Der Weg zur Bank von England (1)

Im einführenden Kapitel zum Geldsystem (“Unser Finanzsystem – Was es ist und was es nicht ist“) haben wir bereits versucht, das Finanzsystem im Kontext der herrschenden Ideologien einzuordnen. Die Die Bank of England und die US-amerikanische Federal Reserve (Fed) sind hierbei für viele Menschen geradezu Reizworte und verdienen deshalb eine ausführlichere Betrachtung. Beschäftigen wir uns in einer ersten Artikelreihe zur Geschichte der Zentralbanken mit der Bank von England.


Historische Wurzeln der Zentralbanken

Zentralbanken-ähnliche Institutionen entstanden erstmalig 1606 in Holland (Amsterdamer Wisselbank), 1619 in Deutschland (Hamburger Bank) [1] und 1656 in Schweden (Schwedische Reichsbank). Es waren Aktiengesellschaften, wobei hier (über den Aktienbesitz) noch eine (echte) staatliche Kontrolle ausgeübt wurde. Sicher mit Recht wird die Schwedische Reichsbank [2] bis heute als die erste Zentralbank der Welt geführt. Obwohl sich der folgende Artikel vor allem auf die Geschehnisse im England des 17. und 18 Jahrhunderts konzentriert, zeigt das also, dass die Entwicklung des Zentralbanken-Systems als Teil eines gesellschaftlichen Prozesses angesehen werden kann, in dem sich europaweit die Machtverhältnisse änderten. Zug um Zug ging dabei die Macht von feudalen Herrschern auf Parlamente über, welche vorrangig die Interessen des wirtschaftlich immer weiter erstarkenden Bürgertums (vertreten durch Kaufleute und Innungen) vertraten. Und hier sind auch die Wurzeln privatwirtschaftlicher Verflechtungen mit der Politik in den heutigen parlamentarischen Demokratien zu suchen.

Wenn man berücksichtigt, dass es das Prinzip der Giro- und Depositenbanken in unterschiedlicher Ausprägung schon zwei Jahrhunderte zuvor in den italienischen Stadtstaaten, und später auch in den Niederlanden, Deutschland und Schweden gab, wäre es überzogen zu behaupten, in England hätte eine Revolution des Geldwesens stattgefunden.

England im 17.Jahrhundert

Beginnen wir unsere Exkursion in die Vergangenheit im England des Jahres 1625. Soeben hatte Charles I. (Karl I.) in Erbfolge den Thron der englischen Monarchie bestiegen. Ganz im Sinne seiner Zeit (siehe das Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig IV.) versuchte er, den Parlamentarismus zurückzudrängen und eine absolutistische Monarchie zu etablieren. [3] Um seine Macht nach innen und außen zu festigen und auszuweiten, führte er, wie sein Vorganger und Vater (Jakob I.) eine restriktive Innenpolitik und eine Reihe von Kriegen, begründet auf der Tatsache, dass für Hofhaltung und Machterhalt eines unerlässlich war – Geld.

Präziser ausgedrückt waren das damals Edelmetalle (denn Papiergeld war Anfang des Jahrhunderts in England unbekannt), speziell Gold. Und Gold war immer ein knappes Gut. Nur: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die eigene Landbevölkerung war durch Steuern und Kriegsleistungen bis an die Grenzen gepresst und jene die Edelmetalle besaßen, Kaufleute und Innungen wie auch der Klerus waren politisch zu stark, um es ihnen einfach nehmen zu können. Also führte die englische Monarchie – Kriege; hier mal eine Auflistung der Konflikte in die England in jener Zeit involviert war:

  • Neunjähriger Krieg (Irland 1594-1603)
  • Erster Englischer Powhatan-Krieg (1608-1614)
  • Dreißigjähriger Krieg (1618-1648)
  • Englisch-Spanischer Krieg (1625-1630)
  • Pequot-Krieg (1636-1638)
  • Bischofskriege (gegen Schottland 1639-1640)
  • Irische Konföderationskriege (1641-1653)
  • Englische Bürgerkriege (1642-1649)
  • Zweiter Englischer Powhatan-Krieg (1644-1646)
  • Erster Englisch-Niederländischer Krieg (1652-1654)
  • Western Design (1655)
  • Englisch-Spanischer Krieg (1655-1660)
  • Zweiter Englisch-Niederländischer Krieg (1663-1667)
  • Dritter Englisch-Niederländischer Krieg (1672-1674)
  • King Philip’s War (1675-1676)
  • Pfälzischer Erbfolgekrieg (1688-1697)
  • King William’s War in Nordamerika (1698-1697)
  • Queen Anne’s War in Nordamerika (1702-1713)

England führte Kriege gegen die Niederlande, Spanien, Frankreich, Schottland, Irland und gegen deutsche Fürstentümer. Es führte einen Kolonialkrieg gegen die nordamerikanischen Ureinwohner, es führte einen unerklärten Krieg zu Wasser, in dem es Kaperschiffe gegen die Handelsflotten seiner Konkurrenten entsandte und es führte Kriege im Innern gegen den Klerus und das Bürgertum; oft unter dem Banner “des wahren Glaubens”. Alle Kriege waren verbunden mit der Erwartung auf Machterweiterung und Beute; Wirtschaftsgüter aller Art und natürlich – Gold. Nicht anders als heute gab es aber auch viele Profiteure des Krieges, die nicht zuletzt im aufstrebenden Bürgertum zu finden waren.

Hinzu kam ab 1664 eine verheerende Pestepidemie, die vor allem die großstädtische Bevölkerung Londons zu Zehntausenden dahin raffte. Und zu allem Überfluss zerstörte ein Großbran2016-01-29_BrandVonLondon_1666_London_Dungeon_Duncan_Walker_mystisches-england.ded das mittelalterliche London (City of London) im Jahre 1666 fast vollständig. All das war folgerichtig für die englische Bevölkerung verbunden mit Not und Elend. Ihr Unmut war latent und dem begegnete die herrschende Klasse mit Praktiken, die uns heute als Politik des “Teile und Herrsche” bekannt sind. 1794 (die französische Revolution war gerade Geschichte) schrieb dazu der Historiker Heinrich Christoph Albrecht:

“Die Regierung glich, wie Charles den englischen Thron ererbte, einem Bergwerke, dessen verringerte Ausbeute in den Händen Weniger ist und zu dessen Bearbeitung eine Menge Menschen die Kosten geben müssen. Man muss sie, weil man ihrer Hilfe bedarf, so bald man nicht glücklich genug ist, sie zwingen zu können, so lange bei guter Laune erhalten, als immer möglich. Und durch Eifersucht, Neid und übervorteilende Begünstigung Einzelner ihr Interesse zu trennen, ist eine der wirksamsten Hilfsmittel für eine Zeitlang.” [4]

Das Klima der Kriege, der Gewalt, der fragilen Sicherheit, existenzieller Verlustängste, Epidemien und Katastrophen, eine Zeit des tatsächlichen Mangels und des Kampfes um Ressourcen, eine Zeit in der es für die Menschen der Traum auf Erden war, der existenziellen Armut zu entfliehen, das muss unbedingt im Kopf behalten werden, wenn man eine Bewertung dieser Zeit und ihrer Akteure vornehmen möchte. Aber die Menschen waren so schon damals “bereit” für das Zeitalter des “freien Wettbewerbes”, der ellbogenharten Konkurrenz, des Strebens nach dem persönlichen Vorteil. Heinrich Christoph Albrecht (s.o.) bemerkte dazu:

“So finden wir vom vierzehnten bis in das siebzehnte Jahrhundert, dass das Parlament mehr Form gewinnt, und das vom Throne herab und aus dem Rate heraus immer mehr Verfügungen über das Eigentum und die Anwendung desselben gemacht werden. Aber sie sind alle im Geiste derjenigen aus den vorhergehenden Jahrhunderten … Das Land bietet nun das Bild eines Meyerhofes dar, den man besser bauen lernt und wovon der Herr mehr Kredit und Ansehen gewinnt, je mehr der Wert der Produkte und die Hoffnung nach größerer Vermehrung des Ertrages zunimmt. Es gibt keine Freiheit sondern Freiheiten (Privilegien), die alle erkauft oder gepachtet wurden. Sollte diese fast unwiderstehliche und fast unmerkliche Einführung der anerkannten Herrschaft des Eigennutzes in die allgemeinen Angelegenheiten nicht vielleicht ein wesentlicher Fehler der gemischten Staats-Verfassung sein? [5]

Das ist insofern tragisch, weil bereits damals die Produktivkräfte so weit entwickelt waren, dass es zu Hunger und Elend nicht hätte kommen müssen. Die Menschen hatten ohne Zweifel auch die Ressourcen, Naturkatastrophen zu bewältigen. Aber die inneren Grundsätze der Menschen waren auch damals in einer Matrix verankert, für die ein Leben in Unterwerfung und/oder Herrschaft das Normale ist, wie auch die Anerkennung von Besitz. Statt in Achtung die Ressourcen von Mensch und Natur zu nutzen, wurde rücksichtslos und egoistisch Privateigentum angestrebt. Diese (unbewusste) Anbetung von Macht und Besitz ließ die Menschen damals immer wieder scheitern und leider hat sich das bis in unsere Gegenwart nicht grundsätzlich verändert.

Der Tower of London und die Goldschmiede

Es sei vorweg darauf hingewiesen, dass sich die englische “Finanzrevolution” im wesentlichen in London abspielte – und zwar in dem Teil Londons, welcher heute unter dem Namen “City of London” bekannt ist. London war damals die einzige Großstadt Englands – mit etwa 200.000 Einwohnern am Ende des 17.Jahrhunderts.

Wie dem auch sei, war diese Zeit durch eine allgemeine Erhöhung der Warenproduktion auch in England gekennzeichnet und das ließ den Handel stetig wachsen. Die Kaufleute – als Mittler im Warenaustausch – standen logischerweise dem allgemeinen Äquivalent, dem Gold, am nächsten und profitierten davon. London wuchs zum zentralen Handelsplatz der britischen Inseln heran und konzentrierte damit auf engem Raum einen Großteil des Finanzkapitals. Die wachsende Menge Goldes, dass sich durch den Handels-Boom immer mehr auf die Seite der Kaufmannsgilde verlagerte, war Begehrlichkeiten ausgesetzt und suchte nach sicherer Verwahrung.

Und wo sollte es einen besseren Ort geben als im Tower of London? Neben seiner Rolle als berühmt berüchtigtem Gefängnis diente er tatsächlich viele Jahrzehnte lang (gegen Gebühr) auch als Depot für das Gold der Kaufleute Londons. Und hier betrieb die englische Krone auch die Münzprägung (im King’s Mint in the Tower of London [6])  um Rohgold in standardisierte Größen zu gießen und zu prägen. Wie heute üblich lag das Monopol der Münzprägung auch damals in den Händen der (königlichen) Regierung, wenn gleich natürlich auch mit Gold in ungeprägter Form sowie (vor allem im ländlichen Bereich) mit Naturalien bezahlt werden konnte. Wobei ungeprägtes Gold weniger Vertrauen erweckte, da es ungleich mehr mit unedleren Metallen legiert wurde, um es profitbildend “zu strecken”.

Aber das Königshaus hatte auch die größte politische und vor allem militärische Macht – und permanent Finanzierungsbedarf für seine Kriege. 1640 waren es die (so genannten) Bischofskriege gegen Schottland, für deren finanzielle Unterstützung der damalige englische König Charles I. bei den Kaufleuten (im Parlament; dem Unterhaus) vergeblich geworben hatte. Deren Ablehnung war Charles I. Grund genug, kurzerhand einen Teil ihres Golddepots zu konfiszieren. Er gab dem Ganzen sogar einen rechtlichen Anschein, in dem er es verbrämt als “unfreiwilliges Darlehen” (der Kaufleute) titulierte. Außergewöhnlich allerdings ist, dass der König dieses “Darlehen” tatsächlich später wieder zurück zahlte. Das Vertrauen in den so sicher geglaubten Tower of London war jedoch nachhaltig gestört und die Kaufleute sannen nach Abhilfe – und fanden sie bei den Londoner Goldschmieden.

Ihrem Gewerbe entsprechend, welches eh die Zwischenlagerung von Gold bis zu seiner Verarbeitung in den Häusern der Goldschmiede erforderte (wie auch die vorübergehende Lagerung der Endprodukte), boten sie sich an, gegen eine Gebühr das Gold der Kaufleute zu deponieren. Beurkundet wurde das den Kaufleuten in einer sogenannten goldsmiths note (zu deutsch Goldschmied-Note), welche den Betrag und den Namen des Anspruchsberechtigten (in der Regel eben der Kaufmann als Besitzer des Goldes) beinhaltete. Seit 1633 kam diese Aufbewahrungs-Dienstleistung zur Anwendung aber erst nachdem sich Charles I. für “seinen” Krieg bei den Kaufleuten bedient hatte, wurde sie populär. [7][8] Letztlich ist diese Art der Geldlagerung – die Deponierung von Edelmetall – ein Vorläufer dessen, was eine Depositenbank [9] auszeichnet.

Eine solche Bank war damals vor allem auch für Kaufleute sinnvoll, die im oder aus dem Ausland kommend tätig waren und für die der Transport solch edler Metalle mit der latenten Gefahr des Verlustes durch Diebstahl und Raub verbunden war. Ein bspw. in London tätiger Händler aus Marseille deponierte deshalb für seine Geschäfte das Gold in Banken oder ähnlich gearteten Einrichtungen jener Städte, statt es durch die (oft von Krieg und Unruhen erschütterten) Länder zu kutschieren. Depositen-“Banken” waren auch keine englische Erfindung, hatten sich doch schon venezianische Kaufleute mindestens seit dem 15.Jahrhundert dieser Aufbewahrung ihrer Edelmetalle bedient [10].

Und desweiteren wurde in Anwendung der seit dem 15.Jahrhundert (ebenfalls von Italien ausgehend) zunehmend in ganz Europa Einzug haltenden doppelten Buchführung eine Bilanzverlängerung in Aktiva und Passiva dokumentiert. Vereinfacht gesagt beschreiben dabei die Aktiva die verschiedenen Vermögenswerte und die Passiva die Herkunft/Zweck der Vermögen. Der Wert aller Posten in den Aktiva wird (wertmäßig) in gleicher Höhe in den Passiva aufgeführt, womit sich die Bilanz immer in Waage (ital. Bilancia = deutsch Waage) hält. Im Falle der Goldeinlagerung bei den Goldschmieden stellte sich die Bilanzverlängerung folgendermaßen dar:

Aktiva Passiva
+ 10 Pfund Gold + 10 Pfund goldsmithss notes (Kaufmann X)

Was hierbei nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Tatsache, dass anfangs alle ausgegebenen goldsmithss notes vollständig durch Gold gedeckt waren! Hinter dem mit dem Goldwert gezeichneten Wertpapier stand also wahrhaftig das Gold in seiner physischen Substanz. Man könnte diese Noten damit auch als eine Art Vollgeld betrachten. Mit dem Vorläufer der goldsmiths note (Note, die ein Goldschmied herausgab) ist die sprachlich logische Überleitung zur späteren Banknote (bankers note; Note, die eine Bank herausgibt) offensichtlich. Aber die Tatsache der vollständigen Golddeckung behalten wir im Auge, ebenso wie den Sachverhalt, dass die goldsmithss notes eine Schuld des Goldschmiedes beschreiben und eine (vollständig) einlösbare Forderung des Kaufmanns auf “sein” Gold durch Vorlage der goldsmiths note. Halten wir noch einmal fest: Auf der rechten Seite einer Bilanz stehen immer die Schulden (Verpflichtungen) gegenüber anderen bzw. sich selbst, das ist bis in die heutige Zeit unverändert geblieben.

Machen wir einen kleinen Einschub, denn obige Buchung lässt sich heute in ähnlicher Art wiederfinden bei – Zentralbanken! Denn: Was der Kaufmann für den Goldschmied, das ist die private Geschäftsbank für die Zentralbank. Benötigt eine Privatbank (z.B. ABC-Bank) Bargeld, muss sie sich das von der Zentralbank besorgen. Dafür muss sie allerdings zuvor Sicherheiten hinterlegen, z.B. Gold, was über folgende Buchung realisiert würde.

Bilanzverlängerung bei einer Zentralbank
Aktiva Passiva
+ 1Mill. € Gold + 1 Mill. € (BLZ der ABC-Bank)

Dem Sichtkonto der ABC-Bank bei der Zentralbank, dessen Kontonummer durch die Bankleitzahl (BLZ) dieser Bank eindeutig benannt ist, werden nun eine Mill. € gutgeschrieben. Die Zentralbank schuldet nun der Privatbank diese Menge an Zentralbankgeld (wozu auch Bargeld gehört). Es sei noch angemerkt, dass die Privatbanken im Zusammenspiel mit den Zentralbanken trickreich wie kostengünstiger und für die Menschen in kaum nachvollziehbarer Weise an Bargeld von der Zentralbank kommen, als es in diesem einfachen Beispiel demonstriert wurde.


 >>> Der Weg zur Bank von England (2)

Quellen

[1][9] Was uns die Geschichte der Marc Banco lehrt; Kristof Berking; 14.1.2013; Ludwig von Mises Intstitut Deutschland; http://www.misesde.org/?p=4014

[2] Schwedische Reichsbank, Online-Präsenz; http://www.riksbank.se/en/

[3] Karl I.; http://www.wissen.de/lexikon/karl-i-koenig-von-england-und-schottland

[4] Untersuchungen über die englische Staats-Verfassung; Zweiter Teil; 1794; Heinrich Christoph Albrecht; Friedrich Bohn und Compagnie; Leipzig & Lübeck; S.315

[5] ebda; S.309

[6] Geld aus dem Nichts, Mathias Binswanger; 2015; WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; S.57

[7] ebda; S.58

[8] Sterling: The History of a Currency; Nicholas Mayhew; 2000; Wiley, London; S.74

[10] Heymann Handelsgesetzbuch; herausgeg. v. Norbert Horn; 1995; Band 1, 1.Buch; S.66; Walter de Gruyter; Berlin; ISBN 3-11-013755-0

[b1] Feuer; Duncan Walker; ausgestellt im London Dungeon; http://www.mystisches-england.de/mystisches-london/sehenswuerdigkeiten-london/london-dungeon.html

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