Die Mahnwache für Frieden in Dresden – Eine Begegnung mit Folgen

„Mahnwache“ ist als Kampfbegriff verschrien, dabei ist sie – zumindest in Dresden – ein überdenkenswertes Angebot.


Die Reflexion Nicos über sie meint: Wer sich offen mit politischen und gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzt und dabei den Blick hinter die Kulissen nicht scheut, für den stellen sich Kommunikationsplattformen der Art, wie es die Mahnwache für Frieden (a1) ist, als eine attraktive Bereicherung dar. 


Nach den ersten Kontakten mit der Mahnwache, ahnte ich noch nicht im entferntesten, wie sie mein weiteres Leben verändern würde. In dieser Zeit hat sich durch die Menschen, die sie beleben, auch die Mahnwache verändert und was sie heute vielleicht besonders auszeichnet, ist das Angebot eines Ortes, an dem sich nicht damit begnügt wird, die eigene Weltsicht bestätigt zu wissen.

Frieden ist die Klammer der Mahnwache. Ein weiter Begriff, der sich in verschiedensten Teilbereichen unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens als Schlüssel eines glücklichen Miteinanders erkennen lässt. Dieser Wunsch nach Glück und Erfüllung schließt meiner Meinung nach einen größeren Kreis, denn sie ist etwas, was in so ziemlich jeden Menschen schlummert, oder?

Das ist wohl auch der Grund für die Vielfalt an Charakteren, welche den Weg zu dieser Versammlung (was die Mahnwache kaum ausreichend beschreibt) fanden oder eher zufällig auf sie stießen. Diese Vielfalt aber ist der Anfang, es ist die Herausforderung wie auch die Bereicherung.

Wenn unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, wenn man die Harmonie, den Frieden untereinander erhalten möchte. Dann geht es eben auch darum, etwas aushalten und sich in Toleranz üben zu können. Wenn Menschen selbstbewusst genug sind (sich ihres Selbst bewusst sind), gehen sie mit ihren Ängsten souveräner um und fühlen sich weniger angegriffen.

Perfekt ist es wohl, in völliger Ausgeglichenheit die Ratio walten zu lassen und das Herz hinzuzurufen, wenn unsere empathischen Fähigkeiten gefragt sind. Das ist die Vision der Mahnwache und ihrer Menschen, die „Anleitung“ einer bestimmten Art und Weise gemeinsamen Handelns, die letztlich aus uns selbst kommt.

Wir wissen und erleben es auch regelmäßig, dass Visionen keine Gleichsetzung mit der Realität sind. Von etwas Verbindendem zu träumen, hat den Klang des leicht umsetzbaren, doch so leicht ist es eben oft nicht. Weil es eine Herausforderung für die Menschen bedeutet, das übergeworfene Gewand von Ego und der Angst vor dem Identifikationsverlust abzuwerfen.

Doch gelingt es, diese innere Ruhe in uns herzustellen, fällt es plötzlich viel leichter, dem Gegenüber zuzuhören und dem Drang des (sofortigen) Widerspruchs zu entgehen. Das Zuhören – es ist einer der Schlüssel für eine – wie ich finde – leider noch ziemlich seltene Kommunikationskultur, die der Besucher bei der Mahnwache in Dresden entdecken kann.

Den Gegenüber erst einmal verstehen, was nur von ehrlichem Zuhören kommen kann, daran scheitert es doch oft. Dabei kann ich mir aus jedem Gespräch, egal wie skurril Mensch, Thema und Sicht mir scheinen, etwas mitnehmen; und sei es nur, dass ich einen Menschen tiefer kennenlernte.

Etwas zu lernen, ist etwas bereicherndes, etwas Schönes, Freude Erzeugendes. Es kommt darauf an, sich dessen bewusst zu werden. Was also spricht dagegen?

Natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass man in völlige Ignoranz verfallen soll. Es ist eher die Offenheit, von der ich rede; Offenheit, mit der man sich weder über noch unter Andere stellt.

Nicht allein das Lernen über Menschen sondern auch das sogenannte Spiegelerlebnis war und ist für mich essenziell. Erkannte Verhaltensmuster gaben Aufschluss über mein eigenes Verhalten und lösten intensive, nachhaltig wirkende neue Gedanken aus; Stichwort: Selbsterkenntnis. Ein gutes Reflexionsvermögen ist hierfür Voraussetzung. Die Menschen bei der Mahnwache in Dresden gaben mir dafür wertvolle Impulse.

Ein ganz anderer Aspekt, der mir auf der Dresdner Friedensmahnwache bewusst wurde, ist das Prinzip von Passivität und Aktivität. Gerade letzteres stellt – nicht nur für mich – eine besondere Herausforderung dar.

Zur Passivität gehört das Beobachten, das in sich Hineinhorchen, Analysieren, Reflektieren. Nicht jeder kann es. Aber fast jeder kann es lernen. Ich meine, es gut zu können.

Das andere ist die Aktivität, das schöpferische Prinzip oder auch schlicht und einfach: „Das Machen“! Nur dann passiert etwas und das sagt mir, dass immer ich selbst die höchste Verantwortung für das besitze, was ich auf dieser Welt haben möchte.

Mahatma Ghandi sagte einst:

„Sei Du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Es fällt auch mir nicht immer leicht, meine Bequemlichkeit zu überwinden, sich Herausforderungen zu stellen. Doch wenn es mir gelang, zeigte sich für mich ganz persönlich, dass es Früchte trug. Im Nachhinein machte mich diese Überwindung auf eine bestimmte Art und Weise glücklicher.

Als Friedensaktivist (nennen wir es mal so) heißt es also, die Energien in das zu stecken, was ich sehen möchte und selbst der verantwortlich handelnde Mensch zu sein – natürlich gemeinsam mit meinen Mitstreitern.

Es gibt noch mehr über die Mahnwache für Frieden und ihre Menschen zu sagen, die ich liebgewonnen habe. Doch das Wesentliche ist genannt. Die Mahnwache ist eine Marke, die jedem Menschen helfen kann, weltoffen zu werden und über den kleinen Frieden am großen Frieden mitzugestalten.

Wer über längere Zeit intensiv am Geschehen der Mahnwache beteiligt war, der wird vielleicht ähnliche Erfahrungen gesammelt haben, wie ich. Das (politische) Weltgeschehen zu verfolgen, ist wichtig, um daraus Schlüsse zu ziehen und ich bin froh, dass das viele von „uns“ so gut machen.

Für mich selbst ist das aber mittlerweile eher zweitrangig geworden. Der vorher genannte Umgang der Menschen untereinander hat für mich zentrale Bedeutung. Er stellt für mich das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft, ja das unserer Weltgemeinschaft dar – quasi die Wurzel.

Es ist auch das Fundament für nachhaltige, friedensorientierte politische Arbeit. Arbeit, die sich nicht in Kampf und Leiden erschöpft, sondern kollektiv, positiv, erfüllend und glücksbringend gestaltbar ist.

So grüße ich alle meine Freunde und Mistreiter der Mahnwache für Frieden in Dresden und rufe allen anderen zu: Menschen, ich liebe euch, kommt zusammen und beginnt, Frieden zu gestalten.


Anmerkung und Quellen

(a1) Im Folgenden wird, wenn von der Mahnwache für Frieden oder einfach nur von der Mahnwache die Rede ist, immer jene in Dresden gemeint. Eine zentral geführte und mit gemeinsamer Programmatik geführte Institution/Organisation „Mahnwache für Frieden“ gibt es in Deutschland nicht.

(Titelbild) 22.5.2018; Logo der Mahnwache für Frieden Dresden; Quelle: https://www.facebook.com/mahnwachedd/photos/a.125053877903748.1073741827.125043001238169/400868486988951/?type=3&theater; Lizenz: Creative Commons CC0

2 Kommentare

  1. Wer noch mit Antifaschisten sprechen konnte, die damals im Widerstand gegen die vom Großkapital gesteuerten Nazis waren, hat zumindest eines gelernt: Nazis machen keine Friedensdemos, Nazis greifen Friedensdemos an.
    Neu ist höchstens, dass offen auftretende Nazis zu einer Friedensdemo geschickt werden, damit friedensfeindliche Konzern- und Staatsmedien vor der Teilnahme an weiteren Friedensdemos Angst machend nahelegen können, es habe sich um eine Nazi-Demo gehandelt.

  2. Das politische Weltgeschehen zu verfolgen, ist wichtig, um daraus Schlüsse zu ziehen und ich bin froh, dass das viele von „uns“ so gut machen. Für mich selbst ist das aber mittlerweile eher zweitrangig geworden. Der Umgang der Menschen untereinander hat für mich zentrale Bedeutung. Er stellt für mich das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft, ja das unserer Weltgemeinschaft dar – quasi die Wurzel.

    Lieber Nico Müller,

    ein sehr schöner Artikel – vielen Dank dafür. Das Zitat bringt die Sache meiner Meinung nach gut auf den Punkt. Bisher konnte ich mir unter der Mahnwache in Dresden kein rechtes Bild machen. Nun finde ich es schade, dass Dresden von München aus kaum zu erreichen ist.

    Viele Grüße

    Ruben

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