Die Psychologie des Kapitalismus (4)

Von vermeintlicher Freiheit und handfester, tödlicher Politik.


Im Jahre 2012 wurde die folgende – hier im Prinzip unverändert wiedergegebene Artikelreihe – von Daniel Neun auf seiner Web-Seite Radio Utopie als Skript publiziert und ausführlich wie bereichernd kommentiert. Sie beruht auf einer 2007 veröffentlichten BBC-Dokumentation von Adam Curtis. Der Film selbst ist leider – mit Urheberrechten seitens der BBC begründet – über Youtube nicht mehr direkt zugänglich, bei Disclose.tv wurde ich noch fündig.


Aufgrund seiner Länge (Lesezeit über eine Stunde) habe ich den dritten Teil – abweichend vom Original von Daniel Neun in zwei Teile getrennt, sodass die Veröffentlichung bei Peds Ansichten aus vier statt aus drei Teilen besteht. Um den Stoff für einen breiteren Leserkreis verständlich zu machen, habe ich einige ausführliche Kommentare (erkenntlich durch a1, a2, …) hinzugefügt. Hier nun also der Abschluss von Daniel Neuns, respektive Adam Curtis Arbeit:


BBC-Filmreihe „The Trap (III)“: Die Freiheit von Berlin oder der Kampf der Zivilisationen

18.11.2012, übersetzt und kommentiert von Daniel Neun

Link zum Originalartikel: https://www.radio-utopie.de/2012/11/18/bbc-filmreihe-the-trap-iii-die-freiheit-von-berlin-oder-der-kampf-der-zivilisationen

Artikel zu Teil III der BBC-Filmreihe “The Trap – What Happened To Our Dream Of Freedom” (“Die Falle – Was mit unserem Traum von Freiheit geschah”) von Adam Curtis: “We Will Force You To Be Free” (“Wir werden euch zwingen frei zu sein”). 


V

In 1979 stürzten die Iraner den seit 1941 regierenden und von den U.S.A. gestützten Diktator Reza Pahlavi, den “Schah von Persien”. Pahlavis Herrschaft hatte sich vor allem auf den Geheimdienst Savak gestützt, dessen Grausamkeit weltweit berüchtigt war. Sie nützte nichts.

Staatsoberhaupt der neuen “Islamischen Republik Iran” wurde der schiitische Geistliche Ayatollah Khomeni. Noch in 1979 wurde das gesamte Vermögen des geflohenen Schahs (einem der bis dahin reichsten Männer der Welt) verstaatlicht, danach Ölindustrie, Banken und die Fabriken der 51 Industrie-Mogule im Iran.

Wesentlich beeinflusst wurde die iranische Revolution durch die Schriften des Lehrers Ali Shariati, dessen Leitmotiv “Weder Ost noch West” später von der Revolution übernommen wurde. Shariati schwebte eine Verbindung von islamischer (schiitischer) Religion und Sozialismus vor.

Beeinflusst wurde Shariati von den Befreiungsthesen des bewaffneten Kampfes von Frantz Fanon und der existenzialistischen Philosophie Jean-Paul Sartre, deren Schriften er während seiner Lehrertätigkeit in Paris (1957-1964) übersetzt und in persischen Exilkreisen vorgestellt hatte. 1961 mitbegründete er die “Iranische Freiheitsbewegung”.

1973 wurde Shariati – nach Schriften gegen die feudale Oberschicht Persiens, auch die klerikale – vom schiitischen Klerus fallen gelassen und ausgegrenzt, was ihn für das Schah-Regime praktisch zum Abschuss freigab. Shariati wurde vom Savak verhaftet und nach anderthalb Jahren Haft und Folter gebrochen wieder entlassen. Er starb 1977 im Exil unter unklaren Umständen.

Adam Curtis in “The Trap” III:  

“Seit dem 7. Jahrhundert war schiitischer Islam eine apolitische, passive Kraft gewesen. Seine Führer, die Ayatollahs, sagten den Menschen, dass sie sich nicht in politische Auseinandersetzungen verstricken lassen dürften. Sie sollten geduldig warten und alle Not ertragen, bis zum Erscheinen des wahren Imam.

Aber Shariati hatte den schiitischen Islam in eine revolutionäre politische Kraft gewandelt, die, ein weiteres Mal, anbot die Menschen zu befreien und im Hier und Jetzt zu verändern. Es waren diese Ideen, die Ayatollah Khomenie aufgegriffen hatte, um Amerikas Verbündeten zu überwinden. Und was man in den Slogans, die in den Straßen Teherans gerufen wurden, hörte, waren die Ideen von «positiver Freiheit» und die Theorien von Frantz Fanon.” (a1)

VI

Sprecher / Adam Curtis:

“In 1980 kandidierte Ronald Reagan für die Präsidentschaft. Die Botschaft seiner Kampagne war simpel: er versprach Freiheit, zuhause und im Ausland. Als er gewählt wurde, gingen viele der jungen Neokonservativen in seine Regierung. Und ihre Ideen wurden essentiell für die neue Außenpolitik. Im Oktober 1981 gab der neue Außenminister, Alexander Haig, einem entsetzten Senat einen neuen, moralischen Kreuzzug Amerikas bekannt – Freiheit in der Welt zu verbreiten, wenn nötig mit Gewalt.”

General Alexander Haig (Filmaufnahme):

“Es gibt Dinge, für die wir Amerikaner bereit sein müssen zu kämpfen. Wissen Sie, diese Republik wurde durch bewaffneten Konflikt geboren. Und die Freiheiten und Freizügigkeiten (“freedoms and liberties”) die wir heute genießen, waren die Konsequenz von bewaffnetem Konflikt, Aufstand, wenn sie so wollen. Es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wir müssen das verstehen, wir müssen unsere Außenpolitik unter diese glaubwürdige und gerechtfertigte Prämisse stellen.”

Später wurde diese Politik auch unter dem Begriff Reagan-Doktrin bekannt. 

Adam Curtis in “The Trap”:

“Präsident Reagan unterzeichnete eine Reihe von Direktiven, die das schufen, was «Project Democracy» genannt wurde. Es bestand aus zwei Teilen.

Der eine schuf mehrere Organisationen, deren Job es war im Ausland offen die Idee der Demokratie zu vertreten. Dies schuf solche Gruppen wie ‘Solidarität’ (Solidarnosc) in Polen. Aber er half auch beim Sturz von Diktatoren, die Amerikas Verbündete gewesen waren. Die Reagan-Administration zwang sowohl Ferdinand Marcos, als auch General Pinochet, Wahlen anzusetzen, welche zu ihrem Niedergang führten.” (a2)

Einer der Ideologen hinter “Project Democracy”: Samuel P. Huntington (a3). Nach dem Fall der Mauer in Deutschland und dem “gewonnenen” Kalten Krieg gegen die Sowjetunion war er es, der 1992 in einem Referat für das “American Enterprise Institute” die bis heute quer durch die Nomenklatura immer wieder benutzte Ideologie des “Clash of Civilizations” erfand (in Deutschland häufig als “Kampf der Kulturen” zitiert). Er präzisierte seine extremistische Ideologie im Buch “The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order” (“Der Zusammenstoß der Zivilisationen und die Neuauflage der Weltordnung”).

Samuel P. Huntington beschwor das Verschwinden von Staaten auf der Erde und deren Ersatz durch Blöcke von “Zivilisationen”, bzw “Kulturen” (siehe oben).

Huntington erfand 2004 bezeichnenderweise den “Davos-Menschen”, in Anspielung auf die ehrenwerte Gesellschaft des “Entscheider”-Ensembles im “Weltwirtschaftsforum”, deren Privilegierte 

“wenig Zeit haben für national(staatlich)e Loyalität, national(staatlich)e Grenzen als Hindernis betrachten die dankenswerterweise verschwinden und die national(staatlich)en Regierungen als Restbestände der Vergangenheit ansehen, deren einzige nützliche Funktion es ist die globalen Operationen der Elite zu ermöglichen.” (a4)

Wie gesagt: das war in 2004. Als einer der Ideologen hinter dem “Project Democracy” der Reagan-Administration in den 80er Jahren äußerte er, es ginge um die die Beförderung von “bescheidenen” (“modest”) Demokratien, wo die Menschen wählen könnten, sich aber sonst nichts ändere.

Sprecher / Adam Curtis, “The Trap”:

“Und genau das geschah. Demokratie kam zu den Philippinen. Aber die wirkliche Macht verschob sich einfach zu einer neuen Gruppe von Eliten. Und die gewaltige Ungleichheit und Korruption blieb unverändert. Es war eine bescheidene Form von Demokratie.

Der andere Teil von «Project Democracy» war militärische Gewalt in Geheimoperationen anzuwenden, um ausländische Regime zu stürzen, die der Freiheit im Weg waren. Das Hauptziel war die Regierung von Nicaragua, die Sandinisten. Die Sandinisten waren marxistische Revolutionäre, die 1979 die Macht ergriffen hatten. Doch seitdem hatten sie Wahlen abgehalten und waren demokratisch gewählt worden. Die Reagan-Administration lehnte dies als Fälschung ab und eine Operation wurde aufgestellt, um die «richtige» Art von Demokratie zu erzwingen – durch einen Sturz der Sandinisten, wenn nötig.”

Der Mann der das Kommando hatte war ein führender Neokonservativer: Elliot Abrams.

Unter Elliot Abrams, der die Rolle eines Sonderassistenten des Präsidenten Ronald Reagan innehatte, stellte die U.S.-Regierung eine eigene Guerilla-Armee auf, die in Nicaragua einmarschierte. Später wurde diese die “Contras” genannt. Gleichzeitig begann die Reagan-Administration nach der vom U.S.-Militär entwickelten Taktik des “Wahrnehmungsmanagements”  (“Perception management”) eine Propagandawelle.

Bei einem TV-Auftritt behauptete Reagan, mit Landkarten bewaffnet um seinem hochgebildeten Wahlvolk die lebensbedrohliche Gefahr von irgendwo da unten näher erläutern zu können, die Sowjetunion habe Chemiewaffen an Nicaragua geliefert. Eine chemischer Angriff aus dem winzigen mittelamerikanischen Staat sei praktisch unvermeidlich, wenn nicht irgendjemand endlich etwas tue. Gegen den Kommunismus. Gegen Nicaragua. Und für das Vater-, Abend-, und Gutenachtland.

Die furchterregenden Presseberichte über die furchterregenden Chemiewaffen des furchterregenden Nicaragua, was seinen liebevollen Diktator Somoza unverschämterweise in die U.S.A. verwiesen hatte, entstammten der seriösesten Quelle, die die Welt von Wissen, Information und Geschichtsbewusstsein je gesehen hat: der C.I.A. 

Im Bericht mit dem Titel “Implications of Soviet Use of Chemical and Toxic Weapons for U.S. Security Interests”, offiziell vom 15. September 1983, legte dieser Bericht Tonnen von Beweisen – oder besser: Hinweisen, der berühmte “evidence” –  für nicaraguanische Chemiewaffen vor. (Im Bericht wird ebenfalls erwähnt, dass Israel nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973 Tonnen von Kriegsmaterial für Biowaffen und Chemiewaffen der C.I.A. übergab, welches angeblich von den Ägyptern stammte, usw.) (a5).

Im November 1984 machten dann die angeblichen nicaraguanischen Chemiewaffen die Runde in den U.S.-Zeitungen.

In einer Rede vor der “American Bar Association” am 8. Juli 1985 verkündete Reagan,  Nicaragua sei Teil einer “Konföderation von Terroristen-Staaten” und eines internationalen, geheimen und supergefährlichen “terroristischen Netzwerks”, als

“Partner von Iran, Libyen, Nordkorea und Kuba in einer Kampagne des internationalen Terrors”

Dem interessierten Leser aus Deutschland soll ein weiterer Abschnitt dieser Rede des U.S.-Präsident aus 1985 nicht vorenthalten werden. Darin enthalten: die (wieder) üblichen Verdächtigen, aber mal für anderes.

“Mit dem Beginn des Sommers 1984 und gipfelnd in Januar und Februar dieses Jahres, gab es eine Serie von offensichtlich koordinierten Attacken und Attentaten von linksradikalen Terroristen-Gruppen inBelgien, Westdeutschland und Frankreich – Attacken die sich gegen amerikanische und N.A.T.O.-Einrichtungen oder militärisch und industrielle Repräsentanten dieser Nationen richteten. Nun, was wissen wir über die Quellen dieser Attacken und die ganze Schablone von terroristischen Angriffen in den letzten Jahren? Nun, allein in 1983 bestätigte, oder fand, die C.I.A. starke Hinweise (“evidence”) für eine iranische Beteiligung an 57 terroristischen Attacken.”

Die von der Reagan-Administration angewandte Taktik des “Wahrnehmungsmanagements”  (“Perception management”) wird vom U.S.-Militär selbst so beschrieben:

“Aktionen um einem ausländischen Publikum selektierte Informationen zu übermitteln und / oder verweigern, um ihre Emotionen, Motive und objektive Schlussfolgerungen zu beeinflussen, ebenso Geheimdienst-System und -Führern überhaupt, um offizielle Einschätzungen zu beeinflussen, was letztlich zu im Sinne der Ziele des Urhebers günstigen ausländischen Verhaltensweisen und Amtshandlungen führt.

In verschiedener Weise kombiniert Perception Management Projektion von Wahrheit, Sicherheit, Deckung und Verschleierung von Operationen, und psychologische Operationen.”

Adam Curtis / “The Trap”:

“Was geschah war, dass die Neokonservativen begannen zu glauben, dass ihr Ideal von Freiheit ein Absolutum war und dass dies demzufolge Lügen und Übertreibungen rechtfertige, um diese Vision zu erzwingen, dass das Ergebnis die Mittel rechtfertige. Obwohl sie die Contras als Freiheitskämpfer darstellten, war es wohl bekannt, dass sie Mord, Attentate und Folter anwandten und zudem offensichtlich Flugzeuge der C.I.A. benutzten, um Kokain in die U.S.A. zu schmuggeln. Und um die Contras zu finanzieren, waren die Neokonservativen sogar bereit mit dem Feind Amerikas zu dealen – mit den Führern der iranischen Revolution.

In 1985 hielten die Leiter der Nicaragua-Operation eine Reihe von geheimen Treffen mit iranischen Führern in Europa ab. Sie arrangierten den Verkauf amerikanischer Waffen an die Iraner. Im Gegenzug ließen die Iraner amerikanische Geiseln frei, die im Libanon festgehalten wurden. Dann wurde das Geld aus diesen Verkäufen von den Leitern des «Project Democracy» dazu benutzt die Contras zu finanzieren.

Das einzige Problem dabei – es war komplett illegal. Und der Präsident wusste es.”

Die Affäre wurde unter dem Stichwort “Iran-Contra-Affäre” bekannt. Kein einziger der Beteiligten in der Reagan-Administration wurde wegen irgendetwas verurteilt. Im Gegenteil – der damalige Vizepräsident George Bush Sen. machte, wie wir alle wissen, zum weiteren Wohlergehen der Menschheit Karriere und wurde Präsident der Vereinigten Staaten von immer mehr außerhalb Amerika, ebenso später sein Sohn.

Adam Curtis / “The Trap”:

“Was begann zum Vorschein zu kommen, war das Problem darin das Ideal von Freiheit in der Welt zu verbreiten. Um das zu tun hatten sich diejenigen die «Project Democracy» leiteten nicht nur Manipulation und Gewalt zugewandt, sondern begannen die Ideale von Demokratie in Amerika zu untergraben – genau das, was sie im Ausland versuchten hervorzubringen. Es war die Korruption / die Verwesung (‘corruption’) von Freiheit, vor der Isaiah Berlin gewarnt hatte.

Aber all diese Probleme waren dabei beiseite gelegt zu werden, weil die westliche Idee von Freiheit vor dem Triumph im Kalten Krieg stand.”

VII

1991 waren die Sowjetunion und die Diktaturen in ihrem Einflussbereich zusammengebrochen. Aus dem größten Teil der Sowjetunion entstand die Föderation Russland mit ihrem Präsidenten Boris Jelzin.

1992 erlangte ein Essay kurze Berühmtheit. Geschrieben wurde es von einem damaligen Architekten der Reagan-Doktrin der 80er Jahre: Francis Fukuyama. Das Buch trug den Titel “Das Ende der Geschichte und der Letzte Mensch” (“The End of History and the Last Man”). In ihm prognostizierte Fukuyama, dass sich die Idee eines gemäßigten, nicht marktradikalen Liberalismus und parlamentarische Demokratie weltweit durchsetzen würden. In späteren Jahren distanzierte er sich von den Neokonservativen, zu deren Aufstieg er selbst beigetragen hatte, und warnte ausdrücklich vor dem beginnenden eugenischen Zeitalter der genetischen Manipulation und ihrer Apologeten aus der “Transhumanisten”-Bewegung (mit denen sich Radio Utopie noch näher beschäftigen wird).

Adam Curtis / “The Trap”: 

“Heraus kam ein revolutionärer Versuch die Welt umzubauen. Die Absicht war ein Utopia zu schaffen, basierend auf der Idee von «negativer Freiheit». Es würde eine Welt sein, in der alle Individuen frei sein würden zu tun, was sie wollten, nicht mehr länger unter Zwang von Eliten oder Tyrannen. Es würde der Triumph sein von Isaiah Berlins Idee von Freiheit. Und es würde in Russland beginnen.

In 1992 hatte die amerikanische Regierung den «Freedom Support Act» verabschiedet. Sein Zweck war Russland zu helfen sich umzubauen. Neben Millionen von Dollars an Hilfen kam eine Gruppe junger Berater, Ökonomen und politischen Theoretikern, die eine radikale Vision von dem hatten, was notwendig wäre; sie nannten diese «Schock-Therapie». Die Absicht war. alle staatliche Kontrolle über die russische Wirtschaft aufzuheben. Alle Subventionen wurden gestrichen und die gesamte staatliche Industrie über Nacht privatisiert. Ihr Anführer war ein Harvard-Ökonom mit Namen Jeffrey Sachs. (…)

Die Amerikaner verbündeten sich mit einer Gruppe von radikalen Freimarkthändlern um Jelzin. Zusammen entwickelten sie einen Plan. Ihm zugrunde lag eine Theorie, wie man durch die Erschaffung neuer Menschen die Gesellschaft transformieren könne. Wie die Sendungen der letzten Wochen gezeigt haben, war es die gleiche Theorie, die hinter dem Aufstieg der sogenannten «Marktdemokratie» in Britannien und Amerika in den 1980ern gestanden hatte. Die Theorie besagte, dass, wenn man alle elitären Institutionen zerstören würde die in der Vergangenheit den Menschen gesagt hatten, was sie tun sollten und stattdessen den Individuen erlauben würde unabhängig im Markt zu sein, sie eine neue Art rationaler Wesen werden würden, wählend was sie wollen. Daraus entstehen würde eine neue Form der Ordnung und eine neue Art der Demokratie, in der die Märkte, nicht Politik, den Menschen geben würden was sie wollen.”

Was in Russland ab 1992 geschah, war folgendes: Das üppige Staatseigentum, Erbe des einstigen “Volkseigentums” der Sowjetunion, wurde weltweit an Kapitalgesellschaften oder an verbündete inländische Betrüger verscherbelt (“privatisiert”). Staatliche Sicherungssysteme – Gesundheitsversorgung, Energieversorgung, Wasserversorgung, Renten, etc, etc – wurden vernichtet, Preise freigegeben (zum Explodieren) und die im Umlauf befindliche Geldmenge drastisch reduziert (um dafür die Vermögensinflation in babelsche Ausmaße wachsen zu lassen). Die Rohstoffe Russlands wurden für ein Taschengeld zur Ausbeutung durch internationale Konzerne freigegeben. In atemberaubenden Tempo stürzte die überwältigende Mehrheit der Russen in extreme Armut, während eine winzige Clique von Oligarchen um Jelzin zu gigantischem Reichtum kam.

Schon ein Jahr später war Russland im Chaos versunken. Das Parlament rebellierte. Jelzin löste es einfach auf, ohne irgendeine Rechtsgrundlage. Sein Vizepräsident Ruzkoi widersprach. Jelzin setzte ihn ebenfalls ab. Die Abgeordneten wählten daraufhin, gemäß der russischen Verfassung, Ruzkoi zum neuen Präsidenten und erklärten Jelzin für abgesetzt. Als der Machtkampf eskalierte, verbarrikadierten sich 100 Abgeordnete im Parlament, damals noch der Oberste Rat (“Sowjet”). Jelzin ließ das Parlament belagern, mit Panzern beschießen und schließlich durch eine regimetreue Eliteeinheit stürmen. Bei den Kämpfen in Moskau und anderen Städten starben über 180 Menschen. Russland stand kurz vor einem Bürgerkrieg.

Durch massive Hilfe seiner Oligarchen schaffte es Jelzin Ende 1993, seine auf ihn zugeschnittene Verfassung und ein Zwei-Kammer-Parlamentssystem durchzubekommen. 1996 wurde er, obwohl das Land wirtschaftlich am Boden lag, wie durch ein nicht existierendes Wirtsschaftswunder wiedergewählt. “Internationaler Währungsfonds” und “Weltbank” hatten sich in Moskau eingenistet und diktierten die russische Finanzpolitik und damit auch alles andere. Jelzin kürzte, geradezu vorausschauend für alle weiteren nachfolgenden Supereuropäer, sämtliche Staatsausgaben und nahm dem Volk noch mehr weg – für das Vertrauen der Märkte.

Am 14. August 1998 stürzte Russland in den Staatsbankrott (wie allgemein bekannt, tat sich nicht die Wolga auf und verschlang Russland mit einem Happs, wie zuvor seine Rettettettetter aus Washington). Der Rubel wertete ab und eine Menge an irrsinnig zustande gekommenen Auslandsschulden wurde einfach nicht bezahlt. Die russischen Bürger die noch über Guthaben verfügten, stürmten die Banken, die meisten Banken brachen zusammen.

Ende 1999 übergab Jelzin, der wegen Alkoholismus kaum mehr laufen oder sprechen konnte, an den zuvor noch eingesetzten Ministerpräsidenten Wladimir Putin. Der erhöhte den Militäretat um 50 Prozent und begann den zweiten Tschetschenienkrieg, was ihm beim Volk ungemein Respekt einbrachte.

Endlich mal wieder gewinnen.

Adam Curtis / “The Trap”:

“Doch mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts sollte es einen weiteren heroischen Versuch geben, die Idee von «negativer Freiheit»  über die Welt zu verbreiten. Und eine der zentralen Figuren in dieser utopischen Mission würde der britische Premierminister Tony Blair sein.”

VIII

Nach seinem Amtsantritt in 1997 schrieb Tony Blair an den bereits auf dem Sterbebett liegenden Isaiah Berlin. Blair offerierte diesem eine völlig neue Version von Berlins Philosophie: eine Kombination von “negativer” und “positiver” Freiheit. Die “Beschränkungen” von “negativer Freiheit” (Freiheit von, nicht zielgerichtetes, westliches Modell) hätten Generationen, so Blair in seinem Brief, motiviert für Ideen von “positiver Freiheit” (Freiheit zu, zielgerichtetes politisches / ideologisches Modell) zu kämpfen. Blair schrieb dazu von einer neuen “Zukunft der Linken” (a6).

Was Blair damit tatsächlich meinte, sollte sich bald herausstellen: Interventionismus, Imperialismus, Kapitalismus.

Blair trieb den zu Ende seiner zweiten Amtszeit bereits schwer beschädigten und amtsmüden U.S.-Präsidenten Bill Clinton 1999 zum Einmarsch in Jugoslawien, um – wie es hieß – in einer jugoslawischen Provinz, dem Kosovo, stattfindende ethnische Säuberungen zu stoppen.

Noch am 22. März 1999 stand in der Tagesmeldung des damaligen Amtes für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (ANBw): “Tendenzen zu ethnischen Säuberungen sind weiterhin nicht zu erkennen”. Es gab kein Mandat der Vereinten Nationen für einen Krieg gegen Jugoslawien. In einem Angriffskrieg marschierten (nach einem Bombardement gegen ganz Jugoslawien) dennoch Truppen des Nordatlantikpakts unter Führung der U.S.A. 1999 in das Land ein und besetzten die rohstoffreiche Provinz Kosovo.

“Für Präsident Clinton war es eine kurzzeitige humanitäre Mission. Aber Blair sah etwas viel Tieferes. Es war der Beginn eines neuen universellen Prinzips, was auf der ganzen Welt angewendet werden sollte. In der modernen miteinander verbundenen globalen Gesellschaft glaubte Blair, der Westen habe eine Pflicht, in Ländern zu intervenieren, wo Individuen von Tyrannei bedroht seien und den Menschen Freiheit zu bringen. Er umschrieb diese dramatische neue Vision in einer Rede in Chicago in 1999:”

Adam Curtis / “The Trap”:

“Dies ist, glaube ich, ein gerechter Krieg. Akte des Genozids können niemals eine rein innere Angelegenheit sein. Wenn wir die Werte der Freiheit, die Herrschaft des Gesetzes, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft etablieren und verbreiten können, dann ist das auch in unserem nationalen Interesse. Die Ausbreitung unserer Werte macht uns in der Tat sicherer. Glaubt denn irgendjemand, dass Serbien oder Irak Nationen wären die Konflikte verursachen, wenn sie Demokratien wären?”

Adam Curtis / “The Trap”:

“Aber es waren die Ereignisse des 11. Septembers, die Blairs Prinzip transformieren würden in einen revolutionären Versuch, die Welt zu erneuern und Millionen Menschen die Freiheit zu bringen.” (a7)

Blair, Filmausschnitt:

“Der Gleitpfad ist erschüttert worden. Die Bestandteile sind im Fluss. Bald werden sie sich wieder ansiedeln. Bevor sie das tun, lasst uns die Welt um uns neu ordnen.

Ich glaube, dass dies ein Kampf für Freiheit ist. Von den Wüsten Nordafrikas zu den Slums in Gaza zu den aufragenden Bergen Afghanistans – auch sie sind unsere Angelegenheit.”

Adam Curtis / “The Trap”:

“Und zur selben Zeit brachten die Attentate des 11. Septembers viele der demokratischen Revolutionäre aus den 1980er wieder zu Einfluss in Washington. Sie und Blair trafen sich nun, um zu versuchen Demokratie im Nahen Osten zu verbreiten. Und genau wie in den 1980ern wurden die gleichen Techniken von Übertreibung und Angst eingesetzt, um das amerikanische Volk davon zu überzeugen dies zu unterstützen.

Und Tony Blair fand sich selbst dem selben Problem gegenüberstehend. Obwohl er an die Briten appellierte, ihm in dieser radikalen Vision zu vertrauen, regierte er nun eine Gesellschaft, die Politikern misstraute. Wie diese Filmserie gezeigt hat, basierte das vereinfachte Modell von ökonomischer Demokratie auf der Theorie dass jeder, eingeschlossen Politiker, nur von Eigennutz getrieben sei. Und diese Vorstellung hatte sich mittlerweile in der Kultur verbreitet. Diesem Misstrauen gegenüberstehend setzte Blair das ein, was viele als Übertreibung und Verzerrung ansahen. Vielleicht glaubte er, dies sei der einzige Weg seine moralische Vision zu erreichen, dass die Ergebnisse die Mittel rechtfertigen.”

IX

“Im April 2003 vertrieben amerikanische und Koalitionstruppen Saddam Hussein und machten sich daran eine neue, freie Gesellschaft im Irak zu schaffen. Aber um dies zu tun, würden sie die gleiche Technik benutzen, wie sie in Russland benutzt hatten: die «Schock-Therapie».”

Als Statthalter des eroberten Iraks setzten die Besatzungsmächte den Harvard-Ökonomen Paul Bremer ein. Er traf 2003 im Irak ein mit einem von einer Gruppe radikaler Ökonomen entwickelten und noch extremeren Wirtschaftskonzept, als dem, welches von Jeffrey Sachs ab 1992 in Russland angewendet worden war.

Adam Curtis / “The Trap”:

“Der Leiter der «Provisorischen Autorität», Paul Bremer, traf ein im Irak mit einem von einer Gruppe von radikalen Ökonomen entworfenen Plan, der sogar noch extremer, noch utopischer war, als der in Russland versucht worden war. Die Menschen würden von jeder Form von staatlicher Kontrolle befreit werden. Und Bremer machte sich daran, sofort alle Mitglieder der Baath-Partei zu entlassen, die die irakische Gesellschaft kontrolliert hatte.

Es war ein dramatischer revolutionärer Schachzug. Über Nacht zerstörten die Amerikaner die zivile Struktur der irakischen Gesellschaft. Doch anstatt zu versuchen neue Institutionen zu schaffen, sah Bremers Plan vor, die perfekte Marktwirtschaft zu konstruieren, von der die Amerikaner glaubten, sie würde automatisch eine neue Demokratie erschaffen.

Alle Industrien und öffentlichen Betriebe wurden sofort privatisiert. Das Land wurde dann für internationale Konzerne aufgerissen, die, im Gegenzug für Investitionen, hundert Prozent ihrer Profite steuerfrei aus dem Land ausführen konnten. Nur eines von Saddam Husseins Gesetzen blieb: das, welches Gewerkschaften beschränkte.

Aus diesem sollte eine spontane Ordnung entstehen. Was daraus resultierte war Chaos.”

Wie “The Trap” weiter ausführt, verkündete die U.S.-Besatzungsmacht schließlich, dass die neue irakische Verfassung von einem Rat ihrer Wahl und Zusammensetzung beschlossen werde. Daraufhin erließ das Oberhaupt der schiitischen Kirche im Irak, Ajatollah Sistani, eine Reihe von Fatwas gegen die Besatzungsmacht. Sistani forderte einen Gesellschaftsvertrag und echte Demokratie für Irak und warnte im Falle einer Verweigerung durch die Besatzungsmacht vor dem Aufstieg eines antidemokratischen Islamismus.

Dazu sei hinzugefügt: In der Tat spielte die U.S.-Besatzungsmacht konsequent dem heute vergessenen obskuren “Schiitenprediger” (ohne Ausbildung) Muktada el-Sadr (Muqtada al-Sadr) in die Hände, der von den US-Truppen völlig unbehelligt in Kerbela (Karbala) lebte, obwohl ihm und seiner “Mahdi”-Miliz regelmäßig Massaker zur Last gelegt wurden. Beobachter gingen davon aus, dass el-Sadr ein Kollaborateur der US-Besatzungsmacht war und mit allen Mitteln versuchte, Ayatollah al-Sistani in seinem Einfluß zurückzudrängen, um einen Bürgerkrieg zwischen den Irakern zu entfachen.

Bereits 2005 tauchten in der U.S.-Presse Berichte darüber auf, dass die U.S.-Besatzungsmacht im Irak Todesschwadronen (“Special Police Commandos”) nach Vorbild der seinerzeit in den 1980ern von U.S.-gestützten Diktaturen in Süd- und Mittelamerika aufgestellt hatte. Erster Leiter des U.S.-Militärkommandos zur Ausbildung irakischer Einheiten von 2004 bis Mitte 2005 war übrigens der vor wenigen Tagen [Originalartikel ist von 2012] als C.I.A.-Direktor zurückgetretene General David Petraeus.

2006 wurden an jedem Tag, an jedem Morgen, Dutzende, manchmal bis zu hundert verstümmelte Leichen auf den Straßen gefunden. Die Todesschwadronen die diese Massaker verübten, setzten sich größtenteils aus Polizisten und Milizen des von den U.S.A. eingesetzten irakischen Regimes zusammen, die wiederum eng mit der “Mahdi”-Miliz von el-Sadr verknüpft waren (hier die britische Dokumentation “The Death Squads” von Ende 2006).

Ende 2006 Anfang 2007 veröffentlichte dann der der U.S.-Partei “Demokraten” nahestehende Think Tank “Brookings Institution” zwei Denkpapiere (“A Bosnia Option vor Iraq“, “Things fall apart“), die unter Bezug der Kriege in ex-Jugoslawien eine Teilung des Irak nach ethnischen Kriterien und Selektion der Bevölkerung vorschlugen (wohlmeinende Lager inbegriffen, in denen sich die erschöpften Opfer des sunnitisch-schiitischen Extremismus besser konzentrieren könnten), beziehungsweise mit einer Intervention der Nachbarstaaten Türkei und Saudi-Arabien und / oder einem Eingreifen der N.A.T.O.. kalkulierten.

Adam Curtis / “The Trap”:

“Und der revolutionäre Versuch im Ausland «negative Freiheit» zu kreieren, veränderten Freiheiten in Britannien selbst”.

X

Am 7. Juli 2005 führte die Firma Visor Consultants unter Managing Director Peter Power für eine bis heute unbekannte Organisation eine “Terror-Übung” mit tausend involvierten Personen in London durch, in der die simultane Explosion von Sprengsätzen zu einem bestimmten Zeitpunkt an mehreren Orten im Londoner U-Bahnsystems geübt wurde. Leider explodierten am 7. Juli 2005 zu genau diesem Zeitpunkt an genau diesen Orten im Londoner U-Bahnsystem simultan Sprengsätze. Es starben unter anderem die üblichen Verdächtigen, die so praktischerweise die üblichen nicht verurteilten Verurteilten wurden. Sie blieben bis heute die Einzigen.

Knapp zwei Wochen später wurde in einer Londoner U-Bahn der Elektriker Jean Charles De Menezes – einer unter tausend – vor aller Augen von mehreren Polizisten festgehalten und dann exekutiert. Anschließend behauptete Scotland Yard, der Verdächtige sei verdächtig gewesen, weil man De Menezes für einen Terroristen gehalten habe. De Menezes habe eine dicke Jacke getragen, darunter hätte sich eine Selbstmörderweste verbergen können (welche westlichen Westen die Scotland Yard Beamten bei ihrem Einsatz getragen hatten, wurde nicht bekannt), De Menezes sei zudem weggelaufen. Außerdem habe man ihn vorher nicht festnehmen können. Es war alles gelogen. De Menezes war den ganzen Tag bereits von Agenten Scotland Yards beschattet worden und war weder gelaufen noch mit einer dicken Jacke bewaffnet. Die Einsatzleiterin der Hinrichtung, Cressida Dick, wurde 2007 befördert. Verurteilt werden brauchte offensichtlich niemand, der übliche Verdächtige war bereits tot. (a8)

Premierminister Tony Blair nutzte die 7/7 “London Bombings” für eine ganze Reihe neuer Einschränkungen von bürgerlichen Freiheiten, nur zur Sicherheit.

Adam Curtis / “The Trap”:

“Was Tony Blair vorschlug war, dass Individuen aufgrund von weit weniger Hinweisen (‘evidence’) als bisher bestraft werden könnten, für antisoziales Verhalten über Terrorismus, oder sogar auf den Verdacht hin, dass sie vielleicht in Zukunft eine Straftat begehen könnten. Es gab dagegen enorme Widerstände aus der Anwaltschaft. Sie argumentierte, das öffne die Tür zum willkürlichen Gebrauch der Macht durch Regierungen.

Politiker konnten nun entscheiden, wer ein gesetzestreuer Bürger ist und wer das Individuum, dessen Ideen in der Zukunft vielleicht zu gefährlichen Straftaten führen könnten und eingesperrt werden sollte aufgrund von wenigen oder keinen Hinweisen (‘evidence’).

Wieder einmal transformierte sich «negative Freiheit» selbst in etwas, vor dem Isaiah Berlin gewarnt hatte. Sie wurde eine Version ihres Gegenteils: «positiver Freiheit». Unsere Politiker haben die Macht zu entscheiden, was die richtige Art von freiem Individuum ist und diejenigen zu bestrafen, die mit diesem Ideal nicht konform gehen.

Aber da ist etwas, was unsere heutige Freiheit von «positiver Freiheit» unterscheidet. «Positive Freiheit» ist getrieben von einer Vision, dass Freiheit für etwas ist; die Freiheit etwas Neues zu tun oder zu sein, aus dem eine bessere Welt entstehen würde. «Negative Freiheit» hat keine solche Vision. Sie ist für nichts. Im Herzen hat sie keine Bestimmung, außer uns vor unnötigen Restriktionen oder Schaden zu bewahren. Tatsächlich aber haben die demokratischen Revolutionäre im Gebrauch von Gewalt, um eine Welt basierend auf «negative Freiheit» zu erschaffen, Millionen Menschen im Ausland in eine Welt ohne Bestimmung oder Bedeutung geführt.

Diese Vorstellung von Freiheit wird von vielen Politikern und einflussreichen Kommentatoren immer noch als universelles Absolutum dargestellt. Sie gehen davon aus, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie sich über die Welt ausbreite.

Aber das kann nicht wahr sein.


Wie diese Filmserie gezeigt hat, ist die Vorstellung von Freiheit in der wir heute leben, eine beschränkte und begrenzende, die geboren wurde aus einer spezifischen und gefährlichen Zeit: dem Kalten Krieg. Sie hatte vielleicht damals Bedeutung und Zweck, als eine Alternative zu kommunistischer Tyrannei. Aber nun ist sie eine gefährliche Falle geworden. (a9)

Unsere Regierung verlässt sich auf ein vereinfachtes, wirtschaftliches Modell von menschlichen Wesen. Es erlaubt der (sozialen) Ungleichheit zu wachsen und offeriert nichts Positives angesichts der reaktionären Kräfte, die sie geholfen hat weltweit zu erwecken.

Wenn wir jemals dieser beschränkten Weltanschauung entkommen wollen, müssen wir die progressiven positiven Ideen der Freiheit wieder entdecken und erkennen, dass Isaiah Berlin sich geirrt hat:

Nicht alle Versuche die Welt zu verbessern führen in die Tyrannei.”

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam.    

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Anmerkungen

(a1, Peds Ansichten) Die Herausforderung, vor die Adam Curtis uns immer wieder stellt, ist die, aus einem Muster von Schwarz-Weiß-Denken herauszugehen. Wir sind geneigt, zwei unterschiedliche Sichten stets zu polarisieren, sie in einen dialektischen Zusammenhang zu stellen. Förderlich aber – im Sinne einer wirklichen Selbstbestimmtheit des Menschen – ist weder der traditionelle schiitische Islam, noch Shariatis Interpretation von Fanons (respektive Isaiah Berlins) “positiver Freiheit”. Shariati war ein Ideologe, angetreten die etablierte Ideologie des schiitischen Islam durch die seine zu ersetzen. In diesem Machtkampf waren aber beide Seiten darauf aus – was Ideologen immanent ist – die Massen für ihren Kampf zu benutzen. 

(a2, Peds Ansichten) Was die Reagan-Doktrin betrifft: Die steuernde US-Politik im Ausland, gewaltsam oder mit Diplomatie betrieben, war stets vom Pragmatismus der Eigeninteressen getrieben. Eigeninteressen wurde schon immer durch eine passende Ideologie bemäntelt und legitimiert. Wir dürfen uns daher sicher sein, dass Marcos und Pinochet nicht “abgesägt” wurden, weil die USA plötzlich Diktaturen ganz doll schlimm fanden.

(a3, Peds Ansichten) Es gibt eine ganze Reihe von Parallelen zwischen den Ideologien und Aktivitäten des Samuel P. Huntington und einem gewissen George Soros. “Project Democracy” von Huntington findet seine Entsprechung in “Open Democracy” als entwickeltes und gefördertes Projekt der Open Society Foundation (1). So wie Huntington redet auch Soros die Auflösung historisch gewachsener Grenzen der Nationalstaaten herbei. Das American Enterprise Institute, vor dem Huntington seinen Vortrag (“Clash of Civilization”) hielt, ist eine Denkfabrik, in der maßgeblich die Pläne für PNAC (Project for a New American Century) geschmiedet wurden.

(a4, Peds Ansichten) Wenn ich in vielen Artikeln von Eliten spreche, dann nutze ich die Begrifflichkeit, welche jene Leute, die sich so sehen, auch ganz selbstverständlich und wiederholt selbst verwenden. So, wie man das auch sehr schön bei Huntington, wie auch früher (zum Beispiel) bei Walter Lippman sehen kann.

(a5, Peds Ansichten) Die “tonnenschweren Beweise” im CIA-Bericht über chemische Waffen sind natürlich pure Ironie, im Bericht steht rein gar nichts über Nikaragua.

(a6, Peds Ansichten) Hier zeigt sich, dass jede Einordnung von Menschen an Grenzen gerät. Die innere Spaltung von Tony Blair erkennt man an seinem grenzenlosen Opportunismus, der ihn behende in den amoralischen Finanzsektor (zu Goldman Sachs) wechseln ließ, nachdem er seine politische Karriere beendet hatte. Andererseits war Blair auch ideologisch absolut befangen, was seine intensive Auseinandersetzung mit den Ideen Isaiah Berlins aufzeigt. Mit Ideologien lassen sich Schuldgefühle als Ergebnis selbst erfasster ethischer Verletzungen gut abbauen und das eigene Wirken wieder in das erstrebte helle Licht rücken.

(a7, Peds Ansichten) Das eben ist die Frage: Ob nicht die Ereignisse des 11. September Mittel zum Zweck gewesen sein könnten, genau diese Illusion eines unausweichlichen Kreuzzuges für Freiheit und Demokratie in den Menschen zu erzeugen.

(a8, Peds Ansichten) Der Fall Jean-Charles de Menezes zeigt eindringlich, wohin es führt, wenn permanent eine gesellschaftliche Stimmung der Angst erzeugt, gesteigert und am Laufen gehalten wird. In genau dieser Angst handelte auch das Spezialkommando der Londoner Polizei und aus purer Angst riss es einen Menschen – der auch Sie oder ich gewesen sein konnte – aus dem Leben. Die Frage stellt sich doch, was die größere Gefahr ist: der Terrorismus oder die (künstlich geschürte) Paranoia vor dem Terrorismus.

(a9, Peds Ansichten) Die hier gemachten Schlussfolgerungen von Adam Curtis – das ist mir sehr wichtig, festzuhalten – teile ich nicht.

(Allgemein) Erstmalig bei Peds Ansichten erschien die Übernahme von Daniel Neuns Artikel im Jahre 2015 unter dem Titel Die Spieletheorie und der Siegeszug des Neoliberalismus (3). Sie wurde hiermit redaktionell umfangreich überarbeitet  sowie fehlerbereinigt und durch wenige Anmerkungen ergänzt. Inhaltliche Änderungen wurden nicht vorgenommen. Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen – insbesondere der vollständigen Aufführung und Verlinkung der Originalquellen (siehe ganz oben) – kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(1) Finanziers von Open Democracy; https://www.opendemocracy.net/about/supporters; entnommen: 10.1.2019

(Titelbild) Kopf, Gesicht, Normierung; Autor: geralt (Pixabay); 22.9.2017; https://pixabay.com/de/mobbing-kopf-gesicht-stress-2775272/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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