Dogmatismus – Herrschaftsanspruch einer Ideologie

Was geschieht, wenn unsere Sicht der Welt keine andere Sicht mehr neben sich duldet?


Die Grenzen zwischen einem eigenen, selbstbewusst vertretenen Weltbild und dem Verteidigen einer übernommenen Ideologie sind fließend. Dann aber, wenn wir die Ausschließlichkeit dieses Weltbildes als selbstverständlich ansehen, sind wir im Dogmatismus gelandet. Dort spätestens beginnt der Kampf gegen jeden Andersdenkenden. Ruben Schattevoy hat sich mit diesem Problem etwas intensiver befasst.


“Dieses Blog ist nicht dazu geeignet, sich seiner eigenen Götter – auch Ideologien genannt – zu versichern und gleichzeitig in den dann für die Opponenten folgerichtigen Kampf gegen die fremden Götter (sprich Ideologien) zu gehen. Der Kampf gegen die fremden Götter ist Teil der Matrix, die Pflege von Feindbildern destruktiv verschwendete Energie.” (1)

Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, was Ideologien sind, ob sie notwendig, unvermeidlich oder zwangsläufig sind und ob es vielleicht doch Alternativen gibt. Bei meinen Überlegungen haben mir dieses Blog und die Diskussionen hier im Forum enorm viel geholfen. Selbstverständlich haben mir auch viele andere Artikel weiter geholfen, auf die ich bei meinen Streifzügen durch die freie Medienwelt gestoßen bin.

Eine Quelle, die mich dabei ganz besonders inspiriert hat sind die inzwischen drei Bücher von Yuval Noah Harari und dort besonders das dritte Buch “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert”. Yuval Noah Harari hat in seiner Trilogie, wenn man so will, Aufstieg, Zenit und Niedergang der Ideologien nachvollzogen und am Ende seine persönliche ideologiefreie Alternative vorgestellt.

Ich habe versucht, aus all diesen Quellen eine für mich zusammenhängende, in sich logische und mit meinen Erfahrungen vereinbare Gesamtgeschichte zu entwickeln. Bestimmt verwende ich manchen Begriff abweichend zu dem, was Fachleute für Sprache, Philosophie und so weiter gewohnt sind. Ich wollte die Geschichte so schreiben, dass ich sie verstehe und nicht so, dass ich sie als wissenschaftliche Abhandlung veröffentlichen kann. Los gehts:

Ideologien sind selbsterfüllende Prophezeiungen, die sich genau nur dann realisieren, wenn (fast) alle daran glauben und sich auch danach verhalten. Aus Ideologien lassen sich handlungsleitende Normen (Moral) ableiten. In dem Sinn sind nicht nur der Kapitalismus, der Neoliberalismus, der Kommunismus, die Weltreligionen und so weiter Ideologien, sondern auch die Demokratie.

Dogmatiker stellen sich selbst über die Normen – also die Ideen, Erkenntnisse, Kategorien und Wertvorstellungen – ihrer jeweiligen Ideologie, um eben dieser Ideologie Geltung zu verschaffen. Dogmatiker entwickeln eigene handlungsleitende Normen (Doppelmoral). In diesem Sinn sind der Tiefenstaat, die Geheimdienste, die Kreuzzüge, die Schutzverantwortung und wie sie alle heißen mögen dogmatische Überprägungen von ursprünglich gut gemeinten Ideologien.

Ideologien kondensieren immer zu Hierarchien. In gereiften Hierarchien machen Psychopathen – im Sinne der “dunklen Triade” (2,3) – die obersten Ränge unter sich aus. Die Psychopathen sind geeint im Bestreben, permanenten und stetig wachsenden Handlungsdruck zu erzeugen, der nach Führungspersönlichkeiten wie ihnen schreit. Reife Hierarchien zeichnen sich dadurch aus, dass die Normen geschleift wurden, da sich Psychopathen auf Dauer von blutleeren Normen keine Fesseln anlegen lassen und diese abzustreifen wissen. Reife Hierarchien sind geprägt von Doppelmoral und Neusprech. Ideologien, die zu Hierarchien kondensiert sind, entarten früher oder später immer in einen Dogmatismus.

Demokratie ist – wie schon gesagt – auch eine Ideologie. Demokratie ist bei uns im Wertewesten zu einer Hierarchie kondensiert und mittlerweile auch gereift und dogmatisch geworden. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Ich denke, dass wir uns zunächst auf eine Basis verständigen müssen, die absolut ideologiefrei ist. Ethik – im Gegensatz zu Moral – ist per Definition ideologiefrei. Leitideale wie Solidarität, Mitgefühl und Zivilcourage sind ideologiefrei, sie betreffen die Beziehung von Mensch zu Mensch. Der Leitsatz “Tue keinem, was Du nicht willst, was Dir geschieht” korrespondiert mit der “negativen Freiheit” und ist ideologiefrei. Der umgekehrte Leitsatz “Tue allen, was Du willst, was Dir geschieht” korrespondiert mit der “positiven Freiheit”. Er wäre zwar auch ideologiefrei, ich empfände eine darauf basierende Ethik aber als übergriffig.

Ausgehend von einer gefestigten und weitgehend anerkannten Ethik, könnten wir uns vielleicht auch wieder an die Ideologie der Demokratie heranwagen, müssten aber darin übereinkommen, das Geschehen um uns herum permanent gegen unsere Ethik zu prüfen. Im Zweifel ginge Ethik über Moral. Wir müssten in dauerhaftem Bemühen sicherstellen, dass wir als Gesellschaft noch auf dem rechten Weg sind. Wir müssten Psychopathen von den Schalthebeln der Macht fernhalten. Wir dürften uns keinen Handlungsdruck aufzwingen oder die Normen der Demokratie schleifen lassen.

Wenn wir schon nicht auf Hierarchie verzichten wollen sollten, müssten wir sie widerstandsfähig machen, gegen den zu erwartenden Angriff der Psychopathen. Dazu bräuchte es kluge Regeln – wie Verfassung, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und weitere – vor allem aber die permanente Wachsamkeit von uns allen. Es reicht nicht, die Ideologie robust zu machen, wir müssten sie antifragil machen. Das heißt, die Demokratie muss aus jedem Angriff nochmals gestärkt hervorgehen. Dies könnten wir erreichen, indem wir unseren Energiefluss beobachten und ihn dorthin lenken, wo es sich ethisch anfühlt. Trotzdem lehrt uns die Erfahrung, dass wir nicht zu hoffnungsvoll sein dürfen, das Abkippen in einen Dogmatismus auf Dauer verhindern zu können.

Für mich sind die Menschenwürde, die Menschenrechte, die Ideale der Aufklärung – die da heißen Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit – die Vernunft, die Wissenschaft und einiges mehr handlungsleitend. Ich sehe es so, dass jeder Mensch – auch wenn er sich als Psychopath äußert – gut ist und in bester Absicht handelt. Dessen unbenommen, empfinden andere Menschen nicht jede gut gemeinte Handlung auch tatsächlich als gut. Die echte Demokratie ist ein Ausfluss aus diesen an und für sich ideologiefreien Idealen. Bin ich, wenn ich diesen Idealen anhänge, also am Ende doch ideologisch? Ich glaube nicht. Ich meine, dass nicht jedes Ideal zu einer Ideologie hochstilisiert werden muss, von einer dogmatischen Entartung ganz zu schweigen.

Aufgrund meiner Ideale habe ich beispielsweise eine Haltung entwickelt, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Wenn ich dann aber feststellen muss, dass es in meiner Umgebung viele Menschen gibt, die sich selbst als so wenig von der Gesellschaft angenommen fühlen, dass sie Flüchtlinge nicht willkommen heißen können, kehre ich wieder zu meinen Idealen zurück. Dabei stelle ich fest, dass ich an den Gefühlen der Menschen in meiner Umgebung nicht vorbei kann.

Ich komme zu dem Ergebnis, dass in unserer Demokratie etwas gründlich schief läuft, wenn sich diese Menschen so wenig angenommen fühlen, dass sie sich so “unmenschlich” verhalten. Die Konsequenz ist, dass ich mich dafür einsetze, dass sich zunächst einmal die Menschen in meiner Umgebung in Liebe angenommen fühlen. Danach können wir dann auch wieder gemeinsam Flüchtlinge willkommen heißen. Dieser Vorgang basiert rein auf meiner Ethik und ist absolut ideologiefrei.

Selbstverständlich beschränkt sich mein Wirkungsbereich dann auf mich und meine unmittelbare Umgebung. Ich muss mich von dem Gedanken großer Reichweite oder gar “einem Platz in den Geschichtsbüchern” – Psychopathie ist quasi die Eintrittskarte dafür – verabschieden. Ebenso bedeutet es, dass mein Wirken im Sinn meiner Ideale von großer Langsamkeit ist. Ich brauche Geduld und Demut. Ich muss mir eingestehen, dass ich gering bin. Das ist der Preis für die Ideologiefreiheit. Mir ist bewusst, dass viele diesen Preis nicht werden zahlen wollen. Den Gedanken, so endlich, so beschränkt, so klein und letztlich so unbedeutend zu sein, lässt unser Ego kaum passieren. Da drückt eine tiefe Angst von innen dagegen.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen – einschließlich der Nennung des Autors – kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) 30.1.2019; https://peds-ansichten.de/2019/01/juden-feindbild-propaganda-ideologien/

(2) https://pd-weltformel.blogspot.com/2016/09/dunkle-triade.html; entnommen: 31.1.2019

(3) Die Psychologie unserer Abgründe; Julia Shaw; 2018; https://www.wbg-wissenverbindet.de/14672/boese

(Titelbild) Emotionen; 11.2.2017; Autor: Lars_Nissen_Photoart (Pixabay); https://pixabay.com/de/liebe-wut-trauer-hass-entkommen-2055960/; Lizenz: Pixabay License

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