Brücken bauen

Die Leitmedien sind die Stütze des Systems – auch durch uns.


Wenn es einer zunehmend aufgeklärten und sich kritisch informierenden Öffentlichkeit gelingt, die wahre Rolle der Leitmedien zu erkennen, fällt auch deren Glaubwürdigkeit in sich zusammen. Allerdings noch lange nicht das System. Es hängt eben durchaus auch von uns ab, ob Menschen den Mut finden, die Systemzwänge – zuallererst mal für sich – aufzubrechen, oder ob sie in Angst gefangen weitermachen, weil sie für sich klar und deutlich Feinde “da draußen” wahrnehmen. Ruben Schattevoy hat sich in einem weiteren Beitrag dieses Themas angenommen.


Prolog

Die meisten Journalisten und Reporter hatten gewiss hehre Ziele, als sie sich in jungen Jahren dafür entschieden haben, ihr (Berufs)leben der vierten Gewalt zu widmen. Im Laufe der Jahre mussten sie sich dem System der Systemmedien allerdings anpassen, um von ihm nicht wieder herausgeeitert zu werden (Noam Chomsky “Herstellung von Zustimmung”).

Dreiste Systemlügen müssen mit immer neuen und immer noch dreisteren Systemlügen zugekleistert werden. Die Systemmedien haben ihre Glaubwürdigkeit und Legitimation bereits weitgehend verloren. Das Ansehen des Berufsstands der Medienschaffenden befindet sich auf Talfahrt. Innerhalb der Systemmedien herrscht Kadavergehorsam. Die Systemmedien verströmen entsprechenden auch einen Kadavergeruch.

Der täglich erlebte Widerspruch zwischen Selbstanspruch und Wirklichkeit zerreißt viele Medienschaffende innerlich. Sie sind von Selbstzweifeln geplagt und schaffen es nur mit viel Autosuggestion, sich ihre Situation schönzureden. Sie mussten ihre ursprünglichen und ureigenen Ziele im Keller ihrer Seele einmauern, um in dem System überleben zu können.

Die Systemmedien sind vermutlich die empfindlichste Schwachstelle des Systems. Um das System zu reparieren, sollten wir verstärkt hier ansetzen. Wir sollten den Medienschaffenden die Gelegenheit bieten, aus dem System auszubrechen. Sobald die ersten das System verlassen und Zeugnis davon geben, wie gut sich das anfühlt, wird eine Lawine in Gang kommen. Die vierte Gewalt wird sich selbst reparieren.

Causa “Uli Gack”

Ich beziehe mich im Folgenden auf diese vier Artikel aus der Propagandaschau (1,2), dem Rubikon (3) und den Nachdenkseiten (4). Man wird in den “Freien Medien” sicher viele weitere mit einem ähnlichen Tenor finden. In diesen vier Artikeln wird davon berichtet, dass Uli Gack in der Nachrichtensendung „heute“ vom 20. April von seinen persönlichen Erlebnissen aus der Stadt Douma berichtete. Uli Gack hatte dort mit Augenzeugen des angeblichen Giftgasangriffs gesprochen. Er sprach in einer Live-Schalte davon, dass seine Gesprächspartner das offizielle Narrativ nicht bestätigen konnten bzw. dem widersprechende Aussagen gemacht hätten.

In den genannten Artikeln wird weiter davon berichtet, wie das System auf diese nicht ins Narrativ passenden Aussagen reagierte, Uli Gack unter Druck setze und Uli Gack diesem Druck scheinbar auch nachgegeben hat, indem er seine Aussagen später relativierte.

Dann erschien aber der folgende Artikel in der Propagandaschau. Hier ein Auszug aus dem Artikel:

“Nur weil ZDF-Korrespondent Uli Gack in einem Fall allzu offensichtlicher Widersprüche die westliche Propagandafront für einen waghalsigen Moment verlassen hat, sollte niemand auf die Idee kommen, es handele sich um einen seriösen Journalisten, der sich prinzipiell bemüht, objektiv, unparteilich und unvoreingenommen zu berichten. Dass Gack kein unabhängiger Beobachter ist, haben wir hier im Blog in der Vergangenheit mehrfach gezeigt und sein aktuellster Kommentar in den gestrigen »Nachrichten« des Mainzer Staatssenders macht dies noch einmal deutlich.” (5)

Die unmissverständliche Botschaft, die dieser Artikel ausstrahlt lautet: “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns” und schlimmer noch “Einmal Feind, immer Feind”. Durch solche Artikel pflegen wir unsere Feindschaften und erzeugen immer noch neue Feinde. Wer so emotional aufgeladen schreibt, geht in den Kampf und gibt damit dem Kampf auch das Primat vor dem gemeinsamen Ringen um eine friedliche Zukunft (a1).

Ich befürchte zudem, dass wir auch in unseren eigenen Reihen genügend verkappte Psychopathen haben, die sich im Kampf um die gute Sache wähnen und insgeheim nach der Macht sehnen. Der Macht, die wir ihnen geben sollen.

Analyse

Vielleicht ist bei Uli Gack ein Fass übergelaufen, als er durch Douma gestreift ist und mit den Menschen gesprochen hat. Vielleicht hat ihn sein Gewissen geplant. Vielleicht ist ihm auch angst und bange um die Zukunft seiner Lieben geworden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man mit zunehmendem Alter die Verantwortung für die Zukunft seiner Kinder- und Enkelgeneration immer stärker spürt.

Was Uli Gack an jenem Abend tatsächlich angetrieben hat, weiß ich natürlich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir Brücken zu den Journalisten und Reportern der Systempresse brauchen, über die besonders die Zweifelnden mit uns in einen ehrlichen Dialog eintreten und eventuell sogar zu uns herüber kommen können.

Das System der Systemmedien ist fragil geworden und zunehmend instabil. Der Druck im Innern steigt. Leider stabilisieren wir das System derzeit noch von außen, indem wir einen Druckausgleich verhindern. Wenn wir aber die Zweifelnden gewinnen können, kann das System durch den Dominoeffekt schnell und gründlich und trotzdem absolut gewaltfrei von innen heraus zum Einsturz gebracht werden.

Jeder, der zwischen den beiden Hemisphären wandelt oder schon zu uns hinüber gewechselt ist, verfügt über gewachsene informelle Kontakte zu den Menschen in der anderen Hemisphäre, bildet also eine zusätzliche und besonders tragfähige Brücke. Diese Brücken müssen unbedingt erhalten bleiben.

Jeder weitere, der dann in unsere Hemisphäre gewechselt ist, verfügt über reichlich Insiderinformationen, die er gerne endlich mit uns teilen will. Diese Informationen aus dem Innern der Redaktionsstuben können wir wiederum nutzen, um weiteren Medienschaffenden, die derzeit noch schwanken, Mut zu machen und dem Druck zu widerstehen, der auf sie ausgeübt wird.

Solange es keine belastbaren Brücken gibt, bleibt einem Uli Gack jedoch nichts anderes übrig, als Kreide zu schlucken. Seine Zunft lernt daraus, wie es einem ergeht, der mit dem Feind „kollaboriert“. Die Journalisten der Systemmedien müssen sich daher – alleine schon aus Gründen des Selbstschutzes und zur Wahrung der inneren Kohärenz – weiter einigeln und ihrerseits eine Wagenburg bilden.

An diesem aktuellen Beispiel wird deutlich, was ich damit meine, wenn ich sage, dass wir das System stabilisieren, solange wir es bekämpfen. Unser Energiefluss ist derzeit noch ins System gerichtet. Wir müssen den Energiefluss stoppen oder besser noch umkehren.

Handlungsanleitung

Wir sollten endlich damit anfangen, Gräben zuzuschütten und Brücken zu bauen. Wir haben auf unserer Seite doch schon einige Medienschaffende, die ihren Weg “von der anderen Seite” zu uns gefunden haben. Da sollten noch Netzwerke bestehen, die (re)aktiviert werden können. Dazu müsste man freilich aufhören, die Wunden zu lecken und die ehemaligen Kollegen zu verteufeln. Auch müsste man sich wieder auf die Sachebene begeben, über Fakten sprechen und – davon getrennt – unterschiedliche Interpretationen dieser Fakten zulassen, ohne dem anderen Böses zu unterstellen und ihn zum Objekt seiner Bewertung zu machen.

Ich glaube, dass insbesondere viele ältere Medienschaffenden die geistige und finanzielle Unabhängigkeit besitzen, um aus dem System aussteigen zu können. Sie tun es derzeit aber nicht, weil wir ihnen statt eines sicheren Hafens nur einen Platz zwischen allen Stühlen anbieten. Wir können diesen Menschen zwar kein gesichertes Einkommen bieten, aber einen sicheren Hafen, in dem sie sich geborgen fühlen und Anerkennung finden können. Wir können ihnen eine Plattform bieten, auf der sie nochmal zeigen können, was in ihnen steckt.

Was können die, die nicht selbst aus der Medienbrache kommen konkret tun?

Zunächst einmal sollte jeder, der bei dem oben aufgedeckten Spiel mitmacht in sich gehen und sich fragen, was da drinnen wohl los ist, dass er so gegen sein eigentliches Anliegen handelt.

Jeder von uns kann Autoren, die die Würde anderer Menschen verletzen auf diesen Kardinalfehler hinweisen. Wenn wir uns so gegenseitig in würdevollem Verhalten trainieren, wäre schon viel gewonnen.

Den Psychopathen in den eigenen Reihen müssen wir klar machen, dass wir ihr Spiel durchschaut haben. Wir sollten mit ihnen zusammen überlegen, wie wir unsere zukünftige Zusammenarbeit auf unser gemeinsames Anliegen hin ausrichten können. Wir können ihnen anbieten, dass wir ihre besonderen Fähigkeiten gerne nutzen und anerkennen wollen. Wir müssen ihnen aber auch unmissverständlich klar machen, dass sie von uns keine weitere Macht mehr erhalten werden und dass sie nicht in unserem Namen handeln, wenn sie weiter ihre Feindbilder pflegen.

Wir können darauf drängen, dass die Artikel in den “Freien Medien” auf eine von drei Kategorien ausgerichtet werden.

  • Die erste Kategorie würde ich als “Aufwachzimmer” titulieren. Dort werden gut belegte Fakten beschrieben, die im Widerspruch zu einem offiziellen Narrativ stehen.
  • Als “Laborzimmer” ließe sich die zweite Kategorie bezeichnen. In diesem werden gut belegte Methoden beschrieben, wie Manipulation funktioniert (Metaebene).
  • Die dritte Kategorie schließlich können wir als „Handlungszimmer“ benennen. Dort lassen sich auf der Grundlage der Erkenntnisse, die in den ersten beiden “Zimmern” gewonnen wurden, möglichst konkrete Handlungsanleitungen präsentieren.

Vermutlich brauchen wir auch ein paar “Nebenzimmer“. Ein “Nebenzimmer” wäre das “Meinungszimmer”, ein anderes das “Thesenzimmer” und ein weiteres das “Polterzimmer”. Wichtig wäre meines Erachtens aber, die “Zimmer” und “Nebenzimmer” getrennt zu halten. Fakten, Methoden und Maßnahmen mit Meinungen, Thesen und Provokationen zu mischen, halte ich für einen strategischen Fehler.

Menschen, die zu uns stoßen, würden sich von “Zimmer” zu “Zimmer” vorarbeiten. Dabei ist es wichtig, dass sie nicht der Versuchung unterliegen, zu lange in einem “Zimmer” verweilen. Die unteren beiden “Zimmer” dienen der Erkenntnis, der Sensibilisierung und der Bewusstseinsschärfung. Sich überlang in den ersten beiden “Zimmern” aufzuhalten entspricht einer Energievernichtung im Sinne von “Brot und Spiele”. Erst das dritte “Zimmer” ermöglicht die Umlenkung des Energieflusses in die Reparatur des Systems.

Egal um welches „Zimmer“ es sich handelt, müssen die Artikel aber immer so geschrieben sein, dass auch die Menschen, die sich derzeit noch in der anderen Hemisphäre befinden, diese lesen und sich auf der Sachebene damit auseinander setzen können. Die Artikel dürfen nicht die Würde anderer Menschen verletzen, dürfen andere Menschen nicht zum Objekt von Unterstellung und Bewertung machen.

Nach meiner persönlichen Erfahrung hilft es, wenn man sich schon beim Verfassen eines Artikels vorstellt, man würde einen Inhalt der betreffenden Person unter vier Augen auf einer Wanderung zu Kenntnis bringen müssen, bevor man ihn veröffentlicht.

Epilog

Die vierte Gewalt genießt in der Verfassung verbriefte Sonderrechte. Diese Sonderrechte leiten sich aus ihrer besonderen Verantwortung ab:

  • Herstellung von Informations- und Meinungsvielfalt,
  • Ermöglichung eines breiten gesellschaftlichen Diskurses,
  • kritische Beobachtung der anderen drei Staatsgewalten (und so weiter).

Unser gemeinsames Anliegen sollte sein, die vierte Gewalt wieder in die ihr zugedachte Rolle zu bringen. Wenn uns dieses Anliegen eint, werden wir es schaffen unsere Energie – ohne die Lenkung durch eine neue zentrale Macht – so fließen zu lassen, dass sich die vierte Gewalt selbst reparieren kann. Dabei müssen wir freilich auch bereit sein, die Leistungen und Meinungen andere anzuerkennen und unsere eigene Weltsicht in Frage zu stellen.

Mitmachen

Ich freue mich, wenn interessierte Leser mit mir über Diaspora in Kontakt treten (dazu einfach bei diasp.org ein Konto anlegen und cyberzaurus@diasp.org ansprechen). Dort besteht bereits eine geschlossene Benutzergruppe, in der wir die hier entwickelten Ansätze und Argumente gemeinsam weiterentwickeln und auch über konkrete persönliche Handlungsoptionen nachdenken können.


Anmerkungen

(a1) Anmerkung von Peds Ansichten: Kritisch beleuchtet Ruben Schattevoy im obigen Artikel die Art und Weise der Präsentation von Kritik an den Massenmedien und deren Protagonisten und führt dabei ein Beispiel aus dem Blog Propagandaschau auf. Diese Kritik teile ich. Es liegt mir jedoch sehr daran, meine Wertschätzung gegenüber diesem Blog auszudrücken. Was das Aufdecken und Dokumentieren von zum Krieg treibender Propaganda – ganz besonders im Hinblick jener der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten betrifft – hat Dok (als verantwortlicher Betreiber) dort unschätzbare Arbeit geleistet und tut das bis heute.

Die hohe Reichweite von bis zu 100.000 Lesern pro Tag zeigt, dass Propagandaschau eine wichtige Lücke im Sinne von Aufklärung und breiter Medienkompetenz ausfüllt. Nicht zuletzt gibt dieses Blog anderen (auch kleinen) unabhängigen Online-Plattformen und Blogs eine Bühne, um deren Gedanken einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen.

Die oft sehr emotionale Art und Weise, mit der Dok seine Artikel garniert, lässt sich gut verstehen, wenn man im Artikel oben zum “Aufwachzimmer” geht. Dort vor allem hält sich Dok auf und muss damit (zwangsläufig) den ganzen propagandistischen Dreck, der sich über ihm ergießt, auf irgendeine Weise ventilieren, sprich in den Kampf gehen. Das Blog Propagandaschau ist also wertvoll und somit an dieser Stelle nochmals ausdrücklich – im Sinne der Aufgabe eines “Aufwachzimmers” – empfohlen.

(a2) (Allgemein) Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann es weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

Quellen

(1) 25.4.2018; https://propagandaschau.wordpress.com/2018/04/25/so-funktioniert-gleichschaltung-focus-attackiert-zdf-korrespondent-uli-gack/

(2) 23.4.2018; https://propagandaschau.wordpress.com/2018/04/23/zdf-uli-gack-als-giftgasbombenentschaerfer-in-syrien-unterwegs/

(3) 25.4.2018; https://www.rubikon.news/artikel/vorsicht-realitat

(4) 26.4.2018; https://www.nachdenkseiten.de/?p=43682

(5) 26.4.2018; https://propagandaschau.wordpress.com/2018/04/26/bevor-jetzt-jemand-uli-gack-fuer-einen-serioesen-journalisten-haelt/

(Titelbild) Brückenbaustelle; Autor: hpgruesse (Pixabay); Datum: 10.5.2015; https://pixabay.com/de/br%C3%BCckenbau-donaubr%C3%BCcke-novi-sad-1327350/; Lizenz: CC0 Creative Commons

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