelt, davon bin ich überzeugt. Es gibt das maritime Gesetz, Menschen in Seenot zu retten. Das ist wie bei einem Autounfall, bei dem man selbstverständlich helfen muss. Und das Gesetz sagt außerdem: Wir mussten die Menschen an den nächsten sicheren Hafen bringen – und der heißt Lampedusa! Weder in Libyen noch in Tunesien gibt es sichere Häfen.” (15)

So klar, wie es Rackete hier darstellt, ist es jedoch ganz und gar nicht – und der Vergleich mit dem Autounfall hinkt gewaltig. Vor allem werden Ursache und Wirkung vertauscht. Menschen begeben sich nämlich – gegen Bezahlung – in völlig seeuntauglichen Gefährten auf das Meer, weil sie davon überzeugt sind, dass sie von einem seetauglichen Schiff übernommen werden. Weil Menschen versprochen wird, dass sie gerettet werden, begeben sich diese Menschen bewusst in eine gefährliche Situation, damit sie gerettet werden müssen. Die Notsituation wird also gezielt herbeigeführt und entspringt keinesfalls einem schicksalhaften Ereignis.

Wer definiert außerdem, was ein “sicherer Hafen” ist – Carola Rackete?

Tunesien, Quell des “arabischen Frühlings” hat jetzt auch keinen sicheren Hafen? War der “arabische Frühling” also tatsächlich eine Mogelpackung, der letztlich zur katastrophalen Situation geführt hat, die wir heute im Nahen Osten und weiten Teilen Afrikas erleben? Woher hat Rackete außerdem den dringenden Aufruf bekommen, dass man hunderttausende Menschen in Libyen ganz, ganz schnell retten muss? Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht derzeit von 6.000 Menschen aus, die unter den Schutz der Genfer Konvention fallen – also dringend Hilfe benötigen (16). Es gibt andererseits einen gewissen “Philanthropen”, richtiger gesagt Investor – der Grünen-Politiker Anton Hofreiter weiß sicher sofort, wer da gemeint ist -, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, eine Million Menschen pro Jahr nach Europa “flüchten” zu lassen. (17).


Was ist eine Seenotrettung?

Parteien wie die AfD weisen auf das Problem der Schlepper hin. Ein afrikanischer Flüchtling muss etwa 3.000 Euro zusammenkratzen, um einen lebensgefährlichen Bootsplatz für die Reise ins angeblich gelobte Land zu finden. Dadurch dass Schiffe diverser Nichtregierungsorganisationen direkt vor der Küste Libyens kreuzen, werden Menschen mit entsprechenden finanziellen Mitteln dortzulande motiviert, sich auf die Schlepper einzulassen (18,19).

In Libyen herrscht Krieg und an seinen Ufern auch. Es grassiert Rechtlosigkeit, Gewalt und Piraterie. Es ist mir schleierhaft, wie es es den Rettern permanent möglich ist, letztlich ohne Verluste vor der libyschen Küste herumzukreuzen.

Natürlich ist die Rettung von Menschen in Not ein selbstverständlicher Akt der Humanität. Was sich aber an Libyens Gestaden abspielt, ist etwas ganz anderes. Dort geraten Menschen nicht in Not, sondern sie bringen sich in Not beziehungsweise werden in Not gebracht. Das Problem entsteht also nicht auf dem Meer sondern auf dem libyschen Festland. Nun möge mir bitte jemand erklären, was die westlichen Staaten daran hindert, das Geschäft mit den Flüchtlingen bereits in Libyen zu unterbinden. Es hat sie doch auch nichts und niemand daran hindern können, mit ihrer geballten Macht Libyen in das Chaos zu bomben und eine funktionierende Gesellschaft zu zerschlagen. Libyen ist nicht innerlich ins Chaos gefallen, sondern es wurde von außen ganz gezielt dahin gebracht.


Einsatzgebiet der Sea-Watch3 vor der libyschen Küste (b1)

Das Schlepperwesen wirklich erfolgreich zu bekämpfen (20), hieße zwangsläufig auch, Libyen seine Geschicke wieder selbst bestimmen zu lassen. Herrschaftsdenken sagt dazu: Da sei Gott vor! Es liegt nicht am Können, es liegt am Wollen und so trieft das so große Bedauern um die armen Menschen im Mittelmeer nur so von Selbstbetrug.

Warum Libyen überhaupt ein unsicheres Herkunftsland ist, wird auf “Bürgerkrieg” und “Machtvakuum” heruntergebrochen, bei dem wir – die “Guten” – unser bestes tun, um zu “stabilisieren”. Dabei wird so getan, als ob West- und Mitteleuropas Machtzentren nie etwas mit den Geschehnissen in diesem nordafrikanischen Land zu tun gehabt hätten und noch immer haben. Stattdessen werden wir immer wieder emotional verstrickt, der Fokus allein auf die “Seenotrettung” gelenkt und so geraten wir in das, was beabsichtigt ist: in ein Entscheidungsdilemma.

Im Gegensatz zur moralinsauren Berichterstattung bei ARD und Co. hält sich die deutsche Regierung auffallend zurück, wenn es um Italiens Vorgehensweise gegenüber illegal Einreisenden geht. Das tut sie aus gutem Grund – es ist eben jener, welcher auch das Verhalten der amtierenden italienischen Regierung in Bezug auf Migranten diktiert. Sea-Watch selbst gibt den Hinweis:

Seither [seit 2018] hätten EU und Bundesregierung Zeit gehabt, eine Lösung zu finden. […] Die Bundesregierung hätte sagen können, «wir nehmen bis auf Weiteres alle auf, die auf dem Mittelmeer gerettet werden».” (21)

Wir sollten uns nicht von der medial propagierten Willkommens-Euphorie der Jahre 2015 und 2016 blenden lassen. Als hunderttausende Vertriebene aus den durch die westlichen Staaten und ihre Proxies in Kriege gestürzte Länder nach Deutschland kamen, konnte man neben Solidarität und Hilfsbereitschaft ohne Weiteres auch den gesellschaftlichen Sprengstoff erfassen, der mit dieser Situation verbunden war. Das Millionenheer der sich als Verlierer sehenden Schicht des Prekariats, das sich in einer teils entwürdigenden Art und Weise sein Geld “verdienen” muss, sah mit Erstaunen, wie plötzlich gefühlt grenzenlos Mittel zur Verfügung standen, um Menschen aus fernen Ländern zu versorgen.


Spalten mit Flüchtlingen

Diejenigen, welche die deutsche Bundeskanzlerin bis heute verteufeln, weil sie sich von den damaligen Ereignissen überrollen ließ, kritisieren an der falschen Stelle. Sie reiten auf einem Sekundärproblem herum, dass langfristig durch keinerlei operatives Handeln gelöst werden wird, wenn nicht das Primärproblem angegangen wird. Zu den operativen Maßnahmen der machtausübenden europäischen Politik gehören Frontex sowie die Ausbildung und Unterstützung von Polizeikräften in afrikanischen Staaten durch europäische Militärs.

Operativ versucht die deutsche Regierung das Problem durch Einhegung zu lösen, durch frühzeitiges Unterbinden von Flüchtlingsströmen in Richtung nordafrikanischer Küste. Doch zudem versucht sie, die Kosten der westlichen Politik, die von Afrika aus auf Europa zurückschlagen, auf die Italiener abzuwälzen – und dafür wird hierzulande kräftig Stimmung gemacht (22,23).


Denn bei der ganzen Empörung des deutschen Mainstreams über den “Rechtspopulisten Salvini” wäre die Lösung doch ganz einfach: Deutschland übernimmt Verantwortung. Deutsche Schiffe übernehmen die Geflüchteten und landen sie in einem deutschen Hafen an. Deutschland übernimmt die Kosten der Verheerungen welche es auch selbst in Afrika und im Nahen Osten angerichtet hat und so auch die Kosten für die Entwurzelten. Aber genau dort liegt das Problem, denn ein Großteil der deutschen Bevölkerung – vor allem die Verlierer dieser Gesellschaft – sehen es ganz und gar nicht ein, dass sich ein neuer Migrationsstrom nach Deutschland in Bewegung setzt. 


Zumal – das lassen allerdings auch die meisten Gegner eines Migrationsstromes außen vor – die Ursachen in keiner Weise benannt und schon gar nicht angegangen werden. Doch diese Menschen nun als ausländerfeindlich, rechtsextrem und rassistisch zu verunglimpfen, spiegelt nur den eigenen üblen Populismus, statt sich mit dem dahinter liegenden Problem offen auseinanderzusetzen.

Wie soll ein HartzIV-Empfänger, der bei einer Agentur (!) um sein Existenzminimum für eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben betteln gehen muss, es einsehen, dass plötzlich Mittel und Wege vorhanden sind, um völlig fremde Menschen zu versorgen? Wir reden dabei noch gar nicht von den Millionen Menschen, die im Niedriglohnsektor beschäftigt sind (24). Doch wie aus dem Nichts sprudeln plötzlich Geld und reale Ressourcen, um bestimmten Menschen in Not zu helfen (a2).

So es tatsächlich um Menschen in Not geht, hätte man die in dieser Größenordnung aufgewendeten Mittel als echte Hilfen schon längst umleiten können, zum Beispiel nach Syrien oder Afghanistan oder den Irak oder gern auch Venezuela, vielleicht ja auch Nikaragua oder Eritrea, auch gern dem Jemen – und natürlich auch nach Libyen. Das wäre echte Vorort-Hilfe, die es Menschen ermöglichen würde, in ihrer Heimat zu bleiben. Allerdings wäre das auch gleichbedeutend mit der Beendigung der mehr oder weniger verdeckten Unterstützung für terroristische Organisationen in diesen Ländern. Es ist offensichtlich, dass das Eine mit dem Anderen nicht vereinbar ist.

Sie glauben, wir würden so etwas niemals tun, die Terrororganisation al-Qaida und Jihadisten – wegen denen angeblich der “Krieg gegen den Terror” überhaupt entfacht wurde – zu unterstützen?

Wer sich von diesem bequemen Glauben nicht trennen möge, bleibe bitte schön bei der Einnahme der blauen Pille (a3).

Menschen in Not zu helfen ist aller Ehren wert. Doch ist das vor Libyen ein schiefes Bild. Denn was ist, wenn durch ihre eigene Politik, durch politische Entscheidungsträger die Opfer zuvor erst in Not gebracht wurden. Kann man dann tatsächlich mit der Karte “ehrlicher Helfer” hausieren gehen? Das gilt sowohl für die Geostrategie westlicher Staaten, als auch für deren Verantwortung zur Zerschlagung Libyens und nun und nicht zuletzt auch für das ganz konkrete Verhalten vor Ort an der libyschen Küste. Die Antwort dürfte unangenehm ausfallen.

Wer hier politisches Kapital herausschlagen will und wer sich nur benutzen lässt, ist nicht klar ersichtlich. Fakt ist, dass eine aufgebaute Heldin in den größten Medien Deutschlands eine Agenda propagieren kann, welche die deutsche Politik im Umgang mit Emigranten und Flüchtlingen schwer konterkariert. Keine Frage: Frontex, überhaupt die Abschottung der EU nach außen (25), an ihren “Barbarengrenzen” – zitiert nach dem Berater der deutschen Regierung, Friedbert Münkler (26) – kräftig zu kritisieren, ist richtig. Aber die Kritik ist einfach unehrlich, wenn dabei nicht der Kontext zur Kriegsverantwortung des Westens – in ganz Afrika und speziell in Libyen und Syrien praktiziert bis zum heutigen Tag – zur Sprache kommt. Von der Ausplünderung der Ressourcen Afrikas ganz zu schweigen.

Da Gegenzusteuern, ist für die deutsche Regierung heikel, weil das Thema – und noch einmal gesagt: eingeengt auf das reine Sekundärproblem – hoch emotional behandelt wird. Carola Rackete bringt in Interviews auch immer wieder “Klimaflüchtlinge” und den “Kampf gegen das CO2” ins Spiel:

Der Zusammenbruch des Klimasystems sorgt für Klima-Flüchtlinge, die wir natürlich aufnehmen müssen. Es wird in einigen Ländern Afrikas, verursacht durch industriereiche Länder in Europa, die Nahrungsgrundlage zerstört. In der Debatte soll immer unterschieden werden zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten, aber wir kommen jetzt zu einem Punkt, wo es ,forced migration‘ gibt, also eine durch äußere Umstände wie Klima gezwungene Migration. Und da haben wir dann keine Wahl mehr und können nicht einfach sagen, dass wir die Menschen nicht wollen.” (27)

Nein, Frau Rackete, Wirtschaftsmigranten sind eben nicht das primäre Problem und Klima-Flüchtlinge schon gar nicht. “Wir haben keine Wahl mehr” zeigt, wie diese Frau in ihrem hektischem Aktionismus gefangen ist, was sich gut für politische Agenden ausnutzen lässt. Natürlich haben wir eine Wahl. Carola Rackete gab dagegen sauber ein Narrativ des politischen Mainstreams wieder – und ließ sich somit für politische Zwecke einspannen.

Im Geschäftsbericht von Sea-Watch für das Jahr 2018 lesen wir:

“Libyen, in dem seit Jahren Bürgerkrieg herrscht, ist weder für Libyer*innen noch für Flüchtende aus anderen afrikanischen Staaten sicher. Fehlende staatliche Strukturen und die Gewaltherrschaft verschiedener Milizen verschärfen die Lage besonders für Menschen, die, einmal in Libyen angekommen, der Gewalt der Schlepper schutzlos ausgeliefert sind.” (28)

Das ist eine perfekte Dekontextualisierung des Libyen-Konflikts, der – wie auch der syrische – nichts, aber auch gar nichts mit einem Bürgerkrieg zu tun hat (29). Das Geheule über “fehlende staatliche Strukturen” und die “Gewaltherrschaft verschiedener Milizen” ist genau das, was wir von der seit Jahrzehnten bellizistisch bis auf die Knochen verseuchten Partei “Die Grünen” zu hören bekommen.

Einer Partei, die sich eng an die Open Society – Netzwerke anschmiegt und das Konzept des Mäzens George Soros von einer “offenen Gesellschaft” propagiert, kommt ein Projekt wie Sea-Watch wie gerufen. Einer Partei, der es gar nicht schnell genug gehen konnte, die staatlichen Strukturen Libyens und Syriens zu zerschlagen (30). Mittendrin statt nur dabei war damals der heutige Sea-Watch – Unterstützer und Russland-Hasser Anton Hofreiter (31). Da habe ich keine Fragen mehr.


Kriege sind das Problem – unsere Kriege! Das Erstarken extremistischer Gruppen in Afrika und im Nahen Osten ist nicht etwa die Ursache westlicher “Stabilisierungsmaßnahmen”, sondern vielmehr deren Folge! (32)


Kriege beendet man nicht, in dem man – teils auch noch selbst erschaffene – Gegner bekämpft, sondern in dem man schlicht aufhört Krieg zu führen.

Der Krieg in Syrien zum Beispiel könnte rasch, ja sogar sehr rasch beendet werden und in gelebter Verantwortung zuallererst durch uns, durch Deutschland. Millionen Flüchtlinge würden ganz sicher umgehend wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie würden sich in ihrer übergroßen Mehrzahl weder von der “Klimakatastrophe” noch von wirtschaftlichen Schieflagen und auch nicht vom politischen System aufhalten lassen. Denn Menschen lieben ihre Heimat.

Libyen hat man so verheert, dass der Prozess einer Beendigung der Gewalt dort wohl mehr Zeit benötigte, aber natürlich ist so ein Ziel auch dort realistisch. Mann muss es nur wollen. Aber Millionen Flüchtlinge in Europa aufzunehmen und zu meinen, dadurch ließe sich die humanitäre Katastrophe anderswo eindämmen, ist Selbstbetrug. Es ist vor allem verantwortungslos.

Was Carola Rackete da betreibt, mag ehrlich gemeint sein. Doch hat es mit dem wirklich umfassenden ethischen Anspruch, Menschen in Not zu helfen nicht mehr viel zu tun. Vielmehr wird hier mit missionarischem Eifer eine politische Agenda vertreten. Die Deutsche appelliert an Verantwortung und beschreibt im gleichen Zug Machtverhältnisse – unbewusst zeigt sie mit der folgenden Aussage auf einen inhärenten Widerspruch:

Die heutigen Machtverhältnisse sind durch Europa bestimmt worden. Europa beutet Afrika aus – und hier entsteht die Spirale, die zur Flucht führt. Deshalb gibt es eine historische Verantwortung, Flüchtlinge aufzunehmen, die wegen der Machtverhältnisse oder auch der Klimasituation nicht mehr in ihren Ländern leben können.” (33)

Was meint der Leser? Worin liegt er, der Widerspruch?

Macht kennt keine Verantwortung. Macht hat Interessen und diesen Interessen ist alles untergeordnet. Weil Macht herrscht, leben wir auch so und lassen andere Gesellschaften bezahlen. Macht kennt Moral nur als Werkzeug, aber sie kennt – im Gegensatz zur Verantwortung – nicht die tief in uns wohnende Ethik, der wir uns als Menschen tatsächlich verpflichtet sehen können. Daher jagt Carola Rackete mit dieser Aussage einer Illusion hinterher. Ihr Appell geht an Machthaber – bei uns (!) -, denen wir uns bequemerweise unterworfen haben.


Deutscher Kolonialismus

Um die Kausalität zwischen Sekundärproblem und Primärproblem deutlich zu machen, schauen wir uns das Wirken eines Sanitäters im Krieg an. Er fühlt sich berufen, ja verpflichtet, Menschen in Not, Verletzten zu helfen. Dieser Humanismus ist notwendig und gut, aber er löst nicht das Primärproblem. Solange Menschen sich in Kriege treiben lassen, werden sie auch verletzt und verletzen und töten ihrerseits. Der wiederholte Aufruf zur Humanität kommt leider ausgerechnet von Jenen, die handfest das Primärproblem befeuern – und das sind ziemlich viele.

Denn das Primärproblem liegt nicht zuletzt in den “deutschen Interessen”. Das Problem liegt in sogenannten Assoziierungsabkommen, welche die Afrikaner betrügen, um den eigenen Wohlstand der Ersten Welt zu sichern. Das Problem liegt in geopolitischen Interessen, denen daran gelegen ist, souveräne, ihre Geschicke selbst bestimmende Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent zu verhindern. Dafür wird mit den schlimmsten Extremisten, Sektierern und Ideologen paktiert, die man sich vorstellen kann. Ein Blick in die syrische Provinz Idlib – vollgestopft mit zehntausenden islamistischen Kämpfern – genügt vollauf. Mehr noch werden diese sogar erschaffen, um mit deren Unterstützung “zu gestalten”. Deshalb fließen nach Idlib auch bis heute “deutsche Hilfen”.

Es geht um alten Wein in neuen Schläuchen: Es geht um Kolonialismus.

Wir betreiben Kolonialismus in Afrika und benutzen die entsprechenden Werkzeuge freizügig auch anderswo. Dazu gehört ein Weltbild, das propagiert, “die armen Menschen da unten” könnten ihre Probleme nicht selbst lösen. Damit sind wir nicht nur Kolonialisten sondern auch Rassisten, halt bessere, edlere Menschen. Rassismus und Kolonialismus gehören eng zusammen und legitimieren sich gegenseitig. Beide sind auch unvereinbar mit dem Anspruch tatsächlich zu helfen, also einer uneigennützigen – nicht auf einer Gegenleistung beharrenden – Unterstützung von Menschen, die in großer Bedrängnis sind.

Was die massenmediale Berichterstattung betrifft, noch eine abschließende Anmerkung: Auch wenn echte Aufklärung – auch zum gerade Thematisierten – seitens des Mainstreams viel zu selten stattfindet: Die Massenmedien rundweg über einen Kamm zu scheren, ist nicht hilfreich. Weil es auch einfach alle Autoren jener Blätter diskreditiert, die kritisch und differenziert darüber berichten. Wie es auch Redakteure gibt, welche dafür sorgen, dass die Berichte veröffentlicht werden. Beispielhaft dafür ist der 2017 erschienene, lesenswerte Text von Bernd Dörries bei der Süddeutschen Zeitung (34).

Doch all dem verlogenen Geheule um “die armen Menschen aus Afrika”, dass sich seit Jahren aus Politik und Medien über uns ergießt, seien die Worte des gestürzten libyschen Staatsführers Muaarmar al-Gaddafi entgegen gestellt, die er im Februar 2011 als deutliche Warnung an die “Wertegemeinschaft” richtete. In einem Interview mit Journalisten der französischen Zeitschrift du Dimanche sagte er:

Ihr sollt mich recht verstehen. Wenn ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet ihr Verwirrung stiften, Bin Laden in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen. Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa überschwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten.” (35)

um fortzusetzen mit:

Al-Qaida wird sich in Nordafrika einrichten, während Mullah Omar den Kampf um Afghanistan und Pakistan übernimmt. Al-Qaida wird an eurer Türschwelle stehen. In Tunesien und Ägypten ist ein politisches Vakuum entstanden. Die Islamisten können heute von dort aus bei euch eindringen. Der Heilige Krieg wird auf eure unmittelbare Nachbarschaft am Mittelmeer übergreifen. Die Anarchie wird sich von Pakistan und Afghanistan bis nach Nordafrika ausdehnen.” (36)

Genau so ist es eingetreten und genau so war es auch gewollt! Die “Wertegemeinschaft” war sich damals absolut darüber im Klaren, was sie tat und deren “Gestalter” – da brauchen wir uns nichts vormachen – wissen es heute ebenso.

Kleiner Nachtrag: Nun können wir noch gemeinsam überlegen, welchen Zusammenhang es zwischen den von den Konsumenten begeistert angenommenen, “klimafreundlichen” Elektro-Rollern und den Flüchtlingsströmen in und aus Afrika heraus gibt. (i, ii)

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(a1) Es sei zumindest erwähnt, dass sich die Evangelische Kirche – als einer der Spender von Sea-Watch – ihrerseits anteilig durch öffentliche Mittel, sprich Steuern, finanziert.

(a2) Eines der Phänomene in kapitalistischen Herrschaftssystemen stellt sich im plötzlich verfügbar werden großer materieller und finanzieller Ressourcen da, wenn Macht die Politik davon “überzeugt” hat, dass der Staat “eingreifen”, ja gar “retten” muss. Man erinnere sich an die “Bankenkrise” 2008 oder auch immer mehr ausufernde Etats für militärische Zwecke – von “robusten Mandaten” für “Stabilisierungsmaßnahmen” im Ausland bis hin zur “Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands”.

(a3) Aus dem Film “Die Matrix”: “Schluckst du die blaue Kapsel ist alles aus, du glaubst was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel bleibst du am Leben. Bedenke, alles was ich dir anbiete ist die Wahrheit.” (37)

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Letzte Bearbeitung: 7.8.2019, 10:45 Uhr

(1) 21.7.2019; https://de.wikipedia.org/wiki/Lifeboat_(Kurzfilm)

(2) Jens Bernert; 14.11.2017; https://www.rubikon.news/artikel/die-lugen-der-weisshelme

(3) https://www.moviepilot.de/movies/die-weisshelme; abgerufen: 2.8.2019

(4) 21.2.2019; https://www.evangelisch.de/inhalte/155186/21-02-2019/sea-watch-zeigt-fluechtlings-doku-am-innenministerium

(5) 14.7.2019; https://buzzurbia.wordpress.com/2019/07/14/sea-watch-3-rettungsaktion-war-von-anfang-an-fuer-medien-inszeniert/

(6,10) 11.7.2019, 16:13 Uhr; https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/sea-watch-rackete-111.html

(7) 03.07.2019, 07:14 Uhr; https://www.tagesschau.de/ausland/sea-watch-rackete-frei-101.html

(8) https://sea-watch.org/wp-content/uploads/2018/12/sea-watch_taetigkeitsbericht-2018_web.pdf?utm_source=F%C3%B6rdermitglieder&utm_campaign=bae02cc7d4-EMAIL_CAMPAIGN_2018_01_30_COPY_02&utm_medium=email&utm_term=0_7b14abd798-bae02cc7d4-&mc_cid=bae02cc7d4&mc_eid=%5BUNIQID%5D; im weiteren SWTB; S. 7

(9) SWTB; S. 9

(11,12,13) http://www.findglocal.com/DE/Hamburg/545851322429288/Strg_f; abgerufen: 21.7.2019

(14) https://de.wikipedia.org/wiki/Sea-Watch; abgerufen: 21.7.2019, 17:45 Uhr

(15,27,33) Paul Ronzheimer; 15.7.2019; https://www.bild.de/politik/inland/politik-ausland/rackete-im-bild-interview-wir-muessen-klima-fluechtlinge-aufnehmen-63280720.bild.html

(16) Martin Klingst; 22.7.2019; https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-07/seenotrettung-carola-rackete-migration-humanitaere-hilfe-asylrecht-5vor8?utm_source=pocket-newtab

(17) George Soros; 21.7.2016; https://www.wiwo.de/politik/europa/plan-von-george-soros-sieben-punkte-so-loesen-wir-die-fluechtlingskrise/13900490-all.html

(18,21) 2.7.2019, 14:00 Uhr; https://www.tagesschau.de/ausland/sea-watch-rackete-105.html

(19) 27.4.2017; https://www.handelsblatt.com/politik/international/fluechtlingsroute-mittelmeer-ngos-von-schleppern-finanziert/19730766.html?ticket=ST-3916511-2T65WEWnRYgSQTLsHrOf-ap5

(20) Jörg Seisselberg; 30.6.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/schlepper-mittelmeer-101.html

(22) 1.8.2019; https://www.tagesschau.de/ausland/salvini-deutschland-101.html

(23) Gian Micalessin; 24.7.2019; Il Giornale; veröffentlicht bei: https://de.sputniknews.com/kommentare/20190724325495720-italien-vs-merkel-macron-migrationspolitik/

(24) Marcel Fratzscher; 17.5.2019; https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-05/geringverdiener-niedriglohnsektor-armut-entlohnung-mindestlohn/komplettansicht

(25) 12.12.2013; https://www.tip-berlin.de/hans-werner-kroesinger-uber-sein-stuck-frontex-security/

(26) http://www.imi-online.de/download/IMI-Analyse-2004-038JWDefencePaper.pdf; Originalquelle: Herfried Münkler; 29.10.2004; Die Welt

(28) SWTB; S. 21

(29) Angelika Gutsche; 27.7.2019; https://www.freitag.de/autoren/gela/was-haben-sie-2011-nur-angerichtet

(30) 26.2.2011; https://www.welt.de/wirtschaft/article12648574/Gruene-rufen-zu-Sprit-Boykott-gegen-Gaddafi-auf.html

(31) Stephan Löwenstein; 23.3.2011; https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/die-gruenen-und-der-libyen-einsatz-einig-nur-in-der-kritik-an-der-regierung-1609966.html

(32) Nick Turse; 29.7.2019; https://theintercept.com/2019/07/29/pentagon-study-africom-africa-violence/

(34) Bernd Dörries; 29.9.2017; https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fischfang-wie-eu-staaten-das-meer-vor-westafrika-leerfischen-1.3687643

(35,36) Peter Scholl-Latour; Der Fluch der bösen Tat; Propyläen-Verlag; ISBN 978-3-549-07412-1; S. 269; siehe auch: https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2015/nr-1-6-januar-2015/peter-scholl-latour-der-fluch-der-boesen-tat.html

(37) https://zitate-db.de/film/matrix; abgerufen: 2.8.2019

(b1) Bildausschnitt: Einsatzgebiet der Sea-Watch3 vor der libyschen Küste; SWTB

(Titelbild) Boot, Wasser, Papier, Seenot; Autor: himmlisch (Pixabay); März 2019; https://pixabay.com/de/photos/seenot-wasser-boot-strudel-4022840/; Lizenz: Pixabay License