Wie man zum Krieg kommt

Die banalen Wege in das Handwerk des Tötens.


Beim Betrachten großer Politik, beim Verurteilen kriegstreiberischen Handelns fällt allgemein unter den Tisch, dass Politiker, Ideologen und “Experten” den Krieg nicht führen können, solange sich Menschen nicht darauf einlassen, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Solange sich kein Mensch dafür einspannen lässt, die Missionierungsphantasien der “da oben” praktisch und gewaltsam umzusetzen, hat der Krieg keine Chance.


Aber so einfach sind die Dinge nicht.

Jeder Mensch hat gute Gründe für sein Tun und es ist wichtig, diese Gründe ernst zu nehmen, statt moralisch zu verurteilen. Das ist eine Frage der Achtung. Über Achtung kommt Verstehen. Das wird vom Gegenüber wahrgenommen und gewürdigt – in der Regel zwar nicht sofort, aber langfristig fast immer. Machen wir es uns also nicht so einfach, wenn wir nach Gründen für den Krieg suchen. Diese Gründe sind so alltäglich, dass wir uns wiedererkennen können und selbst vielleicht ganz neue Wege finden, Frieden zu leben und andere Menschen für den Frieden zu ermutigen.

Krieg ist die Unterwerfung unter die Angst. Gelebter Frieden ist die überwundene Angst, echter Mut. Einer der Foristen hier auf dem Blog hat das Banale des in den Krieg Hineingleitens in starke Worte gefasst. Das Verstehen, die Achtung, den Mut auf Menschen zuzugehen, menschliche Wärme – das hat er in einem Kommentar so wunderbar auf den Punkt gebracht, dass ich es hier noch einmal wahrnehmbarer machen möchte.


Ein Kommentar zu Was suchen deutsche Soldaten in Afghanistan?

von Boban Rovcanin am 18. November 2018


Hier einige selbstgemachte Erfahrungen mit Menschen, die sich haben in Uniformen stecken lassen und ihren Aussagen, warum sie das mit sich machen ließen.

Lars, mittlerweile über 30, Sohn einer Bekannten und Scheidungskind:

“Warum bist du zur Bundeswehr und hast dich freiwillig für Afghanistan gemeldet, Lars? Weißt du nicht, was dich dort erwartet und was die Bundeswehr dort in Wirklichkeit macht?”

“Oh, doch Boban, ich weiß genau, warum die Bundeswehr dort ist, aber hey, nach ein bis zwei Jahren fahre ich einen Mercedes und wenn ich durchhalte, kauf ich mir ein Haus. Das ist für mich ein Beruf wie jeder andere, nur mit dem gewissen Nervenkitzel.”

Lars fuhr einen Mercedes, hatte ein Haus und verbrachte – glaube ich sechs oder sieben Jahre in Afghanistan, um dies alles zu finanzieren. Jetzt, geschieden, Haus weg, keine Afghanistan-Einsätze mehr, wohnhaft (wieder) beim Vater, ist er auf der Suche nach einem „richtigen“ Beruf und ich glaube, dass wir ihm dabei das Beste für die Zukunft wünschen sollten, auch wenn er erst die Erfahrungen und Fehler machen musste, in die er “mit Hilfe” unseres Systems getrieben wurde.

John, Texaner, US-Army, war damals, 1997, ganze 22 Jahre alt und schon mit seiner Jugendliebe, die 20 Jahre alt war, verheiratet und in Deutschland stationiert. Es war sein zweites von vier Jahren, die er sich verpflichtet hatte und nach Einsätzen in Bosnien stand ein Einsatz im Irak im Raum, an dem er auf keinem Fall teilnehmen wollte.

Sonntag nachmittag beim gemeinsamen Grillen, ich frage:

“John, was macht ein so sympathischer und offener junger Mann wie du und deine sehr schüchterne und freundliche Frau Michelle bei der Army und vor allem wie passt das Töten und das Grauen, welches ihr über andere Menschen bringt, zu den euren zuvor genannten Charakterzügen?”.

Originalton John: “Its my damn job and i get pay for it. So i obay my orders and do what they tell me to do!” [Es ist mein gottverdammter Job, das zu tun und ich werde bezahlt dafür. Deshalb befolge ich die Befehle und führe aus, was sie mir sagen, was ich zu tun habe; Übersetzung PA].”

Das alles sagte er mit fester Mine in die Runde der anderen US-Soldaten, die mit am Tisch waren. Ich war wie paralysiert, anhand meiner persönlichen und warmen Erfahrung mit ihm und seiner Frau und dessen was er gerade über den Massenmord sagte, an dem er beteiligt war und stellte an diesem Tag keine weiteren Fragen in diese Richtung.

Am nächsten Tag klingelte er und seine Frau an unserer Tür und baten darum, etwas mit mir zu besprechen. Wir haben uns natürlich zusammen gesetzt und er entschuldigte sich von ganzem Herzen für die Worte von gestern, aber ihm blieb vor den anderen Soldaten nichts anderes übrig, da er Angst hatte, dass sie seine wahre persönliche Einstellung nicht teilen würden und er dadurch Probleme bei den Vorgesetzten bekommen würde, wenn er sie aussprechen würde.

Also erklärte er mir, wie er überhaupt da rein gerutscht und gepresst wurde und dass es absolut nicht seinem Charakter entsprechen würde, was er gezwungen ist dort zu tun, und dass er nach den vier Jahren das Militär ganz sicher verlassen würde, koste es was es wolle. Seine Frau hat ihn vor uns und mit Tränen in den Augen gebeten, dass er das Militär sofort verlässt und dass sie es irgendwie auch im normalen Leben schaffen würden. Sie litt ganz offensichtlich innerlich sehr darunter, mit welcher Arbeit er sein Geld verdienen und welches Leben sie weit weg der Heimat führen mussten.

Ich hatte später nach unserem Umzug leider keinen Kontakt mehr zu ihnen, aber ich bin mir sicher, dass er seine Worte früher oder später wahr gemacht hat.

Vor zwei Wochen eröffnete mir der 16-jährige Sohn einer Bekannten, die Griechin ist, dass er die Schule beendet hat und darüber nachdenkt, zur Bundeswehr zu gehen, da er die deutsche Staatsbürgerschaft hat und er dort als Pionier mit „coolen“ Baumaschinen und schwerem Gerät arbeiten könne.

Ich habe ihn von ganzem Herzen gebeten, sich sehr, sehr gut darüber zu informieren, was die Bundeswehr im Ausland so macht und habe ihm über meine Erfahrungen als Soldat im sogenannten Bürgerkrieg in Jugoslawien erzählt und ihm einige Internetseiten, auch diese hier, genannt, auf denen er sich über die wahren und realen Gründe informieren könne, für was man als „Söldner“ dienen würde. Dass man diesen Weg ganz sicher eines Tages mit seiner Seele bezahlen würde. Desweiteren habe ich mit seiner Mutter, seinen Großeltern und dem Onkel darüber geredet, und sie gebeten, ihn aufzuklären und ihr möglichstes zu tun, dass er nicht zur Bundeswehr geht.

Gestern Abend hat er mir dann mit ziemlichem Stolz erzählt, dass er sich entschieden hat, doch nicht zu Bundeswehr zu gehen und dass er auch auf dem Bau und im Straßenbau mit den Maschinen arbeiten kann, von denen er so fasziniert ist. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass er bei dieser Entscheidung bleiben kann und ihn das System, mit seiner oft in sich tragenden Perspektivlosigkeit, nicht doch noch in die Arme der Bundeswehr treibt.

Am wirkungsvollsten ist unser pazifistisches Wirken zwischen unseren Mitmenschen, die uns umgeben und deren Teil wir sind. Nur müssen wir wieder lernen, alles, aber auch alles vorurteilsfrei und ohne jegliche Angst zwischen uns zu kommunizieren. Es wird auf Dauer nicht seine Wirkung verfehlen.

Liebe Grüße an alle!


Es gibt einen zweiten Teil, der Bezug nimmt auf den Text oben und den Kommentar eines Lesers


Wie John zur Armee kam

von Boban Rovcanin am 20. November 2018


Deine Worte, den Schmerz, den Pessimismus und den ungeheueren Druck und Drang danach seine Mitmenschen vom Wahnsinn des Krieges zu überzeugen, und damit auch die seelenfressende Angst, sich selber einmal unverschuldet in einem Krieg wiederzufinden, kann ich mehr als verstehen, da ich auch diese Emotionen erst durchleben musste und teilweise immer noch durchlebe [Die Ansprache bezieht sich auf diesen Kommentar, Anmerkung PA].

Gerade weil ich ein Mensch mit Emotionen wie Empathie sein möchte, so wie die meisten hier auf diesem Blog und dafür immer wieder auch diese Erfahrung schmerzhaft, aber auch prägend, habe machen müssen. Nun möchte ich dir erzählen, wie John dazu kam, trotz seines eigentlich empathischen Naturells, bei der US-Army zu enden, wenn auch nur für vier Jahre, hoffentlich. Das habe ich nicht mit aufgeführt weil es eigentlich eine Negativ-Bilderbuch-Story ist, wie die Herrscher über die Beherrschten verfügen.

Hier also die Geschichte wie sie mir von John, übrigens am Tag erzählt wurde, als er sich bei mir entschuldigte:

Als er circa sechs Wochen vor dem Abschluss der Highschool stand, waren da auf einmal Busse von den Militärs, die Rekruten anwarben. Johns Aussage zufolge lebte er in einer mittelgroßen Stadt in Texas mit etwa 60.000 Einwohnern, wobei leider weder ich noch meine Frau sich erinnern, wie diese Stadt hieß. Die allermeisten arbeiteten in einer Fabrik, die – glaube ich – Zulieferer für die Automobilindustrie war. So auch sein Vater, der alle Weichen gestellt hatte, dass John nach der Highschool dort auch einen Arbeitsplatz bekommt und aus diesem Grund hat sich kaum jemand von den Militärs anwerben lassen. Mehr noch, nach seiner Aussage haben sie diese fast jedesmal, wenn sie an ihnen vorbei kamen, auch noch verspottet.

Kurz bevor er den Abschluss machte, wurde jedoch die Fabrik nach amerikanischem Recht innerhalb von einigen Wochen komplett geschlossen und selbst sein Vater hat seinen Arbeitsplatz nach langer Firmenzugehörigkeit kurzfristig verloren und den meisten ging ein Licht auf, warum das Militär entgegen allen Gewohnheiten dort zum ersten mal Rekruten anwarb. Da nur noch die Mutter über einen kleinen Job verfügte und John noch kleine Geschwister hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu verpflichten um über die Runden zu kommen und die eigene Familie zu entlasten.

Nach einem Jahr bei der Army war ihm schon klar geworden, dass es für ihn persönlich nicht mehr in Frage kommen würde, beim Militär zu bleiben und dass jeder andere Job im Zivilleben, egal wie schlecht bezahlt, die bessere Lösung ist. Wie gesagt, ob er das wahr gemacht hat oder sich aber an das Geld und die finanzielle Sicherheit gewöhnt hat, die das Militär seinen Söldnern zukommen lässt, weiß ich leider nicht, aber zumindest hatte er mir bewiesen, dass er seine Situation und das, wofür er in der Realität dient, durchschaut hat und solche Menschen halten es gewöhnlich nicht aus, verheizt zu werden.

Aber, wenn wir schon dabei sind, kann ich dir, Himbeertoni, auch eine Erfahrung von der anderen Seite, der Seite derer zukommen lassen, die sich niemals verheizen lassen würden und im tiefsten Inneren pazifistisch veranlagt sind aber trotzdem im Krieg endeten, samt Familie. Mischko, eine serbischstämmiger Jugoslawe der mit seiner kroatischstämmigen Frau in der Stadt Vukovar lebte und dort auch sein ganzes vorheriges Leben verbracht hatte, erzählte mir, wie er, der den Krieg hasst, in genau diesem endete und nur durch viel Glück sich, seine Frau und seine zwei kleinen Kinder retten konnte.

Wer den sogenannten jugoslawischen Bürgerkrieg noch einigermaßen in Erinnerung hat, der wird sich daran erinnern, für was die Stadt Vukovar im heutigen Kroatien in der Propaganda der westlichen Medien stand und vielleicht weiß er auch, was dort wirklich passierte. Wenn nicht, dann sollte man das Schicksal dieser Stadt und seiner Einwohner bei Interesse googeln.

Jedenfalls erzählte er mir, nach dem ich ihn fragte, ob er und seine Mitmenschen nicht sahen, was da auf sie zukommen würde, dass jeder, so wie in ganz Rest-Jugoslawien damals, sich damit beruhigten, dass die Politik, der Staat und vor allem die “jugoslawische Volksarmee” (zu der ich damals freiwillig gehörte, um den aufkommenden Bürgerkrieg aufzuhalten) die Menschen vor den sich formierenden Paramilitärs beschützen würde und Recht und Ordnung, die vorher von Tito garantiert und durchgesetzt wurden, aufrecht erhalten würden.

Eines schönen Tages saß er mit guten alten Freunden – wie üblich für die Menschen auf dem Balkan – im Cafe und diskutierte darüber, ob es nicht Zeit wäre, für alle Nicht-Kroaten, das Land zu verlassen, als vor ihnen ein Taxi hupte und einer seiner ältesten und besten Freunde eine Kalaschnikow und eine Paramilitäruniform aus seinem Taxi hielt und laut schrie, dass es bald “losgeht”!

In diesem Moment begriff er, dass ihn und seine Familie niemand retten würde, und er sich gleich und selber darum kümmern musste, in Sicherheit zu kommen. Er besprach mit seiner Frau, was sie machen sollten und sie wollte aus Angst um ihre Kinder und ihn auch, dass sie so schnell wie möglich aus Kroatien fliehen. Sie wollten die gleiche Nacht auf die serbische Seite wechseln, da Vukovar eine Grenzstadt war, wo sie von einigen seiner Familienangehörigen aus Serbien empfangen werden sollten.

Gesagt getan, dachten sie sich und packten das nötigste, um in der Dunkelheit zu fliehen. So gegen 20 Uhr am Abend klingelte es an ihrer Haustür und als er aufmachte, standen da der “Freund”, der Taxifahrer, und einige Andere ihm alles bekannte Nachbarn und Freunde in neuen Uniformen und neuen Waffen und fragten ihn, obwohl sie genau wussten, dass er serbischer Abstammung ist, dass es jetzt an der Zeit wäre, das Land und die Heimat zu “befreien” und ob er mitkommen würde?

Was er dabei in diesem Moment gefühlt habe, wollte ich wissen. Er meinte, dass er einfach nur mit seinem Leben abgeschlossen hatte und innerlich zu Gott betete, dass sie wenigstens seine Frau und seine Kinder verschonen würden, denn sie wussten ja um seine Abstammung und er war sich sicher, dass sie mit ihm nur spielen würden, bevor sie ihn töteten. Als er wiederholt gefragt wurde, ob er mitkomme und wie es eigentlich seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern gehen würde, sagte er um sie zu schützen und den erwarteten Kopfschuss hinter sich zu bringen, dass er mitkommt. Zu seiner Überraschung haben sie ihn tatsächlich in eine ihrer Uniformen gesteckt und ihn, wenn auch ohne ihm eine Waffe zu geben, mitgenommen.

Nach zwei Tagen gelang es ihm, telefonisch Kontakt zu seiner Familie in Serbien aufzunehmen und sie teilten ihm mit, dass seine Frau und Kinder die vorher geplante Nacht nach Serbien geflohen sind und bei ihnen in Sicherheit wären. Er sei nach eigener Aussage zwei Tage später in der Nacht von den Paramilitärs geflohen und habe sich nur in Unterwäsche auch auf die serbische Seite gerettet, wobei er zugab, dass ihm einer seiner alten Freunde dabei geholfen habe, aber er zu damaliger Zeit nie die Chance, hatte sich bei ihm zu bedanken.

Das wichtigste was ich damals und bis heute von ihm gelernt habe, war die Aussage dass die allermeisten seiner Mitmenschen nicht in den Krieg gegangen sind, der Krieg kam zu ihnen! Er kam zu ihnen, weil es in der Natur des Menschen, ist erst dann zu reagieren, wenn es eigentlich schon zu spät ist, siehe Drittes Reich und seine Führer. Und da bin ich zugegebener Weise auch voll bei deiner Sorge und Angst, Himbeertoni, dass diese von mir geschilderte Art und Weise, wie sie uns in Kriege treiben, heute zu jeder Sekunde wieder und überall möglich ist, und es nur eine Frage der Zeit ist, bist sie uns damit wieder für ihre Zwecke “disziplinieren” um uns in alle Ewigkeit als Humankapital zu halten.

Zum Schluss bleibt mir nur die 100-prozentige Feststellung, dass zwar mit den uns momentan umgebenden Mitmenschen kein Frieden und keine wahre Freiheit zu realisieren ist, aber jeder Versuch der Aufklärung eine Investition in eine bessere Zukunft für die folgenden Generationen ist. Irgend wann, wenn es hier bei Ped um Menschen geht, die in ihren Ländern alles durch unseren Raubtierkapitalismus und seine Kriege verloren haben, werde ich eine von mir persönlich gemachte Erfahrung schreiben, wie es in einem Menschen aussieht und was in ihm vorgeht, wenn er kurz davor steht seine Nerven zu verlieren und kurz davor steht, sich an der Gesellschaft zu rächen.

Liebe Grüße an alle!


Vielen Dank, Boban!

Bleiben Sie in diesem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkung: Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

(Titelbild) Rüstung, Helm, Krieger; Autor: ArtCoreStudios (Pixabay); 13.8.2012; Quelle: https://pixabay.com/de/gladiator-krieger-getriebe-waffen-1931077/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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