Die Sache mit dem Herz in der Schokolade

Schokolade erfreut Kinderherzen, doch bricht sie die auch.


Vor ziemlich genau einem Jahr ging es hier schon einmal um Kinderherzen, denen die in Smartphones verborgen – quasi bereits routinemäßig – den Halbwüchsigen als Weihnachtsgeschenk zukommen. Es zuzulassen, dass andere Kinder einen hohen Preis, den des Kind seins zahlen, damit Kinder hierzulande vermeintlich glücklich gemacht werden können, endet jedoch nicht bei Smartphones. Bei Schokolade – in Massen die Gabentische zierend – findet sie ihre Fortsetzung.


Rund drei Viertel aller Kakaobohnen importiert Deutschland aus zwei Staaten: Ghana und der Elfenbeinküste. Dafür sorgen in dieser Region auch über zwei Millionen Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 17 Jahren. Ihre Arbeit besteht darin, mit Macheten die Kakaofrüchte abzuschneiden, die schweren Säcke mit den Früchten zu transportieren oder auch Kanister mit chemischen Stoffen wie Insektiziden oder Herbiziden zu schleppen und diese davor zu mischen (1).

Die Kinder steigen bis zu drei Meter hoch in die Pflanzen, um sie zu beschneiden. Sie benutzen Motorsägen, tragen kilometerweit schwere Lasten, schleppen Tornister mit Zerstäubern zum befeuchten und desinfizieren, brechen die Kakaofrüchte mit großen Messern und sind dabei weder mit angemessener Nahrung noch mit der notwendigen Arbeitskleidung versorgt (2). Die Verwendung von Pestiziden – in Europa längst verboten – ist in den Kakaoanbaugebieten Indonesiens und Westafrikas nach wie vor gang und gäbe. Die dort arbeitenden Kinder kommen unweigerlich mit diesen Chemikalien in Berührung (3).

Die Kakao exportierenden Staaten wurden auf vielfältige Weise gezwungen, ihre historisch gewachsenen kleinbäuerlichen Betriebe, die auf Selbstversorgung und Verkauf im lokalen und maximal regionalen Umfeld ausgelegt waren, aufzugeben beziehungsweise umzustellen. Die angeblichen Segnungen der ebenso angeblich unvermeidlichen Globalisierung haben dazu geführt, dass die Menschen dort nun für den Weltmarkt produzieren und von den Verkaufserlösen abhängig sind.

Statt einer Warenwirtschaft, die sich des in eigener Hoheit befindlichen Geldes im Handel bedient, sind diese Staaten nun im Würgegriff des globalen Finanzmarktes und nehmen verzinste Kredite auf, um ihre Staatshaushalte zu finanzieren. Zurück zahlen tun sie diese Kredite – plus Zinsen -, in dem sie ihre Reichtümer zum Ramschpreis verkaufen. Mit einem freien Markt hat das nur insofern zu tun, dass die westlichen Nationen freien Zugriff auf die Ressourcen dieser afrikanischen Staaten haben.

Durch den künstlich von außen erzeugten Mangel an Geld sind die kolonialen Abhängigkeitsverhältnisse in den afrikanischen Staaten neu belebt wurden – und mit ihnen all die Symptome, die sich ein seiner natürlichen sozialen Strukturen beraubtes Land, dadurch mit einfängt. So werden in den Nachbarstaaten Burkina Faso und Mali Kinder entführt, um als Sklaven in der Elfenbeinküste zu arbeiten. Die Farmer zahlen die Sklavenhändler aus, weil sie so die Arbeitskosten noch weiter drücken können (4,5).

Von mir wird es immer wieder kommen: das Argument, dass das System in unseren Köpfen funktioniert und nicht irgendwo “da oben”. Christian Teevs schrieb vor Jahren:

“Jeder Deutsche isst im Durchschnitt elf Kilo Schokolade pro Jahr. Hundert Gramm kosten in der Regel weniger als einen Euro. Dass die Bauern in Afrika für ihre Arbeit nicht fair entlohnt werden, kann sich jeder Konsument denken. Doch wie bei der Kleidung, die der Textildiscounter Kik in Bangladesch produzieren lässt und zu Niedrigpreisen in Deutschland verkauft, greift das System der kollektiven Verdrängung. Was eigentlich unvorstellbar ist, will man sich lieber nicht vorstellen.” (6)

Elf Kilogramm Schokolade im Jahr pro Kopf – vom Säugling bis zum Greis: Das ist inzwischen überholt. Inzwischen sind wir bei etwa 12,2 Kilogramm – und nicht nur das. Die Leute mögen es auch immer bitterer. Je bitterer die Schokolade, desto höher der Kakaoanteil. Die Bitterkeit von Kinderschicksalen freilich schmeckt man nicht heraus (7).

Finden Sie das noch normal? Das Geschäft boomt und die intensive Bewirtschaftung mit Monokulturen in der Dritten Welt entspringt unseren – aber ganz und gar nicht natürlichen – Bedürfnissen. Aber eben nicht “der Markt”, ein abstrakter, seelenloser, systemischer Begriff ist der Verursacher. Menschen aus Fleisch und Blut sind es mit ihrem unempathischen, oberflächlichen Verhalten. Man konsumiert halt, aber spart sich das Hinterfragen und dieses Phänomen verteilt sich über alle Schichten unserer Gesellschaft.

Gerade bei Schokolade ist es der Kapitalismus im Kopf, der Kinderarbeit in der Dritten Welt notwendig macht.

Weil das so ist, lernen Kinder hierzulande auch nicht wirklich zu schätzen, was Schokolade bedeutet, vor allem wie wertvoll sie ist. Schokolade ist eigentlich ein Luxus! Stattdessen werden sie damit regelrecht vollgestopft und bekommen so ein Gefühl vermittelt, dass das braune Gold etwas Selbstverständliches und ohne Probleme jederzeit Verfügbares ist. Zehn Prozent der weltweiten Kakaoernte werden in Deutschland verarbeitet und der Bedarf nach der Frucht steigt immer noch weiter an (8).

An dieser Stelle dürfen wir auch einmal kritisch die typisch kapitalistische Denke untersuchen, die argumentiert, dass, wenn wir hier in Europa keine Schokolade mehr essen, die Bauern in Westafrika kein Einkommen mehr haben. Man hat die Afrikaner über Macht in Wirtschaftsverhältnisse gezwungen, in denen sie von Geldeinnahmen abhängig sind, um leben zu können. Sie werden gezwungen, bei der schonungslosen Ausbeutung der Reichtümer des eigenen Landes mitzumachen, um überleben zu können. Weil nämlich Geld zum Maß aller Dinge geworden ist, statt der natürlichen Bedürfnisse von Menschen.

Was wäre, wenn diese Menschen ihre Verhältnisse selbst in die Hand nehmen könnten und nicht in den Abhängigkeitsverhältnissen einer globalen Wirtschaft gehalten würden? Die Afrikaner brauchen nicht Arbeit, die wir ihnen geben. Wobei wir uns dann auch noch als Gutmenschen aufführen, die glauben, Afrikanern einen Gefallen zu tun, in dem sie mit Arbeit beschenkt werden.

Arbeit?

Arbeit – kapitalistisch organisierte Lohnarbeit – ist keinesfalls eine Notwendigkeit, um menschenwürdig leben zu können. Eher ist sie das Hindernis. Auch Lohnarbeit, Kinderarbeit, die dafür sorgt, dass in Europa in Massen Schokolade verzehrt werden kann. Weil Schokolade – in Kombination des Kakaos mit Zucker und Fett – auch eine Art (Ersatz-)Droge ist, die biochemische Prozesse in unserem Gehirn anstößt, welche für glücksähnliche Zustände sorgen (9,10). Irgendwie ist Schokolade wohl auch praktischer (geldlich) billiger Ersatz für tatsächliches Glück. 

Was also tun? Soll das Weihnachtsfest zukünftig ohne Schokolade gefeiert werden?

Darum geht es nicht, allerdings geht es vielleicht auch um die Frage, WIE wir ein Weihnachtsfest feiern können, dass doch bekanntermaßen den kleinen und großen Frieden für alle Menschen auf dieser Erde symbolhaft zum Ausdruck bringt?

Man könnte auf die Straße gehen und die profitorientierte Ausrichtung der großen Multis im Nahrungsmittelbereich anprangern. Man könnte schärfere Gesetze fordern, hier in Europa und in Afrika. Nun ja: Die namhaften Schokoladenhersteller hatten sich bereits im Jahr 2001 verpflichtet, keinen Kakao, dessen Ernte mit Kinderhänden bewerkstelligt wurde, zu verarbeiten (11) …

Man könnte natürlich auch Polizeikräfte für Westafrika ausbilden und eigene Sicherheitskräfte in die Region entsenden, um die Versklavung von Kindern einzudämmen. Nebenbei käme das dem Einfluss der um den Freihandel so besorgten Nationen sehr entgegen. Mit Sicherheitskräften lassen sich auch noch andere Dinge kontrollieren …

Auf jeden Fall könnte könnte man also Geld und Personal in großen Dimensionen in die Hand nehmen

Falsch: Es muss heißen “in die Hand nehmen lassen”!

Denn wir selbst fordern ja bloß, da wir selbst viel zu klein und machtlos sind, um Veränderungen zu erwirken. 

Doch schauen Sie nach Afrika und nehmen dabei die rosarote Brille ab, die Ihnen von der Meinungshoheit aufgesetzt wurde. Weil die Menschen glauben, sich selbst in unzähligen Alltagssituationen aus ihrer Verantwortung entlassen zu können, tragen sie auch die Brille, die das eigene Wohlbefinden wiederherstellt, ohne etwas investieren zu müssen. Das eine bedingt das andere. Gern komme ich damit erneut zum Thema der Supermärkte (welch zynischer Euphemismus im Namen) zurück und möchte Ihnen die folgende Grafik präsentieren (b1):


Verteilung der Wertschöpfung in der Schokoladenproduktion; Quelle: Supply Change; 2016

Die Verantwortung lässt sich nun einmal nicht ablegen, wie ein alter Mantel, man trägt sie immer. Es kommt eben darauf an, sie wahrzunehmen. “Attraktive Preise” und süße Glücksbringer haben einen Preis, der aus Kinderseelen besteht. Wir können das natürlich gern weiter verdrängen.

Warum also nicht Wahrnehmung von Verantwortung auch bei Schokolade?

Das mindeste, was ich tun werde, ist, Kindern zur Weihnachtszeit zu erzählen, was geschah, bevor sie den in der hübschen Aluminiumfolie verpackten Schokoladen-Weihnachtsmann geschenkt bekamen. Vermitteln wir damit den uns folgenden Generationen Wissen und Empathie und bestätigen sie dadurch in dem, was natürlicherweise in ihnen steckt, um doch oft all zu schnell verschüttet zu werden. 

Allen Menschen – doch vor allem den Schokoladen-Kindern in der Dritten Welt – wünsche ich, nicht nur wenn ich mit meinen Lieben das Weihnachtsfest feiere, ebenso friedliche, besinnliche, glückliche Stunden.

Bitte bleiben Sie schön achtsam.


Anmerkungen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. 

Quellen

(1) Philipp Seibt; 5.8.2015; http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/schokolade-kinderarbeit-auf-kakaoplantagen-nimmt-zu-a-1046525.html

(2) 30.7.2015; Bericht der Tulane University, New Orleans (Louisiana, USA); http://www.childlaborcocoa.org/images/Payson_Reports/Tulane%20University%20-%20Survey%20Research%20on%20Child%20Labor%20in%20the%20Cocoa%20Sector%20-%2030%20July%202015.pdf

(3) 25.3.2016; http://www.sonnenseite.com/de/umwelt/pestizid-cocktail-in-schokoladen.html

(4,6) Christian Teevs; 6.10.2010; http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/kinderarbeit-in-afrika-bittere-ernte-a-721491.html

(5) Peter Carstens; 30.11.2011; https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/3948-rtkl-kinderarbeit-kinderarbeit-bitterer-beigeschmack

(7) Kerstin Ruchay; 25.12.2015; https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.vollmilch-oder-bitterschokolade-was-die-deutschen-am-liebsten-essen.97ec77a8-b01a-4d47-a3ef-2fcf63be8d08.html

(8) 1.2.2016; https://www.yumda.de/news/147059/die-bittere-seite-der-schokolade-kinderarbeit-auf-kakaoplantagen.html

(9) Julia Merlot; 6.5.2015; http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/macht-schokolade-gluecklich-mythos-oder-medizin-a-1029781.html

(10) http://sinnimleben.net/schokolade-die-gluecklich-macht-und-gesund-ist-gesunde-schokolade/; entnommen: 18.12.2018

(11) https://www.ich-bin-intolerant.de/2012/12/dokumentation-schmutzige-schokolade/; entnommen: 18.12.2018

(b1) Verteilung der Wertschöpfung in der Schokoladeproduktion; Bildschirmausschnitt; Quelle: Supply Change; März 2016; https://www.global2000.at/sites/global/files/Report%20Bitters%C3%BC%C3%9Fe%20Schokolade%20Kurzfassung.pdf

(Titelbild) Kakao, Pflanze; Autor: HOLIET (Pixabay); 24.6.2016; https://pixabay.com/de/kakao-anbau-obst-ernte-kolumbien-1529746/; Lizenz: CC0 Creative Commons